Sonntag, 30. November 2008

Fachjargon

Ist le CA Teil eines KVA? Bedeuten HUs auf Französisch les frais généraux ? Jeder Beruf hat seine Fachtermini, und die stehen meist in keinem Wörterbuch.

Wenn also ein Termin ansteht, zum Beispiel eine Sitzung über den Versuch, die Abrechenbarkeit von Ausgaben für Dreharbeiten bei staatlichen Stellen in Deutschland und Frankreich einander anzunähern und damit Koproduktionen gerechter zu machen, sind Fachdolmetscher für Film und Medien gefragt. Das ist nur ein Beispiel - unsere Einsatzmöglichkeiten sind gar vielfältig.

Wir bereiten uns auf den Einsatz vor, indem wir auf Originaldokumente zurückgreifen, Fachleute anrufen, auch schon mal beim Kunden nachfragen. Diese Arbeit ist zeitintensiv, mit Spürnase suchen wir Begriffe aus Dokumenten heraus und lernen manchmal sogar erst beim Einsatz ihre anderssprachige Entsprechung. Daher führen wir Lexiken, unsere eigenen Wörterlisten, die vor dem nächsten Einsatz als Lernmaterial verwendet werden, dann wieder ergänzt, korrigiert, wo nötig, unter Kollegen ausgetauscht. Auch meine alten kleinen Vokabelheftchen mit Alltagsvokabeln ziehe ich regelmäßig wieder hervor. Nicht alle, aber die der letzten Jahre.

Die meisten Dolmetscher sind spezialisiert, nur wenige sind Allrounder. Daher ist es sinnvoll, den/die passenden Kollegen beizeiten zu buchen. Meine letzten Einsätze dieser Art wurden sechs bis sieben Monate im Voraus angemeldet. Und selbst dann hören wir im Dolmetscheinsatz noch neue Worte, ergänzen und greifen zunächst auf Umschreibungen zurück - mitunter von von Worten, die noch vor einem Jahr völlig eindeutig und daher nicht aufschreibenswert schienen.

Und die Fachinhalte zu kennen hilft, das in der deutschen Grammatik benachteiligte Verb zu erahnen - es steht ja am Ende. Und die Sätze zu den imprévus, der Überschreitungsreserve, sind schon sehr wichtig im deutsch-französischen Austausch, ist es doch das Ziel der Franzosen, diesen "finanziellen Puffer" möglichst nicht anzurühren und das Ziel der Deutschen, sie sinnvoll zu verwenden. Hintergrund dieser Unterschiede ist die Regelung, dass die Deutschen nicht verwendete Subventionen zurückerstatten müssen, die Franzosen aber nicht.

Das Wort "Lifelong learning" könnte also von einem Dolmetscher erfunden worden sein. Ich arbeite auch an Tagen ohne Einsatz. Neben den Fachgebieten müssen Dolmetscher auch in wirtschaftlichen und politischen Themen am Ball bleiben, denn wer weiß denn schon im Voraus, wohin sich eine Diskussion entwickelt ...

Chiffre d'affaires (CA) - der Umsatz
le devis - der Kostenvoranschlag (KVA) oder die Kakulation (Filmprojekt)
les frais généraux - die Handlungsunkosten ("die HUs")

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P.S. Hier schreibe ich nur über Kunden, wenn es sich um Momente ihres Lebens als Personen des öffentlichen Lebens handelt - oder zu Themen der öffentlichen Debatte. Grundsätzlich gilt das Gebot der Diskretion. Mein Vokalbellern-Schreibtisch ohne konkretes Projekt unterliegt diesem nicht.

Donnerstag, 27. November 2008

Dolmetschen beim Dreh

Die Arbeit als Dolmetscherin beim Dreh zeitigt Folgen. Seit Tagen sitze ich oft direkt neben der Kamera, denn als diejenige, die meist auch die Vorgespräche geführt hat, bin ich die zentrale Kontaktperson der Gesprächspartner. Säße ich abseits, der Blick ginge vermutlich zu häufig in meine Richtung, und das ist nicht das, war als "normale Interviewsituation" zu den üblichen Arbeitsweisen zählt (wenn der Befragte dann gewissermaßen nach links oder rechts aus dem Fernsehen "rausschaut").

Direkt neben der Kamera muss ich meine Bewegungen reduzieren, darf nicht husten, habe mein eigenes Mikro für die konsekutiven Verdolmetschungen. Daher werden die Interviews länger dauern als einsprachige. Und regelmäßig wird eine neue Kassette eingelegt, wenn das Band voll ist.


Heute Morgen wache ich vom eigenen Lachen auf. Das passiert mir ein paar Mal im Jahr. Heute, weil ich geträumt habe, dass das Band zu Ende war. Originalton Traum: "Kurze Unterbrechung des Traums, wir müssen eine neue Kassette einlegen!"
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Fotos: Interviews werden eingerichtet. Mehr Fotos hier.

Paris, Paris

Heute im Kino: Der Film, der auf die "Kinder des Monsieur Matthieu" folgt, Sie erinnern sich vielleicht, es ging damals um ein Internat und Chorgesang. So "gepitcht" (wie Filmleute eine Kurzvorstellung nennen) klang der Film für mich nicht interssant. Das Ergebnis aber war spannend - und hat in Frankreich eine Chorwelle ausgelöst.

Nun hat also Regisseur Christophe Barratier "Faubourg 36" vorgelegt, der auf Deutsch "Paris, Paris - Monsieur Pigoil auf dem Weg zum Glück" heißt. Hier war ich bereits im Oktober bei den Press Junkets als Dolmetscherin dabei, 'verarztete' Stars wie Pierre Richard, "Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh", und Gérard Jugnot (Foto). Hier sind wir außerhalb der Dolmtscherkabine, meistens dolmetschen wir diese Anlässe konsekutiv, was bedeutet, dass ich mich nicht mit einer Kollegin abwechsle wie im Simultanen, sondern mit dem zu Dolmetschenden, was neben einem guten Gedächntnis gute Notizentechnik notwendig macht. Außerdem herrscht hoher Zeit- und Qualitätsdruck - die Journalisten haben ihre Aufnahmegeräte dabei, mein Output muss also "sitzen".

Wie der Film war? Fragen Sie mich das bitte nicht. Ich weiß es nicht. Wenn ich professionell dolmetsche, spreche ich in der 1. Person Singular, wenn mein Kunde gerade "ich" gesagt hat. Damit rücke ich ihm sprachlich "auf den Leib". In der Runde mit den Journalisten sitze ich neben den Stars, teile auch räumlich ihre Perspektive und sehe auf die Journalisten, versuche wie die Filmschaffenden, von den Gesichtern der Pressevertreter Reaktionen abzulesen.

Kurz: die kritische Distanz zum Film fehlt mir, wo es doch gerade sie ist, die gute Filmkritik ausmacht. Denn Filmjournalismus darf nicht einfach nur aus der Wiedergabe des Inhalts und dem Heraussuchen der Zitate bestehen. Wo wäre da die intellektuelle Arbeit? Zusammenfassungen liefert das Presseheft und den O-Ton (für "Originalton") zeichnet das Mikrophon auf. (So belästern auch manche Journalisten ihre unkritischen Kollegen als gut bezahlte Mikrophonständer.)

Allein die Tatsache, dass der Verleih an mich ein Honorar überweist, verbietet es mir, mich als Journalistin zu äußern, auch wenn dies mein erster gelernter Beruf ist.

Dass derlei dennoch oft vermischt wird, auch bei öffentlich-rechtlichen Sendern, spricht Bände über den Zustand der Medien.

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Foto: Gerard Jugnot interessiert sich für meinen Stenoblock. Danke, Herr Aust, für das Drücken des Auslösers! Und ein Dankeschön an die treuen Leser, dass Sie auch diese kleine inhaltliche Wiederholung zur Kenntnis genommen haben.

Mittwoch, 26. November 2008

Der Terminologe ruft an

Die Arbeit als Terminologe - in meinem Fall natürlich als Terminologin — ist oft genug Teil des Übersetzer- und Dolmetscherberufs. Manchmal gibt es die entsprechenden Begriffe in der anderen Sprache nicht oder noch nicht. Damit es sie künftig gibt, werden Terminologen tätig.

Hier ist wichtig, den Ausdruck bis in die letzte Verästelung zu erfassen und die oftmals mitschwingenden Bedeutungsebenen auch in der anderssprachigen Musterübersetzung anklingen zu lassen. Zum Beispiel das Wort "Filmbewertungsstelle" — das ist eine Behörde, in der Filme gesehen, Altersgrenzen für Filme definiert und Filme danach bewertet werden, außerdem werden hier sogenannte "Prädikate" vergeben (wertvoll/besonders wertvoll) — diese Qualitätsklassifizierungen bringen Bares mit sich, es ist eine Form der Filmförderung. Und so rief also die Terminologin bei der Filmbewertungsstelle an und stellte einige mögliche Musterübersetzungen vor mitsamt der jeweiligen Rückübertragung in die deutsche Sprache, aus der das Hinterland der betreffenden Worte hervorgeht. Weil eine "Stelle" eben nicht das gleiche ist wie eine "Behörde", ein "Büro", ein "Institut", ein "Amt" ...

Manchmal muss ich auch den historischen Kontext bedenken. Zum Beispiel 1990, als ich die ersten Texte auf Französisch über das Babelsberger Filmstudio schrieb. Hier gibt es eine Kathedrale des Films, das "Tonkreuz", das erste auf dem Kontinent zum Zwecke des Tonfilms erbaute Gebäude. Analog zum "Tonfilm" wurde das in der Form eines Kreuzes erbaute Gebäude "Tonkreuz" genannt. Und ich folgte diesem Begriff und machte aus dem "film parlant" dann "la croix du parlant" — das Kreuz des Ton(film)s, was weitaus eleganter und treffender ist, als es "la croix du son" wäre, wie "das Kreuz des Tons" wörtlich übersetzt lautet. Aber da es um Tonfilm geht, kein Hörfunkstudio gemeint ist und einst die Innovation Tonfilm im Wort "Tonkreuz" mitschwingt, entschied ich mich für den Begriff, den heute alle kennen.

Schade eigentlich, dass es keine Tantiemen auf Worte gibt :-)

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Foto: Tonkreuz, links davor die ehemalige Kantine,
dahinter: die "große Stumme".

Dienstag, 25. November 2008

[bɔrdɛl]

C'est le bordel ! Mehrere Tage Kongress an einem Ort und ein Tisch, der es erlaubt, sich auszubreiten, und schon breite ich mich aus.

C'est le bordel !
— Nein, nicht, was mehr oder weniger geneigte Leser hier von mir denken mögen. Es geht alles zu mit größtmöglicher Sittlichkeit im Alltag der Dolmetscherin.

Das Wort "bordel" zählt zu den [fozami] ausgesprochenen "faux amis", den "falschen Freunden" — Worte, die wir zu verstehen meinen, die aber zugleich (auch) etwas ganz anderes meinen. So weiß denn auch Langenscheidt: bordel [bɔrdɛl] m 1 pop Puff m; 2 fam désordre Durcheinander n

Noch etwas ist nicht ordentlich — beziehungsweise "geht eigentlich nicht in Ordnung". Wir sind auf einem Kongress, Redner A hat rechtzeitig seine Power Point Präsentation (PPT) gesendet, stellt sich in der Pause kurz vor, spricht den Rhythmus des Vortrags durch. Auf jeder Folie sind maximal zehn Zeilen, gut lesbar, das Ganze hat eine hervorragende Struktur. Redner B überrascht uns während des Vortrags mit seiner PPT, der Text auf den Folien ist zweispaltig gesetzt, die Buchstabengröße liegt bei gefühlten 6 Punkt, zwölf Zeilen sind beschrieben, aber in einem Layout, das spielend auch 25 zugelassen hätte.

Dazu kommt eine Präsentation im Geschwindmarsch, so dass ich mit dem Feldstecher, der mir immer zwei bis vier Worte zeigt, nicht mitkomme, weil die Möglichkeit zum kursiven Lesen fehlt. Der Redner hechtet durch die Präsentation, vertippt sich, springt vor, zurück, ich hintendrein, arbeite nur noch nach Ohr. Ich merke, dass ich aus der Puste komme, spreche jetzt bewusst langsamer, die Stimme geht runter, die tiefen Vibrationen wirken beruhigend aufs Zwerchfell ein. Ich muss mich entscheiden, und so kommt es, dass ich am Ende nur noch etwa jeden zweiten Satz dolmetsche ... hoffentlich sind es die richtigen!

C'est le bordel, quoi. 

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Fotos: C.E.

Montag, 24. November 2008

Schuss-Gegenschuss

Und schon wieder ziehen wir mit der Kamera durch die Stadt im Rahmen einer deutsch-französischen Koproduktion. Dabei fällt mir erneut auf, wie sehr das deutsche "Schuss/Gegenschuss" nach Gewalt klingt. Auf Französisch heißt das "plan/contre-plan", also Einstellung/Gegeneinstellung.

Das "Schießen" ist auch auf Englisch martialisch. "Was ist der Anlass Ihrer Einreise?", wurde eine Bekannte von mir, Filmschaffende aus Serbien, bei der Einreise in die USA gefragt. Das war irgendwann in den 90er Jahre. "Shooting!", war die Antwort ... Die Einreise hat ein wenig länger gedauert.

Hier unser heutiger Schuss/Gegenschuss. Ein schöner Kontrast zu den Anzügen aus feinem Tuche der Konferenz, die mich die letzten Tage beschäftigt hat: Dicke Pullis und Socken und Jeans, parallel zum Interview noch Termine und Kreditkartenmaximalauszahlsummen im Kopf haben, denn da das Projekt ein Geldproblem hat, werde ich flugs zur Koproduzentin (da ich aus der Filmproduktion komme, liegt das nahe).

Dann: welchen Interviewpartner müssen wir noch bestätigen, und wer ist noch anzurufen für diese oder jene Quelle?


Diese Dokumentarfilmerei ist komplexer, als sich ausschließlich um Inhalt und Sprache zu kümmern, und paradoxerweise im Vergleich zur Arbeit in der Kabine extrem unterfinanziert.

Mittags hab ich einen Hänger. I'm not amused.

Wortkarg.
Müde.

Gut, dass wir heute mit einem halben Arbeitstag anfangen.

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Fotos: Evelyn Schmidt und C.E.

Samstag, 22. November 2008

Überblick

Noch ein Nachtrag zum Hamburger Kongress: Das Hotelzimmer beim Dolmetscheinsatz dort passte zu meinem Gefühl, nicht Teil der Veranstaltung zu sein, sondern über allem zu schweben. Ich kann den Unterschied zur einfachen Kongressteilnahme gut nachspüren, saß ich doch in den letzten fünf Jahren immer im Publikum und schrieb mit, weil mich das Thema auch als Hochschullehrerin beschäftigt hat.

Nun also ein Schwebezustand. Kein Wunder, die Dolmetscherkabine war auf Höhe der Decke des Konferenzsaals eingebaut, wir hatten den totalen Überblick. Den habe ich auch, als ich am Abend mein Hotelzimmer betrete. Es liegt im 14. Stock eines Hochhauses am Hafen und die Wand besteht praktisch aus Glas. Ich erwäge kurz, mit Kontaktlinsen zu schlafen, um regelmäßig rauszusehen.

Da die Lüftung stundenlang surrt wie ein Fön auf kleinster Stufe, habe ich dann auch ausgiebig Gelegenheit, den Ausblick zu genießen (und ärgere mich, dass mir derlei vor anstrengenden Arbeitstagen passiert).
Am Morgen sieht Hamburg plötzlich aus wie New York. Da muss ich am Ende dann doch noch geschlafen haben und im Traum gereist sein.

Dolmetschen bei offiziellen Essen

Will­kom­men auf den Blog­sei­ten ei­ner Kon­fe­renz­dol­met­scherin für die fran­zö­si­sche Spra­che (und aus dem Eng­li­schen). Hier schrei­be ich in lo­ser Fol­ge über Epi­so­den aus dem Berufsalltag.

Dieser Tage arbeite ich in Hamburg, gestern dinierte der kleine Kongress nach getaner Arbeit im Rathaussaal. Diesen Abend habe ich sehr genossen, vor allem, weil ich zur Abwechslung mal nicht dol­met­schen musste. Denn nach Dol­metsch­ein­sätzen beim Essen weiß ich hinterher nie, was serviert wurde, offenbar reicht dann die Aufmerksamkeit nur für die Arbeit.

Heute gibt es wieder einen unter­hal­tenden Teil: Wir gehen aufs Boot und machen eine Hafenrundfahrt, verbunden mit einer typisch deutschen Mahlzeit. Es gibt "Kaffee und Kuchen".

Mir gefallen die vielen Schif­fe, aber ich sehe alles ge­fil­tert durch meine Arbeitsbril­le, die meinen Blick auf die Dinge verändert — ähnlich wie die Patina auf den histo­ri­schen Hafengemälden im Rathaus die alten Se­gel­schif­fe verändert oder die Spie­ge­lun­gen in der Fensterscheibe des Tou­risten­schiffs das mo­der­ne Con­tai­ner­schiff.

Noch an Bord zeigen meine Kollegin Jose Mély und ich unsere "Berufs­ver­bil­dung" (dé­for­ma­tion profes­sion­nel­le) und tau­schen rasch einige Vokabeln aus. Dann fällt lang­sam der Stress von mir ab ... leider bin ich kurz darauf krank bzw. der grippale In­fekt bricht noch bei der Ta­gung aus; das ist aber ein an­de­res Thema.
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Photos 1 und 2: CE
Photo 3: Julien Ezanno (Merci beaucoup !)

Donnerstag, 20. November 2008

Vorlagen

Dolmetscher dürfen keine Angst vor dem Rotlicht des Mikrophons zu haben. Dann brauchen wir, neben hervorragenden Sprachkenntnissen, auch sonst ein gutes Gedächtnis, wenn es gilt, Fachtermini zu lernen, die wir aus den Originaldokumenten raussuchen und bearbeiten.

Das Dolmetschen selbst können wir uns durch Hilfsmittel erleichtern. Die letzte Fassung des Vortrags kommt per mobilem Datenträger auf den Rechner, wo sie sich elektronisch mit der vorab gemailten Fassung vergleichen lässt; die Vokabelliste wird in der Sitzung länger und präziser; manches lässt sich noch rasch online finden.

Daher unsere Bitte: Senden Sie uns Ihre Vorlage rechtzeitig! Wenn Sie begleitende Texte haben, freuen wir uns auch über diese. Kommen Sie rechtzeitig, sprechen Sie uns an, bringen Sie uns doch auch die neue Fassung mit, so es eine gibt.

Und wenn Sie Veranstalter sind: Fragen Sie bitte für uns am Tagungsort nach dem W-Lan-Code.

Vorab vielen Dank!

Mittwoch, 19. November 2008

In der Rütli-Schule

Ich wohne in Neukölln, und das auch noch gerne. Und gestern habe ich die Rütli-Schule besucht. Richtig, das ist jene Schule, die nach einem Brandbrief der Lehrer ab März 2006 als "unregierbar" in den Gazetten zitiert wurde.

Das ist lang her. Derzeit steigt der Bildungsstand Neuköllns dramatisch: Es ziehen immer mehr Studenten, Künstler und Besserverdienende her. Die Frühphase dessen, was Gentrifizierung sein kann, führt dazu, dass der Berliner Stadtteil keinen so ganz schlechten Klang mehr hat wie noch vor wenigen Jahren. Als vor kleinen Ewigkeiten meine Dolmetscherkollegin Kerstin und ich völlig unabhängig voneinander nach Neukölln zogen, war unser jeweiliges Umfeld entsetzt. Aber der Bezirk ist groß, wir wohnen in der "schicken" Ecke, da haben sich alle rasch wieder abgeregt. Aus der Presse und über Nachbarn sind wir so einigermaßen auf dem Laufenden, wie das Leben im Viertel aussieht. Dachten wir. Bis wir dieser Tage einen spannenden Dolmetschauftrag bekamen - wir dolmetschten bei der mehrtägigen Begegnung von Sozialarbeitern, Polizisten, Lehrern und Sozialarbeitern aus Clichy-sous-Bois und Neukölln. Das französische Clichy ist 15 Kilometer von Paris entfernt und zählt zu den Problemvororten - und aus Pariser Perspektive ist Neukölln Vorort.

Die Schwierigkeiten, auf die man in beiden Ortschaften trifft, ähneln sich, aber die Strukturen beider Länder, der Verwaltungen und Schuleinrichtungen nicht. Dennoch suchen nun alle gemeinsam nach den besten bereits umgesetzten Modellen, um auch jenseits des Rheins den Bildungsstand anzuheben, entwickeln in Kooperation miteinander neue Projekte.

Solange alles auf der Arbeitsebene stattfindet und keine offiziellen Statements gegenüber der Presse gegeben werden, muss hier die Dolmetscherin schweigen. Aber die Gespräche und Begegnungen in der Europäischen Akademie, in der Rütli-Schule und anderenorts waren spannend - und außergewöhnlich. Selten hatte ich als Dolmetscherin so stark das Gefühl, vom Thema betroffen zu sein, und sei es auch nur als Nachbarin, wie dieser Tage. Und selten habe ich mit Kerstin so viel mitgelitten wie am 18., als Aleksander Dzembritzki, Leiter der Rütli-Schule, voller Elan und Mitteilungsdrang sämtliche Schnellsprechrekorde brach, so dass Kerstin immer lauter wurde, worauf er sich sicherlich wie ein Getriebener vorgekommen sein muss, was ihn noch schneller werden ließ ...

Das ist die Besonderheit der mobilen Dolmetschanlage: Wir Dolmetscherinnen stecken nicht im Kabuff, sondern sind mittendrin.

Auch die anderen Tage waren Viel- und Schnellsprechtage. Am Ende war ich heiser, was ich gerne für 24 Stunden als kleinen Schaden mitnehme, sollte es mir gelungen sein, meinen kleinen Beitrag dafür zu leisten, dass Neukölln nicht mehr auf noch mehr Zuzug gebildeter Kreise warten muss, sondern möglichst rasch aus eigenen Kräften die Bildungsquote im Kiez deutlich verbessert. Ja, ich weiß, Bildung braucht Zeit, man wird ja noch träumen dürfen. Aber kein Traum ist, dass hier offenbar ein neuer Ansatz verfolgt wird, der sich schon mittelfristig auswirken könnte. Wir hoffen, alle Beteiligten nächstes Jahr in Clichy-sous-Bois wiederzusehen.

Montag, 17. November 2008

Weghören verboten

Oft werden wir gefragt, warum wir meist zu zweit in der Dolmetscherkabine sind. Von Sebastian Weitemeier, einem Berliner Kollegen, der heute (wieder) in Nizza lebt, stammt die Antwort: "Der eine dolmetscht, der andere hört zu!" Das mag verunsichern, klingt es doch so, als hörte der dolmetschende Kollege nicht mit. Wir arbeiten im Wechsel, die Übergänge müssen passen, "auf Anschluss sein" (raccord) - und der/die Zweite schreibt für den-/diejenige(n), der/die "dran ist", oft Zahlen, Akronyme oder Fachtermini auf.

Es gibt Tage, an denen ist einem aber zum Weghören und es geht nicht. Ich denke an einen grausamen französischen Film, den ich nie und nimmer zuende gesehen hätte, wäre da nicht das Publikumsgespräch zu dolmetschen gewesen. Das war im Berliner Kino Arsenal vor neun Jahren.

Oder heute, als Kirsten Heisig, eine Berliner Jugendrichterin, aus ihrer Arbeit berichtet hat. Die Grausamkeit der Straftaten, die in der Statistik weiterhin lediglich unter "schwerer Raub" geführt wurden, habe signifikant andere Ausmaße angenommen, erzählt die Richterin, und führt aus. So detailliert wollten wir das gar nicht wissen, aber uns Dolmetscherinnen ist Weghören verboten. Der Arbeit und dem passenden Übergang wegen. Und meistens vergessen wir auch rasch, was wir am Tag so alles erzählt haben. Hier wird es schwer fallen. Zum Glück sind wir zu zweit und können das Gehörte auch gemeinsam verarbeiten.

Kuchen spüren

Nach manchen Dolmetscheinsätzen entwickle ich das Talent zum Synästhetiker - so werden Menschen genannt, die Farben schmecken, Gemälde hören, Klänge bunt sehen.

Früher Nachmittag: Ich komme vom dreistündigen Simultaneinsatz zurück (zu zweit natürlich) plus Mittagessen, Tischgesprächen und zweisprachiger Busfahrt durch Berlin. Gehe zu den Kuchenbäckerinnen, will mich mit Kuchen eindecken. Weiß, gleich kommt Besuch. Dann fällt mir ein, dass ich ja selbst zum Wochenende buk. Also nur wenig kaufen, um das Angebot bunter werden zu lassen. Aber was hab ich nochmal gebacken? Es will mir nur "hell" einfallen. Heller Kuchen? Weißgelb. Ich fühle "Käsekuchen", seine Konsistenz, seinen Geschmack, Zitrone. Aber so viel Zitrone, wie ich verbacken habe, da wäre die Milch gestockt. Also kein Käse- sondern Zitronenkuchen. Erst dann kann ich kaufen.

Auf dem Weg nach Hause sehe ich die Bilder der Kuchengedanken vor meinem geistigen Auge nochmal durch und weiß, dass alles nonverbal war. Ich habe Kuchen gesehen und die Bewegung der Gabel durch weißgelbe Kuchen gefühlt. Durch die verschiedensten hellen Kuchen. Wo ich schon mal auf der Metaebene bin, fällt mir auf, dass ich mich als Teil der Warteschlange wunderte, dass ein Kurierdienstmitarbeiter beim Abgeben eines Päckchens die Bäckerin geduzt hatte. Auch hier: meine Gedanken waren wortlos. Das Duzen ist leicht erklärt, beide sind um die 20. Im diplomatischen Kontext meines Vormittags schien es mir außergewöhnlich bemerkenswert, dass sich wildfremde Leute duzen. Das Gefühlsmuster, das hier in mir angesprochen wurde, war die größtmögliche emotionale Distanz mit dem Geschehenen, wie, als zöge ich mich in mich selbst zurück, als wolle ich mit alldem Ungehörigen hier nichts zu tun haben. Ich war plötzlich nicht mehr Teil der Schlange.
Zu Hause koche ich Tee. Das Radio läuft, RFI, französisches Programm, ein Bericht über etwas Industrielles, eine Autowerkstatt, ich hör nicht hin. Ich blicke ins Licht, freu mich des Nachmittags. Dann mache ich Gas unter dem Kessel an - und rieche plötzlich Motorenöl, schmecke Eisen, habe den Aroma von Gummi in der Nase. Eindeutig!

Meine unwissenschaftliche Interpretation: Der Körper riecht einen kurzen Augenblick das mit Zwiebelgeruch versetzte geruchlose Gas, ist nicht völlig aufmerksam, assoziiert daher über das akustisch Vernommene.

Dolmetschen ist geistige Hochleistungsarbeit und wenn Sie Dolmetscher fragen, wie wir das machen, sagen viele vielleicht sogar, was ich Ihnen jetzt sage: Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass sich Wahrnehmungsmuster verschieben, und zwar deutlich. Nach einem Mittagsschläfchen ist alles wieder OK.

Samstag, 15. November 2008

Freischreiber

Die Trennung von Journalismus und PR — siehe Eintrag von gestern — fordern auch die freien Journalisten von Freischreiber — Berufsverband freier Jour­na­listin­nen und Journalisten, der an diesem Wochenende in Berlin gegründet wird.

Da ich neben dem Übersetzen und Dolmetschen eine wissenschaftliche Arbeit über die Arbeits- und Lebensbedingungen deutscher Kinodokumentaristen schreibe, von denen viele aus dem Journalismus kommen, habe ich die Diskussionen vor Ort verfolgt. Und fand mich als Ko-Moderatorin auf dem Podium wieder, als es um die Statuten des Verbandes ging. Für die Forschungsarbeit geht das klar, "teil­neh­men­de Beobachtung" lautet hier die Perspektive. Für das Panel ging's auch klar. Mir hat großen Spaß gemacht, wieder zu moderieren.


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Ganz links: Kai Schächtele, freier Journalist und 1. Vorsitzender von Freischreiber, und rechts auf dem Bild ist Wolfgang Kiesel, freier
Journalist und Trainer im Rahmen von Existenzgründerseminaren
Foto: Gabriele Bärtels

Noch einmal: Press Junkets. Über Dolmetscher als Journalisten

Neulich fragte mich eine frühere Kollegin, die heute als Redakteurin arbeitet, ob ich nicht meine Arbeit als Dolmetscherin gleich als Recherche verwenden wolle, um nebenbei journalistische Beiträge herzustellen. Wir diskutierten eine Weile und spontan habe ich ihr zugestimmt: Ich begegne allen möglichen Filmstars anlässlich von Filmstarts, es wäre ungemein praktisch, beides zu verbinden. Recycling gewissermaßen, und Ressourcen zu schonen ist doch immer gut! Beim zweiten Hinsehen geht das indes nicht. Es gibt viele Gründe, die sich aus den verschiedensten Perspektiven heraus erklären.

Da ist die Perspektive der Dolmetscherin. Ich sage immer "ich", wenn der Filmschaffende "ich" sagt. Ich (Dolmetscherin) übertrage seine Gedanken 1:1. Ich bin ihm und seinen Ideen treu, streiche nicht, füge nichts hinzu, bemühe mich um das gleiche Sprachniveau. Sein Sprachrohr zu sein fordert alle meine Energie. Würde ich mir "nebenbei" Zitierfähiges merken wollen, wäre meine Aufmerksamkeit für die sprachlichen Belange gemindert. Ich bin hier, weil ich für den Filmkünstler da bin, ich vertrete seine Interessen.

Dann ist da die Journalistin. Als Pressevertreterin betrachte ich alles von außen. Ich bin kritisch, neugierig, offen, hinterfrage, beobachte, hake nach. Dazu brauche ich 100 % meiner Energie: um zu merken, wo Widersprüche sind, um in charmanten und doch bestimmten Worten nachzuhaken und mehr zu erfahren. Kurz: Ich bin hier, weil ich als Stellvertreterin des Publikums da bin, ich vertrete ihre Interessen.

Auch die Position der anderen schreibenden Kollegen will bedacht sein. Journalisten, die auf die Übersetzung angewiesen sind, möchten sie möglichst vollständig hören und sprachlich richtig wiedergegeben. Das kann, wer Übersetzung benötigt, oftmals nicht einschätzen. Wäre ich einer dieser Kollegen, ich stünde einer dolmetschen Journalistin (oder einem als Journalist tätigem Dolmetscher) auch aus noch einem Grund kritisch gegenüber: Ich hätte das Gefühl, meine Exklusivität zu verlieren. Sicher, oft finden Interviews in Kleingruppen statt, dennoch wird ein Journalist/eine Journalistin in Doppelfunktion, wenn er oder sie vor ihrem oder seinem eigenen Interview über Stunden dolmetscht, letztlich von den Gedanken aller profitieren. Und es gibt durchaus so etwas wie ein Urheberrecht auf Fragen. Für wen ist die dolmetschende Journalistin dann vor allem da?

Als Leser/Leserin erwarte ich, dass Berichterstatter unabhängig sind. Dass sie in der Zeit, die sie haben, für mich die spannendsten Informationen herausfinden und möglichst objektiv berichten. Ein Pressevertreter, der auch dolmetscht, kann sich nicht entscheiden zwischen "Sprachrohr des Filmschaffenden" und "Diener des Publikums". Gleichzeitig kann er nicht beides sein, also macht er beides halb - und das ist den Arbeitsergebnissen jener, die beides verbinden, leider anzumerken.

Noch einen Aspekt der Berichterstattung muss ich erwähnen, und angesichts von einem Dutzend Filmstarts in der Woche sicher kein geringer. Wie kommen welche Filme ins Programm? Die Journalisten sichten das Angebot und wählen aus, schlagen vor, die Sender beauftragen. Es ist sicher vorteilhaft, wenn sich Journalisten und Filmkritiker spezialisieren, sie werden dann mit dem jeweiligen Filmland rasch in Verbindung gebracht und platzieren ihre Beiträge mit größerer Leichtigkeit als die Konkurrenz. Wenn aber ein Journalist für Pressevertreter dolmetscht, ist er versucht, aus Gründen der Zeitökonomie auch einen Beitrag zu genau diesem Film anzubieten. Wie neutral und unabhängig ist er dann noch? Und müsste nicht der Sender vor seinem Beitrag einen Werbejingle senden, "der nachfolgende Beitrag entstand mit freundlicher Unterstützung von Filmverleih XYZ", weil ja der Verleih die Recherche bezahlt hat?

Das Publikum fragt sich leider nicht, wie der Film ins Programm kam - ob es daran liegt, weil er hervorragend ist oder weil Journalist und Verleih besonders gute Kontakte zum Sender haben? Mancher sprachbegabte Pressevertreter ist auf der ganzen "Produktstrecke" tätig, er oder sie schreibt das Presseheft, dolmetscht ausländische Gäste und bringt am Ende den eigenen "unabhängigen" Beitrag. Das Thema lässt sich übrigens erweitern: Journalisten sitzen in Filmfördergremien und in Juries zur Programmauswahl von Festivals.

Wir müssten uns fragen, wie wir miteinander umgehen und wie fair wir sind - das schrieb mir letztens eine Journalistin zu dem Thema, und sie schloss: "Eigentlich sollte es normal sein, keine eigenen Beiträge anzubieten, wenn man für den Verleih oder ein Festival arbeitet. In welcher Funktion auch immer."

Mittwoch, 12. November 2008

Seminare für Redner

Zu meinem letzten Blogeintrag - es ging über Schwierigkeiten des Vortrags - bekam ich viele Zuschriften. Zum Teil von Menschen, die sich selbst wiedererkannt haben, vor allem aber von jenen, denen spontan der Klos im Hals steckenbleibt, wenn Sie an die beschriebene Situation denken, und die mich nach Abhilfe fragten. Denn das rasche Ablesen eines Papiers, das Verschachteln der Sätze, eine gewisse Nicht-Erreichbarkeit vor und in der Situation sei eine typische Angststratgie des Überlebens von Momenten öffentlichen Sprechens.

Daher bin ich jetzt im Gespräch mit zwei Fachleuten aus angrenzenden Gebieten, mit denen ich für nächsten Frühsommer ein Seminar zu dolmetscheraffinem Sprechen vorbereite. Sicher, Lampenfieber können wir in drei Tagen Training nicht nehmen, aber doch etwas von der Angst vor der öffentlichen Rede und sehr viel von der Unsicherheit Dolmetschern gegenüber. Leider wird das Seminar nicht billig werden, weil wir zum derzeitigen Zeitpunkt davon ausgehen, professionelle Dolmetschtechnik anzumieten sowie einen kleinen Konferenzraum in einem Hotel, um die Sache so realistisch wie möglich zu gestalten. Außerdem sieht das Konzept eine hohe Aktivität der maximal sechs Seminaristen vor. Dazu kommt an zwei halben Tagen ein wenig Publikum mit universitärem Hintergrund. Es ist also zunächst etwas für Vortragende mit institutionellem Hintergrund, wobei wir einen stark rabattierten Platz für eine/n Delegierte/n aus einer NGO reservieren werden.

Wenn Sie Interesse an diesem Seminar haben, senden Sie mir bitte einfach eine Mail.
Mit freundlichen Grüßen,
Caroline Elias (caroline-kringel-adazylla.de)

Freitag, 7. November 2008

Schwierige Redner

Manche Redner sind echt der Horror. Ich sage das hier so ungeschützt, weil sich mein Beitrag nicht auf ein besonderes Ereignis oder einen bestimmten Sprecher zurückverfolgen lässt. Hier also, was ich unlängst erlitt.

Es gibt Vortragende, die sprechen so, als seien sie noch nie in ihrem Leben verdolmetscht worden: Satzbau wie von Thomas Mann inspiriert (den ich aus anderen Gründen als der Satzlängen liebe), dazu Fachtermini und Anspielungen auf den bisherigen Stand der Debatte unter Verwendung von Orten (Konferenzen), Eigennamen (Autoren, Gutachten), Zahlen (absolut, Prozent, Jahr) sowie Abkürzungen. Also Satzanfang bis hin zum ersten Unterpunkt, Komma, Einschub eins bei Gültigkeit von A, Einschub zwei unter besonderer Berücksichtigung von B - worauf ein davon abgehobener Gedanke folgt - der aber abgegrenzt werden muss von Einschub drei, zumindest zu soundsoviel Prozent, worauf wir Einschub zwei beenden, nicht, um sofort die erste Fußnote auszusprechen, die aber nicht verwechselt werden darf mit C (also nur in diesem Unterfalle und bis zum Jahre soundso), was dann aber zur Folge hat, dass bei den zu erwarteten und in Realiter auch beobachteten Kausalitäten im Fall B sich die Grundvoraussetzung zugunsten von D (oder zu Ungunsten, das ist eine Frage von Standpunkt und/oder Interpretation) verschiebt - indes, Einschub zwei beenden wir jetzt wirklich vorerst, wenn hierzu noch Fragen bestehen, komme ich später gern noch einmal darauf zurück, denn im Grunde zählt hier ja nur Fall A und am Ende ... - ja, worauf lief die Konstruktion noch einmal hinaus? Gab es da ein Verb? Gab es ein abschließendes Verb mit Punkt?

Die Behaltensspanne ist bei uns Dolmetscherin sicher individuell länger oder kürzer. Sie ist trainierbar, mit den Jahren werden wir besser, routinierter. Wenn einem aber die Ereignisse, Orte, Akronyme, Jahreszahlen nicht einmal im Ansatz etwas sagen, weil der Redner es nicht für nötig befunden hat, uns sein Manuskript, aus dem er jetzt stellenweise in schnellem Tempo abliest, zur Vorbereitung zu schicken, und wenn diese ganzen Einzelpunkte höchst kompliziert miteinander ins Verhältnis gesetzt, von einander abgegrenzt und zugleich unterschieden werden, ist es bei einem gewissen "Thomas Mann-Faktor" der Satzlänge und -konstruktion schlicht menschenunmöglich zu folgen. Und wenn die Hauptaussage nicht klar ist, kann ich auch nicht intelligent kürzen bzw. besser strukturiert dolmetschen.

Beim letzten Mal kam nach der Veranstaltung die Moderatorin auf mich zu. Sie war die einzige, die immer wieder in Richtung Dolmetscherkabinen geblickt und vermutlich mein entsetztes Gesicht gesehen hatte. Darauf mahnte sie bei ihren Gästen wiederholt ein moderates Sprechtempo im Hinblick auf uns Dolmetscher an (ohne nachhaltige Wirkung).

Die Moderatorin ist langjährig erfahren, und zwar als Rednerin, im Fachgebiet und eben auch als Moderatorin. Sie stöhte: "Der Kollege Soundso hat sich wieder mal so verschachtelt, dass man nach dem gefühlten Schlusspunkt nicht weiß, ob er den Satz zu einem guten oder einem schlechten Ende geführt hatte, oder ob es überhaupt ein Ende gegeben hatte - und falls ja, welchen Satzes."

Das war ein kleiner Trost. Aber nach solchen Einsätzen bin ich völlig fertig. Ich leide dann unter der Verhinderung guter Arbeit, an den eigenen Grenzen, an der Respektlosigkeit uns gegenüber, die bestenfalls nur Gedankenlosigkeit ist. Was nützt es, bis zur letzten Sekunde vor dem Vortrag bis zum letzten Komma am Manuskript rumzufeilen, wenn dadurch allein schon die Vermittlung des Grundgedankens und der Hauptverästelungen der Argumentation gefährdet sind?

Anfangs dachte ich immer, dass mein "Output" zu 100 % auf mich zurückfallen würde. Inzwischen weiß ich, dass diese Art autistischer Rednerpersönlichkeit zum Inventar aller Kongresse und Podien zählt. Und dass die Kollegen genau wissen, mit wem sie länger ins Gespräch kommen wollen, bei wem sie nachfragen.

Im Falle der Verschiebung der Grundvoraussetzungen im Fall B, Sie erinnern sich, der zweite Haupteinschub unseres Redners, schien die Thematik dann auch erschöpfend (oder eher: alle erschöpfend) geklärt gewesen zu sein; es gab keine Fragen an den Redner mit hohem "TM-Faktor", er musste nicht mehr darauf zurückkommen, wie überhaupt und grundsätzlich keine weiteren Fragen mehr an ihn ergingen.

Dolmetscher im Raum

Dolmetschkoffer oder Personenführungsanlage oder PFA oder "bidule" oder ... Foto: Dolmetscher Berlin, Caroline EliasEinmal ist bei einem Veranstalter die Dolmetschtechnik des Hauses nicht ganz in Ordnung. Wir kommen mit einer mobilen Anlage zur Veranstaltung, die für mobile Einsätze gedacht ist. Für die Zuhörer gibt es wie sonst auch Kopfhörer, deren Empfangsteil nur weniger groß ist als jenen, die für mehrere Sprachen ausgelegt sind.

Noch etwas ändert sich für das Publikum: Wir sind plötzlich sichtbar, denn wir sitzen nicht in der Kabine, da sich die mitgebrachte Technik mit dem, was von der Technik der fest installierten noch brauchbar ist, als nicht kompatibel erwies. Also stehen wir im Raum. Nicht ganz hinten, wo man nichts sieht, sondern auf halber Strecke, direkt unter einem Lautsprecher, und sprechen mit leiser Stimme in ein Mikrophon mit integriertem Sender.

Großer Saal, die Dolmetscherin steht mit freiem Blick am Rand Für uns ist es schön, mal mit im Raum zu sein, einfach "dabei". Anders als in der Dolmetscherkabine gibt es hier viel frische Luft. Dafür können wir die Lautstärke der Lautsprecher nicht individuell regeln, haben auch keine eigenen Kopfhörer. Wir hören beim Dolmetschen also zu allererst uns selbst, und aus dem Lautsprecher kommt der Ton des Podiums.

Zuhörer mit KinnbügelempfangsgerätenManchmal bleibt der Ton aber ganz weg, und zwar immer dann, wenn der Rednerin oder Redner sich ein kleines wenig vom Mikrophon abwendet, was doch recht oft geschieht, wenn sie oder er zum Beispiel einen der anderen Mitdiskutanten oder einen Fragenden aus dem Publikum direkt anspricht. Dann gibt es für uns immer ein akustisches Loch.

Dann schweigen wir, hören zu und versuchen, wieder Anschluss zu finden. Das ist angesichts des komplexen Wirtschaftsthemas nicht immer einfach.
Noch etwas kostet Energie: Der gelegentlich aufkommende Gedanke, wir könnten mit unserer Verdolmetschung Anwesende, die am Rand des Raumes sitzen, stören. Außerdem strengt leises Sprechen mehr an, als mit normaler Stimme zu reden.

Mittwoch, 5. November 2008

Au revoir, Pierre !

Hier bloggt eine Sprach­ar­bei­ter­in. Ob in der Ka­bi­ne oder am Schreib­tisch, ich ler­ne, über­setze und spre­che re­gel­mä­ßig di­ver­se Idio­me. Die un­ter­schied­lichs­ten Be­geg­nun­gen machen un­se­ren Be­ruf so besonders.

Pietro Cardini ist in der Stadt? Wer? Na, der da:
Am Pariser Platz
Die Auftragsvergabe zu die­sem Einsatz war skurril.

"Wir brauchen einen Drachen, wir haben einen sehr schwie­ri­gen Kunden! Das sagt er von sich selbst!"
Ob ich diese Be­rufs­be­zeich­nung aus­fül­len kann, ist mir zwar im Vorfeld nicht klar, aber dass es nicht leicht ist, gedolmetscht zu werden, dafür habe ich Ver­ständ­nis.

Pierre Cardin erweist sich als ein herzlicher, älterer Herr. Er ist ein Vul­kan, spru­delt, kommt von Stöckchen auf Hölzchen (übergangslos von einem zum nächsten Thema), hat auch stilistische Brüche (da merkt man, was die PR-Agenten ihm in den Mund gelegt haben). In den Press Junkets arbeite ich daher fast simultan, er­kämp­fe mir kleinste Pausen fürs Dolmetschen, auf meiner Tischseite liegen die Auf­nah­me­ge­rä­te. Später, beim TV-Interview für die rbb-Abendschau, merke ich, dass dieser sprudelnde Stil sehr schwer zu übertragen ist. Offenbar merken wir Dol­met­scher uns nicht nur Fachbegriffe, Stichworte und Beziehungen, sondern bil­den in den Notizen auf dem Stenoblock auch die Struktur des Gesagten ab. Wenn da aber kaum Struktur war, stehen am Ende Begriffe auf dem Zettel, deren Zusammenhänge sich nicht auf den ersten Blick erschließen.

Noch etwas war schwierig für einen Dolmetscher, der nicht zu 100 % seiner sicher ist: Im Raum waren immer noch mindestens fünf seiner acht mitreisenden Mit­ar­bei­ter und deutschen Geschäftspartner zugegen. Men and woman in black saßen im Hintergrund oder (anfangs) mir im Rücken, stets bereit, einzugreifen.

Ohne meine jahrelange Filmarbeit hätte ich das Ganze nicht so gelassen gewuppt. Vielleicht hat auch geholfen, dass Götz, den ich vor 10 Jahren noch als Re­gie­as­sis­tent kennengelernt hatte, inzwischen für die Bekleidungsindustrie arbeitet und als Geschäftsmann verkleidet stets um die Wege war. Vermutlich war der Einsatz für mich unbewusst eine Art Spielfilmdreh (ich musste ja schließlich den Drachen ge­ben), so habe ich die ganze Inszenierung nicht ernst genommen, weil und damit die ganze Energie in eins fließen konnte: In gutes Dolmetschen.

Am Ende hörte ich sehr schöne Worte von Pierre Cardin, der mit mir kurz auf dem roten Teppich verweilte, den Pulk warten ließ, um ein paar persönliche Worte zu sagen, gefolgt von: "Au revoir, Caroline!"

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Foto: C.E. | click to enlarge

Montag, 3. November 2008

Bilanz

Dieser 4. November ist ein Tag für Bilanzen. Also hier meine eigene, bescheidene, zu diesem Weblog: 22 Monate veröffentliche ich hier, bei 185 Einträgen komme ich auf 8,4 Texte im Monat. Der durchschnittliche Beitrag beansprucht mich nicht länger als 25 Minuten, so dass ich insgesamt 77,08 Stunden oder knapp zehn Arbeitstage zu acht Stunden geschrieben habe, also zwei Wochen. Ich bin leicht schockiert über die Zahl. Hätte man mir das vorher gesagt, ich hätte mir überlegt, ob ich mit dem Weblog anfange!

So aber habe ich großen Spaß daran, Episoden einzufangen, aufzuschreiben, zu lektorieren (was in Stresszeiten manchmal etwas flüchtig ausfällt, Sorry for that! tut mir Leid) und seit einiger Zeit auch wieder mehr zu fotografieren. Ich überlege hier öffentlich, was ich mache und warum, wie es überhaupt geht (oder gehen könnte) mit dem Dolmetschen. Meine Demut vor der Arbeit ist ebenso gewachsen wie jene vor dem Schreiben. Zugleich fühle ich mich in beidem sicherer als zuvor.

Die Leser sind, ich habe einen Service gebucht, der mir in kleinstem Umfang Informationen liefert, mindestens zu einem Fünftel Uniangehörige, das sehe ich an den Servern. Die Verweildauer jener, die nicht aus Versehen hier gelandet sind, ist gut. Am meisten aufgerufen wird Dolmetschen in Verbindung mit Berlinale, gefolgt von Sucheinträgen zu Untertitel und Drehbuch, dann kommt schon die Frage nach den Preisen. Häufig wird mit der Recherchefunktion, die der Blog bietet, nach Fachtermini gesucht, zum Beispiel das Wort "Notizentechnik". Derzeit überrascht die Nachfrage nach Infos zum Film "Willkommen bei den Schtis" - den Kassenerfolg der ersten Spieltage konnte ich schon erahnen, denn seit Wochen gehen dem Film solide Gerüchte voraus, die in Google-Suchen münden.

Über Ihre Zuschriften freue ich mich immer, ganz gleich ob Meinungsäußerung oder Frage. Sollte ich eine Antwort wissen und diese zum Thema des Weblogs sein, würde ich auch wieder vermehrt Einträge nach Ihren Wünschen schreiben.

So, das war's für heute. Bilanztag ...

Freie Sicht (2)

Der "Philosophenweg"
Guten Tag oder gu­ten Abend! Sie le­sen in ei­nem Ar­beits­ta­ge­buch, das den The­men Spra­che, Dol­met­schen, Über­set­zen und Kul­tu­ren ge­wid­met ist. Als frei­be­ruf­li­che Sprach­mitt­le­rin ar­bei­te ich dort, wo ich ge­braucht wer­de, oft am Film­set, bei Kun­den oder in der Dol­met­sch­ka­bi­ne. Bei den Ka­bi­nen gibt es gro­ße Un­ter­schie­de.

Es war ein­mal ein eu­ro­pä­i­scher Staat, der be­auf­trag­te ei­nen sei­ner be­rühm­tes­ten Söh­ne, im Nach­bar­staat ei­ne Bot­schaft zu bau­en. Die­ser bau­te, und es ka­men sehr schö­ne Vo­lu­mi­na her­aus - au­ßen wie in­nen. Zum Bei­spiel der so­ge­nann­te "Phi­lo­so­phen­weg" als Dach­be­grü­nung ei­nes Sei­ten­flü­gels. Hier möch­te ich mich gern ein­mal er­ge­hen, der Blick reicht si­cher weit.
Der Blick aus dem Sitzen

Ein an­de­res Vo­lu­men du maî­tre ist der gro­ße Ver­an­stal­tungs­saal: Lei­der ist es hier im Ne­ben­ge­lass, der ein­ge­bau­ten Dol­met­scher­ka­bi­ne, mit dem frei­en Blick alles an­dere als gut be­stellt. 

Wir ha­ben hier ei­nen wirk­lich ein­wand­frei­en Blick auf die Zu­schau­er­reak­ti­onen! 


Der Blick, nach vor­ne ge­beugt, ge­dreht


Das Set­ting er­in­nert ein we­nig an das Ins­ti­tut Fran­çais am Kur­für­sten­damm. Zu un­se­rer Arbeit ist al­ler­dings wich­tig zu wis­sen, dass wir im Zwei­fels­fall von den Lip­pen ab­le­sen.

Nor­ma­ler­wei­se jedenfalls. Hier ist al­ler­dings nicht viel zu se­hen, nicht ein­mal die PPTs. Nicht im­mer er­rei­chen uns al­le Prä­sen­ta­tio­nen im Vor­feld.

Mit der Na­se fast an der Glas­schei­be
Was tun? Wir ste­hen auf, beu­gen uns nach vorn, ver­dre­hen den Ober­kör­per, ver­suchen, in der aus or­tho­pä­di­scher Sicht frag­wür­di­gen Hal­tung ge­nug Luft zu be­kom­men und spre­chen weiter. Lange geht diese Haltung natürlich nicht gut, wenn die Na­se fast die ers­te Glas­schei­be der Dop­pel­ver­gla­sung be­rührt, man prak­tisch auf dem Tisch sitzt (sie­he zum Ver­gleich den Rah­men des Com­pu­ters). 

Im Ste­hen keine volle Sicht!

Mir fällt ei­ne Lö­sung ein. Lei­der gibt es in mei­ner Bran­che sowas wie die Ver­pflich­tung, nicht zu kla­gen. Daher ist das gan­ze Pos­ting hier ei­gent­lich ein Un­ding. Zum Glück ha­be ich so gut wie kei­ne Leser:in­nen, nur Euch Stu­die­ren­de.

Sollte mich mal je­mand direkt darauf an­spre­chen, würde ich ant­wor­ten, dass eine Ka­me­ra und Mo­ni­to­re für Ab­hil­fe sor­gen könnten, einen Mo­ni­tor fürs Büh­nen­ge­sche­hen, einen für die Prä­sen­ta­tio­nen. Mit dem Lip­pen­ab­le­sen dürfte es wei­ter­hin schwie­rig wer­den, aber die­se Ver­bes­se­rung wäre schon ein­mal phä­no­me­nal.




Dolmetscherin mit Laptop in der Kabine
Ei­ne strah­len­de Kol­le­gin!
Merci beau­coup, chère Mi­chèle, dass Du für mich kurz die Hal­tung für die "hal­be Sicht" ein­ge­nom­men hast. (2. Bild aus der Ka­bi­ne).







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Fo­tos: C.E.

Samstag, 1. November 2008

"Die Dolmetscherin" im TV

Heute Abend auf der "kleinen Leinwand", wie die Franzosen ihre Fernsehgeräte nennen: "Die Dolmetscherin" von Sydney Pollack.

Der Thiller von 2005 ist sehr dicht und atmosphärisch stimmig. Nicole Kidman spielt eine Kollegin, und schön unspektakulär wird die Stimme aus dem Off in Szene gesetzt. UN-Dolmetscher standen dem Regisseur angeblich für alles Dolmetschrelevante beratend zur Seite.

20.15 Uhr, RTL