Sonntag, 19. April 2026

Bonjour

... und herz­lich will­kom­men! Als erfahrene Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin („se­nior in­ter­pr­eter“) und Über­set­ze­rin bin ich seit bald 20 Jah­ren in Deutsch­land, Frank­reich und in an­de­ren Län­dern Eu­ro­pas tä­tig — meist mit Fran­zö­sisch und Deutsch als Ar­beits- und Ziel­spra­che. Als Teil ei­nes Netz­werks kann ich Ih­nen auch bei der Su­che nach Un­ter­stüt­zung in an­de­ren Spra­chen hel­fen.

Win­ter­lich im Win­ter­licht: Treppe, Jalousien, Fenster, Garten
Blau­er Him­mel unter grü­nen Ja­lou­sien!
Sie su­chen Kom­mu­ni­ka­tions­pro­fis fürs Dol­met­schen oder für Schrif­tl­iches? Nach vie­len Jah­ren in Frank­reich und dem ein­schlä­gi­gen aka­de­mi­schen Stu­dium sitze ich in der Fran­zö­sisch­ka­bi­ne. Schrift­lich ar­bei­te ich ins Deut­sche, auch aus dem Eng­li­schen.
Allein oder im Team be­glei­te ich De­le­ga­tio­nen, dol­met­sche auf Kon­fe­ren­zen, in Mi­nis­te­rien, Bot­schaf­ten oder am Film­set ... für Po­li­tik, Un­ter­neh­men und Pri­vat­leu­te.

Schwer­punk­te: Ak­tu­el­les, In­dus­trie, Wirt­schaft, Kul­tur, Ag­rar, Krea­ti­ves, Ur­ba­nis­mus und Bau, Ener­gie, Me­dien so­wie Ki­no: Ex­po­sé, Dreh­buch, Pro­duk­tions­dos­sier, Pres­se­heft. Im ers­ten Be­rufs­le­ben war ich Jour­na­lis­tin, bie­te auch Text­ar­beit an­, und zwar mit dem größ­ten Ver­gnü­gen.

Mit ei­ner ers­ten Kon­takt­mail an caroline@adazylla.de kön­nen Sie ei­nen te­le­fo­ni­schen Be­ra­tungs­ter­min ver­ein­ba­ren, um Ih­ren Be­darf ab­zu­klä­ren. (Ich ant­wor­te in­ner­halb von we­ni­gen Stun­den, ma­xi­mal zwölf.)

Ich bie­te an: Si­mul­tan- (fast zeit­gleich), Kon­se­ku­tiv- (zeit­ver­setzt), Flüs­ter- und Be­gleit­dol­met­schen, Büh­nen­dol­met­schen, Spre­ch­ein­sät­ze (Ton­auf­nah­men), Dia­log­Coa­ching für Film und Büh­ne, Fern­dol­met­schen.

Dol­met­schen lebt von Fach­kom­pe­tenz, Hin­ter­grund­wis­sen und Er­fah­rung. Ger­ne bin ich Ih­re Brü­cke zwi­schen der deutsch- und fran­zö­sisch­spra­chi­gen Welt — fle­xi­bel und punkt­ge­nau! Vor Ort oder mit On­line-Ex­per­ti­se: Mein Ein­satz ga­ran­tiert Ih­nen Ver­ständ­lich­keit oh­ne Miss­ver­ständ­nis­se.

Doch ge­na­u­so gern un­ter­stüt­ze ich klei­ne­re In­iti­a­ti­ven, per­sön­li­che Be­geg­nun­gen oder punk­tu­el­le Ein­sät­ze, denn auch bei die­sen sind Fin­ger­spit­zen­ge­fühl, gu­te Vor­be­rei­tung und ei­ne aus­ge­bil­de­te Stim­me ge­fragt.

Jetzt pla­nen — Er­folg si­chern!
Dol­met­schen ist mehr als Spra­che: Prä­zi­si­on, Kon­text, Wis­sen um Sprech­ab­sich­ten, Hin­ter­grund, Takt­ge­fühl und Er­fah­rung. Si­chern Sie sich mei­ne oder un­se­re pro­fes­sio­nel­le Un­ter­stüt­zung!

Herz­li­che Grü­ße,
Ca­ro­li­ne Eli­as

P.S.: Wir sind nicht nur Sprach­ar­bei­te­rin­nen und Sprach­ar­bei­ter, son­dern be­ob­ach­ten auch die Welt. Hier dür­fen Sie in mei­nem Ar­beits­ta­ge­buch mit­le­sen. Die­se Sei­te ist für das Web­la­y­out op­ti­miert, sonst dro­hen Text­pas­sa­gen hin­ter den Fo­tos zu ver­schwin­den.

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Fo­to: C.E.

Freitag, 17. April 2026

KI-Test

Notizen aus dem Ar­beits­all­tag ei­ner Dol­met­sche­rin kön­nen Sie hier in lo­se­rer Fol­ge le­sen. Ich bin Si­mul­tan­dol­met­sche­rin für die fran­zö­si­sche Spra­che. Mei­ne Haupt­ein­satz­ge­bie­te sind Kon­fe­ren­zen, Ver­hand­lun­gen, Mes­sen, De­le­ga­ti­ons­rei­sen und öf­fent­li­che Ver­an­stal­tun­gen. Mei­ne Mut­ter­spra­che ist Deutsch, ich ar­bei­te da­ne­ben auch mit der eng­li­schen Spra­che, was die Ziel­spra­che mei­ner als Über­set­ze­rin tä­ti­gen Bü­ro­kol­le­gin ist. Heu­te ein kur­zer Nach­trag zum KI-Mitt­woch.

Für die nach Per­fek­tion stre­ben­de KI sind wir Men­schen zu un­per­fekt. So kann ich mei­nen Bei­trag von vor­ge­stern zu­sam­men­fas­sen. Un­se­re Spra­che ist nicht im­mer ein­deu­tig. Bei uns Zwei­bei­nern gibt es zwi­schen Null (ein En­de) und Eins (das an­de­re En­de) ei­ne gro­ße Viel­falt an Nuan­cen, Fein­hei­ten, Un­schär­fen, Kul­tur­ab­hän­gi­gem, an Takt und di­plo­ma­ti­scher Rück­sicht­nah­me, an Nu­an­cie­rung auf­grund von Emp­find­lich­kei­ten und Ver­mei­dungs­stra­te­gien. (Die KI kennt we­der Samt­hand­schu­he noch Fett­näp­fchen.)

Manch­mal sind es ein­fach nur Ent­wick­lun­gen, die mit neu­en Be­grif­fen ein­her­ge­hen, die bei der Red­ne­rin oder beim Red­ner noch nicht kom­plett sit­zen. Kurz: Kom­mu­ni­ka­ti­on von uns Men­schen ist sel­ten so ein­deu­tig und so per­fekt, dass das Aus­gangs­ma­te­ri­al so gut ist, dass die KI kaum Feh­ler macht.

Und bei ein­fa­chen Be­grif­fen macht die KI nur we­nig Feh­ler; es ist kom­ple­xe­re Spra­che, die schwie­rig ist, Aus­nah­me­kom­mu­ni­ka­ti­on, die zu Ent­schei­dun­gen führt, und vor al­lem sind es die Si­tua­tio­nen, an de­nen die KI gerne schei­tert.

Und wo ich hier schon wie­der so viel über die Grau­be­rei­che zwi­schen Schwarz und Weiß schrei­be, darf ich auch das wie­der­ho­len, was eng da­mit zu­sam­men­hängt: nach­den­ken! Wir Men­schen den­ken län­ger nach, an­ders als die Ma­schi­ne eben auch sehr oft zwi­schen­durch, und das für ihr an­de­res Tem­po häufig pro­ble­ma­tisch.

Es gibt ei­ne neue „KI-Über­tra­gungs­funk­ti­on“ bei Zoom, ei­nem In­ter­face für Mee­tings. Sie ist in der BE­TA-Pha­se. Abon­nent:in­nen, die mit Haupt­welt­spra­chen wie Eng­lisch, Chi­ne­sisch und Spa­nisch zu tun ha­ben, be­kom­men zehn Pro­be­stun­den in­ner­halb von zwei Mo­na­ten gra­tis. Ernest Niño-Murcia, ein Spa­nisch<>Eng­lisch-Kol­le­ge, hat sie ge­tes­tet und fest­ge­stellt, was wir al­le wuss­ten: sie­he oben (und sie­he mei­ne an­de­ren Bei­trä­ge zur KI). Spra­che ist kon­text­ab­hän­gig und funk­tio­niert zwi­schen Men­schen mit ei­nem sehr ho­hen An­teil an im­pli­zi­tem Wis­sen, das in kei­nem Wör­ter­buch und in kei­ner Ab­hand­lung über Wort­bil­dung steht.

Aber Denk­pau­sen ir­ri­tie­ren die KI ma­xi­mal. Sie in­ter­pre­tiert Denk­pau­sen oft als Satz­en­de, und dann ras­selt mög­li­cher­wei­se der gan­ze Satz zu­sam­men, weil die Be­zü­ge nicht mehr stim­men. Oder aber sie macht Pau­sen, springt in ein an­de­res Idi­om, bricht mit­ten­drin ab.

Hier ist der Test, Thank you, E. Niño-Mur­cia! Das Vi­deo ist auf Start beim fran­zö­si­schen Sound ein­ge­stellt (EN>FR bei 13'34'').

Mal se­hen, wann die Me­di­en auf­wa­chen. KI, hold my beer!



Film: E. Niño-Mur­cia / TEA Lan­guage So­lu­tions

Donnerstag, 16. April 2026

The Cuckoo

Zu­fäl­lig oder ge­plant: Sie sind hier auf der Blog­seite ei­ner Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin ge­lan­det. Wie wir Sprach­pro­fis ar­bei­ten, ist seit 2007 Ge­gen­stand die­ses Web­logs. Mei­ne Mut­ter­spra­che ist Deutsch, ich ar­bei­te meis­tens als Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin mit Fran­zö­sisch und Eng­lisch, die Bü­ro­kol­le­gin über­setzt in die eng­li­sche Spra­che.

Cu­cu­lus ca­no­rus
Auch ich darf mein Eng­lisch ein­mal mehr ver­bes­sern.

Manch­mal ha­be ich mit ei­nem De­menz­kranken zu tun, der lan­ge in Lon­don ge­lebt hat. So spre­che ich mehr Eng­lisch als sonst. Und ich ler­ne eng­li­sche Kin­der­ver­se, nur­se­ry rhymes.

The Cuckoo comes in April,
In May she sings all day,
In June she changes her tune,
In Ju­ly she makes rea­dy to fly,
And Au­gust she flys away.

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Fo­to: Wi­ki­com­mons / Lo­ca­gua­pa
(with­out any chan­ges)

Mittwoch, 15. April 2026

Vielschichtigkeit

Herz­lich will­kom­men auf den Sei­ten ei­ner Dol­met­sche­rin, auf de­nen ich über Spra­che und Wör­ter schrei­be und über das, was zwi­schen den Zei­len steht. Ich bin Si­mul­tan­dol­met­sche­rin, ar­bei­te bei Kon­fe­ren­zen, auf Mes­sen und be­glei­te De­le­ga­ti­ons­rei­sen. Heu­te: KI-Mitt­woch!

Vogelperspektive: runder Konferenztisch
Hier geht's rund!
Auf Fran­zö­sisch bin ich une in­ter­prè­te, wört­lich: ei­ne In­ter­pre­tin. Nein, kei­ne Schau­spie­le­rin, da­für wird der Be­griff im Fran­zö­si­schen üb­ri­gens auch ge­braucht (ne­ben ac­tri­ce).
Und schon sind wir mit­ten im The­ma. Heu­te geht es um Sprach­- und Si­tua­tions­viel­falt. Ich in­ter­pre­tie­re, was ich hö­re, wäh­le in der Men­ge der mög­li­chen Be­grif­fe je­ne aus, die Sinn er­ge­ben in dem je­wei­li­gen Kon­text, bei der je­wei­li­gen Per­son, die die­se oder je­ne Sprech­ab­sich­ten hat, im­mer ab­ge­si­chert durch mein In­for­ma­ti­ons- und Vor­be­rei­tungs­ma­te­ri­al.

Denn 80 Pro­zent un­se­rer Ar­beit hängt von der Vor­be­rei­tung ab. Hier ent­steht Qua­li­tät, le­ge ich die Grund­la­gen für Aus­wahl, Ge­wich­tung, An­ti­zi­pa­tion.

Ja, aber die Ma­schi­nen wüss­ten al­les, hö­re ich Zwei­fler:in­nen an mei­nen Wor­ten ein­wen­den. Sie ha­ben al­le In­for­ma­tio­nen der Welt zur Ver­fü­gung, al­so dürf­ten sie sich doch nicht groß ver­tun! Und so­wie­so: Die Ma­schi­nen wür­den je­den Mo­nat, ja je­de Wo­che bes­ser! Es wä­re nur ei­ne Fra­ge der Zeit, und ich wä­re ar­beits­los!

Dass Com­pu­ter­sys­te­me schon sehr bald ge­spro­ch­ene und ge­schrie­be­ne Spra­che per Knopf­druck über­tra­gen kön­nen, wird min­des­tens seit den 1950-er­n geschrieben. So alt ist je­den­falls das äl­tes­te Buch über Com­pu­ter­lin­guis­tik in un­se­rer Bi­blio­thek.

Die Ma­schi­nen er­sau­fen in zu viel In­fo, jetzt kom­men auch noch die Kom­men­tar­tex­te der aso­zia­len The­men hin­zu so­wie die Aus­wür­fe der Ma­schi­ne, die sie selbst bis­her pro­du­ziert hat, denn die Mas­se des ge­schrie­be­nen Wor­tes soll welt­weit ein­mal ab­ge­gras­t sein, so­weit di­gi­tal ver­füg­bar. Und ge­nau das ist das ei­ne Pro­blem: Zu viel, zu we­nig Kon­text­dif­fe­ren­zie­rung, zu schlecht. Dann das an­de­re: Ma­schi­nen kön­nen Re­le­vanz nicht ei­gen­stän­dig de­fi­nie­ren, son­dern nur aus Trai­nings­mus­tern ab­lei­ten. Und ge­nau da kippt es in spe­zia­li­sier­ten, sen­si­blen und neu­en Zu­sam­men­hän­gen. Und wo­zu wer­den Events ver­an­stal­tet, wenn nicht für das Neue, das Be­son­de­re?

Ne­ben dem Kon­text stö­ren auch noch grund­le­gen­de Ei­gen­schaf­ten der Spra­che, zum Bei­spiel ih­re Viel­fäl­tig­keit. Beim Un­ter­ti­teln hilft uns un­se­re All­ge­mein­bil­dung, das rich­ti­ge Wort her­aus­zu­pi­cken. Wer sich mal ei­ne Wei­le mit You­Tube-Ti­teln be­fasst hat, merkt das Di­lem­ma der Ma­schi­nen, die häu­fig Ho­mo­ny­me neh­men und in Ti­tel ein­bau­en. Aber Ho­mo­ny­me klin­gen eben nur ähn­lich, be­deu­ten in der Re­gel et­was ganz an­de­res.

Kurz: Die Ma­schi­ne greift oft auf im Kon­text voll­kom­men sinn­lo­se Wör­ter zu­rück. Ist das ein Sub­stan­tiv, wird dann ger­ne auch das Nach­ste­hen­de voll­kom­men ver­frem­det, dann kip­pen die Sät­ze in Se­rie um wie die Do­mi­no­stei­ne und rei­ßen den Rest mit in den Ab­grund.

Die Tech­nik kann oft auch nicht mit Pau­sen um­ge­hen, die wir Men­schen ma­chen, mit Nach­denk- oder Blick­pau­sen, win­zi­gen Zwi­schen­fäl­len, dem War­ten auf den Po­wer­Point, mit be­son­de­ren Be­to­nun­gen. Dann kol­la­bie­ren manch­mal die Be­zü­ge, ent­ste­hen Lö­cher, legt die KI-Stim­me kurz ICE-Tempo ein, um dann in ge­mäch­li­chem Re­gio­nal­zug­tem­po wei­ter­zu­ma­chen, wenn ich die­ses als Stan­dard für die Nach­voll­zieh­bar­keit set­ze. Und na­tür­lich fällt beim Stak­ka­to In­halt weg bzw. wird ver­stüm­melt.

Das gilt auch für zu schnell ge­spro­che­nen In­hal­te, wo wir Men­schen dank der Vor­be­rei­tung wis­sen, was das We­sent­li­che des Vor­trags ist, auf das wir das Ge­sa­gte run­ter­metz­gern. Die­ses Mal ist der ICE am Spre­cher­pult.

Das wa­ren jetzt ei­ni­ge Sy­mbo­le für Wor­te in Be­we­gung. Ja, die Tech­nik ist dy­na­misch. Und durch­aus, das Ma­schi­nen­kau­der­welsch ver­bes­sert sich je­des Jahr ein My. Aber es geht lang­sam, alles, was mit der Es­senz von Kom­mu­ni­ka­tion zu­sam­men­hängt, Emo­tio­nen, kul­tu­rel­le Be­zü­ge, Hu­mor, wer­den die LLMs nicht ler­nen. Das Problem derzeit ist, dass Menschen, die die an­de­re Spra­che nicht ken­nen, die Feh­ler aber nur dann auf­fal­len, wenn es kom­plett ab­surd wird. Das Va­ge oder ei­ni­ger­ma­ßen Ver­ständ­li­che führt be­son­ders in die Ir­re.

Wel­che Kon­fe­renz­ver­an­stal­ter:in­nen möch­ten mit Un­ge­fäh­rem ar­bei­ten, wel­che Mes­se­stand­lei­tun­gen ei­ne Bla-Bla-Kom­mu­ni­ka­tion ha­ben, die nicht zum Nach­fra­gen bei den Men­schen vor Ort an­regt?

Ne­ben Ho­mo­ny­men schla­gen auch Ak­zen­te zu: Ich muss rasch an die Kol­le­g:in­nen im EU-Par­la­ment den­ken, die auch Bay­nglisch oder Schwäng­lish meis­tern, oh­ne in La­chen aus­zu­bre­chen. Vor al­lem schaf­fen sie dar­über hin­aus, auch noch den In­halt rü­ber­zu­wup­pen. (Als ich das ers­te Mal Öt­tin­ger-Eng­lisch ge­hört ha­be, ha­be ich Trä­nen ge­lacht und muss­te die Ka­bi­ne ver­las­sen. Aber so­gar dieses Idiom kön­nen wir Men­schen ler­nen.)

Ach, wenn das jetzt nur al­les wä­re! Sehr oft ver­has­peln sich Men­schen, star­ten ei­nen Satz neu, spre­chen in An­deu­tun­gen oder nu­scheln. Der ei­ne hat ei­ne Ha­sen­schar­te, die an­de­re ist kom­plett ver­krampft (und knö­delt), ist vol­ler Iro­nie oder ver­greift sich im Be­griff (was wir Men­schen kor­ri­gie­ren dür­fen und kön­nen, vor­aus­ge­setzt, wir ha­ben im Vor­feld aus­rei­chend Vor­be­rei­tungs­ma­te­ri­al er­hal­ten). Kurz: Wir Zweibeiner und un­se­re Spra­che sind viel zu viel­fäl­tig und feh­ler­be­haf­tet, da­mit kom­men die Bits und Bytes nicht klar.

Ei­ne Kon­fe­renz, ei­ne Verh­and­lung, ei­ne De­le­ga­tions­rei­se sind zudem keine Si­tua­tio­nen, in de­nen „wah­rschein­lich rich­tig“ aus­reicht. Da braucht es je­man­den, der not­falls ein­greift, glät­tet, nach­fragt, ent­schei­det. Ge­nau die­ser Mo­ment, das ak­ti­ve Ein­grei­fen, ist etwas, das Ma­schi­nen struk­tu­rell fehlt.

Die KI schei­tert manch­mal an der Spra­che, häufig an Si­tua­tio­nen.

An­ders­rum ge­sagt: Wenn al­le Wör­ter ei­nen ein­deu­ti­gen Sinn hät­ten und nicht kon­text­ab­hän­gig wä­ren, wenn Ma­schi­nen Sin­ne hät­ten, füh­len könn­ten und vor die­sem Hin­ter­grund nicht her­um­rät­seln müss­ten, son­dern ent­schei­den könn­n­ten, wenn un­se­re Ar­beit nicht ver­trau­lich wä­re, wenn die KI in sol­chen Mo­men­ten nicht hal­lu­zi­nie­ren wür­de, wenn die KI von den Lip­pen ab­le­sen und Kör­per­spra­che er­ken­nen könn­te und zu Iro­nie fä­hig wä­re, wenn die gro­ßen Ma­schi­nen nicht den Tech-Fa­schis­ten ge­hö­ren wür­den, die mit Sprach­ver­bo­ten für Ver­zer­rung sor­gen, wenn die KI nicht im­mer al­les auf das ma­the­ma­tisch wahr­schein­lichs­te Mit­tel run­ter­pe­geln müss­te, wenn die KI auch oh­ne Wlan und Strom­ka­bel ar­bei­ten könn­te, ja, dann wür­de die KI uns er­set­zen, nun, éven­tuel­le­ment (nicht: even­tual­ly).

Zu­ge­spitzt könn­te ich sa­gen: Beim Dol­met­schen durch die KI stö­ren ers­tens die Spre­cher:in­nen und zwei­tens die Zu­hö­rer­schaft. Sonst läuft al­les per­fekt! Al­so fast, aber bald, mög­li­cher­wei­se, viel­leicht!

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Gra­fik: Pixlr.com (Zu­falls­fund)

Samstag, 11. April 2026

Frühlingsgedicht

Bienvenue auf den Seiten einer Sprachar­bei­te­rin. Wie Übersetzerinnen, Über­set­zer, Dolmetscherinnen und Dolmetscher arbeiten, können Sie hier mitlesen. Meine Arbeitssprachen sind (neben Deutsch) Französisch und Englisch (das Idiom Shakes­peares meistens als Ausgangssprache). Und manchmal übersetze ich das, was ich sehe, in Worte. 

Baum, Blätter, blauer Himmel, Häuser
Luft und Himmel
Fadenscheinig
April webt feinen, grünen Schuss
In braune Kette, fadenscheinig
Sieht es aus oder wie eine
Doppelbelichtung: Ich sehe
Den Straßenbaum und auch
Das Haus dahinter. Zeitgleich.

Da wird mir klar:
Das Wichtigste an den Bäumen ist
Die Luft zwischen den Blättern.

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Foto: C.E.

Dienstag, 7. April 2026

Montagsschreibtisch (134)

Ein­blick in den Ar­beits­all­tag ei­ner Dol­met­sche­rin kön­nen Sie auf die­sen Sei­ten neh­men. Mei­ne Mut­ter­spra­che ist Deutsch, ich ar­bei­te über­wie­gend mit Fran­zö­sisch und Eng­lisch, die Büro­kol­le­gin über­setzt in die eng­li­sche Spra­che. Ge­ra­de fre­uen sich al­le über die sprie­ßen­de Na­tur.

Bald wie­der: Out­door­bü­ro
Der Mon­tags­schreib­tisch folgt heu­te fei­er­tags­be­dingt am Diens­tag. Ich bin nur halb­tags am Ar­beits­platz, sonst ge­hört die Zeit dem Früh­jahr.

Was steht die­se Wo­che an?

❦ drei An­ge­bo­te schrei­ben (Kon­fe­ren­zen)
❦ Ter­mi­ne mit Blei­stift in den Ka­len­der ein­tra­gen
❦ Fil­me sich­ten für Mo­de­ra­tio­nen auf einem Fes­ti­val
❦ An­ge­bot für ei­ne Dreh­buch­über­set­zung


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Fo­to: C.E. (Ar­chiv)

Dienstag, 31. März 2026

Keine Gastrokritik

Will­kom­men bei mei­nem Blog aus der Ar­beits­welt der Spra­chen. Ich bin Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin. Wie wir Dol­met­sche­rin­nen und Über­set­zer ar­bei­ten, ist oft nicht so ge­nau be­kannt. Zum Be­ruf ge­hört auch, dass wir uns stän­dig Ge­dan­ken über die Ar­beits­welt ma­chen, über Spra­che und Tech­nik und über Or­te.

Kellerkneipe, 70-er Jahre
Zum Glück wird heute nicht mehr in Kneipen geraucht
Vor dem Ki­no­gang sit­zen wir im Gast­raum ei­nes Res­tau­rants in Ber­lin-Kreuz­berg. Es schmeckt mir nicht. Ich sto­che­re in mei­ner Ge­mü­se­brü­he her­um. Sie schmeckt ein My scharf, ein My nach Sel­le­rie, das heiße Wasser hat sonst ein Aro­ma von Brüh­wür­fel. Dazu schwim­men noch ei­ni­ge Fä­den ge­ras­pel­ter Ka­rot­te und wei­ße Schnip­sel he­rum.

Ist das Sel­le­rie, Pe­ter­si­lien­wur­zel oder Pas­ti­na­ke? Ich kann's nicht iden­ti­fi­zi­eren, zu klein, zu lan­ge ge­kocht; on top ei­ni­ge Pe­ter­si­li­en­blatt­zi­ta­te. Der Kör­per ver­bucht das Mahl als Schein­fas­ten. Seit Wo­chen ha­be ich al­ler­gi­sche Re­ak­tio­nen, wenn ich aus­wärts esse. Jetzt mi­ni­mie­re ich das Ri­si­ko. 

Wa­re­nein­satz von un­ter fünf­zig Cent, rech­net der Hinterkopf zu­sam­men, viel­leicht so­gar in­klu­si­ve der teu­ren Ener­gie. Preis­lich liegt die Sup­pe bei 7,90 Eu­ro, was dem Gan­zen ei­ne ge­wis­se me­ta­phy­si­sche Tie­fe ver­leiht. Dazu Bio­tee, 3,90 Eu­ro für hei­ßes Was­ser mit Dop­pel­kam­mer­beu­tel. So­viel kos­tet sonst die Pac­kung mit 20 Beu­teln. Im­mer­hin ist es acht­sam prä­sen­tiert, al­so oh­ne Keks, kei­ne un­nö­ti­gen Ver­loc­kun­gen, das ist wirk­lich su­per!

Aber für Dank­bar­keit wird mir kaum Zeit ge­gönnt. Die Tür zu den Toi­let­ten geht auf. Je­des Mal riecht es da­bei pe­ne­trant nach Rei­ni­gungs­mit­teln. Das stört al­le.

Wäh­rend ich mein Süpp­chen löf­fele, kommt mir ein Ge­dan­ke, der mit Gas­tro­no­mie nur am Ran­de zu tun hat. Wir be­zah­len im Res­tau­rant nicht nur den Wa­ren­ein­satz, der im Schnitt bei et­wa 25 bis 35 Pro­zent liegt, son­dern vor al­lem die Struk­tur da­hin­ter. Das Gros des Prei­ses ver­schwin­det in Mie­te, Per­so­nal, En­er­gie und all dem, was da­für sorgt, dass der Löf­fel sei­nen Weg zu mir fin­det. Die Sup­pe ist nur der sicht­ba­re Teil.

Beim Dol­met­schen ist das an­ders. Ich brau­che kei­ne Hül­le, kei­ne teu­re La­ge, kei­ne Ku­lis­se. Ich bin selbstän­di­ge Dol­met­sche­rin aus dem Pre­mi­um­seg­ment, ein Bio-Fein­kost­la­den oh­ne Ge­schmacks­ver­stär­ker in der Wa­re, oh­ne künst­li­che Farb­stof­fe, oh­ne auf­ge­bläh­te Ver­pa­ckung mit un­rea­lis­ti­schem Ser­vier­vor­schlag, oh­ne Wer­bung. Bei mir be­kom­men Sie, wo­für Sie be­zah­len, ehr­lich, of­fen, klar.

Um im Le­bens­mit­tel­bild zu blei­ben, wir sind der Fein­kost­la­den und Agen­tu­ren die Dis­coun­ter mit sen­sa­tio­nel­ler Mar­ge. Oft blei­ben dort 50 Pro­zent oder mehr des ei­gent­lich für un­se­re Ar­beit be­stimm­ten Ho­no­rars hän­gen, oh­ne dass dies Ein­fluss auf die Qua­li­tät hät­te (eher im Ge­gen­teil).

Wer di­rekt bucht, spart sich die Hül­le, in­ves­tiert in die Ar­beit, bekommt se­nior in­ter­pre­ters, also be­währ­te Kräf­te mit viel Er­fah­rung.

Zu­rück an den Res­tau­rant­tisch. Mein Ge­gen­über hat Saf­tgu­lasch in Bio­qua­li­tät, da­zu Ge­mü­se und Kar­tof­feln, deut­lich sub­stan­zi­el­ler, aber of­fen­sicht­lich auch ohne aro­ma­ti­sche Hö­hen­flü­ge.

Ich fin­de Bio­gas­tro ei­gent­lich groß­ar­tig, ge­ra­de mit Al­ler­gi­en. Aber ein biss­chen Fair­ness wür­de nicht scha­den. Nicht je­der isst nach 19 Uhr noch groß, auch ha­ben vie­le Men­schen be­grenz­te Bud­gets, zum Bei­spiel am Ne­ben­tisch, da saß ein Frau­en­chor nach der Pro­be. Prompt fällt mir das Wort „so­zia­le Teil­ha­be“ ein. Et­was mehr Acht­sam­keit wä­re da gut ... und viel­leicht ei­ne Brü­he, die nicht nur op­tisch, son­dern auch in­halt­lich und auch preis­lich gut ver­tret­bar ist, ge­nau­so der ein ein­facher Tee. Am Nach­bar­tisch wird die Da­me, die sich an ei­nem Glas Li­mo­na­de fest­hält, das drei­gän­gige Ge­la­ge ih­rer Tisch­nach­barin quer­sub­ven­tio­nie­ren.

Seit der Chor mit im Raum sitzt, kön­nen wir uns am Tisch nicht mehr gut un­ter­hal­ten. Das liegt nicht an den star­ken Stim­men, son­dern an der mie­sen Akus­tik im Raum. (Es gibt heu­te kaum noch Orte mit gu­ter Akus­tik. Zum Glück muss ich nicht dol­met­schen.)

Und gleich noch ei­ne Be­mer­kung. In Frank­reich All­tag, hier gilt es als an­stö­ßig: im Res­tau­rant eine Ka­raf­fe mit Lei­tungs­was­ser zu be­stel­len. Dort wird sie gra­tis hin­ge­stellt. In Deutsch­land ha­be ich auf meine Bit­te hin oft hoch­ge­zo­ge­ne Au­gen­brau­en und dann zwei Eu­ro auf der Rech­nung da­für ge­se­hen. Oder es kom­men Sät­ze wie: „Wir ha­ben Blei­leit­ungen, das dür­fen wir nicht.“ (Die Ge­gen­fra­ge un­ter­bleibt meist: „Und mit die­sem Was­ser ko­chen Sie?“) Die nächs­te Va­ria­nte: „Wir ha­ben auch stil­les Was­ser, soll es ein Glas oder eine Fla­sche sein?“ Und wenn es dann doch schnö­des H2O auf den Tisch schaf­fen soll­te, dann viel­leicht zum Kaf­fe und in ei­nem Glas von ei­ner Grö­ße, das aus der Pup­pen­kü­che stam­men könn­te.

Wenn das kos­ten­freie Trink­was­ser auch bei uns üb­lich wä­re, wür­de die Da­me vom Ne­ben­tisch viel­leicht auch eine (bes­sere) Ge­mü­se­brühe es­sen. Bei ge­rech­te­rer Kos­ten­auf­tei­lung wä­re es kein Ver­lust für die Gas­tro­no­mie, aber ein Ge­winn für die Mensch­lich­keit.

Wo ist in der Markt­wirt­schaft das Wört­chen „so­zial“ ge­blie­ben, wo die Ver­ant­wor­tung al­ler fürs Mit­ein­an­der? Da­mit wä­re auch das Wort „Gast­raum“ nicht mehr sinn­ent­leert.

Ins er­wähn­te Res­tau­rant wer­den wir nicht zu­rück­keh­ren. Und ich stel­le mir ei­ne Gas­tro­kri­tik von ei­ner vier­tel Spal­te vor: Über­schrift, In­tro, dann wei­ße, un­be­druc­kte Zei­len, am En­de folgt der Na­me des Lo­kals. Hier aber heu­te nicht.

So, auf­ge­ges­sen! Wir flie­hen so schnell wie mög­lich aus der Beiz und wur­den beim Ab­räu­men nicht ein­mal ge­fragt, ob es uns ge­schmeckt hat. Wa­rum nur?

P.S.: Wenn Sie in Ber­lin eine Ver­an­stal­tung mit Res­tau­rant­be­such pla­nen, be­ra­te ich ger­ne.

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Gra­fik: Ar­chiv

Montag, 30. März 2026

Montagsschreibtisch (133)

Hal­lo! Wie auch im­mer Sie hier ge­lan­det sind, Sie le­sen in meinem vir­tu­el­len Ar­beits­ta­ge­buch. Ich bin Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin und sit­ze in der Fran­zö­sisch­ka­bi­ne. Eng­lisch ist manch­mal die Aus­gangs­spra­che, Deutsch bei Tex­ten die Ziel­spra­che. Ich ar­bei­te ne­ben Kon­fe­ren­zen auch auf De­le­ga­tions­rei­sen, bei Ver­an­stal­tun­gen und po­li­ti­schen Hin­ter­grund­ge­sprä­chen.

Als Blog­gerin bin ich über die Jahr­zehn­te so am Ball ge­blie­ben, wie ich es an den Pro­jek­ten un­se­rer Kun­d:in­nen blei­be: Vol­ler Ener­gie, sprach­li­cher Viel­falt und Aus­dauer.

Zwi­schen­durch waren Blogs kom­plett out, jetzt bin ich in der neu­en Blog­ging­wel­le ei­ne der we­ni­gen, die im 20. Jahr schreibt.

Frau als Schattenriss am Fenster
Ar­beit mit Pa­pier (noch oh­ne Re­chner)
Am Mon­tag vor Os­tern: In Tei­len Deutsch­lands ist der Schnee zu­rück, bei uns har­te Kon­tras­te we­gen Re­gen­wol­ken über Ber­lin. Da­zu passt mein al­tes Bild.

Auf dem Schreib­tisch diese Wo­che:
⊗ Zu­kunft der Ar­beit
⊗ Ak­tu­el­le Po­li­tik
⊗ Kos­ten­vor­an­schlä­ge
⊗ Früh­lings­break

Da ich zwi­schen Ter­minen, Pfle­ge, Früh­jahrs­putz, Schreib­tisch und Kon­fe­ren­zen pen­de­le, bin ich am bes­ten per Mail er­reich­bar oder un­ter 0176 897 66 256.

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Fo­to: Ar­chiv Elias Los­sow

Mittwoch, 25. März 2026

Arbeitsplatzverluste

Den Ar­beits­all­tag ei­ner Dol­met­sche­rin be­schrei­be ich hier seit 2007 in lo­se­r Fol­ge. Ich bin Si­mul­tan­dol­met­sche­rin. Mei­ne Haupt­ein­satz­ge­bie­te sind Kon­fe­ren­zen, Ver­hand­lun­gen, Mes­sen, De­le­ga­ti­ons­rei­sen und öf­fent­li­che Ver­an­stal­tun­gen. Mei­ne Mut­ter­spra­che ist Deutsch, ich ar­bei­te über­wie­gend als Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin mit Fran­zö­sisch und Eng­lisch, die Bü­ro­kol­le­gin über­setzt in die eng­li­sche Spra­che. KI-Mitt­woch.

Der­zeit gibt es in den USA ei­ne gro­ße Ent­las­sungs­wel­le. Auch in Deutsch­land neh­men die „Frei­stel­lun­gen“ in den Ver­wal­tun­gen zu. Hin­ter vie­len, so rauscht es im Flur­funk, soll die KI ste­hen. (Die Wirt­schafts­wo­che schreibt da­zu: „Das ha­ben wir in Deutsch­land in die­sem Aus­maß zu­vor nicht ge­se­hen“.)

Was hier aus recht­li­chen Grün­den als An­pas­sung an die wirt­schaft­li­che La­ge be­zeich­net wird, kom­mu­ni­zie­ren nord­ame­ri­ka­ni­sche CEOs of­fe­ner und nen­nen die KI als Grund. Es fol­gen Fir­ma auf Fir­ma mit den glei­chen Schlag­zei­len: Ent­las­sun­gen, Grund: an­geb­lich KI.

Mit der Zeit zeigt sich: Das trägt nicht. Die Ana­lys­ten der Deut­schen Bank ha­ben da­für ei­nen Be­griff ge­prägt: AI Re­dun­dan­cy Wa­shing, die Schutz­be­haup­tung, Mit­ar­bei­ter:in­nen wür­den durch KI über­flüs­sig. Mit Re­dun­dan­cy wird der Über­hang be­zeich­net, das Wort wa­shing ken­nen wir aus green­wa­shing, wo plötz­lich mit ei­ner Lü­ge im Wirt­schafts­le­ben ein ver­meint­li­cher Vor­teil für die Um­welt kons­tru­iert wird. Für den Be­griff ha­ben wir noch kei­ne deut­sche Ent­spre­chung. Auch die KI ist über­for­dert da­mit, ihn zu über­tra­gen.

AI Re­dun­dan­cy Wa­shing - überflüssiges Waschen durch KI

Was ge­schieht nach den Ent­las­sun­gen? Die Bör­sen­kur­se der be­tref­fen­den Fir­men stei­gen dann oft, und prompt heißt es: „KI-Trans­for­ma­ti­on“. Wenn An­le­ger:in­nen spä­ter in die Jah­res­be­rich­te schau­en, fin­det sich dort sel­ten ein kla­rer Ver­weis auf AI lay­offs. Ge­werk­schaf­ten mel­den das, sta­tis­ti­sche Quel­len be­stä­ti­gen es, in New York sind sol­che Da­ten so­gar ver­pflich­tend: Bereits Anfang Januar hat Wi­red be­rich­tet, kein ein­zi­ges Un­ter­neh­men ha­be ein­ge­räumt, Ar­beits­plät­ze we­gen KI ge­stri­chen zu ha­ben. 

Bei vie­len Un­ter­neh­men, auch in Deutsch­land, pas­siert gleich­zei­tig et­was an­de­res: Nach "KI-Ent­las­sun­gen" er­schei­nen Stel­len­aus­schrei­bun­gen, neue Mit­ar­bei­ten­de wer­den ge­sucht. Was hier ka­schiert wird: Die KI dient als all­zu­be­que­me Er­klä­rung um Teams zu ver­jüngen und um Ge­halts­kos­ten zu sen­ken, denn Nach­wuchs kos­tet we­ni­ger als Alt­ge­dien­te. Auch Peronalüber­hänge aus Zei­ten des over­hi­ring lassen sich so ele­gant ab­bau­en. So war es neulich beim Mit­tag­es­sen mit CEOs zu hö­ren. Nein, kei­ne Na­men.

Ich wür­de mei­nen frü­he­ren Be­ruf nicht eh­ren, wür­de ich nicht noch ei­ne zwei­te ge­druck­te Quel­le nach­le­gen. Ei­ne ehe­ma­li­ge Jour­na­lis­tin bleibt da kon­se­quent!

Hier der zwei­te Ar­ti­kel: For­tu­ne be­rich­tet un­ter Be­ru­fung auf Ox­ford Eco­no­mics, laut Ei­gen­dar­stel­lung "Welt­markt­füh­rer in glo­ba­ler Wirt­schafts­pro­gno­se, quan­ti­ta­ti­ver Ana­ly­se und Vor­den­ker­schaft", KI-be­grün­de­te Ent­las­sun­gen wirk­ten "zu­neh­mend wie ei­ne Un­ter­neh­mens­fik­ti­on, die ei­ne düs­te­re Rea­li­tät ver­schlei­ert" (7.1.26).

Auch hier steht die The­se im Raum: Nicht die KI führt zu Ent­las­sun­gen, son­dern sie dient als Vor­wand für rou­ti­ne­mä­ßi­gen Per­so­nal­ab­bau. Ei­ne zy­ni­sche Stra­te­gie. Ent­las­sun­gen wer­den als gu­te Nach­richt ver­kauft. Das sen­det po­si­ti­ve Si­gna­le an In­ves­to­ren und Über­be­stän­de las­sen sich in Zei­ten schwin­den­der Nach­fra­ge un­auf­fäl­li­ger ab­bau­en. Zu­gleich ent­steht das Bild ei­nes tech­no­lo­gi­schen Vor­rei­ters.

Der Ox­ford-Be­richt ver­weist auf Da­ten von Chal­len­ger, Gray & Christ­mas. Dem­nach ge­hen zwi­schen Ja­nu­ar und No­vem­ber 2025 nur 4,5 Pro­zent des Stel­len­ab­baus auf tech­ni­schen Um­bau durch die KI zu­rück. Ein Blick auf die Pro­duk­ti­vi­tät stützt das: Wür­de die KI tat­säch­lich Auf­ga­ben al­lein über­neh­men, müss­te der An­teil der Ge­ste­hungs­kos­ten sin­ken und das Pro­duk­ti­vi­täts­wachs­tum deut­lich an­zie­hen. Der­zeit zeigt sich eher ein ex­pe­ri­men­tel­ler Ein­satz als ein sys­te­ma­ti­scher Aus­tausch von Mensch ge­gen Ma­schi­ne.

Und noch et­was wird deut­lich, was ich hier schon län­ger be­schrei­be: Der Ein­stieg in den Be­ruf wird schwie­ri­ger. Rou­ti­ne­auf­ga­ben wer­den von der KI über­nom­men, die Fest­an­ge­stell­ten be­klagen pa­ral­lel da­zu im­mer mehr Über­stun­den und Auf­wand, weil sie die KI kon­trol­lie­ren müs­sen. Kurz: Bör­sen­an­leger:in­nen ge­win­nen, die Ar­beit­neh­mer­schaft ver­liert.

Ré­su­mé: Das, was uns der­zeit als KI ver­kauft wird, ist ein gro­ßer Schwin­del.

Da­zu passt mei­ne Il­lus­tra­ti­on. Die Mit­be­woh­ne­rin hat die KI ge­fragt, wo bei uns in der Kü­che Stau­raum­re­ser­ve be­ste­hen wür­de und da­zu ei­ni­ge Fo­tos hoch­ge­la­den. Die KI-Bil­der mit den Vor­schlä­gen zei­gen klar, was die KI ig­no­riert, weil ihr Le­bens­er­fah­rung und Hin­ter­grund­wis­sen feh­len. Für uns Men­schen, ge­ra­de für uns Dol­met­sche­rin­nen in der Ka­bi­ne, ist das Welt­wis­sen so selbst­ver­ständ­lich, dass wir uns des­sen oft gar nicht be­wusst sind.

Zwei Küchen, wie es sie im wirklichen Leben niemals geben würde
Nur Murks!

Feh­ler:
— Gas­ther­me an der Au­ßen­wand und nicht am Schorn­stein
— Kühl­schrank di­rekt vor der Gas­ther­me
— Papp­bo­xen in ei­nem Kü­chen­re­gal
— Re­gal und gro­ßer Koch­topf wür­den die Spei­se­kam­mer­tür stö­ren
— di­to: Ar­beits­plat­te vor der Spei­se­kam­mer­tür
— kei­ne Be­we­gungs­flä­che in der Mit­te
— Bei ei­nem Bild: Die Spü­le ist jetzt bit­te wo? Der An­schluss gibt den Platz vor
— Wir ko­chen mit Gas und nicht elek­trisch
— Auch die Hei­zung hat bei uns ei­nen fes­ten Platz (nicht vor dem Fens­ter)

Re­min­der: Die KI ist ein Werk­zeug für die Hän­de von Pro­fis.

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Gra­fik: ChatGPT

Dienstag, 24. März 2026

Wortmuseum (45)

Will­kom­men bei mei­nem di­gi­ta­len Ar­beits­ta­ge­buch aus der Welt der Spra­chen. Ich bin Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin und bin oft bei Kon­fe­ren­zen, auf Mes­sen und be­glei­te De­le­ga­ti­ons­rei­sen. Hier schrei­be ich über Spra­che und Wör­ter so­wie über das, was zwi­schen den Zei­len liegt. Der Feh­ler bei blog­spot.com, über den ich Frei­tag ge­schrie­ben habe, ist er­le­digt. Heu­te: Wort­mu­se­um.

              
                            
 Le cla­vier
Aus ei­nem Dreh­buch, es geht um ei­ne Frau, ei­ne Rück­blen­de: Elle s’ap­pro­cha du pia­no droit et pro­me­na les mains sur le cla­vier. Wer kein Fran­zö­sisch kann, hat hier ein be­kann­tes Wort ent­deckt, le cla­vier. Und ja, un­se­re Film­hel­din hat sich ans Kla­vier ge­setzt und spielt. Aber le cla­vier be­deu­tet auf Fran­zö­sisch ein klein we­nig et­was an­de­res, als an­ge­nom­men. Wenn ein deutscher Aus­tausch­schü­ler sagt: je joue le cla­vier und „Ich spie­le Kla­vier“ meint, ist das ein ‚Fal­scher Freund‘ und ein Gram­ma­tik­feh­ler.

Ich fan­ge von hin­ten an: Auf Fran­zö­sisch sa­gen wir: jouer d'un in­stru­ment, al­so je joue de la flûte, ich spie­le Flö­te. Der Dreh­buch­satz lau­tet auf DE: „Sie ging zum Kla­vier und ließ ih­re Hän­de über die Tas­ten glei­ten.“ Le cla­vier sind al­so die Tas­ten, die­ser Feh­ler heißt ‚Fal­scher Freund‘. Und wenn ich wie hier am Com­pu­ter „in die Tas­ten haue“, dann be­we­ge ich mei­ne Fin­ger auch über ein cla­vier.

Made in France
By the way, der­art ein­fa­che Sät­ze wie den Bei­spiel­satz da oben über­trägt die KI meist spie­lend. Trotz­dem ver­lan­gen wir Pro­fis für die Über­set­zung von Tex­ten das glei­che Ho­no­rar wie frü­her, denn das Kor­rek­tur­le­sen ist auf­wän­di­ger.

Und bei krea­ti­ven Tex­ten, wo es auf Nu­an­cen an­kommt, auf kul­tu­rel­le An­spie­lun­gen, auf die Mu­si­ka­li­tät ei­nes Tex­tes, ist die KI kom­plett über­for­dert.

Et voi­là ! (Aus­spra­che­hil­fen: [e vwaˈla] und Link)

Sol­che Aus­spra­che­hil­fen sind wich­tig. Ich är­ge­re mich je­des Mal, wenn pro­fes­sio­nel­le Spre­cher Be­grif­fe nicht nach­schla­gen und dann Ej, Vio­la! sa­gen. Erst neu­lich in ei­nem Hör­buch ei­ner deut­schen Au­to­rin, das in Pa­ris spielt, ge­hört; da­zu wur­den 90 Pro­zent al­ler fran­zö­si­schen Ei­gen- und Orts­na­men falsch aus­ge­spro­chen. Wo wa­ren da: Re­gie, Re­dak­ti­on, Her­stel­lungs­lei­tung, Ver­lags­mit­ar­bei­ter, Au­to­rin? Wo­für be­kom­men die ihr Geld? Wo liegt hier jetzt bit­te­schön der Mehr­wert?)

P.S.: Ich kann auch als Spre­che­rin ge­bucht wer­den, der so­was nicht pas­siert.

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Gra­fik: Netz­fund

Montag, 23. März 2026

Montagsschreibtisch (132)

Herz­lich will­kom­men auf den Sei­ten ei­ner Dol­met­sche­rin, auf de­nen ich über Spra­che und Wör­ter schrei­be und über das, was zwi­schen den Zei­len liegt. Ich bin Si­mul­tan­dol­met­sche­rin, ar­bei­te bei Kon­fe­ren­zen, auf Mes­sen und be­glei­te De­le­ga­tions­rei­sen. Heu­te: Montagsschreibtisch!

Schreibtisch am Fenster mit Pflanzentisch
Ruhige Arbeitsecke
Das Früh­jahr kommt jetzt mit Wucht nach Ber­lin. Schön!

In Süd­deutsch­land lau­fen sie schon ohne Män­tel her­um, man­che so­gar im T-Shirt und mit Son­nen­bri­lle, am Wo­chen­en­de dort­selbst ge­se­hen. Was steht diese Wo­che an? 

Wo­chen­pro­gramm:
❦ Ver­an­stal­tung Bil­dungs­bio­gra­fien in Eu­ropa
❦ Sprach­ver­än­de­rungen in Zei­ten der Ul­tra­di­gi­ta­li­sie­rung
❦ Kos­ten­vor­an­schlag
❦ Rei­se­pla­nung


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Fo­to: Ar­chiv Elias Los­sow

Freitag, 20. März 2026

Fehler

Hal­lo & Hel­lo, bon­jour & will­kom­men auf den Sei­ten mei­nes Dol­metsch­we­b­logs. Über mei­ne Ar­beit schrei­be ich in­zwi­schen im 20. Jahr, Ziel­pu­bli­kum wa­ren und sind Schü­ler:in­nen, Stu­dent:in­nen, Kund:in­nen und all­ge­mein an Sprach­ar­beit In­ter­es­sier­te. Ich bin Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin für die fran­zö­si­sche Spra­che. Die Dritt­spra­che ist Eng­lisch, was auch die Ziel­spra­che mei­ner Bü­ro­kol­le­gin ist. 

Der­zeit gibt es Ver­zö­ge­run­gen bei mei­nen Pos­tings, ich wer­de ein we­nig ver­suchs­hal­ber pos­ten und dann wie­der off­line neh­men, al­so nicht wun­dern, bit­te, denn es gibt ei­nen Feh­ler bei Blog­spot.com, jetzt blog­ger.com.

Oder liegt es schlicht dar­an, dass ich seit bald 20 Jah­ren im glei­chen In­ter­face pos­te, das da­für gar nicht aus­ge­legt wur­de? Ich ha­be im­mer mehr den Ein­druck, dass hier in Sa­chen tech­ni­scher Main­te­nan­ce nicht viel pas­siert. Statt­des­sen haut ei­nem blog­ger.com un­ge­fragt Goog­le-Such­links in die Tex­te rein. Nun, im Som­mer muss ich die­se Sei­te wohl um­zie­hen.

Bis da­hin muss ich mir et­was über­le­gen, wenn ich links- oder rechts­bün­di­ge Bil­der pos­ten möch­te. Oder eben Tricks he­raus­finden.


Fehler 404



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Gra­fik: ChatGPT

Mittwoch, 18. März 2026

Kopf vs. Maschine

Wie Sprach­pro­fis ar­bei­ten, ge­nau­er: Fach­leu­te fürs Dol­met­schen und Über­set­zen, was sie bzw. wir ge­nau ma­chen, ist im 20. Jahr Ge­gen­stand die­ses Web­logs. Mei­ne Mut­ter­spra­che ist Deutsch, ich ar­bei­te meis­tens als Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin mit Fran­zö­sisch und Eng­lisch, die Bü­ro­kol­le­gin über­setzt in die eng­li­sche Spra­che. KI-Mitt­woch!

Schulklasse, Kreidetafel
Back to the future: Kreidezeitalter!
Wir Sprach­ar­bei­ter:in­nen wis­sen ge­nau, wie Ler­nen geht. Fragt uns!

Je­de(r) von uns ist für ver­schie­de­ne Lern­ka­nä­le bes­ser oder we­ni­ger gut be­gabt. Das spie­gelt die Viel­falt un­se­rer Bio­lo­gie. Bei mir ist es ein Mix aus ver­schie­dens­ten Me­tho­den: les­en, hö­ren, schrei­ben, se­hen und selbst The­men vi­su­ell dar­stel­len.

Am An­fang von Lern­pha­sen soll­te al­so ste­hen, sich selbst und sei­ne Vor­lie­ben ken­nen­zu­ler­nen.

Ab­wechs­lung und al­le Sin­ne
Seit Jahr­zehn­ten ist die Ge­hirn­for­schung sicher: Der rei­ne Lehr­vor­trag, stu­res Pau­ken und Re­zi­tie­ren bringt Ler­nen­de sel­ten weit. Das Ge­hirn lernt nicht li­ne­ar. Es ver­knüpft, wie­der­holt, ver­wirft, baut neu. Und es braucht da­für Rei­ze, Wech­sel und Be­deu­tung und zwi­schen­mensch­li­che Be­zie­hun­gen.

Ler­nen mit al­len Sin­nen und ein ste­ti­ger Wech­sel der Me­tho­den ver­stär­ken die­sen Pro­zess.

Vom All­ge­mei­nen zum De­tail, vom Hö­ren zum Spre­chen, vom Le­sen zum An­wen­den – die­se Dy­na­mik hilft dem Ge­hirn, Struk­tu­ren auf­zu­bau­en und Wis­sen si­cher zu ver­an­kern. Ein her­vor­ra­gen­der Tipp ist: hands on! Ma­chen! Mit der Hand schrei­ben, zeich­nen, Ver­su­che auf­bau­en, um­set­zen.

Neu­ro­wis­sen­schaft­li­che Stu­di­en zei­gen deut­lich ...
— Ak­ti­ves Ab­ru­fen von Wis­sen kann die Be­hal­tens­leis­tung um bis zu 50 % stei­gern im Ver­gleich zum blo­ßen Wie­der­le­sen.
— Be­we­gung wäh­rend des Ler­nens kann die Ge­dächt­nis­leis­tung um rund 10–20 % ver­bes­sern.
— Mul­ti­mo­da­les Ler­nen (meh­re­re Sin­ne) führt zu deut­lich hö­he­rer Trans­fer­leis­tung als ein­ka­na­li­ges Ler­nen.
— Die Auf­merk­sam­keit sinkt bei rein pas­si­vem Zu­hö­ren oft schon nach 15–20 Mi­nu­ten, bei Kin­dern, die früh mit di­ver­sen Me­dien in Kon­takt ge­tre­ten sind, so­gar nach nur ei­ner Mi­nu­te.

Viel­falt der Schul­fä­cher und Hob­bies
Wenn al­so Sport, Mu­sik, Kunst, Hand­wer­ken, Kom­mu­ni­ka­ti­on, Kon­flikt­trai­ning und der Um­gang mit Emo­tio­nen, die Stär­kung des Selbst­wert­ge­fühls so­wie Gärt­nern oder krea­ti­ve Pro­jek­te wie Thea­ter und Tanz fest zum Lern­all­tag ge­hö­ren, pas­siert ge­nau das: Wis­sen ver­bin­det sich mit Er­fah­rung. Es wird le­ben­dig und dau­er­haft.

Gleich­zei­tig wächst die Kri­tik an klas­si­schen Un­ter­richts­for­men wei­ter. 90 Mi­nu­ten still­sit­zen, zu­hö­ren, no­tie­ren, das wi­der­spricht dem, was wir über Auf­merk­sam­keit wis­sen. Mo­der­ne di­dak­ti­sche Kon­zep­te set­zen des­halb auf kür­ze­re Ein­hei­ten, Be­we­gung, In­ter­ak­ti­on, Phasen selbstbestimmten Lernens, ech­te Ak­ti­vie­rung.

Auch die Di­gi­ta­li­sie­rung wird in­zwi­schen dif­fe­ren­zier­ter be­trach­tet. Lan­ge galt: Ta­blet + Bild­schirm = Fort­schritt. In­zwi­schen zeigt sich ein kom­ple­xe­res Bild.

Das neue Ler­nen ist das alte
Schwe­den zum Bei­spiel hat sei­ne Stra­te­gie teil­wei­se kor­ri­giert. In ei­ner fast zwan­zig Jah­re an­dau­ern­den Pha­se star­ker Di­gi­ta­li­sie­rung wur­de be­ob­ach­tet:

— Das Le­se­ver­ständ­nis sank mess­bar
— Die Kon­zen­tra­ti­ons­fä­hig­keit nahm ab
— Grund­le­gen­de Fer­tig­kei­ten ver­schlech­ter­ten sich

Die Re­ak­ti­on der Gesellschaft ist klar: Es ging zu­rück zu ge­druck­ten Lehr­bü­chern, es wird wieder mehr hand­schrift­lich ge­ar­bei­tet. Stu­di­en zei­gen, dass Le­sen auf Pa­pier häu­fig zu bes­se­rem Ver­ständ­nis führt und hand­schrift­li­ches Schrei­ben mehr Ge­hirn­ak­ti­vi­tät aus­löst als Tip­pen.

Gleich­zei­tig gilt: Di­gi­ta­le Werk­zeu­ge sind nicht das Pro­blem, ihr un­re­flek­tier­ter Ein­satz war es. Als Ergänzung können sie Ler­nen ver­tie­fen, ver­net­zen und in­di­vi­dua­li­sie­ren, wenn die Grund­la­gen stim­men.

Wir Men­schen kon­trol­lie­ren
Und noch et­was kommt da­zu: Wir müs­sen wei­ter­hin un­se­re Kul­tur­tech­ni­ken be­herr­schen und un­se­re Fä­cher ver­tieft ler­nen. Denn dass KI uns Er­geb­nis­se aus­wirft, so­bald ein Prompt halb­wegs stimmt, setzt ge­nau das vor­aus. Wir müs­sen wis­sen, wie man fragt. Wie man Tex­te schreibt. Wie man über­zeu­gend for­mu­liert und In­hal­te struk­tu­riert. Und vor al­lem: wie man Er­geb­nis­se kri­tisch prüft.

Denn was die Ma­schi­ne lie­fert, ist oft nur ein (schwa­cher) Ent­wurf, manch­mal gut, oft ge­nug Sil­ben­rau­schen, Blend­werk, manch­mal schlicht Murks. Nur, wer das er­kennt, kann nach­ar­bei­ten und ver­bes­sern, im schlimms­ten Fall ein­fach neu­schrei­ben.

So, wie eine Schreib­ma­schi­ne nicht selbst tex­tet, kann es auch das to­te Sys­tem aus Bits und Bytes nicht oh­ne uns. 

Da­ten­fleisch­wolf
Das wirft recht­li­che Fra­gen auf: Ak­tu­el­le Ma­schi­nen be­ruh­en auf ei­nem rie­si­gen Da­ten­klau, der zum Glück im­mer mehr in das Be­wusst­sein der Öf­fent­lich­keit tritt. So er­mit­telt seit En­de letz­ten Jah­res die Eu­ro­päi­sche Kom­mis­sion ge­gen Google, das In­halte von Web­sei­ten im KI-Mo­dus nutzt, oh­ne Rech­te­in­ha­ber:in­nen an­ge­mes­sen zu ver­gü­ten; You­Tube steht zu­dem un­ter Ver­dacht, Nut­zervi­de­os für das KI-Trai­ning zu nut­zen. Das sind nur zwei Bei­spiele un­ter vie­len.

Viel­leicht ist das die ei­gent­li­che Bot­schaft: Ler­nen und Kreativität bleiben un­se­re Auf­ga­ben. Die Werk­zeu­ge wer­den mo­der­ni­siert. Und Tech­nik in Kin­der­hän­den: Ob­acht!

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Bild: pixlr.com (Zu­falls­fund)

Dienstag, 17. März 2026

Reizklima

Was wir Dol­met­sche­rin­nen und Dol­met­scher be­ruf­lich ge­nau ma­chen, ist seit 2007 Ge­gen­stand die­ses Web­logs. Mei­ne Mut­ter­spra­che ist Deutsch, ich ar­bei­te meis­tens als Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin mit Fran­zö­sisch und Eng­lisch, die Bü­ro­kol­le­gin über­setzt ins Eng­li­sche. Heu­te geht es ums Ler­nen.

Grund­schul­kin­der
Schul­kin­der
Ges­tern ha­be ich ei­ne Dis­kus­sion ge­hört, in der es um Auf­merk­sam­keits­öko­no­mie ging, als Teil mei­ner Kon­fe­renz­vor­be­rei­tung. Zen­tral da­bei war das di­gi­ta­le „Neu­land", um die ein­sti­ge Kanz­le­rin zu zi­tie­ren. Da­mit mei­ne ich nicht das In­ter­net, son­dern die Ge­wohn­hei­ten, die es er­zeugt.

Ei­ne Leh­re­rin hat be­rich­tet, dass sie Schü­lern kaum noch län­ge­re Fil­me zei­gen kön­ne. Als ei­ne Kol­le­gin aus­fällt, bie­tet sie bei­den von ihr pa­ral­lel be­auf­sich­tig­ten Klas­sen ei­nen Do­ku­men­tar­film an, der zum Un­ter­richts­stoff passt, und ver­sucht, ih­re Zeit ge­recht auf bei­de Lern­grup­pen auf­zu­tei­len. Die Vier­zehn- und Fünf­zehn­jäh­ri­gen wur­den da­her ge­be­ten, Kern­in­for­ma­tio­nen zu no­tie­ren. In­des, ih­re Auf­merk­sam­keit bre­che viel zu schnell weg.

Sie kön­ne sol­che Fil­me nur noch so zei­gen, dass sie stän­dig vor Ort sei, um den Film zu un­ter­bre­chen und In­hal­te wie­der­ho­len zu las­sen, „da­mit über­haupt et­was hän­gen­bleibt". Mus­ste sie frü­her al­le zwei, drei Mi­nu­ten ei­nen neu­en Reiz an­bie­ten, lie­ge heu­te die Auf­merk­sam­keits­span­ne der jun­gen Leu­te bei 20 bis 30 Se­kun­den. Die Schul­lei­tung ha­be da­her Si­cher­heits­per­so­nal und Er­zie­her:in­nen für man­che Al­ters­grup­pen ein­be­stellt. Das ein­zi­ge Ziel sei jetzt nur noch ein ge­rin­ger Ge­räusch­pe­gel, sag­te sie, und sie fasst zu­sam­men: „ver­lo­re­ne Lern­zeit".

In­for­ma­ti­ke­rin Glo­ria Mark von der Uni­ver­si­ty of Ca­li­for­nia misst das im Bü­ro: Zeig­ten Er­wach­se­ne 2004 noch 150 Se­kun­den Auf­merk­sam­keit am Stück, sind es heu­te nur noch 50, al­so zwei Drit­tel we­ni­ger Zeit und Tie­fe.

Das Pro­blem ist nicht tri­vi­al. Kur­ze Kon­zen­tra­ti­ons­pha­sen sind dra­ma­tisch in Zei­ten, in de­nen das Er­ken­nen kom­ple­xer Zu­sam­men­hän­ge zwi­schen po­li­ti­schen, öko­no­mi­schen und öko­lo­gi­schen The­men im­mer wich­ti­ger wird.

Der Grund für den Ver­lust sind ul­tra­kur­ze Schnit­te in Trick­fil­men so­wie die per­ma­nen­te Ver­füg­bar­keit der Mo­bil­te­le­fo­ne. Wer selbst so ei­nen Ta­schen­ter­ro­ris­ten sein Ei­gen nennt, kennt das Phä­no­men des Doom­scrol­lings: kli­cken-wi­schen-wei­ter! Das mag kurz im War­te­zim­mer nütz­lich sein, kon­di­tio­niert aber lang­fris­tig un­ser Ver­hal­ten: Das Ge­hirn ver­langt im­mer mehr neue Rei­ze, im­mer schnel­ler.

Die Recht­fer­ti­gung fürs In­ha­lie­ren der Schnip­sel ist eben­so na­he­lie­gend wie selbst­be­trü­ge­risch: Je­de In­fo er­scheint uns wich­tig. Doch oh­ne Ein­ord­nung, Ver­knüp­fung und Struk­tur kann das Ge­hirn das Ge­se­he­ne schwer ver­ar­bei­ten.

Be­stenfalls blei­ben De­tails hän­gen, das gro­ße Gan­ze ver­schwimmt. Wenn al­les wich­tig ist, ist nichts mehr wich­tig. Wis­sen ver­wischt, und die An­fäl­lig­keit für Falsch­in­for­ma­tio­nen steigt. Dass die Big tech ih­re Al­go­rith­men auf die Zie­le der Geld­ge­ber aus­rich­tet, ist be­kannt. So ist der Bre­xit ent­stan­den, der Ein­fluss ist be­legt.

Nach Doom­scrol­ling füh­len sich die Men­schen leer. Der Do­pa­min­spie­gel fällt ab, Frust steigt, ei­ne Grund­stim­mung, die das per­fek­te Ein­falls­tor für Het­ze dar­stellt. Der Kör­per mu­tiert fremd­ge­steu­ert zur Echo­kam­mer des Ge­se­he­nen.

Ist das zu stark ver­ein­facht? Nein, wis­sen­schaft­lich be­legt. Die For­de­rung nach Ein­schrän­kun­gen für Kin­der und Ju­gend­li­che ist nur kon­se­quent. Der klars­te Satz da­zu: Wir ge­ben ih­nen kei­ne Tech­nik in die Hand, wir lie­fern ih­re Ge­hir­ne an die Tech­nik aus.

Wis­sen auf­zu­bau­en be­deu­tet, zu­zu­hö­ren, zu le­sen, zu über­prü­fen, ein­zu­ord­nen, Struk­tu­ren zu se­hen und Fak­ten zu spei­chern. Und nur durch das Er­ken­nen von Zu­sam­men­hän­gen kom­men wir über­haupt erst in die La­ge, per­fi­de Ab­sich­ten und Feh­lin­for­ma­tio­nen auf­zu­de­cken. Bil­dung schützt meis­tens vor Rat­ten­fän­gern. Sie stärkt die De­mo­kra­tie. Und Bil­dung braucht Dis­tanz: we­ni­ger Bild­schirm, mehr Skep­sis.

In­ter­es­sant: Im Si­li­con Val­ley schi­cken vie­le ih­re Kin­der auf Wal­dorf- oder Mon­tes­so­ri­schu­len und prak­ti­zie­ren strik­te Tech­nik­kon­trol­le. Den Gran­den der Tech-In­dus­trie, die es of­fen­bar bes­ser wis­sen, müs­sen wir für den Rest der Welt schlech­te Ab­sich­ten un­ter­stel­len.

Neu­lich beim Arzt: Ein Klein­kind starrt im Kin­der­wa­gen auf Trick­fil­me, über­mü­det, un­ru­hig. Ein Drei­jäh­ri­ger im Zug lässt sich nur mit Tab­let vor Au­gen füt­tern. Und nein, au­ßer kind­ge­rech­ter Be­schäf­ti­gung und ech­ter el­ter­li­cher Zu­wen­dung hat ihm nichts ge­fehlt. (Bei­de El­tern hin­gen stän­dig an ih­ren Smart­pho­nes.) Das sind lei­der kei­ne Ein­zel­fäl­le, son­dern ei­ne Zeit­bom­be, auch volks­wirt­schaft­lich.

Ei­ni­ge Jah­re spä­ter

Das Ge­gen­gift ist so ba­nal wie wirk­sam: le­sen, vor­le­sen, Lan­ge­wei­le zu­las­sen, Men­schen tref­fen. Wer kann, soll­te me­di­tie­ren und spa­zie­ren­ge­hen. Als Kin­der ha­ben wir im Au­to das Far­ben­spiel ge­spielt, heu­te kann es ab­schwei­fen­de Ge­hir­ne ein­fan­gen: ei­ne Far­be wäh­len und schau­en, wo sie in der Um­ge­bung vor­kommt.

Gym­nas­tik und Yo­ga sind die bes­ten Er­gän­zun­gen, ge­ra­de für Sitz­men­schen. Mit der Hand schrei­ben, bas­teln, DIY. Wir ler­nen am bes­ten buch­stäb­lich durch das Be­grei­fen, der gan­ze Kör­per ist am Lern­vor­gang be­tei­ligt und das Ge­hirn braucht Ab­wechs­lung. Ei­ne Bü­ro­kol­le­gin auf Zeit lernt jetzt stri­cken, ich ge­he gleich wie­der gärt­nern.

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Fo­tos: pixlr.com (Zu­falls­fun­de)

Montag, 16. März 2026

Montagsschreibtisch (131)

Den Abeits­all­tag ei­ner Dol­met­scherin fin­den Sie auf die­sen Sei­ten skiz­ziert. Mei­ne Mut­ter­spra­che ist Deutsch, ich ar­bei­te über­wie­gend mit Fran­zö­sisch und Eng­lisch, die Bü­ro­kol­le­gin über­setzt in die eng­lische Spra­che. Mei­ne Bil­dung er­wei­tere ich täg­lich, auch am Wo­chen­en­de im Mu­seum.

Das Wet­ter weist nor­ma­le Tem­pe­ra­tu­ren für die Sai­son auf, da­zu et­was wech­sel­haft, fast schon wie im April. Das ist gu­tes Wet­ter fürs Wei­ter­ler­nen, ja! Trotz­dem wun­de­re ich mich. Wir le­ben in ei­ner ko­mi­schen Zeit.

Menschen im Büro ... im Gespräch
Klei­ne Dis­kus­sion über De­sign
In ei­ner Zeit, in der Ge­sprä­che über Wet­ter und Kli­ma von zu vie­len nicht ernst­ge­nom­men wer­den. Don't look up!

Auf dem Schreib­tisch:
❦ Rei­se­pla­nung
❦ De­sign­fra­gen
❦ Film­ex­posé: Kor­rek­tur­le­sen ei­ner Über­set­zung
❦ An­ge­bote durch­rech­nen

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Fo­to: C.E. (Ar­chiv Elias Los­sow)

Freitag, 13. März 2026

Wortmuseum (44)

Will­kom­men bei mei­nem Blog aus der Ar­beits­welt der Spra­chen. Ich bin Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin. Wie wir Dol­met­sche­rin­nen und Über­set­zer ar­bei­ten, ist oft nicht so ge­nau be­kannt. Zum Be­ruf ge­hört auch, dass wir uns stän­dig Ge­dan­ken über die Ar­beits­mit­tel ma­chen, über Tech­nik, na­tür­lich, aber auch über die Spra­chen. Heu­te: Blick ins Wör­ter­mu­se­um.

              
             
 Auf­trum­pen

Die­ses Wort ist so­wohl ein Sub­stan­tiv als auch ein Verb. Ihm liegt auf­trump­fen zu­grun­de, „sei­ne Über­le­gen­heit deut­lich zei­gen, un­ter Be­weis stel­len“. Hier geht es nicht um ech­te Über­le­gen­heit, son­dern um Macht, die aus ei­ner be­stimm­ten Ecke kommt.

Wir be­ob­ach­ten der­lei ge­ra­de, wenn sich Men­schen mit po­li­ti­scher oder öko­no­mi­scher Macht die Ar­gu­men­ta­ti­ons­mus­ter und -me­tho­den der nord­ame­ri­ka­ni­schen be­lei­dig­ten Oran­ge an­eig­nen.

Hokkaidokürbis mit Trumpfrisur
Nicht nur Orange, sondern auch Kürbis

Denn aus Orange face und ‚be­lei­dig­ter Le­ber­wurst‘ wur­de jetzt auch noch die be­lei­dig­te Oran­ge. Auf Fran­zö­sisch ist die be­lei­dig­te Le­ber­wurst la pe­ti­te rei­ne oder faire du bou­din, wörtlich: ei­nen auf Blut­wurst ma­chen. Ju­bel! Hier ha­ben wir das Würst­chen wie­der, so et­was geht bei Über­set­zun­gen ja oft ver­lo­ren. Aus der Le­ber­wurst, le bou­din, ha­ben die Fran­zo­sen auch noch ein Verb ab­ge­lei­tet, bou­der.

„In Über­see spielt Orange face die be­lei­dig­te Le­ber­wurst“ könn­te auch so über­tra­gen wer­den: Aux États-Unis, le vi­sa­ge orange en fait tout un plat, wört­lich: macht Orange face (aus et­was Klei­nem) ein gan­zes Ge­richt, ei­ner Re­dens­art des frü­hen 20. Jahr­hun­derts fol­gend, „aus ei­ner Klei­nig­keit ein gro­ßes Ge­richt ma­chen“, al­so aus ei­ner win­zi­gen Zu­tat ein auf­wen­di­ges Fest­mahl zau­bert.

Oder aus der Maus ei­nen Ele­fan­ten ma­chen? Hier sind wir im Tier­reich und Orange bie­tet ein Ein­falls­tor für Miss­ver­ständ­nis­se, denn von ‚Orange‘ zu ‚Orang Utan‘ ist es vi­su­ell nicht weit. Und wir wol­len ja kei­ne Pri­ma­ten be­lei­di­gen, oder?

Zu­sam­men­fas­sung: Hier gibt es Bau­ma­te­ri­al für ad­äqua­tes Rü­ber­schub­sen in die an­de­re Kul­tur, und das ist schön!

Sprung in die Welt­la­ge: Von Pro­ble­men im In­land durch Krie­ge ab­len­ken, ist so alt wie die Welt­ge­schich­te. Schlimm, wenn es oh­ne Plan und Ziel ge­schieht. Wie krie­gen wir un­se­re Welt so sta­bil, dass nicht wie in den USA die größ­ten Psy­cho­pa­then, Un­ge­bil­de­ten, Nar­ziss­ten, Über­rei­che, Kin­der- und Frau­en­fein­de, hier so­gar: kran­ke Opas mit kur­zem Ab­lauf­da­tum und we­nig Lie­be für die die An­ge­hö­ri­gen = das Ge­gen­teil von Weit­sicht, die Macht über­neh­men?

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Gra­fik:
KI

Donnerstag, 12. März 2026

Das Orakel

Den Ar­beits­all­tag ei­ner Dol­met­scherin finden Sie auf di­esen Sei­ten skiz­ziert. Mei­ne Mut­ter­spra­che ist Deutsch, ich arbei­te über­wie­gend als Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin mit Fran­zö­sisch und Eng­lisch, die Büro­kol­le­gin über­setzt in die eng­li­sche Spra­che. Hier folgt die Fort­set­zung zu ges­tern.

Eine Kun­din mein­te am Te­le­on, die KI sei zu­neh­mend mit Sprich­wör­tern, An­spie­lun­gen und so­gar Iro­nie ver­traut. Es sei nur ei­ne Fra­ge der Zeit, bis sie auch uns Pri­ma­ten voll­stän­dig ver­ste­hen wür­de und auch sich selbst, die KI, schrieb mir an an­de­rer Stel­le ein Be­kann­ter.

Sol­che Sät­ze ha­ben ei­nen ge­wis­sen Zau­ber. Sie klin­gen ein biss­chen nach Zu­kunft, ein biss­chen nach Ge­lehr­sam­keit. Sie be­die­nen ei­ne al­te mensch­li­che Nei­gung: das wir in to­ten Din­gen et­was Le­ben­di­ges er­ken­nen wollen, auch An­thro­po­mor­phis­mus ge­nannt. Ich nen­ne das eher ani­mis­ti­sches Ge­rau­ne. Wenn sich durch ein Sprach­mo­dell Sät­ze bil­den, em­pfin­den es man­che als un­heim­lich. Das Ge­fühl, es han­dele sich hier um ei­ne Art Geist im Ge­häu­se, ist nicht fern. Tat­säch­lich pas­siert et­was viel Pro­sa­i­sche­res.

Sprach­mo­del­le ler­nen aus enor­men Men­gen von Tex­ten, wel­che Wort­fol­gen sta­tis­tisch oft zu­sam­men auf­tre­ten. Auf die­ser Grund­la­ge er­rech­nen sie Schritt für Schritt die nächs­ten Wör­ter ei­nes Sat­zes. Das Er­geb­nis kann sehr über­zeu­gend klin­gen. Aber zwi­schen ei­ner über­zeu­gen­den For­mu­lie­rung und ei­nem wirk­li­chen Ver­ständ­nis liegt ein ziem­lich gro­ßer Un­ter­schied.

Wenn wir Menschen Iro­nie er­kennen, dann nicht nur auf­grund von Wör­tern. 

Wir be­rück­sich­tigen Ton­fall, Kör­per­spra­che, Si­tua­tion, Be­zie­hun­gen und Welt­wis­sen. Wenn nach ei­nem Tech­nik­pro­blem je­mand sagt: „Na wun­der­bar, das läuft ja wie ge­schmiert“, weiß je­der im Raum so­fort, wie das ge­meint ist. Erst recht, wenn bei der Kon­fe­renz von der ita­lie­ni­schen Ma­fia oder an­de­ren For­men von Günst­lings­wirt­schaft die Rede war.

Be­mer­kun­gen leben von Si­tua­tio­nen. Ei­ne Ma­schi­ne sieht nur die Bits und Bytes, die see­len­los Wör­ter zu­sam­men­klöp­peln.

Das wird ge­ra­de beim Dol­met­schen deut­lich. Dort ent­steht Spra­che nicht im ru­hi­gen Tem­po ei­nes Auf­sat­zes. Red­ner bre­chen Sät­ze ab, lie­fern an­de­re Satz­en­den, re­a­gie­ren auf das Pu­bli­kum, ma­chen Wort­spie­le oder An­spie­lun­gen. Man­che Sät­ze sind halb ge­sagt, an­de­re le­ben vom Ton oder von ei­nem Blick. Wer das über­trägt, muss mehr deu­ten als rech­nen.

Dol­met­sche­r:in­nen ver­to­nen als ech­te Men­schen mit Kör­per­lich­keit ech­te Men­schen mit Kör­per­lich­keit, le­sen Emo­tio­nen, an­ti­zi­pie­ren Iro­nie, em­pfin­den durch die Spie­gel­re­fle­xe ech­te Ge­füh­le. Beim Dol­met­schen wird nicht ein­fach nur ein Haufen Wör­ter aus dem Feld A ins Feld B ge­scho­ben. Hier geht es um Ab­sich­ten, um Vor­wis­sen, Um­gangs­for­men, so­zia­len und spra­chl­ichen Hin­ter­grund sowie kul­tu­rel­le Un­ter­schie­de. Spra­che ist nur ein klei­ner Teil der Kom­mu­ni­ka­tion. Viel von die­ser Auf­zähl­ung ist noch nie im De­tail be­schrie­ben wor­den und ent­zieht sich wohl auch jeg­li­cher Be­schrei­bung.

Aktuell wird die "Künstliche Intelligenz" wieder schlechter. Ein wach­sen­der Teil der Tex­te im Netz stammt mitt­ler­wei­le selbst von KI-Sys­te­men. Für die­se wach­sen­de Men­ge au­to­ma­tisch er­zeug­ter In­hal­te hat sich in­zwi­schen ein recht tref­fen­der Be­griff ein­ge­bür­gert: AI Slop.

Das Pro­blem dar­an ist nicht nur die Men­ge, son­dern auch der Kreis­lauf. Wenn neue Mo­del­le wie­der mit Tex­ten trai­niert wer­den, die selbst schon von Ma­schi­nen stam­men, ler­nen sie zu­neh­mend aus Nach­ah­mun­gen. Das ist ein biss­chen so, als wür­de man ei­ne Ko­pie im­mer wie­der ko­pie­ren. Die Kon­tu­ren blei­ben zu­nächst er­kenn­bar, aber das Bild wird all­mäh­lich ver­wa­sche­ner bis zur Un­schär­fe.

Vie­le Men­schen er­war­ten trotz­dem ei­ne Art ma­schi­nel­len Er­kennt­nis­sprung. Ir­gend­wann, so die Hoff­nung, könn­te die Ma­schi­ne bald mehr ver­ste­hen als wir Pri­ma­ten. In­des, auf Grund­la­ge der LLMs ist das nicht mög­lich. Es ist eher um­ge­kehrt: Die Ma­schi­nen ler­nen wei­ter aus den Wort­fol­gen, die Men­schen schrei­ben, spre­chen und vor­den­ken. Und wenn wir uns den Zu­stand man­cher au­to­ma­tisch er­zeug­ter Tex­te an­se­hen, ist klar, dass wir Pri­ma­ten un­se­re Rol­le als Lie­fe­ran­t:in­nen des Aus­gangs­ma­te­ri­als noch lan­ge be­hal­ten wer­den — und wie be­schränkt die Sys­teme sind, wenn es um die ganz gro­ßen Zu­sam­men­hän­ge und um die De­tails geht, die künf­tig den Un­ter­schied ma­chen wer­den.

Das ani­mis­ti­sche Ge­rau­ne um die Ma­schi­nen wird wohl nicht so schnell ver­stum­men. Ma­schi­nen, die flüs­sig spre­chen, wir­ken auf vie­le von uns Men­schen wie ein Ora­kel. Aber Ora­kel ha­ben be­kannt­lich noch nie selbst ge­dacht.

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Bild: Ora­kel, The­mis und Aige­us,
An­ti­ken­samm­lung Ber­lin, F2538

Mittwoch, 11. März 2026

KI-Murks (6)

Herz­lich will­kom­men auf den Sei­ten ei­ner Dol­met­sche­rin, auf de­nen ich über Spra­che und Wör­ter schrei­be und über das, was zwi­schen den Zei­len liegt. Ich bin Si­mul­tan­dol­met­sche­rin, ar­bei­te bei Kon­fe­ren­zen, auf Mes­sen und be­glei­te De­le­ga­tions­rei­sen. Heu­te: ein Kurzeintrag zum KI-Mitt­woch!

KI-Übel­set­zung, 10. März 2026

"Die gro­ßen Tie­re der Welt bre­chen ei­nen Krieg vom Zaun und ken­nen jetzt kei­ne Exit-Stra­te­gie."

Le grand monde du monde tra­verse une guerre de Zaun et a une stra­té­gie de sor­tie. [Wört­lich: Die gro­ße Welt der Welt durch­läuft ei­nen Krieg von Zaun und hat ei­ne Aus­stiegs­stra­te­gie.]

The high society is going through a Zaun war and has an exit stra­te­gy.

➥ Die High Society be­fin­det sich in ei­nem Zaun-Krieg und hat ei­ne Aus­stiegs­stra­te­gie.

Er­klä­rung: Den Aus­gangs­satz ha­be ich in ei­ne Über­set­zungs­soft­ware ein­ge­ge­ben, das Er­geb­nis war das neue Aus­gangs­ma­te­rial, das ich er­neut in die Über­set­zungs­sof­tware ein­ge­ge­ben ha­be.

Kinderbild mit Bären
Bä­ren se­hen auf uns her­ab

Das Er­geb­nis hat den Vor­gang, die Han­deln­den und den Aus­blick ver­stüm­melt, denn "große Tiere" und "vom Zaun bre­chen" sind idio­ma­ti­sche Re­de­wen­dun­gen, al­so Ver­bin­dun­gen von Wör­tern zu ei­ner Ein­heit, bei de­nen sich der Sinn nicht aus den ein­zel­nen Wörtern er­schließt; solche Re­de­wen­dun­gen sind kul­tu­rell be­dingt und kom­men oft in der ge­spro­che­nen Spra­che vor.


Und hier noch­mal ganz schnell, was "KI-Dol­met­schen" be­deu­tet:

Einzelschritte beim sogenannten „KI-Dolmetschen“  1. Spracherkennung: Die gesprochene Sprache wird von einer Spracherkennungssoftware in Text umgewandelt. 2. Textverarbeitung: Der erkannte Text wird automatisch in die Zielsprache übertragen. 3. Sprachsynthese: Das Ergebnis wird durch einen Text-to-Speech-Engine wieder in gesprochene Sprache umgewandelt.  —> Drei Einfallstore für den Stille-Post-Effekt


Wei­ter mit der Ana­ly­se der Ver­zer­run­gen, wenn die KI „dol­metscht“: klick!

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Il­lus­tra­tion: Char­lot­te

Dienstag, 10. März 2026

Auf­hei­te­rungs­zo­nen

Hal­lo! Wie auch im­mer Sie hier ge­lan­det sind, Sie le­sen auf den Sei­ten mei­nes vir­tu­el­len Ar­beits­ta­ge­buchs. Ich bin Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin und ar­bei­te mit den Spra­chen Fran­zö­sisch und Eng­lisch, Deutsch ist mei­ne Mut­ter­spra­che. Heu­te: Nach­den­ken über un­se­re Zeit.

Heut­e Mor­gen in den Nach­rich­ten: In Deutsch­land ha­ben wir hö­he­re Temp­e­ra­tu­ren als in Spa­nien. Die Men­schen freut's, kaum je­mand denkt wei­ter. Und die „Wet­ter­frö­sche“ in den Me­dien sa­gen es neu­tral an, zie­hen viel­leicht ei­ne Au­gen­braue hoch, ver­knei­fen sich den Alarm, der nö­tig wä­re.

In ei­nem frü­he­ren Be­rufs­le­ben war ich Jour­na­lis­tin. Mir fal­len ge­ra­de in den Me­dien die re­gel­mä­ßi­gen Kurz­be­rich­te über Wet­ter­ka­tas­tro­phen auf seit Jahresanfang: in Por­tu­gal an­hal­ten­der Stark­re­gen, der nicht nur schwer ab­floss, son­dern in die Häu­ser und Stra­ßen hoch­ge­spült wur­de. In Spanien: eine Gewitterfront nach der anderen. Auch in La­tein­a­me­ri­ka: ex­tre­me Re­gen­fäl­le, Über­schwem­mun­gen, Erd­rut­sche. Das Was­ser for­dert über­all Men­schen­le­ben. Auch wenn das räum­lich weit ent­fernt ist, me­te­o­ro­lo­gisch folgt es ähn­li­chen Mus­tern. 

Mir fällt auf, dass es der­zeit Fehl­stel­len in der Be­richt­er­stat­tung gibt, die Fak­ten wer­den in Kür­zest­bei­trä­gen knapp ab­ge­ar­bei­tet, and that's it.

The ele­phant in the room

Gewitterstimmung
Kurz vor dem Gewitter
Frü­her hieß es schlech­tes Wetter, heu­te Da­ten­lage: Lan­ge Pha­sen oh­ne Wet­ter­än­de­run­gen ha­ben vie­le von in Er­in­ne­rung. z.B. die hei­ßen Som­mer 2003 und 2018. Da­mals kon­nten wir un­se­ren win­di­gen Nord­bal­kon an ei­nem Fließ­ge­wäs­ser von An­fang Mai bis En­de Ok­to­ber nut­zen, frü­her ma­xi­mal vier Wo­chen. Ver­las­sen wir den Bal­kon, öf­fnen wir den Fo­kus.

In ganz Eu­ro­pa erleben wir jetzt al­le paar Jah­re ei­nen „Jahr­hun­dert­som­mer“ mit mo­na­te­lan­gen Hit­ze­wel­len, Dür­re, To­de­sop­fern. Das Phä­no­men nennt sich „blo­ckie­ren­de Wet­ter­la­ge“, die Fol­ge ver­lang­sam­ter West­wind­strö­mung­en etwa in der Hö­he, in der auch Ver­kehrs­flug­zeu­ge fliegen, der Jet­stream, der schwä­cher und wel­li­ger wird. Da­durch sind Wet­ter­la­gen wie am Him­mel fest­ge­ta­ckert. Das sind Fol­gen der Kli­ma­ka­tas­tro­phe, die auch dann un­ser neu­er All­tag bleibt, wenn wir mor­gen die CO2-Emis­sio­nen ra­di­kal re­du­zie­ren wür­den. (Lei­der macht „der Wes­ten“ der­zeit das Ge­gen­teil.)

Der Win­ter 2025/2026 zählt nun zu den ex­trem­s­ten, die Eu­ro­pa je er­lebt hat. Mir feh­len in den Zei­tun­gen und im TV die zahl­rei­chen Hin­ter­grund­re­por­ta­gen (zu ver­nünf­ti­ger Sen­de­zeit) und ein­ord­nen­de Stüc­ke in den A­bend­nach­rich­ten, die das The­ma er­for­dert. Es ist der Ele­fant im Raum.

Aus­nah­me­zu­stand

In­ner­halb we­ni­ger Wo­chen tra­fen den Kon­ti­nent mas­si­ve Ge­gen­sät­ze: me­ter­ho­he Wel­len im Mit­tel­meer, schwe­re Über­schwem­mun­gen in Süd­ita­lien, auf Mal­ta und der Ibe­ri­schen Halb­in­sel, wäh­rend schwe­re Schnee­stürme und ark­ti­sche Käl­te den Bal­kan, die Al­pen und Tei­le Grie­chen­lands lahm­leg­ten, vie­ler­orts gab es La­wi­nen­ge­fahr.

Den Auf­takt mach­te im Ja­nu­ar der Zy­klon „Har­ry“, ein hur­ri­kan-ähn­li­cher Wir­bel­sturm: Mit Wind­bö­en über 120 km/h, bis zu 16 Me­ter ho­hen Wel­len und enor­men Re­gen­men­gen ver­ur­sach­te er vor al­lem in Si­zi­lien, Sar­di­ni­en, Ka­la­bri­en und Mal­ta schwe­re Schä­den. In­fra­struk­tur wur­de zer­stört, hun­der­te Men­schen eva­ku­iert, die wirt­schaft­li­chen Ver­lus­te gehen in die Mil­li­ar­den. Tra­gisch: Zahl­rei­che Men­schen star­ben bei dem Ver­such, wäh­rend des Sturms das Mit­tel­meer zu über­que­ren.

Seit­dem trans­por­tier­ten auf­ein­an­der­fol­gen­de Tief­druck­sys­te­me feucht­war­me Luft aus dem au­ßer­ge­wöhn­lich war­men Mit­tel­meer nach Nor­den, wo sie auf kal­te ark­ti­sche Luft traf. Die Fol­ge war ein ex­tre­mer Wet­ter­kon­trast: schwe­re Schnee­stür­me auf dem Bal­kan, Strom­aus­fäl­le, blo­ckier­te Ver­kehrs­we­ge und To­des­op­fer durch wet­ter­be­ding­te Un­fäl­le. Auch Ös­ter­reich und die Al­pen er­leb­ten Stark­schnee, La­wi­nen­war­nun­gen und Über­schwem­mun­gen durch Re­gen auf Schnee.

In Süd­spa­nien reiht sich ein Un­wet­ter an das nächs­te, in Gra­za­le­ma fiel in­ner­halb we­ni­ger Ta­ge im Feb­ru­ar mehr Nie­der­schlag als im ge­sam­ten Jah­res­mit­tel.

Wis­sen­schaft­lich ist das Mus­ter gut er­klär­bar: Das Mit­tel­meer war 2025 so warm wie nie zu­vor ge­mes­sen, mit Ab­wei­chun­gen von bis zu +5 °C. Wär­me­res Was­ser be­deu­tet mehr Ver­duns­tung, mehr Feuch­tig­keit in der At­mo­sphä­re (pro Grad etwa sie­ben Pro­zent mehr Was­ser­dampf), zu­sätz­li­che En­er­gie für Stür­me. Stu­di­en zei­gen, dass der men­schen­ge­mach­te Kli­ma­wan­del sol­che Er­eig­nis­se deut­lich ver­stärkt. Kli­ma­for­scher spre­chen von ei­ner neu­en Re­a­li­tät: ei­ner Häu­fung ex­tre­mer Wet­ter­la­gen, die ex­akt den Pro­gno­sen ei­nes sich er­wär­men­den Kli­mas ent­spricht.

Wenn's ein Dreh­buch wäre, wür­de man sa­gen: zu dick auf­ge­tra­gen. (So ähn­lich wie die ak­tu­el­le Nach­rich­ten­la­ge, was se­xu­el­len Miss­brauch und Ver­schwö­rung an­geht, sprengt die Si­tu­a­tion un­ser Vor­stel­lungs­ver­mö­gen.) Klar ist: Wir wer­den künf­tig re­gel­mä­ßig Ex­trem­wet­ter be­kom­men, hö­he­re Kos­ten und wach­sen­des Leid. Der Kli­ma­wan­del ist längst da.

(Mit die­sen Zei­len hät­te ich ger­ne Un­recht, wirk­lich so gern. Aber die Wis­sen­schaft ist sich zu 99 Pro­zent si­cher. Das ei­ne Pro­zent sind ge­kauf­te „Gut­ach­ten“).

Or­te und Mo­men­te der Er­ho­lung

Wie ge­hen wir am bes­ten da­mit um, wenn im TV zwi­schen Bör­se und Sport der Phy­sik kaum Raum ein­ge­räumt wird, statt­des­sen Rechts­ex­tre­me ihre kru­den Ideen in der Haupt­sen­de­zeit zu oft un­wi­der­spro­chen breit­tre­ten dürfen? Wir müs­sen die­sen Raum ein­for­dern! Ich schrei­be Zu­schau­er­post. Aus mei­ner Zeit als Re­dak­teu­rin weiß ich, dass der­lei auf­merk­sam ge­le­sen wird.

En­ga­ge­ment für Men­schen­rech­te und Auf­klä­rung brauchen Aus­dauer und Er­ho­lungs­pau­sen. „Auf­hei­te­rungs­zo­nen“ im All­tag sind wichtig, damit wir Kraft schöp­fen können, um ge­gen die­se im­per­ti­nen­te Wis­sen­schafts­leug­nung an­zu­ge­hen, im Team mit an­de­ren, die es gibt, die ähn­lich wie Du, Sie, wir, ich fast wahn­sin­nig wer­den in die­sen dunk­len Ta­gen (und da mei­ne ich jetzt mal nicht die Ab­we­sen­heit von Son­ne die­ser Ta­ge in Ber­lin)!


Ich spiele hier an auf:
✗ Epstein-Files
✗ Ministerin Reiche plant Baustopp für Wind und Solar für mindestens zehn Jahre
✗ Die Regierung plant u.a., das Nutzer:innen erneuerbarer Energien mit Sonderabgaben belastet werden für die allgemeinen Netzkosten
✗ Rechtsextremist Chr. in prominenter Talkshow
✗ Geplante Kürzung der Solarförderung

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Foto:
C.E. (Archiv)

Montag, 9. März 2026

Montagsschreibtisch (130)

Bon­jour & he­llo! Her­zlich will­kom­men beim ers­ten deut­schen Dol­met­scher­web­log aus dem In­ne­ren der Dol­metsch­ka­bi­ne. Ich bin Dol­met­scher­in für die fran­zö­si­sche Spra­che, und ich über­set­ze auch (auch aus dem Eng­li­schen und meis­tens ins Deut­sche). Was ist diese Wo­che los?

Fan­gen wir an mit ei­nem Bil­dungs­tipp für Fa­mi­li­en: Sel­te­ne Din­ge sam­meln und si­cher im Schrank hin­ter Glas ver­wah­ren, ab und zu da­vor­stel­len und Ge­füh­le ha­ben, sich da­bei von den Klei­nen be­o­b­ach­ten las­sen. Das mit den Ge­füh­len ist ein­fach, wenn auch al­te und sehr al­te Fo­tos da­bei sind.

Hin­ter Glas sind bei uns Mi­ni­a­tu­ren von Streit­wa­gen und al­ten Ben­zin­kut­schen, al­te Mün­zen, Mu­scheln, ver­stei­ner­te Schne­cken, Bern­stein mit In­sek­ten­ein­schluss, Mi­ni­a­tu­ren aus Ägyp­ten, die der Opa mit­ge­bracht hat. Bei uns sitzt Gott Set, Schutz­gott der Oa­sen und der Be­du­i­nen, di­rekt ne­ben di­ver­sem Ge­stein, dar­un­ter Vul­kan­stein vom Ät­na. Wich­tig: al­les im­mer gut hin­ter Ver­schluss las­sen. Wün­sche und In­ter­es­se wach­sen las­sen: „Das ist sehr wert­voll!“

Irgend­wann sind die Klei­nen groß ge­nug, um sich den Schatz an­zu­se­hen, und die Fräu­leins, was mei­ne Nich­ten sind, ma­chen das im­mer wie­der ger­ne. Mit drei­ein­halb Jah­ren hat da­bei mir dann die Klei­ne die ägyt­pi­sche Gott­heit als sol­che iden­ti­fi­ziert und vom Nil und den Wüs­ten er­zählt. Da hat wohl auch ein Buch aus dem Kin­der­gar­ten nach­ge­wirkt.

Schreib­tisch, Uten­si­li­en, Schreib­ma­schi­ne, Blu­men, Schreib­kraft
Pla­nungs­schreib­tisch flo­ral
Ges­tern Abend ist im Sü­den West­deutsch­land ein Me­te­o­rit ein­ge­schla­gen, klei­ne Stein­chen, die jetzt ana­ly­siert wer­den. Das klei­ne Fräu­lein wür­de wohl Ähn­lich­keit mit Vul­kan­ge­stein dar­in er­ken­nen, ober­fläch­lich ge­spro­chen.

Na­tur­wis­sen­schaft ist gut, his­to­ri­sche Bil­dung auch. Grund­sätz­lich si­chern sie die Zu­kunft des Lan­des ab.

Ak­tu­ell steht an:
❦ Kos­ten­vor­an­schlag Über­set­zung (Bil­dungs­ar­beit, Ge­schich­te)
❦ Schrift­kram für Re­lo­ca­ti­on-Kun­din (Ge­flüch­te­te aus den USA)
❦ Gut­ach­ten fürs Ge­richt (KI-Tran­skrip­ti­on)
❦ Kos­ten­vor­an­schlag Dol­met­schen (Ur­ba­nis­mus)
❦ Ter­min­pla­nung

Wir hat­ten es eben vom Me­te­o­ri­ten, da­her mei­ne drin­gen­de Film­emp­feh­lung: „Don't look up“ von Adam McKay (2021), der Film ist ak­tu­el­ler denn je. Und ja, wer in die­sen Zei­len ei­nen Kom­men­tar zur ak­tu­el­len po­li­ti­schen La­ge er­kennt, liegt nicht falsch.

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Fo­to: pri­va­tes Fo­to­ar­chiv (1926)

Donnerstag, 5. März 2026

Ernsthafte Warnung!

Will­kom­men auf den Blog­sei­ten ei­ner der­zeit über­wie­gend in Ber­lin le­ben­den Dol­met­sche­rin und Über­set­ze­rin für die fran­zö­si­sche Spra­che. Als Ar­bei­te­rin des ge­spro­che­nen Wor­tes bin ich oft in Pa­ris, Mar­seil­le, Ham­burg, Lil­le, Köln oder an­ders­wo.

Heu­te früh flat­tert mir ei­ne Ab­sa­ge zu ei­nem mei­ner Kos­ten­an­schlä­ge in den di­gi­ta­len Brief­kas­ten. Ich ha­ke nach. Die Ant­wort: Man ha­be sich für ei­ne Fir­ma ent­schie­den, die KI-Dol­met­schen an­bie­tet.

Schild: Meeting, bitte nicht stören
Über­wie­gend Schlips­trä­ger
Da­vor kann ich nur war­nen. Die KI lie­fert viel, das ei­ni­ger­ma­ßen gut klingt, aber auch viel Er­fun­de­nes.
Wenn die Sta­tis­tik an­gibt, dass 80 Pro­zent der Be­grif­fe von der KI über­tra­gen wer­den, so je­den­falls wer­ben die An­bie­ter­fir­men, fra­gen wir Lin­guist:in­nen: Stimmt die Rei­hen­fol­ge der Wör­ter? Das ist wich­tig, denn ei­ne fal­sche Rei­hen­fol­ge kann die Aus­sa­ge kom­plett ver­än­dern.

Und was ist mit den ver­blei­ben­den 20 Pro­zent? Sind das Fehl­grif­fe, Hal­lu­zi­na­tio­nen oder ein­fach nur Pau­sen?

Sol­cher Murks kos­tet Geld. Ei­nen un­se­rer Kun­den, er ist Land­ma­schi­nen­her­stel­ler, hat das schon meh­re­re hun­dert­tau­send Eu­ro ge­kos­tet. Sol­che In­for­ma­tio­nen ste­hen lei­der nicht in der Zei­tung, sie sind hoch­not­pein­lich.

Der Grund für den Mist, den die Ma­schi­ne oft baut, ist rasch er­klärt: Men­schen ver­hal­ten sich nur sehr sel­ten so, wie es für die KI ide­al wä­re. Was bie­ten die Tech­nik­nerds an? Bei "Dol­met­schen" oh­ne Men­schen wer­den meh­re­re KI-Tools hin­ter­ein­an­der­ge­schal­tet: Voice to text, text to text, text to voice. Wer ein­mal er­lebt hat, wie De­tails in der KI-Ver­ar­bei­tung ver­schwim­men, kann sich vor­stel­len, wel­che "Stil­le Post"-Ef­fek­te da mög­lich sind. Den Pro­fis vor der Ka­bi­ne (die Kas­se ma­chen wol­len,) ist das egal. Wir Pro­fis aus der Ka­bi­ne (die wir wirk­lich wis­sen, wie Dol­met­schen geht,) war­nen.

Men­schen kom­mu­ni­zie­ren zu chao­tisch, ma­chen Feh­ler, ver­has­peln sich, steu­ern mit­ten im Satz auf ein an­de­res Satz­en­de zu, nut­zen in ih­rer Re­dun­danz manch­mal ein ver­meint­li­ches Sy­no­nym, was die Tech­nik dann "auf die fal­sche Fähr­te" bringt. (Mehr Feh­ler­mo­men­te ste­hen hier: klick.)

Denn die KI ist weit da­von ent­fernt, Auf­ga­ben zu be­herr­schen, die über ein­fa­che Fra­gen nach dem Be­fin­den des an­de­ren oder ei­ner Weg­be­schrei­bung hin­aus­ge­hen. Ich er­gän­ze: Ste­reo­ty­pi­sche, trai­nier­te, vor­ge­ge­be­ne In­hal­te "kann" sie auch. Nun geht es bei 99 Pro­zent der Ver­an­stal­tun­gen ein­mal um das Neue, Be­son­de­re ... und um den Aus­tausch. Bei Rück­fra­gen schei­tert die KI zu­ver­läs­sig.

Wie feh­ler­be­haf­tet spon­ta­ne Kom­mu­ni­ka­ti­on sein kann, und sei es nur durch spon­ta­nen Wech­sel der Spra­che, ha­be ich ges­tern in ei­nem Blog­post ge­schrie­ben (Link). Miss­ver­ständ­nis­se lie­fern Men­schen schon al­lein gut ge­nug.

Beim ges­tern be­schrie­be­nen Ter­min ging es in ei­ner Run­de um Land­wirt­schaft, Vieh­zucht, Bio­land­bau und Dün­ge­mit­tel, al­so auch um In­fla­ti­on. Am Ran­de wur­den neue, noch nicht von Bio-La­bels an­er­kann­te Me­tho­den be­spro­chen.

Wir sa­ßen al­le ge­mein­sam im Raum, wir dol­met­schten halb kon­se­ku­tiv, halb si­mul­tan (mit mo­bi­ler Dol­met­schan­la­ge). Der Teil­neh­mer aus Frank­reich hat mal in Ber­lin ge­lebt. Er hat ein Wort aus dem Mun­de des Ge­gen­übers auf­ge­schnappt, falsch ver­stan­den und es dann halb­laut selbst über­tra­gen, in den Wort­strom der Dol­met­sche­rin hin­ein. Der Bri­te vis-à-vis des Ti­sches hat das Wort kurz als Schimpf­wort auf­ge­fasst ... und an­schlie­ßend selbst beim fran­zö­si­schen Kol­le­gen ge­nau hin­ge­hört, bis er glaub­te, ein Wort zu er­ken­nen, und er sich da­mit geis­tig be­schäf­tigt hat, statt wei­ter sei­ner Dol­met­sche­rin zu­zu­hö­ren.

Die Her­ren (die Kun­den wa­ren Män­ner und Frau­en ha­ben ge­dol­met­scht) wa­ren nicht miss­trau­isch, die Sze­ne spie­gelt schlicht den All­tag. Wenn wir Dol­met­sche­rin­nen mit im Raum sit­zen und ei­gent­lich Kon­se­ku­tiv­dol­met­schen ge­wünscht ist, in die Pau­sen hin­ein, kön­nen sol­che Mo­men­te leicht ent­ste­hen, aber auch beim Si­mul­tan­dol­met­schen. Denn bei drei Spra­chen an ei­nem Tisch wa­ren wir mit Tech­nik zur Sit­zung er­schie­nen, die für ei­nen Abend­ter­min oh­ne­hin ge­bucht war. 

Wir Sprach­ar­bei­ter:in­nen durf­ten dann das lin­gu­is­ti­sche To­hu­wa­bo­hu ent­wir­ren. Es hat ge­klappt. Al­le ha­ben ge­lacht. Es wur­de ein aus­ge­spro­chen har­mo­ni­scher Ter­min. Die KI wä­re an den men­sch­li­chen Feh­lern ge­schei­tert. Denn sie ist oft ge­nug aus­rei­chend da­mit be­schäf­tigt, ei­ge­ne Feh­ler zu ma­chen.

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Fo­to: C.E. (Ar­chiv)