Donnerstag, 22. August 2019

Vortrag vs. Vorlesung

Was Kon­fe­renz­dol­metscher und Übersetzer so umtreibt, davon können Sie hier ein wenig mitbekommen. Im 13. Jahr beschreibe ich hier meinen sprachbetonten All­tag. Oft ha­de­re ich mit der Welt und ret­te mich dann mit lin­gu­is­ti­schen Be­trach­tun­gen vor ernsthaften Verstimmungen.

Bilder einer Vorlesung
Du oder Sie, geneigte Leserin, geneigter Leser, ahnen ja gar nicht, wie viele un­ver­öf­fent­lichte Blogein­träge hier im Archiv schlum­mern. Es ist immer das Gleiche. Geschrie­ben ist es schnell, dann geht's ans (immer schnel­lere) Über­ar­bei­ten. Steht der Text, folgt das Edi­ting, also die An­pas­sung an die Bilder, Trenn­zei­chen­setzung und derlei.

Manchmal stellt sich mir zwischendrin die Fra­ge, ob ich den Text veröffentlichen soll. Die freie Pub­lizistik hat ihre Fallen. Zumal ich ja hier überwiegend einen Blog aus dem Arbeits­leben verfasse. Mit der Um­­welt- und der Welt­po­litik bin ich schon lange nicht mehr ein­ver­stan­den. (War ich das jemals?)

Wie äußert eine Dolmetscherin, die per defini­tionem immer im Hinter­­grund blei­ben muss, ihre Meinung? Nicht einfach. Kurz: Das Schat­ten­ar­chiv umfasst genauso viele Blogeinträge wie der veröffent­lichte Teil, davon wäre mög­li­cher­wei­se ein Drittel eine gute Grundlage. Lieber schreibe ich über Sprache. Und auch heute rettet mich wieder eine Bitte wie diese hier aus Marokko: "Bedeuten Vor­le­sung und Vortrag die gleiche Sache?"

Der Begriff "Vor­le­sung" stammt aus dem universitären Bereich, auf Französisch wä­ren das die cours généraux. An der alten "Ordinarien­universität" stand tat­säch­lich jemand vorne am Pult, in eine Robe gekleidet, hat ein Papier vorgelesen. (Manche weniger guten Redner machen das heute noch, allerdings ohne Robe.) Eine Vor­le­sung hält die Profes­sorin oder der Professor oder die Assisten­tin/der Assistent oder auch Habili­tanden oder Promo­venden des Studiengangs, wenn die Letztgenannten auch Lehrbeauftragte sind. Der Inhalt einer Vor­le­sung ist an einen akademischen Kanon gebunden, den klar definierten Stoff, den es zu lernen gilt.

Also wird es zum Beispiel jeden Dienstag um 10.00 Uhr im Fach Wirt­schafts­geo­gra­fie um ein anderes Thema gehen, um am 8. Oktober ist das Thema "La­ger­stät­ten fossiler Rohstoffe" dran. (Das liest sich für mich wie das Wort "Or­di­na­rien­uni­ver­si­tät".)

An der Universität, Kurzform "Uni", gibt es aber auch Vorträge: Durchreisende Wis­sen­schaftler, Gastdozenten, Forscher berichten über ihre Fachthemen. Die Vor­trä­ge sind freier in Inhalt und Form. Spricht der Redner wirklich frei und blickt nur ab und zu auf sein Papier, ist es ein "freier Vortrag", was für uns Dol­met­­sche­rin­nen und Dol­met­scher immer die bessere Variante ist.

Auch außerhalb des akademischen Betriebs werden Vorträge ver­an­stal­tet. Alle, die etwas zu sa­gen haben, können ihre Vorträge halten. Vor Erfindung der Volks­­hoch­schu­len und der Massen­medien gab es oft "Vortrags­reisende", die aus fernen Ländern oder über wis­sen­­schaftliche Erkennt­nisse berichtet haben. Alte An­kün­di­gungs­zet­tel solcher Vor­trags­orte lesen sich wie das hal­be Pro­gramm von Phoe­nix und Arte.

Ironisch ausge­drückt kann ich jemandem, dem ich mal tüchtig "die Meinung gei­ge" oder eben etwas vor­sich­ti­ger einen Vor­trag halten; halte ich sie oder ihn für dumm, ihr oder sein Ver­halten für schwer fehler­haft, kann es sogar eine "Stand­pau­ke" sein.

Zusam­men­fassung: Eine Vor­le­sung wird an Bildungsstätten von Lehr­körpern im Rahmen eines festen Programms gehalten. Vorträge kann jede und jeder halten, der oder die etwas zu sagen hat, ganz gleich, ob Wissen­schaftler oder nicht. Auch der Ort des Vortrags ist frei.

Obdachlose gegenüber der Sorbonne
Merksatz: In der Regel kann eine obdachlose Person einen Vortrag über das Leben auf der Straße halten, aber keine Vor­le­sung. (Es sei denn, er oder sie ist Soziologe, die Woh­nungs­frage steht auf dem Lehr­plan und er oder sie lebt im Hotel oder bei Freunden. Dann ist er oder sie im ei­gent­li­chen Wortsinn aber nicht obdachlos. QED.)

______________________________  
Foto: C.E.

Mittwoch, 21. August 2019

Bummelant

Hier schreibt und denkt eine Übersetzerin und Dolmetscherin, derzeit in Berlin. Ich arbeite aber auch in Paris, Brüssel, München, Hannover und dort, wo Sie mich brauchen. Wer so viele Orte nennt, spricht auch gerne über den Zugverkehr.

Kopfbahnhof, Detail am Gleis
Manchmal geht nichts mehr
Der­mal­einst hieß die Bahn, mit der un­se­re lie­ben Groß­müt­ter ein­schweb­ten, die "Ei­sen­bahn" oder die "Reichs­bahn", was als Begriffe alt, staubig und nach nicht im­mer rost­frei­em Metall geschmeckt hat. Sie hat­ten einen großen Vorteil: Sie fuh­ren hoch­pünkt­lich und zu jeder Jahres­zeit.

Damals fuhr im Kinder­zim­mer die Bim­mel­bahn aus Holz. Und heute spre­che ich oft von der Bummelbahn. Ich bin Viel­fah­re­rin. Einer­seits reise ich für den Beruf, an­de­rer­seits aus Kultur­in­ter­esse, am häu­figs­ten aber aus pri­vaten Grün­den. So ist das, Teil ei­ner Familie zu sein, in der es nicht nur vie­le Men­schen gibt, son­dern diese auch schön alt werden.

Jede zweite Verbindung ist zu spät, manch­mal nur fünf Minuten, nicht selten er­heb­lich länger. Oft klappt auch noch etwas anderes nicht. Mal pfeift die Klima­an­lage ohren­be­täu­bend, mal funktioniert sie gar nicht; die Monate, in denen das nicht auffällt, sind gar wenige, ich würde das eher Tagen bezif­fern. Nicht selten fehlt im Speise­wa­gen das heiße Wasser, dann bleibt halt die Küche kalt. Pas­send dazu ist in der Regel auch die eine oder an­dere Toilette ge­sperrt. Wer nichts isst, der/die muss auch nicht ...

Scherz beiseite. Neulich hieß es: "Personen im Gleis". Das scheint die pietis­tische Variation von "Notarzt im Gleis zu sein", was wiederum nicht ganz so schlimm klingt wie "Unfall mit Personen­schaden". Ergeb­nis: Etliche Züge wur­den ersatzlos ge­stri­chen. Dumm nur, dass auch der letzte Zug nach Berlin dabei war. Die Aus­kunft (neudeutsch: "Infopoint") war übervoll; ein Bahner, der am Gleis be­stürmt wurde, gab nachweislich falsche Antworten (... darunter "Die Bahn muss bei hö­he­rer Ge­walt nichts zahlen!").

"Nur schnell raus aus dieser Stadt!", habe ich mir gesagt. Ein Bereich der Gleise des Kopf­bahnhofs war noch nutzbar. Es ist die süddeutsche Großstadt, in der man trotz War­nun­gen Tunnel durch quell­fähiges Gestein baut und Bahn­steige, die nicht eben sein werden, also eine Ge­fahr darstellen für rol­len­des Material wie Roll­stühle, Kof­fer, Kinder­wa­gen, und die beteiligten Passanten.

Es war durch­aus stürmisch am Wochen­ende. Wenig später stand auch mein Not­fall­zug. Gestan­den hat auch ein Teil der Pas­sa­giere. Lang. An Arbeiten war nicht zu denken, es gab natür­lich weder Strom noch Wlan. In Richtung Speise­wagen war kein Durch­kom­men, der Zug war wirklich zu voll. Daneben waren prompt alle Toi­let­­ten ge­sperrt, da sie nur elek­tro­nisch aufgehen. Irgend­wann ging es dann doch weiter. Es gab Hotel­voucher "aufs Haus" ... trotz höherer Gewalt. (Ist auch aktu­elles eu­ro­pä­isches Recht.) So schnell kann eine Halb­ta­ges­reise zur Lang­strecke werden, in Zeit ge­rech­net. Ein Aben­teuer, über das sich später den En­keln be­rich­ten lässt. So sorgt die Bahn für Familien! Danke, deutsche Bum­mel­bahn!

______________________________  
Foto: C.E.

Dienstag, 20. August 2019

Getroffen

Was Über­setzer und Dol­met­scher beschäf­tigt, können Sie hier mitlesen. Seit vie­len Jahren be­rich­te ich über diese Berufe und meinen sprach­be­ton­ten Alltag. Dabei denke ich viel über das Material meiner Arbeit nach, die Sprache.

"Nailed it!", zwei Silben. "Auf den Punkt!", drei Silben. "Punkt­lan­dung", eben­falls drei.

Spiegelei wird an die Wand genagelt
Kein Serviervorschlag
Sprache schwankt ständig zwischen ma­xi­mal­mög­li­cher Genauigkeit und mi­ni­mal­mög­li­cher Ausführlichkeit. Diese Prag­ma­tik wird durch Moden beein­flusst. Derzeit, wo eng­lisch­spra­chige Länder der Takt an­ge­ben, hat der erste Ausdruck bessere Chancen, bald auch in Deutschland von jedem verwendet zu werden.

Erst wenn die mittel­alte Bau­ers­toch­ter auf dem Dorfe in der deut­schen Pro­vinz, die neben Näh­zeug- und Schreib­wa­ren­verkauf vier Mal die Woche für drei Stun­den auch die örtliche Poststation versieht, "nailed it!" sagt, oder der Se­nior­chef des dortigen Le­bens­mit­tel­la­dens, hat es die Re­de­wen­dung geschafft.

Die Langfassung von "nailed it", "das trifft den Nagel auf den Kopf", hat nur noch bei bewussten Ent­schleu­ni­gern eine Chance. So wie bei mir. Wobei ich alle Re­de­wen­dun­gen verwende, denn ich liebe Ab­wechslung.

______________________________
Foto: C.E. (Archiv)

Montag, 19. August 2019

Auf dem Schreibtisch (LIII)

Über den Arbeitsalltag einer Dolmetscherin können Sie hier einiges lesen. Wenn ich nicht Konferenzen vertone, sitze ich am Über­set­zer­schreib­tisch. Blick auf den Schreibtisch!

Heute: der 53. Blick auf meinen Schreib­­tisch. Dieser Tage geht es um:

Draußen arbeiten ...
Open air-Büro
⊗ Un­tertitel­lek­to­rat (für ein Festival)
⊗ Pleitefirma (für einen Lie­fe­ran­ten)
⊗ Mahnwesen (für mich selbst)
⊗ Küchenbestellung (für einen Bauherrn)
⊗ Energie­wirt­schaft (für den Herbst)
⊗ Bodengesundheit (für alle)
⊗ Soziale und solidarische Ökonomie (auch für alle)

Die Sommerruhe wird in absehbarer Zeit enden. Wir merken es schon an den Buchungen.
______________________________
Foto: eigenes Archiv

Museum der Wörter 24

Hallo, hier bloggt ei­ne Sprach­ar­bei­te­rin. Ich über­set­ze und dol­met­sche. Ar­beits­spra­chen: Fran­zö­sisch (aktiv und passiv) und Englisch (nur Aus­gangs­spra­che). Was ein Buchstabe ausmachen kann! Wir hatten hier letztes Jahr den Rindergarten, die Froschung und die Schweinwerfer. Konzentrieren wir uns heute auf den Beruf.
                  
             Das Gericht verzichtet auf die Hinzuziehung eines beleidigten Gerichtsdolmetschers. Die anwesende Kon­fe­renz­dol­met­scherin wird ad hoc beeidigt.

             Dieser beleidigte Dolmetscher ist der Berufskollege des Simulantdolmetschers.
______________________________
Idee: H.F.

Sonntag, 18. August 2019

Verbindungen

Was Über­setzer und Dol­met­scher beschäf­tigt, können Sie hier mitlesen. Seit vie­len Jahren be­rich­te ich über diese Berufe und meinen sprach­be­ton­ten Alltag. Was macht die Dolmetscherin an einem verregneten Sonntagvormittag? Nun, sie dol­metscht. Sonntagsfotos!

Beine auf Holzboden, Punkte, alles ist miteinander verbunden
Verbindungen
Wir sitzen am Boden in einem Kreis. Um mich herum krei­sen Ta­schen­tü­cher. Beim Dol­met­schen rücke ich etwas näher an "mei­­nen" Fran­zo­sen ran, damit ich andere, die aus mei­ner Pers­pek­ti­ve zu direkt vor einem Fenster hocken, besser sprechen sehen kann. Je mehr Men­schen im Raum ihre Ta­schen­tü­cher auch be­nut­zen, desto mehr muss ich von den Lip­pen ablesen.

Nicht nur ich werde jetzt schlechter verstehen, denke ich, die andren auch, zumal ich ja ständig reinquatsche. Also richte ich mich auf, strecke das Kreuz durch, at­me in den Unterbauch hin­ein, lockere das Zwerch­fell, deute beim Zuhören kurz ein Gähnen an, lockere damit den Gaumen, vergewissere mich meines eigenen Re­so­nanz­kör­pers und artikuliere kurz darauf klarer und mit mehr Volumen.

Blumen: rot, gelb
Farbenspiel ...
Das Ganze kommt mir wie eine Psychotherapie zu zwölft vor. Neben der Therapeutin ist eben auch eine Dol­met­sche­rin dabei. Alle 14 können be­quem atmen in diesem zum Yoga­saal aus­ge­bau­ten, luf­ti­gen Dach­ge­schoss. Wir befin­den uns in irgendeinem Ber­liner Kiez in ein­em ehe­mals be­setzt­en Haus.

Es beherbergt heute ein großes Wohnprojekt ist und gehört den Bewohnern selbst. Wo viele Köpfe sind, sind auch viele Nationen, Sprachen, Miss­ver­ständ­nis­se, Kon­flik­te, Bles­su­ren.

Worum es geht, kann ich emotional nachvoll­ziehen. Den Kloß im Hals bekom­me ich durch die bewusste Kon­zen­tration auf die Sprech­technik weg. Schreiben werde ich weiter nichts darüber, Inhalte sind Berufs­geheimnis und bleiben vor Ort. Die Er­grif­­fen­­heit im Saal wächst von Mi­nu­te zu Mi­nu­te. Je an­spruchs­vol­ler die Inhalte wer­den, desto ruhi­ger wird mei­ne Stimme. Am Ende das große Versöh­nen. Kaffee­pau­se.

Bevor ich gehe, wird mir ein durchaus schon sehr erwachsener Mensch, der aus dem globalen Süden zu­ge­wan­dert und der des­halb mehr­spra­chig ist, au­gen­zwin­kernd sagen: "Das will ich auch mal können, wenn ich groß bin!"

Ein anderer lässt ein: "Du bist ja viel zu kost­bar für uns profane Groß-WG!" fallen. 

Blaue Passionsblume
... im Garten
Ich antworte, dass alles rich­tig so ist und dass ich manch­mal das Gefühl hätte, zu kost­bar für die Mi­nis­ter zu sein. 
Zu­frie­den trete ich meine Rück­reise quer durch die Stadt an. In einigen Wo­chen geht es weiter, ver­mut­lich dann an einem Werk­­tags­­nach­mit­tag mit etwas weniger Zeit.

Auf der Fahrt nach­hau­se, alle Gefü­­hle aus dem Dach­ge­schoss rau­schen noch­mal richtig durch mich hin­durch, tröste ich mich und bewundere Blumen.

______________________________  
Fotos: C.E.

Freitag, 16. August 2019

Schreibhilfe

Im 13. Jahr beschreibe ich hier meinen sprachbetonten Alltag. Ich bin Kon­fe­renz­dol­metscherin und Übersetzerin, arbeite mit der fran­zö­sischen Sprache (und aus dem Englischen). Diesen Sommer denke ich über unsere Kunden nach.

Kleinkind mit Stift und Schreibblock in der Hand
Skandal: Kinderarbeit!
Neu­lich, wir haben ohne Dol­met­scher­kabine gearbeitet, im Duo. Die ge­neig­te Zu­hö­rer­schaft kam auch nicht allein. Mit von der Partie: Ein jun­ges Paar mit zwei kleinen Kin­dern. In den Dol­metsch­­­pau­­­sen ging es los. Erst ka­men die Klei­nen zu uns, dann liehen sie sich unser Arbeits­ma­te­rial, später un­ter­stütz­ten sie uns beim No­tie­ren von Fach­be­grif­fen.

Am Ende habe ich sogar mit Krab­bel­kind auf dem Schoß ge­dol­metscht. Die Eltern saßen in Sicht­weite und waren inhalt­lich genauso be­schäf­tigt wie wir. Sie haben das ge­na­uso normal gefunden, wie das Mini.

Und ja, eine der­art freund­liche Dol­metsch­hilfe wie diese Lütte hatte ich lange nicht! Wir habe sie am Ende unsere kleine Prak­ti­kan­tin genannt.

______________________________
Foto: C.E.

Donnerstag, 15. August 2019

In 2019

Hallo, hello, bon­jour, beim ersten Blog Deutsch­lands aus dem In­ne­ren der Dol­met­scher­ka­bine und darüber hinaus. Hier berichte ich regelmäßig über meinen Alltag — auch als Über­setz­er­in. Gerade ist es ruhig, die Stadt ist fast noch in der Som­mer­pau­se.

Kleiner Leser als Schablone (Berliner Hauswand)
Kleiner Leser
Das macht Sinn: In 2019 wer­den wir Mei­len­stei­ne mar­kie­ren. Am Ende des Tages kön­nen wir uns alle uns zu­rück­leh­nen und chil­len. Aber dann kri­ti­siert das wieder je­mand, ich bin aber fein damit. Wir müs­sen doch außer­halb der Box denken!

Zu Hülf! Dieses schei­net gar schröck­lich trans­latie­ret zu sein und bar jeden Geschicks!

OK, jetzt bin ich doch nicht einver­standen bzw. I'm not fine with that. Da hatte der Kritiker aber echt einen Punkt, he's got a point für "da hat er recht" oder "in dem Punkt hat er recht". Think outside the box bedeutet Quer­denken und das Be­schrei­ten neuer Wege. OK, einfach nur engliche Begriffe wörtlich zu über­tragen ist noch kein neuer Weg. Das wusste man schon in früheren Jahr­hun­derten.

Was fehlt noch oben von der Liste? At the end of the day bedeutet "schließlich" und "letztendlich". "Am Ende des Tages" bedeutet im Deut­schen nicht übertragen wie im Engli­schen "letzt­endlich", sondern bezeich­net konkret den Abend eines bestimm­ten Tages.

Last but not least ist "in 2019" ein fetter Angli­zismus, bei manchen Rednerinnen und Rednern aber auch ein Gallizismus, dann leitet sich der Fehler aus dem Fran­zö­sis­chen ab, wo en 2019 ja sehr ähnlich klingt und richtig ist.

Auf Deutsch sagen wir: 2019 wird Deutsch­land seine Kli­ma­ziele dramatisch ver­feh­len. Wir hoffen, dass es im Jahr 2020 hof­fent­lich nicht mehr ganz so schlimm sein wird: To achieve / to mark milestones (siehe oben).

Wie dem auch sei, ich komme bald wieder auf Sie zu, I'll get back to you soon. Nein, bald sprechen wir erneut darüber.

______________________________
Foto: C.E.

Mittwoch, 14. August 2019

Sprachspiel

Wie leben, ar­bei­ten und den­ken Dolmetscher? Wie ver­än­dert der Be­ruf ihr bzw. un­ser Leben? Da­rü­ber und über di­ver­se ty­pi­sche Situatio­nen aus der Ar­beit denke ich hier im 13. Jahr nach. Ich zähle zu den Fran­zö­sisch-Dol­met­schern, arbeite aber auch mit Eng­lisch (als Ausgangs­sprache). Tätig werde ich in Paris, Berlin, München, Cannes, Frankfurt, Lyon und dort, wo Sie mich brauchen.

Vertraute Hände
Wie beeinflusst der Be­ruf den Alltag? Wir spie­len mit Wör­tern ... oder die Wör­ter spie­len mit uns. Wir werden zum Me­dium für die Aus­sa­gen an­de­rer, die durch uns hin­durch in die an­de­ren Spra­chen rei­sen. "Wir den­ken mit dem Rücken­mark" beim Dol­met­schen, es pur­zelt direkt aus uns heraus, der Logik der Sprache des Vor­red­ners, des Haupt­red­ners, auf der Spur.

Und ich kann sogar im Halb­schlaf spre­chen. Für Außen­ste­hen­de klingt es so, als wäre ich schon wach. Für das di­rek­te Um­feld ist das in­des kei­ne Über­raschung mehr.

Nach diesen langen Vorreden sind wir endlich unter uns. Im Som­mer so­wie­so, da die halbe Re­pu­blik noch im Ur­laub ist. Daher kann ich mir heute etwas er­lauben, was sonst gar nicht ginge. Ich werde ero­tisch.

Am Morgen sammelt mensch ge­wöhn­lich alle Kör­perteile zusam­men. Das ge­schieht meist wort­los und einsam. Es geht aber auch mit Gegen­über.

Der Mann an meiner Seite hat sich neulich beim Fußball­spiel eine leichte Zerrung zugezogen. Daher kam es heute früh zu folgendem Monolog:
'Was macht das Kreuz, mein Herz?'
... fragt Caro. Das klingt ja
wie ein Kartenspiel.
'... und wie geht's eigentlich
Pik?'
"Du, mein Sprach-Ass!", hätte mein Gegenüber ant­wor­ten können. Hat er aber nicht. Er ist ja kein Dolmet­scher. Dann ging die Kommunikation wortlos weiter.

______________________________  
Foto: C.E. (Archiv)

Dienstag, 13. August 2019

Chipperfield-Neubau mit Café

Hallo! Sie lesen im 1. Blog Deutschlands aus der Inneren der Dolmetscherkabine. Ich bin Französischdolmetscherin und -übersetzerin, derzeit allerdings im Ur­laubsmodus, denn es ist allenfalls Vorsaison.

James-Simon-Galerie
Treppe mit Lichtspielen
Was macht die Dolmet­scherin in der Vor­sai­son? Sie übersetzt. Sie plant Ter­mine. Sie lernt für die nächs­ten Ein­sätze. Sie liest Bücher. Und sie testet Restau­rants für das Rahmen­pro­gramm von Veranstal­tungen mit Gästen. Wir bera­ten immer gern bei der Auswahl von Dol­met­sche­rin­nen und Dolmet­schern, aber auch von Be­sich­ti­gungs­zielen und Restaurants.

Die James-Simon-Galerie des Neuen Mu­se­ums habe ich noch nicht bis ins letzte Eck bei allen Tages- und Nacht­zei­ten be­sucht. Der erste Ein­druck ist gut. Uns hat vor al­lem das Museums­café "Cu29" in­ter­es­siert. Vor der abschlie­ßen­den Res­tau­rant­kri­tik wer­de ich noch ein-, zwei­mal hingehen.

Wir aßen eine Erbsensuppe, die sehr fein im Geschmack war und dekoriert wie eine japanische Lackschatulle: Ein wunderbares Gemälde aus Sprossen in hell­grü­nem Sud. Später förderte der Löffel halbe Weintrauben zutage. Eine schöne Er­gän­zung.

Übergang zum Neuen Museum
Mit halben Säulen wie im Pariser Palais Royal
Hauptgang: eine Back­kar­tof­fel. Sie wur­de eben­falls mit Spros­sen sowie dem be­kann­ten Kräuter­rahm ser­viert. Interessant war hier der farb­li­che Kontrast der oran­ge­far­be­nen Süßkartoffel zum Rest der Veranstaltung. Schmorgürkchen als aro­ma­ti­scher Kon­trast wa­ren eine gute Idee. Lobenswert: Es wurde kei­ne Alu­folie zum Backen benutzt.

Den Service mit und um Betriebsleiterin Isabell Wendel fanden wir sehr auf­merk­sam und zu­ge­wandt, vor allem bei Allergien; die Preise der kleinen Gerichte von Küchen­chef Veit Kuschkow sind für die Berliner Innenstadtlage zivil.

Blick aus dem Restaurant
Kleine Tagesgerichte und Variationen der Berliner Stulle würden auf den Tisch kom­men, war zur Eröffnung des "Cu 29" (der be­nach­bar­te Kupfer­gra­ben lässt grüß­en) zu lesen. Bei Sonne und weniger Wind als an un­se­rem Be­suchs­tag of­fe­riert die Ter­ras­se neue und bis­lang un­ge­wohnte Pers­pek­tiven.

Bau­lich war ich vor allem vom Schat­ten­spiel die­ses neuen zen­tra­len Mu­se­ums­ein­gangs angetan. Mehr über die Galerie von Architekt David Chip­perfield (vielleicht) nach mei­nem nächsten Besuch. Als Dol­met­sche­rin muss ich im­mer sehr schnell ent­schei­den, als Pri­vat­per­son las­se ich mir ger­ne Zeit in man­chen Din­gen.
   
______________________________  
Fotos: C.E.

Montag, 12. August 2019

Krimskrams und Co.

Guten Tag oder guten Abend! Sie sind mit­ten in ein Ar­beits­ta­ge­buch hinein­ge­ra­ten, in dem sich al­les um Spra­che, Dol­met­schen, Über­setzen und Kult­uren dreht. Als frei­be­ruf­li­che Sprach­ar­bei­terin werde ich in Pa­ris, Berlin, Marseille und dort tä­tig, wo man mich braucht. Vor der Saison lese ich zwei Stunden täglich Zeitung, verschlagworte Begriffe, übersetze Film­texte, lese Unter­titel gegen und ...

Dieser Tage krimskrame ich. Hier gibt es einiges zuviel an Krimiskrams. Ich ha­be mir beim Aufräumen über­legt, ob dieses Substantiv wohl im Singular steht oder ob das bereits der Plural ist.

Für französische Augen wäre die Sin­gu­lar­form diese da: Der Krimskram, denn das "S" bezeich­net den Plural. Über das Singular kam ich auch aufs Verb.

Weitläu­fig mit diesem Begriff ist das Wort "Kuddelmuddel" ver­wandt, das sind die Dinge, wenn sie sich in gewisser Unordnung befinden, z.B. der verfitzte (sächsisch für 'verknotete') Kuddelmuddel aus Socken und Knie­­strümpfen, der frisch aus der Wäsche­trommel purzelt; dieser Begriff kann auch im Über­­tra­­genen ver­wen­det wer­­den.

Diverse Pflanzen in unterschiedlichen Formen, zum Teil im Gegenlicht
Blumenfenster, mehretagig geschichtet

Ganz be­son­ders liebe ich im Kontext der per­so­nal be­longings übri­gens die Wört­chen "Sieben­sachen" und "Hab­se­lig­kei­ten". Die sieben wich­tigs­ten Sachen ist in der Tat die Habe, die mich se­lig macht. In­des, mit sieben ist es leider nicht getan. So sehr ich Mini­ma­lismus zuhause liebe, eine eher unglück­li­che Liebe übrigens, das geht dann doch nicht.

Es sei denn, die berühm­ten Sie­ben dürfen wir so zählen:
— die Bibliothek
— die Kunst- und Foto­samm­lung (nichts von Wert, aber alles emotional besetzt)
— die geerbten, ertrö­del­ten und zum Teil auf der Straße ge­fun­de­nen Möbel
— der Platz für Familie und Gäste
— die Küchen­aus­stat­tung
— die Pflanzen
— das Bett.

Nicht erwähnt habe ich jetzt Büro­tech­nik, Sound­archiv, Musik­archiv et cetera, aber das sind ja die schie­ren Be­rufs­not­wen­dig­kei­ten.

______________________________  
Fotos: C.E.

Sonntag, 11. August 2019

Kressezoo

Im 13. Jahr beschreibe ich hier meinen sprachbetonten Alltag. Ich bin Kon­fe­renz­dol­metscherin und Übersetzerin, arbeite mit der fran­zö­sischen Sprache (und aus dem Englischen). Sonntags werde ich privat.

Visuell dreht es sich hier derzeit oft um Pflanzen, vor allem um jene aus Balkon- und Hof­gar­ten. Das hat seinen Grund.

Als Sprach­ar­bei­te­rin könnte ich das so erklären: Bildung braucht Zeit für Wachs­tum, braucht regel­mä­ßige Pflege. Das gilt auch für Kennt­nis­se in den Be­rei­chen Spra­chen und Landes­kunde. Darin ähnelt die per­sön­liche und berufliche Bildung dem Gärt­nern. Außerdem ge­nie­ße ich mein Balkonien gerade sehr. Ich freue mich, dass ich schon im Früh­som­mer im Kurzurlaub war. Volle Autobahnen, Sehens­wür­dig­keiten und Restau­rants sind nämlich nicht so mein Ding.

Ich genieße also unsere Woh­nung in Berlin. Die deutsche Haupt­stadt ist im Sommer ein sehr angenehmer Ort, und Sommer ist eigentlich die beste Jahreszeit hier. Wa­rum also wegfahren? Ich fahre trotz­dem sehr oft weg, mittel­lange Kurztrips, und überlasse den anderen die Pflanzen­pflege. Nicht nur Kinder werden älter, auch Eltern, bis dann die großen Kinder wieder mehr Zeit mit ihnen verbringen dür­fen. Und wer öfter zwi­schen den Städten seiner Kindheit und Jugend und dem ei­genen Lebens­umfeld wech­selt, nimmt Orte plötz­lich bewusster war.

Kresseschwein mit Rucolasaat

Was auch für Gegenstände gilt. Das hier ist ein Kres­se­schwein. Es ist das Über­le­bende eines Kres­se­schwein­duos. Es zählt zu meinen frühen Kindheitserinnerungen. Ich verbinde es mit meiner Mutter, die sie einst auf einem Handwer­kermarkt er­wor­ben hat. Lei­der haben sie bei ihr nie funktioniert. Sie standen des­halb auf schön de­ko­rier­ten Fens­ter­bret­tern herum.

Kressezoo (Internetfund)
Irgendwann mussten wir als kin­der­rei­che Fa­mi­lie umziehen. Die Fen­ster­bän­ke im neu­en Haus wa­ren schmal, die „Schwein­derl“ lan­de­ten im Kel­ler. Im Öl­kel­ler, um ge­nau zu sein. Als ich sie dort vor zwei Jahren ent­deckt habe, stan­ken sie gräß­lich nach Heiz­öl, das heile und das ka­put­te. Das eine wan­derte in den Müll, das an­dere auf den Ber­li­ner Bal­kon — zu Deko­zwecken (und zum Lüf­ten).

Und nun, inzwischen riecht es wieder frisch, habe ich das Tontier sogar ausprobiert. Da ich mich des Kres­se­fias­kos mei­ner frühen Kindheit entsinne, ha­be ich das Schwein­chen vom ers­ten Tag an in ein Fußbad ge­stellt. Und siehe da: Es funktioniert doch!

Manche Dinge brau­chen Zeit, um uns ihre Ge­heim­nis­se zu ver­raten. Die Berliner Woh­nung ha­ben wir auch erst peu à peu ein­ge­rich­tet. Zu­nächst muss man sich ja erst mal ken­nen­ler­nen. Und seine Alltags­gesten am neuen Ort beob­achten, die auch die Zu­ord­nung von Stell­flä­chen und das Er­ken­nen von Bedarf erleichtern.

Bei diesem Kresseschwein werde ich mein Leben lang an meine Eltern denken, denn hier verbindet sich Vaters Erbe, der grüne Daumen, mit Mutters Erbe, dem Hang zum Schönen, Ausgefallenen.

Das Hirn sucht weiter nach einer französischen Entsprechung des Worts "Kres­se­schwein". Beim Suchen im Netz fin­de ich ei­nen Lie­fe­ran­ten ähn­li­cher Teile aus Me­xiko, der auch Kresse­la­mas und -pilze ver­treibt (siehe Fotostreifen). Dabei er­fahre ich, dass unser Kres­se­schwein eigentlich eine Kres­se­schild­kröte ist. Da­mit sind mei­­ne rein formalen Bedenken zu diesem Wesen endlich beseitigt. Und viel­leicht be­kommt das Über­le­ben­de bald wieder einen Partner. Die Viecher sind üb­ri­gens Fair Trade. Sehr char­mant das alles! Um die Fa­mi­lien­ge­schich­te voll­stän­dig zu ma­chen, wäre eine Kres­se­schnecke perfekt. Ob ich den Hersteller anschreibe? Hier der Link: Tumia/Tumi.co.uk (auch über Ebay erhältlich).

Vokabelnotiz
peu à peu (DE) — in Frankreich würde hier petit à petit vorgezogen
hérisson à cresson — Kresseigel (gefunden im Internet)

______________________________
Fotos: C.E. und Tumia (von mir bearbeitet)

Freitag, 9. August 2019

Auf dem Schreibtisch (LII)

Über den Arbeitsalltag einer Dolmetscherin können Sie hier einiges lesen. Wenn ich nicht Konferenzen vertone, sitze ich am Über­set­zer­schreib­tisch. Blick auf den Schreibtisch!

Heute der 52. Blick auf den Schreib­­tisch. Diese Woche ging und geht es um:

⊗ Untertitellektorat
⊗ Reise­planung in Sachen Be­­triebs­­kü­che, Berg­bau und Energie­wirt­schaft
⊗ All­ge­­mei­ne Politik (mise à jour)
⊗ Kostenvor­an­schläge
⊗ Buch­hal­tung und Mahn­we­sen
⊗ Korrespon­denz mit Zeit­zeu­gen im Rah­men einer Film­her­stel­lung
⊗  Agroökologie, Aquaponie, Agro­forst­wirt­schaft, Perma­kultur (Auffrischung)

Ansonsten herrscht noch Sommerruhe. Erste Termine für die Saison 2019/20 sind vegeben (bis zum Juli 2020). Es sind aber noch (wie zu dieser Jahreszeit üblich) Ka­pa­zi­tä­ten frei!

______________________________
Foto: eigenes Archiv

Donnerstag, 8. August 2019

Microsoft-Scam

Hallo! Hier bloggt eine Dol­met­scher­in und Über­set­zer­in. Fran­zö­sisch ist mei­ne akti­ve, Eng­lisch meine passive Sprache. Ich arbeite für Politik, Wirtschaft und Kultur, Wissenschaft und Forschung, Landwirtschaft und selten, ganz selten, auch in technischen Bereichen (Energie und Architektur). Wer sein eigenes Büro führt, hat Verantwortung und bekommt manchmal schräge Anrufe.

Unsere Fest­an­schluss­num­mer nutzen nur we­ni­ge Men­schen. Sie ist nicht ge­heim. Heute klin­gelte es mal wieder.

PC-Monitor von 1987
Unterm Schreibtisch fand sich einst dieses museale Stück an
Ein Fremder war dran, sprach Eng­lisch mit starkem Akzent und klang, als würde er ein Papier ablesen.

Er: "Guten Tag, ich rufe von Microsoft an, mein Name ist Ken. Haben Sie Computer?"
Ich: "Ja, warum?"
Er: "Auf ihrem Rechner ist ein Virus. Sitzen Sie am Com­pu­ter? Schalten Sie bitte einen Remote-Zugang für uns frei. Ich sage Ihnen dann Schritt für Schritt, was zu tun ist."
Ich: "Warum sollte ich?"

Er: "Wir müssen das sofort reparieren. Ihr Computer ist gehackt und greift andere
Computer an."
Ich: "Woher wissen Sie das?"
Er: "Wir haben eine Sicherheitswarnung mit ihrer IP-Adresse in unserem Windows-System festgestellt ...!"
Ich: "Dann nennen Sie mir bitte die IP-Adresse!"

PC-Monitor von 1987: Ç, ç, â etc.
Ausschnitt: ASCII-Code mit Sonderzeichen
Er ... nennt eine falsche Zah­len­fol­ge.
Ich: "Das ist nicht unsere IP-Adresse. Falsch ver­bun­den."
Er: "Haben Sie einen Proxy-Server?"
Ich: "Schon mög­lich. Wissen Sie, ich arbeite für den Ge­­heim­dienst. Da wurde mir letztens eine ge­si­cher­te Lei­tung gelegt. Und Ihre wahren Daten wurden auf­ge­zeich­net."
Er hängt ein.

Solche Gespräche lasse ich jetzt gerne ein wenig dauern, wenn ich es nicht eilig habe. Solange er mit mir telefoniert, kann er wo­an­ders kei­nen Unsinn anrichten. Beim ersten Mal war das Telefonat ganz kurz. Anschließend folgen einige Va­ria­tio­nen von Freun­den und Kol­legen (über soziale Netzwerke ausgetauscht). Mei­ne Kurz­variante: "Aber wir haben gar kein Mi­cro­soft, nur Li­nux und Apple!"
Variation Angelika: "Nein, nein, ich habe keinen Com­pu­ter. Haben Sie einen?"
Variation Wolf: "Nein, aber mein Sohn hat einen. Er ist auch bei Mi­cro­soft. Möch­ten Sie ihn sprechen?"
Variation Britta: "Ich weiß, dass wir einen Vi­rus haben, mein Mann ist schon dran. Er ist Po­li­zist."
Variation Pierre: "Sie sprechen mit der Staats­an­walt­schaft. Wir können den Anruf zurück­ver­fol­gen, auch wenn er ver­schlüs­selt ist."
Variation Anne-Laure ... sie nutzt die Vuvuzela, die neben ihrem Bücherschrank steht.
Variation Petra und Uta: "Ich bin zu alt für einen Computer!"

PC-Monitor von 1987: "Nulle dies sine linea"
Kein Tag ohne Zeile
Die letzte Lösung gefällt mir nicht. Sie könnte als Ein­la­dung für an­de­re Be­trugs­­ma­schen miss­ver­stan­den wer­den. Wer jetzt noch nicht weiß, wo­rum's hier geht: Mit sol­chen "Tricks" ver­su­chen bö­se Men­schen, Zu­griff auf frem­de Rech­ner zu er­halten, um ihre Opfer aus­zu­rau­ben oder zu erpres­sen. Mi­cr­osoft würde nie PC-Be­sitzer an­ru­fen, sagen Fach­leute, wirklich nie.

______________________________
Fotos: C.E. (Archiv, die Technik ist entsorgt)

Mittwoch, 7. August 2019

Donnerbalken

Was Fran­zö­sisch­über­­set­­zer und -dol­­met­scher be­­schäf­­tigt, können Sie hier mit­le­sen, zumindest aus meiner Pers­pek­ti­ve. Heute ein weiterer Eintrag in meinen "Sprachschatz".

Ölgemälde: Soldat
Le Poilu (1917)
Und dann fie­len die Worte "Don­ner­balken" und "Sickergrube". Es war eine Kon­fe­renz über das Ende des 1. Welt­kriegs. Es ging um die Le­bens­be­din­gun­gen an der Front. Die Kol­le­gin rollte mit den Au­gen. Ich übernahm, weil beide Be­grif­fe, Adrenalin sei dank, plötz­lich hoch­prä­sent wa­ren. (In ein­em ru­hi­gen Um­feld hätte ich auf die Fra­ge nach den Vo­ka­beln sicher mit dem Kopf ge­schüt­telt.)

Der Grund dafür ist schnell erklärt. Ich hat­te vor einigen Jahren mal für einen Pri­vat­kun­den Kor­res­pon­denz be­trie­ben und Te­le­fo­na­te ge­führt. Es war um ein Fe­rien­haus in der Nor­man­die ge­gan­gen, Erb­stück einer ent­fern­ten Tante, das noch nicht an die Ka­na­li­sation an­ge­schlos­sen war.

In Frankreich müssen Altlasten wie eine Sickergrube vor dem Verkauf einer Lie­gen­schaft beseitigt oder mindestens die Folge­kosten von einem aner­kannten Gut­ach­ter ermittelt werden, die an­schließend in den Kauf­ver­trag eingehen. Eine Kopie des Gut­ach­tens geht an die ent­spre­chende Ver­wal­tung; der neue Eigen­tü­mer hat ab Kauf zwölf Monate Zeit, um die In­ves­ti­tio­nen zu tätigen.

Von dieser Über­setzungs­arbeit war mir das Wort fosse septique übriggeblieben, der "sep­ti­sche Gra­ben". Auf einer privat besichtigten Aus­stellung am Rande der Schlacht­felder dieses Welt­kriegs habe ich mir das Wort les feuillées eingeprägt als Wort für von den Soldaten selbst­gebaute Latrinen an der Front.

Das waren einerseits Zufalls­treffer, andererseits ist das ein Beleg dafür, dass wir gut beraten sind, auch Privat­kunden ernstzu­nehmen und auf eigenen Bil­dungs­rei­sen auch vermeint­lich abseitiges Vokabular nicht zu ignorieren.

Vokabelnotiz
le poilu, les poilus — Frontsoldat(en) des 1. Weltkriegs.
Deut­sche Ent­spre­chung: der/die Landser

______________________________
Bild von Théophile-Alexandre Steinlen.
Photograph by Ji-Elle, gemeinfrei

Montag, 5. August 2019

Akustikhölle

Im 13. Jahr beschreibe ich hier meinen sprachbetonten Alltag. Ich bin Kon­fe­renz­dol­metscherin und Übersetzerin, arbeite mit der fran­zö­sischen Sprache (und aus dem Englischen). Diesen Sommer denke ich über Kunden und Arbeitsumfeld nach.

Und dann war da noch die Besprechung in der Berliner Gästewohnung einer Firma: Neubau, alles teures Design, Metall, Leder, Beton mit Blick auf edelmodernisierten Altbau.

Hausdetail mit roten Ziegelsteinen
Alt trifft Neu
Alles sah teuer aus, modern und stom­li­nien­för­mig. Die we­ni­gen Mö­bel konnten kaum das Echo stop­pen, das un­se­re Wor­te ausgelöst haben. Der Wi­der­hall brummte mir in den Ohren.
Am Vor­abend war ich in ei­nem klassi­schen Ber­li­ner Sa­lon gewe­sen: Alt­bau mit Stuck, schwe­re Vor­hän­ge, Polster­möbel, Ses­sel­chen, Hocker, stoff­be­zo­gen,  Tep­pi­che auf den Böden, hier und da ein teu­rer Ke­lim an der Wand, dazu Öl­ge­mäl­de, Grafi­ken, das eine oder an­dere mo­derne Kunst­ob­jekt, bei ei­nem ragte viel Holz in den Raum, dazu viele alte Möbel, Topf­pflan­zen, Bücher­regale und ein ul­tra­mo­der­ner Glas­tisch sowie ein Kron­leuch­ter­zi­tat im Couchbereich.

Und jetzt der Wechsel in den Neubau: wenig Stoff, Möbel mit glatten Flächen, Wände und Böden nackt, ne­ben schall­harten Flächen gab es fast nichts.

Insgesamt waren wir zu neunt. Diese Nach­hall­er­schei­nun­gen machten die Worte der jeweils Spre­chen­den schon schwer ver­ständ­lich, mit der Verdolmetschung (für zwei) wurde es rasch uner­träglich.

Nach 20 Minuten sind wir um­ge­zo­gen — in das Hinter­zimmer eines Restau­rants, das holzgetäfelt war und mit Pal­men, Far­nen und an­de­rem Grün reichlich gesegnet.

______________________________  
Foto: C.E. (Archiv)

Sonntag, 4. August 2019

Salat schießt

Was Über­setzer und Dol­met­scher beschäf­tigt, können Sie hier mitlesen. Seit vie­len Jahren be­rich­te ich über diese Berufe und meinen sprach­be­ton­ten Alltag. Am sie­ben­ten Wo­chen­tag werde ich privat und zeige in den Sonn­tags­fotos meinen Lieb­lings­ar­beits­platz. Heute: 5000 Anschläge Korrekturlesen.

Jungpflanzen sind am Fuß neu gesetzt
Wer wie ich täglich mit Sprache ar­bei­tet, nimmt sie gerne mal wört­lich, au­ßer­dem sämtliche Wun­der­lich­kei­ten be­son­ders intensiv wahr.

Der Salat schießt ... heißt es, wenn er plötz­lich ins Hö­hen­wachs­tum kommt und am En­de Blüten ent­wickelt. Wohin schießt der Pflück­sa­lat hier? Er schießt ins Kraut. "Ins Kraut schie­ßen" bedeutet das Glei­che, be­son­ders viel wachsen.
Ur­sprüng­lich wurde der Begriff für Pflan­zen ver­wen­det, die übermäßig viele Blät­ter pro­du­zie­ren (statt der er­wünsch­ten Früchte oder Blüten).
Synonym: Wie Pilze aus dem Boden schie­ßen.

"Ins Kraut schießen" lässt sich auch im übertragenen Sinne verwenden.

Mit Bewässerungssystemen gegen Hitze
Hier ein Beispiel: Nach der Finanzkrise haben die zaghaften Weichenstellungen der Politik die Werte der Finanzmärkte sowie die Immobilienpreise erneut ins Kraut schießen lassen.

Die Tomate im Vordergrund, ins­ge­samt ste­hen hier fünf Stück, schießt gar nicht. Sie wächst nur mi­ni­mal. Und Blüten und Tomät­chen pro­du­ziert sie auch nicht. Während ihre Schwes­terpflanzen schon zum dritten Mal je ein Dutzend Tomaten pro­du­zieren, scheint die hier noch nach­zu­den­ken. Als In­tel­lek­tuel­len­haus­halt lassen wir sie. Eine besondere Rede­wen­dung für diesen Zustand haben wir (noch) nicht gefunden.

______________________________
Fotos: C.E.

Freitag, 2. August 2019

Was ist Glück?

Willkommen auf der Seite einer Französischdolmetscherin und -übersetzerin mit Hauptarbeitsort Berlin. Hier können Sie Einblicke in unseren Alltag erhalten, zu dem auch die Definition Begriffen und Redewendungen zählt.

Neulich fragte eine Freundin nach dem Glück.
 
Meine Antwort war spontan diese hier: Glück ist für mich sehr weit­um­fas­send. Wenn ich mit meinen Liebsten zusammen bin, der Familie und den Freun­den, wenn ich selbst­be­stimmt arbeiten kann, wenn ich Wis­sen weiter­geben darf, wenn ich mich verbu­nden fühle mit anderen Men­schen, wenn ich gärtnere, kompos­tiere und mich an den Millio­nen von Regen­würmern, Nema­toden, Käfer­chen und sonsti­gem Gewusel freue, das da großenteils unerforscht (die Wissenschaft hinkt schwer hin­ter­her) bei uns im Hofgarten und den Balkon­kästen für ökologische Vielfalt sorgt, wenn ich mir vergegenwärtige, dass wir viele Graswurzelkämpfer sind, die un­se­ren Glo­bus viel­leicht doch noch retten können, wenn ich mein Wis­sen er­wei­tern darf und sich mir plötz­lich neue Zusam­men­hän­ge er­schlie­ßen, was auch für Zusam­men­hän­ge in den Spra­chen gilt, wenn ich Kunst sehe und schöne Din­ge ret­ten kann, wenn mir ein Gericht gelingt oder ein Gedicht, wenn ich beim Dolmet­schen und Über­setzen in den Flow komme und alles aus ei­nem Guss wird, wenn ich den Aqua­rell­pinsel in der Hand habe und merke, wie der ohne mich "arbeitet", was ich auch beim Schrei­ben manchmal er­lebe, dann er­le­be ich Glück.

Grafisch interessante Pflanzen im Sommerquartier bei den Eltern
______________________________  
Fotos: C.E.

Donnerstag, 1. August 2019

Alle Wetter!

Bienvenue und willkommen! Wie Französischdolmetscher in Berlin, München, Paris und Cannes arbeiten (und dort, wo Sie uns brauchen), können Sie hier mitlesen. Der Berufsalltag mit Sprachen macht sensibel für die kleinen Ausdrücke des Alltags.


Pflanzen im Regen, Gießkugeln und Eiffelturmminiatur
Regen vorm Balkon (auf dem Bild ist ein Eiffelturm versteckt)
Für die Nicht-Mut­ter­sprach­ler: Ja, der Ausruf  "Alle Wet­ter!" erin­nert an "Don­ner­wet­ter!", was "Sieh mal an!", "Was für eine Überraschung!" bedeutet. Jetzt das Ganze wörtlich: Diesen Sommer gibt's alle Wetter im Sin­ne von "jede Art von Wet­ter". Nur leise ver­reg­ne­ten Ta­ge und Näch­te scheinen nur noch ein­mal im Quartal vor­zu­kom­men.

Pflanzen im Regen und Eiffelturmminiatur
Gleiches Motiv, anderer Ausschnitt
Dabei braucht die Na­tur sie so dringend! Damit verwandt: "Himmel, Arsch und Wol­ken­bruch!" Was ist das hier für ein Regen­guss!

Gut, dass das gesagt ist. Ich wollte end­lich auch mal das Feld der möglichen Aus­drücke auf diesem Blog ein wenig er­wei­tern!

Dolmetscher, zumal auf dem di­plo­ma­ti­schen Par­kett geschult, haben es nicht so direkt mit solchen Wörtern und dem, was auf Englisch graphic language heißt — ungefähr so viel wie "dras­ti­sche Dar­stel­lung", "un­ge­schön­te Aus­drucks­wei­se".

______________________________  
Fotos: C.E.

Mittwoch, 31. Juli 2019

Der Nuschler

Im 13. Jahr beschreibe ich hier meinen sprachbetonten Alltag. Ich bin Kon­fe­renz­dol­metscherin und Übersetzerin, arbeite mit der fran­zö­sischen Sprache (und aus dem Englischen). Diesen Sommer denke ich über meine Kunden nach.

Und dann war da noch der No­ta­ri­ats­ter­min, bei dem ich für eine Kol­legin ein­sprin­gen durf­te. 

Staatsdiener am Stehpult
Zwan­zig Ver­­trags­sei­ten wa­ren vor­­über­­setzt, die Kollegin ar­bei­tet seit Jah­ren so und nutzt ein Trans­la­tion-Memory-Sys­tem, das die bereits über­tra­ge­nen, meist stan­dar­di­sier­ten, for­mel­haf­ten Be­griffs­ver­bin­dun­gen an­bie­tet, die dann nur noch an­ge­passt werden müs­sen. Für juris­ti­sche Details war mal eine Anwältin hin­zu­ge­zogen wor­den, die uns auch Grund­la­gen­in­for­ma­tio­nen über die Fein­hei­ten des Ei­gen­tums­über­gangs gegeben hatte. Das ist fürs Dol­­met­schen der Er­klä­run­gen wichtig.

Zusätzlich haben wir eine lang Vokabelliste. Und wenn ich lang schreibe, meine ich lang. Also sehr lang.

Beim Termin selbst wird oft verlesen. Die Verleserei dauert meist noch länger, denn viele Notare können mit simultaner Verdolmetschung nichts anfangen. Nor­ma­ler­weise liest der Notar alle inhaltlich zusammengehörenden Abschnitte vor, dann liest unsereiner die Übersetzung.

So auch beim letzten Einsatz. Nur, dass der Notar unerträglich genuschelt hat. Je verwaschener er sprach, ein junger Mann, er klang wie ein Schlaganfallpatient kurz vor Löffelübergabe, desto mehr hab ich die Ex-Radiofrau raushängen lassen. Saß kerzengrade über dem Steiß, hatte kurz in den Bauch geatmet, mit dem Zwerch­fell kom­muniziert, die Gähnspannung geübt, den Unterkiefer ge­lockert ... um dann mit vollem Vibrato die Mediensprecherin zu geben. Da haben sich alle die Augen gerieben! (Nur der Notar hat leider, allerhöchst selbstverliebt, meine dieser Geste innenwohnende Kritik nicht gerafft.)

Im Ernst: Die Kollegin hatte die letzte Arbeitsfassung bearbeitet. Unsereiner muss beim Verlesen auch darauf hören, ob alles vollständig ist, nichts hinzugekommen oder weggelassen wurde (das müssten wir sonst hinzudolmetschen bzw. weg­las­sen). Bei der verklausulierten Sprache der Jurisprudenz, die einen Duktus pflegt, als trügen sämtliche ihrer Vertreter noch die Ärmelschoner aus den Amtsstuben vergangener Jahrhunderte, ist das wahrlich keine einfache Aufgabe. Kurz: Mit dem Nuschler war der Einsatz noch anstrengender als sonst.

______________________________
Illustration: Eigene Bearbeitung (hist. Vorlage)

Dienstag, 30. Juli 2019

Jean Reinhard war kein Journalist!

Guten Tag oder guten Abend! Sie sind mit­ten in ein Ar­beits­ta­ge­buch hinein­ge­ra­ten, in dem sich al­les um Spra­che, Dol­met­schen, Über­setzen und Kult­uren dreht. Als frei­be­ruf­li­che Sprach­mitt­lerin ar­bei­te ich in Pa­ris, Berlin, Marseille und dort, wo man mich braucht. Gestern habe ich wäh­rend des Bü­ro­auf­räu­mens Radio ge­hört.

Djournalist [ˈd͡ʒʊʁnaˈlɪst] sagt der Moderator des Medienmagazins im Deutschlandfunk, und er spricht die Berufsbezeichnung so aus, wie der Beginn des Spitznamens von Jean Reinhard ausgesprochen wird: Der Jazzmusiker ist als „Django“ Reinhard berühmt.

Journalismus war mal ein anerkanntes Handwerk
Die Berufsbezeichnung Jour­na­list [ʒʊʁnaˈlɪst] leitet sich vom französischen Wort le jour ab. Es ist eindeutig: Nicht mit [ˈd͡ʒ], sondern mit [ʒ] geht dieses Wort los. Bon jour kennen sogar Menschen, die kein Französisch spre­chen, und bedeutet, was ich Ihnen jetzt wünsche: einen guten Tag!
___________________________
Foto: C.E.

Montag, 29. Juli 2019

Remote Interpreting

Hier schreibt und denkt eine Übersetzerin und Dolmetscherin, derzeit in Berlin. Ich arbeite aber auch in Paris, Brüssel, München, Hannover und dort, wo Sie mich brauchen. Heute schaue ich einen Werktag zurück. Letzten Freitag ...

Gleicher Arbeitsplatz, allerdings mit Mikro (beim Diktat)
Es kommt mir vor wie eine Bild­stö­rung: Ich trage Kopf­hö­rer, neben mir Tablet, Notiz­block und Er­satz­blei­stif­te, stilles Wasser, last but not least habe ich einen Moni­tor mit Köp­fen vor der Nase. Das kennen wir aus der Kabine, wenn die Red­ner in eini­gen Kilome­tern Ent­fernung zu sitzen scheinen. Wer fehlt ist die Kol­legin oder der Kol­lege an meiner Seite.

Auch habe ich keine Kabinen­wän­de mit Glas­sche­iben um mich herum und ein Mi­kro­­fon sehe ich auch nicht. Ich sitze ganz normal von meinem Com­puter. Auf dem Moni­tor sehe ich vier Fenster, drei große und ein klei­nes. Im kleinen bin ich, in den gro­ßen zwei Franzosen, eine Frau, ein Mann, sowie ein deutscher Nicht-mehr-ganz-Jungun­ter­nehmer.

Um mich herum ver­trau­te Akustik, wie wenn unten am May­bach­ufer der Markt auf­ge­baut wer­den würde. Und ja, es wird gerade am Ufer der Markt aufgebaut. Ich sitze zu­hau­se und dolmetsche. Wie komisch.

In mei­nem ganz pri­vaten Raum mei­nen Be­ruf aus­zu­üben, der sonst den Ein­satz von viel Tech­nik nötig macht und meis­tens mit Kongress­luft, Kollegen und schicken Klamotten ver­bun­den ist, irritiert mich. Nor­ma­ler­weise funktionieren Orts­wechsel in Richtung Arbeitsplatz und die Stimmung dort wie das Klingeln für die berühmten Hunde in der wis­sen­schaft­li­chen Forschung: Wir sind gut kon­di­tio­niert und können von einem Moment zum anderen loslegen. Hier merke ich, wie viel mühsamer es ist, in die Arbeitsroutine reinzu­kommen. Vor allem fehlt mir die Kol­legin für das Aufschreiben von Wörtern und Zahlen. Nun gut, die fehlt ja beim nor­ma­len Kon­sekutiv-Ein­satz, da arbeiten wir oft al­­lei­n, auch gerne mal. Auß­erdem habe ich jetzt keine Zeit für großes Rumgejammere. Ich arbeite. Und bin trotz allen Frem­delns erstaunlich schnell drin.

Was definitiv nervt beim „Remote Interpreting“ (also der Ar­beit aus der Fer­ne) sind die Schwankungen in der Ton­qua­li­tät. Es gibt Phasen, da muss ich mich dop­pelt konzentrieren, um zu ver­ste­hen, was gesagt wird. Das wäre per Si­mul­tan­dol­met­schen zum Beispiel gar nicht möglich. Prompt friert das Bild eines der Ge­sprächs­teil­neh­mer erst ein, dann ver­schwin­det es ganz vom Monitor. Wenig später ruft der Ver­lo­ren­ge­gan­ge­ne bei ei­nem an­de­ren Teilneh­mer an und bleibt per Te­le­fon zu­ge­schal­tet. Natür­lich hin­dert die­ser Um­stand ihn nicht daran, aktiv an der Diskus­sion teil­zu­neh­men.

Für mich bedeutet das eine Verschlechterung der Verschlechterung. Das ist ver­gleich­bar mit den rus­si­schen Puppen, die ineinander stecken: Außen sitze ich al­lein, ohne die Kol­legin, ohne das Ambiente, das die Konzen­tration fördert. Ver­engung: Der Monitor mit den sprechenden Köpfen und dem schlech­ten Sound. Verengung: Tele­fon­ton via verzerrender Internet­leitung.

Dolmetscherin in der Kabine
Frühjahr 2017 in der Botschaft Frankreichs
Erneute Ver­engung: Mein ge­stress­tes Hirn.

Fazit: Nach ei­ner Stunde hätte die Sache für mich gerne zu Ende sein kön­nen. Leider dau­erte der Spaß noch mehr als eine weitere Stun­de. Diese zwei Stun­den waren so an­stren­gend wie ein ganzer Kon­gress­tag, bei dem wir zu zweit in der Kabine insgesamt sechs Stun­den sitzen, wo also jede von uns drei Stun­den netto dolmetscht.

Um elf Uhr war der Job fertig — und ich auch.

Wir hat­ten diese Gesprächsart aus­pro­bieren wollen.

Gründe gibt es viele: Nur Ge­sprächs­­stoff für zwei, drei Stunden und Ur­laubs­­zeit. Solche Ein­sätze müssten ehr­­li­­cher­­wei­se mit einem ganzen Tages­satz vergütet wer­den. (Hier war das nicht der Fall, da es am Vortag kein Material zur Vor­be­reitung gab und ich dem Kunden Rabatt einräume, wir kennen uns länger, ich be­herr­sche die Fach­ter­mi­ni und Themen.)

2. Fazit: Meine Kunden spra­chen zum Teil in An­deu­tun­gen, be­nutz­ten in­terne Be­grif­fe, vernuschelten Wörter, tranken viel an diesem heißen Som­mertag. Wenn weder ein Teil der Teil­neh­mer noch das Thema noch der Fach­jargon einem gut be­kannt sind, ist das mit der aktuellen Technik mit gutem Gewissen im Grunde nicht zu machen. Die Um­stän­de er­schweren die Arbeit über die Grenze des Zumut­baren hinaus. Fehler sind program­miert. Die Sache wird also am besten dort nicht an­ge­wen­det, wo es um Leib und Leben und vielleicht sogar das Über­leben geht (Asyl­the­ma­tik).

Leider sind das genau die Bereiche, in denen damit |experi­men­tiert| immer öfter gear­beitet wird. Fortsetzung folgt.

P.S.: Die Kommentarfunktion habe ich derzeit wieder aktiviert. Kolleginnen und Kollegen: Sie/Ihr dürf/t/en hier gerne etwas schreiben. Andere gerne auch :-) ______________________________  
Fotos: Privat und P.-J. Adjedj  (Archiv)

Sonntag, 28. Juli 2019

Stadtnatur

Hallo, hello, bon­jour, beim ersten Blog Deutsch­lands aus dem In­ne­ren der Dol­met­scher­ka­bine und darüber hinaus. Hier berichte ich regelmäßig über meinen Alltag — auch als Über­setz­er­in. Gerade ist es ruhig, die Stadt ist in der Sommerpause.

Als Dolmetscherin bin ich gerade stand by in der Hauptstadt. Eine(r) muss den Job ja machen. Natur gibt es hier allerdings viel. Erholung gibt es auch in Berlin.

Hummel, Fische, Schmetterling und Blüten
Sommerfarben
______________________________
Fotos: C.E.

Freitag, 26. Juli 2019

Vermischtes

Bon­jour, gu­ten Tag! Was uns Sprach­ar­bei­ter so um­treibt, also uns Dol­met­scher und Über­setzer, ist seit mehr als zwölf Jah­ren Ge­gen­stand die­ses Blogs. Ich ar­bei­te mit den Sprachen Französisch und Englisch. Im Frühjahr auf Herbst sind wir meistens auf Kon­fe­ren­zen anzutreffen. Der Som­mer ist anders.

In der Sommerzeit bin ich als Dolmetscherin stand by, weil die Kolleginnen mit ih­ren Schulkindern verreist sind. (Ich urlaube gerne außerhalb der Reisesaison.) Was mich dieser Tage beschäftigt, stünde in jeder besseren Zeitung ganz klassisch auf der Seite "Vermischtes": Eine Nachbarschaftsstreitigkeit mit Messer, ein Schul­kan­ti­nen­neubau, Unterschiede in den Unternehmenskulturen diverser Länder sowie verunreinigte Strände.

Freunde von uns sind ge­ra­de aus Frankreich nach Deutschland zurückgekehrt. Sie hatten sich dort mit anderen zusammen für mehrere Wochen ein Ferien­haus ge­mie­tet. Nein, keine Ortsnamen, irgendwo am Atlantik.

Am zweiten Tag hat sich der Familienvater eine Scherbe eingetreten. Die Fahrt zum Arzt: an die 30 Kilometer. Der Arzt im Ort war ausgefallen und die Praxen in der Nähe nur jeweils zwei Mal die Woche einen oder zwei Nachmittage lang be­setzt. Ja, die Gesundheitsversorgung mag nicht überall auf dem Land gegeben sein, aber wir sprechen von einer durchaus auch bei Urlau­bern beliebten Gegend am Meer. Sie fuhren also dort regelmäßig hin zur Wund­ver­sorgung.

Warnschild: Vaisière dangereuse / gefährliches Watt
Gefährliches Watt
Die Fami­lie hatte von einem Ba­de­­urlaub geträumt, wie ihn die Mutter der Familie vor 40 Jahren erlebt hat. Damals wa­ren schon die ersten Pro­ble­me er­kenn­bar, ha­be ich später on­line nach­gelesen.
Die­ses Jahr waren dort viele Strände an der Küste geschlossen. Grund: Schwer­wie­gen­de Um­weltprobleme. Die Ein­wohner sprechen von der tödlichen Grünalge, die bei ihrer Zer­setzung Schwe­fel­was­ser­stoff freisetzt. Sie wächst und gedeiht im Meer, die Hitze erhöht ihr Aufkom­men ebenso wie Ab­wässer der industriellen Tierzucht und einer Klär­analage, die nicht ganz vor­schrifts­mä­ßig läuft. Größere Mengen von Darm­bakterien waren im Watten­meer nachgewiesen worden.

Seit Jahren kommen immer wieder Hiobs­bot­schaften aus der Gegend: Ein Mensch starb im Watt, ein Pferd und zwei Hunde. Der Touris­mus ist an­ge­schlagen, Ferien­im­mobilien stehen leer, die Kauf­prei­se der Häu­ser sinken, die Zi­vil­ge­sell­schaft wacht lang­sam auf. Mit der marée verte, der grü­nen Flut, zahlen die Küs­ten­be­woh­ner für das jahr­zehn­te­lan­ge Laissez faire der Regierung einen hohen Preis.

Auf der Rückfahrt hatten sie noch versucht, woanders unterzu­kommen. Ich durfte begleitend zu dem Gan­zen einige Tele­fonate führen. Aber alles, was die Familie interes­siert hätte, ist ausge­bucht. So ist sie jetzt in Berlin, die Kinder sind heute im Museum für Verkehr und Tech­nik und morgen geht es an den Liepnitzsee, einem der saubersten Seen Bran­denburgs. Pack die Badehose ein, nimm dein kleines Brü­der­lein ...

______________________________  
Illustration: Netzfund

Donnerstag, 25. Juli 2019

Hergestellt in Truthahn

Bonjour, hello, guten Tag. Hier bloggt im 13. Jahr eine Dol­met­sche­rin, übli­­cher­­wei­se mehr­mals die Woche. Die Konshy;feshy;renzshy;saishy;son pau­siert, ich übershy;setshy;ze vor al­lem. Und freue mich über Trouvaillen am Wegesrand.


FABRIQUE EN DINDE / Hergestellt in Truthahn
Hergestellt in Truthahn
"An erster Stelle der Erzeuger steht das Land Ich rannte." Berühmt dafür ist die Gegend um die Städte Kerman und Raf­sand­schan im Südosten des Landes. An zweiter Stelle liegen die USA, genauer gesagt Kali­for­nien, und die Türkei belegt den dritten Platz.

Worüber sprechen wir? Über Her­stel­ler­län­der und -regionen von Pistazien. Haupt­er­zeu­ger­land ist der Iran. Und wir spre­chen über au­to­ma­tische Über­setzung.
Iran -> I ran -> Ich rannte.

Manche Kleidungs­stücke sind "Her­gestellt in Truthahn". Auf Fran­zösisch heißt dieses Tier la dinde.

Wer genau hin­hört (und liest), kommt darauf: Es ist die poule d'Inde, die Henne aus Indien. Und dieser Fehler ist eher auf unzureichende Geographiekenntnisse von Menschen zurückzuführen als auf die Grenzen der Informatik.

______________________________  
Foto: Netzfund

Sonntag, 21. Juli 2019

Balkonien

Guten Tag oder guten Abend! Sie sind mit­ten in ein Ar­beits­ta­ge­buch hinein­ge­ra­ten, in dem sich al­les um Spra­che, Dol­met­schen, Über­setzen und Kult­uren dreht. Als frei­be­ruf­li­che Sprach­mitt­lerin ar­bei­te ich in Pa­ris, Berlin, Marseille und dort, wo man mich braucht. Heute wieder: Sonntagsbilder.
 
Wer be­ruf­lich viel verreist, bleibt im Som­mer gerne länger zuhause. Vor allem dann, wenn er oder sie es so grün hat. Und in dieser Um­ge­bung lässt sich über die Ma­ßen gut ... übersetzen.


______________________________  
Foto: C.E.

Donnerstag, 18. Juli 2019

Autoscham

Im 13. Jahr beschreibe ich hier meinen sprachbetonten Alltag. Ich bin Kon­fe­renz­dol­metscherin und Übersetzerin, arbeite mit der fran­zö­sischen Sprache (und aus dem Englischen). Diesen Sommer denke ich über meine Kunden nach.

Bullauge und Flugzeug im Schatten über Landschaft
Irgendwo im Baltikum
Und dann war da noch der Re­lo­cation-Kun­de, den ich zu diversen Amtsgängen be­glei­tet habe, An­mel­dung, Auf­ent­halts­pa­piere, er bekam die Bluecard, das Pendant zur bekannten US-amerikani­schen Green­card, Wohnungs­suche, Ein­schu­lung des ältesten Kindes.

Den einen oder anderen Kunden dieser Art ha­ben wir manch­mal nebenbei, gerne in den kongressarmen Wochen, oder es sind Freunde von Freun­den, denen wir einen Gefal­len tun, einfach so oder weil sogar um die Ecke ein Job winkt, oder aber es sind alte Freun­de aus früheren Jahren.
Wie dieser groß­ge­wachsener Mitt­vier­ziger, Architekt und Familienvater.

Nennen wir ihn Maruan. Das Büro, für das er inter­national tätig ist, sitzt in Berlin. Bei der Arbeit spricht er meis­tens Englisch. Seine Wiege stand irgendwo im Ma­ghreb, studiert hat er in Italien, England und Frankreich.

Eines Tages erzählte Maruan mir stolz, er würde gerade einen Jeep kaufen. Das ist et­was mehr als drei Jahre her. Sein Deutsch hat sich seither nur wenig verbessert, was ich immer wieder fest­stelle, wenn wir alle sechs, acht Wochen zusam­men mit­tag­essen (und er mir einige Papie­re zur schnellen Durch­sicht mitbringt.)

Ich muss damals ziemlich heftig die Stirn gerunzelt haben. Sein Sohn hätte sich den gewünscht, hat er damals entschuldigend gesagt. Ich weiß noch wie heute, wie ich ihm daraufhin vom Diesel­skandal berichtet habe, von Umweltschäden, von zu erwartenden Fahrverboten. Er hat zugehört, aber ich konnte ihm ansehen, dass der kleine Junge in ihm sich das Auto zusammen mit dem Sohn gewünscht hatte.

Drei Jahre später, es ist mal wieder was kaputt an der Karre, dieses Mal ist es die Klimaanlage: Ich sitze im Zug und manage den Auto­trans­fer von Werkstatt Eins zu Werkstatt Zwei, von Schrauber zu Fach­werkstatt, weil die Re­­pa­­ra­­tur komplexer ist als er­wartet, lasse mir das Bulletin der Arbeiten und die Vermu­tungen durch­geben, woran es wohl lie­gen mag. Voilà!, die Ultra­kurz­fassung: Zwei Strom­kreis­läufe, ei­ner fürs Ein­schalten, ei­ner für den Kühl­­kom­­pressor, der in ein separates Käst­chen ver­baut ist. Irgendwo hakt es mit der Strom­weiter­leitung. Und die Anlage kühlt an­fangs, dann setzt sie immer aus. Dieses "Anfangs" kann zehn Minuten oder aber zwei Stunden dauern.

Ich selbst habe gar kein Auto. Maximal lasse ich ab und zu fahren, wenn es sich nicht ver­meiden lässt. Mit großer Herkunfts­familie und Wahl­­ver­­wandt­schaft und jungen und alten Menschen im Umfeld gibt es immer wieder mal Strecken, die nur mit dem Auto zurück­gelegt werden können. Aber es gibt Miet­wagen und Car­sha­ring.

Den ersten Auto­­monteur quetsche ich am Telefon so lange aus, bis ich eine un­ge­fäh­re Idee von der Proble­ma­tik habe. Dabei stehe ich auf dem Gang des Zuges. Beim zweiten größeren Tele­fonat, Werk­statt Nummer Zwo ruft zurück, beschreibe ich das Problem, als stünde ich selbst bald vor der Me­cha­tro­ni­ker­prüfung. Das Problem wird innerhalb kürzester Zeit gefunden und be­hoben werden. Maruan braucht die Karre dem­nächst nur noch ab­zu­holen.

Beim zweiten langen Telefonat sitze ich eingeklemmt in ein Mehrpersonenabteil, am Gang schläft einer, gegenüber stillt eine Mutter ihr Kind. Es ist Freitag. Auf vielen deut­schen Straßen demonstrieren die Fridays for future-Jugendlichen. Bahnfahrer sind oft umweltbewusst Reisende, wenn sie sich den Luxus einer teuren Bahn­fahrt leisten und die oft spott­bil­li­gen An­ge­bots­flüge sau­sen lassen.

Seit einiger Zeit kennen wir das Wort "Flugscham" (vom Schwedischen Flugskam). Ich em­pfinde hier "Autoscham". Denn natürlich muss ich beim Tele­fonat den Wa­gen­typ ansagen, Jeep, das Baujahr, mittelprächtig neu, und die Art des Antriebs, Diesel­motor. Die Blicke der Mitrei­senden sprechen Bände. Ja, Autoscham. "Ein Kunde", sage ich entschuldigend und drücke noch mein Bedauern über eventuelle Be­ein­träch­ti­gungen nämlicher Mitrei­senden durch mein Telefonat aus. Das macht aber die Sache aber auch nicht besser.

Maruan heute beim Mittag­essen: "Im August sollten wir das Auto ver­kaufen! Ich will es so schnell wie möglich los­werden!" Jetzt hätte ich gerne mein über­raschtes Ge­sicht gesehen. Der hat sich aber schnell ak­kli­mati­siert! Berlin halt.


Vokabelnotizen
écoresponsable — umweltbewusst
interrupteur — Schalter
faux-contact — Wackelkontakt
boîtier — Kästchen, Gehäuse
compresseur frigorifique — Kühlkompressor

______________________________  
Foto: C.E. (Archiv!!)

Mittwoch, 17. Juli 2019

Dolmetschen bei der Polizei

Seit mehr als zwölf Jahren beschreibe ich hier meinen sprachbetonten Alltag. Ich bin Kon­fe­renz­dol­metscherin und Übersetzerin, arbeite mit der fran­zö­sischen Spra­che ... und mit Eng­li­sch als Ausgangssprache. Manchmal arbeiten wir für die Be­hör­den, für Polizei und Justiz.

Die Berliner Morgenpost hat gestern einen Beitrag über die Berliner Polizei und andere Behörden gebracht, die Dolmetscherinnen und Dolmetscher ein­set­zen.
Journalist Alexander Dinger nennt die Ausgaben dafür an erster Stelle — 36 Mio. Euro für Sprachdienstleistungen seit 2014 allein bei der Polizei. Die­ser Eingangs­focus ist nicht un­kri­tisch, Leser könnten argwöhnen, dass dies zu viel sei. Aber Aus­ga­ben der Behörden sind zugleich Ein­nah­men von Berlinern, die in Konsum und Dienst­leis­tungen, aber auch in Steu­ern flie­ßen.

Au­ßer­dem liegt die Summe des Gezahl­ten unter dem Wert des Erhaltenen. Be­rich­tet wird näm­lich über die hohen Schwan­kun­gen bei den Dolmet­scherhonoraren in den Be­rei­chen Justiz und Polizei und darüber, dass diese Preise un­ter­halb dessen liegen, was am freien Markt üblich ist.

Justiz, Polizei und Wirtschaft werden erwähnt, eng damit verzahnt ist die Verwal­tung. Hier ist die Lage oft noch viel dramatischer. Ich erinnere mich daran, bei einem deutsch-fran­zö­si­schen Paar im Jugend­amt nach Justiz­vergütungs- und Ent­schä­di­gungs­ge­setz (JVEG) ab­rech­nen gedurft zu haben, also 75 Euro pro Stun­de, und weniger als 15 Euro Stunden­satz für die Ver­dol­met­schung einer un­be­glei­teten Ju­gend­li­chen, die geflüchtet war.

Außerdem berichtet der Beitrag über Eng­pässe in seltenen Sprachen.

______________________________  
Illustration: Berliner Morgenpost

Dienstag, 16. Juli 2019

Notarzt ...

Bonjour und hel­lo und gu­ten Tag! Was Dol­­met­­scher und Über­setzer so alles er­le­ben, können Sie hier mitlesen. Wir ar­bei­ten als Team über­wie­gend in Ber­lin, aber auch in Pa­ris, Mün­chen, Cannes und dort, wo man uns braucht. Dabei reise ich meis­tens mit dem Zug. Sogar lan­ge Stre­cken.

"Wir unterbrechen die Fahrt. Grund: Notarzt im Gleis!" ist keine schöne Zugansage. Vielfahrer wissen, was das bedeutet, haben es wiederholt erlebt.

Viel Rot bei den Fahrzeugen vor dem Zugfenster
Polizei, Feuerwehr, Notarzt, Busunternehmen ...
Für alle Beteiligten folgt eine mehrstündige Unterbrechung. Alle sind bestürzt.

Die Passagiere sprechen mit leisen Stimmen, passen auf­ein­an­der auf, fragen, bieten Hil­fe an, einige besorgen Trink­was­ser, ver­sor­gen alle, die es brauchen. So schreck­lich der Anlass ist, so be­ru­hi­gend ist dieser zwi­schen­mensch­liche Umgang.

Für mich als Dolmetscherin führen solche Anlässe dazu, dass mein Fahrverhalten sich immer mehr ändert. Denn uns Dolmetschern geht es wie Dozenten, Profs oder Referenten: Es fällt auf, wenn wir fehlen.

Als Vielfah­rerin kann ich sagen: Jede dritte von mir gebuchte Fahrt verläuft nicht problem­los, wobei ein nicht aufgefüllter Wasser­tank im Speisewagen noch das kleinste Übel ist. (Dann gibt es eben keine Heiß­getränke und keine Speisen.)

Bin ich vor fünf Jahren immer einen, zwei Züge früher gefahren, wenn ich zu ei­nem berufs­bedingten Ein­satz gereist bin, nehme ich jetzt vier bis fünf Züge früher, denn in der Regel gehen die Verspätungen zum Glück nur auf technische Störungen zurück. Mit dem Ergebnis, dass ich manch­mal schon am Vorabend un­ter­wegs bin, selbst wenn eine Tagung erst um 11.00 Uhr beginnt. Liebe Kunden, bitte eine Hotelnacht ein­pla­nen. Danke.

In der Schweiz kommt es nur in den al­ler­sel­tens­ten Fällen zu Verspätungen. Die Schweiz ist ei­sen­bahn­technisch ohnehin ein Vorbild. Deren Bahn­card, "das Halb­tax", kostet nur 185 Franken, das entspricht 169,90 Euro, und 165 Franken (151,53 Euro) ab dem zwei­­ten Jahr. Aufgrund des höheren Einkom­mens­niveaus der Schwei­zer müssen wir das noch herunter­rechnen, wenn wir es mit deut­schen Preisen ver­gleichen möch­ten. Die deutsche Bahncard 50 liegt derzeit bei 255 Euro. Ein Drama, wie unat­traktiv der Staatsbetrieb sich macht.


Wenn Sie oder eine Ihnen nahestehende Person Selbstmordgedanken hegen, wenden Sie sich bitte an die Telefonseelsorge: 0800 111 0 111.
______________________________  
Foto: C.E.