Wie auch immer Sie hier gelandet sind, Sie haben mein virtuelles Arbeitstagebuch erreicht, das es seit 2007 gibt. Ich bin Simultandolmetscherin. Meistens arbeite ich bei Konferenzen, Verhandlungen, Messen, Delegationsreisen und öffentlichen Veranstaltungen. Mit der Muttersprache Deutsch dolmetsche ich ins Französische und Deutsche, auch mit Englisch als Ausgangssprache. Die Bürokollegin übersetzt in die englische Sprache.
Jede Branche entwickelt ihre eigenen Fachbegriffe. In der Diplomatie geschieht das besonders schnell. Wer regelmäßig internationale Konferenzen, Ministertreffen oder Verhandlungen begleitet, begegnet Wörtern, die außerhalb dieser Welt kaum jemand verwendet.
| Dolmetsch'suite' in Straßburg |
Für uns Dolmetscher:innen gehört dieses Vokabular manchmal zum Arbeitsalltag. Wir lernen früh, dass Verständigung und Verständlichkeit zwei verschiedene Dinge sind.
Aus der Politik in die News
Heute hat es „Bilats“ in die Nachrichten geschafft. Gemeint waren bilaterale Gespräche am Rande der internationalen Termine in New York in Zusammenhang mit der Wahl eines Sitzes im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen.
Der Begriff ist in diplomatischen Kreisen so selbstverständlich geworden, dass kaum noch jemand das vollständige Wort ausspricht. Wer nicht regelmäßig auf dem politischen Parkett unterwegs ist, dürfte zunächst rätseln, was damit überhaupt gemeint ist.
Vereinfachung der Gesetzgebung
Ähnlich verhält es sich mit dem Trilog der Europäischen Union. Dabei verhandeln Europäische Kommission, Rat und Europäisches Parlament informell über Gesetzgebungsvorhaben. Ziel ist es, Kompromisse zu finden, bevor die formalen Verfahren abgeschlossen werden, und damit langwierige Prozesse zu verkürzen. Schätzungsweise rund 80 % aller Gesetze widerfährt das.
Sprachlich wirkt der Begriff allerdings etwas eigentümlich. Wenn zwei Personen einen Dialog führen, wäre es für uns Deutsche logisch, wenn ein Gespräch zwischen drei Parteien ein Trialog ist. Die Europäische Union hat sich aber für „Trilog“ entschieden, denn die EU-Arbeitssprachen Englisch und Französisch dominieren oft die Wortwahl, und so heißt es eben the trilogue, le trilogue, der Trilog.
Medien verbreiten den Jargon
Mancher dieser Begriffe verlässt die Zentren der europäischen Politik. Journalisten übernehmen sie aus Pressebriefings. Politiker verwenden sie in Interviews. Nach und nach gelangen sie in die Alltagssprache politisch interessierter Menschen.
Manche dieser Wörter wirken harmlos, andere verschleiern mehr, als sie erklären. Wer zum ersten Mal von einem Non-Paper hört, denkt an mündliche Formate und anders fixierte Notizen. Tatsächlich handelt es sich um ein informelles Diskussionspapier. Ein Read-out klingt nach Technik, bezeichnet aber die offizielle Zusammenfassung eines Gesprächs. Und Sherpas tragen in der internationalen Politik keine Lasten auf Bergpfaden, sondern bereiten Gipfeltreffen vor.
Doubletten
Hervorzuheben sind auch jene Begriffe, die aus dem Englischen übernommen werden, obwohl längst deutsche Wörter existieren. Im Grunde sind das Dubletten. Da wird dann ein Fahrplan zur Roadmap, ein Ergebnis zu einem Deliverable und eine Kontaktaufnahme zu Outreach. Wer lange genug zuhört, bekommt den Eindruck, dass politische Prozesse nicht nur organisiert, sondern zugleich sprachlich veredelt werden sollen.
Sprachentwicklung live
Für mich als Dolmetscherin ist diese Entwicklung faszinierend: Ich beobachte gewissermaßen in Echtzeit (real time), wie Sprache entsteht, sich verändert und ihren Weg in die Öffentlichkeit findet. Manche Begriffe verschwinden wieder. Andere werden Teil des politischen Alltags. Einige entwickeln sogar ein Eigenleben und werden verwendet, ohne dass die Sprecher noch erklären könnten, was sie ursprünglich bedeuteten.
Vielleicht ist das die eigentliche Lehre aus Bilats, Trilogen, Non-Papers und Sherpas: Politik produziert nicht nur Entscheidungen. Sie produziert auch ständig neue Wörter.
Vokabelnotiz
| Deutsch | Französisch | Erläuterung |
|---|---|---|
| Bilaterales Gespräch / bilat | entretien bilatéral / réunion bilatérale | Gespräch zwischen zwei Staaten, Delegationen oder politischen Akteuren |
| Debriefing | débriefing | Nachbesprechung nach einem Treffen, Einsatz oder einer Verhandlung |
| Elemente der Sprachregelung / talking points | éléments de langage | Vorbereitete Argumentationslinien für Presseauftritte |
| Ergebnispaket / package deal | accord global / paquet de compromis | Kompromiss über mehrere Themen |
| Fahrplan / roadmap | feuille de route | Plan mit zeitlicher Abfolge politischer Maßnahmen |
| Gleichgesinnte Staaten / like-minded countries | pays partageant les mêmes vues | Staaten mit ähnlichen Positionen |
| Gleiche Wettbewerbsbedingungen / level playing field | conditions de concurrence équitables | Faire Wettbewerbsbedingungen |
| Informelles Diskussionspapier / non-paper | document informel / non-paper | Diskussionsgrundlage ohne offiziellen Charakter |
| Kompromisszone / landing zone | zone de compromis | Möglicher Bereich für Einigung |
| Kontaktpflege / outreach | action de sensibilisation | Diplomatische Kontaktaufnahme |
| Lagebilanz / stocktaking | bilan d’étape | Zwischenstand einer Verhandlung |
| Protokollnotiz / read-out | compte rendu officiel | Offizielle Zusammenfassung eines Gesprächs |
| Sherpa | sherpa | Personen, die Gipfeltreffen vorbereiten |
| Trilog | trilogue | Informelle Verhandlungen EU |
| Verhandlungsergebnisse / deliverables | résultats concrets / livrables | Konkrete Ergebnisse eines Treffens |
| Vertrauensbildende Maßnahmen / CBMs | mesures de confiance | Maßnahmen zu Vertrauensaufbau und -pflege |
Hinweis für Sprachinteressierte: Viele dieser Begriffe stammen aus internationalen Organisationen wie UN, EU, NATO oder OECD und gelangen über die Medien in die Allgemeinsprache.
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Foto: C.E. (Archiv)
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