Hier bloggt eine Konferenzdolmetscherin und
Übersetzerin mit den Arbeitssprachen Französisch, Deutsch
und Englisch (das Idiom Shakespeares in vielen Themenfeldern nur
als Ausgangssprache). Was wir im Alltag leisten, haben wir auf den Bänken der Uni oft nicht bis ins letzte Detail gelernt. Manches verdanken wir trotzdem der Universität. Aber überraschend anders.
 |
| Auf dem Sekretär |
Bei einigen unserer Dauerkunden ist gerade Generationswechsel angesagt. Wir werden gebucht, standen oben auf der Liste der externen Mitarbeiterinnen, die Übergabe hat gut geklappt, die erste Zusammenarbeit mit den Neuen verläuft prima, die Endkunden sind happy. Aber der Generationswechsel bedeutet Mehrarbeit, für das Fingerspitzengefühl nötig ist.
Rücksprung: Anfang der 1990-er warte ich mit einigen jungen Frauen und einem nicht mehr ganz so jungen Mann auf dem Flur einer deutschen Universität. Der Hausmeister kommt, schließt auf. Es ist der erste Tag im neuen Semester. Wir gehen in den Raum, alle zusammen. Vorher hatten wir einander vorsichtig gemustert. Wer ist das wohl, den ich da kennenlernen werde, sind künftige Freunde dabei, Leidensgenossen, was wird mir das Semester bringen.
Alle sind irgendwie gleichalt, plus oder minus zehn, fünfzehn Jahre, nur der Mann sieht deutlich älter aus. Manche halten ihn für den Dozenten. Eine Studentin sagt zur anderen: "Nein, es ist eine Frau, Madame Elia'!" Sie spricht das S nicht aus, was grammatikalisch korrekt ist. Eigennamen folgen nicht immer der Grammatik. Marguerite Duras wird auch DuraS ausgesprochen, den Kommentar verkneife ich mir. (Noch bin ich Teil der Menge. Und zwei Studentinnen werden sich neben dem Mann später als älter als ich herausstellen.)
Und dann kommt auch schon der Moment: Wir gehen in den Seminarraum, alle suchen sich in den Reihen ihren Sitzplatz, ich nehme vorne Platz. Atme durch. Schaue mich freundlich um. Lege los: "Bonjour ! Comment allez-vous ?"
Warum ich der erzähle? Die olle Kamelle, an die ich mich noch sehr lebendig erinnere, ist ja bald 20 Jahre alt. Die Studentinnen von einst sind längst im Beruf, schicken Sendungslinks und Babyfotos. (Es gab später dann auch mehr Studenten, die sind weniger kommunikativ.) Ich erinnere mich vermutlich heute so genau daran, weil ich dieses Unterrichten sehr bewusst angefangen habe. Als ein Sich-Lösen von der Menge, als Teil der Menge und dann doch eben als diejenige, die vorne Platz nimmt. Für mich waren Studis immer Mitlerner, jüngere Kolleginnen und Kollegen, Menschen mit Sorgen und Nöten und eben einem Austauschprojekt. Das war und ist meine Grundhaltung.
Dieser Tage habe ich Leute an der Strippe, die Mitte, Ende 20 sind. (Sie könnten meine Kinder sein.)
 |
| Lesearbeitsplatz: Der Lampenarm muss mitschwenken |
Sie sind neu im Job. Sie rufen die Dienstleisterin an. Eigentlich sind sie hier die Chefinnen und Chefs. Ich will ihnen dieses Gefühl nicht nehmen, muss aber, um die Qualität unserer künftigen Arbeit sicherstellen zu können, vorsichtig ihr Wissen abfragen und sie informieren. Schulen oder nachschulen, egal, wie man es formulieren möchte.
Ich bin wieder die Dozentin. Frage vorsichtig, frage, ob sie einen Moment Zeit haben, steuere das Gespräch ein wenig, bringe Witze rein, erzähle von eigenen Unsicherheiten und Fragen.
"Klasse, wie Sie das machen! Vielen Dank für diese Hintergrundinformationen!", habe ich eben gehört. Es ist die dritte Nachwuchskraft dieses Jahr bei diesem guten Kunden, der ein großes Haus darstellt. Ich hab aber auch Glück mit meinen Gesprächspartnern, da hat die Personalabteilung gute Arbeit geleistet!
______________________________
Fotos: C.E. (Die Leselampe ist nicht ideal, denn
ich muss immer eine Schraube drehen!)