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Samstag, 13. Dezember 2025

Überwachungssoftware

Bon­jour oder bon­soir auf den Sei­ten ei­ner Sprach­ar­bei­te­rin. In die­sem di­gi­ta­len Ta­ge­buch kön­nen Sie an ei­ni­gen Ta­gen der Wo­che mit­le­sen, wie Dol­met­sche­rin­nen und Über­set­ze­rin­nen, Über­set­zer und Dol­met­scher ar­bei­ten. Heu­te: Link der Wo­che.

Un­be­strit­ten gibt es seit Jah­ren häufiger At­ten­ta­te, Amok­läu­fe, Kri­sen­alarm, in­ter­na­tion­al­en Ter­ror­is­mus, re­li­giö­se Fun­da­men­ta­lis­ten und ir­re Men­schen­fein­de. Die Re­gie­rung ist auf­ge­for­dert, sich Maß­nah­men zu über­le­gen, wie sich das ein­he­gen lässt. Zugleich gibt es in Deutsch­land einen brei­ten Kon­sens: Die DDR war ein Über­wa­chungs­staat, und flä­chen­dec­ken­de, au­to­ma­ti­sier­te Ein­mi­schung von oben wi­der­spricht den Rech­ten der Men­schen, zum Beispiel auf Un­ver­letz­lich­keit der Woh­nung oder des Brief­ver­kehrs. Para­dox: In Deutsch­land soll bald, Jahr­zehn­te nach dem En­de der DDR, flä­chen­de­ckend eine Soft­ware ge­nutzt wer­den, die der feuchte Traum je­des Stasi-Offi­ziers ge­we­sen wäre. Schlim­mer noch: Sie ist in Hän­den von fa­schis­toi­den, ex­tre­mis­ti­schen Über­rei­chen auf ei­nem an­de­ren Kon­ti­nent.

... und für Deutsch­land?
Schwei­zer Ab­leh­nung
Es geht um die um­strit­te­ne Pa­lan­tir-Soft­ware. Die Schwei­zer Be­hör­den haben sie gerade nach gründ­li­cher Ri­si­ko­prü­fung ab­ge­lehnt. Ein in­ter­ner Be­richt der dor­ti­gen Ar­mee stell­te klar: Die Soft­ware birgt er­heb­li­che Ge­fah­ren für Da­ten­ho­heit, na­tio­na­le Sou­ve­rä­ni­tät und Pri­vat­sphä­re. 

Ein Da­ten­ab­fluss aus den Sys­te­men kann tech­nisch nicht aus­ge­schlos­sen wer­den, die Ab­hän­gig­keit von hoch­qua­li­fi­zier­tem Per­so­nal des US-Kon­zerns ist ge­ge­ben, und die Kos­ten sind schwer kal­ku­lier­bar.

Undemokratische Ziele
Ab­ge­zielt wird auf „Ver­bre­chens­vor­her­sage“, auf Englisch Pre­dic­tive Po­li­cing. Da­mit sind wir nicht weit ent­fernt von Me­tho­den, die in der Ver­gan­gen­heit zu „Schutz­haft“ oder „Sip­pen­haft“ führ­ten, die Be­grif­fe stam­men aus der Na­zi­zeit. Datentausch per Echt­zeit­kom­mu­ni­ka­ti­on (En­de-zu-En­de-Ver­schlüs­se­lung) schwächt die in­ne­re Si­cher­heit des Landes mas­siv. Der Staat ver­liert da­durch einen nicht geringen Teil an Sou­ve­rä­ni­tät. Netzpolitik.org hat darüber berichtet.

Ge­fah­ren für Bür­ger­rech­te
Be­son­ders kri­tisch: Die Soft­ware sam­melt und ver­knüpft rie­si­ge Da­ten­men­gen, wodurch Men­schen an­hand sta­tis­ti­scher Mus­ter ins Vi­sier ge­ra­ten kön­nen, oh­ne Ver­dacht, nur durch al­go­rith­mi­sche Ver­knüp­fung. Dis­kri­mi­nie­rungs­po­ten­zial und Grund­rechts­ein­grif­fe sind Teil der Analyse.

Deut­sche Igno­ranz
Wäh­rend die Eid­ge­nos­sen ab­lehn­ten, set­zen vier deut­sche Lan­des­po­li­zei­en (NRW, Hes­sen, Bay­ern, Ba­den-Würt­tem­berg) Pa­lan­tir be­reits ein. In­nen­mi­nis­ter Do­brindt plant zu­sätz­lich, die Soft­ware bun­des­weit zu nut­zen, ob­wohl die Ri­si­ken be­kannt sind. Fra­gen der di­gi­ta­len Sou­ve­rä­ni­tät, Da­ten­ho­heit und Grund­rech­te wer­den da­bei an­sichts der of­fen­sicht­li­chen War­nun­gen igno­riert.

Glaub­wür­dig­keit
Soft­ware und Al­go­rith­men, ganz be­son­ders die KI, küm­mern sich nicht um die Wahr­heit. Sie in­ter­es­sie­ren sich ge­nau­so we­nig für Ge­nau­ig­keit wie manche Po­li­ti­ker:innen of­fen­bar für die ei­ge­ne Glaub­wür­dig­keit. Sie wol­len plau­si­bel ge­nug klin­gen, damit das Publikum zu­stim­mt. Rea­lis­tisch be­trach­tet kön­nen Amts­trä­ger:innen die Auf­ga­be der Sou­ve­rä­ni­tät über sen­si­ble Da­ten nicht mit ihrem Amt­seid ver­ein­ba­ren.

Fa­zit
Was in der Schweiz als zu ris­kant gilt, soll in Deutsch­land Rea­li­tät wer­den. Mil­lio­nen un­ver­däch­ti­ger Bür­ge­rin­nen und Bür­ger könn­ten der Soft­ware und de­ren Ei­gen­tü­mern in einem prä-faschistischen Staat aus­ge­setzt sein. Die Dis­kre­panz zwi­schen Ri­si­ko­ein­schät­zung und po­li­ti­scher Um­set­zung wirft viele Fra­gen auf, vor al­lem zur Ver­ant­wor­tung der Po­li­tik im Um­gang mit sen­si­blen Da­ten.

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Bild: Netz­fund

Samstag, 11. Oktober 2025

Dunkle Aufklärung

Im 19. Jahr schrei­be ich hier über mein sprach­be­ton­tes Le­ben, das ich als Fran­zö­sisch­dol­met­sche­rin und Über­set­ze­rin führe. In der Haupt­stadt ha­be ich mit ak­tu­el­len The­men zu tun, auf De­le­ga­ti­ons­rei­sen mit The­men wie Land­wirt­schaft, Ver­wal­tung, kul­tu­rel­lem Er­be. Hier mein Link der Wo­che, dies­mal ein „must read“, Le­se­be­fehl. Die KI kommt auch dar­in vor.

Ein Wesen mit breiten Schultern, halb Lebender, halb Toter, am Schreibtisch
Ja­nus­köp­fig­keit, von der KI neu in­ter­pre­tiert
„Ma­so-Po­pu­lis­ten“ nennt in­zwi­schen ein Be­kann­ter die ab­ge­drif­te­te Wäh­ler­schaft, je­ne, die auf Ul­tra­rei­che set­zen, weil sie plötz­lich mit Hei­ls­ver­spre­chen um die Ecke kom­men und vor­ge­ben, die „Feh­ler der De­mo­kra­tie“ zu be­he­ben. Bei ge­naue­rem Hin­se­hen führt das zu Ein­bu­ßen für ge­nau je­ne, die zu ih­ren Wäh­le­rin­nen und Wäh­lern zäh­len.

Es ist ra­tio­nal nicht zu er­klä­ren. In den USA be­stim­men Ex­tre­mis­ten ohne Man­dat die po­li­ti­sche Rich­tung.

Die­se Per­so­nen ma­chen deut­lich, dass sie die Re­geln der De­mo­kra­tie ab­leh­nen: Ul­tra­rei­che Tech-Un­ter­neh­mer ver­tre­ten ei­ne Ideo­lo­gie, die sie „dun­kle Auf­klä­rung“ nen­nen. In Wahr­heit ist es ein Mi­x aus Li­ber­ta­ris­mus, Eli­ta­ris­mus und Au­to­ri­ta­ris­mus. Sie wer­ben für die Herr­schaft ei­ner klei­nen, rei­chen Eli­te über die Mehr­heit, nein, über die Mensch­heit.

Un­ter der ak­tu­el­len Po­li­tik lei­den vie­le. Öko­no­misch trifft es in den USA be­son­ders ar­me Bau­ern und Men­schen, von de­nen vie­le in Staa­ten le­ben, die mit gro­ßer Mehr­heit die ak­tu­el­le Re­gie­rung ge­wählt haben.

Wo die Rei­se hin­ge­hen soll, ist of­fen­sicht­lich. Die Tech-Bros und ih­re Statt­hal­ter glau­ben, sie sei­en die neu­en Her­ren­men­schen. Sie be­stim­men über Le­ben und Ster­ben an­de­rer, kür­zen Geld für me­di­zi­ni­sche Ver­sor­gung und set­zen auf Al­go­rith­men, um die Welt zu kon­trol­lie­ren. (Die „Sa­do-Po­pu­lis­ten“ müss­ten das nur ein­mal hoch­rech­nen und auf sich be­zie­hen.)

Da­ten­sät­ze sind das neue Gold. Die Tech-Bros ha­ben sich in die Pole po­si­tion ge­putscht, oh­ne je auf ei­nem Wahl­zet­tel ge­stan­den zu ha­ben. Gleich­zei­tig ver­brei­ten sie Ver­schwö­rungs­theo­rien, um von sich ab­zu­len­ken. (Die Aus­län­der, die Schma­rot­zer, die Ar­beits­lo­sen, die Ökos, die Lin­ken, sie al­le sol­len schuld sein.)

Die­ser „dunk­len Auf­klä­rung“ hat der Stan­dard ei­nen gu­ten Text ge­wid­met, heu­te on­line und öf­fent­lich zu­gäng­lich: Wo­ran Musk, Thiel und Vance glau­ben: Die li­ber­tä­re Re­vo­lu­ti­on, die sie mei­nen.

Ihre an­geb­li­chen Zu­kunfts­vi­sio­nen — Mars­ko­lo­nien, KI-Re­gie­run­gen, ewi­ges Le­ben — sind kei­ne Fort­schritts­träu­me, son­dern Dys­to­pien: Ei­ne klei­ne Eli­te dik­tiert die Zu­kunft, wäh­rend der Rest ent­behr­lich wird. Die KI dient da­bei als Werk­zeug zur Mach­t­si­che­rung der Su­per­rei­chen.

Die­se Ide­en blei­ben nicht auf die USA be­schränkt. Über Think­tanks, Kon­fe­ren­zen und po­li­ti­sche Al­li­an­zen drin­gen sie nach Eu­ro­pa. Der Tech-Mil­li­ar­där Peter Thiel ist Part­ner von Vik­tor Orbán und trat beim Mat­thi­as-Cor­vi­nus-Col­le­gi­um auf, wo auch AfD-, FPÖ- und kon­ser­va­ti­ve CDU/CSU-Ver­tre­ter spre­chen. Ge­mein­sa­me Feind­bil­der wie „Wo­ke­ness“, Gleich­stel­lung der Ge­schlech­ter und Eth­ni­en oder Kli­ma­schutz ver­bin­den die­se La­ger.

So ent­steht ein trans­at­lan­ti­sches Netz­werk aus Mil­liar­dä­ren und Po­li­ti­kern, das an ei­nem Ziel ar­bei­tet: die li­be­ra­le De­mo­kra­tie durch ei­ne au­to­ri­tä­re Eli­te­herr­schaft zu er­set­zen. Sie ma­chen das ganz of­fen, nicht im Ver­bor­ge­nen.

Wir müs­sen uns dem wi­der­set­zen, die Ba­sis der De­mo­kra­tie stär­ken, De­mo­kra­tien mo­der­ni­sie­ren, die ech­te Auf­klä­rung wie­der­be­le­ben. Mit Klug­heit, En­ga­ge­ment und Wis­sen ist das mög­lich. Es geht nicht an­ders.

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Bild: pixlr.com (Zu­falls­fund)

Samstag, 13. September 2025

Mitleid und Mitgefühl

 Bon­jour oder bon­soir auf den Sei­ten ei­ner Sprach­ar­bei­te­rin. In die­sem di­gi­ta­len Ta­ge­buch kön­nen Sie an ei­ni­gen Ta­gen der Wo­che mit­le­sen, wie Dol­met­sche­rin­nen und Über­set­ze­rin­nen, Über­set­zer und Dol­met­scher ar­bei­ten. Der Link der Wo­che ohne Links. Wo­rü­ber ich schrei­be, steht der­zeit in je­der Zei­tung.

I can't stand the word em­pa­thy, hat er wie­der­holt ge­sagt. I think em­pa­thy is a made-up, new age term that does a lot of da­mage.

Auch wenn Charie Kirk das nicht ge­wollt zu ha­ben scheint, so ha­be ich Mit­ge­fühl mit sei­ner Frau und sei­nen zwei klei­nen Kin­dern. Nie­mand soll­te sei­nen Mann und Va­ter an ei­nen At­ten­tä­ter ver­lie­ren müs­sen.

Umarmung
Mitgefühl (frei nach Matisse) 
Wir müs­sen zwi­schen sym­pathy und em­pathy un­ter­schei­den. Sym­pathy ent­spricht eher Mit­leid: ein Blick von oben her­ab, der sich für Be­trof­fe­ne wie Her­ab­las­sung an­füh­len kann. Em­pathy da­ge­gen be­deu­tet, kurz die Per­spek­ti­ve des an­de­ren zu über­neh­men, damit das Schick­sal des Ge­gen­übers als mög­li­ches ei­ge­nes zu den­ken. Ich spre­che von Mit­ge­fühl

Das ist ei­ne Hal­tung der Nächs­ten­lie­be, des Tei­lens, des Be­glei­tens und Stär­kens.

Das At­ten­tats­op­fer be­trieb nicht nur aso­zia­le Me­dien­ka­nä­le: Hin­ter ihm stand ein gan­zes Netz aus Bü­ros und Do­ku­men­ta­ti­ons­stel­len an Hoch­schu­len, die als Ver­brei­tungs­ka­nal für sei­ne Bot­schaft fun­gier­ten. Von die­sen Stel­len aus wur­den men­schen­feind­li­che Kam­pa­gnen ge­steu­ert, Ju­gend­ak­ti­vi­tä­ten or­ga­ni­siert und Kon­tak­te zu Stu­den­ten ge­knüpft.

All das trug da­zu bei, dass er für den Prä­si­den­ten sei­nes Hei­mat­lan­des Stim­men mo­bi­li­sie­ren konn­te, vor al­lem bei jun­gen Wäh­lern. Ne­ben sei­nen Auf­trit­ten als Red­ner, war er vor allem Or­ga­ni­sa­tor ei­ner Po­li­tik, die auf Ängs­te setz­te, die zu die­sem Zweck ge­schürt wur­den. Da­bei agier­te er mit frem­den- und frau­en­feind­li­chen Dis­kur­sen, äu­ßer­te sich ho­mo­phob und ras­sis­tisch.

Im aka­de­mi­schen Kon­text hät­te der Kon­trast auf­fal­len müs­sen: Wis­sen und For­schung ar­bei­ten nach Prü­f­bar­keit und Be­leg; Mei­nung und „ge­fühl­te Fak­ten“, wie es die Po­pu­lis­ten ver­brei­ten, be­ru­hen meist auf Na­rrati­ven, die an Emo­tio­nen an­ge­dockt wurde, die Prob­le­me näh­ren, statt sie zu lö­sen.

Die­se „ge­fühl­ten Fak­ten“ wer­den wie Wahr­hei­ten ver­brei­tet und kom­men viel­fach an, weil sie Pflicht­ge­fühl, Grup­pen­zu­ge­hö­rig­keit und Iden­ti­täts­suche an­spre­chen. Das ist kein Zu­fall: Wut schafft Ge­mein­schaft, Wis­sen schafft Dif­fe­ren­zie­rung und Dif­fe­renz.

Die von Kirk ge­führ­te so­ge­nann­te Pro­fes­sor Watch­list war ein prak­ti­sches Bei­spiel da­für, wie Wis­sen­schafts­feind­lich­keit funk­tio­niert. Auf ihr wur­den For­schen­de als Feind­bil­der dar­ge­stellt, be­son­ders Frau­en, Schwar­ze und quee­re Ak­teu­re. Das Ziel war klar: In­sti­tu­tio­nen un­ter Druck set­zen, Kar­rie­ren be­en­den, die öf­fent­li­che De­bat­te ver­knap­pen. Aus mei­ner Sicht er­zeugt das ein Klima, in dem For­schungs­fra­gen nicht mehr sau­ber ver­han­delt wer­den, son­dern per Ver­leum­dung und Mob­bing ver­drängt wer­den.

Rech­te Ex­trem­is­ten pro­fi­tie­ren da­von, wenn Un­si­cher­heit die Lei­tung über­nimmt. Die Fol­ge ist eine Po­li­tik, die nicht mehr auf die Kor­rek­tur von Irr­tü­mern und Sach­po­li­tik zielt, son­dern auf den Er­halt von Macht durch die Ver­tei­di­gung ge­fühl­ter Wahr­hei­ten.

Als Dol­met­sche­rin ist Wis­sens­ver­mitt­lung mein Kern­ge­schäft: Ich er­mög­li­che, dass Fak­ten, Kon­tex­te und For­schungs­ergeb­nis­se Gehör fin­den, prä­zi­se, trans­pa­rent und ver­ständ­lich. Das ist auch ein ak­ti­ver Schutz ge­gen die Ver­ein­fa­chung, die Angst pro­du­ziert. Empa­thie hilft mir, Ge­sprächs­part­ner zu er­fas­sen; Wis­sen gibt mir die Be­grif­fe, um nicht in pa­the­ti­sche oder po­le­mi­sche Ver­ein­fa­chun­gen zu rut­schen.

Wir müs­sen zwei Din­ge gleich­zei­tig tun: Mit­ge­fühl zei­gen, auch für die Fa­mi­lie des Op­fers, und gleich­zei­tig das Ge­füge schüt­zen, das fak­ten­ba­sier­te De­bat­ten er­mög­licht. Sonst ge­winnt am En­de nicht nur ein Ein­zel­ner; son­dern Po­pu­lis­ten, die Wis­sen ver­ach­ten.

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Bild: Um­ar­mung im Stil von Ma­tis­se (Dal­l:e)

Samstag, 23. August 2025

„Wir leben in einer Lüge“

Aus dem Be­rufs­all­tag von Über­set­ze­rin­nen und Über­set­zern, Dol­met­sche­rin­nen und Dol­met­schern be­rich­te ich hier in kur­zen Epi­so­den. Ich bin Fran­zö­sisch­dol­met­sche­rin mit Mut­ter­spra­che Deutsch, dol­met­sche manch­mal auch aus dem Eng­li­schen. Die Bü­ro­kol­le­gin ar­bei­tet nur als Über­set­ze­rin (= schrift­lich), mit Eng­lisch als Ziel­spra­che. Hier Zi­tat, Link und Buch der Wo­che.

Nach ex­akt 178 Ta­gen im Orbit, wo­bei er die Erde 2842 um­kreist und mehr als 71 Mil­lio­nen Flug­mei­len zu­rück­ge­legt hat, kehr­te As­tro­naut Ron Ga­ran als ver­än­der­ter Mann zu­rück. Als er die ISS ver­las­sen hat, sah er nur noch die at­men­de, ver­letz­li­che Erde mit ih­rer hauch­dün­nen At­mo­sphä­re als zen­tra­lem, Le­ben spen­den­dem Mo­ment.

Al­le an­de­ren Din­ge, ein Wirt­schafts­sys­tem, das stets im Wett­be­werb um hö­he­re Zah­len steht, vor al­lem Wachs­tum um je­den Preis und blin­der Fort­schritts­glau­be, wa­ren in sei­nen Au­gen nur noch ei­ne Far­ce. Und er sag­te: We’re li­ving a lie. Ein All­tag, in dem wir die Öko­lo­gie als Glied der Wirt­schaft be­han­deln und nicht an­der­s­her­um, ist ein grund­le­gen­der Irr­tum, auf den wir uns selbst ein­las­sen. Ga­ran sah, wie ab­surd die­se Ein­stel­lung aus der Per­spek­ti­ve des Alls ist.

„Ei­ne dün­ne, blaue Le­bens­li­nie, die ei­nen zer­brech­li­chen Pla­ne­ten um­schließt.“ (Ga­ran)

Auch an­de­re Men­schen im All ha­ben sol­che und ähn­li­che Er­fah­run­gen ge­macht. Mi­cha­el Col­lins stau­ne­te über die Zer­brech­lich­keit des klei­nen blau­en Punk­tes. Ed­gar Mit­chell spür­te förm­lich ei­ne „Ex­plo­si­on des Be­wusst­seins“. Und Wil­liam Shat­ner war nach sei­nem Flug so emo­tio­nal er­schüt­tert, dass er an­ge­sichts der kal­ten Lee­re des Alls und der nährend war­men Erde in ih­rer Zer­brech­lich­keit von ei­ner über­wäl­ti­gen­den Trau­rig­keit sprach.

Was dür­fen, nein: müs­sen wir dar­aus ler­nen?

Die Erde ist kei­ne un­er­schöpf­li­che Res­sour­ce, sie ist der Bo­den, auf dem al­les be­ruht und, im wahrs­ten Wort­sinn, der Grund un­se­rer Exi­stenz. Öko­no­mie ist nichts an­de­res als ein Mit­tel zum Le­ben und kein Selbst­zweck. 

"Die Grenzen des Wachstums" (1972)
Es ist al­les wie­der­holt ana­ly­siert wor­den
Sie muss im Dienst der Le­bens­grund­la­gen al­ler ste­hen, nicht sie do­mi­nie­ren. Die­se Er­kennt­nis­se sind kei­ne eso­te­ri­sche Spin­ne­rei: Sie stam­men aus dem Orbit, aus ei­ner be­deu­ten­den Per­spek­ti­ve.

Oft gibt uns ein Per­spek­tiv­wech­sel den Kick in die Rich­tung, die wir brau­chen. Ein Blick von au­ßen ver­än­dert oft al­les. Die größ­te Lü­ge ist zu glau­ben, dass Wirt­schaft und Wachs­tum wich­ti­ger sind als un­se­re Le­bens­grund­la­gen. Und selbst wenn wir nur ein biss­chen von die­sem Über­blick in un­se­ren All­tag über­tra­gen, wä­ren wir schon wei­ter. Der ganz oben zi­tier­te Ga­ran nennt es nicht Re­fle­xi­on, son­dern Evo­lu­ti­on. Viel­leicht soll­ten wir zu­hö­ren.

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Dennis Mea­dows, Die Gren­zen des
Wachs­tums
, 1972

Samstag, 19. Juli 2025

Berliner Mix (1)

Hal­lo! Wie auch im­mer Sie hier ge­lan­det sind, Sie le­sen auf den Sei­ten mei­nes vir­tu­el­len Ar­beits­ta­ge­buchs. Ich bin Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin und ar­bei­te mit den Spra­chen Fran­zö­sisch und Eng­lisch, Deutsch ist mei­ne Mut­ter­spra­che. Sams­tags brin­ge ich hier ger­ne mei­ne Lieb-Links, auch Links der Wo­che ge­nannt.

Sehr viel An­lass zur Be­geis­te­rung lie­fern die ak­tu­el­len Nach­rich­ten nicht. Oft ar­bei­te ich am Puls der Zeit. Dol­met­schen ist ein Be­ruf, der viel Em­pa­thie, Bil­dung und Spie­gel­neu­ro­nen vor­aus­setzt. Und ich bin zu Neu­tra­li­tät ver­pflich­tet. Ich be­hal­te mir in­des vor, für Men­schen mit ex­tre­men Po­si­tio­nen nicht zu dol­met­schen.

Schütze, was du liebst (als Schrift im Schaufenster)
Ge­se­hen in Ber­lin-Kreuz­berg
In der po­li­ti­schen La­ge von heu­te er­ken­ne ich mei­ne Po­si­ti­on im di­plo­ma­tischen Feld wie­der ein­mal sehr deut­lich; schon als Schü­le­rin ha­be ich oft ver­mit­telt, bin da­zwi­schen­ge­gan­gen.

Ich ver­or­te mich mit ei­ner hu­ma­nis­ti­schen Grund­hal­tung, in et­wa so: men­schen­freund­lich, bil­dungs­op­ti­mis­tisch und kul­tur­för­dernd so­wie na­tur­be­wah­rend.

Ein er­heb­li­ches Stör­ge­fühl stellt sich mir der­zeit beim Le­sen und Hö­ren et­li­cher Me­di­en ein.

Seit Frei­tag vor acht Ta­gen die Wahl der Rich­te­rin­nen und des Rich­ters für das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ab­ge­bla­sen wur­de, sind die Me­di­en, et­li­che se­riö­se, aber vor al­lem die (a)­so­zia­len Me­di­en, vol­ler Ge­rau­ne, Ver­leum­dung und Halb­wahr­hei­ten, was pi­kan­ter­wei­se auch vie­le Men­schen mit gro­ßem Echo­ge­tö­se ver­stär­ken, die den Kan­di­da­tin­nen nicht ein­mal an­satz­wei­se das Was­ser rei­chen kön­nen.

Wer wie ich pro Wis­sen­schaft, pro Auf­klä­rung, aber auch pro Frau­en­e­man­zi­pa­ti­on un­ter­wegs ist, fühlt sich fast per­sön­lich an­ge­grif­fen.

Frau­en sind das Stich­wort: Frau­en­fuß­ball Deutsch­land ge­gen Frank­reich, für wen ich denn wä­re, wer­de ich ge­fragt. Ganz ein­fach, für bei­de Frau­schaf­ten, na­tür­lich. Die Fra­ge ist ge­nau­so re­duk­tio­nis­tisch wie die Fra­ge, ob ich mein lin­kes Bein lie­ber ha­be als mein rech­tes. A pro­pos Bein, die Sa­che mit dem Sta­di­on, dem ei­nen Ball und 22 Men­schen geht mir an der hö­he­ren Bein­par­tie ge­pflegt vor­bei. Statt Fuß­ball- ha­be ich Kul­tur­ter­mi­ne, dar­un­ter „In­sze­nier­tes Selbst. Mar­ta Ast­falck-Vietz“ (bis 13. Ok­to­ber) in der Ber­li­ni­schen Ga­le­rie, sehr heu­tig, sehr weib­lich, sehr Roa­ring twen­ties, die wil­de Fei­er auf dem Kranz des Vul­kans, das ist heu­te sehr ähn­lich.

Abends wird bei mir ei­ne Bil­dungs­lücke ge­schlos­sen: Columbo! Ich so: „Ach, das ist doch der Mann, der im Film ,Him­mel über Ber­lin' bei der Pom­mes­bu­de vor dem An­hal­ter Bahn­hof zu se­hen ist?“ Es setzt ver­dreh­te Au­gen. Po­pu­lär­kul­tur und ich, das passt nicht zu­sam­men ... und ich weiß, wie ko­misch das ist und la­che mit. Wer den Film über das Mauerberlin von Wim Wenders noch nicht gesehen hat, 

Zu­rück zu Frau­en- und Men­schen­rech­ten: Das Eis der Ark­tis schmilzt in Re­kord­zeit, ver­mel­den die Kli­ma­for­scher seit Wo­chen. (Zwi­schen­durch war so­gar vom Rei­ßen ei­nes Kipp­punk­tes die Re­de, das war dann aber wohl ein Über­set­zungs­feh­ler.) Hier: WWF-Link. Nach­trag: Fo­cus, mit nur ei­nem Teil der In­fos.

Frau­en und Kin­der sind auch hier die größ­te Op­fer­grup­pe, und das schon heu­te. Jetzt die Kli­ma­schutz­maß­nah­men nicht ganz oben auf die Agen­da zu set­zen, son­dern die Wünsche der Fos­sillob­bies zu be­die­nen, wird für Mensch und Na­tur viel teu­rer wer­den in Ka­tas­tro­phen­zah­len, aber auch schlicht in Geld ge­rech­net, als es jetzt ei­ni­gen we­ni­gen Su­per­ge­win­ne be­sche­ren kann. Ich ma­che mir gro­ße Sor­gen.

Hier der Link zu ei­ner Über­sicht der wirt­schaft­li­chen Fol­ge­kos­ten plus zu wei­te­ren Kurz­in­fos, Stand Fe­bru­ar 2023, vom BMWK, ei­nem mei­ner Auf­trag­ge­ber, Ti­tel „Kos­ten durch Kli­ma­wan­del­fol­gen in Deutsch­land“, acht Sei­ten, war ge­ra­de im Vor­be­rei­tungs­ma­te­ri­al. Die Zwi­schen­er­geb­nis­se zei­gen stei­gen­de Ten­den­zen. Neue Zah­len kom­men im Herbst. Ich hof­fe, dass (an­ders als in den USA) die ak­tu­el­le Re­gie­rung keine wis­sen­schaft­li­chen Er­geb­nis­se und po­pu­lär­wis­sen­schaft­li­chen Do­ku­men­te löscht.

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Fo­to: C.E.

Samstag, 21. Juni 2025

Drecksarbeit

Im 19. Jahr schrei­be ich hier über mein sprach­be­ton­tes Le­ben, das ich als Fran­zö­sisch­dol­met­scherin und Über­set­ze­rin führe. In der Haupt­stadt ha­be ich mit ak­tu­el­len The­men zu tun. Hier mein kur­zes Wort zum Sams­tag.

Jetzt muss ich doch auch noch dar­über spre­chen, über die­ses Wort, mit dem der deut­sche Kanz­ler Isra­els An­griff auf den Iran be­schreibt, wenn es dar­um geht, dort die Atom­waf­fen­schmie­de still­zu­le­gen, be­vor es zu spät ist.

Der Be­griff „Drecks­ar­beit“, die Is­rael jetzt für uns alle mache, wur­de ihm von der Jour­na­lis­tin im In­ter­view in den Mund ge­legt. Der BK hat hier zu spon­tan und un­be­dacht re­a­giert. Es ist sein ers­tes po­li­ti­sches Füh­rungs­amt ever.

Drehe ich es um. Die Wel­ten­ge­mein­schaft hat die Atom­her­stel­lung zu lan­ge lau­fen las­sen. Auch po­li­ti­sche Mor­de (ali­as „To­des­stra­fe“) und die Ent­rech­tung von Frau­en lässt die Wel­ten­ge­mein­schaft sehr oft un­kom­men­tiert ge­sche­hen. Iran zählt zu je­nen, die An­grif­fe ge­gen Is­ra­el ko­fi­nan­zie­ren, die et­li­chen Geg­nern kon­kret Waf­fen und Brot in die Hän­de ge­ben. Die Wel­ten­ge­mein­schaft hätte also ei­nen gro­ßen Grund ge­habt, ein­zu­grei­fen; Is­ra­el hat­te meh­re­re. Wie es zu dem Be­griff kom­men kann, ist nach­voll­zieh­bar, trotz­dem ist als men­schen­feind­li­cher Duk­tus wie aus der Lingua Ter­tii Im­pe­rii ein­zu­ord­nen (Link).

Ich wün­sche also den Be­tei­lig­ten, mehr Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men, und zwar so­wohl in welt­po­li­tischer Sicht, als auch in sprach­li­cher Sicht.

Al­te For­men in Ber­lin-Kreuz­berg
Hätte ich jetzt viel Geld zu in­ves­tie­ren, ich wür­de mich für Un­ter­neh­men en­ga­gie­ren, die die an­ste­hen­de Drecks­ar­beit leis­ten, im ori­gi­nä­ren Wort­sinn. Ich spre­che vom Wie­der­auf­bau. Na­tür­lich bin ich für an­ge­stamm­te Bau­wei­sen. Aber dort, wo viel­leicht schon län­ger der in­ter­natio­na­le „Ren­di­te­stil“ do­mi­niert hat, oh­ne ech­ten Cha­rak­ter, und wo ein Ge­fühl für For­men und Er­gän­zun­gen vor­han­den ist, die iden­ti­täts­stif­ten­des Lo­kal­ko­lo­rit ge­ben, wird hof­fent­lich sehr bald ei­ne neue Me­tho­de ak­tu­ell, die Kriegs­schutt zu le­go­ähn­li­chen Zie­geln ver­ar­bei­tet.

Diese Idee stammt aus Deutsch­land, aus Mainz: Link. (In Aus­tra­lien soll ei­ne Fir­ma zeit­gleich Ähn­liches an­ge­fan­gen ha­ben, fin­de ich im Netz.)

In Kriegs- und Kri­sen­ge­bie­ten lie­gen ton­nen­wei­se die Res­sour­cen buch­stäb­lich auf der Stra­ße: Schutt. Die­ser Ab­fall kann, und das ist bes­te Kreis­lauf­wirt­schaft, in Pres­sen zu le­go­ar­ti­gen Bau­stei­nen ge­formt wer­den, zu­gleich Low Tech und passt zur de­so­la­ten La­ge in den Ge­bie­ten.

Die Idee ent­stand im Bü­ro des Bau­in­ge­nieurs Al­fons Schwider­ski im Ge­spräch mit ei­nem sy­ri­schen Prak­ti­kan­ten: „Ei­nes Ta­ges bau­en wir Alep­po wie­der auf“, sag­te die­ser. Der Clou: Wo sonst en­er­gie­in­ten­siv­er Ze­ment ein­ge­setzt wird, kann Asche ge­nutzt wer­den. Er­probt wird die Me­tho­de in Deutsch­land und in Ga­za, wo ei­ne NGO in die Er­pro­bung ein­ge­bun­den ist. Die Stei­ne wie­gen rund elf Ki­lo, grei­fen in­ein­an­der. Das Roh­ma­te­ri­al lässt sich mit ein­fa­chen Brech­ma­schi­nen vor­be­han­deln. Selbst mehr­stö­cki­ge Ge­bäu­de können so ent­ste­hen, auch oh­ne Mör­tel.

Lo­kal ge­nutz­tes Ma­te­ri­al, mo­du­lar ver­ar­bei­tet, so lau­tet der Grund­ge­dan­ke. Die deut­sche Ge­sell­schaft für In­ter­natio­nale Zu­sam­men­ar­beit (GIZ) hat sich der Idee an­ge­nom­men. In Ni­ger et­wa un­ter­stütz­te sie den Bau ei­ner Schul­kan­ti­ne mit vor Ort pro­du­zier­ten Lehm­zie­geln. Auch mit Holz wird hier ex­pe­ri­men­tiert. Da­zu gibt es bis­lang nur High-end-Lö­sun­gen mit Mond­holz und me­tall­frei­en Ver­bin­dun­gen.

Wich­tig wä­re hier auch, neue Ab­hän­gig­kei­ten zu ver­mei­den. Pa­tent­freie Ide­en, die sich be­ste­hen­der Tech­nik be­die­nen, könn­ten hier der Gold­stan­dard sein. Ich muss an den Wie­der­auf­bau von Ber­lin den­ken. Hier wur­de der Schutt ein­fach nur weg­ge­schob­en, nach­dem die un­be­schä­dig­ten Zie­gel­stei­ne von Hand raus­ge­sucht wor­den war­en. Die Stadt „ver­dankt“ dem Krieg ei­ni­ge Hü­gel, hier wer­den sie „Ber­ge“ ge­nannt. Das Stadt­zen­trum ge­gen­über dem Ro­ten Rat­haus liegt an­der­thalb Me­ter hö­her als in der Vor­kriegs­zeit, ab­zu­le­sen an den Trep­pen an der Ma­ri­en­kir­che, die einst von ei­nem wun­der­schö­nen Vier­tel um­ge­ben war.

Je äl­ter ich wer­de und je mehr Fo­tos ich vom al­ten Ber­lin ge­se­hen ha­be, des­to un­ver­zeih­li­cher fin­de ich es, dass die Ge­schich­te über­all mit dem Hand­rü­cken weg­ge­wischt und kom­plett Neu­es, oft Häss­li­ches, Kurz­le­bi­ges aus dem Bo­den ge­stampft wur­de. In der Nach­kriegs­zeit lag das am Ma­te­ri­al­man­gel. Nicht aus­zu­den­ken, wo wir heu­te wä­ren, wenn es die­se bahn­bre­chen­de Idee des Bau­ma­te­ri­al­re­cyc­lings da­mals schon ge­ge­ben hät­te. Ich wün­sche, dass wir sie im heu­ti­gen Deutsch­land mas­siv ein­set­zen.

Wenn ich reich wä­re, wür­de ich also dort in­ves­tie­ren. Und ich wür­de Frie­dens­tau­ben züch­ten. Wie das geht? Weiß doch ich nicht! Dol­met­scher:in­nen wis­sen viel, aber auch nicht al­les.

So, jetzt muss ich noch die täg­li­che Me­lio­ra­ti­on in der Woh­nung um­set­zen, dann ler­nen. Wün­sche all­seits ein schö­nes Wo­chen­en­de.

P.S.: Mich hat wiederholt die Fra­ge er­reicht, wie in der Markt­for­schung die Ton­auf­nah­men (Ori­gi­nal­ton, mei­ne Dol­met­schung) tran­skri­biert wer­den. Ich ha­be die Fra­ge wei­ter­ge­reicht und auch in ei­nem Film­ver­band (Dok) ge­stellt. Da­zu gibt es dem­nächst hier ei­nen Blog­post.

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Fo­to: C.E. (Wal­de­mar- Ecke Pück­ler­str.)

Samstag, 1. März 2025

Diplomatisches Fiasko

Hal­lo! Sie ha­ben zu­fäl­lig oder be­wusst ei­ne Sei­te mei­nes di­gi­ta­len Ar­beits­ta­ge­buchs auf­ge­schla­gen. Ich bin Dol­met­sche­rin und Über­set­ze­rin für Po­li­tik, Wirt­schaft und Land­wirt­schaft, Me­di­en, So­zia­les und Kul­tur.

Ei­gent­lich hat­te ich uns ein lang­wei­li­ges Jahr ge­wünscht, wohl ah­nend, dass es da­zu nicht kom­men wür­de.

Gespräch vor Kamin, zwei Männer
Ein Bild für Lehr­bü­cher (ver­frem­det)
Jetzt reiht sich ein his­to­ri­scher Tag an den nächs­ten. Ge­fühlt ist 2025 schon so viel pas­siert wie sonst in ei­nem Jahr ... oder in fünf.
Dass mit "DDT" in Über­see ei­ne tox­i­sche Per­sön­lich­keit an der Macht ist, dürf­te spä­tes­tens jetzt al­len klar sein.

Of­fen­sicht­lich legt er und sei­ne En­tou­ra­ge auch kei­nen Wert auf di­plo­ma­ti­sche Ge­pflo­gen­hei­ten. Auch wenn der ukrai­ni­sche Prä­si­dent durch­aus gut Eng­lisch spricht, so wä­re hier der Ein­satz von Dol­met­scher:in­nen ein Dämp­fer ge­we­sen, hät­te Raum für Be­denk­zeit ge­schaf­fen, Zeit, Mimik und Ge­bär­den zu ana­ly­sie­ren und ei­nen Plan B für die Au­ßen­wir­kung zu ent­wi­ckeln. Hier wur­de ge­gen üb­li­che Ge­pflo­gen­hei­ten ver­sto­ßen. (Beim Tref­fen mit dem fran­zö­si­schen Staats­chef wa­ren Kol­leg:­in­nen an­we­send.)

Das Set­ting war von An­fang an (be­wusst) falsch ge­wählt. Im nicht ganz run­den Büro (ich las­se den Na­men be­wusst weg, um den Tä­tern nicht noch mehr Reich­wei­te zu ver­schaf­fen) wer­den nor­ma­ler­wei­se kei­ne Pres­se­kon­fe­ren­zen ab­ge­hal­ten. In die­sen Raum ha­ben TV-Ka­me­ras ei­gent­lich nur zu zwei Zwe­cken Zu­tritt: für die Auf­zeich­nung von An­spra­chen oder ei­nes kur­zes Hand­shakes, das mehr oder we­ni­ger wort­los ge­schieht. Für Pres­se­kon­fe­ren­zen gibt es ei­nen ge­son­der­ten Raum. Dort wird ver­laut­bart, was im Vor­feld ab­ge­spro­chen wor­den ist.

So läuft die Ent­schei­dung, hier vor der in­ter­na­tio­na­len Pres­se zu ver­han­deln (und sich spä­ter zu strei­ten), von An­fang an den di­plo­ma­ti­schen Ab­läu­fen zu­wi­der. Es sieht aus, als sei al­les so or­ga­ni­siert wor­den, um den Gast mög­lichst stark zu ver­un­si­chern. Auch das un­ge­wöhn­lich hohe Auf­ge­bot an Ver­tre­tern des Gast­ge­ber­lan­des ge­gen­über ei­ner ein­zel­nen Per­son ist auf­fäl­lig: Dass der Vi­ze­prä­si­dent, der Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter und aus­ge­wähl­te Pres­se an­we­send wa­ren, ent­spricht nicht der üb­li­chen Pra­xis.

Wir se­hen hier deut­lich, wohin es führt, wenn ein Land wie ei­ne Fir­ma ge­führt wird, mit ei­nem Chef, der zu­dem ein ver­ur­teil­ter Straf­tä­ter ist und frü­her ei­ne TV-Show mo­de­rier­te, in der es dar­um ging, Men­schen ein­zu­stel­len oder aus­zu­sor­tie­ren. In bester Ma­fia-Ma­nier wur­de hier je­mand ab­ge­kan­zelt, laut­stark ver­bal ge­nö­tigt, kör­per­lich be­drängt. Sol­che Sze­nen sind aus der der west­li­chen Welt noch nie in den Nach­rich­ten zu se­hen ge­we­sen, seit es Fern­se­hen gibt.

"You are fired!" hat DDT nach dem Mee­ting zwar nicht ge­sagt, aber die Welt­öf­fent­lich­keit dürf­te ge­nau das ge­dacht ha­ben, vor al­lem, als er die La­ge am En­de mit "This is going to be great te­le­vi­sion" kom­men­tier­te. Er­schwe­rend kommt hin­zu, dass auch sein Vis-à-vis kei­ne klas­si­sche po­li­ti­sche Kar­rie­re von der Pi­ke auf ge­macht hat, son­dern zu­nächst als Schau­spie­ler vor Ka­me­ras stand. Mit der Här­te in­ter­na­tio­na­ler Po­li­tik war er kon­fron­tiert, als plötz­lich der Nach­bar krie­ge­risch in sein Land ein­fiel.

Als Dol­met­sche­rin wer­te ich nicht, son­dern ha­be ei­ne pri­va­te Mei­nung. Und wenn ich wie­der Zeit ha­be, wer­de ich mir das knapp ein­stün­di­ge Tref­fen in vol­ler Län­ge an­se­hen (Link hier). Wer je­doch S. heu­te für sein Ver­hal­ten kri­ti­siert (wie Tei­le der bür­ger­li­chen Pres­se und ei­ni­ge Po­li­ti­ker), über­sieht, dass T. die un­an­ge­mes­se­ne und völ­lig un­pas­sen­de Si­tua­ti­on erst her­beig­e­führt hat. (Es wirkt wie ein schlech­tes Film­script.)

Und ich stel­le fest, dass hier zu­nächst bran­chen­frem­de Per­so­nen die Rol­le von Po­li­ti­kern über­neh­men und dass sich Po­li­ti­ker, seit TV-De­bat­ten all­abend­lich über die Bild­schir­me flim­mern, im­mer mehr zu Show­fi­gu­ren ent­wi­ckelt ha­ben. Changing times — mit Fol­gen, die sich be­reits er­ah­nen las­sen. Ich hat­te uns ein lang­wei­li­ges Jahr ge­wünscht.

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Il­lus­tra­ti­on: Pixlr.com

Samstag, 30. November 2024

Klickfabriken

Kom­mu­ni­ka­ti­on ist al­les, Bil­dung und In­for­ma­ti­on sind die zwei­te Hälf­te. ☺ Ich übe mich ge­ra­de in Kin­der­lo­gik; das zwei­te klei­ne Fräu­lein, die Fast-Sechs­jäh­ri­ge, mei­ne gro­ße Nichte, hat die­ses Prin­zip eben erst ge­lernt. Hier ver­öf­fent­liche seit 2007 als Sprach­ar­bei­te­rin Epi­so­den aus unserem All­tag, also über Dol­met­scher und Dol­met­sche­rin­nen. Am Sams­tag folgt der Link der Wo­che, ei­ner Wo­che mit al­ten Schreib­tisch­fo­tos und ei­nem Schwer­punkt­the­ma, der so­ge­nann­ten Küns­tli­chen In­tel­li­genz.

Schreibtisch, Lampe, Blumen, Buch, Schreibzeug
"Individuelle Beleuchtung" (1923)
Eine ausländische Über­set­zungs­a­gen­tur wirbt im Netz so oder so ähn­lich: "Wir über­set­zen mit un­se­rem Su­per­al­go­rith­mus zu 100 Pro­zent mit der KI". Eine Kol­le­gin in Eu­ro­pa be­kommt An­fra­gen exakt die­ser A­gen­tur, und da ist dann plötzlich nur in­di­rekt von KI die Re­de, denn es folgt das klas­si­sche A­gen­tur­prin­zip: Text hin­schicken, Über­set­zung zu­rück.

Und dann der Kna­ller, denn für die Ab­wick­lung der Auf­trä­ge muss sie sich schriftlich da­zu ver­pflich­ten, ohne jeg­li­che Un­ter­stüt­zung durch die KI zu ar­bei­ten. Zu­dem soll sie sich für wei­te­re Auf­trä­ge in fes­ten Zeit­rah­men zur Ver­fü­gung stel­len. Das Ho­no­rar be­trägt ein Drit­tel des­sen, was sie sonst be­rech­net, das Stand by wäre ohne Ver­gü­tung.

Noch kann sie sich leis­ten, die An­fra­ge in die Ton­ne zu tre­ten.

An­de­re Men­schen ha­ben kei­ne Wahl, und schlech­te Be­zah­lung und Ar­beits­be­din­gun­gen ge­hen noch schlim­mer. In Län­dern ohne viel Job­an­ge­bo­te sit­zen Men­schen in Klick­fa­bri­ken (neu­deutsch Cloudfactory) und brin­gen der KI bei, was sie ler­nen soll. In müh­sa­mer De­tail­ar­beit iden­ti­fi­zie­ren dort die Ar­bei­te­rin­nen und Ar­bei­ter di­gi­ta­le Bil­der und brin­gen der KI auf Dro­hnen­fo­tos bei, was ein Haus­dach, was ein Park­platz und was ein Swim­ming Pool ist, um die Pa­ket­zu­stel­lung durch die Luft zu ver­bes­sern.

Ein Ge­heim­nis der KI

Welt­weit wird von zehn Mil­lio­nen Men­schen ge­spro­chen, die auf die­se Art und Wei­se die KI trai­nie­ren, denn erst durch die mensch­li­che In­ter­ven­ti­on "kann" die KI, was sie "kann". Dazu hat SWR2 Wis­sen über meh­re­re Mo­na­te re­cher­chiert, der Link zum Pod­cast-Bei­trag hier: Wie Klick­ar­bei­ter in Ke­nia aus­ge­beu­tet wer­den".Im Bei­trag ist von ei­nem bis zwei Eu­ro die Stun­de die Re­de, was zu we­nig ist fürs Über­le­ben. Be­trof­fe­ne emp­fin­den es als Skla­ven­ar­beit.

An­de­re trai­nie­ren das Ver­hal­ten von Chat­bots oder die Tech­nik da­rin, Mus­ter in La­bor­prä­pa­ra­ten oder Ge­walt­dar­stel­lun­gen zu er­ken­nen, zum Teil mit trau­ma­ti­sie­ren­dem Ma­te­ri­al. Da­bei ist der Um­gang mit den Men­schen in der di­gi­ta­len Ar­beit selbst nicht ohne Ge­walt, an­ge­fan­gen bei der Un­ter­be­zah­lung. Wer von zu­hau­se aus ar­bei­tet, wird oft mit Tra­cking oder per Com­pu­ter­ka­me­ra über­wacht.

Ar­beits­schutz­ge­set­ze und an­de­re Re­geln, die die Pri­vat­sphä­re ga­ran­tie­ren, Er­run­gen­schaf­ten des Glo­ba­len Nor­dens, gel­ten im Sü­den nicht.

The Big Five & Co.

Äpfel, Äpfel, Äpfel
Urheberrecht: die Natur
Die Kund­in­nen und Kun­den der Klick­fa­briken sind die be­kann­ten Grö­ßen, de­ren Ziel es sei, die Leis­tungs­fä­hig­keit der KI zu ver­schlei­ern, um den "Zau­ber" die­ser Tech­nik nicht zu be­schä­di­gen, so von den Jour­na­lis­ten be­frag­te Fach­leu­te. Ähn­lich wie mit dem Schutz der Mit­ar­bei­tenden hal­ten es die Tech-Gi­gan­ten mit dem Schutz des Ur­he­ber­rechts oder der Pri­vat­sphä­re der­je­nigen, de­ren Da­ten zu Trai­nings­zwe­cken ver­wen­det wer­den. Es ist Dieb­es­gut und auch ganz pri­va­te Fa­mi­lien­fo­tos kön­nen da­run­ter sein.

Denn Bil­der al­lein rei­chen of­fen­bar nicht. Die KI brauch­e nicht nur vie­le Bil­der, son­dern auch eine de­tail­lier­te Be­schrei­bung des­sen, was zu se­hen ist. "KI-Sys­te­me sind düm­mer, als es der Hype ver­muten lässt", wird auch Mi­la­gros Mi­ce­li zi­tiert, In­for­ma­tike­rin und So­zio­lo­gin am Wei­zen­baum-In­sti­tut in Ber­lin.

Vo­ka­bel­no­tiz
The Big Five, die Tech-Gi­gan­ten — les GA­FAM (Goog., Amaz., Faceb., an­ge­bis­se­nes Obst und Mi­cros.) plus die­ser Her­stel­ler selbst­fah­ren­der Kut­schen, kei­ne Lust auf vol­le Na­mens­nenn­ung!

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Il­lus­tra­tion: pixlr.com (Zu­falls­fund) und
Archiv Elias Lossow (Originallegende)

Samstag, 23. November 2024

Krisenmanagement

Hal­lo! Hier denkt seit 2007 ei­ne Sprach­ar­bei­te­rin über be­son­de­re Epi­so­den aus dem All­tag der Dol­met­scher und Dol­met­scher­in­nen nach. Ich schrei­be da­bei au­to­bio­fik­tio­nal, um die Kund­schaft zu schüt­zen. Da­her hat sich nicht al­les, was hier ge­schrie­ben steht, zu 100 Pro­zent am be­wuss­ten Tag ex­akt so zu­ge­tra­gen. Manch­mal fas­se ich zwei Mo­men­te zu­sam­men. Was ich in­des ver­si­chern kann: Al­les ist wirk­lich und wahr­lich er­lebt und er­lit­ten.

Mein Sams­tags­linik hier, die War­nung vor der Kli­ma­ka­tas­tro­phe könn­te dring­licher nicht sein: Be­droh­te At­lan­tik­strö­mung AMOC auf "Spie­gel On­line", ei­ne wei­te­re an­ge­kün­dig­te Ka­tas­tro­phe in der Kli­ma­ka­tas­tro­phe. Und weil es von der Jah­res­zeit und dem Hei­zungs­the­ma her so gut passt, hier noch ei­ne Epi­so­de aus mei­nem viel­fäl­ti­gen Dol­met­sche­rin­nen­le­ben.

Ein Tag im grau­en No­vem­ber, ein wei­te­rer grau­er Tag nach vie­len an­de­ren grau­en Ta­gen: Seit mehr als ei­nem Mo­nat wird un­se­re seit Mo­na­ten knal­len­de Hei­zung, die auch das hei­ße Was­ser pro­du­ziert, schmerz­lich ver­misst. Das Ge­rät ist fast 30 Jah­re alt. Wir ha­ben es aus Si­cher­heits­grün­den aus­ge­stellt. Ir­gend­ein Teil ist de­fekt.

Gibt es eine Übersetzung? - Ja, es gibt unter "mehr" eine Dolmetschfunktion.
Chat­fens­ter ei­ner On­line-Soft­ware
Un­se­re glorreiche Haus­ver­wal­tung me­di­tiert sich die Ha­va­rie ge­ra­de wie­der zu­recht, schät­ze ich. Schon län­ger schei­nt sie ernst­haft zu er­wä­gen, ob das an­ge­kün­dig­te süd­ita­lie­ni­sche Wet­ter durch den Kli­ma­wan­del schnell ge­nug kommt, oder aber sie hof­ft auf För­der­geld zum Ein­bau neu­er Hei­zun­gen oder da­rauf, dass sich doch ein Er­satz­teil zur Re­pa­ra­tur an­fin­det.
Hin­ter­gund: Als un­ser Miet­haus vor vier Jah­ren von ei­ner gro­ßen Geld­an­la­ge­fir­ma ge­kauft wur­de, die im Auf­trag des Pen­si­ons­fonds ei­ner Bank aus der Schweiz agiert, hat die Ver­wal­tung erst­mal sämt­li­che War­tungs­ver­trä­ge für die Haus­tech­nik ge­kün­digt und nicht er­setzt. So­was kos­tet doch auch nur un­nö­tig Geld der An­le­ger:in­nen, oder?

Die­se Haus­ver­wal­tung zu in­for­mie­ren fühlt sich seit­her an, wie mit ei­nem to­ten Brief­kas­ten zu kor­re­spon­die­ren. Kom­plett ab­surd: Durch För­der­gel­der zur Mo­der­ni­sie­rung war die­ses "Mo­dell" in den letz­ten Jahr­zehn­ten so­gar öko­no­misch 'er­folg­reich', hat den Ei­gen­tü­mern Ge­win­ne be­schert, so­gar dann, wenn die Sa­nie­rung am En­de schwie­ri­ger und teu­rer wur­de; Fehl­an­rei­ze, die seit Jahr­zehn­ten be­kannt sind!

Zu­rück zu mir bzw. zu uns. Wir sit­zen der­zeit meis­tens in der Kü­che und sind in­zwi­schen Back­pro­fis. Haus­ge­mach­tes Brot, Auf­lauf und Ku­chen hel­fen, denn der Back­herd wärmt den Raum auf, es ist wie einst bei der Oma. Oft sit­ze ich da al­lei­ne, nicht im­mer. Und wir ha­ben noch ei­nen klei­nen Heiz­lüf­ter, der mit durch die Woh­nung wan­dert. Am Wo­chen­en­de wird es vol­ler. Was könn­te es da Bes­se­res ge­ben, als am Sams­tag für ei­nen Bil­dungs­ver­ein dol­met­schen zu ge­hen.

Ich bin ei­ne hal­be Stun­de vor Be­ginn vor Ort und rich­te mich ein. Der Kol­le­ge, den ich noch nicht ken­ne, glänzt noch durch Ab­we­sen­heit. Wir war­ten und fan­gen mit Ver­spä­tung an. In der ers­ten Stun­de dol­met­sche ich das hy­bri­de Event al­lei­ne. Dann folgt ei­ne ver­län­ger­te Kaf­fee­pau­se. Wir sind wei­ter oh­ne Nach­richt von ihm. Ir­gend­wann stellt sich her­aus, dass ihn ei­ne hef­ti­ge Grip­pe über Nacht der­art aus den Lats­chen ge­hau­en hat, dass er nicht ein­mal da­zu im­stan­de war, Han­dy oder Rech­ner zu be­mü­hen und ab­zu­sa­gen.

Zwi­schen­durch ist der Vor­sit­zen­de des Ver­eins ein­ge­sprun­gen, über­nimmt beim nächs­ten Pa­nel ei­ni­ge Ma­le für zehn, 15 Mi­nu­ten das Dol­met­schen ... und hat sich ganz wacker ge­schla­gen! Glück­wunsch! In ei­nem ähn­li­chen Fall, da­mals war's Co­ro­na, war zu­fäl­lig ei­ne Kol­le­gin im Raum mit der Ar­beits­spra­che Spa­nisch. Sie hat­te vor Ewig­kei­ten auch mal Fran­zö­sisch ge­lernt und übernahm das Dol­met­schen ins Deut­sche.

In der Zwi­schen­zeit geht ei­ne Sam­mel­mail an die Kol­le­gin­nen mit ei­nem Hil­fe­ruf. Nach der Mit­tags­pau­se sind wir zu zweit! (Kon­kret: Mer­ci beau­coup, Isa­bel­le!)

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Fo­to: Zoom (be­ar­bei­tet mit pixlr)

Samstag, 19. Oktober 2024

Geisterbahn

Hel­lo, gu­ten Tag oder bon­jour auf den Sei­ten ei­ner Sprach­ar­bei­te­rin. In die­sem di­gi­ta­len Ta­ge­buch kön­nen Sie an ei­ni­gen Ta­gen in der Wo­che er­fah­ren, wie wir Dol­met­sche­rin­nen und Über­set­ze­rin­nen, Über­set­zer und Dol­met­scher ar­bei­ten. Heu­te: Link der Wo­che.

Ärger­nis Bahn, ei­gent­lich woll­te ich nicht mehr viel dar­über schrei­ben, muss es heu­te aber auf­grund ei­ner ZDF-Re­por­ta­ge (aus dem März!), die mich lei­der kaum über­rascht hat: Deut­sche Bahn: Die In­sider — Tricks hin­ter den Ku­lis­sen.

Maske und Frau, im Hintergrund die Rückenlehne mit dem Kopfteil der Bahn. In der Grippesaison ist es sinnvoll, mit Maske zu reisen.
Wenn al­les hus­tet und schnieft: Mas­ke!
Als pfle­gen­de An­ge­hö­ri­ge im long dis­tance care bin ich auf sie an­ge­wie­sen. Der Film von Mar­vin Mohr wid­met sich vie­len The­men, da­run­ter kri­ti­siert er den Abo­fal­len­trick (mei­ne Lö­sung: kurz nach der Bu­chung schon wie­der zum En­de der Lauf­zeit kün­di­gen, da den­ke ich noch dran), be­rich­tet dann, dass Teil­stre­cken güns­ti­ger sind als die ver­gleich­ba­re Lang­stre­cke (das ist auch mir neu), be­schreibt frag­wür­di­ge In­vest­ments der Bahn im Aus­land und das Green­wa­shing dieses grund­sätz­lich um­welt­freund­li­che­n Ver­kehrs­sys­tems. So grün, wie sie ak­tu­ell vor­gibt zu sein, ist die in­des Bahn nicht.
 
Mein Wunsch: Das Wer­be­bud­get strei­chen und in Ver­bes­se­run­gen in­ves­tie­ren! 

Auch das The­ma Hy­gie­ne be­han­delt der Film. Den Spei­se­wa­gen wer­de ich nun mei­den, mehr da­zu in der Re­por­ta­ge. Auch die Sa­che mit den Rück­leh­nen­kis­sen und dem Ober­flä­chen­put­zen in den Zü­gen ist ek­lig. Wer jetzt schnell ist mit Markt­idee und -um­set­zung, bie­tet bald maß­ge­schnei­der­te Hus­sen zum Drü­ber­stül­pen an, de­ren Stoff dicht ge­nug ist und heiß ge­nug ge­wa­schen wer­den kann, er­gänzt durch ein Ex­tra­täsch­chen, um Kon­ta­mi­na­tio­nen zu ver­mei­den.

An­ders auf­ge­zo­gen hät­te ich den Film­teil mit den Prä­mi­en für Viel­fah­ren­de. Rich­tig: Das Sys­tem ist un­durch­sich­tig, der un­an­ge­kün­dig­te Punk­te­ver­fall be­scheu­ert. Aber na­tür­lich fährt nie­mand mit der Bahn, nur um eine Prä­mie zu be­kom­men, das Ba­shing für "bil­li­ge Prä­mi­en" fin­de ich un­an­ge­bracht. Ich wä­re eher dar­auf ein­ge­gan­gen, dass die re­ser­vier­ten Plät­ze für Sta­tus­fah­rer:in­nen, auch ein Teil der Vor­zü­ge, oft an­ders be­legt sind und nicht frei­ge­ge­ben wer­den.

Bento-Box mit eigenem Essen, Stoffserviette und Gabel
Selbstgekochtes: gesünder und günstiger
Au­ßer­dem wä­re es bes­ser, die­se in den Ru­he­be­reich zu ver­le­gen, denn wir Viel­rei­sen­den sind meist zu bes­ter Bü­ro­zeit un­ter­wegs und ar­bei­ten. Dass die Bahn­mit­ar­bei­ter sich zu ver­war­nen wei­gern, wenn Viel­la­be­rer im Ru­he­be­reich kei­ne Rück­sicht neh­men möch­ten, ist wie wa­cke­li­ges In­ter­net und aus­ge­lei­er­te Steck­do­sen noch ein wei­te­res gro­ßes Bahn­är­ger­nis für Men­schen wie mich, die ich zwi­schen 1500 und 3000 Ki­lo­me­ter mo­nat­lich mit der Bahn fah­ren muss.
Und als je­mand, die zu­dem nicht mehr 20 oder 30 Len­ze jung ist, ha­be ich Er­in­ne­run­gen an frü­her, als vie­les nicht bes­ser, aber an­ders war. Wenn die klei­ne "Om­ma" aus Un­na zu uns kam, stand schon ei­ni­ge Ta­ge zu­vor ihr Kof­fer mit­ten im Flur. 

Den hat­te die Bahn vor­ab mit der Bahn trans­por­tiert (und nicht mit ei­nem LKW wie heu­te, was das CO2-Er­geb­nis wei­ter ver­schlech­tert); ich glau­be, dass Ge­päck­auf­ga­be da­mals auch nicht teu­er war.

Und wenn die klei­ne Groß­mut­ter, die den Spitz­na­men "Omaus" trug, dann aus der "Ei­sen­bahn" ge­pur­zelt ist, ist sie erst­mal län­ger im Bad ver­schwun­den, so sehr steck­ten ihr die Er­in­ne­rung an die ru­ßi­gen koh­le­be­trie­be­nen Lo­ko­mo­ti­ven ih­rer Kind­heit noch in den Glie­dern. Koh­len sind es nicht mehr, die heu­te ver­feu­ert wer­den, nur Koh­le wird da mas­siv ver­brannt, auch mei­ne, so­gar durch frag­wür­di­ge Ge­schäf­te im Aus­land. Kurz: Nach der Ei­sen­bahn­nut­zung im­mer von Kopf bis Fuß schrub­ben. Nach­her schrei­be ich mei­nen Ab­ge­ord­ne­ten. Bis auf wei­te­res heißt die Bahn jetzt bei mir: siehe oben, denn das Un­ter­neh­men ist wirk­lich gru­se­lig.

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Fotos: C.E.

Samstag, 20. Juli 2024

Elite ist kein Fruchtjoghurt

Bon­jour und herz­lich will­kom­men! Hier bloggt eine Sprach­ar­bei­te­rin. Fran­zö­sisch in Ber­lin, Deutsch in Frank­reich, so geht mit mei­ner Sprach­kom­bi mei­ne De­fi­ni­ti­on für Dol­met­scher los. Wir müs­sen uns im­mer wie­der mit gro­ßer Leich­tig­keit an die Um­ge­bung an­pas­sen, die wir ver­to­nen. Heu­te: Lieb-Link der Wo­che!

Hans Sachs,  Holzschnitt von Michael Ostendorfer (1545)
Der his­to­ri­sche Hans Sachs (Holz­schnitt von 1545)
Schon als Schü­le­rin ha­be ich un­ter­schied­li­che Mi­lieus stu­diert, al­ler­dings eher un­frei­wil­lig. Ein­ge­schult wur­de ich in ei­ner mit­tel­hes­si­schen Uni­stadt, be­such­te die Grund­schu­le in der Nach­bar­schaft mit ei­nem ge­walt­tä­ti­gen Ex-Na­zi als Leh­rer. Als Freun­des­grup­pe wech­sel­ten wir im ers­ten Schul­halb­jahr ge­schlos­sen in ei­ne Grund­schu­le am Stadt­rand. 

Hier, im Neu­bau­ge­biet, lei­te­te ein al­ter, hu­ma­nis­tisch ge­präg­ter Di­rek­tor die Schu­le. Er war in den letz­ten zwei Jah­ren un­ser Klas­sen­leh­rer, er hieß Hans Sachs, ich ver­eh­re ihn bis heu­te.


Er präg­te das Kli­ma in der Schu­le, in der ge­stal­te­ri­sche Früh­er­zie­hung eben­so an­ge­bo­ten wur­de wie Chor­ge­sang. Sol­che kul­tu­rel­len Leucht­tür­me braucht je­der Stadt­teil. Die Nach­bar­schu­le war ei­ne neue Ge­samt­schu­le mit jun­gen Leh­rern, wir wech­sel­ten spä­ter wie­der als Grup­pe, und al­les in al­lem ein­fach toll. Es gab ein Sprach­la­bor, ei­ne Schul­kü­che, Holz- und Me­tall­werk­stät­ten, ein Fo­rum, das für de­mo­kra­ti­sche Pro­zes­se ge­nutzt wur­de und ei­ne sehr gro­ße Sport­hal­le. An der Schu­le tra­fen sich Kin­der aus den un­ter­schied­lichs­ten Schich­ten.

Dann, nach ei­nem Um­zug aufs Land und nach Ba­den-Würt­tem­berg: An ei­nem Pro­vinz­gym­na­si­um traf ich auf al­te Leh­rer­in­nen und Leh­rer mit zum Teil merk­wür­di­gen Me­tho­den. Ei­ner von pre­dig­te uns stän­dig, wir sei­en die Eli­te. Den Be­griff kann­te ich da­mals nur als Mar­ke ei­nes Frucht­jo­gurts, der spä­ter zur Haus­mar­ke ei­nes Dis­coun­ters wur­de.

Heu­te: Ge­dan­ken zu ei­nem um­strit­te­nen Be­griff und der Link zu ei­nem Zei­tungs­ar­ti­kel, der mir aus dem Her­zen spricht. Es fol­gen die Kern­the­sen von "Hilfe, ich bin eli­tär" aus der Fe­der von Georg Se­eß­len, die ta­ges­zei­tung, 17.7.2024. 

Der Be­griff „Eli­te“ wird oft miss­ver­stan­den und miss­braucht. Kei­ne Ge­sell­schaft kann oh­ne Eli­ten aus­kom­men, aber es ist ho­he Zeit, die Eli­ten zu de­mo­kra­ti­sie­ren und gleich­zei­tig der De­mo­kra­tie eli­tä­re Zü­ge zu ver­lei­hen.

Ei­ne Eli­te be­steht aus Men­schen, die über­durch­schnitt­li­che Fä­hig­kei­ten oder Kennt­nis­se ha­ben. Es gibt ver­schie­de­ne Ar­ten von Eli­ten, dar­un­ter be­ruf­li­che, wis­sen­schaft­li­che, po­li­ti­sche und kul­tu­rel­le Eli­ten. Je­de Be­rufs- und Wis­sens­ge­mein­schaft hat ih­re ei­ge­nen Eli­ten, und der ge­gen­wär­ti­ge Fach­kräf­te­man­gel kann auch als ein Man­gel an Eli­ten ver­stan­den wer­den.

Eli­ten sol­len Wis­sen, Macht und Ei­gen­tum kon­trol­lie­ren, aber nicht zu selbst­re­fe­ren­ti­el­len, macht­be­ses­se­nen Sub­sys­te­men wer­den. Rech­te Be­we­gun­gen rich­ten sich nicht ge­gen Eli­ten per se, son­dern nur ge­gen de­mo­kra­ti­sche Eli­ten.

Eli­ten soll­ten mit ih­ren Pri­vi­le­gi­en und ih­rer Macht ver­ant­wor­tungs­voll um­ge­hen und ih­re Ar­beit der Ge­sell­schaft zu­gu­te kom­men las­sen. Die Ge­sell­schaft braucht Eli­ten, aber sie müs­sen de­mo­kra­tisch kon­trol­liert wer­den und ihr En­ga­ge­ment muss al­len zu­gu­te kom­men.

Ei­ne der ers­ten For­de­run­gen muss des­halb lau­ten: Die bes­te Bil­dung für al­le!  Wo­mit ich wie­der bei Hans Sachs wä­re, nicht bei dem his­to­ri­schen Mann, son­dern bei dem Schul­di­rek­tor, über den im Netz lei­der nichts zu fin­den war.

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Il­lus­tra­ti­on (Wi­ki­me­dia): Hans Sachs, 

Sonntag, 12. Mai 2024

EU-Sprachendienst in der Presse

Will­kom­­men auf den Sei­ten ei­ner Dol­met­scher­in für die fran­zö­si­sche Spra­che (und aus dem Eng­li­schen). Hier den­ke ich über den Arbeits­all­tag in der Ka­bi­ne und am Über­setzer­schreib­tisch nach. Heu­te ein al­tes Sonn­tags­bild aus der Ka­bi­ne und ein neu­er Presse­be­richt über Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen.

Die öster­rei­chi­sche "Neue Presse" hat sich die­se Wo­che un­se­rem Be­ruf ge­wid­met. Am 8. Mai er­schien in der öster­rei­chi­schen Zei­tung ein mit "Der Turm­bau zu Straß­burg: Wie man Eu­ro­pa über­setzt" über­schrie­be­ner Ar­ti­kel.

Die Au­to­rin die­ser Zei­len zu Gast in Stras­bourg (2007)
Jour­na­list Mi­cha­el La­czyn­ski macht mit ei­ner Re­chen­auf­ga­be auf: Wie vie­le Sprach­kom­bi­na­ti­o­nen sind in den Sit­zungs­räu­men und -sä­len der EU denk­bar? Aus­ge­hend von 24 Amts­spra­chen kom­men wir auf 552 mög­li­che Paa­run­gen. Die "Neue Presse" dazu tref­fend: "... Das Po­ten­zi­al für ba­by­lo­ni­sche Sprach­ver­wir­run­gen ist so­mit groß."
Da­her ge­hö­ren die Sprach­ab­tei­lun­gen zu den per­so­nell am bes­ten aus­ge­stat­te­ten Res­sorts der In­sti­tu­ti­o­nen.

Fer­ner teilt der Ar­ti­kel die Spra­chen­welt der EU rich­ti­ger­wei­se in Über­set­zer:in­nen (schrift­lich) und Dol­mets­che­r:in­nen (münd­lich) ein. (Das ist auch au­ßer­halb von Par­la­men­ten so.) Wir Dol­mets­che­rin­nen und Dol­mets­cher sind im­mer hoch­er­freut, wenn die Men­schen von der Presse die­se In­for­ma­ti­on ak­ku­rat wie­der­ge­ben. Der Nor­mal­fall ist lei­der, dass die Be­grif­fe falsch, also wild durch­ei­nan­der als Sy­no­ny­me ver­wen­det wer­den.

Auch das Dol­mets­chen wird nä­her be­schrie­ben. Zi­tat: "Die­se Ar­beit ist der­art for­dernd, dass die Schich­ten ent­spre­chend ge­stal­tet wer­den müs­sen, denn die neu­ro­lo­gi­sche Ka­pa­zi­tät der Dol­mets­cher sinkt wäh­rend der hoch­kon­zen­trier­ten Ar­beit nach un­ge­fähr ei­ner hal­ben Stun­de ra­pi­de ab."

Be­rich­tet wird auch, dass wir Dol­mets­che­rin­nen und Dol­mets­cher im­mer in die Mut­ter­spra­che über­tra­gen, in der EU aus­ge­hend von bis zu sechs Aus­gangs­spra­chen. Ich ken­ne ei­ni­ge Kol­leg:in­nen von dort. Sie ha­ben groß­zü­gi­ge Fort­bil­dungs­an­ge­bo­te und kön­nen sich auch mehr­mo­na­ti­ge Aus­zei­ten im je­wei­li­gen Land neh­men. Ar­beits­be­din­gun­gen, von de­nen un­se­rei­ner träumt.

Wir frei­en Dol­mets­cher:in­nen ar­bei­ten bi­la­te­ral, wech­seln rasch Sprach­rich­tung, oft so­gar tri­la­te­ral, häu­fig mit der Ein­schrän­kung, dass die drit­te Spra­che nur Aus­gangs­spra­che ist.

Zu­rück zum Ar­ti­kel. Aus­ge­hend von den 552 mög­li­chen Sprach­kom­bi­na­ti­o­nen stellt Jour­na­list Mi­cha­el La­czyn­ski die be­rech­tig­te Fra­ge, wie die Kol­leg:in­nen da­mit um­ge­hen, wenn von den Sprach­ar­bei­ter:in­nen kei­ne(r) vor Ort ei­ne be­stimm­te ge­for­der­te Kom­bi­na­ti­on lie­fern kann. Die Aus­gangs­spra­che wird dann in ei­ne "so­ge­nan­nte Re­lais­spra­che (üb­li­cher­wei­se ins Eng­li­sche) und in ei­nem zwei­ten Schritt aus dem Eng­li­schen in die Ziel­spra­che" ver­dol­metscht, das dau­e­re zwar ein we­nig, hel­fe aber den De­le­gier­ten, an den Dis­kus­si­o­nen pas­siv oder ak­tiv teil­neh­men zu kön­nen.

Man­che Ein­sät­ze fän­den auch au­ßer­halb des Par­la­ments statt; ei­ne Grup­pe Dol­mets­che­rin­nen und Dol­mets­cher wür­den ge­ra­de Uk­rai­nisch ler­nen, be­rich­tet der Jour­na­list wei­ter.

Auch hei­kle The­men kom­men im Ar­ti­kel vor. Was pas­siert bei Black­out, er­klä­rungs­be­dürf­ti­gen Ab­kür­zun­gen oder wenn et­was un­ver­ständ­lich war? Hier ant­wor­ten die Dol­metsch­kol­leg:in­nen, in­dem sie un­se­re Team­ar­beit er­klä­ren. In Brüs­sel und Stras­bourg wer­den üb­ri­gens im­mer drei gleich­zei­tig für ein- und die­sel­be Sprach­kom­bi­na­ti­on ver­pflich­tet; im Eu­ro­pä­i­schen Rat ha­be ich bei hei­klen The­men be­ob­ach­tet, dass die Wech­sel nicht alle 20, son­dern alle zehn Mi­nu­ten statt­fan­den.

In un­se­rem "All­roun­der"-Be­reich (in dem es auch Spe­zia­li­sie­run­gen gibt), sit­zen wir meis­tens nur zu zweit in der "Bütt", es sei denn, die Ver­an­stal­tung hat Über­län­ge.

Last but not least geht es auch noch um die Fra­ge, ob die KI un­se­re Be­ru­fe be­droht oder nicht. "Über­set­zungs­soft­wa­re" oder "Dol­metsch­tools" sind ja in al­ler Mun­de. Da­zu be­rich­tet Su­si Vi­de-Wink­ler von der Ge­ne­ral­di­rek­ti­on "Trad", dass auch dort längst KI-un­ter­stützt ge­ar­bei­tet wird, das Sys­tem brau­che aber mensch­li­che "Auf­sicht — weil es et­wa ver­su­che, Ei­gen­na­men zu über­set­zen, oder weil es nicht ver­trau­tes Vo­ka­bu­lar aus­spa­re."

Hier geht es zum le­sens­wer­ten Ar­ti­kel, des­sen letz­te Ab­schnit­te dem Über­set­zen ge­wid­met sind: klick!

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Fo­to: Kerstin Krolak

Mittwoch, 13. März 2024

Flaschenhals

Bon­jour, gu­ten Tag & hel­lo! Der Ar­beits­all­tag von Sprach­ar­bei­te­r:in­nen ist Ge­gen­stand des Web­logs. Mei­ne Spra­chen sind Deutsch, Fran­zö­sisch und Eng­lisch. Wie Dol­met­sche­rin­nen und Dol­met­scher ar­bei­ten, be­schrei­be ich hier seit 2007. Heu­te den­ke ich wei­ter über un­se­ren Markt nach. (Vor­gän­ger­text hier: klick!)

Der Fla­schen­hals ist ein kla­res Bild, das lei­der ei­nen sehr gro­ßen Teil des Agen­tur­markts in der Sprach­bran­che ab­bil­det. Die we­ni­gen gu­ten Agen­tu­ren sind meist ex­trem spe­zia­li­siert, auf tech­nische, ju­ris­ti­sche oder medi­zi­ni­sche Über­set­zun­gen und da­bei auf we­ni­ge Spra­chen zum Bei­spiel. Die an­de­ren, die mit viel Geld mit Slo­gans wie "alle The­men, al­le Welt­spra­chen, sie­ben Ta­ge die Wo­che, rund um die Uhr er­reich­bar" wer­ben, stel­len für uns Voll­pro­fis nicht sel­ten ein Pro­blem dar.

Bank­no­ten auf dem Tisch, Mün­zen in der Fla­sche
Ei­ne bei ei­nem Kol­leg:in­nen­stamm­tisch ken­nen­ge­lern­te jun­ge Hoch­schul­ab­sol­ven­tin ist auf­grund der Mul­ti­kri­sen bei ei­ner Agen­tur ge­landet, wo sie als Ver­mitt­lerin fun­giert. Sie ist al­so stän­dig auf der Su­che nach Über­set­ze­r:in­nen und Dol­met­sche­r:in­nen.

Doch sie lei­det un­ter ei­nem nicht zu ver­ach­ten­den "De­tail": Die Ver­gü­tung, die sie im Na­men der Fir­ma den Sub­un­ter­neh­mer:in­nen für hoch­qua­li­fi­zier­te Ar­beit an­bie­ten darf, liegt im Be­reich der sprich­wört­lichen "Pea­nuts".

Problem Billig-Agenturen

Die jun­ge Frau ist im­me­rhin vom Fach. Oft sind die Ver­mitt­ler:in­nen fach­fremd, nicht selten so­gar ohne pro­funde Be­rufs­aus­bil­dung, was ger­ne im Bü­ro­ma­nage­ment an­fängt. (Zu oft lan­den An­fra­gen per Rund­um­aus­sen­dung in mei­ner Mail­box; dabei sind alle Emp­fänger:in­nen na­ment­lich auf­ge­führt, Dutzende Sprach­arbei­ter:innen, mit all­ge­mein ge­hal­te­ner An­rede; ei­ne Mail, die zu ver­sen­den nicht viel Zeit in An­spruch ge­nom­men ha­ben kann.)

Der Zu­fall wollte, dass ich die jun­ge Frau, die mir beim Stamm­tisch ge­gen­ü­ber­saß, be­reits durch An­fra­gen in mei­ner Mail­box kannte: "Dol­metscher:in ge­sucht ..." und dann so ein Winz­ho­no­rar. Ihre Nach­fra­ge­mails hat­ten einen im­mer ver­zweifel­teren Grund­ton. Auch auf ver­schie­denen Platt­for­men war sie mir auf­ge­fal­len.

Keine Nachwuchspflege

Ein­mal hat sie mich so­gar an­geru­fen. Ich frag­te nach, was denn aus dem klei­nen Stamm von Mit­ar­bei­ten­den der Fir­ma ge­wor­den sei. An­t­wort: "Das Team ist im Um­bruch, etliche Kol­leg­in­nen sind um­ge­stiegen in an­de­re Be­rufe oder in die Fa­mi­lien­zeit, das mit den Neu­zu­gän­ge hat nicht so ge­klappt wie er­hofft."

Ich er­laubte mir einen Ver­weis auf den Preis. Da­rauf die jun­ge Frau: "Die Bud­gets sind fest, das Mut­terhaus hat sie aus­ge­han­delt. Mit Sprach­dienst­lei­stung ist nicht viel Geld zu ver­die­nen."

Da­mit meinte sie die Per­spek­tive der Über­set­zer:in­nen und Dol­met­scher:in­nen. All­zu gerne hätte ich wi­der­sprochen. Die junge Frau hätte nicht ant­wor­ten kön­nen, sie sitzt im Groß­raum­bü­ro die­ser "Agen­tur­ket­te", die ähn­lich wie man­cher Sand­wich­la­den als Kette im Fr­an­chi­sing funk­tio­niert. (An­de­re Agent­uren ha­ben echte Fi­lial­unter­ne­hmen.)
Große Margen

Meis­tens liegt das Pro­blem bei der Akqui­se, wo Kun­den ge­le­gent­lich auch Fan­ta­sie­prei­se an­ge­bo­ten wer­den, um den Wett­be­werb mit uns Frei­be­ruf­le:r­in­nen zu ge­win­nen, so­wie am Flaschen­hals mit seinen Ex­tra­kos­ten: Werbe­maß­nahmen, Re­nom­mier­adres­se, teu­re Mes­se­stän­de, me­di­al sicht­bare "Cha­ri­ty-Ein­sät­ze" und der­glei­chen mehr.

Wel­che Sum­men da zu­gleich im Um­lauf sein kön­nen, wurde Mit­te der Zeh­ner Jah­re of­fen­sicht­lich, als sich in den USA das Grün­der­ehe­paar ei­ner Rie­sen­agentur in einem dor­ni­gen, von Jour­na­lis­ten be­glei­te­ten Rosen­krieg schei­den ließ: Es ging um Lu­xus­woh­nun­gen in New York mit Park­ blick und be­st­do­tierte Ak­tien­pa­kete, al­les durch die Age­ntur und ih­re um die hun­dert Bü­ros welt­weit fi­nan­ziert.
 
Wett­be­werbs­ver­zer­rung durch Co­ro­na­hil­fen

Aus ei­ner an­de­ren Qu­el­le habe ich spä­ter das er­fah­ren: Die deut­schen Sprach­dienst­leis­tungs­fir­men ha­ben als GmbHs in der Co­ro­na­zeit oft sehr ho­he Staats­hil­fen be­kom­men (an­ders als wir Frei­be­ruf­ler:in­nen). Vie­le com­pu­te­raf­fi­ne jun­ge Men­schen im Stu­di­um such­ten da­mals plötz­lich ei­nen Job im Ho­me­of­fice, so wur­den gan­ze Bran­chen­ver­zeich­nis­se ab­te­le­fo­niert und Kun­den mit Erst­kun­den­ra­bat­ten ge­lockt, die un­an­stän­dig hoch wa­ren.

Ähn­li­che Ra­bat­te gab es dann für den Zweit- oder Drit­tauf­trag, wenn ein Rah­men­ver­trag für ein Dut­zend Ter­mi­ne un­ter­zeich­net wur­de. Le­dig­lich für die Erst­ein­sätze wur­den hoch­qua­li­fi­zier­te Frei­be­ruf­ler:in­nen ver­pflich­tet, mit Preis­ab­schlä­gen, zu de­nen sie nur des­halb be­reit wa­ren, weil ih­nen pan­demie­be­dingt die Ar­beit weg­gebro­chen war und ... sie­he oben.

Preiswert

Da­bei ist wich­tig zu wis­sen, dass hoch­qua­li­fi­zier­te Dienst­leis­ter:in­nen au­ßer­halb exis­ten­ziel­ler Kri­sen nicht zu lä­cher­lich nie­dri­gen Hono­raren ar­bei­ten. Eine an­ge­mes­se­ne Ver­gü­tung un­serer Ar­beit ist nicht nur ge­recht­fer­tigt, son­dern ein­fach not­wen­dig für manch­mal ta­ge­lan­ge Vor­be­rei­tung.

Qua­li­tät braucht Zeit, auch in der be­ruf­li­chen, oft ent­beh­rungs­rei­chen Ent­wick­lung von uns Sprach­pro­fis mit lan­gen Stu­dien- und Aus­lands­jah­ren. Das Er­geb­nis ist nicht bil­lig oder "preis­wert", son­dern schlicht sei­nen Preis wert.

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Illustration:
Dall:e (bringt wieder Pseudo-
Matisse hervor)

Samstag, 21. Januar 2023

Mischmasch

Hallo, bon­jour, welcome! Hier bloggt eine Dol­met­scher­in und Über­set­zerin für die französische Sprache (Ziel­spra­chen DE und FR sowie aus dem Engli­schen). Es ist Sams­tag und es folgen quer­beet einige Links der Woche.

Heute in den Medien: Die KI, am Beispiel von ChatGPT3, ent­wickelt sogar Phi­shing­mails, da sie erstklassig texten 'können' soll mit indivi­dueller Zielgruppen­an­spra­che, außerdem würde das Programm die Verschlüsselung für Angrif­fe auf Computer auf Anfra­gen schreiben und Wege für die vollauto­matische Abwick­lung ihrer er­pres­se­ri­schen Forde­rungen finden. Na prima. Der Welt reicht wohl die krimi­nelle Energie der Menschen nicht aus, jetzt gibt es automa­tisierte Unter­stützung! Quelle und Link:  Forschung aktuell — Computer und Kom­munikation auf Deutsch­landfunk.

Am Thema KI werde ich dranbleiben, auch wenn dieser Tage mein Fokus auf dem Gesund­werden liegt. Ich hab seit Ende letzten Jahres sämtliche in den Jahren 2020 und 21 ausgelassenen HNO-Erkran­kungen, die nicht vom Covid-19-Virus ausgelöst wurden, in Serie nach­geholt. Also stehen gutes Essen und ein wenig spazieren­ge­hen auf dem Prog­ramm, es ist bit­ter kalt draußen durch eisigen Wind, dann alte Fotos sor­tieren, weiter­schlafen. Der Brain fog, das verne­belte Gehirn, lüftet sich langsam.

Beruf­lich ver­pas­se ich nichts. Üblicher­weise wieder­kehrende Termi­ne am Ran­de der Grünen Woche zwischen franzö­sischen und deut­schen Partner:innen, bei denen ich vor der Pan­demie wieder­holt dol­metschen durfte, fal­len dieses Jahr aus, weil aufgrund des in Paris gefeierten Jubilä­ums des Ély­sée-Ver­trags in Berlin we­ni­ger los ist. Und bei den Fach­podien am Ran­de der Grünen Woche auf dem Ber­liner Mes­­se­ge­län­de ist Fran­zö­sisch leider inzwi­schen selten gewor­den. 

Also beschäf­tigen mich die­ser Ta­ge weder Milch­wirtschaft noch Stall­formen wie Freiland- versus Anbinde­haltung, weder EU-Regu­larien zum Nitrat­ein­trag ins Grund­wasser noch Flächen­neu­in­an­spruch­nah­me oder Bionormen. Nächstes Jahr wahr­schein­lich dann wieder. In der Zwischen­zeit sind an­de­re Agrar­themen für die kom­menden Wochen dazu op­tioniert. Auch wenn ich diesen Mo­nat nur 200 Euro Umsatz ge­macht haben werde, ist die wirt­schaft­liche Lage von uns Konferenz­dolmet­scher:innen (ganz grund­sätzlich sowie bei mir persön­lich) nicht mehr so düster wie Ende 2021.

Inge und ihre Freundin spielen Messe

Mit den fest verein­barten Tagen im Ge­päck kann ich in den nächs­ten Wochen weiter Agrar- und Bio­themen pauken, je­den Tag eine halbe bis eine Stunde, denn Boden-, Wasser-, Lebens­mittel und Raum­ord­nungs­the­men stehen im Zen­trum der Klima­debatte.
Da ich derzeit keine ex­ter­nen Ter­mi­ne wahrneh­men muss, hat mich auch meine Frisörin lange nicht ge­se­hen. Wenn ich die jungen Damen sehe, die hier "Bubi­kopf­wick­ler" auf einer Messe an­zu­prei­sen schei­nen, sieht mich ein heu­ti­ges Ge­sich­t an.
Inges Zeit vor fast 100 Jahren war doch ge­ra­de 'eben erst', vor wenigen Sekun­den, denke ich, wenn wir das Alter un­seres Heimat­planeten betrach­ten.

Und erst seit 150 Jahren etwa vergiften wir den Globus systematisch, also nur ein Fin­ger­schnip­pen, ganz­heit­lich be­trach­tet. Ich wün­sche mir mehr Demut auf der Welt, um die Lebens­grund­la­gen vieler Spezies, darunter des Homo sa­piens, ab­zu­sichern. Wir Fos­si­lien­jun­kies könn­ten uns doch end­lich auch mal bessern!

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Foto:
Inge Rösler (re) mit Freundin, Bubi-
kopfwickler, Sammlung Elias Lossow

Samstag, 29. Oktober 2022

Heimat

Will­kom­men im digi­talen Arbeits­ta­ge­buch aus der Spra­chen­welt. Sams­tags brin­ge ich hier, wenn ich es schaf­fe, mei­nen aktu­el­len Lieb-Link.

Haus Simon (Drehort)
In meiner Jugend gab es Begrif­fe, die ver­brannt waren und die es im Grun­de bis heute sind. "Na­tio­nal" ist so einer. Da echo­­te noch zu stark nach, was ei­nige Jahr­zehnte zuvor Leid, Tod und Zer­störung über Eu­ro­pa ge­bracht hatte. Noch heute übertrage ich die solution na­tio­nale als "frank­reich­weit gül­ti­ge Lösung". Ist län­ger, ja, aber klappt.

Natürlich ist es ziemlich blöd, wenn bestimmte Gruppen mit ihren Ver­schwörungs­er­zäh­lungen Begriffe beschmutzen und für lange Zeit un­brauchbar machen. Heute ist das die "Alternative", was schon ziemlich heftig ist, waren "die Alter­na­tiven" doch jahr­zehn­te­lang die juteta­schen­tra­genden Ge­sund­heits­schuh­ler:innen. Oder das Wort "querdenken". Bäh.

Auch "Heimat" war lange so be­schmutzt, klang es doch noch nach "BluBo" (Blut und Boden), nach Nar­zis­sen (Nazi-Frau­en) und "Heimat­schutz", wo Kinder und Opas dem Höllen­feuer des zu Ende ge­hen­den Krie­ges in den Schlund gewor­fen wurden. 

Dann kam Edgar Reitz. Der große Edgar Reitz. Er schenkte uns in den 1980-er und früh­en 90-er Jahren seine Heimat­trilogie. Wir alle wohn­ten damals in Schab­bach und waren in Schnüss­chen verlie­bt, auch wir Fra­uen. (Und Helmut Kohls dialek­tale Einfärbung war plöt­zlich we­ni­ger pein­lich. Ohne "Heimat" und Mauer­fall wäre er En­de der 1990-er abge­wählt wor­den!)

Jetzt (und den ganzen Novem­ber über) ist der erste Teil der Groß­serie (be­ste­hend aus drei Zyklen) auf 3Sat zu sehen. Für die Deutschlerndenden hier: Ich hoffe,  dass ohne Geolokalisierung gesendet wird. Sonst etwas dazwischenschalten, was Euren Standort verwirbelt, ihr wisst schon. Denn Ihr braucht natürlich kulturelles Hin­ter­grund­wis­sen für Eure künf­ti­ge Ar­beit. Und wir hoffen dann auf die nächsten Folgen der Chronik der deutschen Geschichte aus der Perspektive der kleinen Leu­te, liebes 3Sat!

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Foto: Totina, Bauernhaus mit Schmiede
in Gehlweiler
, Wikicommons

Samstag, 23. Januar 2021

COVIDiary (251)

Im Blog aus der Welt der Spra­chen folgt heu­te der Link der Wo­che, dieses Mal ein Hinweis von meiner Kollegin Jacqueline Breuer aus Hameln. Danke, Jackie!

Ein Lob der komplexen deut­schen Mut­ter­spra­che konnten wir in der Mo­nats­mit­te in der Wochen­zei­tung DIE ZEIT lesen — und dankenswerterweise jetzt auch online: Lob der Mut­ter­spra­che. Warum wir uns nicht von der "Angli­sierung über­rol­len lassen" sollten, so der Untertitel des Beitrags, schildert Wolfram Kinzig hier eindrucksvoll an Bei­spielen seines Faches. Die letzten beiden Sätze seines Bei­trags bilden eine Art Zusam­menfassung und damit ein Plai­doyer für sprachliche Vielfalt: "Eine andere Sprache ist eine andere Welt­sicht. Wir sollten weiter­hin aus mög­lichst vielen Rich­tungen auf die Welt blicken."

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Ilustration:
DIE ZEIT

Samstag, 5. Dezember 2020

COVIDiary (213)

Will­kom­men im digi­talen Arbeits­ta­ge­buch aus der Welt der Über­setzer und Dol­met­scher. Die meis­ten von uns sind selb­stän­dig, sie ar­beiten selbst und ständig. In der Co­ro­na­zeit ist alles anders.

Optische Täuschung

Heute blicke ich ausnahms­weise auf das Gu­te an Corona, denn Seelen­hygiene ist wich­tig: Voraus­gesetzt, ich mache so weiter, werde ich Anfang August 2021 die stolze Zahl von 1872 Kilo­meter binnen Jahresfrist zu Fuß gegangen sein. Das ist mehr als die Strecke von meiner Wohnung ans andere Ende Frankreichs, in den Badeort Saint-Jean-de-Luz an der Atlantik­küste, kurz vor der iberischen Halbinsel. (Bis dahin sind es nur 1700 Kilometer.)

Mein corona­warn­app­taug­li­ches Bürohandy informiert mich täglich über die zu Fuß zurückgelegten Kilometer (inklusive Anzahl der erklommenen Stockwerke). Für viele We­ge hätte ich früher die öffentlichen Ver­kehrs­mit­tel genutzt. 

Jetzt plane ich Besorgungen anders. Oft wandere ich aus Lichtgründen in der Mitte des Tages, selten am Abend. Und ich habe festgestellt, dass die sieben bis zwölf Kilometer, die ich zweimal die Woche als kleine Trainings­höhe­punkte zu­rück­le­ge, mich inzwischen kaum noch ermüden.

Kreuzberg im Abendlicht
Meistens walke ich, manchmal spaziere und gelegentlich jogge ich. Dabei höre ich oft Podcasts auf Englisch und Franzö­sisch. Und bei manchem Blick in den Hinterhof habe ich spontan das Gefühl, in Paris zu sein.

Abends, und dies ist mein Link der Woche, auf Arte "Vom Schreiben und Denken. Die Saga der Schrift" gesehen. Wunderbar! Vor allem für uns Sprach­menschen, die wir (als Dolmet­scherinnen) viel mit Symbolen zu tun haben: Wie Hiero­glyphen erst als ein Rebus benutzt wurden und wie ihre Verkürzung als Beitrag von Mi­granten, die nach ihrer Ankunft langsam die Lan­des­­sprache lernen mussten, die Er­fin­dung der Buch­staben war, das ist ultraspannend!

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Fotos: C.E.

Samstag, 28. November 2020

COVIDiary (207)

Bonjour und guten Tag! Hier bloggt ei­ne Dol­met­sche­rin. Was Kon­fe­renz­dol­met­scher und Über­setzer machen, und na­tür­lich auch wir Frau­en im Be­ruf, wie sie bzw. wir arbeiten, ist hier seit Mitte der Nuller Jahre re­gel­mä­ßig Gegen­stand in Form von kleinen Epi­soden aus dem Alltag. Derzeit ist alles im Umbruch.

Einer von drei Biedermeierstühlen
Erbgestühl (derzeit in der Werkstatt)
"Tetris für Erwachsene" sagt einer meiner Brüder zum gekonnten Einräumen einer Spülmaschine. Wir spielen das jetzt on a large scale, in großem Maßstab, in der Wohnung. 

Einige Jahre lang gab es im hinteren Zim­mer eine stille Mitbewohnerin, Claire, die ihre Sachen für sechs Monate bei mir ein­ge­lagert hatte und anschließend ihren Hausstand reduzieren wollte. Bei einem Stipendium, ein Austauschprogramm für Berufstätige, lernte sie am letzten Tag, ge­nauer: bei ihrem "Ausstand" in einem Bü­ro­ge­bäu­de mit vielen Aus­lands­kor­res­pon­den­ten, ihren Liebsten kennen. Sie lebt inzwischen mit ihm und drei Kindern in Washington. 

Ihre Schwester Laurence kam anschließend regelmäßig vorbei. Sie hat den Raum wie ein Hotelzimner genutzt. (Bett, Stuhl, Tisch, Ablage waren aufgebaut und funktionstüchtig.) Wichtige Dinge aus dem Besitz ihrer Schwester hat sie dabei peu à peu mitgenommen. Mit ihr wollten wir 2020 die letzten Sachen aussortieren. Dann kam Corona. "Die letzten Sachen" ist noch eine ganze Menge. Es ist hohe Zeit, dass aus dieser Bude wieder ein gemütliches Zimmer wird.

Stehlampe (musste gehen)
Mein Vater ist letzten Sommer gestorben, jetzt habe ich einige Biedermeiermöbel mehr, die noch in der Werkstatt stehen und bald kommen. Um Platz zu schaffen, habe ich bereits das eine und das andere aus meinem in Jahr­zehn­ten angesammelten Bestand verkauft. Dazu habe ich die Vorzüge von Ebay-Kleinanzeigen kennengelernt. (In Zeiten pandemieverringerter Umsätze ist das eine gute Sache.)

Die Wohnung neben meiner stand länger leer, da wird bald Mary mit ihrer Tochter Emily einziehen, zwei Bereits-schon-Nach­ba­rin­nen, die bislang Sabines Wohnung im Hinterhaus bewohnt haben, die ih­rer­seits nach vier Jahren aus der Schweiz zu­rück­kehrt. 

Für die Grafikerin Mary, die aus Australien stammt, war es wichtig, im Kiez zu bleiben, denn sie kümmert sich in gemeinsamer Elternschaft mit Emilys Vater Tom um das Kind. Er wohnt auch in der Gegend.

Echte Neuankömmlinge werden John und Barbara sein. Sie sollen am "Boxing day" herkommen, das ist der 2. Weihnachtstag. Die beiden Übersetzerkollegen fliehen vor dem Brexit und der schlechten medizinischen Versorgung in London.

Claire grüßt aus Washington und schreibt: "Verschenke, was Du nicht brauchen kannst." Mary, die künftige Wohnungsnachbarin, ist seit vielen Jahren in Deutsch­land. Sie hat immer möbliert gewohnt. Soviel zum Tetris. Was meine Aussie-Ladies (die Australierinnen) von Claires Sachen fürs Erste oder dauerhaft gebrauchen kön­nen, wird schlappe 30 Meter weiterziehen. Mich freut das sehr, es ist so prak­tisch!

Das waren jetzt viele Namen! Wer das gelesen hat, darf jetzt ohne im Text zu­rück­zu­springen aus der Erinnnerung auf die Frage antworten: Wie hieß mein Vater mit Vornamen? Die Auflösung kommt am Ende.

Das Prinzip des Erhaltens und Ziehenlassens ist wie das Wachsen und Vergehen im Jahreslauf ein Grundprinzip des Lebens. Ich bin die Älteste einer kinderreichen Fa­milie, mich tröstet dieses Setting. Wer heute ganz allein lebt, hat es schwerer als an­dere, ebenso Menschen, die in konfliktreichen Beziehungen zu jenen stehen, mit denen sie Raum und Zeit teilen. Für meine Zeitgenossen bin ich dankbar. Un­ser Mö­bel­te­tris in Zeiten der Pandemie ist auch eine Chiffre für die Sterblichkeit der Menschen. Die Gegenstände überleben uns alle. Sie gehören uns nicht, wir ge­hö­ren vielleicht ihnen ... et encore ... nicht einmal das ist sicher.

Und den Namen meines Vaters hatte ich oben gerade gar nicht genannt. Im Fa­mi­lien­kreis nannten wir ihn in der Kurzform für Heinrich: Heiner.

Klappsekretär (musste gehen)

Weitere Quellen für Gebrauchtmöbel: BSR-Tausch- und Verschenkmarkt. Eher trashig ist der Hallentrödel in der Arena, in der sich manchmal aber auch gute Schnäppchen machen lassen.

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Fotos:
C.E.
Die meisten Namen habe ich geändert.