Montag, 30. April 2018

Auf dem Schreibtisch XXXXVI

Guten Tag oder guten Abend! Sie sind mit­ten in ein Ar­beits­ta­ge­buch hinein­ge­ra­ten, in dem sich al­les um Spra­che, Dol­met­schen, Über­setzen und Kult­uren dreht. Als frei­be­ruf­li­che Sprach­mitt­lerin ar­bei­te ich in Pa­ris, Berlin, Marburg und dort, wo man mich braucht. Heute wieder: Blick auf den Schreibtisch.

Stehpultaufsatz mit Computer
Im Stehen lernen
Die aktuellen Themen sind:  
⊗ Bildungs- und Hoch­schul­po­li­tik (im Köcher seit 2005)
⊗ Filmfestival, Moderieren auf Englisch (mit Dol­met­schen)
⊗ Private Flussschifffahrt (mit jeweils drei S und F)
⊗ Allgemeine Politik (mise à jour)
⊗ Plastikmüll und Bioplastik
⊗ Treatmentübersetzung

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Foto: C.E.

Sonntag, 29. April 2018

Hanami

Guten Tag oder guten Abend! Sie sind mit­ten in ein Ar­beits­ta­ge­buch hinein­ge­ra­ten, in dem sich al­les um Spra­che, Dol­met­schen, Über­setzen und Kult­uren dreht. Als frei­be­ruf­li­che Sprach­mitt­lerin ar­bei­te ich in Pa­ris, Berlin, Toulouse, Marburg und dort, wo man mich braucht. Sonntagsfoto! 

Ein rosafarbener Blütenteppich auf dem Gehweg inmitten heller Häuser
Auf Blüten wandeln
Nach getaner Dolmetscharbeit auf den Spuren der eigenen Kindheit wandeln, das ist schierer Luxus der Fülle, die mich dank­bar macht. Luxus der Überfülle gibt es auch im Marburger Südviertel. Als Kind habe ich die Kirsch­blüten geliebt und als ephe­meren Schatz gesammelt — in einer run­den Wasch­­mit­­tel­­trom­mel.

So schön hat­te ich die Nachbarschaft nicht in Erin­nerung. Hier habe ich Jahre als "Groß­kind" verbracht, die Zeit zwischen Klein­­kind und Teen­­ager, für die es auf Deutsch keinen Begriff gibt.

Die Blüte der japanischen Kirschbäume ("Hanami") liebe ich noch heute. 

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Foto: C.E.

Samstag, 28. April 2018

Kreisblende

Will­kom­men auf den Sei­ten ei­nes vir­­tu­­el­­len Ar­beits­­ta­­ge­buchs aus der Spra­chen­welt. Ich bin Französischdolmetscherin und -übersetzerin. Hier denke ich über unsere Berufswelt nach und berichte von besonderen Momenten.

Kreisblende
Irgendein Wort fehlt immer. Die Kreis­blen­de heißt auf Französisch fermeture à iris.

Auch auf Deutsch ist der Begriff bekannt. Irisblende verwenden Kameraleute indes für das technische Mittel, also eine Blen­de, deren Öffnungsweite sich so ver­än­dern lässt, dass sie um einen fest­ste­hen­dem Mittelpunkt herum ei­ni­ger­ma­ßen kreisförmig bleibt.

Der Effekt, aus der Stummfilmzeit be­kannt, heißt auf Deutsch in Fachkreisen wie gesagt Kreisblende, es gibt hier also zwei unterschiedliche Begriffe für Mittel und Wirkung, im Französischen nur einen.
Ohne Vorwarnung ist das eine Falle.

Bei der Recherche hatte ich einen entsprechenden Terminus gefunden und mich damit begnügt. Reingefallen! Ein ähnliches Phänomen kennt das Wort "die Farbe", auf Französisch la couleur (Farbrichtung, -nuance) und la peinture (das Farb­ma­te­rial in Tube oder Dose, zugleich auch Genreoberbegriff in der Bildenden Kunst so­wie Bezeichnung eines gemalten Werks).

Derart sind die Klippen beim Dolmetschen des Marburger Kamerapreises. Und schön, auch trotz jahrelanger Erfahrung kommen neue Begriffe hinzu oder alte lösen sich aus dem Hirn. Beispiel la gélatine für Lichtfolien, also diese durch­sich­ti­gen Plastikdinger, mit denen am Set sich Licht "getönt" wird. Hätte ich nicht in diesem Blog 2009 und 2013 darüber geschrieben, das Wort, das ich Mitte der 1990-er Jahre mal verwenden durfte, wäre mir nicht mehr eingefallen.

Dummerweise hatte ich über étalonnage noch nicht geblogt. Der Begriff für "Licht­kor­rek­tur in der Endfertigung" (oder "color grading in der Postpro") war unscharf geworden. Danke, Rolf Coulanges, für die Schärfung. Der Nachtrag folgt hier dieser Tage. Nächstes Mal noch mehr Zeit auf die Vorbereitung legen und die Lexik die­sem Kameramann vorher zum Gegenlesen geben.

Die Veranstaltung war für alle Beteiligten ein schönes und spannendes Ereignis. Stellvertretend für alle: Merci à Madame Hélène Louvart pour vos films et pour votre présence à Marbourg.

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Illustration: Marvi (5 Jahre)

Freitag, 27. April 2018

Flora und Fauna

Im 12. Jahr bloggt hier eine Spracharbeiterin. Ich dolmetsche und übersetze (Fran­zö­sisch, Englisch). Heute in eigener Sache.

Rosen aus Straelen
Geburtstagsrosen gedeihen in unserem Garten nicht, dafür Giersch und Oleander, Tulpen und Rhododendron. Heute ist der Einflugtag der Mau­er­seg­ler in Berlin. Ob sie pünktlich sein werden?
In der kurzen Pause zwischen zwei Reisen genieße ich un­se­re Hin­ter­hof­idyl­le. Wer hart ar­beitet, sollte sich auch mit der gleichen Intensität er­ho­len und Nähe pflegen.

Und ich denke an die April­ge­burts­tags­kin­der in meinem Umfeld, an eines be­son­ders. Wobei das Wort "Kind" nicht zu passen scheint, das englische birthday boy macht es auch nicht besser. Herzlichen Glückwunsch an den Cheflektor dieses Blogs, der ein echter Sprachschatz ist! Ohne ihn (und die Cheflektorin) würde der Blog nicht existieren.

Und während ich diese Zeilen lektoriere, höre ich den ersten spitzen Schrei eines Mauerseglers. Geduld, Gelduld, eine Schwalbe macht noch keinen ...

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Foto: C.E.

Sonntag, 22. April 2018

Reise, Reise

Übersetzer nutzen ihr Büro, das oft in der Wohnung liegt; Dolmetscher sitzen im Büro zur Vorbereitung und in der Kabine. Zwischen diesen Orten liegt mitunter viel An­fahrts­weg. Zum Glück habe ich ja meinen Unter­mieter, einen möblier­ten Herren, der Blumen gießt und die Aussicht vom Balkon für seine jour­na­lis­tische Inspiration nutzt. Sonntags­bilder!

Skyline, Zug, Schienen, Weichen
Einfahrt in Frankfurt/Main
Derzeit bin ich viel auf Achse, die Früh­jahrs­saison der Tagungen, Kon­fe­renzen und Kon­gresse hat begonnen. Oft habe ich Termine, bei denen mein Fehlen un­an­ge­nehm auffallen würde, deshalb fahre ich gerne mal zwei Züge früher, um sicher rechtzeitig da zu sein. Einstmals betrug der Puffer nur eine Verbin­dung früher.
Außer­dem reise ich viel aus privaten Grün­den. Also teste ich mal wieder, was die Bahn so kann. Und stelle ernüchtert fest: Bei jeder zweiten Fahrt fehlt was — Pünkt­lich­keit oder der Wagon mit meinem reser­vierten Platz, der Speisewagen oder der An­schluss. Letzteres ist heute dop­pel­deu­tig, denn mal ist es die Anschluss­fahrt, mal der Internet­zugang.

Damit verliere ich wieder Zeit, die ich sonst gerne im rol­len­den Büro nutze. Seit es individuell buchbare Fernreise­busse gibt (von denen viele längst wieder vom Markt verschwunden sind, Namen wie "Mein Fernbus", "Postbus", "ADAC-Bus" ...), hat die Bahn nämlich rasch aufgeholt, denn etliche Buslinien haben von Anfang an den Rei­sen­den drahtloses Internet zur Verfügung gestellt. Die Bahn hat diesen "Im­puls" der Konkurrenz aufgegriffen, aber nur halbherzig.

Durch eine schmutzige Scheibe hindurch aufgenommene Industrielandschaft
Kurz vor dem Gewitter
Verlass ist darauf nicht. Das Angebot gilt nur in den ICEs, die Intercity-Züge sind (noch) nicht ausgestattet, von Re­gio­nal­zü­gen ganz zu schweigen.
Das strengt an. Am Bahnhof großer Städte gibt es häufig einen Netzzugang, allerdings auf 30 Minuten begrenzt. Ich werde mich also mal wieder um eigene Technik kümmern müssen. Diese Art der "In­di­vi­du­a­li­sie­rung" nervt.

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Fotos: C.E.

Samstag, 21. April 2018

Stille

Hier bloggt im elften Jahr eine Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin mit den Schwer­punk­ten Politik, Wirtschaft, Architektur, Soziales, Landeskunde, Medien, Kultur und Film. Das Leben besteht aber nicht nur aus Arbeit.

"Back to Neschd": Die Eltern wohnen seit Jahrzehnten in Schwaben, kommen dort aber nicht her. Und so, wie Kinder lange ihre Eltern brauchen, brauchen die Eltern irgendwann mal stärker ihre Kinder.
Derzeit entwickeln mein Bruder und ich unter den wohlwollenden Augen einer freundlichen Krankengymnastin ein Liege- und Sitzsportprogramm.

Die Geschwister haben Wände gestrichen, ich lasiere die Möbel der kleinen Terrasse neu. Diese Art meditativer Arbeit gefällt mir. Und für die fortschreitende Genesung haben wir alle ein Ziel: Abende im Son­nen­un­ter­gangslicht!

Dabei genieße ich zwischendurch die Stille. Und weiß, dass das Gehirn derlei über­le­bens­not­wen­dig braucht. Mein Link der Woche: Science says silence is much more important to our brains than we think von Rebecca Beris.

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Fotos: C.E.

Freitag, 20. April 2018

Bombenwetter

Guten Tag oder guten Abend! Sie sind mit­ten in ein Ar­beits­ta­ge­buch hinein­ge­ra­ten, in dem sich al­les um Spra­che, Dol­met­schen, Über­setzen und Kult­uren dreht. Als frei­be­ruf­li­che Sprach­mitt­lerin ar­bei­te ich in Pa­ris, Berlin, Toulouse, Frankfurt und dort, wo Sie mich brauchen. Wir sind ein Team und übertragen alles — nur bei manchen Begriffen müssen wir passen. 
 
Blätter, Bäume, blauer Himmel, Kanal, Passanten
Am Maybachufer
Es gibt Begriffe, die sind nur schwer zu über­tragen. Seit Tagen genießt Deutsch­land schönstes Sonnenwetter im Frühjahr. Uns Aprilgeborene hat mit unseren Wün­schen ein Freund zu­sam­men­ge­fasst: "End­lich haben wir auch mal im Sommer Ge­burts­tag!"

Der GröFaZ kam vor 130 Jahren auf die Welt, passend dazu wird am Ber­li­ner Haupt­bahn­hof und um den Haupt­bahn­hof herum ein Tonnentrumm von Bombe aus dem 2. Welt­krieg entschärft, weshalb die ge­nann­ten Gegenden heute über Stunden für jegliche Passanten oder jeglichen Ver­kehr ge­sperrt sind. Berlin kennt so seine Zu­sam­men­brü­che.

Die Sonne knallt weiter auf unsere Häupter, dass es eine Freude ist. Bombenwetter. Unübersetzbar.

Vokabelnotiz für die Nicht-Muttersprachler
GröFaZ bedeutet ironisch "größter Führer aller Zeiten"

P.S.: Im Kom­men­tar be­fin­det sich eine fran­zö­si­sche Über­tra­gung. Was für ein Wun­der.

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Foto: C.E.

Freitag, 13. April 2018

Kinokauderwelsch

Als Dolmetscherin und Übersetzerin wechsele meine Arbeitsorte wie die Klei­dung: Der Anzug für die Hinterzimmer des politischen Arbeitslebens, Jeans und Jackett fürs Kino. Neulich, nach einer Filmvorführung ...

Mich durchzucken heiße Schreckens­blitze: Ich verstehe nicht, was der Fil­me­ma­cher sagt. Was mache ich gleich mit diesen Aussagen? Dann beruhige ich mich wie­der, denn zum Glück bin ich als Moderatorin engagiert und nicht als Dol­met­sche­rin. Ich moderiere gerne weiterhin für diverse Festivals, denn in meinem ersten Beruf habe ich einstmals ja Journalistin und Moderatorin gelernt. So übe ich weiterhin Kenntnisse und Fähigkeiten, um sie weiterzuentwickeln, statt sie zu riskieren.

Als der junge Mann auf dramaturgische Ansätze eingeht, während er über seinen Erstlingsfilm spricht, geht ein ordentlicher Landregen an englischen Begriffen auf uns nieder. Manche Wörter sind perfekt ausgesprochen. Andere klingen ein­ge­deutscht oder sind verkürzt. Das erschwert das Verstehen. Sehr beliebt bei ihm: Ein englisches Substantiv, das Verb auch dem Englischen entlehnt und nach den Regeln deutscher Grammatik gebeugt.

Eins ist klar, ich kann nicht nachfragen: "Was haben Sie mit dem Dings nochmal ge­dingst?" Das Publikum besteht zum großen Teil aus Leuten vom Filmteam und aus seinem Studium. Ich scheine die einzige zu sein, deren Hirn zwischendurch im Ne­bel stochert.

Die Geschichte sei kein story bender, meint er daraufhin, wenig später ist vom mind bender die Rede. Bender heißt laut Wörterbuch Bie­ge­ma­schi­ne, Bie­ge­vor­rich­tung. Ich denke heute noch nach, was er uns sagen wollte. Zwischendurch frage ich doch nach, und er erklärt weiter dramaturgische Über­le­gun­gen, er­läu­tert das Wort aber leider nicht.

Einen anderen Begriff übertrage ich dann wenigstens in der Über­lei­tungs­mo­de­ra­tion, nur drei Tage im Voraus hätte man Zeit für cold reading gehabt, also nur drei Tage "Leseprobe". Und dann geht's fröhlich weiter mit den nächsten Begriffen, zum Teil aufeinander bezogen. Und warum muss man babbitt sagen und damit den "Spie­ßer" oder "Spießbürger" vermeiden? Und "die Szene im diner" ist "die Szene im Schnellrestaurant". Aber Wörter wie Schnellrestaurant sind sicher nur was für Spieß­bürger.

Schließlich (und nicht am Ende des Tages) recherchiere ich die Vita des jungen Mannes. Er wurde in den späten 1980-ern in Deutschland geboren und nein, ent­ge­gen meiner Vermutung ist er nicht eben gerade von einem einjährigen USA-Auf­ent­halt zurückgekehrt. In einigen höheren Bildungsanstalten der narrativen Bil­der­pro­duk­tion unseres Landes scheint man heutzutage so zu formulieren. Ich muss mich mal wieder als Gasthörerin dort zurückmelden. Denn sowas könnte durchaus bei einem Dolmetscheinsatz passieren — so sind wir noch nicht aus dem Wald heraus (we are not out of the woods yet). Irgendwann, so meine Hoffnung, wird es wieder besser werden; nach jedem Gewitter klart es wieder auf. Ja, ich sehe schon einen Lichtstreif am Horizont.

Vokabelnotiz (vom Kinoschmierzettel)
schwäbische Maultaschen — german ravioli (im Untertitel)

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Foto: folgt