Freitag, 31. Mai 2024

Städte und Blumen

Per Zu­fall oder mit Ab­sicht: Sie le­sen ge­ra­de ein di­gi­ta­les Ta­ge­buch aus der Ar­beits­welt. Was Dol­met­scher und Über­set­zer ma­chen ist hier Thema. (Ich nut­ze heu­te für die Auf­find­bar­keit im Netz den männ­li­chen Ober­be­griff, ob­wohl in un­se­rem Be­ruf Män­ner ei­ne Aus­nah­me sind.) Der­zeit kämp­fen wir um Ho­no­rare und An­er­ken­nung, da die KI über­schätzt wird.

Vor zwei Ta­gen hat­te ich über ei­ne Fir­ma ge­schrie­ben, die mit ih­rer Web­sei­te in­ter­na­tio­nal Kü­chen­ge­rä­t­schaf­ten ver­mark­ten möch­te und die mit ei­ner Pseu­do-Agen­tur hef­tig auf die Na­se ge­fal­len ist.

Dann sen­det mir ei­ne Freun­din ein ver­meint­li­ches Fo­to vom Bran­den­bur­ger Tor zu. Es stammt aus der Tou­ris­mus-Wer­bung. An die­sem Bild stimmt so gar nichts.

Fake-Berlin

Lon­do­ner Dop­pel­de­cker sind auf ei­ner Stra­ße "Un­ter den Lin­den" zu sehen, die ir­gend­wie mit Ge­bäu­de­fo­tos aus al­ler Welt zu­sam­men­ge­klatscht wor­den ist.

Das Brandenburger Tor in einem Häusermeer an einer Straße mit den falschen Fahrzeugen und Rädern ohne Menschen drauf
Al­les Fake
Vor dem Bran­den­bur­ger Tor (im Bild mit fal­schen Pro­por­tio­nen) liegt in Wirk­lich­keit ei­n gro­ßer Platz mit Fon­tä­nen und Blu­men­ra­bat­ten; auf dem Bild: Fehl­an­zei­ge! Jen­seits des To­res zeigt das Bild an­stel­le des Tier­gar­tens nur ei­ne Baum­rei­he. Der un­te­re Teil die­ser Fake­stra­ße liegt im Tal, wo doch je­des Kind weiß, das ein­mal in Ber­lin war, dass die Stadt auf frü­he­rem Mee­res­bo­den ge­baut wur­de, al­so topf­eben ist. Der Fern­seh­turm steht da­für in Wil­mers­dorf rum, das In­ter­na­tio­na­le Han­dels­zen­trum wur­de nach Moa­bit ver­frach­tet.

Nichts Neu­es unter der Son­ne

In den letz­ten Jahr­zehn­ten ha­ben Rei­se­bü­ros per Pho­to­shop ih­re Il­lus­tra­tio­nen von Rei­se­des­ti­na­tio­nen frei­hän­dig zu­sam­men­ge­bas­telt, um al­les in ei­nem Bild zu ha­ben. Das 'spart' mög­li­cher­wei­se Druck­kos­ten und si­cher Ent­gel­te für die Nut­zung der Bil­der, die sonst an die Fo­to­gra­fin­nen und Fo­to­gra­fen zu zah­len ge­we­sen wä­ren.

KI als Gefahr

Die KI ist noch bil­li­ger, denn sie kos­tet nicht ein­mal Zeit. Aber hier wer­den Fak­ten "ma­ni­pu­liert". So­l­che Bil­der neh­men wir als Sym­bol für die Be­dro­hun­gen ernst, die über uns schwe­ben, ce sont les ser­pents, qui siff­lent sur nos têtes (*), die Schlan­gen, die über un­se­ren Köp­fen zis­chen: Des­in­for­ma­ti­on, Infox und Pro­pa­gan­da, die Kon­trol­le von Al­go­rith­men und Agen­tu­ren und der KI über al­les Krea­ti­ve (Fo­to­gra­fie, Kon­zep­te, Tex­te, Über­set­zun­gen) und die Re­duk­ti­on auch der Spit­zen­leis­tun­gen auf Durch­schnitts­ni­veau, le ni­vel­le­ment vers le bas, die Ba­na­li­sie­rung des all­ge­mei­nen Ni­veaus des­sen, was wir se­hen/le­sen kön­nen, letz­ten En­des auch der Ho­no­ra­re bis zu ih­rem dro­hen­den Weg­fall. This is ali­men­ta­ry, my dear Watson.

Ver­fla­chung droht al­le­ror­ten

Wir Kul­tur­ar­bei­te­r:in­nen müs­sen jetzt da­zu bei­tra­gen, dass die All­ge­mein­heit sen­si­bi­li­siert wird für die­se Art von Ei­ne­bung al­ler Höchst­leis­tun­gen, für die Ge­fahr von Fake News durch die com­pu­ter­ge­ne­rier­ten Tex­te und Bil­der, bei de­nen na­tür­lich, wie bei der Il­lus­tra­ti­on oben, kei­ne Zah­lun­gen an ir­gend­wel­che Urheber fäl­lig wer­den.

Es droht die Ni­vel­lie­rung al­ler Le­bens­be­rei­che, le com­plet ni­vel­le­ment vers le bas, die gro­ße Ver­fla­chung von na­he­zu al­lem, denn das Wort "Durch­schnitt­lich­keit" kommt be­kannt­lich von "Durch­schnitt" und ge­nau den lie­fert die KI. "Das reicht für un­se­re Be­dürf­nis­se ..." ist ei­ne Ant­wort, die wir lei­der im­mer häu­fi­ger hö­ren. Vor Wo­chen ha­be ich Dol­metsch­be­glei­tung bei ei­ner Stu­di­en­rei­se von Ju­gend­li­chen nach Ber­lin an­ge­bo­ten. Ant­wort nach län­ge­rem Hin und Her: "... wir wer­den für die Kom­mu­ni­ka­ti­on ein Ge­rät für 'au­to­ma­ti­sche Über­set­zung' tes­ten!"

Kri­tik von den Use­r:in­nen? Fehlanzeige!

Die jun­gen Leu­te wer­den von der Stadt be­geis­tert und von der Rei­se ver­zau­bert sein, ein paar Bro­cken ver­ste­hen und sich ver­mut­lich mit dem Un­ge­fäh­ren zu­frie­den ge­ben und sich über Wi­der­sprü­che kurz wun­dern. Das ist mei­ne gro­ße Sor­ge, vor al­lem, weil im Rah­men der kol­lek­ti­ven Er­zie­hung Frank­reichs das In­di­vi­du­um sich nur un­gern in den Vor­der­grund rückt und Kri­tik als Un­dank­bar­keit ge­wer­tet wer­den könn­te.

Blu­men­beet

Ge­se­hen in Ber­lin-Mit­te
Zum Ab­schluss gibt's gleich noch ei­nen Hin­gu­cker. Hier, was mir die KI-un­ter­stütz­te Soft­ware "Ap­ple Fo­tos" von mei­nen Fo­tos aus­ge­wählt hat, als ich "Blu­men" ins Such­feld ein­ge­ge­ben hat­te. Lo­gisch: un­ten grün, die Um­ge­bung grün bis neu­tral­grau, und dann bun­te Punk­te in ur­ei­ge­nen For­men.


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Foto: C.E. ; KI-Fundsache: Merci à Amandine Thiriet !
(*): "Für wen sind die­se Schlan­gen, die über un­se­ren Köp­fen
zis­chen ...“ Quel­le: An­dro­maque, Ra­ci­ne. Die Al­li­te­ra­ti­on mit
dem be­droh­li­chen S-Laut fällt in der Über­set­zung lei­der weg.

Donnerstag, 30. Mai 2024

Sprechzettel

Gu­ten Tag oder gu­ten Abend! Sie sind mit­ten in ein Ar­beits­ta­ge­buch hin­ein­ge­ra­ten, in dem sich al­les um Spra­che, Dol­met­schen, Über­set­zen und Kul­tu­ren dreht. Als frei­be­ruf­li­che Sprach­mitt­le­rin ar­bei­te ich in Pa­ris, Ber­lin, Mar­burg und dort, wo ich ge­braucht wer­de. Heu­te wie­der: Sprach­schatz.

So sieht die KI den Nürn­ber­ger Trich­ter
Heu­te schaue ich mal wie­der zu­rück, throw­back thurs­day! Zwi­schen März und Mai 2010 pas­sier­te auf Is­land et­was, an das man­che noch heu­te zu­rück­den­ken, das vor al­lem Spre­che­rin­nen und Spre­cher vor gro­ße Her­aus­for­de­run­gen ge­stellt hat. 

Wir Dol­met­scher und Dol­met­sche­rin­nen lie­ben es, wenn uns po­li­tisch Ak­ti­ve und Men­schen aus Wis­sen­schaft und Wirt­schaft ih­re je­wei­li­gen Sprech­zet­tel oder Prä­sen­ta­tio­nen vor­ab zu­kom­men las­sen, da­mit wir uns ein­ar­bei­ten kön­nen. Da­für gibt es gu­te Grün­de, meis­tens ist der Stoff doch recht kom­plex. Auch Aus­spra­che­übun­gen kön­nen von Vor­teil sein.

Hier ein (nicht ernst­ge­mein­ter) Übungs­text von 2010.
Mor­gen wer­de ich we­gen aku­ter In­ver­si­ons­wet­ter­la­ge und La­wa­wol­ken des Eyjaf­jal­la­jö­kulls in der Tad­schi­ki­schen Tee­stu­be mit Den­dro­chro­no­lo­gen über die ono­ma­to­po­eto­lo­gi­schen Trends der süd­west­sa­hau­ri­schen Ly­rik fach­sim­peln.
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Il­lus­tra­ti­on: Dall:e (Ja­nu­ar 24) 

Mittwoch, 29. Mai 2024

Mittelmäßigkeit und alte Zöpfe

Sie le­sen hier in ei­nem Blog aus der Ar­beits­welt, ge­nau­er: aus dem All­tag ei­ner Dol­met­sche­rin. Mei­ne Mut­ter­spra­che ist Deutsch, ich ar­bei­te über­wie­gend mit Fran­zö­si­sch und Eng­lisch, die Bü­ro­kol­le­gin über­setzt in die eng­li­sche Spra­che. Heu­te geht es wei­ter mit Hin­ter­grund zu un­se­rem Be­ruf, der für vie­le akut vom Ver­schwin­den be­droht scheint.

Men­schen, die am Te­le­fon ver­nünf­tig und auch dif­fe­ren­ziert klin­gen, emp­feh­le ich, wenn sie mich bit­ten, au­to­ma­tisch über­setz­te Tex­te "mal eben kurz" zu lek­to­rie­ren (für 'n Ap­fel und 'n Peanut), sie möch­ten doch bit­te ger­ne mal die Funk­ti­on "au­to­ma­ti­sches Schrei­ben" tes­ten, also ei­ni­ge Be­grif­fe zu ei­nem The­ma, das sie gut ken­nen, ein­fü­gen und dann als Prompt z.B. schrei­ben: "Bit­te lie­fe­re mir ei­nen per­sön­li­chen, ori­gi­nel­len und über­zeu­gen­den Text zum The­ma für meine Web­sei­te."

Herren, die im Zimmer rauchen, die einzige Dame hängt als Aktbild an der Wand
Aus­schnei­den, zu­sam­men­knül­len, weg­wer­fen
Sehr oft reicht das als Hin­weis, dass bei au­to­ma­ti­schen Über­tra­gun­gen die Er­geb­nis­se ähn­lich durch­schnitt­lich, höl­zern, stel­len­wei­se schräg und nach gaaanz al­ten Ma­cho­zei­ten klin­gen, in de­nen es noch Wähl­schei­ben­te­le­fo­ne gab.

Ei­ne Kun­din, sie ar­bei­tet im Ver­trieb von Koch­ge­rät­schaf­ten, hat nicht nur die KI-Text­funk­ti­on aus­pro­biert, son­dern auch ei­ge­ne Web­sei­te hin- und wie­der zu­rück­über­tra­gen las­sen. Ihr fiel auf, dass aus Re­de­wen­dungen wie "wenn Sie Ihre Liebs­ten ver­wöh­nen möch­ten" sys­te­ma­tisch et­was wur­de à la "wenn Sie Ih­ren Mann ver­wöh­nen möch­ten". Al­les, was mit Ko­chen, Kü­che und Haus­halt zu tun hat­te, wur­de auf Fran­zö­sisch so wie­der­ge­ge­ben, dass Frau­en die Han­deln­den wa­ren. (Im Fran­zö­si­schen se­hen wir das un­ter Um­stän­den am Verb, das manch­mal an­ge­gli­chen wird.)

Und der Out­put hät­te höl­zern und steif ge­klun­gen. Na­ja, es ist im­mer der Quer­schnitt des­sen, was sich an­ders­wo fin­det, und da­von dann die ma­the­ma­tisch er­reich­te Wahr­schein­lich­keit. Dop­pel­ter Durch­schnitt al­so.

Die Kun­din war übri­gens bei der "Sprach­rei­se" Ih­res Mus­ter­tex­tes über DeepL noch über Spa­nisch und Por­tu­gie­sisch ge­gan­gen und hat vie­le Be­grif­fe der Spra­chen, die sie aus dem Ur­laub ein we­nig kennt, dann als "Blind­darm" in der ver­meint­lich fran­zö­si­schen rück­über­setz­ten Form ent­deckt, da­bei wa­ren die Wör­ter un­ver­än­dert.

Ihr Zi­tat: "Wenn ich ei­ne Ziel­spra­che nicht be­herr­sche, darf ich mich kei­nes­falls dar­auf ver­las­sen, dass das KI-Er­geb­nis reif zur Ver­öf­fent­li­chung ist. Da müs­sen wei­ter­hin Pro­fis ran."

Ein Bei­spiel ge­fällig? Für "klei­nes Töpf­chen" wur­de in der letz­ten "Übel­set­zung" ein Wort ver­wen­det, das das weib­li­che Ge­schlechts­or­gan be­zeich­net, denn aus con­cha, wört­lich "Mu­schel" oder eben "klei­ner Topf", wur­de con.

P.S.: Spä­ter kommt her­aus, dass das Bei­spiel einer KI-"Übel­set­zung" aus ei­nem Text stammt, den eine "Über­set­zungs­agen­tur" der Kun­din für viel Geld ver­kauft hat. Die­se "Firma" hat eine Brief­kas­ten­adres­se in Frank­reich, sit­zt aber in In­dien. Die Rück­for­de­rung des schon be­zahl­ten Gel­des scheint we­ni­g aus­sichts­reich. Das Er­geb­nis un­se­res Ge­sprächs ist nun der be­zahl­te Auf­trag ei­ner ech­ten Über­set­zung.

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Foto: "Alt­herr­lich­keit" aus dem Lehr­buch
En français, s'il vous plaît, Grenz u.a., 1982

Dienstag, 28. Mai 2024

Hinkende Ehe

Per Zu­fall oder mit Ab­sicht: Sie sind hier auf Sei­ten ei­nes di­gi­ta­len Ta­ge­buchs aus der Ar­beits­welt ge­lan­det. Was Dol­met­scher und Über­set­zer ma­chen, be­schäf­tigt mich hier. (Ich neh­me heu­te für die Auf­find­bar­keit im Netz den männ­li­chen Ober­be­griff, ob­wohl die meis­ten von uns Frau­en sind.) In un­se­rem Ar­beits­all­tag gibt es auch Rou­ti­nen.

Eheschließung in Neukölln 
Mal wie­der zum Ter­min in der Ringefir­ma: Dol­met­schen bei ei­ner Ehe­schlie­ßung. Leu­te ver­hei­ra­ten ge­hen macht Spaß, das Per­so­nal ist be­kannt, der Text eben­so.

Durch die ge­setz­li­chen Än­de­run­gen der letz­ten Jah­re ist es wie­der in­te­res­san­ter ge­wor­den, denn es gibt neue Be­grif­fe. Zum Bei­spiel den der "hin­ken­den Ehe".

Er­klä­rung: Per­so­nen A und B sind aus dem Land Z und ha­ben ih­ren ge­wöhn­li­chen Auf­ent­halt in Deutsch­land. Sie hei­ra­ten nach deut­schem Recht stan­des­amt­lich. In Land Z ist aber für die An­er­ken­nung der Ehe ei­ne re­li­giö­se Ze­re­mo­nie vor­ge­schrie­ben. Da­her wird die "hin­ken­de Ehe" in Deutsch­land, nicht aber im Land Z an­er­kannt.

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Fo­to:
C.E. (Ar­chiv)

Montag, 27. Mai 2024

Montagsschreibtisch (44)

Ein­blick in den Ar­beits­all­tag ei­ner Dol­met­sche­rin kön­nen Sie auf die­sen Sei­ten neh­men. Mei­ne Mut­ter­spra­che ist Deutsch, ich ar­bei­te über­wie­gend mit Fran­zö­sisch und Eng­lisch, die Büro­kol­le­gin über­setzt in die eng­li­sche Spra­che. Ge­le­gent­lich be­ar­bei­ten wir im Team in grö­ße­rem Um­fang ge­mein­sam Tex­te.

Das Ding in der Mit­te soll ein Mi­kro sein
Die The­men wie­der­ho­len sich, was mich nicht wun­dert, denn wir be­fin­den uns in ei­ner Pha­se des län­ger­an­dau­ern­den Wan­dels.
⊗ Ak­tu­el­le fran­zö­si­sche Po­li­tik
⊗ Eu­ro­pa­po­li­tik
⊗ Nach­hal­tig­keit in der Land­wirt­schaft
⊗ En­er­gie und Tran­si­tion

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Il­lus­tra­tion:
pixl (Prompt: "Com­pu­ter,
Mi­kro­fon, Kopf­hö­rer")

Sonntag, 26. Mai 2024

Lesen mit Aussicht

Bon­jour und gu­ten Tag! Hier bloggt ei­ne Dol­met­sche­rin. Was Kon­fe­renz­dol­met­scher und Über­setzer machen, na­tür­lich auch die ":in­nen" im Be­ruf, also wie wir ar­bei­ten, ist hier, in mei­nem di­gi­ta­len Ar­beits­ta­ge­buch, seit 2007 Ge­gen­stand in Form kur­zer Epi­soden. Sonn­tags werde ich pri­vat mit mei­nem "Foto der Wo­che".

Vor und nach dem Ein­satz gibt es nur eins: Le­sen, le­sen, le­sen, so­gar am Sonn­tag. Wir Dol­met­scher und Dol­met­sche­rin­nen sind Lern­pro­fis. Zwi­schen­durch hilft Kaf­fee den Neu­ro­nen wei­ter.

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Fo­to: C.E.

Freitag, 24. Mai 2024

Le luxe

Bon­jour, gu­ten Tag & hel­lo! Der Ar­beits­all­tag von Sprach­ar­bei­te­r:in­nen ist Ge­gen­stand des Web­logs. Mit der Mut­ter­spra­che Deutsch dol­met­sche ich ins Fran­zö­sische und zurück sowie aus der eng­li­schen Spra­che. Was die be­son­de­re Ar­beit für uns Dol­met­sche­rin­nen und Dol­met­scher be­deu­tet, be­schrei­be ich hier. Mich be­schäf­ti­gen po­li­ti­sche und kul­tu­rel­le The­men, häu­fig Ener­gie, Nach­hal­tig­keit, Tran­si­tion, manch­mal auch die The­men Mo­de und Lu­xus.

Die Wirt­schafts­kri­se 'boomt', aber auch die Lu­xus­in­dus­trie, die in Frank­reich im­mer mehr Men­schen in Lohn und Brot bringt, je nach Sta­tis­ti­ken ca. 60 Pro­zent mehr als noch vor ei­nem Jahr­zehnt. Frank­reich ar­bei­tet seit ge­fühlt im­mer in­ten­siv da­ran, dass der Be­griff Lu­xus auch die neu­en Ge­ne­ra­tio­nen zum Träu­men an­regt.

Ge­burts­tags­pflan­zen vor dem Um­top­fen
In den letz­ten Jah­ren wur­den im­mer öf­ter Künst­le­r:in­nen da­zu auf­ge­for­dert, für die Be­klei­dungs­in­dus­trie Ent­wür­fe und Farb­mus­ter vor­zu­le­gen, die dann in die nächs­ten Pla­nun­gen be­ein­flusst ha­ben. Dies war si­cher ein klu­ger Schach­zug, Mo­de auch in Krei­sen zum The­ma zu ma­chen, die noch nicht 'er­reicht' wa­ren.

Da­bei geht auch hier die Schwe­re im­mer wei­ter aus­ein­an­der. Die ei­nen ent­wer­fen Abend­ro­ben zum Preis von Stadt­woh­nun­gen, die an­de­ren Bil­lig"mo­de", die im Wo­chen­takt neu­en Trends folgt und auf das Ta­schen­geld von Schü­le­r:in­nen ab­zielt. Die Um­welt­fol­gen sind in Zei­ten der Kli­ma- und Bio­di­ver­si­täts­kri­sen be­denk­lich.

Wie dem auch sei: Als Dol­met­sche­rin ha­be ich schon ei­ni­ge Cou­tu­riers "ver­tont", al­so auch mein Geld mit der Mo­de­bran­che ver­dient. Pri­vat tra­ge ich aus Um­welt­grün­den vor al­lem klas­si­sche, halt­ba­re Sa­chen mit dem per­fek­ten Schnitt — so­wie Floh­markt­fun­de und "Ge­erb­tes". Noch ei­nen Grund für mein be­son­ne­nes Kauf­ver­hal­ten gibt es: Ich ha­be als Freiberuflerin und pflegende Angehörige gar kei­ne Zeit für Shop­ping und fin­de es auch im­mer furcht­bar an­stren­gend, wenn es sich dann doch nicht ver­mei­den lässt. Lie­ber sit­ze ich dann mal auf dem Bal­kon und le­se "im Grü­nen" mein Hin­ter­grund­ma­te­ri­al zum nächs­ten Ein­satz. In Ru­he le­sen zu dür­fen ist ein gro­ßer Lu­xus!

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Fo­to: C.E.
Quel­len für die Zahlen: Ra­dio Fran­ce (2015)
u.a.

Donnerstag, 23. Mai 2024

75 Jahre GG!

Wie Über­set­ze­rin­nen und Dol­met­sche­rin­nen ar­bei­ten, aber auch Über­set­zer und Dol­met­scher, er­fah­ren Sie auf die­sen Sei­ten. Ich bin als Deutsch-Mut­ter­sprach­le­rin mit Zweit­spra­che Fran­zö­sisch Teil ei­nes in­ter­na­tio­na­len Netz­werks. Die Bü­ro­kol­le­gin über­setzt ins Eng­li­sche.

Tisch, Monitor, Kamera, Lautsprecher, Fenster
Die KI kennt das Grund­ge­setz spon­tan nicht
Heu­te fei­ert ein schma­ler Text ei­nen fet­ten Ge­burts­tag. Das Grund­ge­setz wird 75, ger­ne wie hier im Ti­tel GG ab­ge­kürzt. Ein wich­ti­ger, ein wür­di­ger Text, auf den wir stolz sein dür­fen!

In seiner Prä­am­bel war al­ler­dings für die deut­sche Ein­heit et­was an­de­res ge­plant als der "Bei­tritt zum Bun­des­ge­biet", wie er 1990 er­folgt ist. Es gibt vie­le Feh­ler und Dumm­hei­ten, die in der Pha­se der Ei­ni­gung pas­siert sind. Im Er­geb­nis ha­ben wir lei­der ei­ne neu­e deut­sche "Zwei­heit", die den rechts­ex­tre­men Grup­pie­run­gen Vor­schub ge­leis­tet ha­t. Die eins­ti­gen DDR-Gren­zen sind in vie­len Um­fra­gen, auf Land­kar­ten über­tra­gen, bis heu­te er­kenn­bar.

Um­so mehr gilt, was Carlo Schmid, ei­ner der Vä­ter des deut­schen Grund­ge­set­zes, be­reits im Jahr 1948 schrieb: »De­mo­kra­tie ist nur dort mehr als ein Pro­dukt ei­ner blo­ßen Zweck­mäßig­keits­ent­schei­dung, wo man den Mut hat, an sie als et­was für die Wür­de des Men­schen Not­wen­di­ges zu glau­ben. Wenn man aber die­sen Mut hat, dann muss man auch den Mut zur In­to­le­ranz de­nen ge­gen­über auf­brin­gen, die De­mo­kra­tie ge­brau­chen wol­len, um sie um­zu­brin­gen.«

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Fo­to: Pixl (Prompt: Zeige mir einen Schreibtisch
mit Grundgesetz und Monitor im Hintergrund)

Mittwoch, 22. Mai 2024

Sportlich

Will­komm­en auf den Sei­ten des ers­ten Blogs Deutsch­lands aus der Dol­met­scher­ka­bi­ne oder vom ei­ge­nen On­line-Dol­met­sch­stu­dio aus, aus der Über­set­zer­werk­statt, über den sprach­be­ton­ten All­tag in schwie­ri­gen Zei­ten und über lan­des­ty­pi­sche The­men, dar­über schrei­be ich hier seit 2007. Hin­ter­grund ist, dass un­se­re Ar­beit als Dol­met­scher und Über­set­zer, Dol­met­sche­rin­nen und Über­set­ze­rin­nen, in der Öf­fent­lich­keit zu we­nig be­kannt ist.




as war sport­lich, ges­tern vor ei­ner Wo­che!

Und ich ha­be jetzt ein Bei­spiel, wes­halb es gut ist, Din­ge so­fort zu er­le­di­gen. Vor zwei Wo­chen ste­he ich im ein­zi­gen Ein­kaufs­la­den in mei­ner Nach­bar­schaft, in dem es "un­se­ren Fa­mi­li­en­lie­b­lings­tee" gibt, mei­ne Zwil­lings­ge­schwis­ter und trin­ken ihn wirk­lich ger­ne. Den La­den su­che ich nur ab und zu auf.

Lei­der ha­be ich den Tee wo­an­ders noch nicht ge­fun­den, nicht in mei­nem Haupt­ein­kaufs­ge­schäft, der von sei­nen Kun­d:in­nen mit­ge­tra­gen wird, auch nicht im klei­nen Bio­la­den zwei Stra­ßen wei­ter, den einige in­zwi­schen 'rei­fe­ren' Her­ren seit den 1970er Jah­ren füh­ren. Ich ver­tei­le mein Geld ger­ne so, dass es klei­nen Fir­men eher zu­gu­te­kommt als den gro­ßen.

Koffer, Rucksack, Tüte
In der letz­ten Plas­tik­tü­te: Ab­le­ger!
Aber den Tee, ei­nen fer­men­tier­ten Grün­tee, (Olong "Schwarz­er Dra­che" aus Chi­na für je­ne, die sich aus­ken­nen), fin­de ich tat­säch­lich we­der in Hei­del­berg (wo Mum und ei­ni­ge Ge­schwis­ter le­ben) noch an­ders­wo, nur in ei­nem ein­zi­gen La­den am Kott­bus­ser Damm. Schlech­ten Ge­wis­sens kau­fe ich vier von ins­ge­samt fünf Pa­ke­ten im Re­gal (in der Hoff­nung für die nächs­ten Kun­den, dass noch was am La­ger ist).

Tags drauf ho­le ich re­pa­rier­te Klei­dung von der Än­de­rungs­schnei­de­rei, put­ze das gu­te Paar Ar­beits­schu­he, ver­wah­re es in ei­nem Pack­beu­tel, dann kommt es mit der frisch ge­wa­sche­nen, leich­ten Al­pa­ka-Rei­se­de­cke in den Kof­fer, wo schon der Tee war­tet.

Am Wo­chen­en­de kom­men zwei Kleid­chen für die Fräu­leins hin­zu, mei­ne Nich­ten. Und so sam­meln sich mei­ne Mit­brings­el und Rei­se­uten­si­li­en, wird al­les so­fort ver­sorgt und ver­wahrt im Kof­fer, der auf dem Schrank wohnt. Im Fall der Fäl­le ist so mei­ne Pack­zeit von 20 auf zehn Mi­nu­ten ge­schrumpft.

Heu­te vor acht Ta­gen kommt der gro­ße Mo­ment. Ich bin aus­wärts, in der Mit­tags­pau­se, als ei­ne Kol­le­gin an­ruft. Ei­ne Kun­din, bei der seit 14 Ta­gen ein Kos­ten­an­ge­bot aus dem Netz­werk vor­liegt, fragt ei­nen Tag vor Ul­ti­mo, wie denn die An­kunfts­zei­ten des Dol­metsch­teams sei­en und ob wir schon die Ho­tel­zim­mer ge­bucht hät­ten. Was auch im­mer da pas­siert ist, wo­hin die Zu­sa­ge ge­gan­gen sein mag: Was im­mer wir mög­lich ma­chen kön­nen, ma­chen wir mög­lich, selbst wenn's Hopp­la­hop­pis­mus ist.

Drei­ßig Mi­nu­ten nach Be­en­di­gung des Ta­ges­ter­mins lau­fe ich zu­hau­se ein, es gibt ein frü­hes Abend­es­sen, zehn Mi­nu­ten pa­cke ich fer­tig, dann ge­hen wir spa­zie­ren (wäh­rend die Kol­le­gin ein Ho­tel sucht). 90 Mi­nu­ten nach der An­kunft zu­hau­se bin ich auf dem Weg zum Bahn­hof. Die Rei­se­dauer von zwei U-Bahn­sta­tio­nen nut­ze ich zum Fahr­kar­ten­kauf für den Fern­zug.

Da am Ziel­ kei­ne ver­nünf­ti­gen Ho­tel­zim­mer un­ter 300 Eu­ro mehr zu fin­den sind, Mes­se und Tou­ris­mus, da kommt was zu­sam­men, fra­ge ich die Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen ei­nes an­de­ren Netz­werks, zwei Mi­nu­ten nach der An­fra­ge ha­be ich die Zu­sa­ge für ein Bett in ei­nem Ar­beits­zim­mer. Am spä­ten Abend kom­me ich am Ziel­ort an. Wir sit­zen bis kurz nach Mit­ter­nacht im Win­ter­gar­ten beim Plausch. Am nächs­ten Mor­gen klin­gelt um 7.20 Uhr der We­cker.

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Foto: C.E. (Ar­chiv)

Dienstag, 21. Mai 2024

Montagsschreibtisch (43)

Bon­jour, gu­ten Tag & hel­lo! Der Ar­beits­all­tag von Dol­met­sche­rin­nen und Dol­met­schern ist Ge­gen­stand des Web­logs. Un­sere Spra­chen sind Deutsch, Fran­zö­sisch und Eng­lisch, die Büro­kol­le­gin ist Über­setze­rin und arbei­tet in die eng­li­sche Spra­che. Ei­ner­seits herrscht Pfingst­ur­laubs­ru­he, an­der­er­seits leich­ter Pla­nungs­stress.

Mann läuft mit Wägelchen über einen Krankenhausflur, im Hintergrund eine bergige Landschaft
Kran­ken­haus­flur (als Be­glei­tung)
Der Mo­ntags­schreib­tisch an ei­nem ganz nor­ma­len Diens­tag:

⊗ Nach­be­rei­tung Flächen­neuin­an­spruch­na­hme und kli­ma­re­si­li­en­te Stadt­pla­nung (mei­ne Ter­mi­ne der ver­gan­ge­nen Wo­che)
⊗ Nach­be­rei­tung Um­welt­tech­nik (Mes­se­be­such-Nach­be­rei­tung)
⊗ Nach­le­se hit­ze- und un­wet­ter­an­ge­pass­te Ar­chi­tek­tur
⊗ Hu­mus­auf­bau, Ero­sions­schutz, Lis­te wei­ter­be­ar­bei­ten
⊗ all­ge­mei­ne fran­zö­si­sche Po­li­tik (für ei­nen Ter­min mit einer Po­li­tik­größe, der lei­der ge­ra­de ver­scho­ben wur­de)

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Foto: C.E.

Montag, 13. Mai 2024

Montagsschreibtisch (42)

Balkonbrüstung mit Pflanzen und Blick in Bäume
Mehr­fach­blick ins Grü­ne

Bon­jour, gu­ten Tag & hel­lo! Der Ar­beits­all­tag von Dol­met­sche­rin­nen und Dol­met­schern ist Ge­gen­stand des Web­logs. Un­se­re Spra­chen sind Deutsch, Fran­zö­sisch und Eng­lisch, die Bü­ro­kol­le­gin ist Über­set­ze­rin und ar­bei­tet in die eng­li­sche Spra­che. Die Früh­jahrs­sai­son 2024 ist ein we­nig ein Rohr­krepie­rer: Zu spät man­che Pla­nung stand der Bun­des­haus­halt erst im Fe­bru­ar, dazu kom­men In­fla­ti­on und Rüs­tungs­in­ves­ti­tio­nen we­gen des Ukrai­ne­krie­ges.

In der zwei­ten Mo­nats­hälf­te habe ich einige hoch­ran­gi­ge Ein­sät­ze, auf die ich mich sehr in­ten­siv vor­be­rei­ten kann.

Hat auch was.

Und wie­der sit­ze ich auf dem Bü­ro­bal­kon. Die an­de­ren ge­nie­ßen ei­nen An­flug von Fe­ri­en oder bil­den sich fort.

Eiffelturmminiatur, durch Blattwerk hindurch
Eif­fel­turm mal an­ders

Mit mir an der fri­schen Luft ist in der Nä­he ein Specht, hier ir­gend­wo am Ufer. Schon seit Samstag ist er zu­gang­e (ich halb­ta­ge­wei­se auch), und häm­mert ul­tra­kurz an ei­nem Loch her­um, dann fol­gen lan­ge Pau­sen, et­wa im Ver­hält­nis von 1:30 Se­kun­den. Mir ist die­ser Ar­beits­mo­dus neu, aber lo­gisch, das Häm­mern wird ihn viel Ener­gie kos­ten.

Und das hier liegt auf dem Schreib­tisch:
⊗ Flächen­neuin­an­spruch­na­hme
⊗ Kli­ma­re­si­li­en­te Stadt­pla­nung
⊗ all­ge­mei­ne frz. Po­li­tik
⊗ Gar­de­ro­ben­check
⊗ Fri­seu­rin? An ei­nem Mon­tag?!

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Fo­tos:
C.E. (Ar­chiv

Sonntag, 12. Mai 2024

EU-Sprachendienst in der Presse

Will­kom­­men auf den Sei­ten ei­ner Dol­met­scher­in für die fran­zö­si­sche Spra­che (und aus dem Eng­li­schen). Hier den­ke ich über den Arbeits­all­tag in der Ka­bi­ne und am Über­setzer­schreib­tisch nach. Heu­te ein al­tes Sonn­tags­bild aus der Ka­bi­ne und ein neu­er Presse­be­richt über Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen.

Die öster­rei­chi­sche "Neue Presse" hat sich die­se Wo­che un­se­rem Be­ruf ge­wid­met. Am 8. Mai er­schien in der öster­rei­chi­schen Zei­tung ein mit "Der Turm­bau zu Straß­burg: Wie man Eu­ro­pa über­setzt" über­schrie­be­ner Ar­ti­kel.

Die Au­to­rin die­ser Zei­len zu Gast in Stras­bourg (2007)
Jour­na­list Mi­cha­el La­czyn­ski macht mit ei­ner Re­chen­auf­ga­be auf: Wie vie­le Sprach­kom­bi­na­ti­o­nen sind in den Sit­zungs­räu­men und -sä­len der EU denk­bar? Aus­ge­hend von 24 Amts­spra­chen kom­men wir auf 552 mög­li­che Paa­run­gen. Die "Neue Presse" dazu tref­fend: "... Das Po­ten­zi­al für ba­by­lo­ni­sche Sprach­ver­wir­run­gen ist so­mit groß."
Da­her ge­hö­ren die Sprach­ab­tei­lun­gen zu den per­so­nell am bes­ten aus­ge­stat­te­ten Res­sorts der In­sti­tu­ti­o­nen.

Fer­ner teilt der Ar­ti­kel die Spra­chen­welt der EU rich­ti­ger­wei­se in Über­set­zer:in­nen (schrift­lich) und Dol­mets­che­r:in­nen (münd­lich) ein. (Das ist auch au­ßer­halb von Par­la­men­ten so.) Wir Dol­mets­che­rin­nen und Dol­mets­cher sind im­mer hoch­er­freut, wenn die Men­schen von der Presse die­se In­for­ma­ti­on ak­ku­rat wie­der­ge­ben. Der Nor­mal­fall ist lei­der, dass die Be­grif­fe falsch, also wild durch­ei­nan­der als Sy­no­ny­me ver­wen­det wer­den.

Auch das Dol­mets­chen wird nä­her be­schrie­ben. Zi­tat: "Die­se Ar­beit ist der­art for­dernd, dass die Schich­ten ent­spre­chend ge­stal­tet wer­den müs­sen, denn die neu­ro­lo­gi­sche Ka­pa­zi­tät der Dol­mets­cher sinkt wäh­rend der hoch­kon­zen­trier­ten Ar­beit nach un­ge­fähr ei­ner hal­ben Stun­de ra­pi­de ab."

Be­rich­tet wird auch, dass wir Dol­mets­che­rin­nen und Dol­mets­cher im­mer in die Mut­ter­spra­che über­tra­gen, in der EU aus­ge­hend von bis zu sechs Aus­gangs­spra­chen. Ich ken­ne ei­ni­ge Kol­leg:in­nen von dort. Sie ha­ben groß­zü­gi­ge Fort­bil­dungs­an­ge­bo­te und kön­nen sich auch mehr­mo­na­ti­ge Aus­zei­ten im je­wei­li­gen Land neh­men. Ar­beits­be­din­gun­gen, von de­nen un­se­rei­ner träumt.

Wir frei­en Dol­mets­cher:in­nen ar­bei­ten bi­la­te­ral, wech­seln rasch Sprach­rich­tung, oft so­gar tri­la­te­ral, häu­fig mit der Ein­schrän­kung, dass die drit­te Spra­che nur Aus­gangs­spra­che ist.

Zu­rück zum Ar­ti­kel. Aus­ge­hend von den 552 mög­li­chen Sprach­kom­bi­na­ti­o­nen stellt Jour­na­list Mi­cha­el La­czyn­ski die be­rech­tig­te Fra­ge, wie die Kol­leg:in­nen da­mit um­ge­hen, wenn von den Sprach­ar­bei­ter:in­nen kei­ne(r) vor Ort ei­ne be­stimm­te ge­for­der­te Kom­bi­na­ti­on lie­fern kann. Die Aus­gangs­spra­che wird dann in ei­ne "so­ge­nan­nte Re­lais­spra­che (üb­li­cher­wei­se ins Eng­li­sche) und in ei­nem zwei­ten Schritt aus dem Eng­li­schen in die Ziel­spra­che" ver­dol­metscht, das dau­e­re zwar ein we­nig, hel­fe aber den De­le­gier­ten, an den Dis­kus­si­o­nen pas­siv oder ak­tiv teil­neh­men zu kön­nen.

Man­che Ein­sät­ze fän­den auch au­ßer­halb des Par­la­ments statt; ei­ne Grup­pe Dol­mets­che­rin­nen und Dol­mets­cher wür­den ge­ra­de Uk­rai­nisch ler­nen, be­rich­tet der Jour­na­list wei­ter.

Auch hei­kle The­men kom­men im Ar­ti­kel vor. Was pas­siert bei Black­out, er­klä­rungs­be­dürf­ti­gen Ab­kür­zun­gen oder wenn et­was un­ver­ständ­lich war? Hier ant­wor­ten die Dol­metsch­kol­leg:in­nen, in­dem sie un­se­re Team­ar­beit er­klä­ren. In Brüs­sel und Stras­bourg wer­den üb­ri­gens im­mer drei gleich­zei­tig für ein- und die­sel­be Sprach­kom­bi­na­ti­on ver­pflich­tet; im Eu­ro­pä­i­schen Rat ha­be ich bei hei­klen The­men be­ob­ach­tet, dass die Wech­sel nicht alle 20, son­dern alle zehn Mi­nu­ten statt­fan­den.

In un­se­rem "All­roun­der"-Be­reich (in dem es auch Spe­zia­li­sie­run­gen gibt), sit­zen wir meis­tens nur zu zweit in der "Bütt", es sei denn, die Ver­an­stal­tung hat Über­län­ge.

Last but not least geht es auch noch um die Fra­ge, ob die KI un­se­re Be­ru­fe be­droht oder nicht. "Über­set­zungs­soft­wa­re" oder "Dol­metsch­tools" sind ja in al­ler Mun­de. Da­zu be­rich­tet Su­si Vi­de-Wink­ler von der Ge­ne­ral­di­rek­ti­on "Trad", dass auch dort längst KI-un­ter­stützt ge­ar­bei­tet wird, das Sys­tem brau­che aber mensch­li­che "Auf­sicht — weil es et­wa ver­su­che, Ei­gen­na­men zu über­set­zen, oder weil es nicht ver­trau­tes Vo­ka­bu­lar aus­spa­re."

Hier geht es zum le­sens­wer­ten Ar­ti­kel, des­sen letz­te Ab­schnit­te dem Über­set­zen ge­wid­met sind: klick!

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Fo­to:Kerstin Krolak

Mittwoch, 8. Mai 2024

Luxusschlitten versus Fahrrad

Per Zu­fall oder mit Ab­sicht: Sie sind hier auf Sei­ten ei­nes di­gi­ta­len Ta­ge­buchs aus der Ar­beits­welt ge­lan­det. Was Dol­met­scher und Über­set­zer ma­chen, be­schäf­tigt mich hier. (Ich neh­me heu­te für die Auf­find­bar­keit im Netz den männ­li­chen Ober­be­griff, ob­wohl die meis­ten von uns Frau­en sind.) Der­zeit müs­sen wir ganz schön um un­se­re Ho­no­rar­sät­ze käm­pfen.

Neulich kam eine An­fra­ge für einen Kurz­ein­satz rein, der aus viel, also sehr viel War­te­rei be­steht und drei knap­pen Mo­men­ten Dol­metsch­ar­beit auf Hoch­tou­ren.

Der po­ten­tiel­le Kun­de: "Was ist Ihr Stundensatz? Es wird im End­ef­fekt auf eine knap­pe Stun­de Ar­beit hin­aus­lau­fen. Na­tür­lich be­kom­men Sie ei­ne klei­ne Ent­schä­di­gung fürs War­ten."

Fahrrad versus Autos
Par­ken an der Baum­schei­be
Mei­ne Ant­wort auf die Fra­ge hat mich selbst über­rascht: "Un­se­re Bran­che kennt kei­nen Stun­den­satz. Wenn Sie mit ei­nem ge­mie­te­ten Wa­gen der Lu­xus­klas­se nur rasch zum Ba­de­see fah­ren, um dort den gan­zen Tag zu chil­len, wer­den Sie auch nicht mit der Miet­wa­gen­fir­ma ver­han­deln und ihr sa­gen, dass Sie nur ei­nen Satz zu zah­len ge­willt sind, der dem Miet­preis eines Fahr­rads für zehn Minuten Nut­zung ent­spricht."

Die­ser Mo­ment fiel mir vor­hin wie­der ein, als ich mich gei­stig auf ein Te­le­fo­nat zur Ho­no­rar­ver­hand­lung ein­ge­stimmt ha­be. Das Ge­gen­teil war der Fall, mir wur­de ein Satz an­ge­bo­ten, der so­gar über dem lag, was ich im Hin­ter­kopf hat­te. Schön!

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Foto: C.E.

Dienstag, 7. Mai 2024

Morgenstern

Gu­ten Tag oder gu­ten Abend! Sie sind mit­ten in ein Ar­beits­ta­ge­buch hin­ein­ge­ra­ten, in dem sich al­les um Spra­che, Dol­met­schen, Über­setzen und Kult­uren dreht. Als frei­be­ruf­li­che Spra­chmitt­le­rin ar­bei­te ich in Pa­ris, Ber­lin, Schwerin und dort, wo man mich braucht.

Am 6. Mai 1871 wurde Christian Morgenstern ge­bo­ren, also ges­tern vor 153 Jahren. Er ist einer meiner Lieb­lings­au­to­ren. Ein schö­ner An­lass, um hier ein Ge­dicht eines Man­nes zu posten, der in Deutsch­land vor al­lem als sub­ti­ler Hu­mo­rist be­kannt ist.

Selbstporträt (1906)
Selbstporträt (1906)
Das geht an dich

Das geht an dich und mich und je­den
Mehr sein, we­niger re­den,
we­niger sa­gen, fra­gen, kla­gen,
mehr die Wär­me nach in­nen schla­gen;

unsere Zun­gen in Züch­ten hal­ten,
nicht im­mer die ewig al­ten
Sät­ze und Plät­ze wie­der­käuen,
Phra­sen und Frat­zen in al­lem scheu­en;
lang­sam prü­fen, sich gern be­schei­den,

al­les schnelle Vor­ur­teil mei­den;
uns ge­nü­gen im Un­ent­behr­li­chen,
uns ver­ein­fa­chen, uns ver­eh­rli­chen,
eins vom Kin­der- zum Grei­sen­le­ben:
weise, weise zu wer­den stre­ben.

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Foto: Wi­ki­pe­dia

Montag, 6. Mai 2024

Montagsschreibtisch (41)

Bon­jour & hel­lo! Sie sind auf den Sei­ten ei­nes di­gi­ta­len Ta­ge­buchs aus der Welt der Spra­chen ge­lan­det, das es seit 2007 gibt. Wir sind ein Team, Dol­met­scher und Über­set­zer / Dol­met­sche­rin­nen und Über­set­ze­rin­nen ver­schie­dens­ter Spra­chen sind uns gut be­kannt und wir em­pfeh­len ger­ne. Die Früh­jahrs­sai­son star­tet die­ses Jahr mit Ver­spä­tung. Jetzt liegt ei­ne Wo­che mit Nach- und Vor­be­rei­tung vor mir.

Erklärbär, allerdings verschwommen
Er­klär­bär, al­ler­dings ver­schwom­men
Heu­te bringe ich zur Ab­wechs­lung mal den Blick VON mei­nem Tisch und nicht den Blick AUF mei­nen Tisch: Der Ka­pi­tän des Schiffs gibt den Er­klär­bä­ren, er sagt, wo wir sind, was wir se­hen, er lie­fert al­les en dé­tail und spricht da­bei ohne Punkt und Kom­ma. Ich ha­be ihn gut im Blick, hät­te ihn so­gar scharf im Blick, wenn nicht kurz zu­vor je­mand vor der Glas­tür ge­stan­den hät­te, an der ich sitze, ei­ne Per­son, die es erst kurz vor Ab­fahrt auf den Aus­flugs­damp­fer ge­schafft hat. Es ist frisch. Ihr Atem legt sich als fei­ner Ne­bel auf die kal­ten Schei­be.

Ich schrei­be mit und brin­ge mir Be­grif­fe wie Tro­cken­dock, Hu­bin­sel, Land­strom, Aus­rüs­tungs­kai, Um­spann­sta­ti­on, Pol­ler, Pfähle oder Schiff­shalle wie­der in Er­in­ne­rung. 

Der dritte Blick
Und dann sa­ge ich nichts. Ich schweige. Ich halte kein Mikro in der Hand. Ich reise nicht mit Delegationsgästen.

Nach einer Wo­che Volldampf in mei­nem Spiel­bein­be­ruf ha­be ich mir eine kur­ze Aus­zeit ver­dient, Stich­wort: In­sel! Ab mor­gen geht es in Ber­lin mit Rech­nun­gen und Kos­ten­vor­an­schlä­gen, Vo­ka­bel­doku­men­ta­tion und der Ein­ar­bei­tung in ein neu­es Feld wei­ter.

Und da­zwi­schen ha­be ich er­höhten Schwei­ge­be­d­arf. Ich glau­be, dass ich das ver­al­l­ge­meinern darf: Nach so vie­len Ki­lo­me­tern ge­spro­che­ner Spra­che füh­len sich Ge­hirn und Sprech­ap­parat aus­ge­lei­ert an.

Bald geht es wei­ter — und wäre jetzt ein Not­fall und ich wür­de ge­braucht, wäre ich so­fort wie­der fit. Dol­met­sch­hund Paw­low lässt grü­ßen.

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Fotos: C.E.