Mittwoch, 7. November 2018

Generationswechsel

Hier bloggt eine Kon­­fe­­renz­­dol­­met­­sche­rin und Über­­set­ze­rin mit den Ar­beits­­spra­­chen Fran­zö­­sisch, Deutsch und Eng­lisch (das Idiom Shakes­peares in vie­len The­­men­­fel­dern nur als Aus­­gangs­­­spra­­che). Was wir im Alltag leisten, haben wir auf den Bänken der Uni oft nicht bis ins letzte Detail gelernt. Man­ches ver­dan­ken wir trotz­dem der Uni­ver­sität. Aber über­ras­chend anders.

Lampe, Tischuhr, Mini-Eiffeltum
Auf dem Sekretär
Bei einigen un­serer Dau­er­kun­den ist ge­ra­de Ge­nera­tions­wechsel an­gesagt. Wir wer­den gebucht, standen oben auf der Liste der externen Mit­arbei­terinnen, die Über­ga­be hat gut geklappt, die erste Zusam­men­arbeit mit den Neu­en verläuft prima, die Endkunden sind happy. Aber der Ge­ne­ra­tions­wechsel be­deu­tet Mehrarbeit, für das Fin­ger­spitzen­gefühl nötig ist.

Rück­sprung: Anfang der 1990-er warte ich mit einigen jungen Frauen und einem nicht mehr ganz so jungen Mann auf dem Flur einer deutschen Universität. Der Haus­meister kommt, schließt auf. Es ist der erste Tag im neuen Semester. Wir ge­hen in den Raum, alle zusammen. Vorher hatten wir einander vor­sich­tig ge­mus­tert. Wer ist das wohl, den ich da kennen­lernen werde, sind künftige Freun­de da­bei, Leidens­ge­nossen, was wird mir das Se­mester bringen.

Alle sind irgendwie gleichalt, plus oder minus zehn, fünfzehn Jahre, nur der Mann sieht deutlich älter aus. Man­che halten ihn für den Dozen­ten. Eine Stu­dentin sagt zur anderen: "Nein, es ist eine Frau, Madame Elia'!" Sie spricht das S nicht aus, was gram­ma­ti­kalisch korrekt ist. Eigen­namen folgen nicht immer der Gram­matik. Mar­gue­rite Duras wird auch DuraS ausge­sprochen, den Kom­mentar verkneife ich mir. (Noch bin ich Teil der Menge. Und zwei Studen­tinnen werden sich neben dem Mann später als älter als ich heraus­stellen.)

Und dann kommt auch schon der Moment: Wir gehen in den Seminar­raum, alle su­chen sich in den Reihen ihren Sitzplatz, ich nehme vorne Platz. Atme durch. Schaue mich freund­lich um. Lege los: "Bonjour ! Comment allez-vous ?"

Warum ich der erzähle? Die olle Kamelle, an die ich mich noch sehr lebendig er­in­ne­re, ist ja bald 20 Jahre alt. Die Stu­den­tinnen von einst sind längst im Beruf, schicken Sendungslinks und Babyfotos. (Es gab später dann auch mehr Studenten, die sind weniger kommunikativ.) Ich erinnere mich vermutlich heute so genau daran, weil ich dieses Unter­richten sehr bewusst angefangen habe. Als ein Sich-Lösen von der Menge, als Teil der Menge und dann doch eben als diejenige, die vorne Platz nimmt. Für mich waren Studis immer Mitlerner, jüngere Kol­legin­nen und Kol­legen, Men­schen mit Sorgen und Nöten und eben einem Aus­tauschprojekt. Das war und ist meine Grund­haltung.

Die­ser Tage habe ich Leute an der Strippe, die Mitte, Ende 20 sind. (Sie könnten meine Kinder sein.)

Lesesessel als Lehnstuhl und als Liege, der Lampenarm muss mitschwenken
Lesearbeitsplatz: Der Lampenarm muss mitschwenken
Sie sind neu im Job. Sie rufen die Dienst­leisterin an. Ei­gent­l­ich sind sie hier die Che­fin­­nen und Chefs. Ich will ihnen dieses Gefühl nicht neh­men, muss aber, um die Qua­li­tät unserer künf­ti­gen Ar­beit si­cher­stel­len zu kön­nen, vor­sichtig ihr Wissen ab­fra­gen und sie infor­mie­ren. Schulen oder nach­schulen, egal, wie man es for­mu­lieren möchte.

Ich bin wieder die Do­zen­tin. Frage vorsichtig, frage, ob sie einen Moment Zeit ha­ben, steuere das Ge­spräch ein wenig, bringe Witze rein, erzähle von eigenen Un­si­cher­heiten und Fragen.

"Klasse, wie Sie das machen! Vielen Dank für diese Hin­ter­grund­in­for­mationen!", habe ich eben ge­hört. Es ist die dritte Nach­wuchs­kraft dieses Jahr bei diesem guten Kunden, der ein großes Haus dar­stellt. Ich hab aber auch Glück mit meinen Ge­sprächs­partnern, da hat die Per­so­nal­ab­tei­lung gute Arbeit geleistet!
 
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Fotos: C.E. (Die Leselampe ist nicht ideal, denn
ich muss immer eine Schraube drehen!)

Montag, 5. November 2018

Halt in Göttingen

Guten Tag oder guten Abend! Sie sind mit­ten in ein Ar­beits­ta­ge­buch hinein­ge­ra­ten, in dem sich al­les um Spra­che, Dol­met­schen, Über­setzen und Kult­uren dreht. Als frei­be­ruf­li­che Sprach­mitt­lerin ar­bei­te ich in Pa­ris, Berlin, Toulouse, München und dort, wo man mich braucht.

Große Palmen stoßen im Warteraum-Glaskasten am Bahnsteig an die Decke des Raumes
Beste Wartestimmung
Einen Teil der Arbeits­zeit ver­brin­gen wir nicht sel­ten un­ter­wegs. Wir rei­sen in ganz Eu­ro­pa von Kon­fe­ren­zen und Euro-Be­triebs­rats­sit­zungen zu Vor­trä­gen und Diskus­sionen, von Schu­lungen, Debat­ten und zu Dreh­ar­bei­ten zu Hin­ter­grund­gesprächen, ge­hen mit auf Interview- und Re­cher­che­tou­ren.
Nicht alle, aber viele von uns sind des­halb Viel­reisende.

Manch­­mal geht es sogar ins außer­­eu­ro­pä­ische Aus­land. Und ja, ich träume von der nächsten Rei­se nach Af­ri­ka oder vielleicht auch nach Canada. Meistens ist es aber eher Göttingen.

Also es ist dann so, dass mir nach einem Dutzend Mal des Vor­bei­fah­rens in Göt­tin­gen und drei­ma­li­gem dort Umsteigen bin­nen we­ni­ger Monate auffällt, dass hier Bahn­mit­­ar­bei­ter einen be­son­ders grünen Daumen haben und diesen Spaß am Grün zur Freu­de aller am Arbeits­platz ausleben dürfen! Wun­derbar!

Heute konnte ich es mir vor Ort anschauen. Da durfte ich nicht nur in Göt­tin­gen um­stei­gen, sondern auch dort warten. Das war ein schöner Moment. Das mei­ne ich ganz ernst, ich sollte der­lei ab­sicht­lich verlängern. Ich könnte auf ei­ner Rück­reise einfach für einen Besuchs­tag meine Fahrt unterbrechen und mir etwas ansehen gehen. Göt­tingen ist die Stadt, der ich meine Existenz ver­dan­ke, hier haben sich meine Eltern ken­nen­ge­lernt.

Und natür­lich ist diese Stadt in die deutsch-franzö­sische Ge­schich­te eingegangen, die Sängerin Bar­bara hat sie verewigt. Leider ist das Chanson nicht dau­erhaft im Inter­net aufzu­finden, der Link unten sieht viel­leicht bald grau aus (oder hier mal schauen: Link). Dort, was Wiki­pedia darüber schreibt: Klick!




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Foto: C.E.

Freitag, 2. November 2018

Runde Sachen

Welcome, guten Tag, bonjour ... auf den Blogseiten, die in der Dol­­met­­scher­ka­bi­ne und am Übersetzerschreibtisch entstehen. Ich arbeite in den Bereichen Politik, Kultur, Wirt­schaft und Soziales. Meine Arbeitssprachen sind Deutsch, Französisch (Ausgangs- und Ziel­spra­che) und Englisch (meistens nur Aus­gangs­spra­che).

Neulich ging ich mit einem männ­li­chen Min­der­jäh­ri­gen spa­zie­ren. Er hat­te die gan­ze Zeit nur Fuß­ball im Kopf.

Da fiel mir auf, dass ich über alles schon geschrie­ben habe, oder fast. Also über run­de Gefäße und Augäpfel, schmückende Radkappen bei Autos (enjoliveurs), run­des Lampenglas, Schnee­bälle, die Zeit, den bedrohten Glo­bus und Men­schen, die von einem Teil dieser Kugel auf die andere migrieren müssen, Zirkelschlüsse und sogar darüber, dass das Runde ins Eckige muss.

A propos Mi­gra­tion, Verb "migrieren" ... eine Art von Wanderung: Daten von einem Träger auf den an­de­ren zu über­tra­gen heißt auch 'migrie­ren'. Die­ser Ta­ge ha­be ich nicht nur mal wieder den Inhalt von zehn Akten­ordnern in den Schredder mi­grie­ren las­sen (in Vor­be­rei­tung einer Mö­bel­wan­de­rung in­ner­halb der Wohnung), son­dern auch Fotos von einem Spei­cher­me­di­um zum nächs­ten.

Formal ist mir dabei was aufgefallen. Ich hab das hier mal reinkopiert.
Runder Esstisch: Draufsicht - Passionsblume, ein gezackter Kreis - Stecklinge, die im Runden Glas wurzeln
Was die Dolmetscherin privat so macht
Und mit dem Teen­ager bin ich eine große Runde gelaufen. Musste ich jetzt er­wäh­nen, um diese Zei­len hier "rund" zu machen.

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Foto: C.E.

Donnerstag, 25. Oktober 2018

Fahrradkurier

Was Über­set­zer und Dol­metscher be­schäf­tigt, können Sie hier mit­lesen. Seit vie­len Jahren versuche ich hier, meinen Alltag einigermaßen nachvollziehbar zu machen.

Koffer mit Kopfhörern, Batterien, Ladegerät und Batterien
Schön leicht
Noch nicht erzählt habe ich diese Episode: Wir sind in Berlin, der Techniker kommt und bringt leichte Kon­fe­renz­tech­nik. Er ist nicht mehr ganz jung. Seit einiger Zeit trägt er immer öfter sport­liche Klei­dung. Frü­her brach­te er die Ar­beits­ma­te­rialien in Auto oder Klein­trans­por­ter, vor allem dann, wenn ganze Kabinen von A nach B zu brin­gen waren.

Erst wur­den ihm Bü­ro und La­ger in zen­traler, he­run­ter­ge­kom­me­ner La­ge un­ter dem Hin­tern weg­spe­ku­liert, jetzt beschreibt er die Einschränkung der Fahrzonen, also die Einführung von Fahrverboten, als eine Form der Enteignung des Mit­tel­stan­des.

Na­tür­lich hat er seinen Klein­trans­por­ter vor et­li­chen Jah­ren ge­kauft, als noch nicht die Rede von Fahr­ver­bo­ten war. Na­tür­lich ist damit die Kalkulation fürs Ab­stot­tern des Kauf­prei­ses hinfällig. Natürlich freut ihn Mi­niatu­ri­sie­rung der Tech­nik, die hof­fent­lich bald wieder einen Schub be­kommt. (Der­zeit wird die Technik noch im­mer grö­ßer, vor allem ihre Ver­packung; was er uns bringt ist best­er­hal­te­ne Wa­re aus dem letzten Jah­rhun­dert.)

Neuerdings ist unser Technikanbieter sein eigener Fahrradkurier.

Im Be­spre­chungs­raum arbeiten fünf Men­schen plus zwei Dol­met­sche­rin­nen, die Sit­zung dau­ert un­ter drei Stun­den. Wie wird un­sere Tech­nik beim nächs­­ten grö­ße­ren Ein­satz ge­bracht werden, wenn es wie­der um Ta­ge und um Ka­bi­nen geht?

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Foto: C.E.

Mittwoch, 24. Oktober 2018

Machine Translation (10)

Was wir Dol­met­scher (in meinem Fall Fran­zö­sisch und Eng­lisch) und Über­set­zer so er­le­ben, kön­nen Sie hier lesen. Mei­nen heu­ti­gen Ar­beits­tag be­schließt ein klei­ner Ver­gleich. Ich durf­te die Über­set­zung ei­ner Web­sei­te kor­rek­tur­le­sen. Die Vorl­age war stel­len­wei­se ... aber le­sen Sie selbst. Es geht um eine Web­sei­te, die sich an Teens wen­det, das Gan­ze sollte etwas mar­keting­mä­ßi­ger aus­fal­len.

Quelle: "Übelsetzer" (oder eine Gratis-Übersetzungssoftware?)
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Der sogenannte Schachtürke, ein vermeintlicher Apparat mit menschlichen Zügen
The Mechanical Turc
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Illustration: Wikicommons

Wasser!

Was Über­set­zer und Dol­metscher be­schäf­tigt, können Sie hier mit­lesen. Seit vie­len Jahren be­richte ich über den Beruf und meinen sprach­be­tonten Alltag. Der hat natürlich meinen Sinn für Begriffe geschärft.

Gestern hat es genieselt. Das ist be­merkens­wert, denn es kam länger als vier Stun­den lang Was­ser vom Him­mel, zum ersten Mal seit Mo­na­ten. Aus­gie­bi­ger Niesel al­so. Diese Re­de­wen­dung gab es vor ei­ni­gen Jahren noch nicht.

Durch eine nasse Glasscheibe hindurch zeichnet sich ein Kirchturm ab
Sankt Marien in Stralsund
Am Vor­abend hatte ich mich mit einem Be­kannten aus Afri­ka, genauer: aus Niger, über Regen- und Trocken­zeiten un­ter­hal­ten. Da gab es auch über­ra­schen­de Wör­ter. Er hat über seine Flucht über das Mittel­meer berichtet. Er, Sohn der Sahara und Teil des Hir­ten­volks Fulbe (auf Fran­zösisch Peul) sprach in folgenden Worten über seine Perspektive vom Boot aus: Le bateau marchait, il marchait comme ça tranquillement sur la mer! (Das Boot marschierte, es mar­schierte ruhig über das Meer.)

Der Voll­stän­digkeit halber: Der Be­tref­fen­de hat­te jemals zu­vor weder ein Meer ge­se­hen, noch konnte er schwim­men.

Oder wie klingt das gleich noch? "Er­giebiger Land­regen!" Lange nicht gehört, we­der in den Nachrichten, noch in der Re­gen­rin­ne! Brauchen wir, braucht die Natur, auch wenn nach über einem halben Jahr niemand mehr zu wissen scheint, wie man bei hoher Luftfeuchtigkeit vor die Tür kommt.

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Foto: C.E. (Archiv)

Dienstag, 23. Oktober 2018

Biolandbau

Im 12. Jahr bloggt hier eine Fran­zö­sisch­dol­metscherin (die auch aus dem Eng­li­schen arbeitet). Für uns Ex­trem­sportler des Ge­hirns ist es wichtig, was wir essen. Ent­spre­chen­de Nach­rich­ten beob­ach­te ich mit gro­ßer Auf­merk­sam­keit. 

Kartoffel in Herzform, Marillen
Essen mit Herz
Bioladenkunden mit verringertem Krebsrisiko
Am Montag wurden die Er­ge­bnis­se einer fran­zö­si­schen wissenschaftlichen Studie bekannt, nach der Kon­su­men­tin­nen und Kon­su­men­ten, die sich re­gel­mä­ßig mit Bio­le­bens­mit­teln versorgen, im Vergleich zu "Nor­mal­­essern" ein um 25% verringertes Risiko haben, an Krebs zu erkranken.

Die Studie untersuchte über sieben Jahre lang die gesund­heitliche Entwicklung von knapp 70.000 Freiwilligen. Eine Pariser Forschergruppe, die Univer­sität Sorbonne Paris 13 war beteiligt, gab weitere Einzel­heiten bekannt. 68.946 Menschen nahmen an der Studie teil, 78% Frauen, das Durch­schnittsalter lag bei 44 Jahren.

Im Beob­achtungs­zeitraum zwischen Mai 2009 und November 2016 wurden bei den Probanden 1.340 neue Kreb­ser­krankungen dokumentiert. Das verringerte Krebs­ri­si­ko bei Menschen, die regelmäßig Biolebens­mittel konsumieren, war be­­son­­ders auf­fäl­lig bei Brust­krebs von Frauen nach der Menopause, sie wiesen ein um 34 Prozent re­duziertes Risiko auf, sowie bei Lympho­men (Blutkrebs der weißen Blut­kör­per­chen), hier ist das Risiko um 76 Prozent verringert.

Gruppentypische Ausreißer rausgerechnet
Gefragt wurden die Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer danach, wie oft Le­bens­mit­tel von 16 unterschiedlichen Gruppen verzehrt wurden (Obst und Gemüse, Fleisch, Fisch, Eier etc.) und wie oft diese aus dem Biolandbau gestammt haben. Außerdem dokumentierten die Wissenschaftler sozio­de­mo­grafische Angaben ihrer Kohorten, um soziali­sations­bedingte Ver­zer­rungen aus den Ergebnissen he­raus­zu­rech­nen. (Es ist bekannt, das Menschen mit höheren Bil­dungs­­ab­­schlüssen mehr Sport treiben, seltener rauchen und stärker auf ihr Gewicht achten als die Durch­­schnitts­­be­­völ­­kerung. In der Regel verfügt diese Gruppe auch über ein hö­he­res Ein­­kom­men, was ihr den zumeist höherpreisigen Einkauf ihm Bioladen ermöglicht.)

In Interviews wurden die Gründe für diese Er­näh­rungsweise erfragt. Neben ethi­schen Er­wäg­ungen wurde oft genannt, das Lebensmittel aus kon­ven­tio­nel­lem An­bau Rück­stände synthetischer Pflan­zen­schutz- und Dünge­mit­tel aufwiesen. Eine Mitautorin der Studie, Em­ma­nu­elle Kesse-Guyot, wird entsprechend von der Pariser Tageszeitung „Le Monde“ mit der Vermutung zitiert, dass mehr Pes­ti­zid­rück­stän­de in konventionellen Landwirtschaftsprodukten für dieses Ergebnis verantwortlich gemacht werden könnten.

Salat im Sieb
Wildkräutersalat
Parallelen zu Bau­ern­ge­sund­heit
Die gleiche Zeitung zitiert den amerika­nischen Epi­de­mio­­lo­gen Philip Landrigan, der hervohebt, dass "eine der großen Stär­ken" der Stu­die darin bestünde, dass ihre Ergebnisse "weit­ge­hend mit den Er­geb­nis­­sen von For­schungen über Men­schen über­­ein­­stim­­men, die be­ru­lich Pes­ti­­ziden aus­ge­setzt sind“.

Seit ei­ni­gen Jahr­zehn­ten zäh­len Lym­pho­me zu den häufigsten Krebs­­ar­ten bei Bauern in der konventionellen Landwirtschaft.

Zur Gruppe der regel­mäßigen Verbraucher von Bio­le­bens­mit­teln wurden übrigens alle gezählt, die für mehr als 50% ihrer Nahrungs­mittel in den Bioladen gehen.

Weitere Fragen, nächste Studien
In Frankreich berichten dieser Tage alle Medien darüber. Kri­ti­sche Stim­men er­wä­gen die Fra­ge, ob nicht Mikronähr­stoffe, die in Biolebens­mitteln in hö­he­ren Men­gen vor­kom­men, dem menschlichen Organismus möglicherweise dabei helfen, Er­kran­kungen im Früh­stadium erfolgreicher zu bekämpfen. Die Ergebnisse dieser Studie warten nun darauf, durch ähnliche For­schungsar­bei­ten in anderen Län­dern bestätigt zu werden.

Mehr dazu in der Fachzeitschrift „JAMA Internal Medicine“ (Link)

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Foto: folgt

Montag, 22. Oktober 2018

Lachs

Willkommen auf den Seiten eines digitalen Logbuchs aus der Dolmetscherkabine. Was ich beruflich anbiete, Dolmetschen und Übersetzen, beschäftigt mich täglich, manch­mal so­gar am Abend.

Salmon with Spinach
Weiß- oder Rotwein zum Lachs?
Beim Abend­es­sen mit Kun­den, Be­triebs­­rä­ten aus der In­dus­trie, wird uns eine deutsch-eng­li­sche Spei­se­­kar­­te ge­reicht. Das ist ganz nor­mal in Ber­lin. Lus­tig war die Esels­brücke der Fran­zo­sen für Lachs, the sal­mon, le sau­mon. 

Einer frag­te näm­lich ganz un­be­fan­gen, was das Ge­mü­se sei, das es bei den "Sal­mo­nel­len" gebe. Un­be­zahl­bar, sol­che Sze­nen, die kann nie­mand er­fin­den!

(Ich stelle kurz eine Fra­ge, wer­de aber nicht aus­führ­li­cher, ein Hin­weis muss rei­chen. Dann ge­nie­ße ich lie­ber ein Ge­mü­se­cur­ry ... aus Grün­den. Vor Zucht­lachs wird ge­warnt: Stern-Link.)

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Foto: C.E.

Sonntag, 21. Oktober 2018

Autumn l♥ve

Bon­jour, hel­lo, gu­ten Tag! Fran­zö­sisch­dol­met­scher und -übersetzer haben ver­mut­lich einen eigenen Blick auf die Welt, und meiner ist nochmal anders. Ich schreibe hier mein subjektives Arbeitstagebuch und sonntags folgt (manchmal) das Sonn­tags­foto ...
 
Das ist mein Herbst: Die letzten Male die Tou­ris­ten­schif­fe vor dem Fens­ter vor­bei­brum­men hören, Morgennebel am Kanal und fla­schen­grü­nes Was­ser (dunk­les Glas mit Bor­deaux drin), Farb­wechsel der Blät­ter, Jog­ger mit kleinen Wölk­chen vor den Mün­dern, Nach­barn von der anderen Ufer­seite, die ich plötzlich wieder ahne und bald wieder rich­tig sehen kann, Tea time genießen, wie­der Wol­le auf der Haut.

Balkonblick: Pflanzen, Bäume, Himmel, Wolken, Dachfirst
Finde die zehn Unterschiede!
Das ist auch mein Herbst: Viel unter­wegs sein, den Kof­fer eine Num­mer größer wäh­len, weil die Out­fits wärmer wer­den und ihn zwi­schen­durch nicht mehr in die Kof­fer­ab­la­ge packen, da er fast ständig in Benut­zung ist, froh sein über Mit­men­schen, die gut mit den Pflan­zen können, Fahr­karten online nahezu "stapelweise" buchen, Vokabel­listen über­ar­bei­ten, abheften, ers­te Ge­schen­ke fürs Jahres­ende finden.

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Fotos: C.E.

Freitag, 19. Oktober 2018

Reichhaltiges Essen

Hier bloggt im 12. Jahr ei­ne Dol­met­sche­rin für Fran­zö­sisch und Über­set­zerin, in die­sem Falle meis­tens in die deut­sche Spra­che. Neu­lich habe ich lang­wei­lige Meetings ver­dol­metscht und fand es schade, nichts Be­rich­tens­wer­tes zu er­leben. Und dann, buch­stäb­lich in der letzten Minute ...

Tisch in der Pause
"Die Dolmetscherin braucht eine Pause!"
"Mangez bien gras !", sagt der fran­zösische Kunde zum Ab­schied. Gras bedeutet auf Fran­zösisch "fettig", hm, ich soll also fettig essen? Meint der, dass ich zu wenig Speck auf den Rippen habe?

Nein, er, den man grob als den krea­tiven Kopf eines Teams beschreiben könnte, hat mich nur einige Tage ar­beiten se­hen.

Kleine Runde, viele Dis­ku­tan­ten, die sich auf Eng­lisch die Köpfe heiß­geredet ha­ben, aber nur für ei­nen ein­zi­gen war ich zu­ständig — seinen Fi­nan­zier.

Es ging lo­gi­scher­weise um was Kre­atives und um Geld, mehr darf ich nicht sagen, ich habe sogar als Dol­met­scherin zum ersten Mal eine Schwei­ge­­ver­pflich­tung un­ter­schreiben müssen.

Gläser, Besteck, Hände
Mittags"pause"
Nor­ma­ler­weise versteht sich das mit dem Klap­pe­hal­ten bei unsereinem von selbst, wir sind da wie die Ärzte, aber gut, alle bekamen so einen Wisch hin­ge­legt, ich war am schnells­ten fertig. Querlesen ist ja eine der leich­tes­ten Übungen in meinem Be­ruf.

Was dann kam, heißt unter Dol­met­schern "Be­gleit­dol­metschen".

Kurz gesagt war ich dafür zu­stän­dig, dass es eine zweite "Ton­spur" der Meetings auf Fran­zö­sisch gab. Zwei Tage lang ging das so.

Und dabei hat mich der Kre­ati­ve rich­tigg­ehend be­ob­achtet, wie ich nach meinen Be­dürf­nis­sen Pausen aus­ge­rufen habe —"The inter­preter needs a break! — und schon im Vorfeld im Restaurant eine sahnehaltige Kürbissuppe zum Trinken vor­ab b­e­stellt hatte, weil ich natürlich auch beim Essen ein wenig gedolmetscht habe. Und wie ich mir am Ende des Es­sens vom Nach­spei­sen­tel­ler noch Kuchen­teile ein­ge­steckt und zwischendurch die Box mit den Nüs­sen aus­gepackt habe.

Dunkles Tischholz mit Papier, Bierfilzen, Mikro, Kopfhörer
Gleich kommen neue Getränke
Er hat auch Fragen gestellt. Ich konnte ihm erzählen, wie wich­tig guter, mög­lichst langer Schlaf für unsereinen ist, Sozial­leben und aus­glei­chende Hobbies, in meinem Fall Garten, Schmuck­ge­stal­tung, Sport.

Also kam ein: "Schla­fen Sie gut, erho­len Sie sich gut und essen Sie gut und reichhaltig!"

So würde ich das gras eher über­setzen. So hät­te er es auf Deutsch ge­sagt, wenn er denn Deutsch spre­chen wür­­de.

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Fotos: C.E.

Donnerstag, 18. Oktober 2018

Direktübersetzer

Bon­jour, hel­lo und gu­ten Tag! Was Sprach­arbeiter wie Dol­met­scher und Über­setzer so umtreibt, können Sie hier lesen. Ich ar­bei­te neben Deutsch mit der fran­­zö­­si­­schen und der eng­li­schen Sprache.

Und "Direktübersetzer" sitzen auch direkt mit im Raum
Von der letzten Kon­gress­rei­se habe ich ei­ne neue Bezeich­nung un­se­res Be­rufs mit­ge­bracht: die "Di­rekt­über­set­zer". Mit die­sem Wort wur­­de vor­­ges­tern am Ran­de einer Ta­gung über uns ge­spro­chen.
Der Be­griff erklärt sich wie folgt: ÜBER... wie "Über­win­dung von Sprach­bar­rie­ren", SETZER wie sitzen oder "die sit­zen die ganze Zeit in den Kabinen rum".

Last but not least DIREKT, das ist wie "geht di­rekt ins Blut", was der Wer­be­slo­gan für ein Me­di­ka­ment ist, und wir sind sicher so nütz­lich wie Aspirin plus Vitamin C.

Ja, so ließe sich das sehen. Für al­le an­de­ren: Über­setzer schrei­ben, Dol­met­scher reden. Über­setzen ist Hand­werk, Dol­met­schen ist Mund­werk.

Hektik auf weniger als einem Quadratmeter
Wir saßen wieder in den wun­der­ba­ren Halb­ka­bi­nen, die Fish Bowl oder Aqua­rium ge­nannt werden. Die akus­tische Ab­schir­mung ist sub­op­ti­mal, dafür sind die Sau­er­stoff­ver­hält­nisse her­vor­ra­gend, das ist nicht zu leugnen.
Das Di­rekte klappt zudem nur, weil wir die Tech­nik haben. Zwei­mal war ich alles andere als direkt. Da blie­ben die Kopf­­hö­rer stumm.

Es geschah beim fünften Spre­cher­wechsel. Die Kol­legin hat spon­tan weiter­ge­dol­metscht. Sie war zwar gerade vor der Kaf­fee­pau­se dran ge­wesen, hat­te sich aber in der Pau­se erholen kön­nen. Der Tech­ni­ker hat dann im lau­fen­den Be­trieb ein zwei­tes Pult rein­ge­quetscht und an­ge­schlos­sen, das genau einen Tag funktioniert hat.

Wir sitzen ja sonst schon beengt.
Ist aber steigerbar ...
Denn am nächs­ten Tag hat auch das zwei­te Pult ge­streikt. Der Tech­ni­ker hat dann noch ver­sucht, das Ding durch wie­der­holte Schal­terei zum Lau­fen zu kriegen, aber es war und blieb tot.

Wir haben dann bei­de mit dem Pult der Kol­le­gin gearbeitet. Der Stress­fak­tor für diese zu­sätz­li­chen Schwie­rig­keiten war hoch. Kos­ten­ein­spa­run­gen in der Tech­nik wir­ken sich manch­mal di­rekt auf un­sere Ar­beit aus.




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Fotos: C.E.

Freitag, 5. Oktober 2018

Deadline

Herzlich willkommen auf den Blogseiten einer Spracharbeiterin. In den ver­gan­ge­nen Monaten war hier nicht so wenig los. Manches trage ich hier als meinen Rück­blick auf den Som­mer nach.

Neulich bei über 30 Grad Celsius: Kreative Arbeits­ruhe, plötzlich sehe ich das da:
fovr f rtsg hmrtd'bmur mtd r am Mnsntstad und schwarze Kästen
Verschobener Handlungsbogen
Was war da los?  Über einige Tage hatten wir auf eine Deadline hingearbeitet und dabei Dateien in einem Umfang bewältigt, für die eine Einzelperson Wochen ge­braucht hätte. Das geschah fabrikartig in verschie­denen Räumen. Ich saß bei der Katze in der Küche und habe übersetzt und fertige Über­setzungen korrigiert. Es ging überwiegend zwischen Apple-Rechnern hin und her.

Ziel war die Erstellung eines För­der­an­trages und einer Bewerbung um die Teil­nah­me an einem  Pitching. Wir waren zu mehreren beschäftigt, zu Word und Pages, Ent­spre­chung für Mac, kam noch Linux hinzu, die Sache dauerte länger, wir haben oft zu­hau­se noch wei­ter­ge­ar­bei­tet. Am Ende waren fünf Rechner, vier Menschen, drei Orte und zwei un­ter­schied­liche Dossiers im Spiel gewesen.

Und dann haben wir ein mas­sives Problem. Einer der Rechner war gehackt worden. Die beschädig­ten Textseiten brauchen Dutzende von Minuten, bis sie aufgerufen sind. Andere Textstellen vorher und nachher bereiten keine Probleme. Wir müssen um die Schad­stellen he­rum­ar­beiten, bauen eines der An­trag­dos­siers neu aus den ge­schrot­te­ten Dateien zusammen, aus Kor­rek­tur­vor­stufen und zuvor ab­ge­nom­menen Versionen. Notiz an mich selbst: Die verschie­denen Fas­sungen immer erst gaaaanz am Ende löschen, nie zwischen­durch schon mal, weil gerade eine Pause im Ablauf entsteht.

Arbeitsstimmung mit Bürokatze
Und wenn sie trotzdem im Papier­korb lan­den sollten, dann erst gaaaanz am Ende den Papier­korb löschen. Und ja, manches mussten wir schlicht und er­grei­fend dop­pelt machen.

Fünf Minuten vor Mit­ter­nacht am Ab­gabe­tag ging die Mail raus. Und das Projekt wurde an­ge­nom­men und wird dem­nächst beim Pitching in Form einer Kurz­prä­sen­tation potentiellen Geld­gebern, Re­dak­teu­ren und Film­för­der­ern vorgestellt! Wir sind sehr froh! Und wir wissen: Ohne die wich­tigste Mitar­beiterin, die Beauftragte in Sachen Stress­reduktion, wäre diese Punkt­lan­dung nicht mög­lich gewesen.

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Fotos: C.E.

Donnerstag, 4. Oktober 2018

Lifelong learning

Bonjour, hier bloggt eine Fran­zö­sisch­­dol­­met­sche­rin und -über­setzerin. Dol­­met­scher und Über­setzer übertragen münd­lich und/oder sinn­­getreu, sie pla­nen Rei­sen, machen Buch­­­haltung und helfen Kol­­le­gen beim Bü­ro­­ma­­na­­ge­ment, sie müssen sehr viel le­sen und ständig weiterlernen.

Vor Jahren sagte mal jemand zu mir: „Dolmetscherin, was für ein an­spruchs­vol­ler Beruf! Da haben Sie im Studium wohl sehr viel lernen müssen! Aber später können Sie den Lohn für Ihre Mü­hen einfahren und sich ausruhen!“

Ein geruh­samer Beruf ist diese Dol­metscherei nicht. Diese Person war höchst über­rascht, dass ich wei­ter­hin jeden Tag neue Wörter lerne. Einerseits verändert sich Sprache, entwickelt sich weiter, Mode­begriffe tauchen auf und ver­schwin­den oder Wörter, die mit einem Zitat in Zu­sam­menhang stehen, bekommen eine neue Be­deu­tungs­ebene. Weitere Lern­felder sind die "Schnacks" bestimmter Gruppen, also Soziolekte, und irgendwie alle The­men­be­reiche des Lebens. Wir Sprach­ar­bei­ter dürfen buch­stäb­lich alles lesen, was immer wir möchten.

Vor Einsätzen pauken wir Fachbegriffe, von denen wir nicht alle ständig brauchen, Details geraten an­schließend in Ver­ges­sen­heit, werden vor dem nächsten Einsatz wieder aufge­frischt. Was langfristig hängenbleibt, erweitert die All­ge­mein­bildung.

Alte Kindermöbel: Sofa mit Schlafhasen drauf
Alte Möbel
Vor drei Wochen ging es um alte Mö­bel, ver­zier­te Da­men­se­kre­täre nach fran­zö­si­schem Vor­bild, die Bonheur du jour heißen, wört­lich: "Glück des Ta­ges".
Der Be­griff bezeich­net aber auch zierl­iche Schreib­tisch­lein ohne Aufsatz, die in den 1760-er Jahren in Frank­reich auf­ka­men und im 18. Jahr­hun­dert zu den belieb­tes­ten Möbeln überhaupt zählen.

Solche Mö­bel weisen gerne In­tar­sien auf. Dieses Wort liest sich für Lai­en­augen, als wäre es ein Fran­zö­sisches, aber auch hier musste ich erst lernen, dass es nicht irgendwas mit intars... ist, son­dern l'incrus­ta­tion heißt, in manchen Fällen auch la mar­que­terie, ein Begriff, der auch in Deutsch­land be­kannt ist und, wie Wikipedia im Ar­ti­kel "Marketerie" warnt, keinesfalls als Synonym für 'Intarsie' verwendet werden darf. Soviel zum Versuch einer Klarstellung. Um solche "Fallen" muss ich wis­sen und ge­ge­be­nen­falls nachfragen.

Gerne wird für diese Holz­ein­le­ge­ar­bei­ten be­son­de­res Holz verwendet. In einem Fall ist von acajou moucheté die Rede. Ich sehe wun­der­schön rot­brau­nes Ma­ha­goniholz mit dunklen Flecken, das meint wohl das mouche­té, von la mouche - die Fliege. Ich suche im Netz nach der Ent­sprechung. Was da ein Antiquitä­ten­händler anbietet, ist sicher nicht die Übersetzung, wird hier doch acajou mouche­té mit "ma­ha­go­ni­fur­nierter Eichenholzkorpus" wiedergegeben (Mahagoni­furnier heißt pla­cage d'aca­jou).

Auf Englisch geht es schneller, fündig zu werden, und mein Misstrauen der oben­ste­hen­den "Übersetzung" gegenüber findet ihre Bestätigung: Acajou moucheté wird von Oxford re­fe­rence als fiddle-back ma­ho­ga­ny geführt, was mich ratlos zu­rück­lässt, ein "Zurückfiedel-Mahagoni"? Ich suche dieses fiddle-back per Foto­suche und freue mich, dass ich keine Spinnen­phobie habe, denn mich springen förmlich Dut­zende von norda­me­ri­ka­nischen Braunen Ein­sied­ler­spinnen an. Es sind also tat­säch­lich die Flecken gemeint.

Ich suche nach einer Bestätigung. Grinsen durfte ich, als ich für das gleiche Holz plum-pudding mahogany) fand: Dieser "Pflau­men­pudding" ist DER englische Weih­nachts­kuchen schlecht­hin aus heller Masse mit dunklen Flecken.

Kurz: Fein gema­sertes und ge­flecktes Ma­hago­ni wird auch in deutsch­spra­chigen Fachkreisen schlicht Acajou moucheté genannt, hier gibt es keine Über­setzung. Das ist auch eine Erkennt­nis!

Die Themen der letzten und kom­men­den Wochen: Men­schen­rechte, Musik­wirt­schaft, Wirt­schafts­för­der­ung für Start­ups, Energie­dächer, Krypto­wäh­rungen und Bergbau. Das Wort life­long lear­ning be­schreibt un­se­ren Sprach­ar­beiter­alltag wun­derbar!

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Foto: C.E.

Mittwoch, 3. Oktober 2018

Zeitzeugin

Was Über­set­zer und Dol­metscher be­schäf­tigt, können Sie hier mit­lesen. Seit vie­len Jahren be­richte ich über den Beruf und meinen sprach­be­tonten Alltag. Sonn- und feiertags wer­de ich privat: Sonntags­fotos!

Espressokocher, Tassen, Zucker, Tisch, ...
Auf einen Espresso mit ...
Tag der deutschen Vielheit: Ich bin end­lich mal wieder oh­ne Stress am May­bach­ufer, der erste Schub an Dol­metsch­ter­minen liegt hinter uns, diese Woche ist gro­ßes Ver­schnau­fen angesagt. Home sweet home ... Wohnen macht Spaß!

Kaf­fee­trin­ken mit einer Freun­din, dann Spazier­gang, Zeitung lesen, Radio hören: Überall ist die deut­sche Einheit das The­ma, die mir aus vielen Gründen so gar nicht als Einheit vor­kommen will.

Wir diskutieren, ich lasse mich von der an­dert­halb Jahrzehnte jüngeren Berufs­kol­le­gin und Freun­din, sie stammt aus Frank­reich, gerne aus­fra­gen.

Und dabei merke ich mein eigenes Äl­ter­wer­den. Ich zähle jetzt zu den Zeit­zeugen der jüngsten Geschichte, kann von DDR und Mau­erfall be­rich­ten. (Für mich waren "Zeitzeugen" immer alte Leute ...) Und auch heute höre ich wieder: "Schreib das auf!"

Werde ich wohl müs­sen. Weil's sonst nie­mand macht.

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Foto: C.E.

Dienstag, 2. Oktober 2018

Eingespieltes Team

Bonjour, hier bloggt eine Über­­set­­ze­rin und Dol­met­­sche­rin aus Ber­lin über Sprach­­ar­beit, in den ver­gan­ge­nen Monaten indes nur selten, was mehrere Gründe hat. Zum einen habe ich im elften Blog­jahr oft das Gefühl, bereits alles ge­schrie­ben zu haben. Dann war ich privat stärker ge­fordert in der Fa­mi­lien­­arbeit, was an den anderen Tagen auch Priori­­täten ver­scho­ben hat.

Sprechende Hände einer Dame im bunten Kostümjäckchen, Mitarbeiterin mit roten Fingernägeln
Sprechende Hände
Über die Jahre haben sich zu­dem meine Arbeits­bereiche entwickelt. Je höher­­rangiger meine Ein­sätze, desto we­niger kann ich hier darüber schreiben. Zunächst ein­mal be­rich­te ich nicht über In­hal­te, es sei denn, es handelt sich um Pub­li­­kums­ver­­an­­stal­tungen oder Presse­­events, sondern über die Arbeits­um­stän­de. Und die sind an der Spitze meistens gut.

Dolmetscheinsatz auf höchster politischer Ebene: Wir sind zwei Dol­met­sche­rin­nen, die eine kommt aus dem Pool des Auswärtigen Amtes, mich hat der fran­zö­sische Politiker mitgebracht. Wir kennen einander zwar nicht, haben aber die glei­che Ausbildung genossen und arbeiten einander so routiniert zu, als wären wir schon ewig ein Team. (Ich glaube, Menschen aller Berufsgruppen erkennen einander am Gang, oder?)

Die Bestäti­gung für die gute Zu­sam­men­arbeit folgt auf dem Fuße. Einer der Herren meint am Ende: "Das war wie immer klas­se, meine Damen! So ein gut ein­ge­spiel­tes Duo!"

Wir darauf au­gen­winkernd: "Ja, wir freuen uns auch jedes Mal, wenn wir mal wie­der zu­sam­men­ar­beiten dürfen."

So, zurück an den Schreib­tisch. Mal schauen, was ich hier im Blog noch von den letzten Wo­chen berichten kann, ich werde dann unter "Rück­blick auf den Som­mer" am Ende neuer Pos­tings Links zu diesen Tex­ten setzen, so wie hier: Der Katzentisch (28.9.2018).

Und nein, die Da­me auf dem Bild ist nicht die Bun­des­kan­zle­rin.

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Foto: C.E.

Montag, 1. Oktober 2018

Der Hahn und der König

Hier bloggt eine Kon­­fe­­renz­­dol­­met­­sche­rin und Über­­set­ze­rin mit den Ar­beits­­spra­­chen Fran­zö­­sisch, Deutsch und Eng­lisch (das Idiom Shakes­peares in vie­len The­­men­­fel­dern nur als Aus­­gangs­­­spra­­che). Es kommt vor, dass Kunden unsere Preise hoch erscheinen. Was sie nicht sehen, ist die Vor­be­rei­tung. In anderen Worten: "We are paid for pre­pa­ra­tion, perfor­mance is for free!" 

Eine andere Darstellung nämlichen Hahnes
Es war einmal ein stolzer König in seinem winzigen Königreich zu Zei­ten, als es in Europa viele Dutzende, ja Hunderte König­­reiche gab. Der König kam vom Lande und liebte die einfachen Tiere, aber das ist eine andere Ge­schichte.
Eines Tages brauchte er einen Sol­da­ten, dieser Soldat brauchte einen Schild zum Schutz und die­ser Schild brauchte ein Wap­pen­­tier, das zudem auch auf einer großen Lein­­wand über dem Thron abge­bildet werden sollte. Also rief der König einen Künstler zu sich: "Guter Mann, male einen Hahn, mein Wap­pen­­tier! Schnell! Du sollst gut dafür ent­lohnt werden!"

Der Maler geht, kehrt nach zwei Monaten in das Schloss zurück, der König zeigt ihm Leinwand und Farbe, der Maler setzt schwungvoll in wenigen Minuten den Hahn auf die Leinwand. Alsdann fordert er seinen Lohn, 1000 Taler.

Der König (im Tonfall der Ent­rüs­tung): "Wie, so teuer? Und das für etwas, das Du in fünf Minuten locker aus der Hand gemalt hast?! Und warum musste ich darauf so lange warten, bis er sich bequemt?"

Darauf der Maler: "Ihro Ma­jes­tät werden ver­stehen, dass ich üben musste, das hat Zeit gebraucht ... und um deren Vergü­tung bitte ich un­ter­tänigst!"

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Illustration: C.E. (Ölkreide und Photoshop)

Freitag, 28. September 2018

Am Katzentisch

Was Dol­met­scher und Über­setzer so er­le­ben kön­nen, be­schrei­be ich hier in loser Folge. Ich arbeite auf Kon­gressen, in Hochschulen, auf Festivals und in Hin­ter­zimmern der Politik.

Eine Tischgemeinschaft, im Vordergrund wird ein Teller auf Knien balanciert
Gemüsecurry
Der Katzen­tisch ist ein Wort, das heute nicht mehr alle kennen. Es bezeichnet den ungünst­ig platzierten Beistell­tisch oder Ex­tra­tisch, der auch mal in Größe und Hö­he nicht zum Rest der festlichen Tisch­ge­mein­schaft passt. Hier dürfen Kinder oder rang­niedere Mit­ar­beiter wie z.B. der Chauf­feur sitzen.
Übertragen bezeichnet der Begriff in Lo­ka­len den un­attrak­tivsten Platz, z.B. direkt neben den Toiletten gelegen.

Wir sitzen im Hin­terz­im­mer einer Gast­stät­te, in der gleich ein Ar­beits­es­sen mit Dol­met­scherin stattfinden wird. Noch sind nicht alle Gäste da. Hier und da wird die Karte studiert.

Das Essen findet im Rahmen eines Be­suchs­pro­gramms statt, das den ganzen Tag dauert. Die Dolmet­scherin sitzt "am Kat­zen­tisch" und nimmt schon mal den Haupt­gang zu sich.

Bei der Bestellung des Mittagessens im Neben­raum eines Res­taurants wurde dieser Umstand gleich mit angekündigt. Die fran­zösisch­spra­chigen Gäste und ich sind eine halbe Stunde vor dem Termin eingetroffen, die Dol­metsch­kun­den haben erst eine Runde Mails verschickt, nun entspannen sie sich. Die Dol­met­scherin isst. Alles ganz normal. Nur, dass der "Katzen­tisch" dieses Mal menschliche Beine hat.

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Foto: C.E.

Montag, 24. September 2018

Dolmetschen und Putzen

Will­­­kom­­­men auf den Sei­­ten mei­­­nes di­gi­­ta­len Ar­beits­­­ta­­­ge­buchs. Hier dreht sich alles um Spra­­­chen, Kul­­­tu­ren und das Ver­­­mit­­teln zwi­schen den­­selben. Ich ar­bei­te mit fol­genden Spra­chen: Fran­zö­sisch (Aus­gangs- und Ziel­spra­che) und Eng­lisch (nur Aus­gangs­sprache).

Putzmittelschrank
Dol­met­schen und Putzen sind art­ver­wand­te Tätig­keiten: Wenn es wirk­lich gut ge­macht ist, fällt es den we­nigs­ten auf. Stüm­per­hafte Arbeit fällt in­des allen so­fort ins Auge. Es sind manch­mal un­schö­ne Tä­tig­kei­ten, da hilft nur Au­gen auf und durch. Und am En­de ist das En­de nie er­reicht. Kurz da­rauf geht es von Neu­em los.

Die gro­ßen Un­ter­schiede liegen auch auf der Hand: Ein­wei­sung vs. langes Stu­dium, Ho­no­rar­un­ter­schie­de, so­ziale An­er­ken­nung.

Vor al­lem ist der Putz­job völlig un­ter­be­wer­tet!

Für eine bessere Ho­no­rie­rung dieser grund­le­gen­den Ar­beit — im dop­pel­ten Wort­sinn!

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Foto: C.E. (Archiv)

Dienstag, 28. August 2018

Tastatur, sechshändig

Guten Tag oder guten Abend! Sie sind mit­ten in ein Ar­beits­­ta­­ge­buch hinein­­ge­ra­ten, in dem sich al­les um Spra­che, Dol­met­­schen, Über­­setzen und Kult­uren dreht. Als frei­be­ruf­li­che Sprach­­mitt­lerin ar­bei­te ich in Pa­ris, Berlin, München, Cannes und dort, wo Sie mich brauchen.

Schöne alte Tür neben neuer hässlicher aus Plastik
Armut konserviert, lehrt aber nicht zwingend Geschmack
Ecrire en trois langues et à quatre mains, in drei Spra­chen und "vierhändig" schrei­ben, also als Autoren-Duo, das ist in Europa oft Alltag, wenn am­bi­tio­nier­te Pro­jek­te entstehen, die von unserer Zeit be­rich­ten sollen. Ein sol­cher Text er­reicht mich, ein Film von Freunden im Früh­stadium, der nur durch För­der­­ins­ti­­tu­­tio­nen mög­lich werden wird.

So komme ich ins Spiel. Manch­mal bekom­me ich solche Projekte an­ge­bo­ten, auf die ich mich richtig freuen kann. Drei Tage Arbeit außer Haus, im Büro der Au­to­ren, der raschen Rück­fra­ge­mög­lich­keiten wegen, sind auch eine gute Sache, wenn Hand­wer­ker im Haus sind, die im Ne­ben­ge­bäu­de das Dach ausbauen. Auf Bau­stel­len ar­beite ich höchst ungern, es sei denn, ich dolmetsche für Architekten, Hand­wer­ker und Bauherren.

Meine Über­setzer­ar­beit wird des­halb besonders spannend, weil der Film in Sachsen spielen soll und damit in einer Region, die mir des­halb sehr am Herzen liegt, weil Teile mei­ner Familie von dort stam­men; eine Ver­bun­den­heit, die dieser Tage be­son­ders schmerz­lich ist.

Durch die Über­set­zung ent­steht ein neues Werk. Am En­de ist die deut­sche Version kein Werk für Pia­no, vier­hän­dig, son­dern von Tas­ta­tur, sechs­hän­dig.

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Foto: C.E.

Freitag, 3. August 2018

Museum der Wörter 21

Hallo, hier bloggt ei­ne Sprach­ar­bei­te­rin. Ich über­set­ze und dol­met­sche. Ar­beits­spra­chen: Fran­zö­sisch (aktiv und passiv) und Englisch (nur Aus­gangs­spra­che). Heute im Wörtermuseum: Sonntagsfahrer!

Tempi passati. Aufatmen, dass manches der Vergangenheit angehört. Wobei: Die Provinz konserviert so manches.
            
              K
lorollenhäkelhaube, Wackeldackel, Cordhut
   
Der Kordhut muss übrigens braun sein, wobei alle Schattierungen erlaubt sind. Schauplatz dieser Dreifaltigkeit: die Hutablage alter Autos, gerne der Marke Opel.

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Idee: H.F.

Montag, 30. Juli 2018

Hitzerekorde (I)

Seit einigen Jahren folgt ein Re­kord­som­mer dem nächsten. Kon­gres­se finden nor­ma­ler­weise nicht im Hoch­som­mer statt, daher gab es keine Vor­er­fah­rung. Fran­zösisch-, Eng­lisch- und Spa­nisch­dol­met­scherinnen auf Som­mer­dienst­reise ...

Löschzug der Bahn
Gegen Böschungsbrände
Es ist einige Sommer her, da wurden an einem Tag großer Hitze sechs Dol­met­scherin­nen aus ihren je­wei­ligen Fe­­rien­­do­­mi­­zilen geholt, in Tou­louse trafen wir uns, und in ver­dun­kel­ten Li­mou­­sinen an einen süd­fran­zö­si­schen Ort mit klei­nem Ha­fen ge­karrt. Dort lan­de­ten wir in einem Lu­xus­ho­tel, in dem die Klima­an­lage uns kurz ver­ges­sen ließ, dass Urlaubs­zeit war.

Aber die Freude war nur von kurzer Dauer. Ein Hotelpage überreichten uns die Ar­beits­pläne  — jede von uns, wir waren ausschließlich Frauen, durfte einen halben Tag auf einer der Jachten dolmetschen, die in der Marina lagen, das klang schon mal eher nicht nach kühler Luft. Und dann durften wir die Dol­met­scher­ka­binen in Au­gen­schein neh­men. Sie lagen neben dem großen Ball­saal am Technik­gang. Schon beim Öffnen der Tür zum Dienst­bo­ten­gang schlug uns die Hitze wie ein Faust­schlag ent­ge­gen. War hier die Klima­anlage ausgefallen? Noch nicht an­ge­worfen? Oder nie eine in­stal­liert?

Während es draußen kurz vor 40 Grad heiß war, fühlte es sich drinnen an wie 50. Hier waren Teile der Hotel­tech­nik und Server in einer Art großem Ge­trän­ke­kühl­schrank mit Glas­scheibe un­ter­ge­bracht. Es war vor allem stickig. Ein Teil der Tech­nik wurde nicht run­ter­gekühlt. Große Fenster gingen hier nach Süden raus.

Irgendwo zwi­schen dem Lager von kaputten Stüh­len und Werkzeugregalen hatte jemand eine Kabine installiert, die zweite auf dem bereits erwähnten Gang, an­stel­le der dritten war im angrenzenden (schallisolierten) Bild­wer­fer­raum, ein Dol­metsch­pult aufgebaut. Hier wurden schon lange keine Filme mehr vorgeführt, dafür eignete sich der Ort hervorragend zur Lagerung großer Putzmittelkanister. Und am anderen Flurende entdeckten wir noch einen echten Ge­trän­ke­kühl­schrank. Wir bun­kerten dort das bereitgestellte Mi­ne­ral­was­ser.

Anders als erwartet erwiesen sich die halben Tage im Freizeithafen als ein Moment großer Ent­span­nung für alle. Was keine von uns von den zwei Kabinentagen be­haup­ten würde. Es waren die heißesten Dolmetscherkabinen, in denen ich in mei­nem Leben jemals Platz genommen habe. Unser Trick: Viel Wasser trinken, die Fla­schen aber auch als Kühl­akkus nutzen, jeweils wie Messer und Gabel vor dem Dol­metsch­pult platziert, die perfekte Arm­küh­lung, die dritte Flasche auf dem Schoß, diese Kühl­akkus alle Drei­viertel- bis Stun­de wechseln und dann möglichst wenig bewegen. Zum Glück waren wir gut vorbereitet, die Bei­träge überschaubar, wir mussten also nicht viel blät­tern.

Der Gastge­ber behielt die meis­ten von uns noch zwei Tage länger dort bei freier Kost und Logis, denn die Sache war derart kurz­fris­tig an­be­raumt und das Zim­mer­kon­tin­gent so groß­zü­gig bemessen worden, dass dies wohl die wirt­schaft­lichere Lösung für den Ver­an­stal­ter war. Ein Wo­chen­ende im Lu­xus­ho­tel mit Ausfahrten auf der Jacht, also schlim­mer geht immer.

Zurück zur Öko­no­mie: Wirt­schaft­lich war das am Ende für uns je­den­falls nicht. Vor Begleichung unserer Ho­no­rar­no­ten hat der Ver­an­stalter leider Konkurs an­ge­meldet. Mir wird jetzt noch heiß und kalt, wenn ich daran denke.

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Foto: C.E.

Samstag, 28. Juli 2018

Schlafbursche

Bon­jour, hel­lo und gu­ten Tag! Was Sprach­arbeiter wie Dol­met­scher und Über­setzer so umtreibt, können Sie hier mitlesen, im Frühjahr und Herbst normalerweise mit eini­gen Bei­trägen die Woche, in der Som­mer­pau­se schrei­be ich sel­tener. Ich ar­bei­te neben Deutsch mit der fran­­zö­­si­­schen und der eng­li­schen Sprache.

Dienstbotenkammer (Berlin), noch so eine Vokabel
In mei­nen Stu­dien­jah­ren in Paris wurde mir einmal die Ess­ecke eines Ein­zim­mer­ap­parte­ments, mit Stoff­bahnen vom Rest abgetrennt, als zu mie­ten­des „Zim­mer“ an­ge­bo­ten.
Das war in den 1980-er Jah­ren, als der ungebändigte Zwang zur öko­no­mi­schen Ma­xi­mal­ver­wer­tung in der fran­zö­si­schen Haupt­stadt anfing, sein Unwesen zu treiben.

Mir erschien das höchst wunderlich bis verwerflich. Es fühlte sich irgendwie an wie 19. Jahrhundert. Ich bin ein Kind der Siebziger und damit einer Zeit, in der das Bekämpfen sozialer Missstände ein von fast allen geteiltes politisches Ziel zu sein schien. Mein Wundern hört seither nicht auf. Inzwischen geht die ganze Welt vor Ge­schichts­ver­ges­senheit auf Zeit­reise. Während, wie Oxfam dieser Tage be­rich­tet, acht Menschen auf diesem Globus mehr Besitz zu­sam­men­ge­rafft haben, als den ärmsten 50 Prozent zusammen gehört, werden deut­sche Gesetze ähn­lich merk­wür­dig interpretiert.

Da empfiehlt ein Berliner Gericht einem gerade volljährig gewordenen Schüler, der eine Wohnung von 28,25 Quadratmetern bewohnt und dem damit zu wenig Geld von sei­nem Bafög bleibt, er möge doch bitte die Couch untervermieten oder ein Zelt zu diesem Behufe auf dem Bal­kon aufstellen. Eigentlich klingt das beim durch­schnitt­li­chen Temperaturmaximum von 12,2 Grad Celsius wie eine gute Idee. Aber abge­sehen davon, dass sich das Zelt bei Außen­graden wie den ak­tu­el­len so­wie den Mi­nus­­graden im Winter selbst verbietet, ist nicht ab­schlie­ßend ge­klärt, ob die Woh­nung überhaupt über einen solchen Austritt mit ausreichend Fläche verfügt. Ebenso unklar ist, ob der junge Mieter auf seinen allzu üppigen fast 30 Qua­drat­­metern für nur einen Men­schen eine Couch untergebracht hat, die als Bettstatt taugt.

Im Ernst, der Richt­er­spruch scheint formal durchaus korrekt zu sein, auch wenn er den Beklagten möglicherweise zu il­le­galer Unter­ver­mie­tung auffordert. Die Vor­ga­be für Wohn­raum liege, so lässt sich im Netz lesen, bei Einzelperson laut „Aus­füh­rungs­vor­schrift Wohnen“ bei 50 Quadrat­meter und für jede weitere Person bei acht bis zehn Quadratmeter. Das Berliner Wohnungs­auf­sichts­gesetz zur Be­sei­ti­gung von Wohnungsmissständen (WoAufG) schreibt in Paragraf 7 Absatz 1 eine Wohn­fläche von min­des­tens neun Qua­drat­meter pro Person vor, bei Kindern bis sechs Jahre sind es min­dens­tens sechs Quadratmeter). Zum Glück kommt es hier nicht zur An­wen­dung, sonst könnte man ihm sicher noch einen weiteren Er­wach­se­nen und 1/4 Kind zuweisen.

In diesem Zusammen­hang möchte ich hier das Wort „Schlaf­bursche“ aus dem Wör­ter­buch des Sozial­elends alter Zeiten wieder­be­le­ben. Das Wort bezeichnet(e) eine Per­son, die lediglich für die Nutzung einer Bettstatt bezahlt (hat), sei diese auf einer Empore über der Küche ge­le­gen, in einer Kammer oder auf einem Schrank — oder aber die Mitnutzung des Bettes des/der Mieter(s) zu Zeiten, in denen es nicht genutzt wird. Schlaf­bur­schen gehören zu der Gruppe der Arbeitenden, die zu arm für eine Wohnung sind, also Ar­beiter aus Fabrik, Bergbau oder Hotel­wesen ... heute bieten sich da Hotel­pa­gen, Zim­mer­mäd­chen, Essens- und Pa­ket­lie­fe­ran­ten sowie alle anderen modernen Variationen einst rechtloser Haus­an­ge­stell­ter oder Sklaven an. 

Schmale Kammer, kleiner Schreibtisch, Hochbett ... aber roter Teppich
... mit Hochbett
Wir sprechen hier über die Zeiten von Ty­phus, Krät­ze, Bett­wan­zen und kurzer Le­bens­­er­­war­­tung. Das wird der nächste Schritt sein. Eine Er­leich­te­rung für die So­zial­­kas­­sen!

Im Ernst, als Studentin habe ich jahrelang in einer Dienst­bo­ten­kam­mer mit Wasch­becken gelebt, das Schwimmbad lag in Uninähe, die Jahres­karte dort hat nur ein­en sym­bo­li­schen Betrag gekostet. Lieber Dienst­bo­ten­kam­mer als Schlaf­bur­sche! Es war nur wichtig, dass ich ein Zimmer für mich hat­te und immer dann ler­nen oder schla­fen konnte, wann ich wollte, also von keiner Mit­be­woh­nerin oder keinem Mit­be­woh­ner abhängig war. Das zählt!

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Fotos: C.E.

Sonntag, 15. Juli 2018

Zeitreise

Guten Tag oder guten Abend! Sie sind mit­ten in ein Ar­beits­ta­ge­buch hinein­ge­ra­ten, in dem sich al­les um Spra­che, Dol­met­schen, Über­setzen und Kult­uren dreht. Als frei­be­ruf­li­che Sprach­mitt­lerin ar­bei­te ich in Pa­ris, Berlin, Toulouse, Frankfurt und dort, wo man mich braucht. Der Sonntag gehört dem Sonntagsbild!

Menschen am Sonntag, das kann auch bedeuten: Sommer­picknick auf einer Ber­li­ner Parkbank, auf der Bade­anzug und Bade­hose vor sich hin tropfen. Ein leichter Wind kommt auf und kühlt die noch nassen Haare im Nacken. Vor uns, auf dem Was­ser, prägen Kanuten und Freizeit­kapitäne das Bild. Wie kleine Goldstücke glit­zern späte Sonnen­strahlen auf dem Wasser.

Da promeniert eine Dame im Charles­ton­kleid und mit kleinem Stoh­hütchen mit fei­nem Lächeln an uns vorbei, wenig später folgt ein junger, schmaler Mann mit dun­kel­grauer Schiebermütze, braunen Knicker­bocker­hosen und blau­kariertem Hemd, am Ende schwebt ein dandy­haftes Etwas an uns vorüber — ist es ein Mann, ist es eine Frau? —, den zarten Leib in einen Seidenkimono gehüllt, dessen Blu­men­mus­ter farblich auf den buntbemalten Kegelhut abgestimmt ist. Von der an­de­ren Seite nä­hert sich ein Herr im sommerlich hellen Anzug. Er trägt ein Gram­mo­phon zu ei­ner dreistufigen Treppe, die auf eine ebene Rasenfläche führt, richtet den Laut­spre­cher aus, kurbelt und der Schlager “Ich glaub, Madame, Sie haben einen Schwips“ ist zu hören.

Eine Gruppe Tanzender im Stil der Impressionisten
Tanzabend im Freien
Jetzt wer­den Hüf­ten ge­schwenkt, Schritte gezählt, der Wind treibt Lachsalven übers Wasser, zurück kommt der feine Wellengang vom Bootsverkehr, er klatscht lei­se Beifall. Rasch sind meh­re­re Paare auf der Tanz­fläche. Der eine tritt seiner Holden auf den Fuß, sie löst sich aus der Umar­mung und hüpft flu­chend auf dem anderen Fuß zur Seite.

Der andere schiebt seine Dame gekonnt diagonal über die Tanz­fläche, seine Hand ist mitten auf ihrem Hintern ge­lan­det. Der impro­visierte Tanzlehrer lässt ihm das durchgehen. Der Knicker­bocker­jüng­ling, der zwischendurch die Schellackplatten wechselt, folgt auf­merk­sam den Instruktionen des Meisters. Seine Tanz­partnerin, ein rotblonder Bubikopf, hat deutlich mehr Erfahrung. Sie ist mindestens einen Kopf kleiner als er. Ihre kräftige Figur sitzt recht stamm im weißen Som­mer­kleid, das wie eine Wurst­schale kurz vor dem Auf­platzen wirkt. Es ist, als wären der lan­ge Dürre und die kleine Dicke von einer Zille-Zeichnung zum Leben erweckt wor­den.

Auf der Bank packe ich die mit­ge­brach­ten Metalldosen aus: Linsensalat mit Chi­corée, Champignons, Minze und Grapefruit, dazu Zitronenkuchen und Hei­del­bee­ren, Wasser und kühles Rad­ler vom Späti. Der Kopf schweift ab vom Schwim­men zur visuellen Zeitreise, die uns hier geschenkt wird. Aus der Erin­nerung tauchen Schnitt­mus­ter von Sommer­kleid­chen und Bade­moden aus den späten 1920-er Jah­ren auf, die meine Großmutter aus ihrer Jugend­zeit aufbewahrt hatte. Am Tanz­platz wird ein weiterer Foxtrott dieser Zeit auf­ge­legt: „Es zieht das Glück vor­bei.“ Ich denke an den weißen Hund mit den schwarzen Ohren, der sich auf dem Schel­lack­etikett dreht, an den Terrier, der den Kopf schräg hält und in den Schall­trich­ter hin­ein­sieht, als er die Stim­me seines Herrchens vernimmt, his master‘s voice.

Und irgendwann sortiert der Kopf das Gesehene, interpretiert es um. Ich stehe in Westberlin in einem holländischen Zirkuszelt von 1900, an der „Aus­spie­lung“, dem Monitor (auf Französisch le combo), hockt ein in den USA lebender Regisseur aus der Schweiz, der in Ber­lin Tucholsky ver­filmt, „Schloss Grips­holm“, und gibt seine Regie­an­wei­sun­gen nur über seine Assisten­ten weiter. Mein Bubikopf mit Was­ser­wel­le ergänzt das Charleston­kleidchen, das mir die Kostüm­bilderin her­aus­ge­sucht hat, aufs Schönste. Jasmin Taba­ta­bai singt, die Klez­mer-Combo swingt, ich sam­me­le Vokabeln der Film­her­stellung und wollte auch mal Amerikaner bei der Arbeit se­hen.

Ein Paar geht Arm in Arm
Promenade am See
Wieder­holt habe ich so als Kom­parsin gearbeitet zu Beginn meiner Sprach­arbeit im Film, in Frankreich und dann sogar auch direkt in den USA.

Die Kostü­mierten im Berliner Park des Som­­mers 2018 wirken auf mich wie bes­se­re Kom­parsen ohne Filmteam: Sie sind ein­be­stellt, die Kamera- und Toncrew hat sich im weit­läufigen Park verirrt, die Klein­­­dar­­stel­­ler scheren sich einen feuch­ten Keh­richt da­rum und haben ihren Spaß.

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Fotos: C.E. (Handyfotos am Abend, daher
unscharf, plus leichter Canvas-Effekt;
zum Vergrößern bitte anklicken)

Dienstag, 19. Juni 2018

Geiseln

Was Dol­met­scher und Über­setzer so er­le­ben kön­nen, be­schrei­be ich hier in loser Folge. Ich arbeite mit den Sprachen Deutsch, Französisch (Ausgangs- und Ziel­spra­che) und Engl­isch (nur Ausgangssprache in Marseille, München, Cannes, Berlin, Paris und dort, wo meine Kunden mich brauchen.

"Was meinst du mit Geiseln, Liebling?" Die Stimme der Oma klingt leicht ver­zwei­felt, als sie die Frage zum dritten Mal wiederholt. Wir sind in einer Eisdiele: Am Fenster sitzt ein gut Drei­jäh­ri­ger auf einem Bar­hocker und blättert in der Zeitung, die dort auf Steh­tischen ausliegt. Kann der Kleine etwa schon lesen?

Darauf der kleine Mann: "Schoko mit Geiseln!"

Eistheke mit Kinderhand und -Rücken
Eistheke mit Kind und ohne Bindestriche
Die hier berichtende Dol­met­sche­rin, eben aus der Ka­bi­ne ge­pur­zelt, hat die Szene nur aus den Au­gen­winkeln mit­be­kom­men. "Er meint 'Streusel'", sagt sie in Rich­tung der Groß­mutter und geht weiter.

Diese tritt nun auch an die Theke he­ran: "Woher wissen Sie das? Wer sind Sie?" Die Antwort kommt so spontan, wie so man­che Wortfindung in der Kabine, schnell, kon­text­be­zo­gen: "Ich bin Dol­met­sche­rin, gnädige Frau!"

(... und ich muss grinsen, weil "Kleinkind­deutsch" hatte ich bislang noch nicht in der Liste meiner Fremd­spra­chen.)

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Foto: C.E.

Montag, 18. Juni 2018

Einstellung/Anstellung

Bonjour, hier bloggt eine Fran­zö­sisch­­dol­­met­sche­rin und -über­setzerin. Dol­­met­scher und Über­setzer übertragen münd­lich und/oder sinn­­getreu, sie pla­nen Rei­sen, machen Buch­­­haltung und helfen Kol­­le­gen beim Bü­ro­­ma­­na­­ge­ment, sie müssen sehr viel le­sen und sind selten festangestellt.

Reisende am Flughafen, hochkonzentriert
So sieht es oft aus, wenn Freiberufler reisen
Das Wort „Einstellung“ bezeichnet auch den Vorgang, le recrutement. Danach ist man angestellt, eine Ange­stellte oder ein Angestellter. Für die Einstellung in man­chen Unterneh­men braucht es manch­mal die richtige Einstellung, la conviction.
Es sind schon Angestellte wegen der fal­schen Einstel­lung geflogen (die ka­tho­li­sche Kirche hat jahrzehntelang keine Atheisten eingestellt.) Und wer sich zu sehr anstellt bei der Einstellung, der wird sowieso nicht eingestellt.

"Bei Films" ist der Begriff Einstellung die Kurzform von Einstellungsgröße, also der Größe, mit der das zu Filmende auf­ge­nom­men wird.

Und obacht, das zu Film­ende ist nicht unbedingt gleichbedeutend mit dem Film-Ende. Indes hier und heute: Ende. Aber nur für einige Tage, bald geht‘s weiter mit Be­rich­ten aus Werk­statt und Garten (sofern der Mit­be­woh­ner die Pflan­zen nicht vertrocknen lässt.)

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Foto: privat (Archiv)

Freitag, 15. Juni 2018

Das lyrische Übersetzerinnen-Ich

Was Über­­setzer und Dol­met­scher beschäf­tigt, können Sie hier seit ei­ni­gen Jah­ren mitlesen. Heute übertrage ich eine be­sondere Textform: Lyrik. An­schlie­ßend fol­gen Un­ter­ti­tel und zu übersetzendes Trans­krip­tions­ma­te­rial. Das ist ein typisches Frei­be­ruf­ler­los, wenn Fest­an­ge­stell­ten am Freitag auffällt, was ihnen noch fehlt, welche Auf­trä­ge sie noch ver­ge­ben müs­sen. Das Wo­chen­en­de kann ich dann wohl ver­ges­sen.

Altes Schwarz-Weiß-Bild: Telefon, Kuchen und Tee, gute Laune im Büro
Casual Friday, entspannter Bürofreitag
Lyrik ist meist schön: Es werden Wor­te verwendet, die Konkretes evo­zie­ren, das aber zugleich wieder so un­kon­kret ist, dass jeder Leser oder Hö­rer seine eig­e­nen Bilder im Kopf da­zu hat. Lyrik wirkt hoch­kon­­zen­triert, ähnlich wie Nescafépulver, das hoch­kon­zentriert und trocken ist und mit heißem Wasser aufge­gossen wer­den muss, um sein vol­les Aroma zu ent­fal­ten.

Lyrik verbindet mit Kon­fe­renz­bei­trä­gen und Nescafé diese Dichtheit und dass sie voll beladen sind mit Inhalts­stoffen, die für jene Sinn ergeben, die sie zu de­chiff­­rieren verstehen.

Oder eben heißes Wasser. Nein, ich habe jetzt nicht "heiße Luft" gesagt.

Ich liebe meine Arbeit. Der ständige Wechsel ist die größte Herausforderung. Zwi­schen­durch schreibe ich sehr ger­ne bei Be­darf auch noch für Sie ei­nen Kos­ten­vor­an­schlag.

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Foto: eigenes Archiv

Donnerstag, 14. Juni 2018

Es geschah: nichts!

Willkommen auf den Blogseiten einer Dolmetscherin und Übersetzerin. Ich be­rich­te hier über meinen Berufsalltag. Machmal geschieht nichts. Gar nichts, so wie heute.

Spätbiedermeierstuhl in der Sonne, beladen mit Päckchen
Stillleben 2018
... und dann war da noch der Tag, an dem die Dolmetscherin auswärts genächtigt hatte und auf der Fahrt ins Home office in einen Unfall verwickelt worden ist, zum Glück selbst ohne jeglichen Schaden zu nehmen, und einer der aktiv Un­fall­be­tei­lig­ten nur Französisch sprach. Kurz danach finden sich beide deshalb in der Not­auf­nah­me des nächst­ge­le­ge­nen Kranken­hau­ses wieder.

Zum Glück hatte nur Lernen auf dem Pro­gramm gestanden, das Auswerten von drei Tages­zeitungen, das Abhören zweier Pod­casts — und vor dieser Sprach­arbeit etwas Buch­hal­tung und die Er­stel­lung zweier Kos­ten­vor­an­schläge.

Und dann fiel noch das an: Aus drei Probeaufnahmen für das Sprechen eines Fern­seh­film­kom­mentars die beste auswählen und in den Schnittraum senden. Dem Pa­ket­boten die Tür aufmachen und ihm ent­ge­gen­kommen: "Gehen in Hof, vieles Paket." (Ich komme mit ihm ins Gespräch, er stammt aus Syrien und lebt seit 2015 in Deutsch­land.) Später einem anderen Menschen die Ein­gangs­tür aufmachen: "Ich bin der Flaschenmann, könnten Sie mir bitte ...?!" Das Wort "Flaschenmann" kenne ich nicht, ich frage nach. Er: "Ich komme doch einmal die Woche zu Ihnen und se­he nach Pfand­flaschen!" (Hm, ach so, wusste ich nicht. Ich schaue zur Si­cher­heit kurz runter. Aus dem Hof sind wiederholt Räder geklaut worden. In der Tat klappern danach die Müll­eimer­deckel und Flaschen klirren, er trägt kurz darauf einen nicht mehr ganz leeren Beutel durch den Hof, ohne einen Blick auf den Fuhrpark zu ver­schwenden.)

Am späteren Nachmittag Teetrinken mit einer Englisch-Kollegin. Wir sprechen über kuriose Kunden. Ich habe seit einiger Zeit ein Smartphone, sonst wäre das Fol­­gen­de nicht möglich gewesen: Im Krankenhausflur hatte ich am Morgen per Ein­zei­ler­ant­wortmail meine Bereitschaft sig­na­li­siert, ab vier Uhr desselben Tages bei einer Firmenübernahme aus dem Bausektor Französisch<>Deutsch zu dol­met­schen, dann vom potentiellen Kunden nichts mehr gehört.

Zurück im Büro war eine Nachricht von ihm in der Mailbox, ja, er suche noch. Ich schrieb etwas à la Senden Sie mir bitte den Vertrag, damit ich den Umfang er­ken­nen und Ihnen ein Angebot senden kann. Und vielleicht sollten wir kurz te­le­fo­nie­ren?

Darauf Funkstille.

Die Englisch­kollegin war am fortge­schrittenen Nach­mittag von eben diesem Kun­den angerufen worden. Er meinte, sie müsse als beglaubigte Übersetzerin ja nur vor­le­sen, was er mit Google-Translate schon "über­setzt" habe, ins Englische üb­ri­gens, das könne er ja gut und sein Geschäfts­partner ei­ni­ger­maßen, die Über­setzung sei fehlerfrei.

In seinen Augen zumindest. Die Kollegin hat das Dokument gesehen, es ging um eine Verkaufs­summe von knapp fünf Mil­lio­nen Euro. Natürlich konnte und wollte ihm auch die Englischkollegin ange­sichts des lukrativen Angebots, er wollte 100 Euro fürs "Vorlesen" zahlen, nicht helfen.

Und in der Mail am Mor­gen hatte gestanden, er suche jemanden, da ihm seine Dol­met­­sche­rin kurz­fris­tig abgesagt habe. Ich fürchte, hier hatte die Büro­lei­tung ge­bucht und er hat es selbst ab­­ge­­sagt wegen des Preises. Denn wer von uns Sprach­­ar­­bei­­tern sagt schon einen Ter­­min ab, ohne Ersatz zu stellen?

Mit der Zeit übe ich mich in vor­aus­ei­len­der Scha­den­freude: Möge der Ver­kaufs­ter­min platzen oder der Kauf­vertrag nach­her vor Gericht angefochten werden, weil die Sprach­­ar­­beit nicht geklappt hat. Ist das zu böse oder OK?

Und wäh­rend hier weiter nichts ge­schieht, spiele ich Pa­­ket­­­la­ger und wer­de lau­fend von Nachbarn raus­­ge­­rissen aus der Sprach­arbeit, die ihre Pakete ab­ho­len kommen.

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Foto: C.E.

Mittwoch, 13. Juni 2018

Dandelion

Guten Tag oder guten Abend! Sie sind mit­ten in ein Ar­beits­­ta­­ge­buch hin­ein­­ge­­ra­ten, in dem sich al­les um Spra­­che, Dol­­met­schen, Über­­setzen und Kul­t­uren dreht. Als frei­­be­­ruf­­li­che Sprach­­mitt­­lerin ar­bei­te ich in Pa­ris, Ber­lin, Toulouse, Frank­furt und dort, wo Sie mich brauchen. Sprach­ar­beiter sam­meln Wörter wie an­dere Match­box­autos, Gemälde oder Schmetterlinge.

Eiffelturmspitze, Blätter, Blüten, Verblühtes, Vogel
Balkonimpressionen
Frühstück auf dem Balkon, dann weiter­lernen. Es ist nach gefühlt zwei Monaten endlich etwas kühler in Berlin und Um­ge­bung. Ich sage das nicht für mich, ich mag Tem­pe­ra­tu­ren ab 26° Celsius, aber für die leidenden Mit­men­schen. Regnen könnte es mal wieder, sagen die Bau­ern.
Den Kopf habe ich in Ge­dan­ken, halb im Traum, halb in der Zei­tung. Zwi­­schen­durch wässere ich Pflan­zen. Die To­maten brau­chen viel.

Später sitze ich am Schreib­tisch. Beim Aufwachen hatte ich BBC gehört. Das Wort dan­de­lion spukt mir im Kopf herum. Ich finde, es klingt wie eine tau­melnde Hum­mel. Ich schlage nach. Be­deu­tet es aber nicht, sondern Puste­blume. Wo habe ich eine sol­che letztens mal ge­se­hen? Es scheint ganz nah ...

Das Unter­bewuss­tsein schläft nie. Wir nehmen nur einen Bruch­teil des­sen wahr, was uns um­gibt. Und bei allem, was das Dol­metscher­hirn sieht oder hört, fragt es sich, ob es das in den ver­schie­de­nen Spra­chen ausdrücken kann.

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Fotos: C.E.

Dienstag, 12. Juni 2018

Gute, faire Arbeit

Will­­kom­­men auf den Sei­ten mei­­nes digi­talen Arbeits­­ta­­gebuchs. Hier dreht sich alles um Spra­­chen, Kul­­turen und das Ver­­mit­teln zwi­schen den­­selben. Mein Dol­met­­scher­­be­­ruf besteht aus mehr als aus münd­li­chem Übertragen, ich muss mei­ne Kun­den gut ken­nen­ler­nen, um ihre Worte richtig interpre­tieren zu können. Das setze ich immer wieder ins Verhält­nis mit der Welt­po­litik, für die ich auch dol­met­sche.

Draufsicht: Tasse, Teller, Kaffee, Aprikosenmarmelade
One orange dot
Neu­lich kamen wir am Rande einer zwei­tä­gi­gen Kon­fe­renz außer­halb der Stadt ins Ge­spräch, wir Dol­met­scher und etliche Teil­neh­mer, die un­ter 40 waren. Jene nannten sich ausnahmslos selbst Post­ma­te­rialis­ten, wollten gar keine bril­lante Karriere ma­chen, sondern genug Geld für sich und Kin­der ver­dienen, vor allem genug Zeit fürs Pri­vate haben.

Das ist ver­gli­chen mit den Vor­gän­ger­ge­ne­ra­tio­nen ein echter Pa­ra­dig­men­wechsel, den viele Perso­nal­chefs be­stä­tigen, die ihre Ar­beits­platz­an­gebote de­ment­spre­chend ausrichten müssen, wenn sie über­haupt noch Per­sonal finden möchten.

Kurz: Diese Ge­ne­ration wünscht mehr Zeit fürs We­sent­li­che, Bil­dung und Selbst­bil­dung, we­niger Kon­sum"ge­lum­pe", ins­ge­samt weniger Konsum­güter, dafür von bes­ter Qua­li­tät; sie wird selbst aktiv, nutzt Fahr­räder, Bahn, Re­pair Cafés, in de­nen Sa­chen selbst wieder her­ge­rich­tet werden können; außer­dem standen En­ga­ge­ment in den Be­rei­chen Umweltschutz, Zi­vil­ge­sell­schaft und Kultur bei al­len Ge­sprächs­part­nern hoch im Kurs.

Ebenso fiel mir eine hohe Acht­sam­keit (auf Neudeutsch Awareness) auf, was die Un­ge­rech­tig­kei­ten dieser Welt angeht. "Gut, fair und oh­ne Kin­der­ar­beit her­ge­stellt" ist als Label noch un­terschätzt. Wobei sich im glei­­chen Atem­zug alle auch gegen "Green­wa­shing" und "Fair­wa­shing" geäußert haben, al­les Begriffe, die auf dem Wort "Rein­wa­schen" fußen.

Heute ist der "Tag gegen Kinder­arbeit", mein Lese- oder Hör­tip führt zum DLF und zu einem Beitrag von Dietrich Karl Mäurer (aus der heu­ti­gen Sendung "Um­welt und Ver­brau­cher").

Ebenso im Deutschlandfunk, allerdings in der Sendung "Corso": Ein Gespräch mit Ku­ra­to­rin Angelika Kaiser-Lahme über die Ausstellung "Tradition Raiffeisen: Wirt­schaft neu Denken" und die Ge­nos­sen­schafts­idee, die seit zwei Jahren sogar UNESCO-Welt­kul­tur­er­be ist. Im Interview werden auch Themen wie Ge­mein­wohl­öko­no­mie und "Commons" gestreift, die Wie­der­ent­deckung der All­mende. Das geht alles in die­sel­be Rich­tung wie die Gespräche am Rand des Kongresses. Hier noch der Link zur Ausstellung auf der Festung Eh­ren­breit­stein.

Jetzt brauche ich nur noch einen Dolmetsch­ein­satz in Koblenz plus einen Tag dort extra. Für uns Übersetzer und Dolmetscher bedeutet faire Arbeit übrigens, dass niemand, der nicht direkt an der Arbeit beteiligt ist, (über Gebühr) mitverdient. Die Discounter unserer Branche sind die Agenturen mit klingenden Namen, die am bes­ten noch in jeder Stadt ihre Franchise-Niederlassung haben. Sie treten wie Mak­ler auf, haben mit der Spracharbeit oft nichts zu tun. Hier wandert ein großer Anteil des vom Kunden gezahlten Honorars in Werbung und die Anmietung re­prä­sen­ta­ti­ver Büroräume.
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Draufsicht: Möhren, Mörser, schwarzer Pfeffer
Many black dots
Der Premiummarkt sind Frei­be­ruf­ler, unabhängige Dol­met­scher, die oft in in­for­mel­len Netzwerken zu­sam­men­ge­schlos­sen sind.

(Ach­tung, man­che Agen­tu­ren treten inzwi­schen im Gewand von Netz­wer­ken auf. Nach­fra­gen hilft, der Grad der Trans­pa­renz ist ent­schei­dend, der sich übri­gens auch in Ver­trä­gen fest­legen lässt.)

Nur eines ist sicher, bezahlte Kinderarbeit gibt es in der Sprachbranche nicht, nur oft Kinder aus der Migration, die für ihre eigenen Eltern "übertragen" müssen. Das aber ist ein anderes Thema.

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Fotos: Küchenserie, C.E.