Dienstag, 28. August 2018

Tastatur, sechshändig

Guten Tag oder guten Abend! Sie sind mit­ten in ein Ar­beits­­ta­­ge­buch hinein­­ge­ra­ten, in dem sich al­les um Spra­che, Dol­met­­schen, Über­­setzen und Kult­uren dreht. Als frei­be­ruf­li­che Sprach­­mitt­lerin ar­bei­te ich in Pa­ris, Berlin, München, Cannes und dort, wo Sie mich brauchen.

Schöne alte Tür neben neuer hässlicher aus Plastik
Armut konserviert, lehrt aber nicht zwingend Geschmack
Ecrire en trois langues et à quatre mains, in drei Spra­chen und "vierhändig" schrei­ben, also als Autoren-Duo, das ist in Europa oft Alltag, wenn am­bi­tio­nier­te Pro­jek­te entstehen, die von unserer Zeit be­rich­ten sollen. Ein sol­cher Text er­reicht mich, ein Film von Freunden im Früh­stadium, der nur durch För­der­­ins­ti­­tu­­tio­nen mög­lich werden wird.

So komme ich ins Spiel. Manch­mal bekom­me ich solche Projekte an­ge­bo­ten, auf die ich mich richtig freuen kann. Drei Tage Arbeit außer Haus, im Büro der Au­to­ren, der raschen Rück­fra­ge­mög­lich­keiten wegen, sind auch eine gute Sache, wenn Hand­wer­ker im Haus sind, die im Ne­ben­ge­bäu­de das Dach ausbauen. Auf Bau­stel­len ar­beite ich höchst ungern, es sei denn, ich dolmetsche für Architekten, Hand­wer­ker und Bauherren.

Meine Über­setzer­ar­beit wird des­halb besonders spannend, weil der Film in Sachsen spielen soll und damit in einer Region, die mir des­halb sehr am Herzen liegt, weil Teile mei­ner Familie von dort stam­men; eine Ver­bun­den­heit, die dieser Tage be­son­ders schmerz­lich ist.

Durch die Über­set­zung ent­steht ein neues Werk. Am En­de ist die deut­sche Version kein Werk für Pia­no, vier­hän­dig, son­dern von Tas­ta­tur, sechs­hän­dig.

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Foto: C.E.

Freitag, 3. August 2018

Museum der Wörter 21

Hallo, hier bloggt ei­ne Sprach­ar­bei­te­rin. Ich über­set­ze und dol­met­sche. Ar­beits­spra­chen: Fran­zö­sisch (aktiv und passiv) und Englisch (nur Aus­gangs­spra­che). Heute im Wörtermuseum: Sonntagsfahrer!

Tempi passati. Aufatmen, dass manches der Vergangenheit angehört. Wobei: Die Provinz konserviert so manches.
            
              K
lorollenhäkelhaube, Wackeldackel, Cordhut
   
Der Kordhut muss übrigens braun sein, wobei alle Schattierungen erlaubt sind. Schauplatz dieser Dreifaltigkeit: die Hutablage alter Autos, gerne der Marke Opel.

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Idee: H.F.

Montag, 30. Juli 2018

Hitzerekorde (I)

Seit einigen Jahren folgt ein Re­kord­som­mer dem nächsten. Kon­gres­se finden nor­ma­ler­weise nicht im Hoch­som­mer statt, daher gab es keine Vor­er­fah­rung. Fran­zösisch-, Eng­lisch- und Spa­nisch­dol­met­scherinnen auf Som­mer­dienst­reise ...

Löschzug der Bahn
Gegen Böschungsbrände
Es ist einige Sommer her, da wurden an einem Tag großer Hitze sechs Dol­met­scherin­nen aus ihren je­wei­ligen Fe­­rien­­do­­mi­­zilen geholt, in Tou­louse trafen wir uns, und in ver­dun­kel­ten Li­mou­­sinen an einen süd­fran­zö­si­schen Ort mit klei­nem Ha­fen ge­karrt. Dort lan­de­ten wir in einem Lu­xus­ho­tel, in dem die Klima­an­lage uns kurz ver­ges­sen ließ, dass Urlaubs­zeit war.

Aber die Freude war nur von kurzer Dauer. Ein Hotelpage überreichten uns die Ar­beits­pläne  — jede von uns, wir waren ausschließlich Frauen, durfte einen halben Tag auf einer der Jachten dolmetschen, die in der Marina lagen, das klang schon mal eher nicht nach kühler Luft. Und dann durften wir die Dol­met­scher­ka­binen in Au­gen­schein neh­men. Sie lagen neben dem großen Ball­saal am Technik­gang. Schon beim Öffnen der Tür zum Dienst­bo­ten­gang schlug uns die Hitze wie ein Faust­schlag ent­ge­gen. War hier die Klima­anlage ausgefallen? Noch nicht an­ge­worfen? Oder nie eine in­stal­liert?

Während es draußen kurz vor 40 Grad heiß war, fühlte es sich drinnen an wie 50. Hier waren Teile der Hotel­tech­nik und Server in einer Art großem Ge­trän­ke­kühl­schrank mit Glas­scheibe un­ter­ge­bracht. Es war vor allem stickig. Ein Teil der Tech­nik wurde nicht run­ter­gekühlt. Große Fenster gingen hier nach Süden raus.

Irgendwo zwi­schen dem Lager von kaputten Stüh­len und Werkzeugregalen hatte jemand eine Kabine installiert, die zweite auf dem bereits erwähnten Gang, an­stel­le der dritten war im angrenzenden (schallisolierten) Bild­wer­fer­raum, ein Dol­metsch­pult aufgebaut. Hier wurden schon lange keine Filme mehr vorgeführt, dafür eignete sich der Ort hervorragend zur Lagerung großer Putzmittelkanister. Und am anderen Flurende entdeckten wir noch einen echten Ge­trän­ke­kühl­schrank. Wir bun­kerten dort das bereitgestellte Mi­ne­ral­was­ser.

Anders als erwartet erwiesen sich die halben Tage im Freizeithafen als ein Moment großer Ent­span­nung für alle. Was keine von uns von den zwei Kabinentagen be­haup­ten würde. Es waren die heißesten Dolmetscherkabinen, in denen ich in mei­nem Leben jemals Platz genommen habe. Unser Trick: Viel Wasser trinken, die Fla­schen aber auch als Kühl­akkus nutzen, jeweils wie Messer und Gabel vor dem Dol­metsch­pult platziert, die perfekte Arm­küh­lung, die dritte Flasche auf dem Schoß, diese Kühl­akkus alle Drei­viertel- bis Stun­de wechseln und dann möglichst wenig bewegen. Zum Glück waren wir gut vorbereitet, die Bei­träge überschaubar, wir mussten also nicht viel blät­tern.

Der Gastge­ber behielt die meis­ten von uns noch zwei Tage länger dort bei freier Kost und Logis, denn die Sache war derart kurz­fris­tig an­be­raumt und das Zim­mer­kon­tin­gent so groß­zü­gig bemessen worden, dass dies wohl die wirt­schaft­lichere Lösung für den Ver­an­stal­ter war. Ein Wo­chen­ende im Lu­xus­ho­tel mit Ausfahrten auf der Jacht, also schlim­mer geht immer.

Zurück zur Öko­no­mie: Wirt­schaft­lich war das am Ende für uns je­den­falls nicht. Vor Begleichung unserer Ho­no­rar­no­ten hat der Ver­an­stalter leider Konkurs an­ge­meldet. Mir wird jetzt noch heiß und kalt, wenn ich daran denke.

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Foto: C.E.

Samstag, 28. Juli 2018

Schlafbursche

Bon­jour, hel­lo und gu­ten Tag! Was Sprach­arbeiter wie Dol­met­scher und Über­setzer so umtreibt, können Sie hier mitlesen, im Frühjahr und Herbst normalerweise mit eini­gen Bei­trägen die Woche, in der Som­mer­pau­se schrei­be ich sel­tener. Ich ar­bei­te neben Deutsch mit der fran­­zö­­si­­schen und der eng­li­schen Sprache.

Dienstbotenkammer (Berlin), noch so eine Vokabel
In mei­nen Stu­dien­jah­ren in Paris wurde mir einmal die Ess­ecke eines Ein­zim­mer­ap­parte­ments, mit Stoff­bahnen vom Rest abgetrennt, als zu mie­ten­des „Zim­mer“ an­ge­bo­ten.
Das war in den 1980-er Jah­ren, als der ungebändigte Zwang zur öko­no­mi­schen Ma­xi­mal­ver­wer­tung in der fran­zö­si­schen Haupt­stadt anfing, sein Unwesen zu treiben.

Mir erschien das höchst wunderlich bis verwerflich. Es fühlte sich irgendwie an wie 19. Jahrhundert. Ich bin ein Kind der Siebziger und damit einer Zeit, in der das Bekämpfen sozialer Missstände ein von fast allen geteiltes politisches Ziel zu sein schien. Mein Wundern hört seither nicht auf. Inzwischen geht die ganze Welt vor Ge­schichts­ver­ges­senheit auf Zeit­reise. Während, wie Oxfam dieser Tage be­rich­tet, acht Menschen auf diesem Globus mehr Besitz zu­sam­men­ge­rafft haben, als den ärmsten 50 Prozent zusammen gehört, werden deut­sche Gesetze ähn­lich merk­wür­dig interpretiert.

Da empfiehlt ein Berliner Gericht einem gerade volljährig gewordenen Schüler, der eine Wohnung von 28,25 Quadratmetern bewohnt und dem damit zu wenig Geld von sei­nem Bafög bleibt, er möge doch bitte die Couch untervermieten oder ein Zelt zu diesem Behufe auf dem Bal­kon aufstellen. Eigentlich klingt das beim durch­schnitt­li­chen Temperaturmaximum von 12,2 Grad Celsius wie eine gute Idee. Aber abge­sehen davon, dass sich das Zelt bei Außen­graden wie den ak­tu­el­len so­wie den Mi­nus­­graden im Winter selbst verbietet, ist nicht ab­schlie­ßend ge­klärt, ob die Woh­nung überhaupt über einen solchen Austritt mit ausreichend Fläche verfügt. Ebenso unklar ist, ob der junge Mieter auf seinen allzu üppigen fast 30 Qua­drat­­metern für nur einen Men­schen eine Couch untergebracht hat, die als Bettstatt taugt.

Im Ernst, der Richt­er­spruch scheint formal durchaus korrekt zu sein, auch wenn er den Beklagten möglicherweise zu il­le­galer Unter­ver­mie­tung auffordert. Die Vor­ga­be für Wohn­raum liege, so lässt sich im Netz lesen, bei Einzelperson laut „Aus­füh­rungs­vor­schrift Wohnen“ bei 50 Quadrat­meter und für jede weitere Person bei acht bis zehn Quadratmeter. Das Berliner Wohnungs­auf­sichts­gesetz zur Be­sei­ti­gung von Wohnungsmissständen (WoAufG) schreibt in Paragraf 7 Absatz 1 eine Wohn­fläche von min­des­tens neun Qua­drat­meter pro Person vor, bei Kindern bis sechs Jahre sind es min­dens­tens sechs Quadratmeter). Zum Glück kommt es hier nicht zur An­wen­dung, sonst könnte man ihm sicher noch einen weiteren Er­wach­se­nen und 1/4 Kind zuweisen.

In diesem Zusammen­hang möchte ich hier das Wort „Schlaf­bursche“ aus dem Wör­ter­buch des Sozial­elends alter Zeiten wieder­be­le­ben. Das Wort bezeichnet(e) eine Per­son, die lediglich für die Nutzung einer Bettstatt bezahlt (hat), sei diese auf einer Empore über der Küche ge­le­gen, in einer Kammer oder auf einem Schrank — oder aber die Mitnutzung des Bettes des/der Mieter(s) zu Zeiten, in denen es nicht genutzt wird. Schlaf­bur­schen gehören zu der Gruppe der Arbeitenden, die zu arm für eine Wohnung sind, also Ar­beiter aus Fabrik, Bergbau oder Hotel­wesen ... heute bieten sich da Hotel­pa­gen, Zim­mer­mäd­chen, Essens- und Pa­ket­lie­fe­ran­ten sowie alle anderen modernen Variationen einst rechtloser Haus­an­ge­stell­ter oder Sklaven an. 

Schmale Kammer, kleiner Schreibtisch, Hochbett ... aber roter Teppich
... mit Hochbett
Wir sprechen hier über die Zeiten von Ty­phus, Krät­ze, Bett­wan­zen und kurzer Le­bens­­er­­war­­tung. Das wird der nächste Schritt sein. Eine Er­leich­te­rung für die So­zial­­kas­­sen!

Im Ernst, als Studentin habe ich jahrelang in einer Dienst­bo­ten­kam­mer mit Wasch­becken gelebt, das Schwimmbad lag in Uninähe, die Jahres­karte dort hat nur ein­en sym­bo­li­schen Betrag gekostet. Lieber Dienst­bo­ten­kam­mer als Schlaf­bur­sche! Es war nur wichtig, dass ich ein Zimmer für mich hat­te und immer dann ler­nen oder schla­fen konnte, wann ich wollte, also von keiner Mit­be­woh­nerin oder keinem Mit­be­woh­ner abhängig war. Das zählt!

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Fotos: C.E.

Sonntag, 15. Juli 2018

Zeitreise

Guten Tag oder guten Abend! Sie sind mit­ten in ein Ar­beits­ta­ge­buch hinein­ge­ra­ten, in dem sich al­les um Spra­che, Dol­met­schen, Über­setzen und Kult­uren dreht. Als frei­be­ruf­li­che Sprach­mitt­lerin ar­bei­te ich in Pa­ris, Berlin, Toulouse, Frankfurt und dort, wo man mich braucht. Der Sonntag gehört dem Sonntagsbild!

Menschen am Sonntag, das kann auch bedeuten: Sommer­picknick auf einer Ber­li­ner Parkbank, auf der Bade­anzug und Bade­hose vor sich hin tropfen. Ein leichter Wind kommt auf und kühlt die noch nassen Haare im Nacken. Vor uns, auf dem Was­ser, prägen Kanuten und Freizeit­kapitäne das Bild. Wie kleine Goldstücke glit­zern späte Sonnen­strahlen auf dem Wasser.

Da promeniert eine Dame im Charles­ton­kleid und mit kleinem Stoh­hütchen mit fei­nem Lächeln an uns vorbei, wenig später folgt ein junger, schmaler Mann mit dun­kel­grauer Schiebermütze, braunen Knicker­bocker­hosen und blau­kariertem Hemd, am Ende schwebt ein dandy­haftes Etwas an uns vorüber — ist es ein Mann, ist es eine Frau? —, den zarten Leib in einen Seidenkimono gehüllt, dessen Blu­men­mus­ter farblich auf den buntbemalten Kegelhut abgestimmt ist. Von der an­de­ren Seite nä­hert sich ein Herr im sommerlich hellen Anzug. Er trägt ein Gram­mo­phon zu ei­ner dreistufigen Treppe, die auf eine ebene Rasenfläche führt, richtet den Laut­spre­cher aus, kurbelt und der Schlager “Ich glaub, Madame, Sie haben einen Schwips“ ist zu hören.

Eine Gruppe Tanzender im Stil der Impressionisten
Tanzabend im Freien
Jetzt wer­den Hüf­ten ge­schwenkt, Schritte gezählt, der Wind treibt Lachsalven übers Wasser, zurück kommt der feine Wellengang vom Bootsverkehr, er klatscht lei­se Beifall. Rasch sind meh­re­re Paare auf der Tanz­fläche. Der eine tritt seiner Holden auf den Fuß, sie löst sich aus der Umar­mung und hüpft flu­chend auf dem anderen Fuß zur Seite.

Der andere schiebt seine Dame gekonnt diagonal über die Tanz­fläche, seine Hand ist mitten auf ihrem Hintern ge­lan­det. Der impro­visierte Tanzlehrer lässt ihm das durchgehen. Der Knicker­bocker­jüng­ling, der zwischendurch die Schellackplatten wechselt, folgt auf­merk­sam den Instruktionen des Meisters. Seine Tanz­partnerin, ein rotblonder Bubikopf, hat deutlich mehr Erfahrung. Sie ist mindestens einen Kopf kleiner als er. Ihre kräftige Figur sitzt recht stamm im weißen Som­mer­kleid, das wie eine Wurst­schale kurz vor dem Auf­platzen wirkt. Es ist, als wären der lan­ge Dürre und die kleine Dicke von einer Zille-Zeichnung zum Leben erweckt wor­den.

Auf der Bank packe ich die mit­ge­brach­ten Metalldosen aus: Linsensalat mit Chi­corée, Champignons, Minze und Grapefruit, dazu Zitronenkuchen und Hei­del­bee­ren, Wasser und kühles Rad­ler vom Späti. Der Kopf schweift ab vom Schwim­men zur visuellen Zeitreise, die uns hier geschenkt wird. Aus der Erin­nerung tauchen Schnitt­mus­ter von Sommer­kleid­chen und Bade­moden aus den späten 1920-er Jah­ren auf, die meine Großmutter aus ihrer Jugend­zeit aufbewahrt hatte. Am Tanz­platz wird ein weiterer Foxtrott dieser Zeit auf­ge­legt: „Es zieht das Glück vor­bei.“ Ich denke an den weißen Hund mit den schwarzen Ohren, der sich auf dem Schel­lack­etikett dreht, an den Terrier, der den Kopf schräg hält und in den Schall­trich­ter hin­ein­sieht, als er die Stim­me seines Herrchens vernimmt, his master‘s voice.

Und irgendwann sortiert der Kopf das Gesehene, interpretiert es um. Ich stehe in Westberlin in einem holländischen Zirkuszelt von 1900, an der „Aus­spie­lung“, dem Monitor (auf Französisch le combo), hockt ein in den USA lebender Regisseur aus der Schweiz, der in Ber­lin Tucholsky ver­filmt, „Schloss Grips­holm“, und gibt seine Regie­an­wei­sun­gen nur über seine Assisten­ten weiter. Mein Bubikopf mit Was­ser­wel­le ergänzt das Charleston­kleidchen, das mir die Kostüm­bilderin her­aus­ge­sucht hat, aufs Schönste. Jasmin Taba­ta­bai singt, die Klez­mer-Combo swingt, ich sam­me­le Vokabeln der Film­her­stellung und wollte auch mal Amerikaner bei der Arbeit se­hen.

Ein Paar geht Arm in Arm
Promenade am See
Wieder­holt habe ich so als Kom­parsin gearbeitet zu Beginn meiner Sprach­arbeit im Film, in Frankreich und dann sogar auch direkt in den USA.

Die Kostü­mierten im Berliner Park des Som­­mers 2018 wirken auf mich wie bes­se­re Kom­parsen ohne Filmteam: Sie sind ein­be­stellt, die Kamera- und Toncrew hat sich im weit­läufigen Park verirrt, die Klein­­­dar­­stel­­ler scheren sich einen feuch­ten Keh­richt da­rum und haben ihren Spaß.

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Fotos: C.E. (Handyfotos am Abend, daher
unscharf, plus leichter Canvas-Effekt;
zum Vergrößern bitte anklicken)

Dienstag, 19. Juni 2018

Geiseln

Was Dol­met­scher und Über­setzer so er­le­ben kön­nen, be­schrei­be ich hier in loser Folge. Ich arbeite mit den Sprachen Deutsch, Französisch (Ausgangs- und Ziel­spra­che) und Engl­isch (nur Ausgangssprache in Marseille, München, Cannes, Berlin, Paris und dort, wo meine Kunden mich brauchen.

"Was meinst du mit Geiseln, Liebling?" Die Stimme der Oma klingt leicht ver­zwei­felt, als sie die Frage zum dritten Mal wiederholt. Wir sind in einer Eisdiele: Am Fenster sitzt ein gut Drei­jäh­ri­ger auf einem Bar­hocker und blättert in der Zeitung, die dort auf Steh­tischen ausliegt. Kann der Kleine etwa schon lesen?

Darauf der kleine Mann: "Schoko mit Geiseln!"

Eistheke mit Kinderhand und -Rücken
Eistheke mit Kind und ohne Bindestriche
Die hier berichtende Dol­met­sche­rin, eben aus der Ka­bi­ne ge­pur­zelt, hat die Szene nur aus den Au­gen­winkeln mit­be­kom­men. "Er meint 'Streusel'", sagt sie in Rich­tung der Groß­mutter und geht weiter.

Diese tritt nun auch an die Theke he­ran: "Woher wissen Sie das? Wer sind Sie?" Die Antwort kommt so spontan, wie so man­che Wortfindung in der Kabine, schnell, kon­text­be­zo­gen: "Ich bin Dol­met­sche­rin, gnädige Frau!"

(... und ich muss grinsen, weil "Kleinkind­deutsch" hatte ich bislang noch nicht in der Liste meiner Fremd­spra­chen.)

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Foto: C.E.

Montag, 18. Juni 2018

Einstellung/Anstellung

Bonjour, hier bloggt eine Fran­zö­sisch­­dol­­met­sche­rin und -über­setzerin. Dol­­met­scher und Über­setzer übertragen münd­lich und/oder sinn­­getreu, sie pla­nen Rei­sen, machen Buch­­­haltung und helfen Kol­­le­gen beim Bü­ro­­ma­­na­­ge­ment, sie müssen sehr viel le­sen und sind selten festangestellt.

Reisende am Flughafen, hochkonzentriert
So sieht es oft aus, wenn Freiberufler reisen
Das Wort „Einstellung“ bezeichnet auch den Vorgang, le recrutement. Danach ist man angestellt, eine Ange­stellte oder ein Angestellter. Für die Einstellung in man­chen Unterneh­men braucht es manch­mal die richtige Einstellung, la conviction.
Es sind schon Angestellte wegen der fal­schen Einstel­lung geflogen (die ka­tho­li­sche Kirche hat jahrzehntelang keine Atheisten eingestellt.) Und wer sich zu sehr anstellt bei der Einstellung, der wird sowieso nicht eingestellt.

"Bei Films" ist der Begriff Einstellung die Kurzform von Einstellungsgröße, also der Größe, mit der das zu Filmende auf­ge­nom­men wird.

Und obacht, das zu Film­ende ist nicht unbedingt gleichbedeutend mit dem Film-Ende. Indes hier und heute: Ende. Aber nur für einige Tage, bald geht‘s weiter mit Be­rich­ten aus Werk­statt und Garten (sofern der Mit­be­woh­ner die Pflan­zen nicht vertrocknen lässt.)

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Foto: privat (Archiv)

Freitag, 15. Juni 2018

Das lyrische Übersetzerinnen-Ich

Was Über­­setzer und Dol­met­scher beschäf­tigt, können Sie hier seit ei­ni­gen Jah­ren mitlesen. Heute übertrage ich eine be­sondere Textform: Lyrik. An­schlie­ßend fol­gen Un­ter­ti­tel und zu übersetzendes Trans­krip­tions­ma­te­rial. Das ist ein typisches Frei­be­ruf­ler­los, wenn Fest­an­ge­stell­ten am Freitag auffällt, was ihnen noch fehlt, welche Auf­trä­ge sie noch ver­ge­ben müs­sen. Das Wo­chen­en­de kann ich dann wohl ver­ges­sen.

Altes Schwarz-Weiß-Bild: Telefon, Kuchen und Tee, gute Laune im Büro
Casual Friday, entspannter Bürofreitag
Lyrik ist meist schön: Es werden Wor­te verwendet, die Konkretes evo­zie­ren, das aber zugleich wieder so un­kon­kret ist, dass jeder Leser oder Hö­rer seine eig­e­nen Bilder im Kopf da­zu hat. Lyrik wirkt hoch­kon­­zen­triert, ähnlich wie Nescafépulver, das hoch­kon­zentriert und trocken ist und mit heißem Wasser aufge­gossen wer­den muss, um sein vol­les Aroma zu ent­fal­ten.

Lyrik verbindet mit Kon­fe­renz­bei­trä­gen und Nescafé diese Dichtheit und dass sie voll beladen sind mit Inhalts­stoffen, die für jene Sinn ergeben, die sie zu de­chiff­­rieren verstehen.

Oder eben heißes Wasser. Nein, ich habe jetzt nicht "heiße Luft" gesagt.

Ich liebe meine Arbeit. Der ständige Wechsel ist die größte Herausforderung. Zwi­schen­durch schreibe ich sehr ger­ne bei Be­darf auch noch für Sie ei­nen Kos­ten­vor­an­schlag.

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Foto: eigenes Archiv

Donnerstag, 14. Juni 2018

Es geschah: nichts!

Willkommen auf den Blogseiten einer Dolmetscherin und Übersetzerin. Ich be­rich­te hier über meinen Berufsalltag. Machmal geschieht nichts. Gar nichts, so wie heute.

Spätbiedermeierstuhl in der Sonne, beladen mit Päckchen
Stillleben 2018
... und dann war da noch der Tag, an dem die Dolmetscherin auswärts genächtigt hatte und auf der Fahrt ins Home office in einen Unfall verwickelt worden ist, zum Glück selbst ohne jeglichen Schaden zu nehmen, und einer der aktiv Un­fall­be­tei­lig­ten nur Französisch sprach. Kurz danach finden sich beide deshalb in der Not­auf­nah­me des nächst­ge­le­ge­nen Kranken­hau­ses wieder.

Zum Glück hatte nur Lernen auf dem Pro­gramm gestanden, das Auswerten von drei Tages­zeitungen, das Abhören zweier Pod­casts — und vor dieser Sprach­arbeit etwas Buch­hal­tung und die Er­stel­lung zweier Kos­ten­vor­an­schläge.

Und dann fiel noch das an: Aus drei Probeaufnahmen für das Sprechen eines Fern­seh­film­kom­mentars die beste auswählen und in den Schnittraum senden. Dem Pa­ket­boten die Tür aufmachen und ihm ent­ge­gen­kommen: "Gehen in Hof, vieles Paket." (Ich komme mit ihm ins Gespräch, er stammt aus Syrien und lebt seit 2015 in Deutsch­land.) Später einem anderen Menschen die Ein­gangs­tür aufmachen: "Ich bin der Flaschenmann, könnten Sie mir bitte ...?!" Das Wort "Flaschenmann" kenne ich nicht, ich frage nach. Er: "Ich komme doch einmal die Woche zu Ihnen und se­he nach Pfand­flaschen!" (Hm, ach so, wusste ich nicht. Ich schaue zur Si­cher­heit kurz runter. Aus dem Hof sind wiederholt Räder geklaut worden. In der Tat klappern danach die Müll­eimer­deckel und Flaschen klirren, er trägt kurz darauf einen nicht mehr ganz leeren Beutel durch den Hof, ohne einen Blick auf den Fuhrpark zu ver­schwenden.)

Am späteren Nachmittag Teetrinken mit einer Englisch-Kollegin. Wir sprechen über kuriose Kunden. Ich habe seit einiger Zeit ein Smartphone, sonst wäre das Fol­­gen­de nicht möglich gewesen: Im Krankenhausflur hatte ich am Morgen per Ein­zei­ler­ant­wortmail meine Bereitschaft sig­na­li­siert, ab vier Uhr desselben Tages bei einer Firmenübernahme aus dem Bausektor Französisch<>Deutsch zu dol­met­schen, dann vom potentiellen Kunden nichts mehr gehört.

Zurück im Büro war eine Nachricht von ihm in der Mailbox, ja, er suche noch. Ich schrieb etwas à la Senden Sie mir bitte den Vertrag, damit ich den Umfang er­ken­nen und Ihnen ein Angebot senden kann. Und vielleicht sollten wir kurz te­le­fo­nie­ren?

Darauf Funkstille.

Die Englisch­kollegin war am fortge­schrittenen Nach­mittag von eben diesem Kun­den angerufen worden. Er meinte, sie müsse als beglaubigte Übersetzerin ja nur vor­le­sen, was er mit Google-Translate schon "über­setzt" habe, ins Englische üb­ri­gens, das könne er ja gut und sein Geschäfts­partner ei­ni­ger­maßen, die Über­setzung sei fehlerfrei.

In seinen Augen zumindest. Die Kollegin hat das Dokument gesehen, es ging um eine Verkaufs­summe von knapp fünf Mil­lio­nen Euro. Natürlich konnte und wollte ihm auch die Englischkollegin ange­sichts des lukrativen Angebots, er wollte 100 Euro fürs "Vorlesen" zahlen, nicht helfen.

Und in der Mail am Mor­gen hatte gestanden, er suche jemanden, da ihm seine Dol­met­­sche­rin kurz­fris­tig abgesagt habe. Ich fürchte, hier hatte die Büro­lei­tung ge­bucht und er hat es selbst ab­­ge­­sagt wegen des Preises. Denn wer von uns Sprach­­ar­­bei­­tern sagt schon einen Ter­­min ab, ohne Ersatz zu stellen?

Mit der Zeit übe ich mich in vor­aus­ei­len­der Scha­den­freude: Möge der Ver­kaufs­ter­min platzen oder der Kauf­vertrag nach­her vor Gericht angefochten werden, weil die Sprach­­ar­­beit nicht geklappt hat. Ist das zu böse oder OK?

Und wäh­rend hier weiter nichts ge­schieht, spiele ich Pa­­ket­­­la­ger und wer­de lau­fend von Nachbarn raus­­ge­­rissen aus der Sprach­arbeit, die ihre Pakete ab­ho­len kommen.

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Foto: C.E.

Mittwoch, 13. Juni 2018

Dandelion

Guten Tag oder guten Abend! Sie sind mit­ten in ein Ar­beits­­ta­­ge­buch hin­ein­­ge­­ra­ten, in dem sich al­les um Spra­­che, Dol­­met­schen, Über­­setzen und Kul­t­uren dreht. Als frei­­be­­ruf­­li­che Sprach­­mitt­­lerin ar­bei­te ich in Pa­ris, Ber­lin, Toulouse, Frank­furt und dort, wo Sie mich brauchen. Sprach­ar­beiter sam­meln Wörter wie an­dere Match­box­autos, Gemälde oder Schmetterlinge.

Eiffelturmspitze, Blätter, Blüten, Verblühtes, Vogel
Balkonimpressionen
Frühstück auf dem Balkon, dann weiter­lernen. Es ist nach gefühlt zwei Monaten endlich etwas kühler in Berlin und Um­ge­bung. Ich sage das nicht für mich, ich mag Tem­pe­ra­tu­ren ab 26° Celsius, aber für die leidenden Mit­men­schen. Regnen könnte es mal wieder, sagen die Bau­ern.
Den Kopf habe ich in Ge­dan­ken, halb im Traum, halb in der Zei­tung. Zwi­­schen­durch wässere ich Pflan­zen. Die To­maten brau­chen viel.

Später sitze ich am Schreib­tisch. Beim Aufwachen hatte ich BBC gehört. Das Wort dan­de­lion spukt mir im Kopf herum. Ich finde, es klingt wie eine tau­melnde Hum­mel. Ich schlage nach. Be­deu­tet es aber nicht, sondern Puste­blume. Wo habe ich eine sol­che letztens mal ge­se­hen? Es scheint ganz nah ...

Das Unter­bewuss­tsein schläft nie. Wir nehmen nur einen Bruch­teil des­sen wahr, was uns um­gibt. Und bei allem, was das Dol­metscher­hirn sieht oder hört, fragt es sich, ob es das in den ver­schie­de­nen Spra­chen ausdrücken kann.

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Fotos: C.E.

Dienstag, 12. Juni 2018

Gute, faire Arbeit

Will­­kom­­men auf den Sei­ten mei­­nes digi­talen Arbeits­­ta­­gebuchs. Hier dreht sich alles um Spra­­chen, Kul­­turen und das Ver­­mit­teln zwi­schen den­­selben. Mein Dol­met­­scher­­be­­ruf besteht aus mehr als aus münd­li­chem Übertragen, ich muss mei­ne Kun­den gut ken­nen­ler­nen, um ihre Worte richtig interpre­tieren zu können. Das setze ich immer wieder ins Verhält­nis mit der Welt­po­litik, für die ich auch dol­met­sche.

Draufsicht: Tasse, Teller, Kaffee, Aprikosenmarmelade
One orange dot
Neu­lich kamen wir am Rande einer zwei­tä­gi­gen Kon­fe­renz außer­halb der Stadt ins Ge­spräch, wir Dol­met­scher und etliche Teil­neh­mer, die un­ter 40 waren. Jene nannten sich ausnahmslos selbst Post­ma­te­rialis­ten, wollten gar keine bril­lante Karriere ma­chen, sondern genug Geld für sich und Kin­der ver­dienen, vor allem genug Zeit fürs Pri­vate haben.

Das ist ver­gli­chen mit den Vor­gän­ger­ge­ne­ra­tio­nen ein echter Pa­ra­dig­men­wechsel, den viele Perso­nal­chefs be­stä­tigen, die ihre Ar­beits­platz­an­gebote de­ment­spre­chend ausrichten müssen, wenn sie über­haupt noch Per­sonal finden möchten.

Kurz: Diese Ge­ne­ration wünscht mehr Zeit fürs We­sent­li­che, Bil­dung und Selbst­bil­dung, we­niger Kon­sum"ge­lum­pe", ins­ge­samt weniger Konsum­güter, dafür von bes­ter Qua­li­tät; sie wird selbst aktiv, nutzt Fahr­räder, Bahn, Re­pair Cafés, in de­nen Sa­chen selbst wieder her­ge­rich­tet werden können; außer­dem standen En­ga­ge­ment in den Be­rei­chen Umweltschutz, Zi­vil­ge­sell­schaft und Kultur bei al­len Ge­sprächs­part­nern hoch im Kurs.

Ebenso fiel mir eine hohe Acht­sam­keit (auf Neudeutsch Awareness) auf, was die Un­ge­rech­tig­kei­ten dieser Welt angeht. "Gut, fair und oh­ne Kin­der­ar­beit her­ge­stellt" ist als Label noch un­terschätzt. Wobei sich im glei­­chen Atem­zug alle auch gegen "Green­wa­shing" und "Fair­wa­shing" geäußert haben, al­les Begriffe, die auf dem Wort "Rein­wa­schen" fußen.

Heute ist der "Tag gegen Kinder­arbeit", mein Lese- oder Hör­tip führt zum DLF und zu einem Beitrag von Dietrich Karl Mäurer (aus der heu­ti­gen Sendung "Um­welt und Ver­brau­cher").

Ebenso im Deutschlandfunk, allerdings in der Sendung "Corso": Ein Gespräch mit Ku­ra­to­rin Angelika Kaiser-Lahme über die Ausstellung "Tradition Raiffeisen: Wirt­schaft neu Denken" und die Ge­nos­sen­schafts­idee, die seit zwei Jahren sogar UNESCO-Welt­kul­tur­er­be ist. Im Interview werden auch Themen wie Ge­mein­wohl­öko­no­mie und "Commons" gestreift, die Wie­der­ent­deckung der All­mende. Das geht alles in die­sel­be Rich­tung wie die Gespräche am Rand des Kongresses. Hier noch der Link zur Ausstellung auf der Festung Eh­ren­breit­stein.

Jetzt brauche ich nur noch einen Dolmetsch­ein­satz in Koblenz plus einen Tag dort extra. Für uns Übersetzer und Dolmetscher bedeutet faire Arbeit übrigens, dass niemand, der nicht direkt an der Arbeit beteiligt ist, (über Gebühr) mitverdient. Die Discounter unserer Branche sind die Agenturen mit klingenden Namen, die am bes­ten noch in jeder Stadt ihre Franchise-Niederlassung haben. Sie treten wie Mak­ler auf, haben mit der Spracharbeit oft nichts zu tun. Hier wandert ein großer Anteil des vom Kunden gezahlten Honorars in Werbung und die Anmietung re­prä­sen­ta­ti­ver Büroräume.
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Draufsicht: Möhren, Mörser, schwarzer Pfeffer
Many black dots
Der Premiummarkt sind Frei­be­ruf­ler, unabhängige Dol­met­scher, die oft in in­for­mel­len Netzwerken zu­sam­men­ge­schlos­sen sind.

(Ach­tung, man­che Agen­tu­ren treten inzwi­schen im Gewand von Netz­wer­ken auf. Nach­fra­gen hilft, der Grad der Trans­pa­renz ist ent­schei­dend, der sich übri­gens auch in Ver­trä­gen fest­legen lässt.)

Nur eines ist sicher, bezahlte Kinderarbeit gibt es in der Sprachbranche nicht, nur oft Kinder aus der Migration, die für ihre eigenen Eltern "übertragen" müssen. Das aber ist ein anderes Thema.

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Fotos: Küchenserie, C.E.

Montag, 11. Juni 2018

Semikonsekutives Simultandolmetschen

Guten Tag oder guten Abend! Sie sind mit­ten in ein Ar­beits­­ta­­ge­buch hinein­­ge­ra­ten, in dem sich al­les um Spra­che, Dol­met­­schen, Über­­setzen und Kult­uren dreht. Als frei­be­ruf­li­che Sprach­­mitt­lerin ar­bei­te ich in Pa­ris, Berlin, München, Cannes und dort, wo Sie mich brauchen.

Ein Termin im Ministerium. Eine französische Staats­sekre­tä­rin hat Termine in Ber­lin, ich begleite sie; das deutsche Ministerium stellt eine zweite Dol­met­scher­kol­le­gin, die dort fest­ange­stellt ist. Eine Referentin trägt unseren "Flüsterkoffer", in dem sich Mikrofon und mehrere Kopf­hörer mit Empfängern befinden. Die fest­an­ge­stellte Kollegin blickt kurz auf den Koffer und stellt sofort klar: "Wir machen das konsekutiv!"

Hintergrund ist, dass die festangestellten Kollegen scharf darauf achten, si­mul­tan nur aus der Kabine heraus zu arbeiten. Die so bequeme Flüsteranlage, die wir Frei­be­ruf­le­rinnen bei mobilen Ein­sätzen gewöhnt sind, mit der wir uns aber noch mehr konzentrieren müssen also sonst ohnehin schon, kommt bei den Kol­leginnen und Kol­legen der Insti­tu­tionen nicht gut an.

Diplomatisches Frühstück
Für mich ist nach fast zwei Ta­gen Si­mul­tan­dol­met­schen der Gedanke an eine Umstel­lung Stress pur. Ich visua­li­siere oft meine Ter­mi­n­e vorab, um mich gegen Lam­pen­fie­ber zu wappnen; konsekutiv hatte ich nicht 'vor­be­rei­tet'. Außerdem weiß ich, wann das Re­gie­rungs­flugzeug zurück nach Paris geht und wie wenig Gesprächszeit uns das mit konse­­ku­tivem Dolmetschen lassen wür­de.

Ich sage hier "uns". Ja, ich bin deutlich stär­ker "drin" im Einsatz als die Kol­legin, denn was für sie ander­thalb Stun­den geht, dauert bei mir einfach schon deut­lich län­ger. Ich han­de­le einen Kom­pro­miss aus: Die Flüster­kiste bleibt zu, sie dolmetscht konsekutiv, ich darf si­mul­tan flüstern, alle sind happy.

Wir arbeiten hoch­pro­fes­sionell zusammen, es macht Spaß. Den Namen der Kollegin werde ich mir merken.

Dieser Einsatz wurde so zum entspann­teren Teil der Tage. Vorher standen auf dem Programm: Par­la­men­tarier­früh­stück, Mitglieder eines Auschusses treffen, Mit­tag­es­sen mit Medienvertretern, Hin­ter­grund­gespräche mit Staats­se­kre­tären der deut­schen Partner­ressorts an Tag eins sowie diplomatisches Frühstück, Hin­ter­grund­ge­sprä­che mit Oppo­sitions­politikern und ihren Stäben, Eröffnung einer Veranstaltung, Dis­kus­sions­teil­nah­me des auslän­dischen Gasts, kurze Pause im Café, ein Interview, abschließendes Strategiegespräch in der Botschaft an Tag zwei. Gefolgt von be­sag­tem Mi­nis­te­riums­ter­min.

Dolmetscherkoffer oder mobile Anlage, Draufsicht
Flüsterkoffer
Die Punk­te wur­den Schlag auf Schlag ab­ge­­ar­bei­tet. Für die Veranstaltung von Tag zwei wurde noch eine Kollegin für die Kabine hinzugebucht, schon am ersten Tag wäre eine Kol­le­gin prima ge­wesen, der Flüs­ter­kof­fer hätte am zweiten Tag sicher auch noch gute Dienste geleistet.

Schwierig ist es immer dann, wenn an­stel­le von Konse­ku­tiv­dolmetschen eigentlich se­mi­kon­­se­ku­ti­ves Simultan­dol­metschen erwartet wird, wenn die Gren­zen ver­schwim­men zwischen dem No­ti­zen-ma­chen-und-sei­ne-ei­ge­ne-Sprech­­zeit-ha­ben und dem Kaum-No­ti­zen-ma­chen-da­für-fast-zeit­­gleich-spre­chen. Im Ministerium muss indes alles zitierfähig sein.

Das strengt doppelt an, denn ich muss noch auf­merk­sa­mer zuhören als sonst, habe aber nur mei­ne zwei Ohren. Im Duo sind wir zu zweit, die Kol­legin schreibt dann für mich Zah­len und Na­men auf­ oder prüft kurz einen Be­griff, bei dem ich viel­leicht un­si­cher bin.

Ein Hoch also auf die Ko-Kabine, wie un­ser­einer die Kollegin oder den Kol­legen nennt, auch dann, wenn wir gar keine Kabi­nen­wände um uns herum haben, also für alle Dol­metsch­"formate": simul­tan, kon­sekutiv oder halb simultanes, halb kon­se­ku­ti­ves Flüster­dolmet­schen.


P.S.: Heute in der Nach­be­rei­tung ver­suche ich für mei­ne ei­ge­nen Vo­kabel­lis­ten ei­ni­ge Be­grif­fe zu re­kons­tru­ie­ren, denn nach dem Ein­satz ist immer vor dem Ein­satz. Die Dol­metsch­kof­fer­trä­gerin bedankt sich schrift­lich bei uns und mir und antwortet auf meine Bitte, einige Gesprächsnotizen der Solo-Mo­men­te von ihr zur Nach­berei­tung zu erhalten, dass diese leider Verschluss­sachen seien, sie diese nicht einmal aus­zugs­weise heraus­geben dürfe. Womit noch ein Aspekt geklärt sei: Die zweite Dol­metscher ist auch wichtig für die lin­guis­ti­sche Do­ku­men­ta­tions­ar­beit, die auch immer zu den Einsätzen gehört.

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Fotos: C.E. (Archiv)

Sonntag, 10. Juni 2018

Grüner Daumen

Was Über­set­zer und Dol­metscher be­schäf­tigt, können Sie hier mit­lesen. Seit vie­len Jahren be­richte ich über den Beruf und meinen sprach­be­tonten Alltag. Sonntags wer­de ich privat: Sonntags­fotos!
 
Zwischen den berufs­be­dingten und pri­va­ten Reisen, den Ein­sätzen in Politik, Wirt­schaft und Kul­tur ist ei­nes im­mer sehr wichtig: der Aus­gleich. Familie, Sport, Li­te­ra­tur, Hobbies ... darunter der Garten. Und seit ich oft für nach­hal­tige Land­wirt­schaft gedol­metscht habe, arbeite ich noch bewusster in unserem Hof­ga­rten.

Kleines Pflänzchen
Junge Pflanze
Kind packt Pflanze aus
Junge Gärtnerin


Muscheln und das "Venengerüst" einer Physalis auf Topferde
Pflanztopfstillleben
Sonnenbeschienene Wand, Sitzgelegenheiten, Tischchen, Pflanzen
Hofgartenidylle
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Fotos: C.E.

Donnerstag, 7. Juni 2018

Kann ich ein Eis?

Bonjour, hier bloggt eine Fran­zö­sisch­­dol­­met­sche­rin und -über­setzerin. Dol­­met­scher und Über­setzer übertragen münd­lich und/oder sinn­­getreu, sie pla­nen Rei­sen, machen Buch­­­haltung und helfen Kol­­le­gen beim Bü­ro­­ma­­na­­ge­ment, sie müssen sehr viel le­sen und hö­ren ih­rer Um­­welt auch pri­vat sehr auf­­merk­­sam zu.

Die Verbengeizigkeit der Unter-35-Fraktion ist frappierend. Irgendein un­fer­ti­ger Satz wird raus­ge­schleudert, und die an­we­sen­de Ü-35-Person darf dann al­lein zu­en­de denken.

Vanille-Stracciatella am Markt
Sehen? Kaufen? Essen? Worum geht's hier eigentlich? Neulich habe ich das sogar in einem zufällig aufgeschnappten TV-Dialog bei der Nachbarin gehört: "Kann ich einen Wein?" Es ist klar, hier fehlt das zweite Verb, und viele Jahre Lebens­erfahrung sind nicht nötig, um den Satz zu ver­voll­stän­di­gen. Ich erkenne darin indes einen Trend. Vermutlich ist er sogar längst in der Werbung angekommen, die ja alles ver­ball­hornt, nur habe ich das als noto­rische Werbung­über­seherin wieder mal nicht mit­be­kom­men.

Reklame greift auch gerne heftige Gram­ma­tik­feh­ler auf, seitdem sie bei so einer Blubb-Spi­nat­da­me zu Slogans wurden.

Derlei wird übrigens von Mit­telstands­damen aus Kreisen der Geflüch­teten und Zu­ge­wanderten heftig gerügt: "Das sowas überhaupt erlaubt ist? Wie sollen wir denn richtiges Deutsch lernen?" Ja, und die hier geborenen Unter­schichtkids, die aus Gründen politischer Korrekt­heit lange nicht Unter­schichtkids genannt werden durften, kom­men so auch nicht aus dem stigmatisierend falschen Sprach­gebrauch heraus. Es sei denn, sie wer­den zu Leseratten.

Nicht auf dem Mobiltelefon, das schon die Kleinsten mit sich führen, nein, ich spre­che von echten Büchern. Wenn es nach mir ginge, hätten wir durch­aus ei­ne Ge­schmacks­po­li­zei, einen Sprachen­rat und überhaupt eine gesamt­gesell­schaft­li­che Debatte über Ausdrucks­formen, Kultur und Macht. Und ein Mindestalter für Di­gi­ta­les. Und einen Technik­fü­hrer­schein, Medien­kunde und Filmun­terricht sowie Abi mit Leh­re für alle in der Schule. Jawoll! Zum Erlernen kom­ple­xe­ren, prak­tischen Den­kens.

Die ab­ge­bro­chenen Sätze verkörpern nämlich, wenn es um mehr geht als den ra­schen Kon­sum­wunsch, nämlich oft genug nicht zu Ende gedachte Gedanken. Das ist Sprach­zapping, das nur noch andeutet, Kom­mu­ni­kation antäuscht.

"Darf ich ein Eis?" Als der welt­bes­te Zieh­pa­ten­sohn klein war, habe ich ihn dann immer gefragt: "Was denn? Zeichnen, tanzen, essen oder ... " Er wusste, dass hier auch ein Verb wie "kacken" dabei sein konnte (allerdings nie in der Öf­fent­lich­keit). Weil er wusste, dass theore­tisch auch ein pein­li­ches Wort zur Auswahl kommen konnte, hat er schnell gelernt, seine Sätze fer­tig­zu­spre­chen.

Jetzt ein Eis. Ganz ohne Verb. Stehnwa drüber, gell?

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Foto: C.E. (Bild aus Marburg)

Mittwoch, 30. Mai 2018

Neun Punkte

Hier bloggt eine Kon­­fe­­renz­­dol­­met­­sche­­rin mit den Schwer­­punk­­ten Politik, Wirt­schaft, Archi­tektur, Sozia­les, Lan­des­kunde, Me­dien, Kul­tur und Film. Was ist los mit dem Dolmetsch­markt?

Dolmetscherin, Dolmetschpult, Rechner, Publikum
Studientag, kleines Budget: Kabine ohne Wände
Weiter im Text. Eine merk­wür­di­ge Frühjahrssaison neigt sich bald schon dem Ende zu. Was lässt sich be­ob­ach­ten?

Erster Aspekt: Die Anfragen kommen immer kurzfristiger, gerne auch am Vorabend, und zwar durch die Bank weg von allen, von Privatleuten bis hin zu Ministerbüros. Konsequenz: Allgemeine Politik steht täg­lich auf der Vo­ka­bel­lis­te.

Zweitens: Die Ter­mi­ne sind oft kürzer, Hintergrundgespräch, Zwei-Stunden-In­ter­view­ses­sion, Ehrung einer Per­son, Buchlesung. Wir müssen immer öfter den Kunden erklären, warum ein kur­zer Ein­satz genauso intensiv vor­be­reitet werden muss wie ein lan­ger, und warum wir des­halb keine Stun­den­ta­rife anbieten können.

Dritte Be­ob­achtung: Die Pseudo-Agenturen schießen wie die Pilze aus dem Boden. Sie haben keine Ahnung und wenn doch, so haben sie es auf unsere Honorare ab­ge­se­hen à la "Wir zahlen nur für die beim Kunden verbrachte Zeit". Die Entgelte für unsere Mehrarbeit möchten sie für sich behalten. Not amused, wirt­schaft­lich für uns sel­ten möglich. Diese Agenturen zerstören à la longue einen Markt, deren Teil sie zu sein vor­ge­ben.

Viertens: Dieses "Vorgeben" ist leider Trend. Ich nenne sie gerne "Simu­lant­dol­met­scher": Menschen, die unsere Arbeit si­mu­lieren, die keine Ah­nung haben vom Me­tier und weder Trai­nings noch Jahre an Be­rufserfah­rung nach­wei­sen kön­nen, drän­gen auf den Markt.

Fünfter Punkt: In der Öffent­lichkeit verschwimmt die Wahr­nehmung dessen, was unseren Beruf ausmacht. Das liegt auch an der seit Jahren währenden Flücht­lings­(ver­wal­tungs)kri­se, in der jeder, der halbwegs Deutsch radebrechen kann und eine der Sprachen der Geflüchteten spricht, sofort "Dolmetscher" ge­nannt wird. Dieser Personenkreis müsste von allen, von den Berufsverbänden zuallererst, als Sprach­hel­fer oder, besser noch, Laiensprachhelfer bezeichnet werden, was man­chen Ver­diens­ten keinen Abbruch tut, aber für Klarheit sorgt. Für Fans der in Deutschland so beliebten Abkürzerei habe ich sogar ein Kürzel parat: LSH.

Sechstens: Immer mehr andere Berufsstände mischen sich immer aggressiver in un­se­re Honorargestaltung ein, nicht nur die Pseudo-Agenturen (World­Lan­gua­ge­Ru­lers-24/7), son­dern auch Mediziner und Ge­sund­heits­ver­wal­tung, die die Preise für medizinisches Dolmetschen festlegen wollen, Sozialarbeiter und Jugend­amts­leiter, die zum Teil aben­teu­erliche Listen führen, das geht in Ber­lin mit 10,50 Euro für einen Ein­satz für einen un­beglei­te­ten Jugendlichen los. Das sind Sätze für ungelernte Ar­beit, das ist sogar für sprach­kundige Laien zu wenig, die be­rufs­be­glei­tend wei­ter­ge­bil­det werden, Mesdames et Messieurs !
 
Siebentens (verwandt mit Punkt 4): Die Honorare der Masse der Journalisten sin­ken seit Jahren, nein, sie wer­den ge­drückt. "Sinken" klingt wie ein höchst na­tür­li­cher Vor­gang, ein Hoch­was­ser­pe­gel sinkt. Dass uns Sprachprofis von die­ser Sei­te unlauterer Wett­be­werb erwächst, ist leider nichts Neues. Da die Qua­li­tät des Pro­gramm­­um­­fel­­des ab­nimmt, fällt's nicht im­mer auf.

Achtens: Es wird im­mer öf­ter auf Eng­lisch ge­setzt und dann am liebs­ten gar nicht ge­dol­metscht, außer dort, wo es wirk­lich wich­tig ist. Was le­se ich da­raus? Dass es mit Eng­lisch als Lin­gua fran­ca eben doch nicht so weit her ist.

Neuntens: Dieser Punkt hängt mit dem ersten zusammen. Das Internet bringt die trügerische Gewiss­heit mit sich, dass alle und alles stets und ständig von glei­cher Qualität zu haben sei, Sprach­pro­fis in­klu­si­ve. Die ohnehin bald durch die riesige Rechen­leistung und Dokumente der Cloud überflüssig werden, oder?

Mikrophone, Dolmetschpult
Nach der Pause
Die Folgen? Wenn es so wei­ter­geht, gibt es bald nur noch wenige Kol­le­ginnen und Kol­le­gen, die z.B. bei Minis­terien, Parla­menten oder vielleicht Handelskammern festan­ge­stellt sind.

Für den Rest der Ar­beit wird auf Laien und irgend­welche High-Tech-Gim­micks zurück­ge­grif­fen, was die Verstän­digung nicht erleichtern wird.

Es wird Trä­nen geben, Tragik und To­te. Dann erfindet jemand den Dol­met­scher­be­ruf neu. Dass wir mal Opfer von Schweine­zyk­len werden würden, darauf wäre ich beim besten Willen nicht gekommen.

Und ehe mich jetzt je­mand von den an­deren eta­blier­ten Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen der Schwarz­ma­lerei zeiht: Hört Euch beim Nachwuchs um. Das Be­schrie­bene gilt für sie und für uns All­roun­der, eine Technik­dol­met­scherin kennt das we­ni­ger, es sei denn, sie ist nur auf Ver­bren­nungs­mo­to­ren spe­zia­li­siert.

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Fotos: C.E.

Dienstag, 29. Mai 2018

Nicht selbstregulierend

Was Dol­met­scher und Über­setzer so er­le­ben kön­nen, be­schrei­be ich hier in loser Folge. Ich arbeite mit den Sprachen Deutsch, Französisch (Ausgangs- und Ziel­spra­che) und Engl­isch in Paris, Berlin, Marseille, Marburg, Lyon und Lud­wigs­burg, um nur einige Beispiele zu nennen.

Gestern habe ich eine Episode von einer Messe gebracht, da wussten unsere Kun­den, worauf es ankommt. Neulich war alles anders.

Eine Anruferin, die für ein Kulturhaus arbeitet, sie ist neu im Job und fragt: "Könn­ten Sie für uns dolmet­schen? Wir haben eine Publikums­ver­anstaltung über das Land X mit dem Gast Y, der aus diesem Land stammt, verstehen Sie?"

Ich frage nach, ob es eine Kabine gibt, Kopf­hörer fürs Publikum, erwähne die Dol­met­scher­kol­le­gin, da die Veranstaltung wohl länger als eine halbe Stunde dau­ern wird.

"Nein, nein. Wir brauchen keine Dolmetscherkabine. Wir brauchen auch keine zwei­te Dolmet­scherin. Sie sollen nur das dolmet­schen, was Gast Y aus dem Land X erzählt. Nacheinander, auf der Bühne."

Aha, konsekutives Dolmetschen also. Wie denn Gast Y die Sprache verstehen wür­de, will ich alsdann wissen.

Foto eines kleinen, schwarzen Jungen, vergrößert, als Teil einer Wandmalerei
Gesehen in Kreuzberg
"Naja, nicht so gut. Eigentlich gar nicht. Wir hatten gedacht, der Moderator fasst ab und zu mal in der anderen Sprache zu­sam­men, worum es geht. Aber während wir telefonieren, kommt gerade eine Mail rein. Moment bitte, aha, ach so. Nun, er möchte das doch nicht machen. Könnten Sie bitte vielleicht auch ab und zu si­mul­tan für den Gast Y dolmetschen?", meint die Anruferin.
Ich frage konkret, wie ich das machen soll, ohne zweite Person oder Pausen. Versuche zu erklären, wie an­stren­gend unser Beruf ist, aber kann nicht au­sreden.

"Naja, Sie müssen nicht alles dol­met­schen. Nur ab und zu halt."

Ich: "Aber könnte es nicht sein, dass der Gast auf etwas eingehen möchte, was in der Diskussion gesagt wird? Dass er gefragt wird? Dass er antworten will, dass er es als un­höf­lich empfinden könnte, dass ihm eine Dis­kus­sion über sein Land nicht in Gänze verdolmetscht wird?!

Gast Y ist ein Kul­tur­schaf­fender, Land X liegt auf dem afri­ka­ni­schen Kontinent. Ist es jetzt bösartig, wenn ich annehme, dass derlei einem Politiker beispielsweise aus Frankreich nicht zugemutet worden wäre?

Ich erkläre, nochmal, wie der Standard in unserem Beruf ist, biete nach Rück­spra­che zwei Kolleginnen zum Super-Soli-Preis an. Tags darauf kommt die Absage: "Wir haben einen Über­setzer gefunden, der es allein und billiger macht."

Beim nicht näher erwähnten Haus handelt es sich um eine bundes­finanzierte Ber­li­ner Kul­tur­ein­rich­tung mit "Leuchtturmcharakter". Mit ihren Vorgängern stand ich im Ge­spräch, sie hatten anfangs ähnliche Verständnisprobleme. Die Kul­tur­ver­wal­tung hat ein Problem mit der Wissensweitergabe. Und dem­nächst hat das Publikum mög­li­cher­wei­se auch ein Problem.

P.S.: Die Sache ist einige Wochen her. Ich habe mir den Abend angesehen. Der "Dolmetscher" war ein bemühter Journalist, der seine Sache ins Deutsche ei­ni­ger­ma­ßen annehmbar erledigt hat, bis auf viele Neben­sätze und Fach­be­griffe. (Oder haben Sie schon mal von "straf­gericht­lichen Rechts­tri­bu­nalen" gehört?) Ins Fran­zö­si­sche hat er ab und zu einen Satz gesagt. Der beflüsterte Gast war höflich und schwieg.

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Foto: C.E.

Montag, 28. Mai 2018

Selbstregulierend

Dol­met­schen und Über­setzen lässt einen ganz schön rum­kommen. Manche Kun­den neh­men uns wahr, als wären wir Sprach­ma­schi­nen. Andere sehen genau hin.

Hosenbeine, Schuhe, Tasche, Teppich
Der rote Messeteppich
Vor ei­ni­gen Tagen auf einer Messe. Der eine merkt, dass er zu weit aus­ge­holt hat und sagt selbst­kri­tisch: "Ich muss mich kurzfassen!"

Der an­dere, der mich eine Weile be­ob­ach­tet hat: "Ja, knapper, aber nicht schnel­ler reden!"

Ich muss beim Dolmetschen grinsen. Spannend, wie jemand nur durchs Be­ob­ach­ten etwas verstan­den hat.

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Foto: C.E.

Freitag, 25. Mai 2018

Scharf gestellt

Hier bloggt eine Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin und Über­setze­rin mit den Arbeits­spra­chen Franzö­sisch, Deutsch und Englisch (das Idiom Shakespeares in vielen The­men­fel­dern nur als Aus­­gangs­­spra­­che).

Heute empfehle ich die Lektüre meines Impressums mit Daten­schut­zer­klä­rung zur DSGVO, der heute "scharf gestellten" Da­ten­schutz­ver­ord­nung. Parallel zur Recherche und Verwaltungsarbeit habe ich meine Ablagen geflöht und umgestellt. (Ich verwende bei den Farben ein ähnliches Prinzip wie einst bei den Ab­la­ge­körb­chen, die ich zum Groß­teil ab­ge­schafft habe. Ohne sie ist es or­dent­li­cher und ich muss öfter auf­ste­hen.)

Ich überlege gerade, ob ich das Wort, eine Ver­ord­nung oder ein Gesetz werde "scharf gestellt", schon vor dieser Sai­son gehört habe. Der WDR hat im April von Autotechnologie berichtet, die "scharf gestellt" worden sei. Er schreibt: "Scharf gestellt: Neue Tech­no­logie für den Ford Focus". Sonst werden Ra­dar­fallen, Alarm­an­la­gen, Bomben und Tier­fallen scharf gestellt. In meiner Welt wur­den bis­lang nur Ka­me­ras scharf ge­stellt, der "Duden" liefert auch diese Rede­wen­dung.

Viele Akten ...
Links vor zwei Tagen, rechts und in der Mitte heute:
Neue Datenschutzregeln und Ablage gleich mit umgestaltet
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Foto: C.E.

Donnerstag, 24. Mai 2018

Auf dem Schreibtisch XXXXVII

Guten Tag oder gu­ten Abend! Hier bloggt nunmehr im zwölften Jahr eine Dol­met­sche­rin und Über­set­ze­rin. Dabei arbeite ich (aktiv und passiv) mit Fran­zö­sisch und Deutsch sowie (nur passiv, also als Ausgangs­spra­che) mit Englisch. Dort, wo mich meine Kunden brauchen, bin ich dann meis­tens auch tätig: Straß­burg, München, Pa­ris, Berlin, Marburg, um nur einige Beispiele zu nennen. Heute wieder: Blick auf den Schreib­tisch.

unordentlicher Tisch, ordentlicher Tisch
Welttag des Büroaufräumens (Illustration von 2013)
Die aktuellen Themen sind:

⊗ Der neue Elysée-Vertrag
⊗ Afrika (Landwirtschaft)
⊗ Bildungs- und Hoch­schul­po­li­tik (im Köcher seit 2005)
⊗ Allgemeine Politik (mise à jour)
⊗ Startups und Co­wor­kings­pa­ces
⊗ Dreh­buch­über­set­zung
⊗ Termine über­tra­gen von August bis No­vem­ber
⊗ Zwei Aus­schrei­bungen vor­be­rei­ten

Meinem eigenen Blog zufolge ist heute der Welt­bü­ro­auf­räum­tag. Blöderweise hat er dieses Jahr schon am 21. März stattgefunden, wie ich nach ei­ner kur­zen Re­cher­che weiß. Wieso wechselt so ein wesent­li­cher Tag den Ter­min? Das finde ich jetzt nicht sooo super. Ich räume trotzdem weiter auf.

viele ordentliche Tische
Welttag des Büroaufräumens (Illustration von 2018, Farbe leicht verändert)

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Illustrationen: Weltbüroaufräumtag
#jmrb2018

Mittwoch, 23. Mai 2018

DGSVO, die Zweite

Guten Tag oder guten Abend! Sie sind mit­ten in ein Ar­­beits­­ta­­ge­­buch hinein­ge­ra­ten, in dem sich al­les um Spra­che, Dol­met­schen, Über­setzen und Kult­uren dreht. Als frei­be­ruf­li­che Sprach­mitt­lerin überwiegend für die französische Sprache ar­bei­te ich in Pa­ris, Berlin, Toulouse, Frank­furt und dort, wo man mich braucht.

Regal mit bunten Ordnern (weiß, grün, orange, gelb und rot) sowie aus Holz und Büchern
Ablagen
„Als ob wir sonst nichts zu tun hätten!“, sagt der Büro­kollege und hat recht. Die DSGVO-Sache, die sich für kleine Un­ter­neh­men und Vereine wie eine Straf­arbeit anfühlt, beschäf­tigt mich auch heute. Am Rande bekomme ich das Medienecho mit, das Marc Zuckerberg ausgelöst hat. Ges­tern stand der Facebookchef den eu­­ro­­pä­­ischen Par­la­­men­­tariern Rede und Antwort.
Wobei: Jeman­dem Rede und Antwort zu stehen bedeutet eigentlich, dass man ihn oder sie zu Wort kommen lässt. Das, was ich von der Auf­zeich­nung von gestern bis­lang gesehen habe, klingt eher wie eine Reihe von Straf­pre­digten, ergänzt durch Aus­flüchte des üblichen Verdächtigen.

Einmal in den nicht vorhandenen Bart „Tut­mirleid“ ge­mur­melt reicht für das, was gewisse Imperien mit unseren Daten an­stel­len, nicht nur nach meinem Empfinden nicht aus. So stellt sich wieder das Gefühl ein, dass hier mit zweierlei Maß ge­mes­sen wird. Hier lax, jovial, nahezu schenkelklopfend plus Fenster­reden, nächs­tes Jahr haben wir EU-Wahlen, auf der anderen Seite übergroße Schär­fe, Droh­ge­bär­den hier und die Angst vor Abmahnkanzleien dort.

Die Auswir­kungen sind fatal. Unser­einer schüttelt den Kopf über manche Un­ge­reimt­heit und verliert zwei Arbeitstage mit Sachen wie Da­ten­schutz­or­ga­ni­sa­tion, Transpa­renz, Lösch­fristen, Vertrau­lichkeit und Da­ten­schutz­fol­genab­schätzung. Kleine Blogs oder Initiativen machen reihenweise dicht, weil sie sich keine teuren Anwälte zur Erfül­lung der Forderungen der Da­ten­schutz­grund­ver­ord­nung leisten kön­nen, die übermorgen „scharf gestellt“ werden wird, und die Mitar­beiter nicht ha­ben, sich da einzufriemeln.

Jene Bürger, Ver­eins­mit­glieder, Ange­stellte und Frei­be­ruf­ler, die sich dem stellen, lernen oder wiederholen viele Begriffe. Sie dürfen künftig Ver­zeich­nisse anlegen, Extra­mails über Daten­schutz schreiben, Kreuz­chen setzen, Einwil­ligun­gen ab­spei­chern, alles über­prüf­bar halten. Gerne, wenn mir die EU-Funktionäre eine Mitar­bei­terin stellen, die das fünf Stunden die Woche in mei­nem Büro macht.

Und dann ploppen diese ko­mi­schen Infor­ma­tionen ins Mail­post­fach, wunderliche Blüten treibt die Verordnung da wie die Mutmaßung von Fach­leu­ten, dass die An­nah­me von Vi­si­ten­kar­ten künftig ein juristisches Problem darstellen könnte. Brau­che ich ab morgen auf der Visiten­karte eine in etwas wie Dreiein­halb­punkt­schrift ab­ge­druckte, juris­tisch wasser­dichte Rechtsbehelfsbelehrung, die an Anschlägen jene der Kon­takt­da­ten weit übersteigt?

Beweis­last­umkehr ist hier das Stichwort. Derjenige, der die Karte am Ende in Hän­den hält, muss nachweisen, dass es die Absicht desjenigen, der draufsteht, war und derzeit ist, dass Empfängerin oder Empfänger die Karte in Händen hält. Und während wir uns alle diese Gedanken machen, sitzen die die 200-Tau­send-Dol­lar-die-Stun­de-An­wäl­te der Giganten längst daran, die Nutzung der Schlupflöcher in den Ge­set­zes­tex­ten flan­kie­rend ab­zu­sichern.

Bis die juristi­sche Um­setzung geklärt ist, werde ich hier die Kom­men­tar­funktion deaktivieren. Auf https, die gesi­cherte Ver­bin­dung, habe ich bereits umgestellt. Morgen Abend werde ich meine Daten­schutz­er­klä­rung oben über einen der Kar­tei­rei­ter erreichbar abgeben.

Ich muss mir jetzt als Nicht­ju­ris­tin überlegen, ob diese Zustimmungen in be­ste­hen­de Vorgänge eingebaut werden können. Wenn mich zum Beispiel ein Kunde per Mail kon­tak­tiert wie eben: "Bitte senden Sie uns für den 12.9.18 ein Angebot!“, werte ich das als Laie als eindeutige Willensbekundung, denn um ein Ange­bot zu schreiben, muss ich die Kon­takt­da­ten ab­spei­chern. Genauso, wenn der Auftrag zu­stan­de­kommt, um Details zur Veran­staltung und zur Rech­nungs­le­gung nach­zu­fra­gen. Eine Extra­schlaufe für die Da­ten­schutz­ver­ord­nung muss da noch rein, wo stört sie am wenigsten?

Ir­gend­wie fällt mir Schil­da ein. Und um heute Nacht schlauer ins Bett zu gehen, als ich am Mor­gen auf­ge­stan­den bin, werde ich David Bernets „Im Rausch der Daten“ sehen, den Do­kumen­tarfilm zum DSGVO, den die ARD am späteren Abend aus­strah­len wird (anschließend in der Mediathek).

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Foto: C.E.

Montag, 21. Mai 2018

Auf keinen!

Als Dolmetscherin und Übersetzerin schaue ich den Leuten aufs Maul. Und ich ha­be aus den ver­schie­den­en Län­dern "meiner" Spra­chen so manch schöne Tra­dition über­nommen.

Tee und Gebäck auf einem Tablett
It's tea time!
"Auf keinen!" oder "Auf je­den!" So knapp äußert sich ge­le­gent­lich ein mir be­kann­ter Teen­ager und meint "auf keinen Fall" oder "auf je­den Fall!"

Sprache ändert sich, und jede Ge­ne­­ra­tion ver­wen­det sie an­ders, um sich von den Alt­vor­de­ren ab­zu­he­ben. Was eine Binse ist, aber mir aktuell wie­­der auffiel.

You alright? steht manchmal in eng­lischen Unter­titeln. Das Kürze hat Methode. In den meisten Welt­sprachen sind zum Bei­spiel die Wör­ter für Af­fir­ma­tion und Ne­ga­tion Einsilber. Außer, es kommt ein zögerliches naja ... Es sieht aus, als wür­den die jüngeren Berliner in noch größerer Zeitnot stecken als wir älteren.

Die so gewonnene Zeit investieren wir in tea time, it's five o'clock!

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Foto: C.E. (Archiv)

Freitag, 18. Mai 2018

Sweet home

Willkommen auf den Blogseiten einer Dolmetscherin und Übersetzerin. Im zwölf­ten Jahr schrei­be ich hier über meinen Berufsalltag.

Pflanzen im Küchenfenster in der Mittagssonne
Küchenfenster
Und dann sind da die Tage, wo ich den Ber­li­ner Frühsom­mer ge­nie­ße, mor­gens BBC4 höre, beim 2. Früh­stück France Cul­tu­re, im Garten arbeite, eine Hose um­nä­he, eine Vo­kabel­­liste er­gän­ze, mich mit Freun­­den zum Tee treffe und ein­fach nur das Leben genieße. Ich übe mich weiter in Nichts­­tun, siehe Ein­­trag der letzten Wo­che.

Zwi­schen­durch noch eine Stunde bewusst auf eine Konferenz zu pauken, fällt da gar nicht ins Gewicht.

Und ich freue mich über Besuch, wie ich ihn bei meinem Einzug in die Wohnung am Maybachufer vor 20 Jahren öfter hatte.

Das In­sek­tensterben bekomme ich auch in der Groß­stadt sonst deut­lich mit. Sol­che Tie­re auf mei­ner Fens­ter­bank sind sel­ten ge­wor­den.

Libelle mit blauen Augen und Spiegelung im blauen Abendlicht
Arbeitszimmerfenster
Die Libelle unterbricht mich mit ihrem Gesurre und ich bin dank­bar für die Fo­to­ge­le­gen­heit. Dann lerne ich weiter, pas­sen­der­weise ein Land­wirt­schafts­the­ma. Viele, die täglich mit der Kru­me, mit Ero­sion und Bo­den­ge­sund­heit zu tun ha­ben, wis­sen ge­nau, wie es wei­­ter­­ge­hen müsste.

Hoffentlich werden die Sub­ven­tions­re­geln bald ge­än­dert, die noch vieles erschweren bis ver­hin­dern.


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Foto: C.E.

Mittwoch, 16. Mai 2018

DSGVO

Guten Tag oder guten Abend! Sie sind mit­ten in ein Ar­beits­ta­ge­buch hinein­ge­ra­ten, in dem sich al­les um Spra­che, Dol­met­schen, Über­setzen und Kult­uren dreht. Als frei­be­ruf­li­che Sprach­mitt­lerin ar­bei­te ich in Pa­ris, Berlin, Toulouse, Frankfurt und dort, wo Sie mich brauchen. Wir sind ein Team und übertragen alles — vor­aus­ge­setzt, wir kennen den Begriff.

Diese und kommende Woche werde ich je einen Arbeitstag ver­lie­ren.

Zwei Menschen im Zug, jeweils am Laptop, einer hält ein Handy hoch
Rollendes Großraumbüro
Ich hoffe, dass es zu meinem Besten sein wird. Ich werde mich in­ten­siv mit Da­ten­schutz befassen. Die Da­ten­schutz­grund­ver­ordn­ung, abgekürzt DGSVO, kommt leider daher wie ein Pa­pier­ti­ger. Von den Punkten auf meiner Liste, die mir über den Ver­band zu­ge­spielt wur­de, muss ich pro Satz einen Be­griff nach­schla­gen, um über­haupt zu er­fas­sen, worum es geht.

Ich habe kaum damit angefangen, da sitze ich im Zug, Ruhebereich, 2. Klasse. In der anderen Vierer­sitzgruppe ein Geschäfts­mann, der dauer­te­le­foniert. Er spricht laut, er wiederholt (wegen Funk­löchern), buch­sta­biert zum Mit­schreiben, nennt Namen.

Und dann frage ich mich, ob mit der DSGVO eigentlich auch überlautes Te­le­fo­nie­ren im Zug ver­boten wird? Das wäre doch mal eine Maß­nah­me!

Am Tag da­nach beim Ein­satz: Eine Fran­zösin spricht über nötige Än­de­rungen, weil ja die So­undso-Ver­ord­nung in Kraft tritt. Ich weiß, was sie meint, sage DGSVO ... und ma­che mich in der nächs­ten Phase, in der die Kol­le­gin über­nimmt, auf die Su­che nach dem fran­zö­si­schen Pen­dant, denn mög­li­cherwei­se muss ich das gleich pa­rat haben. Ich finde sie nicht gleich, ich brauche sie zum Glück so schnell nicht wie­der. Tags drauf weiß eine be­fra­gte Kol­legin Rat.

Vokabelnotiz
RGPD - Règlement Général sur la Protection des Données
GDPR - General Data Protection Regulation

Das Su­chen war deshalb nicht so ein­fach, weil EUR-Lex den Ter­mi­nus nur in der Über­schrift bringt.

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Foto: C.E.

Montag, 14. Mai 2018

Chihuahuas

Will­kom­men auf den Seiten mei­nes digitalen Arbeits­ta­gebuchs. Hier dreht sich alles um Spra­chen, Kul­turen und das Ver­mit­teln zwischen den­selben. Mein Dolmet­scher­be­ruf besteht aus mehr als aus münd­li­chem Übertragen. Auch das Werk­zeug will geschult sein.

Einmal im Jahr treffe ich meine Sprech­er­zieherin. Ich lese vor und lasse prüfen, ob ich mir keine Feh­ler eingetreten habe (so, wie sich Bar­fuß­lau­fen­de einen Dorn eintreten können). Alles pri­ma, nur beim Lesen habe ich mit der Luft manchmal Prob­leme, die an zu knapper Vorbe­rei­tung liegen.

Außerdem ist eine gute Übung, lauter und lei­ser zu sprechen.

Beim Kaffee­trinken hin­ter­her erfinde ich für sie neue Sätze zum Trai­nie­ren besonderer Laute.

Zwanzig tschet­sche­nische Chihuahuas chillen zu Tschai­kowski schnucke­lig schnar­chend im schwa­chen Spät­abend­schimmer.

Mit Schorsch Tschent­scher auf dem Tischchen der tadschi­ki­schen Tee­stube aus tsche­chi­schen Streich­holz­schäch­tel­chen einen Tschno­byl­schlot stricken.

OK, das Wort "stricken" passt nicht ganz, ich weiß.

EDIT: Tags drauf fällt mir das bessere Wort ein. Mit Schorsch Tschent­scher auf dem Tischchen der tadschi­ki­schen Tee­stube aus tsche­chi­schen Streich­holz­schäch­tel­chen einen Tschno­byl­schlot stecken.

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Illustration: C.E. (nach einem in Kreuzberg geknips­ten Foto)

Sonntag, 13. Mai 2018

Bunter Tascheninhalt

Über­setzer arbeiten am Schreib­tisch, Dol­met­scher kom­men über­all hin. Wenn mich Kun­den an­ru­fen und es eilig haben, um z.B. mit mir nach Pa­ris zu fliegen, kann ich inzwischen in 15 Mi­nu­ten start­klar sein, es sei denn, andere Verpflich­tungen halten mich davon ab. Sonn­tagsbild!

Schmuckbeutel, kleine, runde Täschchen mit Reißverschluss, Cremetöpfchen, Schlafmaske
Alles so schön bunt hier!
Farb­lich ins­pirie­rend fand ich neu­lich mei­nen Ho­tel­nacht­tisch und hab ihn schnell ge­knipst. Wer oft reist, ist Pack­profi. Klei­dung kommt bei mir in Pack­ta­schen aus leich­tem Material, die dann direkt so in den Ho­tel­schrank wan­dern.

Run­de Täsch­chen woh­nen im edlen Le­der­ruck­sack neben dem Stoff­etui mit Ersatz­strümp­fen.

Hier hatte ich zum Um­packen ins Abend­hand­täsch­chen fast alles auf dem Tisch: Kopf­hö­rer, Brillen­putz­tücher, Kopfschmerztabletten, Nagelfeile stecken in dem grü­nen run­den Täsch­chen, das brauche ich fürs Kino oder die spontane Sich­tung von Film­material irgendwo in einem frem­den Büro; Mini­bü­ro­kram, Stic, etc. sind in dem ge­streif­ten.

Über­all dabei (vor allem in Zügen!): Schlaf­maske und Ohro­pax.

Meine beiden Hautcremes sind abgepackt für die jeweilige Rei­se­dau­er in klei­nen Weiß­blech­do­sen. Opu­lenz feiere ich hin­ge­gen bei meinem Schmuck, der für die un­ter­schied­li­chen Out­fits und Out­fit­kom­bi­na­tio­nen zu­sam­men­ge­stellt ist.
 
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Foto: C.E.

Donnerstag, 10. Mai 2018

Die Abtippsen

Bonjour, hier bloggt eine Fran­zö­sisch­dol­met­sche­rin und -übersetzerin. Dol­met­scher und Übersetzer übertragen münd­lich und/oder sinn­getreu, sie pla­nen Rei­sen, machen Buch­­haltung und helfen Kol­legen beim Büro­ma­na­gement. Je weiter die Automatisierung mancher Arbeitsfelder voranschreitet, desto vielfältiger unsere Arbeit.

Sekretär, Bücher, Rechner
Vokabellernarbeitsplatz
Der Büropartner muss stundenlange In­ter­view­­aufnahmen abhören und die Kern­the­sen verschriftlichen. Früher gab es für so etwas Sekretärinnen, dann Schreib­bü­ros, mittlerweile sind die Abtip­psen di­gi­tal.

Hätte er seine In­ter­view­part­ner auf Hoch­deutsch und gute Arti­ku­lation get­rimmt, als­dann ein Kra­wat­tennmi­krophon an­ge­steckt und ihnen das Husten verboten sowie den anderen Mit­men­schen in der Nähe jeglichen akusti­schen Beweis ihrer Präsenz un­ter­sa­gen, hätte das Dik­tier­pro­gramm mit der intregrierten au­to­ma­ti­schen Trans­krip­tions­soft­ware aus dem Ton­do­ku­ment im Handumdrehen ein Tex­do­ku­ment gefertigt.

Nur sind Interviews meistens nicht so. Interviews finden an allen unmöglichen Or­ten statt, in Lounges schicker oder weniger schicker Hotels, Wandel­hallen der Pol­itik, Hinter­zimmern von Restaurants und Cafés, Erster-Klasse-Wartesälen der Ei­sen­bahn, im Schankbereich von Ausstellungshallen und auch schon mal in einer Privatwohnung mit streitenden Nach­barn. Kurz: Selten ist die Akustik top. Dazu kommen Nuscheln, Dialekte und unvollständige Sätze. So man­cher Versuch eines Trans­kripts endete im nervösen Lach­anfall.

Jetzt hört er die Aufnahmen ab und diktiert in einen Rechner hinein. Das Dik­tier­pro­gramm hat seine Art der Aussprache gelernt, das geht flotter als die Tipperei. Zwischendurch erreichen mich seine Fragen nach allerlei Fremd­wörtern. "Woher weißt du das nur immer?", will er wissen. Meistens kenne ich die Wörter aus dem Franzö­sischen, sogar die "sakka­dierenden Bewe­gungen". In Sachen Sich-schlau-Stellen haben wir Wortar­beite­rinnen einen evidenten Vorteil.

Die Abschrei­berei, die vor dem eigentlichen Schreiben seiner Artikel steht, hält sicher auf. Einst, als ich Journalistin war (und in den Anfangsjahren keinen An­spruch auf eine Sekretärin hatte), fand ich das immer eine gute Übung, um alles nochmal zu durch­denken. Die mög­liche Ausla­gerung ist also nicht nur Ergeb­nis von Berufs­jahren und/oder dem Ausgang von Vertrags­verhandlungen, sie hat gute und schlechte Seiten.

Anstrengender finde ich, dass wir Wortarbeiter, und ich spreche jetzt wieder vom Dolmetschen, meinem heutigen Beruf, im Alltag auch noch alles andere nebenbei machen müssen: Reisen planen und buchen, Kosten schätzen und abrechnen, Re­d­ner motivieren, uns Vorab­infor­mationen zukom­men zu lassen, sofern wir das Glück haben, sie direkt zu erreichen. Außerdem: Kunden und Hotel beraten in Richtung Technik­auswahl und -standort ... wobei letzteres für uns im Rahmen der Veranstaltungs­koordi­nation durchaus ein Rechnungsposten sein kann.

So, weiter im Text. Dieses Mal: Franzö­­sische Inter­views für ein Arte-Projekt ab­hö­ren und deut­sche Fas­sung tippen. Nein, tippen lassen, siehe oben.

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Foto: C.E. (Archiv)

Dienstag, 8. Mai 2018

Nichtstun

Guten Tag oder guten Abend! Sie sind mit­ten in ein Ar­beits­ta­ge­buch hinein­ge­ra­ten, in dem sich al­les um Spra­che, Dol­met­schen, Über­setzen und Kult­uren dreht. Als frei­be­ruf­li­che Sprach­mitt­lerin ar­bei­te ich in Pa­ris, Berlin, Marburg, Cannes und dort, wo Sie mich brauchen.

Sonnenuntergang am Wasser
Am Landwehrkanal
Hinsetzen, Atem spüren, Düfte wahrnehmen: Nichtstun ist gar nicht so einfach. Es fällt mir nicht leicht, auch mal tatenlos zu sein. Absolut nichts zu machen, sogar die Rechnungen dürfen warten.

Außerdem ist das ja gar nicht nichts, es heißt Meditation! Wenn ich meditieren darf, darf ich auch bloggen, sage ich mir, mein di­gi­ta­les Ar­beits­ta­ge­buch verfassen, das ist auch Selbstbesinnung. Aber hinterher ist wieder das große Nichtstun angesagt. Und dabei befolge ich, was mein Leib- und Magensender France Culture rät: ne rien faire.

Wie jeden Abend plane ich den Folgetag: Morgen darf ich mit einem Relocationkunden Woh­nun­gen besichtigen gehen, Erde abholen und Beikräuter im Beet zupfen. Und Rechnung schreiben und Wäsche aufhängen und dann wieder meditieren. Nichtstun.

Dann fragt der Mitbewohner, der eigentlich auch nichts tun sollte, was eine "Jacke" auf Französisch heißt, fünf Buch­sta­ben. Une veste, sage ich. "Wie, das kann doch gar nicht sein?", sagt er. "Jacke wie Hose oder was? Es muss auf den Buchstaben T enden!"

Ich überlege. Komme auf le gilet, das ist aber wieder eine Weste (le gilet de sau­ve­ta­ge — die Rettungsweste). Wer textet denn bitte solche ... Kreuzworträtsel mit "Falschen Freunden" im Kreis? (Und um die Schwierigkeit zu erhöhen, bedeutet le gilet oft auch Strickjacke. Mein Mitbewohner meint übrigens jetzt, dass ich gar kein Französisch sprechen würde.)

Am Abend rette ich mich ans Wasser. Nichtstun üben. Fest­stel­len, dass end­lich die Mau­er­seg­ler an­ge­kom­men sind. (Ver­spä­tet, sie kom­men sonst um den 27. April nach Ber­lin.) Das Nichts­tun will mir nicht gelingen, ich greife zum Handy. Schon wieder artet etwas, das ich mache, in eine Leistungsschau aus. Puh. Ich habe einen langen Weg vor mir.

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Foto: C.E.