Dienstag, 12. Mai 2026

Bonjour

... und herz­lich will­kom­men! Als erfahrene Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin („se­nior in­ter­pr­eter“) und Über­set­ze­rin bin ich seit bald 20 Jah­ren in Deutsch­land, Frank­reich und in an­de­ren Län­dern Eu­ro­pas tä­tig — meist mit Fran­zö­sisch und Deutsch als Ar­beits- und Ziel­spra­che. Als Teil ei­nes Netz­werks kann ich Ih­nen auch bei der Su­che nach Un­ter­stüt­zung in an­de­ren Spra­chen hel­fen.

Win­ter­lich im Win­ter­licht: Treppe, Jalousien, Fenster, Garten
Blau­er Him­mel unter grü­nen Ja­lou­sien!
Sie su­chen Kom­mu­ni­ka­tions­pro­fis fürs Dol­met­schen oder für Schrif­tl­iches? Nach vie­len Jah­ren in Frank­reich und dem ein­schlä­gi­gen aka­de­mi­schen Stu­dium sitze ich in der Fran­zö­sisch­ka­bi­ne. Schrift­lich ar­bei­te ich ins Deut­sche, auch aus dem Eng­li­schen.
Allein oder im Team be­glei­te ich De­le­ga­tio­nen, dol­met­sche auf Kon­fe­ren­zen, in Mi­nis­te­rien, Bot­schaf­ten oder am Film­set ... für Po­li­tik, Un­ter­neh­men und Pri­vat­leu­te.

Schwer­punk­te: Ak­tu­el­les, In­dus­trie, Wirt­schaft, Kul­tur, Ag­rar, Krea­ti­ves, Ur­ba­nis­mus und Bau, Ener­gie, Me­dien so­wie Ki­no: Ex­po­sé, Dreh­buch, Pro­duk­tions­dos­sier, Pres­se­heft. Im ers­ten Be­rufs­le­ben war ich Jour­na­lis­tin, bie­te auch Text­ar­beit an­, und zwar mit dem größ­ten Ver­gnü­gen.

Mit ei­ner ers­ten Kon­takt­mail an caroline@adazylla.de kön­nen Sie ei­nen te­le­fo­ni­schen Be­ra­tungs­ter­min ver­ein­ba­ren, um Ih­ren Be­darf ab­zu­klä­ren. (Ich ant­wor­te in­ner­halb von we­ni­gen Stun­den, ma­xi­mal zwölf.)

Ich bie­te an: Si­mul­tan- (fast zeit­gleich), Kon­se­ku­tiv- (zeit­ver­setzt), Flüs­ter- und Be­gleit­dol­met­schen, Büh­nen­dol­met­schen, Spre­ch­ein­sät­ze (Ton­auf­nah­men), Dia­log­Coa­ching für Film und Büh­ne, Fern­dol­met­schen.

Dol­met­schen lebt von Fach­kom­pe­tenz, Hin­ter­grund­wis­sen und Er­fah­rung. Ger­ne bin ich Ih­re Brü­cke zwi­schen der deutsch- und fran­zö­sisch­spra­chi­gen Welt — fle­xi­bel und punkt­ge­nau! Vor Ort oder mit On­line-Ex­per­ti­se: Mein Ein­satz ga­ran­tiert Ih­nen Ver­ständ­lich­keit oh­ne Miss­ver­ständ­nis­se.

Doch ge­na­u­so gern un­ter­stüt­ze ich klei­ne­re In­iti­a­ti­ven, per­sön­li­che Be­geg­nun­gen oder punk­tu­el­le Ein­sät­ze, denn auch bei die­sen sind Fin­ger­spit­zen­ge­fühl, gu­te Vor­be­rei­tung und ei­ne aus­ge­bil­de­te Stim­me ge­fragt.

Jetzt pla­nen — Er­folg si­chern!
Dol­met­schen ist mehr als Spra­che: Prä­zi­si­on, Kon­text, Wis­sen um Sprech­ab­sich­ten, Hin­ter­grund, Takt­ge­fühl und Er­fah­rung. Si­chern Sie sich mei­ne oder un­se­re pro­fes­sio­nel­le Un­ter­stüt­zung!

Herz­li­che Grü­ße,
Ca­ro­li­ne Eli­as

P.S.: Wir sind nicht nur Sprach­ar­bei­te­rin­nen und Sprach­ar­bei­ter, son­dern be­ob­ach­ten auch die Welt. Hier dür­fen Sie in mei­nem Ar­beits­ta­ge­buch mit­le­sen. Die­se Sei­te ist für das Web­la­y­out op­ti­miert, sonst dro­hen Text­pas­sa­gen hin­ter den Fo­tos zu ver­schwin­den.

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Fo­to: C.E.

Très chic oder trashig?

Wie auch im­mer Sie hier ge­lan­det sind, Sie le­sen in mei­nem vir­tu­el­len Ar­beits­ta­ge­buch, das es seit 2007 gibt. Ich bin Si­mul­tan­dol­met­sche­rin. Mei­ne Haupt­ein­satz­ge­bie­te sind Kon­fe­ren­zen, Ver­hand­lun­gen, Mes­sen, De­le­ga­ti­ons­rei­sen und öf­fent­li­che Ver­an­stal­tun­gen. Mei­ne Mut­ter­spra­che ist Deutsch, ich ar­bei­te über­wie­gend als Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin mit Fran­zö­sisch und Eng­lisch, die Bü­ro­kol­le­gin über­setzt in die eng­li­sche Spra­che.

Caroline Elias
Die Autorin als Begleitdolmetsche
„Ach, dann müs­sen Sie ja bald aufs Job­cen­ter?", fragt mich vol­ler Mit­ge­fühl die net­te Oma im Zug, als ich ihr sa­ge, was mein Be­ruf ist. Jein. Wer uns der­zeit die Ar­beit klaut, sind Tech­ni­ker, die un­se­ren Kun­den wah­re Wun­der ver­spre­chen, die die KI aber nicht hält, nicht hal­ten kann. Und das liegt vor al­lem an uns Men­schen selbst.

Denn die KI ist oft zu per­fekt für die mensch­li­che Spra­che. Das klingt pa­ra­dox, ist aber ge­nau das Pro­blem. Men­schen spre­chen näm­lich nicht wie Ma­schi­nen. Wir spre­chen un­sau­ber, sprin­gen in Ge­dan­ken, ver­ges­sen Wör­ter, ver­has­peln uns, fan­gen drei Sät­ze gleich­zei­tig an und be­en­den aus­ge­rech­net den zwei­ten.

Je­mand dreht den Kopf vom Mi­kro weg, hustet in den Satz hin­ein oder sucht plötz­lich nach ei­nem Be­griff, der ihm seit vier­zig Jah­ren selbst­ver­ständ­lich war und nun für ei­nen Mo­ment ent­glei­tet. Und trotz­dem funk­tio­niert men­schli­che Kom­mu­ni­ka­ti­on meis­tens er­staun­lich gut. So­lan­ge kei­ne Tech­nik rein­funkt ...

Das liegt dar­an, dass Men­schen eben nicht nur Wör­ter hö­ren. Wir hö­ren Ab­sich­ten, Un­si­cher­hei­ten, Macht­ver­hält­nis­se, Höf­lich­keit, Iro­nie und das, was ge­ra­de nicht ge­sagt wird. Ein Pu­bli­kum merkt oft so­fort, wenn ein Wort plötz­lich fehlt oder er­setzt wird. Wenn aus ei­ner „Kri­se“ nur noch ei­ne „Her­aus­for­de­rung“ wird oder aus ei­nem „An­griff“ ein „Vor­fall“, dann ist das kei­ne sprach­li­che Ne­ben­säch­lich­keit, son­dern oft ei­ne po­li­ti­sche Ent­schei­dung. Ge­nau dort wird es für KI schwie­rig, denn Ma­schi­nen er­ken­nen zwar Mus­ter, aber kei­ne Span­nung im Raum.

Die Aus­wür­fe der Ge­rä­te wir­ken trotz­dem oft be­ein­dru­ckend. Wir lesen ei­nen flüs­si­gen Text, der gram­ma­tisch sau­ber und ge­schmei­dig klingt und In­halt lie­fert. Wir hö­ren ei­ne Stim­me, die ru­hig und sou­ve­rän spricht. Das al­les sug­ge­riert Ver­läss­lich­keit ... bis zum zwei­ten Blick. Dann wird aus „très chic“ plötz­lich „tra­shig“, aus dem „Prä­si­den­ten“ ein „Laut­spre­cher“ (the speaker) und aus ei­ner fei­nen An­spie­lung sprach­li­cher Be­ton. Die KI pro­du­ziert oft ei­ne Ober­flä­che, die rei­bungs­los wirkt, aber ge­nau da­durch den Ein­druck von Prä­zi­si­on er­zeugt, wo in Wirk­lich­keit längst Be­deu­tung ver­lo­ren ge­gan­gen ist.

Das Pro­blem liegt nicht nur in ein­zel­nen Feh­lern. Es liegt tie­fer. Mensch­li­che Spra­che ist näm­lich kein sau­be­res Über­tra­gungs­sys­tem, son­dern ein hoch­gra­dig feh­ler­an­fäl­li­ger Vor­gang, der trotz­dem funk­tio­niert, weil Men­schen per­ma­nent er­gän­zen, re­kon­stru­ie­ren und mit­den­ken. Wir ver­ste­hen oft ei­nen halb ver­schluck­ten Satz, den nie­mand voll­stän­dig aus­ge­spro­chen hat. Wir er­ken­nen am Ton­fall, ob je­mand blufft, sich her­aus­re­det oder kurz da­vor ist, die Ner­ven zu ver­lie­ren. Und wir wis­sen meist in­tui­tiv, wann ei­ne Un­schär­fe ab­sicht­lich ist.

Beim Dol­met­schen kommt noch et­was hin­zu. Dort geht es nicht nur um Spra­che, son­dern um Si­tua­tio­nen, um Räu­me, Men­schen und Kon­flik­te, um Zeit­druck und ein Pu­bli­kum mit Vor­wis­sen. Ein- und der­sel­be Satz kann in Ber­lin, Brüs­sel oder Pa­ris voll­kom­men un­ter­schied­lich wir­ken. Er kann iro­nisch klin­gen oder be­lei­di­gend, di­plo­ma­tisch oder lä­cher­lich. Er kann Span­nung ent­schär­fen oder ei­nen gan­zen Raum kip­pen las­sen. Ge­nau die­se Ebe­nen müs­sen Dol­met­sche­rin­nen und Dol­met­scher in Se­kun­den­bruch­tei­len mit­den­ken.

Und dann gibt es noch die Akus­tik der Wirk­lich­keit: Rascheln, Ne­ben­ge­räu­sche, Halb­sät­ze, Lis­peln und Über­lap­pun­gen. Laut WHO stim­men beim KI-Aus­wurf "Dol­met­schen" im Mit­tel al­ler Spra­chen rund 43 Pro­zent der Wör­ter mit dem Ori­gi­nal über­ein. Al­ler­dings nicht un­be­dingt in der rich­ti­gen Rei­hen­fol­ge und lei­der auch nicht im­mer mit den rich­ti­gen Be­zü­gen. Hier se­hen Sie, wie aus ei­ner flüs­si­gen Si­mu­la­ti­on ei­ne fal­sche Aus­sa­ge wird.

Vie­le Men­schen ver­wech­seln Sprach­glät­te mit Sprach­ver­ständ­nis. Die KI klingt oft sou­ve­rän, weil sie kei­ne Müdig­keit kennt, we­der Angst noch Scham, sie ist oh­ne Kör­per und so­zia­len Druck. Aber ge­nau die­se mensch­li­chen Stö­run­gen ge­hö­ren zur Kom­mu­ni­ka­ti­on da­zu. Wir spre­chen nicht trotz un­se­rer Feh­ler. Wir spre­chen mit ih­nen.

Die KI si­mu­liert Kom­mu­ni­ka­ti­on. Wir Men­schen blei­ben un­er­setz­bar.

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Fo­to: C.E. (Ar­chiv)

Montag, 11. Mai 2026

Montagsschreibtisch (139)

Bon­jour & hel­lo! Her­zlich will­kom­men beim ers­ten deut­schen Dol­met­scher­web­log aus dem In­ne­ren der Dol­met­sch­ka­bi­ne. Ich bin Dol­met­scher­in für die fran­zö­si­sche Spra­che, und ich über­set­ze (auch aus dem Eng­li­schen). 

Eiffelturm (Miniatur), Stiftköcher, Uhr
Time is running
Ge­ra­de kom­me ich von ei­nem Fern­ein­satz zu­rück. Die­se Wo­che ste­hen we­ni­ger Ent­fer­nun­gen an.

Auf dem Schreib­tisch lie­gen:
⊗ Ver­wal­tungs­ein­satz
⊗ Nach­be­rei­tung
⊗ Rech­nungs­we­sen
⊗ Rah­men­be­din­gun­gen in­ter­na­tio­na­ler Zu­sam­men­ar­beit in der Kunst

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Gra­fik:
C.E. (Ar­chiv)

Mittwoch, 6. Mai 2026

Die kaputte Leiter

Will­kom­men bei mei­nem Blog aus der Ar­beits­welt der Spra­chen. Ich bin Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin. Wie wir Dol­met­sche­rin­nen und Über­set­zer ar­bei­ten, ist oft nicht so ge­nau be­kannt. Über die Be­rufs­welt schrei­be ich hier im 20. Jahr. Heu­te: KI-Mitt­woch.

Karriereleiter, die in der Luft hängt. Unten die Jungen, ratlos, oben die Alten bei der Ernte
"Karriereleiter" mit Disruption
Üb­lich war der Be­rufs­ein­stieg mit Sys­tem: Die Jun­gen ler­nen von den Al­ten, die Al­ten von den Jun­gen, denn sie brin­gen fri­sches Wis­sen von den Hoch­schu­len mit, ken­nen ih­re Ge­ne­ra­ti­on gut, ein Ge­ben und Neh­men. So wird Wis­sen nicht nur von Ge­ne­ra­ti­on zu Ge­ne­ra­ti­on wei­ter­ge­ge­ben, son­dern bes­ten­falls wei­ter­ent­wi­ckelt.

Die Neu­lin­ge ha­ben da­bei mit ein­fa­chen Auf­ga­ben be­gon­nen, Er­fah­rung und Rou­ti­ne in der Pra­xis ge­sam­melt. Die un­te­ren Stu­fen der Ka­r­rie­re­lei­ter wa­ren viel­leicht nicht be­son­ders pres­ti­ge­träch­tig, aber sie wa­ren un­ver­zicht­bar.

Und jetzt die Dis­rup­ti­on! Die so­ge­nann­te Künst­li­che In­tel­li­genz (KI) reißt ge­ra­de die­se un­te­ren Stu­fen aus der Lei­ter. Und sie weiß nicht, was sie tut, sie­he Il­lus­tra­ti­on. 

Die KI warnt nicht, sie ver­spricht nur ra­sche Ge­win­ne. Ei­ne Wirt­schaft, die das Wort Nach­hal­tig­keit noch nicht ver­stoff­wech­selt hat, macht dumm mit.

Im­mer mehr Tä­tig­kei­ten, die frü­her klas­si­sche Ein­stiegs­ar­beit wa­ren, wer­den auf die KI aus­ge­la­gert: Da­ten ein­ge­ben, Do­ku­men­te struk­tu­rie­ren, Ent­wür­fe für Stan­dard­fäl­le tex­ten. Das be­trifft Buch­hal­tung, Ju­ra und Ver­wal­tung glei­cher­ma­ßen.

Die Zah­len da­zu sind ein­deu­tig. In Be­ru­fen mit ho­her KI-An­fäl­lig­keit sind Ein­stiegs­stel­len in den letz­ten Jah­ren um rund 13 Pro­zent zu­rück­ge­gan­gen. In der Fi­nanz­bran­che liegt der Rück­gang bei Ju­ni­or­stel­len so­gar bei ca. 24 Pro­zent, bei ein­zel­nen Tä­tig­kei­ten so­gar hö­her. Gleich­zei­tig bleibt die Nach­fra­ge nach er­fah­re­nen Kräf­ten sta­bil oder steigt.

Auf den ers­ten Blick ist das ef­fi­zi­ent. Ein er­fah­re­ner Mit­ar­bei­ter, un­ter­stützt durch die KI, kann heu­te mehr leis­ten als frü­her ein gan­zes Team von Be­rufs­ein­stei­gern.

Aber Ein­stiegs­jobs sind kei­ne über­flüs­si­gen Rou­ti­ne­po­si­tio­nen. Sie sind die Pha­se, in der sich be­ruf­li­ches Ur­teils­ver­mö­gen ent­wi­ckelt. Wer nie Stan­dard­fäl­le be­ar­bei­tet hat, wird spä­ter auch kei­ne kom­ple­xen Fäl­le sou­ve­rän ent­schei­den kön­nen.

Ge­nau hier ent­steht ei­ne Lü­cke. Un­ter­neh­men spa­ren an den un­te­ren Stu­fen und fra­gen noch nicht, wo­her in Zu­kunft die er­fah­re­nen Fach­kräf­te kom­men sol­len. Wir schaf­fen ein neu­es Pro­blem.

Was ge­ra­de als tech­no­lo­gi­scher Fort­schritt ver­kauft wird, hat ei­ne drit­te und vier­te Sei­te, über die we­ni­ger ge­spro­chen wird. Die Ar­beit ver­schwin­det nicht ein­fach. Sie ver­la­gert sich.

Ein gro­ßer Teil lan­det wie­der bei den Er­fah­re­nen, die die Aus­wür­fe der Sys­te­me prü­fen, kor­ri­gie­ren und ein­ord­nen müs­sen. Das ist kei­ne Ent­las­tung, son­dern ei­ne Ver­la­ge­rung von Rou­ti­ne in Kon­troll­ar­beit. (For­de­run­gen nach der Ver­län­ge­rung der täg­li­chen Ar­beits­zeit ha­ben plötz­lich ei­nen Grund.)

Der an­de­re Teil wird in klei­ne Auf­ga­ben zer­teilt und aus­ge­la­gert, meist schlecht be­zahlt, oh­ne Zu­sam­men­hang und oh­ne Rück­mel­dung: Click­work statt Be­rufs­ein­stieg bei gleich­zei­ti­ger Ent­wer­tung von Stu­di­um und Aus­bil­dung.

Das ma­chen dann die­je­ni­gen, die ei­gent­lich in ei­nem Be­rufs­kon­text ler­nen soll­ten. Sie be­ar­bei­ten Ein­zel­tei­le, oh­ne das gro­ße Gan­ze zu se­hen. Sie er­hal­ten kei­ne struk­tu­rier­te An­lei­tung und kei­ne ech­te Feed­back-Schlei­fe. Was frü­her ein ge­steu­er­ter Lern­pro­zess war, wird zu ei­ner Ab­fol­ge iso­lier­ter Mi­ni­auf­ga­ben.

Das ist kein Fort­schritt, sondern Blend­werk. Hier wird Macht miss­braucht, al­te Er­fah­rung ver­braucht und kei­ne neue sys­te­ma­tisch auf­ge­baut. Die Pro­duk­ti­vi­tät steigt kurz­fris­tig auf dem Pa­pier, zu­gleich wer­den die Grund­la­gen für die Zu­kunft zer­stört.


Vo­ka­bel­no­tiz

le court-ter­mis­me — das Quar­tals­den­ken, die Quar­tals­den­ke
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Gra­fik:
pixlr.com (Zu­falls­fund)

Dienstag, 5. Mai 2026

Frontalkortex

Bon­jour ! Hier kön­nen Sie Ein­blick in den Ar­beits­all­tag ei­ner Dol­met­sche­rin bekom­men. Mit der Mut­ter­spra­che Deutsch, ar­bei­te ich über­wie­gend ins Fran­zö­sische und aus dem Eng­lischen. Frisch und schnell ver­bloggt ...

Menschen vor Aufstellern, vorne die Fotograf:innen
Fotopause (point of view of the interpreter)
Ein lan­ger Kon­fe­renz­tag: Vor dem Mit­tag­es­sen wer­den Fo­tos ge­macht. 

Nach dem Mit­tag­es­sen geht's wei­ter. Mein Zi­tat des Ta­ges, eine Teil­ne­hme­rin: "So, ich muss rasch noch mein In­tel­li­genz­ge­hirn auf­set­zen, das seid Ihr bei­de, der Fron­tal­kor­tex."

Ach, schön. Danke!

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Fo­to: C.E.

Montag, 4. Mai 2026

Montagsschreibtisch (138)

Aus­weich­schreib­tisch im Schlaf­zim­mer

Gu­ten Tag oder gu­ten Abend! Sie sind mit­ten in ein Ar­beits­ta­ge­buch hinein­ge­ra­ten, in dem sich al­les um Spra­che, Dol­met­schen, Über­setzen und Kult­uren dreht. Als frei­be­ruf­li­che Sprach­mitt­lerin ar­bei­te ich in Pa­ris, Ber­lin, Mar­seil­le und dort, wo ich ge­braucht wer­de. Heu­te folgt wie­der der Mon­tags­schreib­tisch.

Re­no­vie­rungs­lärm in der Nach­bar­schaft ent­gehe ich am Krea­tiv­schreib­tisch.

Die­se Wo­che steht an:
❦ Mo­de­ra­tions­vor­be­reit­ung
❦ Wort­feld­ar­beit (Nach­be­rei­tung)
❦ Städte­part­ner­schaft
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Foto: C.E. (Ar­chiv)

Sonntag, 3. Mai 2026

Sonntagsausflüge

Bon­jour, hel­lo & gu­ten Tag oder Abend. Hier kön­nen Sie Ein­bli­cke in den Ar­beits­all­tag ei­ner Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin mit Mut­ter­spra­che Deutsch be­kom­men. Ich ar­bei­te über­wie­gend mit Fran­zö­sisch und aus dem Eng­li­schen. Die Bü­ro­kol­le­gin über­setzt in die eng­li­sche Spra­che. Kom­men­tar zum Sonn­tag: Heu­te wird es per­sön­li­cher.

Manch­mal ha­be ich den Ein­druck, dass uns ge­ra­de kol­lek­tiv ge­mach­te Er­fah­run­gen und die Auf­merk­sam­keit für­ein­an­der ent­glei­ten. Empa­thie wirkt wie ein knap­pes Gut. Po­li­ti­sche Maß­nah­men wer­den als „Zu­mu­tun­gen“ be­zeich­net, vie­le Men­schen or­ga­ni­sie­ren sich im All­tag neu, re­du­zie­ren not­ge­drun­gen ihr Au­ßen­le­ben. Die Früh­lings­(pro­ben)­rei­se des kon­zer­tie­ren­den Chors wir­d ab­ge­sagt, weil zu we­ni­ge über die frei­en Mit­tel ver­fü­gen, um den Ei­gen­an­teil zu be­zah­len. Beim Nach­bars­kind fällt die Klas­sen­fahrt flach, di­to.

Men­schen im Über­le­bens­mo­dus ha­ben nur die nächs­te Mahl­zeit, den nächs­ten Tag im Blick. Sie kön­nen we­der die ei­ge­ne La­ge aus der Vo­gel­per­spek­ti­ve be­trach­ten, noch neue Per­spek­ti­ven und Aus­we­ge fin­den. Sie er­star­ren, free­ze or flight. Das über­trägt sich auf die Kin­der. Der Nach­wuchs im Über­le­bens­mo­dus er­lernt die­sen Zu­stand als Le­bens­grund­ge­fühl. Das ist fa­tal. So wird Ar­mut, wer­den Ängs­te ver­erbt. (So­gar Pe­ter Hartz, auf den die ab­ge­speck­te So­zi­al­hil­fe der Nul­ler­jah­re zu­rück­geht, hat das er­kannt und die da­ma­li­ge Ent­schei­dung ei­nen Feh­ler ge­nannt.)

In der Zwi­schen­zeit hat die Not längst die ge­ho­be­ne Mit­tel­schicht er­reicht. Ei­ne Be­kann­te sucht seit acht Mo­na­ten ei­ne Woh­nung, sie wur­de auf Ei­gen­be­darf ver­klagt. Ih­re Fa­mi­lie ist seit Ge­ne­ra­tio­nen in Ber­lin an­säs­sig. Opas Miets­haus über­stand den Krieg nicht, der Las­ten­aus­gleich brach­te ein Sied­lungs­haus, in dem die Fa­mi­lie der Nich­te lebt. Die Su­che­rin und ihr Mann sind oft um­ge­zo­gen. Er war Wis­sen­schaft­ler, die letz­ten Jah­re hat sie ihn ge­pflegt, dann ging es nicht mehr, sie wur­de selbst krank. Jetzt ist er im Heim.

Die Dame war zwei Jahr­zehn­te lang Frei­be­ruf­le­rin. We­gen ih­rer Al­ters­rück­la­gen gilt sie als zu reich für einen Wohn­be­rech­ti­gungs­schein und ist zu­gleich zu arm für Wohn­ei­gen­tum. In Voll­zeit be­wirbt sie sich um ei­ne neue Blei­be. Aber der Markt kennt kei­ne Men­schen, die we­gen der Pfle­ge län­ger nicht ar­bei­ten konn­ten, das Ver­mö­gen scheint nichts wert, die ü50-Be­wer­berin zu alt zu sein. So­gar kirch­li­che Trä­ger win­ken ab. Jetzt hat das Ge­richt ei­ne zwei­mo­na­ti­ge Ver­län­ge­rung der Aus­zugs­frist an­ge­ord­net. Sie stellt sich auf die Ein­la­ge­rung des Haus­rats und ein über­teu­er­tes WG-Zim­mer ein. Und nie­man­den scheint's zu stö­ren, was auch für die Kür­zun­gen bei Men­schen mit Ein­schrän­kun­gen gilt.

An­de­re Ge­schich­ten schaf­fen es in die Abend­nach­rich­ten. Ein in der Ost­see ge­stran­de­ter Bu­ckel­wal be­wegt die Her­zen. Nach ei­nem acht­wö­chi­gen Dra­ma wird er spen­den­fi­nan­ziert ins of­fe­ne Meer ge­schafft. Das zeigt Mit­ge­fühl. In der Zwi­schen­zeit wird aber in un­se­rem Hei­mat­meer der Schweins­wal im­mer sel­te­ner, ist vom Aus­ster­ben be­droht.

Die öko­lo­gi­schen Dra­men ver­lau­fen lei­ser. Wir wis­sen um Kli­ma­ver­än­de­run­gen, Res­sour­cen­druck, Ar­ten- und Hu­mus­ver­lust. Zu­gleich ent­ste­hen Trends, die sich stark auf das In­di­vi­du­um kon­zen­trie­ren, Stich­wor­te sind „Selbst­op­ti­mie­rung“ und „Lon­ge­vi­ty“, die Me­di­en sind über­voll da­von. Vor­sor­ge ist gut, und doch passt das al­les nicht zu­sam­men. Ist es eine Ant­wort auf die Un­si­cher­heit, sich auf das Na­he zu kon­zen­trie­ren und Selbst­wirk­sam­keit zu er­fah­ren, wenn das Gro­ße schwer fass­bar und ver­stö­rend wird?

Die La­ge ist kom­plex, und doch ist sie so viel ein­fa­cher, als es oft dar­ge­stellt wird. Um­so wich­ti­ger bleibt es, im Ei­ge­nen hand­lungs­fä­hig zu blei­ben. Dem die­nen tat­säch­lich gu­tes, ge­sun­des Es­sen, Sport und Er­ho­lung, Freund­schaf­ten und Kul­tur, Din­ge, für die et­was mehr Geld als das Über­le­bens­not­wen­di­ge nö­tig ist. Wir dür­fen das Ge­mein­sa­me nicht aus dem Blick ver­lie­ren. Denn das ist un­se­re Chan­ce: Kräf­te zu bün­deln und sich kon­struk­tiv für das ein­zu­set­zen, was trägt. 

Ein Sonn­tag im Pa­ra­dies!


Wo­chen­end­plai­sir: Ins Jrü­ne fah­ren. Auf der Pfau­en­in­sel war ich vor mehr als ei­nem Jahr­zehnt mit mei­nem Va­ter das letz­te Mal, er hat sie ge­liebt. Das ist ein wun­der­vol­ler Ta­ges­aus­flug­s­tipp! Es gibt auch ei­ne zen­tra­le Pick­nick­wie­se, wo sich K&K zu­kau­fen und auf die To ge­hen lässt. Wun­der­voll!

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Mon­ta­ge:
C.E.

Mittwoch, 29. April 2026

Technofaschismus

Den Ar­beits­all­tag ei­ner Dol­met­sche­rin be­schrei­be ich hier seit 2007 in lo­se­r Fol­ge. Ich bin Si­mul­tan­dol­met­sche­rin. Mei­ne Haupt­ein­satz­ge­bie­te sind Kon­fe­ren­zen, Ver­hand­lun­gen, Mes­sen, De­le­ga­ti­ons­rei­sen und öf­fent­li­che Ver­an­stal­tun­gen. Mei­ne Mut­ter­spra­che ist Deutsch, ich ar­bei­te über­wie­gend als Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin mit Fran­zö­sisch und Eng­lisch, die Bü­ro­kol­le­gin über­setzt in die eng­li­sche Spra­che. KI-Mitt­woch.

Als Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin erlebe ich stän­dig, was es be­deu­tet, wenn Tech­no­lo­gie Auf­ga­ben über­nimmt, für die sie nicht ge­eig­net ist, wenn uns De­tails, Da­ten­si­cher­heit, Ver­trau­lich­keit und ein Mit­ein­an­der ‚auf Au­gen­hö­he‘ wich­tig sind. KI-ge­stütz­te Dol­met­schung wird der­zeit von ih­ren An­bie­tern, tech­nik­gläu­bi­gen Fir­men, ver­kauft, die oft nicht viel von Lin­gu­is­tik und Dol­met­schen verstehen. In der Pra­xis sind die Er­geb­nis­se häu­fig ka­ta­stro­phal.

Verrat an den Menschen 

Das ist Kun­den­ver­rat durch Technikgläubigkeit. Den Scha­den trägt das Publi­kum. Ich wie­der­ho­le mich und zi­tie­re die fast 300 T€, die ein Land­ma­schi­nen­her­steller durch com­pu­ter­ge­ne­rier­te „Ver­dol­met­schung“ auf der Grü­nen Wo­che al­lein im 1. Quar­tal ver­lo­ren hat. Der Scha­den dürf­te grö­ßer sein. Durch ei­nen Zu­fall er­fuhr er vom Ver­lust. Hier hat die Künst­li­che Intel­li­genz Kun­den­be­zie­hun­gen, Ver­trau­en und die Frei­heit öko­no­mi­schen Han­delns an­ge­grif­fen.

The Manifesto

Der­sel­be Me­cha­nis­mus, in weit grö­ße­rem Maß­stab, zeigt sich im vor ei­ner Wo­che ver­öf­fent­lich­ten 22-Punk­te-Ma­ni­fest des US-Über­wa­chungs­soft­ware­kon­zerns Pa­lan­tir. Das Do­ku­ment, ba­sie­rend auf dem Buch „The Tech­no­lo­gi­cal Re­pub­lic: Hard Power, Soft Be­lief, and the Fu­ture of the West“ von CEO Alex Karp und Kom­mu­ni­ka­tions­chef Ni­cho­las Za­mis­ka, for­dert KI-ge­steu­er­te mili­tä­ri­sche Do­mi­nanz und uni­ver­sel­len Na­tio­nal­dienst. Darunter ver­steht Alex Karp die ver­pflich­ten­de Ein­bin­dung al­ler Bür­ge­rin­nen und Bür­ger in staat­li­che Auf­ga­ben, mi­li­tä­risch oder zi­vil. Dies sei die Ant­wort auf das, was der Pa­lan­tir-Chef als „Weich­heit“ und „Füh­rungs­ver­sä­um­nis“ west­li­cher Ge­sell­schaf­ten be­zeich­net. Au­ßer­dem wird im Manifest die Ent­wic­klung von KI-Waf­fen ge­for­dert. Die US-Re­gie­rung ist der­zeit der Haupt­fi­nan­zier des Un­ter­neh­mens.

Hard Power durch Technik

Der Pa­lan­tir-Chef war schon wiederholt mit demokratiefeindlichen Sätzen aufgefallen. In der Gesamtschau ist seine Ideologie gruselig. Grundsätzlich teilt das Buch die Kul­turen der Welt in „funk­tio­nal“ und „dys­funk­tio­nal und rück­schritt­lich“ und schäd­lich ein. Das ist mehr als ei­ne Wer­tung. Karp und Za­mis­ka drän­gen den Wes­ten da­zu, der „ober­fläch­li­chen Ver­su­chung ei­nes lee­ren und hoh­len Plu­ra­lis­mus (zu) wi­der­ste­hen“, zudem müs­se Deutsch­land die ‚Kas­tra­tion‘ der letz­ten Jahr­zehn­te über­win­den, wie un­ser Um­gang mit der Na­zi­ver­gan­gen­heit ge­nannt wird. Die For­de­rung, De­mo­kra­tien durch di­gi­ta­le Tech­nik zu er­set­zen, liegt of­fen auf dem Tisch.

Autoritarismus

Das er­in­nert nicht nur His­to­ri­ke­rin­nen und His­to­ri­ker an au­to­ri­tä­re Ma­ni­fes­te des 20. Jahr­hun­derts. Der Poli­tik­wis­sen­schaft­ler Cas Mudde be­zeich­ne­te den Text als „ei­nes der er­schre­ckends­ten Dinge“, die er je ge­se­hen habe. Erklärtes Ziel ist ei­ne Welt, die von ei­nem au­to­ri­tä­ren US-Staat do­mi­niert und von KI-ge­trie­be­nen Tech-Über­wa­chungs­kon­zer­nen ver­wal­tet wird. Poli­tik­wis­sen­schaft­ler Do­nald Moy­ni­han er­gänzt, das Ma­ni­fest zeige, dass Pa­lan­tir ein struk­tu­rel­les In­ter­es­se an einer Welt hat, in der Di­plo­ma­tie schei­tert und Waf­fen boo­men: „Ei­ne Welt, in der Soft Po­wer wirkt, ist für Pa­lan­tir schlicht we­ni­ger pro­fi­ta­bel als eine, in der vie­les in die Luft ge­jagt wird.“

Der öster­rei­chi­sche Hoch­schul­leh­rer und Phi­lo­soph Mark Coec­kel­bergh, auf Tech­no­lo­gie spe­zia­li­siert, sieht in dem Ma­ni­fest „ein per­fek­tes Bei­spiel für ‚Tech­no-Fa­schi­smus‘“. 

Firma mit Machtanspruch

Es ist bri­sant. Die Ideo­lo­gie hat längst die Sphä­ren der Spra­che ver­las­sen: Pa­lan­tir lie­fert Ge­heim­dienst-Ana­ly­se­soft­ware an die ICE (US-„Ein­wan­de­rungs- und Zoll­be­hör­de“), das US-Mi­li­tär und die is­rae­li­schen Streit­kräf­te und er­hielt zu­letzt ei­nen 30-Mil­lio­nen-Dol­lar-Auf­trag für „Im­mi­gra­ti­on­OS“, eine KI-Platt­form zur Er­fas­sung und Ab­schie­bung von Nicht-US-Bür­gern. Die Software ist im Gesundheitssystem Großbritanniens in Verwendung, die Nutzung ist nicht unumstritten. Auch der Ukrai­ne­krieg ist für Pa­lan­tir ein hei­ßes Übungs­feld; die Dau­er des Kriegs er­höht den Wert der Er­kennt­nis­se und der Firma. Die­ser Satz ist eine Be­schrei­bung. Er lässt sich auch zy­nisch le­sen.

In Deutschland

In Bayern, Hes­sen und Nord­rhein-West­fa­len ist Pa­lan­tir-Soft­ware schon im Po­li­zei­ein­satz; in ei­ner ab­ge­speck­ten Va­rian­te wird er in Ba­den-Würt­tem­berg ge­plant. Das hat Dut­zen­de Mil­lio­nen Euro in die Kas­se der Fir­ma ge­spült. Der Bun­des­rat be­schloss im März 2025, dass Lan­des­po­li­zei­en sol­che Ana­ly­se­platt­for­men grund­sätz­lich be­nö­ti­gen.

Nun träumt die Bun­des­re­gie­rung laut Me­di­en­be­rich­ten von ei­nem brei­te­ren Roll-out, Pa­lan­tir bleibt trotz die­ser jüngs­ten Ver­öf­fent­li­chungen im Ge­spräch. Das wäre nicht nur die fort­ge­setz­te Fin­an­zie­rung ei­nes De­mo­kra­tie­feinds, der in Deutsch­land als ver­fas­sungs­feind­lich ein­ge­stuft wer­den wür­de, son­dern die Über­gabe un­serer sen­si­blen Da­ten in ge­nau die­se Hän­de. Hier droht der nächs­te Ver­rat.

Roboter am Tisch, Kopfhörer, Laptops
Digitales in Reihe

Quel­len:
Com­mon Dreams (21.4.2026): 'One of The Sca­riest Things I Have Seen': Alarms Sound Over 'Techno­fas­cist Pa­lan­tir Ma­ni­fes­to'  
— hei­se on­line (27.4.2026): Tech­no­lo­gie als Staats­rä­son: Was Pa­lan­tir mit sei­nem Ma­ni­fest be­zweckt
— ZDF­heute (27.4.2026): Trotz Pa­lan­tir-Ma­ni­fest: Län­der hal­ten an Po­li­zei-Soft­ware fest

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Fo­to: pixlr.com (Zufallsfund)

Dienstag, 28. April 2026

Museum der Wörter (47)

Hal­lo! Wie auch im­mer Sie hier ge­lan­det sind, Sie le­sen in mei­nem vir­tu­el­len Ar­beits­ta­ge­buch. Ich bin Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin und sit­ze in der Fran­zö­sisch­ka­bi­ne. Eng­lisch ist manch­mal die Aus­gangs­spra­che, Deutsch bei Tex­ten die Ziel­spra­che. Ich ar­bei­te auf Kon­fe­ren­zen und De­le­ga­ti­ons­rei­sen, bei Ver­an­stal­tun­gen und po­li­ti­schen Hin­ter­grund­ge­sprä­chen. Und ich be­trach­te mit wa­chen Au­gen un­se­re Zeit.

Die Be­glei­tung der Kin­der, von Oma und Opa und On­kel und Tan­te, wenn sie Hil­fe brau­chen, aber auch von Jan­nis und Kurt, An­ni­ka und Hül­ya, Mal­colm und Mus­ta­fa sind kein Lu­xus. Die Na­men hier ste­hen für Men­schen, die von der Ge­samt­ge­sell­schaft an der all­täg­li­chen Teil­nah­me be­hin­dert wer­den, weil es vie­le Trep­pen­stu­fen oder kei­ne ver­ständ­li­che An­spra­che gibt, weil von der iden­ti­schen An­pas­sungs­fä­hig­keit al­ler aus­ge­gan­gen wird, die es nicht gibt, denn wir sind Men­schen, kei­ne Ma­schi­nen.

Auf vol­le Teil­nah­men hat­ten sich un­se­re Zi­vi­li­sa­tio­nen ver­ab­re­det, und die­ses in Ge­set­ze ge­gos­se­ne Ziel ist noch nicht er­reicht. Und was macht un­se­re Re­gie­rung in der Kri­se? Stellt das nicht nur in­fra­ge, son­dern legt Kür­zungs­plä­ne auf den Tisch, die sich so le­sen, als wä­re In­klu­si­on ein Lu­xus­gut. In an­de­ren Wor­ten: Wer aus ei­ner ver­mö­gen­den Sip­pe stammt, wird nicht bald wie­der vor ver­schlos­se­nen Tü­ren ste­hen. Die an­de­ren: … pfffft!

Da­bei ist Teil­ha­be ein Men­schen­recht. Das müss­te auch für men­schen­wür­di­ges Woh­nen und ge­sun­de Grund­nahrungs­mit­tel gel­ten, fa­mi­liä­re und freund­schaft­li­che Be­zie­hun­gen, Kul­tur und auch: Er­ho­lung. Rich­tig! So­zi­al­hil­fe­emp­fän­ger:in­nen frü­he­rer Zei­ten stand so­gar Ur­laub zu. Wer weiß, wie wich­tig es ist, von Zeit zu Zeit aus dem Hams­ter­rad he­raus­zu­kom­men, wird auch hier zu­stim­men.

Die Axt wird schon län­ger an das So­zi­al­le­ben ge­legt. Das geht mit der Spra­che los. Ich hän­ge an die Wand des Mu­se­ums der Wör­ter heu­te die­sen Be­griff:

              
             
sozial Schwa­che

Wir müs­sen ihn durch „wirt­schaft­lich Schwa­che“ er­set­zen. War­um ist das nicht schon lan­ge ge­sche­hen? Über öko­no­misch Schwa­che oder Ge­schwäch­te zu spre­chen, wür­de zu­gleich ei­ne Fra­ge auf­wer­fen, und zwar: War­um ist das so?
Bei „so­zi­al schwach“ schwingt im­mer ein we­nig ei­ne Mit­schuld mit.

Wör­ter ge­stal­ten un­ser Den­ken und Den­ken ge­stal­tet un­se­re Welt.

Die Re­gie­rung will nun „spa­ren“, und zwar in fol­gen­den Be­rei­chen: Ein­schrän­kun­gen beim Wahl­recht und beim Woh­nen, durch die Zu­sam­men­le­gung von Leis­tun­gen, die dann meh­re­ren Men­schen gleich­zei­tig zu­gu­te kom­men sol­len, Kür­zun­gen bei Hilfs­mit­teln, Ab­bau von Fahr­diens­ten und das Aus­set­zen in­di­vi­du­el­ler Schul­as­sis­tenz. Die Re­de ist von Men­schen, die Un­ter­stüt­zungs­be­darf ha­ben, weil sie nicht so leis­tungs­fä­hig sind wie der Durch­schnitt der Be­völ­ke­rung.

Eben­falls auf dem Tisch: ein er­schwer­ter Zu­gang zu Pfle­ge­gra­den, die Er­hö­hung der Zu­zah­lun­gen bei der (schon jetzt kaum be­zahl­ba­ren) Pfle­ge und ver­mut­lich die Bei­be­hal­tung der größ­ten Pfle­ge­hemm­nis­se: Bü­ro­kra­tie und star­re Re­geln, auch für uns pfle­gen­de An­ge­hö­ri­ge.

Wer die Ent­wür­fe zu den Kür­zun­gen liest, den oder die be­schleicht das Ge­fühl, dass hier wie­der von „wert­vol­lem“ und „we­ni­ger wert­vol­lem“ Le­ben aus­ge­gan­gen wird. Vom „un­wer­ten“ Le­ben der Na­zis ist das nicht weit ent­fernt.

Wir wis­sen, wo­hin das ge­führt hat. Die Ge­schich­te zeigt, wie schnell ei­ne Ge­sell­schaft be­ginnt, Men­schen nach ih­rem „Wert“ zu sor­tie­ren und wie rasch dar­aus töd­li­che Kon­se­quen­zen er­wach­sen kön­nen. Die in der Ber­li­ner Tier­gar­ten­stra­ße Nr. 4 ge­trof­fe­nen Ent­schei­dun­gen ste­hen da­für: Aus Ein­wei­sun­gen und Zu­sam­men­le­gun­gen wur­den sys­te­ma­ti­sche Ver­bre­chen. Es war der Test­lauf für die in­dus­tri­el­le Mord­ma­schi­ne, die dann von deut­schen Hän­den er­rich­tet und be­trie­ben wur­de, und da­für, wie die All­ge­mein­heit re­agiert.

Wenn ei­ne sol­che Po­li­tik die Grund­stim­mung in dem Land spie­geln soll, hat die Ge­sell­schaft nichts aus der Ver­gan­gen­heit ge­lernt.

Ein­schub: Ich schrei­be das in dem Be­wusst­sein, selbst dem neu­ro­di­ver­gen­ten Spek­trum an­zu­ge­hö­ren, aber eben mit ei­ner leich­ten Au­tis­mus­form, je­ner Va­ri­an­te, die Zir­kus­pferd­qua­li­tä­ten hat und zu par­ti­el­len Höchst­leis­tun­gen be­fä­higt. (Fürs Dol­met­schen prak­tisch, in an­de­ren Fel­dern fin­de ich mich im Feld all­ge­mei­ner Grund­dumm­heit wie­der!) Ich war da­mit schlicht so, wie vie­le Kin­der sind: nicht ei­ner Norm ent­spre­chend, manch­mal auf­fäl­lig, manch­mal un­sicht­bar. Ich hat­te Glück mit dem El­tern­haus, dem Jahr­zehnt mei­ner Bil­dungs­grund­la­gen, dem Bun­des­land, und ich ken­ne Men­schen, die mir ähn­lich sind, die aber ein star­res, hoch­se­lek­ti­ves Sys­tem früh ins Ab­seits ge­stellt hat. Ein­schub­en­de.

Das The­ma der nicht norm­ge­rech­ten Leis­tungs­fä­hig­keit ist bei uns ein Ta­bu. Ich hof­fe, dass die Plä­ne der Re­gie­rung, soll­ten sie um­ge­setzt wer­den, von den Ge­rich­ten rasch kas­siert wer­den. Ich se­he auch die Stim­mung in der Ge­ne­ra­ti­on mei­nes Zieh­sohns, wo sich aus ver­schie­de­nen Grün­den über­ra­schend vie­le schon jetzt ge­gen Nach­wuchs ent­schie­den ha­ben. Mer­ke: Kei­ne Kin­der, kei­ne Wirt­schaft.

Unterschiedlichste Menschen, unterschiedlichste Faktoren
Nur gemeinsam kann Gesellschaft gelingen

Man­che Men­schen brau­chen auch die­ses Ar­gu­ment ei­ner Be­kann­ten: Sie ar­bei­tet als In­klu­si­ons­be­glei­te­rin und sagt, nur drei Pro­zent der Men­schen mit Be­ein­träch­ti­gun­gen sei­en so ge­bo­ren. Den meis­ten wi­der­fährt Schlim­mes im Lau­fe des Le­bens, Krank­heit, Un­fall ... Knapp neun Pro­zent der deut­schen Be­völ­ke­rung leben mit Ein­schrän­kun­gen, wel­cher Art auch im­mer. Die­se Be­kann­te meint üb­ri­gens, der Staat sei zu­sätz­lich auch auf die In­klu­si­ons­hel­fer:in­nen „scharf“, die soll­ten end­lich et­was „Sinn­vol­les“ ma­chen, hei­ße es un­ter der Hand. Mir feh­len die Wor­te. Und das ist sel­ten.

Schluss­vol­te: Menschen, die sich an den Schwächs­ten der Ge­sell­schaft ver­greifen, er­weisen sich als die wirk­lich so­zi­al Schwa­chen.

Wenn Sie die Pe­ti­ti­on der Le­bens­hil­fe an den Bun­des­tag mit­zeich­nen möch­ten, hier ent­lang: LINK.

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Grafik:
Pixlr.com (Zufallsfund)

Montag, 27. April 2026

Montagsschreibtisch (137)

Herz­lich will­kom­men auf den Sei­ten ei­ner Dol­met­sche­rin, auf de­nen ich über Spra­che und Wör­ter schrei­be und über das, was zwi­schen den Zei­len steht. Ich bin Si­mul­tan­dol­met­sche­rin, ar­bei­te bei Kon­fe­ren­zen, auf Mes­sen und be­glei­te De­le­ga­ti­ons­rei­sen. Heu­te folgt der Blick auf den Schreibtisch!

Dr. Otto-Heinrich Elias (ca. 1938)
Er hat le­bens­lang vol­ler Hin­ga­be ge­schrie­ben
Mein Schreib­tisch­bild zeigt den lang­jäh­ri­gen Chef­lek­tor die­ses Blogs, der heu­te sei­nen 94. Ge­burts­tag fei­ern wür­de.

Was steht an:
⊗ Be­hör­den­be­glei­tung
⊗ Nach­be­rei­tung der letz­ten Wo­che
⊗ Vor­be­rei­tung der kom­men­den Wo­che

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Fo­to:
Ar­chiv Elias Los­sow

Freitag, 24. April 2026

Rückkehrer (I)

Hal­lo, hier kön­nen Sie im 20. Jahr Epi­so­den aus dem Ar­beits­all­tag ei­ner Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin mit Mut­ter­spra­che Deutsch le­sen. Meis­tens ar­bei­te ich als Fran­zö­sisch­dol­met­sche­rin, aber auch aus dem Eng­li­schen ins Fran­zö­si­sche und schrift­lich ins Deut­sche. Kom­pli­ziert, ich weiß, denn die KI ist der­zeit un­se­re An­fech­tung. Nicht, weil sie es könn­te.

Computer mit Lexik, Tasse, Raum im Halbdunkel, gespiegelte Flaschen
POV (point of view) bei MaFo
D
ie KI kann nicht den­ken, hat kei­ne mensch­li­che Le­bens­er­fah­rung, kann nicht prio­ri­sie­ren und an­ti­zi­pie­ren. Die An­ti­zi­pa­ti­on, der ge­dank­li­che Vor­griff, der den Mus­tern der Le­bens­er­fah­rung und des ge­zielt er­wor­be­nen Vor­wis­sens er­folgt, Stich­wort: Vor­be­rei­tung, hilft beim Ein­schät­zen, was dann, wenn Men­schen Ge­dan­ken ent­wi­ckeln oder durch­ein­an­der spre­chen, der ro­te Fa­den ist oder sein wird.

Nach zwei Jahr­zehn­ten in der Dol­metsch­ka­bi­ne ver­tue ich mich da sel­ten.

Die Kun­din aus der Markt­for­schung: „Die KI hat­te uns 150 Sei­ten Da­ten­müll als über­setz­tes Trans­kript ge­lie­fert, die KI-Ver­dol­met­schung war die meis­te Zeit kom­plett un­klar.

Auch im Tran­skript wa­ren vie­le Sät­ze oh­ne En­de, kom­plett wir­res Zeug, Be­grif­fe, die mit dem The­ma gar nichts zu tun ge­habt ha­ben. Das muss­te am En­de kom­plett noch­mal ge­macht wer­den. Und wir ha­ben die Ar­beit dop­pelt ge­zahlt.“

En­de des O-Tons. Das Markt­for­schungs­stu­dio (ein an­de­res als im Bild) soll dar­auf­hin die Zahl der Mi­kro­fo­ne im Raum er­höht ha­ben. Die Teil­neh­men­den muss­ten sich län­ger vor­stel­len, um die Ma­schi­ne auf die Stim­men zu trai­nie­ren.

Und dann schlug die Stun­de des TOOLS der ge­kop­pel­ten Su­per­com­pu­ter: Die Ton­spu­ren wur­den di­gi­tal tran­skri­biert und dann mi­nu­ti­ös von Pro­fis ab­ge­hört und kor­ri­giert, eine zwei­te Kon­trol­le folgte der au­to­ma­ti­schen „Über­tra­gung“.

Auf Eng­lisch be­deu­tet „In­tel­li­genz“ auch da­ta pro­ces­sing, Da­ten­ver­ar­bei­tung, dann Sam­meln und Aus­wer­ten von In­for­ma­tio­nen, Ge­heim­dienst, so­wie mensch­li­chen Es­prit. Die Re­duk­ti­on des Be­griffs auf die Idee der or­ga­ni­sier­ten Mas­sen­da­ten­ver­ar­bei­tung spricht Bän­de über un­se­re Zeit und je­ne, die sie blind be­ju­beln.

Zu­sam­men­fas­sung: Die drei zen­tra­len Kom­pe­ten­zen pro­fes­sio­nel­ler Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin­nen, also An­ti­zi­pa­ti­on, Aus­wahl und Re­duk­ti­on, sind durch kei­ne KI er­setz­bar. An­ti­zi­pa­ti­on be­zeich­net den ge­dank­li­chen Vor­griff, der auf jahr­zehn­te­lan­ger Le­bens­er­fah­rung, ge­ziel­ter Vor­be­rei­tung und fach­li­chem Vor­wis­sen ba­siert. Aus­wahl meint die Fä­hig­keit, in Echt­zeit zwi­schen Re­le­van­tem und Ne­ben­säch­li­chem zu un­ter­schei­den, auch dann, wenn Spre­chen­de sich ver­has­peln oder un­klar for­mu­lie­ren. Re­duk­ti­on ist das Ver­dich­ten des We­sent­li­chen, oh­ne den Sinn zu ver­fäl­schen.

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Fo­to: C.E. (Ar­chiv)

Mittwoch, 22. April 2026

Einfach (zu komplex)

Ein­blick in den Ar­beits­all­tag ei­ner Dol­met­sche­rin kön­nen Sie auf die­sen Sei­ten neh­men. Mei­ne Mut­ter­spra­che ist Deutsch, ich ar­bei­te über­wie­gend mit Fran­zö­sisch und Eng­lisch, die Büro­kol­le­gin über­setzt in die eng­li­sche Spra­che. KI-Mitt­woch!

Vor­hin be­kam ich eine Ton­nach­richt, kurz da­vor war mir auf­ge­fal­len, dass DeepL auch Sound trans­kri­biert und so­fort über­trägt, „Sprach­über­set­zung in Echt­zeit“ nen­nen sie dies. Wir Pro­fis wür­den „Über­tra­gung“ sa­gen und nicht „Über­set­zung“, für uns ist Letz­te­res an uns Men­schen ge­bun­den.

Test! Ich spu­le den Sound­file ab und schaue mal, was DeepL leis­tet.

Hin­ter­grund: Eine Freun­din, die nach Ber­lin reist sitzt im blo­ckier­ten Zug. Sie hät­te ei­gent­lich zu nor­ma­len Zei­ten bei uns ein­tref­fen sol­len. Es ist aber et­was Schlim­mes pas­siert, etwas, wo­von die Me­di­en zum Glück nicht in dem Maße be­rich­ten, wie es ge­schieht. Das ist kom­plett rich­tig so, um den Wer­ther-Ef­fekt zu ver­mei­den.

„Wir wis­sen nicht, wie sich die Din­ge ent­wi­ckeln wer­den“ ... ist kor­rekt über­tra­gen. An­sons­ten hat sich die Per­son lei­der nicht IN den Zug ge­wor­fen. 

Men­schen kom­mu­ni­zie­ren häu­fig in Aus­nah­me­fäl­len, spre­chen über Be­son­de­res bei Kon­fe­ren­zen, stel­len Neu­e­run­gen auf der Mes­se vor oder Ent­de­ckun­gen bei Fach­ge­sprä­chen un­ter Kol­leg:in­nen. Die KI nimmt im­mer das, was am wahr­schein­lichs­ten er­scheint auf­grund des ihr zur Ver­fü­gung ge­stell­ten Trai­nings­ma­te­ri­als. Man­che The­men kom­men nicht oft in der Öf­fent­lich­keit vor, sind Fach­wis­sen, De­tails, die schwer zu ent­schlüs­seln sind, der be­rühm­te Ele­fant im Raum oder ... sie­he oben.

devant le train. Et on ne sait pas comment les... choses vont se... poursuivre. Voilà. Juste pour que tu saches. Pourquoi. Tu vas. Tout coucher tard ce soir. Voilà. Je t'embrasse et à très bientôt. Pépé. // Warum. Du gehst. Alles spät ins Bett bringen heute Abend. So. Ich drücke dich und bis ganz bald. Opa

Was ist hier pas­siert? Auf Deutsch er­ge­ben sich Fra­ge­zei­chen: Wer bringt wen spät am Abend zu Bett? Die Kol­le­gin hat ne­ben dem Den­ken viel­leicht auch die Um­ge­bung be­trach­tet, war ab­ge­lenkt, ihre Sät­ze wa­ren vol­ler Pau­sen. Die KI hat Punk­te ge­setzt, lau­ter kur­ze Sät­ze dar­aus ge­macht und ein Wort miss­ver­stan­den: te cou­cher als tout cou­cher um­in­ter­pre­tiert, aus „dich schla­fen­legst“ wur­de „al­le schla­fen­le­gen / zu Bett brin­gen“.

Ge­sagt hat sie, von mir über­setzt: „Nie­mand weiß, wie das hier wei­ter­geht ... So, da­mit Du weißt, war­um du heu­te Abend spät ins Bett ge­hen wirst.“

Und mein fran­zö­si­scher Opa war nicht der An­ru­fer, ich habe kei­nen. Die­ses pé­pé hat die KI kom­plett er­fun­den. Im Zug wur­de eine Durch­sa­ge ge­star­tet und mei­ne Freun­din hat schnell die Ton­auf­nah­me be­en­det.

Die KI ist ge­schei­tert an: au­ßer­ge­wöhn­li­chen In­for­ma­tio­nen, Nach­den­ken beim Spre­chen (tun wir Men­schen halt, schlimm, schlimm), ab­ge­lenkt sein, Ne­ben­ge­räu­schen (te -> tout), nichts vom Kon­text wis­sen.

Sol­che tech­ni­schen An­ge­bo­te wie die von DeepL kön­nen im All­tag tat­säch­lich für vie­le eine Er­leich­te­rung brin­gen. Men­schen oh­ne ge­mein­sa­me Spra­che hät­ten sonst wohl auf sim­pli­fied Eng­lish kom­mu­ni­ziert. Sie wer­den das bei tech­nik­in­du­zier­ten Miss­ver­ständ­nis­sen wie in un­se­rem Bei­spiel wei­ter­hin ma­chen. In der Nut­zung des tech­ni­schen Diens­tes wä­ren also En­er­gie und Kühl­was­ser ver­schwen­det wor­den.

Im kon­kre­ten Fall wä­re bes­ten­falls ein Lu­xus­pro­blem ge­löst und kei­ner Dol­met­scher:in der Job weg­ge­nom­men wor­den. Zu die­ser Art von Kom­mu­ni­ka­tion wur­den noch nie  Pro­fis hin­zu­ge­zo­gen.

Es ist ein Fehler aufgetreten.

Ich habe die Tech­nik ge­tes­tet, als ich beim Tee in der Kü­che saß. Dort ist das Netz nicht so sta­bil. Ich schät­ze mal, dass des­halb das Pro­gramm drei Mal ab­ge­stürzt ist. Wir Dol­met­scher:in­nen ar­bei­ten auch dann, wenn es kei­nen Strom gibt.

Soll­ten ei­nes Ta­ges sol­che Gim­micks bei re­le­van­ten Auf­ga­ben ein­ge­setzt wer­den, ha­ben wir als Ge­sell­schaft ein schwer­wie­gen­des Pro­blem, das ist dann le­bens­ge­fähr­lich und nicht rechts­sicher. Ich den­ke an Si­tua­tio­nen im Asyl­ver­fah­ren, in der Er­mitt­lung im Kri­sen­fall, vor Ge­richt, im Kran­ken­haus oder über­all dort, wo Kom­mu­ni­ka­tion wich­tig ist, kann das nur schief­ge­hen. Wenn die Tei­le spä­ter mal bes­ser ge­wor­den sind oder sein wer­den, viel Luft ist bei der ak­tu­el­len Tech­nik noch, müs­sen künf­tig TROTZ­DEM wei­ter­hin pro­fes­sio­nel­le Dol­met­scher:in­nen ein­ge­setzt wer­den, denn nur die­se kön­nen si­cher­stel­len, dass die In­hal­te stim­men.

Résumé: „KI-Dol­met­schen“ ist ein Oxy­mo­ron, der klas­si­sche Wi­der­spruch in sich. Ich glau­be, er kommt di­rekt nach „di­gi­ta­len Emo­tion­en“. In­ter­na­tio­nale Ins­ti­tu­tio­nen, die da­mit ex­pe­ri­men­tiert hat­ten, sind zu mensch­li­chen Dol­met­scher:in­nen zu­rück­ge­kehrt. Und so hal­ten es der­zeit vie­le Kun­den nach ers­ten aus­führ­li­chen Tests.

Sprach­no­tiz
vi­tal,e — le­ben­dig
Das Wort ist der­zeit recht be­liebt und wird auch ver­wen­det, wenn eine le­bens­be­droh­li­che La­ge ein­ge­tre­ten ist, son pro­gnos­tic vi­tal est en­ga­gé ha­be ich neu­lich im Kran­ken­haus dol­met­schen müs­sen, sei­ne/ih­re Le­bens­er­war­tung ist ge­fähr­det.

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Gra­fik: DeepL.com

Dienstag, 21. April 2026

Mediendolmetschen (9)

Will­kom­men bei mei­nem Blog aus der Ar­beits­welt der Spra­chen. Ich bin Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin. Wie wir Dol­met­sche­rin­nen und Über­set­zer ar­bei­ten, ist oft nicht so ge­nau be­kannt. Des­halb schreibe ich hier im 20. Jahr.

Die An­fra­ge muss ich zwei­mal le­sen: Fünf Stun­den Si­mul­tan­dol­met­schen, ver­teilt auf drei Ta­ge, Dreh in Mar­seil­le, Ge­samt­ho­no­rar: 350 Eu­ro. Vor­aus­set­zung: vor Ort le­ben und Zeit ha­ben, am bes­ten noch ein Au­to ha­ben, denn auch ei­ne Fah­re­rin oder ein Fah­rer feh­len noch im Team. Ob ich je­man­den ver­mit­teln kön­ne, viel­leicht ei­ne frü­he­re Stu­den­tin?

Kopf als Graffiti an der Wand (mit Technik?)
Ein Kopf oh­ne Mund, oder? Dafür mit Au­ge, Na­se und Ohr.
Das ist kein Ho­no­rar, das ist ei­ne Ent­schei­dung: Hier wer­den keine Pro­fis ge­sucht, son­dern Lai­en. Ja, es gibt be­gab­te Lai­en. Aber wer un­ter die­sen Um­stän­den ei­nen sol­chen Auf­trag zu­sagt, ist wahr­schein­lich neu da­bei und ahnt nicht, was pas­sie­ren kann, oder ihm/ihr ist Do­ku­men­tar­film ei­gent­lich egal.

Aber beim Me­di­en­dol­met­schen geht es nicht um „ir­gend­wie ver­ständ­lich". 

Da ist das Setting: Je­mand führt ein Ge­spräch, das zur Grund­la­ge ei­nes Films wer­den oder darin et­was Wich­ti­ges il­lus­trie­ren soll. Es wer­den Fra­gen ge­stellt, die Re­gie muss die Ant­wort hö­ren. Nicht spä­ter im Schnitt, nicht ent­stel­lend oder ver­kürzt zu­sam­men­ge­fasst, son­dern live (oder leicht zeit­ver­setzt). Das ist die Vor­aus­set­zung für ei­nen ech­ten Dia­log vor der Ka­me­ra, nur so kann nach­ge­hakt und der Fa­den ge­hal­ten wer­den oder die Rich­tung ge­än­dert. Nur so ent­steht Ma­te­ri­al für den Schnei­de­raum. Das, soll­te al­les schief­ge­hen, nicht oder kaum ver­wen­det wer­den kann.

Im Detail geht es um gan­ze Sät­ze, um Ein­deu­tig­keit und da­rum, sowas wie „ja, durch­aus, wie ich vor­hin schon ge­sagt ha­be ..." zu ver­mei­den.

Bei­de Spra­chen ei­ni­ger­ma­ßen zu be­herr­schen, ist die ei­ne Sa­che. Von ei­nem Idi­om ins näch­ste zu über­tra­gen, die an­de­re. Der fran­zö­si­sche Fah­rer mit deut­scher Frau macht das pri­vat. Die Stu­den­tin im Grund­stu­di­um, die seit ei­nem Se­mes­ter in Mar­seil­le lebt, über­trägt manch­mal noch im Kopf. Das reicht für pri­va­te Si­tua­tio­nen. Aber über vie­le Mi­nu­ten und Stun­den kon­zen­triert zu­zu­hö­ren und dann auch noch die In­hal­te sau­ber zu über­tra­gen, ist noch ein­mal et­was ganz an­de­res.

Ein­schub: Von je­nen, die Dol­met­schen stu­die­ren möch­ten, wer­den nicht al­le an­ge­nom­men, und nicht al­le blei­ben im Stu­di­um da­bei. Von je­nen, die sich spä­ter am Markt ver­su­chen, schei­den vie­le rasch wie­der aus. Es blei­ben je­ne, die da­mit klar­kom­men, stän­dig im Wech­sel Sprints zu lau­fen und dann ak­tiv zu pau­sie­ren, nur zu­zu­hö­ren ... und das auf ei­ner Ma­ra­thon­stre­cke. Ei­ne Ar­beit, die wir über Jah­re trai­nie­ren. Ein­schub­en­de.

Bei si­mul­ta­nem Dol­met­schen gilt: Lai­en schaf­fen in der Re­gel fünf Mi­nu­ten, dann lie­fern sie 50 oder 20 Pro­zent des Ge­sag­ten. Die Kur­ve ist in­di­vi­du­ell. Wie lan­ge bleibt die Über­tra­gung ak­ku­rat, wenn die Sät­ze län­ger wer­den, wenn je­mand ab­bricht, neu an­setzt, sich wi­der­spricht? Wann kippt es von „passt schon" in „ir­gend­wie"?

Bei kon­se­ku­ti­vem Dol­met­schen wird es auch nicht leich­ter: ei­ne Über­tra­gung, die zu früh kommt, liegt auf dem Ori­gi­nal­ton. Ei­ne, die zu spät kommt, macht al­le ner­vös und nimmt dem Red­ner den Flow des Ge­sprächs. Auch hier lie­fern Über­tra­gun­gen mit vie­len Lö­chern we­nig An­satz­punk­te für Rück­fra­gen.

Bei sol­chen Set­tings kann meis­tens nur der Fra­ge­zet­tel ab­ge­ar­bei­tet wer­den. Ein ech­tes Ge­spräch kommt nicht zu­stan­de. Wi­der­sprü­che, bei de­nen so­fort nach­zu­fra­gen ge­we­sen wä­re, zei­gen sich erst spä­ter schmerz­lich im Schnitt.

Schon bei der Ar­beit merkt auch das Team, dass et­was fehlt. Die Per­son an der Ka­me­ra merkt es zu­erst. Sie weiß nicht mehr, wann ein be­son­de­rer Mo­ment ent­steht, wann sich ein Blick lohnt, wann gleich et­was pas­siert. Sie filmt ins Un­ge­fäh­re. Die Ton­tech­nik läuft mit, aber sie weiß nicht, ob sie ge­ra­de ei­nen Ge­dan­ken ver­liert oder nur ei­ne Pau­se auf­nimmt. Das gan­ze Set ar­bei­tet oh­ne si­che­ren Bo­den.

Ich den­ke an man­chen Fi­nanz­men­schen in der Film­pro­duk­ti­on, der so tut, als lie­ße sich Ver­ste­hen spä­ter nach­lie­fern. Ge­sprä­che, ein mensch­li­cher „Draht", Wahr­haf­tig­keit und auch über­ra­schen­de Mo­men­te ent­ste­hen aber vor Ort im In­ter­view, im Au­gen­blick und nicht im Schnei­de­raum. Wir Pro­fi­dol­met­scher:in­nen er­mög­li­chen frei­en Aus­tausch oh­ne Sprach­bar­rie­ren, kein Ab­ar­bei­ten ei­ner Fra­ge­lis­te, kein Sto­chen im Ne­bel oder Flu­chen über Un­ge­nau­ig­kei­ten oder hal­be Sät­ze oder die­se „rie­si­ge Dis­tanz" zur in­ter­view­ten Per­son.

Was im Schnitt fehlt, fehlt. Und die Film­pro­duk­ti­on wird es spä­ter be­zah­len. Was ein­ge­spart wur­de, wan­dert in die Mehr­kos­ten in der Post­pro­duk­ti­on. Dort zahlt auch die Re­gie mit Herz­blut, weil die In­ter­view­ten nicht das Er­hoff­te „brin­gen". Schließ­lich kos­tet die Im­pro­vi­sa­ti­on den Film auch Qua­li­tät. Lei­der lässt sich das in der Film­kal­ku­la­ti­on nicht be­zif­fern.

Und ob­wohl die KI hier nicht er­wähnt wur­de, so schweb­te sie als be­droh­li­ches Ar­gu­ment über der Sze­ne­rie, um den Preis zu drüc­ken. Aber die KI kann's nicht. Ih­re an­geb­lich ho­hen „Er­folgs­ra­ten“ aus der Wer­bung wur­den im La­bor nach lan­gen Trai­nings er­reicht, da­zu mor­gen mehr. In der Pra­xis schafft sie, Be­ob­acht­un­gen nicht nur von Pro­fis zu­fol­ge, um die 50 Pro­zent, und ne­ben Lüc­ken kommt es zu viel­leicht 20 Pro­zent er­fun­de­nem KI-Schwur­bel. Na dann, viel Glück beim Sor­tie­ren und viel Spaß!

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Fo­to:
C.E. (Ar­chiv)

Montag, 20. April 2026

Montagsschreibtisch (136)

Den Ar­beits­all­tag ei­ner Dol­met­scherin finden Sie auf diesen Sei­ten skiz­ziert. Meine Mut­ter­spra­che ist Deutsch, ich arbei­te über­wie­gend als Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin mit Fran­zö­sisch und Eng­lisch. Los geht's in ei­ne neu­e Wo­che!

Abgeschabte Buchstaben auf Tastatur
Zwei Dut­zend Dreh­bücher spä­ter ...
D
ie­se Wo­che liegt auf dem Schreib­tisch:
❀ ak­tu­el­le Po­li­tik
❀ Be­ra­tung: Me­dien­dol­met­schen
❀ An­ge­bo­te schrei­ben

Ger­ne schrei­be ich auch für Sie ein Preis­an­ge­bot! Ich ha­be zu­dem noch Ka­pa­zi­tä­ten für Dreh­buch­über­set­zun­gen frei. Und lan­ge schon ei­ne neue Tas­ta­tur ...
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Fo­to:
C.E. (Ar­chiv)

Sonntag, 19. April 2026

Mademoiselle Baye

Was Dol­met­sche­rin­nen und Über­set­ze­rin­nen, Über­set­zer und Dol­met­scher so um­treibt, kön­nen Sie hier aus der Per­spek­ti­ve ei­ni­ger Pro­fis mit­le­sen. Vor al­lem bloggt hier Ca­ro­li­ne Eli­as, Se­nior con­fe­rence in­ter­pre­ter, Ber­lin, für die fran­zö­si­sche Spra­che. Im Eng­li­schen meint se­nior schlicht: sehr er­fah­ren, kurz: „Dol­met­sche­rin mit viel Be­rufs­er­fah­rung“. Mei­ne Dritt­spra­che ist Eng­lisch, was auch die Ziel­spra­che mei­ner Bü­ro­kol­le­gin ist.

Vie­le Be­rufs­jah­re brin­gen vie­le Er­in­ne­run­gen mit sich. Heu­te bin ich sehr trau­rig. Be­vor der Re­gen kommt, ma­chen wir ei­nen Sonn­tag­mor­gen­spa­zier­gang in Ge­dan­ken an Na­tha­lie Baye, die let­zte Wo­che mit nur 77 Jah­ren ge­stor­ben ist.

Tisch, Stüh­le, Buf­fet, Por­trait im Rah­men, Lüs­ter, Ka­min, Sitz­ecke am Fens­ter, Pflan­zen
Sa­lon vor 100 Jah­ren
Sie war ei­ne mei­ner Lieb­lings­schau­spie­le­rin­nen auf der Lein­wand und auch im wirk­li­chen Le­ben, weil Ma­de­moi­sel­le Baye bei der Dol­met­sch­ar­beit in un­end­li­chen In­ter­view­rei­hen, den so­ge­nann­ten Press Jun­kets, am lus­tigs­ten und mun­ters­ten von al­len war, um die ich mich je­mals küm­mern durf­te (... und nur knapp da­hin­ter: Clau­de Cha­brol).

Ihre Warm­her­zig­keit und Schlag­fer­tig­keit ha­ben mir im­po­niert. Sie wuss­te, dass die­ses stun­den­lan­ge Fra­ge-Ant­wort-Spiel für uns bei­de ähn­lich an­stren­gend war, aber ihre Bo­den­stän­dig­keit und dass sie kein Auf­he­bens um sich mach­te, lie­ßen die Stun­den kür­zer und die Ar­beit leich­ter er­schei­nen, als sie wa­ren. An­gli­ka Schou­ler aus Pa­ris hat sie gut in die­sem Zi­tat zu­sam­men­ge­fasst: Les vrais ta­lents n’ont pas be­soin de se la jouer. (Auf Deutsch etwa: "Wah­re Ta­len­te mü­ssen sich nicht wich­tig ma­chen.")

Ich er­in­ne­re mich an ei­ne frü­he Be­geg­nung in ei­ner Lu­xus­suite ei­nes frisch er­öff­ne­ten Ho­tels am Pots­da­mer Platz. Das Haus ist ei­nes der­je­ni­gen, die al­le mög­li­chen For­men aus den Stil­kun­de­bü­chern wild zu­sam­men­mi­xen (... die Ul­tra­post­mo­derne, auch „Rost­mo­der­ne“ ge­nannt, der Scherz am Ran­de sei mir bei ei­nem Winz­nach­ruf er­laubt), und die zu­gleich so tun, als hät­ten sie schon vor hun­dert Jah­ren dort ge­stan­den.

Was jetzt folgt, ist ein Vier­tel­jahr­hun­dert her. Das Haus war das letz­te gro­ße Haus, das am aus dem Bo­den ge­stampf­ten Pots­da­mer Platz auf­ge­macht hat. Die Kli­ma­an­la­ge war noch nicht fein­jus­tiert wor­den. Wir sa­ßen buch­stäb­lich im Wind.

Sie ließ je­man­den kom­men und sag­te: Pour­riez-vous, s'il vous plaît, ré­duire cet af­freux cou­rant d’air ? Nous ne par­ti­ci­p­ons pas ici à un test en tun­nel aé­ro­dy­na­mique … mê­me si nos car­ros­se­ries af­fi­chent une aé­ro­dy­na­mique tout à fait com­pé­ti­ti­ve!

Ich ha­be das, glau­be ich, et­was schlich­ter über­tra­gen, in der Art wie: „Dürf­ten wir Sie bit­ten, die Kli­ma­an­la­ge et­was run­ter­zu­fah­ren? Wir mö­gen ele­gan­te For­men ha­ben, hat Frau Baye ge­ra­de ge­sagt, sind aber kei­ne Erl­k­ö­ni­ge im Wind­ka­nal.“ [Da­mals wur­de nur we­nig ge­gen­dert.]

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Gra­fik: C.E.

Freitag, 17. April 2026

KI-Test

Notizen aus dem Ar­beits­all­tag ei­ner Dol­met­sche­rin kön­nen Sie hier le­sen. Ich bin Si­mul­tan­dol­met­sche­rin für die fran­zö­si­sche Spra­che. Mei­ne Haupt­ein­satz­ge­bie­te sind Kon­fe­ren­zen, Ver­hand­lun­gen, Mes­sen, De­le­ga­ti­ons­rei­sen und öf­fent­li­che Ver­an­stal­tun­gen. Mei­ne Mut­ter­spra­che ist Deutsch. Ich ar­bei­te da­ne­ben auch mit der eng­li­schen Spra­che, was die Ziel­spra­che mei­ner als Über­set­ze­rin tä­ti­gen Bü­ro­kol­le­gin ist. Heu­te ein kur­zer Nach­trag zum KI-Mitt­woch.

Für die nach Per­fek­tion stre­ben­de KI sind wir Men­schen zu un­per­fekt. So kann ich mei­nen Bei­trag von vor­ge­stern zu­sam­men­fas­sen. Un­se­re Spra­che ist nicht im­mer ein­deu­tig. Und da­mit kann die KI nicht um­ge­hen. Hö­ren Sie selbst (ab Sekun­de 30 wird's ab­surd):

Bei uns Zwei­bei­nern gibt es zwi­schen Null (ein En­de) und Eins (das an­de­re En­de) ei­ne gro­ße Viel­falt an Nuan­cen, Fein­hei­ten, Un­schär­fen, Kul­tur­ab­hän­gi­gem, an Takt und di­plo­ma­ti­scher Rück­sicht­nah­me, an Nu­an­cie­rung auf­grund von Emp­find­lich­kei­ten und Ver­mei­dungs­stra­te­gien. (Die KI kennt we­der Samt­hand­schu­he noch Fett­näp­fchen.)

Manch­mal sind es ein­fach nur Ent­wick­lun­gen, die mit neu­en Be­grif­fen ein­her­ge­hen, die bei der Red­ne­rin oder beim Red­ner noch nicht kom­plett sit­zen. Kurz: Kom­mu­ni­ka­ti­on von uns Men­schen ist sel­ten so ein­deu­tig und so per­fekt, dass das Aus­gangs­ma­te­ri­al so gut ist, dass die KI kaum Feh­ler macht.

Un­se­re Spra­che ist oft mehr­deu­tig. Ge­nau da­ran schei­tert die KI.

Bei ein­fa­chen Be­grif­fen und Wort­fol­gen macht die KI nur we­nig Feh­ler; es ist die kom­ple­xe­re Spra­che, die sich als schwie­rig er­weist, Aus­nah­me­kom­mu­ni­ka­ti­on, die zu Ent­schei­dun­gen führt, und vor al­lem sind es die Si­tua­tio­nen, an de­nen die KI gerne schei­tert.

Und wo ich hier schon wie­der so viel über die Grau­be­rei­che zwi­schen Schwarz und Weiß schrei­be, darf ich auch das wie­der­ho­len, was eng da­mit zu­sam­men­hängt: nach­den­ken! Wir Men­schen den­ken län­ger nach, an­ders als die Ma­schi­ne eben auch sehr oft zwi­schen­durch, und das für ihr an­de­res Tem­po häufig pro­ble­ma­tisch.

Es gibt ei­ne neue „KI-Über­tra­gungs­funk­ti­on“ bei Zoom, ei­nem In­ter­face für Mee­tings. Sie ist in der BE­TA-Pha­se. Abon­nent:in­nen, die mit Haupt­welt­spra­chen wie Eng­lisch, Chi­ne­sisch und Spa­nisch zu tun ha­ben, be­kom­men zehn Pro­be­stun­den in­ner­halb von zwei Mo­na­ten gra­tis. Ernest Niño-Murcia, ein Spa­nisch<>Eng­lisch-Kol­le­ge, hat sie ge­tes­tet und fest­ge­stellt, was wir al­le wuss­ten: sie­he oben (und sie­he auch hier). Spra­che ist kon­text­ab­hän­gig und funk­tio­niert zwi­schen Men­schen mit ei­nem sehr ho­hen An­teil an im­pli­zi­tem Wis­sen, das in kei­nem Wör­ter­buch und in kei­ner Ab­hand­lung über Wort­bil­dung steht.

Aber Denk­pau­sen ir­ri­tie­ren die KI ma­xi­mal. Sie in­ter­pre­tiert Denk­pau­sen oft als Satz­en­de, und dann ras­selt mög­li­cher­wei­se der gan­ze Satz zu­sam­men, weil die Be­zü­ge nicht mehr stim­men. Oder aber sie macht Pau­sen, springt in ein an­de­res Idi­om, bricht mit­ten­drin ab.

Hier ist der gan­ze Test, Thank you, Er­nest Niño-Mur­cia!

Mal se­hen, wann die Me­di­en auf­wa­chen. KI, hold my beer!

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Film: E. Niño-Mur­cia / TEA Lan­guage So­lu­tions

Donnerstag, 16. April 2026

The Cuckoo

Zu­fäl­lig oder ge­plant: Sie sind hier auf der Blog­seite ei­ner Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin ge­lan­det. Wie wir Sprach­pro­fis ar­bei­ten, ist seit 2007 Ge­gen­stand die­ses Web­logs. Mei­ne Mut­ter­spra­che ist Deutsch, ich ar­bei­te meis­tens als Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin mit Fran­zö­sisch und Eng­lisch, die Bü­ro­kol­le­gin über­setzt in die eng­li­sche Spra­che.

Cu­cu­lus ca­no­rus
Auch ich darf mein Eng­lisch ein­mal mehr ver­bes­sern.

Manch­mal ha­be ich mit ei­nem De­menz­kranken zu tun, der lan­ge in Lon­don ge­lebt hat. So spre­che ich mehr Eng­lisch als sonst. Und ich ler­ne eng­li­sche Kin­der­ver­se, nur­se­ry rhymes.

The Cuckoo comes in April,
In May she sings all day,
In June she changes her tune,
In Ju­ly she makes rea­dy to fly,
And Au­gust she flys away.

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Fo­to: Wi­ki­com­mons / Lo­ca­gua­pa
(with­out any chan­ges)

Mittwoch, 15. April 2026

Vielschichtigkeit

Herz­lich will­kom­men auf den Sei­ten ei­ner Dol­met­sche­rin, auf de­nen ich über Spra­che und Wör­ter schrei­be und über das, was zwi­schen den Zei­len steht. Ich bin Si­mul­tan­dol­met­sche­rin, ar­bei­te bei Kon­fe­ren­zen, auf Mes­sen und be­glei­te De­le­ga­ti­ons­rei­sen. Heu­te: KI-Mitt­woch!

Vogelperspektive: runder Konferenztisch
Hier geht's rund!
Auf Fran­zö­sisch bin ich une in­ter­prè­te, wört­lich: ei­ne In­ter­pre­tin. Nein, kei­ne Schau­spie­le­rin, da­für wird der Be­griff im Fran­zö­si­schen üb­ri­gens auch ge­braucht (ne­ben ac­tri­ce).
Und schon sind wir mit­ten im The­ma. Heu­te geht es um Sprach­- und Si­tua­tions­viel­falt. Ich in­ter­pre­tie­re, was ich hö­re, wäh­le in der Men­ge der mög­li­chen Be­grif­fe je­ne aus, die Sinn er­ge­ben in dem je­wei­li­gen Kon­text, bei der je­wei­li­gen Per­son, die die­se oder je­ne Sprech­ab­sich­ten hat, im­mer ab­ge­si­chert durch mein In­for­ma­ti­ons- und Vor­be­rei­tungs­ma­te­ri­al.

Denn 80 Pro­zent un­se­rer Ar­beit hängt von der Vor­be­rei­tung ab. Hier ent­steht Qua­li­tät, le­ge ich die Grund­la­gen für Aus­wahl, Ge­wich­tung, An­ti­zi­pa­tion.

Ja, aber die Ma­schi­nen wüss­ten al­les, hö­re ich Zwei­fler:in­nen an mei­nen Wor­ten ein­wen­den. Sie ha­ben al­le In­for­ma­tio­nen der Welt zur Ver­fü­gung, al­so dürf­ten sie sich doch nicht groß ver­tun! Und so­wie­so: Die Ma­schi­nen wür­den je­den Mo­nat, ja je­de Wo­che bes­ser! Es wä­re nur ei­ne Fra­ge der Zeit, und ich wä­re ar­beits­los!

Dass Com­pu­ter­sys­te­me schon sehr bald ge­spro­ch­ene und ge­schrie­be­ne Spra­che per Knopf­druck über­tra­gen kön­nen, wird min­des­tens seit den 1950-er­n geschrieben. So alt ist je­den­falls das äl­tes­te Buch über Com­pu­ter­lin­guis­tik in un­se­rer Bi­blio­thek.

Die Ma­schi­nen er­sau­fen in zu viel In­fo, jetzt kom­men auch noch die Kom­men­tar­tex­te der aso­zia­len The­men hin­zu so­wie die Aus­wür­fe der Ma­schi­ne, die sie selbst bis­her pro­du­ziert hat, denn die Mas­se des ge­schrie­be­nen Wor­tes soll welt­weit ein­mal ab­ge­gras­t sein, so­weit di­gi­tal ver­füg­bar. Und ge­nau das ist das ei­ne Pro­blem: Zu viel Ma­te­rial, zu we­nig Kon­text­dif­fe­ren­zie­rung, zu schlecht. Dann das an­de­re: Ma­schi­nen kön­nen Re­le­vanz nicht ei­gen­stän­dig de­fi­nie­ren, son­dern nur aus Trai­nings­mus­tern ab­lei­ten. Und ge­nau da kippt es in spe­zia­li­sier­ten, sen­si­blen und neu­en Zu­sam­men­hän­gen. Und wo­zu wer­den Events ver­an­stal­tet, wenn nicht für das Neue, das Be­son­de­re?

Ne­ben dem Kon­text stö­ren auch noch grund­le­gen­de Ei­gen­schaf­ten der Spra­che, zum Bei­spiel ih­re Viel­fäl­tig­keit. Beim Un­ter­ti­teln hilft uns un­se­re All­ge­mein­bil­dung, das rich­ti­ge Wort her­aus­zu­pi­cken. Wer sich mal ei­ne Wei­le mit You­Tube-Ti­teln be­fasst hat, merkt das Di­lem­ma der Ma­schi­nen, die häu­fig Ho­mo­ny­me neh­men und in Un­ter­ti­tel ein­bau­en. Aber Ho­mo­ny­me klin­gen eben nur ähn­lich, be­deu­ten in der Re­gel et­was ganz an­de­res.

Kurz: Die Ma­schi­ne greift oft auf im Kon­text voll­kom­men sinn­lo­se Wör­ter zu­rück. Ist das ein Sub­stan­tiv, wird dann ger­ne auch das Nach­ste­hen­de voll­kom­men ver­frem­det, dann kip­pen die Sät­ze in Se­rie um wie die Do­mi­no­stei­ne und rei­ßen den Rest mit in den Ab­grund.

Die Tech­nik kann oft auch nicht mit Pau­sen um­ge­hen, die wir Men­schen ma­chen, mit Nach­denk- oder Blick­pau­sen, win­zi­gen Zwi­schen­fäl­len, dem War­ten auf den Po­wer­Point, mit be­son­de­ren Be­to­nun­gen. Dann kol­la­bie­ren manch­mal die Be­zü­ge, ent­ste­hen Lö­cher, legt die KI-Stim­me kurz ICE-Tempo ein, um dann in ge­mäch­li­chem Re­gio­nal­zug­tem­po wei­ter­zu­ma­chen, wenn ich die­ses als Stan­dard für die Nach­voll­zieh­bar­keit set­ze. Und na­tür­lich fällt beim Stak­ka­to In­halt weg bzw. wird ver­stüm­melt.

Das gilt auch für zu schnell vor­ge­tra­ge­ne In­hal­te, wo wir Men­schen dank der Vor­be­rei­tung wis­sen, was das We­sent­li­che des Bei­trags ist, auf das wir das Ge­sa­gte run­ter­metz­gern. Die­ses Mal ist der ICE am Spre­cher­pult.

Das wa­ren jetzt ei­ni­ge Sy­mbo­le für Wor­te in Be­we­gung. Ja, die Tech­nik ist dy­na­misch. Und durch­aus, das Ma­schi­nen­kau­der­welsch ver­bes­sert sich je­des Jahr ein My. Aber es geht lang­sam, alles, was mit der Es­senz von Kom­mu­ni­ka­tion zu­sam­men­hängt, Emo­tio­nen, kul­tu­rel­le Be­zü­ge, Hu­mor, wer­den die LLMs nicht ler­nen. Das Problem derzeit ist, dass Menschen, die die an­de­re Spra­che nicht ken­nen, die Feh­ler aber nur dann auf­fal­len, wenn es kom­plett ab­surd wird. Das Va­ge oder ei­ni­ger­ma­ßen Ver­ständ­li­che führt be­son­ders in die Ir­re.

Wel­che Kon­fe­renz­ver­an­stal­ter:in­nen möch­ten mit Un­ge­fäh­rem ar­bei­ten, wel­che Mes­se­stand­lei­tun­gen ei­ne Bla-Bla-Kom­mu­ni­ka­tion ha­ben, die nicht zum Nach­fra­gen bei den Men­schen vor Ort an­regt?

Ne­ben Ho­mo­ny­men schla­gen auch Ak­zen­te zu: Ich muss rasch an die Kol­le­g:in­nen im EU-Par­la­ment den­ken, die auch Bay­nglisch oder Schwäng­lish meis­tern, oh­ne in La­chen aus­zu­bre­chen. Vor al­lem schaf­fen sie dar­über hin­aus, auch noch den In­halt rü­ber­zu­wup­pen. (Als ich das ers­te Mal Öt­tin­ger-Eng­lisch ge­hört ha­be, ha­be ich Trä­nen ge­lacht und muss­te die Ka­bi­ne ver­las­sen. Aber so­gar dieses Idiom kön­nen wir Men­schen ler­nen.)

Ach, wenn das jetzt nur al­les wä­re! Sehr oft ver­has­peln sich Men­schen, star­ten ei­nen Satz neu, spre­chen in An­deu­tun­gen oder nu­scheln. Der ei­ne hat ei­ne Ha­sen­schar­te, die an­de­re ist kom­plett ver­krampft (und knö­delt), ist vol­ler Iro­nie oder ver­greift sich im Be­griff (was wir Men­schen kor­ri­gie­ren dür­fen und kön­nen, vor­aus­ge­setzt, wir ha­ben im Vor­feld aus­rei­chend Vor­be­rei­tungs­ma­te­ri­al er­hal­ten). Kurz: Wir Zweibeiner und un­se­re Spra­che sind viel zu viel­fäl­tig und feh­ler­be­haf­tet, da­mit kom­men die Bits und Bytes nicht klar.

Ei­ne Kon­fe­renz, ei­ne Verh­and­lung, ei­ne De­le­ga­tions­rei­se sind zudem keine Si­tua­tio­nen, in de­nen „wah­rschein­lich rich­tig“ aus­reicht. Da braucht es je­man­den, der not­falls ein­greift, glät­tet, nach­fragt, ent­schei­det. Ge­nau die­ser Mo­ment, das ak­ti­ve Ein­grei­fen, ist etwas, das Ma­schi­nen struk­tu­rell fehlt.

Die KI schei­tert manch­mal an der Spra­che, häufig an Si­tua­tio­nen.

An­ders­rum ge­sagt: Wenn al­le Wör­ter ei­nen ein­deu­ti­gen Sinn hät­ten und nicht kon­text­ab­hän­gig wä­ren, wenn Ma­schi­nen Sin­ne hät­ten, füh­len könn­ten und vor die­sem Hin­ter­grund nicht her­um­rät­seln müss­ten, son­dern ent­schei­den könn­n­ten, wenn un­se­re Ar­beit nicht ver­trau­lich wä­re, wenn die KI in sol­chen Mo­men­ten nicht hal­lu­zi­nie­ren wür­de, wenn die KI von den Lip­pen ab­le­sen und Kör­per­spra­che er­ken­nen könn­te und zu Iro­nie fä­hig wä­re, wenn die gro­ßen Ma­schi­nen nicht den Tech-Fa­schis­ten ge­hö­ren wür­den, die mit Sprach­ver­bo­ten für Ver­zer­rung sor­gen, wenn die KI nicht im­mer al­les auf das ma­the­ma­tisch wahr­schein­lichs­te Mit­tel run­ter­pe­geln müss­te, wenn die KI auch oh­ne Wlan und Strom­ka­bel ar­bei­ten könn­te, ja, dann wür­de die KI uns er­set­zen, nun, éven­tuel­le­ment (nicht: even­tual­ly).

Zu­ge­spitzt könn­te ich sa­gen: Beim Dol­met­schen durch die KI stö­ren ers­tens die Spre­cher:in­nen und zwei­tens die Zu­hö­rer­schaft. Sonst läuft al­les per­fekt! Al­so fast, aber bald, mög­li­cher­wei­se, viel­leicht!

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Gra­fik: Pixlr.com (Zu­falls­fund)

Samstag, 11. April 2026

Frühlingsgedicht

Bienvenue auf den Seiten einer Sprachar­bei­te­rin. Wie Übersetzerinnen, Über­set­zer, Dolmetscherinnen und Dolmetscher arbeiten, können Sie hier mitlesen. Meine Arbeitssprachen sind (neben Deutsch) Französisch und Englisch (das Idiom Shakes­peares meistens als Ausgangssprache). Und manchmal übersetze ich das, was ich sehe, in Worte. 

Baum, Blätter, blauer Himmel, Häuser
Luft und Himmel
Fadenscheinig
April webt feinen, grünen Schuss
In braune Kette, fadenscheinig
Sieht es aus oder wie eine
Doppelbelichtung: Ich sehe
Den Straßenbaum und auch
Das Haus dahinter. Zeitgleich.

Da wird mir klar:
Das Wichtigste an den Bäumen ist
Die Luft zwischen den Blättern.

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Foto: C.E.

Dienstag, 7. April 2026

Montagsschreibtisch (134)

Ein­blick in den Ar­beits­all­tag ei­ner Dol­met­sche­rin kön­nen Sie auf die­sen Sei­ten neh­men. Mei­ne Mut­ter­spra­che ist Deutsch, ich ar­bei­te über­wie­gend mit Fran­zö­sisch und Eng­lisch, die Büro­kol­le­gin über­setzt in die eng­li­sche Spra­che. Ge­ra­de fre­uen sich al­le über die sprie­ßen­de Na­tur.

Bald wie­der: Out­door­bü­ro
Der Mon­tags­schreib­tisch folgt heu­te fei­er­tags­be­dingt am Diens­tag. Ich bin nur halb­tags am Ar­beits­platz, sonst ge­hört die Zeit dem Früh­jahr.

Was steht die­se Wo­che an?

❦ drei An­ge­bo­te schrei­ben (Kon­fe­ren­zen)
❦ Ter­mi­ne mit Blei­stift in den Ka­len­der ein­tra­gen
❦ Fil­me sich­ten für Mo­de­ra­tio­nen auf einem Fes­ti­val
❦ An­ge­bot für ei­ne Dreh­buch­über­set­zung


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Fo­to: C.E. (Ar­chiv)

Dienstag, 31. März 2026

Keine Gastrokritik

Will­kom­men bei mei­nem Blog aus der Ar­beits­welt der Spra­chen. Ich bin Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin. Wie wir Dol­met­sche­rin­nen und Über­set­zer ar­bei­ten, ist oft nicht so ge­nau be­kannt. Zum Be­ruf ge­hört auch, dass wir uns stän­dig Ge­dan­ken über die Ar­beits­welt ma­chen, über Spra­che und Tech­nik und über Or­te.

Kellerkneipe, 70-er Jahre
Zum Glück wird heute nicht mehr in Kneipen geraucht
Vor dem Ki­no­gang sit­zen wir im Gast­raum ei­nes Res­tau­rants in Ber­lin-Kreuz­berg. Es schmeckt mir nicht. Ich sto­che­re in mei­ner Ge­mü­se­brü­he her­um. Sie schmeckt ein My scharf, ein My nach Sel­le­rie, das heiße Wasser hat sonst ein Aro­ma von Brüh­wür­fel. Dazu schwim­men noch ei­ni­ge Fä­den ge­ras­pel­ter Ka­rot­te und wei­ße Schnip­sel he­rum.

Ist das Sel­le­rie, Pe­ter­si­lien­wur­zel oder Pas­ti­na­ke? Ich kann's nicht iden­ti­fi­zi­eren, zu klein, zu lan­ge ge­kocht; on top ei­ni­ge Pe­ter­si­li­en­blatt­zi­ta­te. Der Kör­per ver­bucht das Mahl als Schein­fas­ten. Seit Wo­chen ha­be ich al­ler­gi­sche Re­ak­tio­nen, wenn ich aus­wärts esse. Jetzt mi­ni­mie­re ich das Ri­si­ko. 

Wa­re­nein­satz von un­ter fünf­zig Cent, rech­net der Hinterkopf zu­sam­men, viel­leicht so­gar in­klu­si­ve der teu­ren Ener­gie. Preis­lich liegt die Sup­pe bei 7,90 Eu­ro, was dem Gan­zen ei­ne ge­wis­se me­ta­phy­si­sche Tie­fe ver­leiht. Dazu Bio­tee, 3,90 Eu­ro für hei­ßes Was­ser mit Dop­pel­kam­mer­beu­tel. So­viel kos­tet sonst die Pac­kung mit 20 Beu­teln. Im­mer­hin ist es acht­sam prä­sen­tiert, al­so oh­ne Keks, kei­ne un­nö­ti­gen Ver­loc­kun­gen, das ist wirk­lich su­per!

Aber für Dank­bar­keit wird mir kaum Zeit ge­gönnt. Die Tür zu den Toi­let­ten geht auf. Je­des Mal riecht es da­bei pe­ne­trant nach Rei­ni­gungs­mit­teln. Das stört al­le.

Wäh­rend ich mein Süpp­chen löf­fele, kommt mir ein Ge­dan­ke, der mit Gas­tro­no­mie nur am Ran­de zu tun hat. Wir be­zah­len im Res­tau­rant nicht nur den Wa­ren­ein­satz, der im Schnitt bei et­wa 25 bis 35 Pro­zent liegt, son­dern vor al­lem die Struk­tur da­hin­ter. Das Gros des Prei­ses ver­schwin­det in Mie­te, Per­so­nal, En­er­gie und all dem, was da­für sorgt, dass der Löf­fel sei­nen Weg zu mir fin­det. Die Sup­pe ist nur der sicht­ba­re Teil.

Beim Dol­met­schen ist das an­ders. Ich brau­che kei­ne Hül­le, kei­ne teu­re La­ge, kei­ne Ku­lis­se. Ich bin selbstän­di­ge Dol­met­sche­rin aus dem Pre­mi­um­seg­ment, ein Bio-Fein­kost­la­den oh­ne Ge­schmacks­ver­stär­ker in der Wa­re, oh­ne künst­li­che Farb­stof­fe, oh­ne auf­ge­bläh­te Ver­pa­ckung mit un­rea­lis­ti­schem Ser­vier­vor­schlag, oh­ne Wer­bung. Bei mir be­kom­men Sie, wo­für Sie be­zah­len, ehr­lich, of­fen, klar.

Um im Le­bens­mit­tel­bild zu blei­ben, wir sind der Fein­kost­la­den und Agen­tu­ren die Dis­coun­ter mit sen­sa­tio­nel­ler Mar­ge. Oft blei­ben dort 50 Pro­zent oder mehr des ei­gent­lich für un­se­re Ar­beit be­stimm­ten Ho­no­rars hän­gen, oh­ne dass dies Ein­fluss auf die Qua­li­tät hät­te (eher im Ge­gen­teil).

Wer di­rekt bucht, spart sich die Hül­le, in­ves­tiert in die Ar­beit, bekommt se­nior in­ter­pre­ters, also be­währ­te Kräf­te mit viel Er­fah­rung.

Zu­rück an den Res­tau­rant­tisch. Mein Ge­gen­über hat Saf­tgu­lasch in Bio­qua­li­tät, da­zu Ge­mü­se und Kar­tof­feln, deut­lich sub­stan­zi­el­ler, aber of­fen­sicht­lich auch ohne aro­ma­ti­sche Hö­hen­flü­ge.

Ich fin­de Bio­gas­tro ei­gent­lich groß­ar­tig, ge­ra­de mit Al­ler­gi­en. Aber ein biss­chen Fair­ness wür­de nicht scha­den. Nicht je­der isst nach 19 Uhr noch groß, auch ha­ben vie­le Men­schen be­grenz­te Bud­gets, zum Bei­spiel am Ne­ben­tisch, da saß ein Frau­en­chor nach der Pro­be. Prompt fällt mir das Wort „so­zia­le Teil­ha­be“ ein. Et­was mehr Acht­sam­keit wä­re da gut ... und viel­leicht ei­ne Brü­he, die nicht nur op­tisch, son­dern auch in­halt­lich und auch preis­lich gut ver­tret­bar ist, ge­nau­so der ein ein­facher Tee. Am Nach­bar­tisch wird die Da­me, die sich an ei­nem Glas Li­mo­na­de fest­hält, das drei­gän­gige Ge­la­ge ih­rer Tisch­nach­barin quer­sub­ven­tio­nie­ren.

Seit der Chor mit im Raum sitzt, kön­nen wir uns am Tisch nicht mehr gut un­ter­hal­ten. Das liegt nicht an den star­ken Stim­men, son­dern an der mie­sen Akus­tik im Raum. (Es gibt heu­te kaum noch Orte mit gu­ter Akus­tik. Zum Glück muss ich nicht dol­met­schen.)

Und gleich noch ei­ne Be­mer­kung. In Frank­reich All­tag, hier gilt es als an­stö­ßig: im Res­tau­rant eine Ka­raf­fe mit Lei­tungs­was­ser zu be­stel­len. Dort wird sie gra­tis hin­ge­stellt. In Deutsch­land ha­be ich auf meine Bit­te hin oft hoch­ge­zo­ge­ne Au­gen­brau­en und dann zwei Eu­ro auf der Rech­nung da­für ge­se­hen. Oder es kom­men Sät­ze wie: „Wir ha­ben Blei­leit­ungen, das dür­fen wir nicht.“ (Die Ge­gen­fra­ge un­ter­bleibt meist: „Und mit die­sem Was­ser ko­chen Sie?“) Die nächs­te Va­ria­nte: „Wir ha­ben auch stil­les Was­ser, soll es ein Glas oder eine Fla­sche sein?“ Und wenn es dann doch schnö­des H2O auf den Tisch schaf­fen soll­te, dann viel­leicht zum Kaf­fe und in ei­nem Glas von ei­ner Grö­ße, das aus der Pup­pen­kü­che stam­men könn­te.

Wenn das kos­ten­freie Trink­was­ser auch bei uns üb­lich wä­re, wür­de die Da­me vom Ne­ben­tisch viel­leicht auch eine (bes­sere) Ge­mü­se­brühe es­sen. Bei ge­rech­te­rer Kos­ten­auf­tei­lung wä­re es kein Ver­lust für die Gas­tro­no­mie, aber ein Ge­winn für die Mensch­lich­keit.

Wo ist in der Markt­wirt­schaft das Wört­chen „so­zial“ ge­blie­ben, wo die Ver­ant­wor­tung al­ler fürs Mit­ein­an­der? Da­mit wä­re auch das Wort „Gast­raum“ nicht mehr sinn­ent­leert.

Ins er­wähn­te Res­tau­rant wer­den wir nicht zu­rück­keh­ren. Und ich stel­le mir ei­ne Gas­tro­kri­tik von ei­ner vier­tel Spal­te vor: Über­schrift, In­tro, dann wei­ße, un­be­druc­kte Zei­len, am En­de folgt der Na­me des Lo­kals. Hier aber heu­te nicht.

So, auf­ge­ges­sen! Wir flie­hen so schnell wie mög­lich aus der Beiz und wur­den beim Ab­räu­men nicht ein­mal ge­fragt, ob es uns ge­schmeckt hat. Wa­rum nur?

P.S.: Wenn Sie in Ber­lin eine Ver­an­stal­tung mit Res­tau­rant­be­such pla­nen, be­ra­te ich ger­ne.

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Gra­fik: Ar­chiv