Mittwoch, 5. Juni 2019

Im Flow

Guten Tag, bonjour & hello! Was Dol­met­scher und Über­setzer so alles er­le­ben, können Sie hier mitlesen. Wir ar­bei­ten als Team über­wie­gend in Ber­lin, aber auch in Pa­ris, Köln, Reims und dort, wo man uns braucht. Wo immer wir tätig sind, das Arbeitszimmer steht immer im Mittelpunkt. Dort sind wir nicht immer allein.

Als ich heute Mittag vom Außen­termin nach Hause komme, sitzt ein Kind bei uns auf der Treppe. Das Mäd­chen hatte hitzefrei und seine Mutter war kurzfristig beim Arzt. Sonst sei es ja ein Schlüsselkind, sagt es, nur heute hätte es den Schlüssel ver­ges­sen. Ich biete ihm den Bespre­chungs­tisch in meinem Arbeits­zimmer an und etwas zu trinken. (Hunger hat es nicht, die Hitze!) Es macht Haus­auf­gaben. Parallel dazu habe ich per Skype ein Vorstel­lungs­gespräch mit ei­nem Kunden, für den ich vielleicht im Herbst als Me­dien­­dol­­met­scherin arbeiten werde.

Castingähnliche Verhältnisse beim Dolmetschen sind neu. Hier geht es vor allem um Stimme und Prosodie. Ich darf probedolmetschen. Die Grundschü­le­rin in mei­nem Rücken schaut auf, beobachtet mich dabei aufmerksam (so sagt es später mein Gegenüber in Frankreich).

Vierjährige mit Teddy sitzt auf dem Esstisch
Zu klein für Schlüsselkind (1929)
Auf dem Monitor vor mir läuft die Auf­nahme einer Red­nerin ab. Da­ne­ben ist eine Vokabel­liste geöffnet. Ich setze mir nur einen Kopf­hörer auf, die Mu­schel des anderen Ohrs er­gänze ich, in dem ich mit der Hand ei­ne Art zweiter Mu­schel bilde, um meine ei­ge­ne Stim­me bes­ser zu hören. Ich ha­be die Red­nerin fest im Blick. Kurz schaue ich eine Vo­ka­bel nach.

Nach eini­gen Minu­ten bin ich "drin", sitze ruhig da, schließe die Augen und tauche tief ein in die Rede. Der Flow stellt sich ein, diese Versunkenheit, in der Spre­che­rin, die Dame vom Monitor, und Nach­spre­che­rin, also ich, wie mit einer Stim­me sprechen.

Dann ist der Test auch schon vorbei. Das Kind macht mit den Haus­auf­gaben weiter, dieses Mal fällt mir die Dy­na­mik­än­derung neben bzw. schräg hinter mir auf. Am Ende fragt mich der Inter­viewer in Frank­reich, ein Kollege, ob ich noch eine Frage hätte. Erstmal nicht.

Wir kom­men auf das Kind zu spre­chen (das uns nicht ver­steht). Der Interviewer, ein Kollege, lobt es für seine Kon­zen­triert­heit. Er hält es für meine Tochter. Ich kläre das Miss­verständ­nis auf und wir suchen ge­mein­sam noch das französische Wort für "Schlüssel­kind". Das gibt es nicht, sowas ist wie die Ganz­tags­schule jen­seits des Rheins nicht der Rede wert.

Als Entspre­chung für den Drei­silber "Schlüsselkind" kommen wir auf die Um­schrei­bung enfant qui a la clef pour rentrer chez lui en l’absence de ses parents. Das sind 18 Silben. In der Dol­met­scherkabine, wo Zeit rar ist, ein Ding der Un­mög­lichkeit.

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Foto: eigenes Archiv

Montag, 3. Juni 2019

Auf dem Schreibtisch (LI)

Über den Arbeitsalltag einer Dolmetscherin können Sie hier einiges lesen. Wenn ich nicht Konferenzen vertone, sitze ich am Über­set­zer­schreib­tisch. Blick auf den Schreibtisch!

Ein Tag mit Hob­by­haar­spal­ter­klein­knü­sel­kram: Ich darf ein Gutachten über ein missglücktes Aufsatz­lek­torat schreiben. Ich ver­wen­de hier bewusst das Wort "dür­fen" und nicht müs­sen. Das ist kei­ne schö­ne Auf­gabe.

Ein Arbeitszimmer vom Ende des 19. Jahrhunders
Ein Gericht hat mich be­auf­tragt. Hin­ter­grund: Der "Pro­jekt­ma­na­ger" einer "Agen­tur" hat sich wieder mal wie ein kulturloser Im­mo­bi­lien­makler ver­hal­ten. Die Übersetzung war von einer Nach­wuchs­­kraft er­stellt wor­den, das "Lek­to­rat" stammt von einem Haus­mann und früheren Lehr­amts­stu­den­ten. Es ist un­brauch­bar, voller Wi­der­sprü­che und Un­ge­reimt­hei­ten.

Nichts gegen Lehrer. Ich verdanke meinen Leh­rer­in­nen und Lehrern sehr viel und war ja selbst jahrelang Hoch­schul­lehrerin, aber das hier haut hinten und vorne nicht hin.

Außerdem steht ein größerer Kosten­­vor­anschlag an: Drei Stunden Präsenz, davon zwei Stunden Dol­­metschen zum Zeitpunkt, zu dem die Saison ausklingt ... nicht einfach, da den an­ge­mes­senen Preis zu finden.

Was hier sonst noch über den Tisch geht: Texte zum Thema kulturelles Miteinander und Res­pekt in unseren sich verän­dernden Gesell­schaften, SPD-Krise ... und die Themen der letzten Woche be­schäf­ti­gen mich weiter.

Endlich konnte ich das Wort Hob­­by­­haar­­spal­­ter­­klein­­knü­­sel­­kram einmal in ei­nem Blogpost un­ter­bringen. Nein, dieses Mal habe ich keine Wette verloren!

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Foto: eigenes Archiv

Sonntag, 2. Juni 2019

Ein Tag am Wasser

Bonjour, hello, guten Tag. Seit zwölf Jahren bloggt hier eine Dol­met­sche­rin, übli­­cher­­wei­se mehr­mals die Woche. Die Frühjahrssaison, kaum angefangen, neigt sich schon wieder ihrem Ende engegen. Zeit für die Rückkehr zu eigenen Schreib­ar­bei­ten und fürs Aus­span­nen.
  
Kinder am Wasser, Ball, Bäume, Segelboot
Am Wannsee
Ein Tag am Wasser kann sehr erfri­schend sein. Berlin ist eine der wasser­reichsten Großstädte Europas. Und in der Natur wird auch deut­lich, dass diese Stadt in­zwi­schen eine Weltstadt ist, so viele Sprachen wer­den hier gesprochen.

Was ich sehe wirkt zeitlos: der Ball des Kindes, das Segel­schiff, die Bäume. Allein die Bade­mode könnte könnte einen Hin­weis darstel­len. Nun leben wir zum Glück wieder in Zeiten, in denen Mode nicht so wichtig ist, zumindest in Berlin.

Liegeplatz mit Grenzlinie
Das gilt für die Post­ma­teriellen jeden Alters, be­son­ders aber für junge Leute in Stu­dium oder Aus­bil­dung sowie für Jugendliche, die die Ernsthaf­tigkeit der Klimakrise verstanden haben. Also sind unter­schiedlich geschnittene Badehosen, -anzüge und Bikinis gleichzeitig zu sehen.

Wer weiter rausfährt, braucht sogar an vielen Stellen gar keine Bade­textilien mehr. Hier sind sich die Deut­schen aus Ost und West sehr eing.

Es wird gesegelt, mit Booten gefahren, es werden Sand­burgen und -frauen in den mär­ki­schen Sand gegraben, die einstige "Streu­sand­büchse Preußens".

Abends wird es kühl, die Schatten werden länger. Men­schen nehmen das Aus­flugs­schiff, um den Son­nen­tag zu verlängern.
Umkleidehäuschen
Am Morgen noch geschlossen
Menschen auf dem Ausflugsdampfer, Bild aus den 1920-er Jahren
Herrschaften, alle mal hersehen!

Sie haben es gemerkt, ich habe hier Bilder ver­schie­de­ner Epochen durch­ein­an­dergeworfen. Manch­mal ist es schö­ner, ohne Ka­mera los­zu­ziehen und die Ein­drücke nur auf die Bildplatte der Erinnerungen zu brennen.

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Fotos: C.E. (Bild 2. und 3) und eigenes Archiv

Freitag, 31. Mai 2019

Auf dem Schreibtisch (L)

Guten Tag oder gu­ten Abend! Hier bloggt im zwölften Jahr eine Dol­met­sche­rin und Über­set­ze­rin. Dabei arbeite ich (aktiv und passiv) mit Deutsch und Fran­­zö­­sisch sowie (nur passiv, also als Ausgangs­spra­che) mit Englisch. Dort, wo mich meine Kunden brauchen, bin ich dann meis­tens auch tätig: Köln, Berlin, München, Lyon, Straß­burg, Pa­ris ... um nur einige Beispiele zu nennen.

Heute zum 50. Mal der Blick auf den Schreib­­tisch, der manchmal auch ein Steh­pult­auf­satz ist. Diese Woche dreht sich alles um:
Stehpultaufsatz

⊗ Preiskalkulation Drehbuch­übersetzung
⊗ Afrika (Land­wirtschaft)
⊗ Neubau einer Be­triebs­küche (nach­haltig und um­welt­neutral)
⊗ All­ge­meine Politik (mise à jour)
⊗ Fanpost an einen Theater­schauspieler
⊗ Klimafol­gen­abschätzung
⊗ EU-Wahlen (Nachlese)
⊗ Buchhaltung und Mahnwesen

... und um die
⊗ biologische San­ie­rung einer Berliner Alt­bau­wohnung (für eine französische Familie mit Allergikerkind)

Das sind lauter spannende Aufgaben. Ich bin gespannt auf die neuen Themen, die die Zeit bringen wird. Und habe in den kommenden Wochen noch Kapazitäten frei.

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Foto: C.E. (Kunst von Detlef Baltrock)

Sonntag, 26. Mai 2019

Postpferd

Bonjour und hello und guten Tag! Was Dol­met­scher und Über­setzer so alles er­le­ben, können Sie hier mitlesen. Wir ar­bei­ten als Team über­wie­gend in Ber­lin, aber auch in Pa­ris, Mün­chen, Cannes und dort, wo man uns braucht. Die Arbeit ist meistens hart.

Gemalt von Orest Kiprenski
Heute dürfen wir an den rus­si­schen Natio­nal­dich­ter und Begründer der mo­dernen russischen Li­te­ra­tur den­ken. Von ihm stammt das fol­gende Zitat:

"Über­setzer sind die Post­pferde der Auf­klärung."

(Alexander Ser­ge­je­witsch Pusch­kin, geboren am 26. Mai 1799 in Mos­kau, also vor 220 Jahren.) So füh­len wir uns manch­mal, mit dem Kum­met oder dem Ge­schirr auf den Schul­tern und zu großen Kraft­an­streng­un­gen ver­pflich­tet.


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Illustration: Portrait von 1827 (gemeinfrei)

Dienstag, 21. Mai 2019

Ausschreibungsgymnastik (1)

Seit mehr als zwölf Jahren beschreibe ich hier meinen sprachbetonten Alltag. Ich bin Kon­fe­renz­dol­metscherin und Übersetzerin, arbeite mit der fran­zö­sischen Spra­che ... und mit Eng­li­sch als Ausgangssprache. Manchmal wird unsereiner allerdings vom Arbeiten abgehalten. 

Bürodetail
Kostenvoranschlag erbeten! Die Sache ist al­ler­dings so ge­heim, dass ich leider kei­nen Pro­be­­text erhalte. Dafür 28 (in Wor­ten: acht­und­zwan­zig) Seiten Ver­trags­text in Neun-Punkt-Schrift, also kurz vor Au­gen­pul­ver. Ich lese Sätze, die Worte wie "Vertragsstrafe" enthalten. Ich möch­te nicht, dass man mir droht, noch bevor ich überhaupt weiß, worum es geht.

Ich antworte, dass ich an­­ge­­sichts der vie­len Un­wäg­­bar­kei­ten keinen Kosten­vor­an­­schlag abgeben möchte, da der Auf­wand unklar und damit nicht kal­ku­lierbar ist. Die Sache wäre eine Art negativer Wun­­dertüte. Die Stelle, es ist eine Unter­­ab­tei­lung einer Bun­des­behörde, hakt nach.

Sie möchte dringend eine Zahl von mir haben, da ich sonst von der "potentiellen An­bie­ter­liste" gestrichen werden würde. Das klingt bedrohlich. Wer erstellte wo und wann eine solche Liste? Wo zirkuliert sie? Ich höre zum ersten Mal davon.

Allerdings kenne ich solche Spielchen. Ich kalkuliere flott die Anzahl der Zeichen, kon­ver­tie­re in Zeilen, schreibe 4,40 Euro je Zeile auf (statt 1,60 oder 1,80 oder 2,50 oder ...) und schicke mein "Angebot" ab. Ich erhalte sogar eine per­sön­li­che Dan­kes­mail für diesen Auf­wand. Zurecht, denn ich habe un­be­zahlte Arbeits­zeit eingesetzt.

Was war das jetzt? Möglicherweise war hier im Rahmen der Kos­ten­däm­pfung oder der Ver­meidung von Günstlings­wirtschaft eine erweiterte Ausschreibung fäl­lig. Al­ler­dings sind nicht alle teil­neh­men­den Über­setzer persönlich bekannt, dürfen also keinen Ein­blick in die Unter­lagen nehmen. Am Ende brauchen sie eine Zahl, wie viele Dienst­leister teilgenommen haben. Ich hoffe sehr, sie ver­öf­fent­li­chen haus­­intern auch  einen Durchs­chnitt der ab­ge­ge­be­nen "Gebote".

Nach dieser un­er­freu­lichen Erfahrung wende ich mich den wirklich wichtigen Din­gen zu. Ich würde mir wünschen, wenn es ein Nach­denken geben würde, wie sol­che Ver­fah­ren und Auftrags­verfahren besser geregelt werden, damit sie nicht in komische Aus­schrei­bungs­gym­nas­tik münden. So bleibt ein schaler Nachgeschmack. Be­rück­sich­ti­gen sol­che Bie­ter­wett­kämpfe auch Qua­li­tät? Oder war das nur Kosten­däm­pfung? Ver­mei­dung von Ne­po­tis­mus? Für den Pa­pier­korb!

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Foto: C.E.

Montag, 20. Mai 2019

Kulturelle Konnotationen (1)

Über den Arbeitsalltag einer Dolmetscherin können Sie hier einiges lesen. Wenn ich nicht Konferenzen vertone, sitze ich am Über­set­zer­schreib­tisch. Und ge­le­gent­lich blödel' ich mit frü­he­ren Kun­den rum, so­gar aus der Ferne ...

Ein von mir sehr gerne ver­dol­metschter His­to­ri­ker, den ich vor Jah­ren noch zu­fäl­lig in Berlin beim Spa­zier­gang tref­fen konnte, hat ein span­nen­des Buch ver­öf­fent­licht. Es han­delt sich um Nicolas Offen­stadts "Le pays disparu", "Das ver­schwun­dene Land", hier ein Ra­dio­bei­trag vom DLF über das Buch. Bei Lesungen in Frank­reich werden ihm, so berichtet er, von Zu­schau­ern immer wieder Er­in­ne­run­gen von frü­he­ren DDR-Rei­sen­den erzählt. Neulich brachte jemand sogar "Alu-Chips" mit, DDR-Kleingeld. Das war der schöne Anlass, sich eines Witzes zu er­innern.

Und fürs Protokoll: Ich würde sehr gerne dieses Buch übersetzen. Hat hier je­mand ei­nen guten Ver­lagskontakt? Ich wür­de zu­dem als "Wos­si" ger­ne dazu ein Vor­wort schrei­ben und (noch ein­mal) Re­gis­seur Peter Ka­ha­ne inter­vie­wen, den ich für mich schon 1990 im Rah­men mei­ner (nicht be­en­de­ten) Dok­tor­ar­beit ent­deckt habe.


Ein Witz der da­ma­li­gen Zeit: Was seh­en wir auf dieser Bank­no­te? Eine Ka­me­ra­din, die gerade ihren Kauf­vertrag für einen Wart­burg un­ter­schrie­ben hat. Das ist die Rück­seite des Zehn-Mark-Scheins.


Und was ist auf der Vor­derseite ab­ge­bil­det? Es ist die gleiche Frau, al­ler­dings an dem Tag, an dem sie das Auto erhält. (Oder, in den Wor­ten ei­nes mei­ner Brü­der: "Der Wart­burg heißt Wart­burg, weil darauf lange ge­war­tet werden muss.")

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Geldscheine: Wikicommons

Sonntag, 19. Mai 2019

Glamour!

Gu­ten Tag! Sie sind mit­­ten in ein Ar­­beits­­ta­­ge­­buch rein­­ge­­ra­­ten, in dem sich al­les um Spra­­che, Dol­­met­­schen, Über­­setzen und Kult­­uren dreht. Als frei­be­ruf­li­che Dol­met­scherin und Über­set­zerin ar­bei­te ich in Cannes, Schwe­rin, Pa­ris, Berlin, Brüs­sel und gerne dort, wo Sie mich brau­chen! Heute ein anderer Blick auf den glanz­vollen Fes­ti­val­betrieb.

Cannes: Pailletten, Strass, Glamour, Stöckelschuhe, Manner aller Altersgruppen in Smokings, überwiegend junge Ladies in hautengen Roben, kaum ein Film aus weib­li­cher Hand, so schaut's dieser Tage an der Côte d'azur aus.

"In Cannes zeigen Frauen ihre bobines, Männer ihre Filme" lau­tete schon vor vielen Jahren die Über­schrift eines Gast­beitrags der Abend­zeitung Le Monde. Das Wort bobines ist natürlich schillernd doppeldeutig gemeint, so heißen Film­büchsen, im vor­lie­genden Kontext sind aber eher Brüste gemeint. Die Lage än­dert sich nicht, solange Frauen viel seltener Geld für Film­pro­duktion (und Stoff­ent­wick­lung) be­kom­­men und ihnen noch viel weniger große Budgets anvertraut werden.

In der Unter­zeile des Artikels weist Fes­ti­val­di­rek­tor Frémaux 'positive Dis­kri­mi­nie­rung' zurück







"Frau­en und an­dere Min­der­hei­ten" ha­ben in Cannes heute ebensowenig ihren selbst­ver­ständ­lichen Platz wie manche Film­kul­turen und Spra­chen. Immer­hin werden die Film­dis­kus­sio­nen noch auf Fran­zö­sisch geführt (und ins Eng­lische ver­dol­metscht). Ver­glichen mit Ber­lin ist das ...

Naja, ich erspa­re mir die Po­le­mik. Und weil wir Frauen ja Fach­leute in Sa­chen Putzen und derlei sind, hier noch ein rascher Blick in die Fes­ti­valkulissen, mein Foto des Mo­nats. Für etwas Gla­mour lass' ich eine Hand­voll Gold­staub springen. Voilà !

(1) winziges Plastikstück (2) viel Papier (3) Biomüll in der Papiertüte (4) Geschirr
Meine Mülltrennung im Hotel

Warum bekommen Hotels eigentlich keine Mülltrennung hin? Hier meine Ausbeute gegen Ende von sechs Festivaltagen: (1) Plastik, (2) Papier (3) Biomüll in der Pa­pier­tü­te (4) Geschirr (mit dem kompletten Plastikmüll).

Für den Papiermüll gibt es im Hotel keine Abwurfstelle, ich habe ihn im Fes­ti­val­bü­ro entsorgt. Biomüll hat auch dort niemand auf dem Schirm. Ich bin alle zwei Tage einen kleinen Umweg gegangen und habe den Busch einer Grünanlage ge­düngt. Guerilla composting!

Cannes sollten ALLE Frauen boykottieren, bis die ver­ant­wort­li­chen Film­bran­chen­män­ner ihr Um­welt- und Gen­der­prob­lem gelöst haben. Ich stelle mir das grad ganz praktisch vor. Die Film­för­der­ver­ant­wort­li­chen, in der gro­ßen Mehrzahl inzwischen Frauen, könnten auch am Rad dre­hen. Ich stelle mir vor: Ein Jahr Film­pro­duk­tions­pau­se für alle, das Geld wird in Stoffentwicklung investiert und in Fortbildungen, damit niemand hungern muss, wobei die Gelder zu 2/3 an Frauen gehen sollten (als aus­glei­chen­de Ge­rech­tig­keit, und an jun­ge El­tern). Parallel dazu sollte in der Bran­che ein bedingungsloses Grundeinkommen gezahlt werden. Das würde einige Jahre später die Festivals komplett durchpusten!

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Illustration: Le Monde / C.E.

Samstag, 18. Mai 2019

Lieblinks (1)

Hier bloggt ei­ne Über­set­ze­rin und Dol­met­sche­rin — mal mehr, ar­beits-­ und fa­mi­lien­be­dingt mal weniger. Meine Links-der-Woche-Reihe will ich wieder aufgreifen. Ganz ehrlich: Ich war ein wenig (sehr) in Schockstarre ob der Welt­nach­rich­ten ver­fal­len. Ich halte unsere Ära für eine der ge­fähr­lichsten der mir be­kann­ten Zeiten. (Aber das mei­nen Zeit­ge­nos­sen von Kri­sen sicher immer.) Und da ich einst bei der gro­ßen Ver­teilung der Charakter­ei­gen­schaften beim Thema Sprach­ta­lent und Em­pa­thie mehrfach "hier!" ge­schrie­en habe, hatte ich viel zu ver­ar­beiten. Samstags von jetzt an wieder: Die Links der Woche, die mir aufgefallen sind. Also Lieb­links.

Langer Vorspann für zwei Themen: Die Zeitschrift "Die Fackel" von Karl Kraus ist online. Komplett. Aber nur dann, wenn das Archiv erreichbar ist (jetzt gerade nicht). Erschienen 1899 bis 1936, insgesamt 22.500 Seiten (er war der Sohn eines Papierfabrikanten), als Faksimilie und Digitaltext so­wie mit Volltextsuche.

Wäre Kraus heute Blogger? Vielleicht ja, aus Umweltgründen. Das war die zu­ge­ge­ben aben­teuer­liche Über­leitung hin zum Thema Ökolandbau: Berliner Zeitung: Öko­an­bau schlägt kon­ven­tio­nel­le Landwirtschaft von Ralf Stork (14.05.19).

Darum geht's: Unter der Feder­führung des Thünen-Instituts in Braun­schweig und der Universität Kassel wurde ein Bericht mit dem Titel "Leistung des ökologischen Landbaus für Umwelt und Ge­sell­schaft" erarbeitet. Das Ergebnis vor­weg: Bei knapp 60 Pro­zent der verglichenen Höfe sind signifikante Vorteile der ökologischen Be­wirt­schaf­tung zu beobachten. Reinlesen in die vertiefte Argumentation lohnt sich sehr!

Leistung des ökologischen Landbaus für Umwelt und Gesellschaft: Ökolandbau überwiegend positif
Aus der Begleit-PPT der Studie
Dass ich diese Studie demnächst an einem Arbeits­tag studieren werde, firmiert un­ter nicht bezahlte Arbeits­zeit. (Sollte ich ausgebucht sein, was zur Stunde nicht ab­seh­bar ist, werde ich mich vorerst mit der Kurzfassung begnügen.) Öko- und Land­bau­themen gehören bei mir schon allein aus privaten Gründen zum Re­per­toire. Als Al­ler­gi­kerin ernähre ich mich seit Jahr­zehn­ten überwiegend vege­tarisch, oft vegan, kaufe "bio­logisch" produzierte Lebens­mittel.

Den Begriff habe ich schon mit 15 Jahren, als meine 'kleine Oma' zum ersten Mal davon sprach, als irreführenden Aus­druck wahr­ge­nommen. "Alles, was wächst, ist doch biologisch, auch das Industriezeug", ging mir durch den Kopf. Heute wissen schon Kin­der, wie das Wort zu verstehen ist. In wenigen Jahren wird "Bio" wieder die (kon­ven­tio­nel­le) Normalproduktion sein, wie es Jahrhundertelang der Fall war.

Wir brauchen dringend einen Umbau der EU-Agrarsubventionen, weg von der Gieß­kanne, in der das Geld nach Grund­stücks­größen fließt, hin zu Nach­haltigkeit für Flora und Fauna, Wasser, ge­sund­heit­licher Arbeits­schutz und Lebensmittelqualität. Ökolandbau ist klima- und um­welt­schonender.

Feldblumenstrauß
Dazu noch dieser Sich­tungs­link: "Hektarweise Geld", Agrarsubventionen in der EU, ZDF 'planet  e'. Der Film er­klärt die Agrar­sub­ven­tio­nen, die Zusammenhänge mit dem Raubbau an der Umwelt, und er for­dert eine Agrar­wen­de.
In acht Tagen sind Wah­len. Es geht um nichts ge­rin­geres als um die Grund­la­gen des Wun­ders Erde.

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Illustrationen: Thünen-Institut und C.E.

Freitag, 17. Mai 2019

Notre-Dame de Paris (2)

Wie und was wir ar­bei­ten, be­schrei­be ich hier. "Wir", das sind et­li­che Kon­fe­renz­dol­met­scher und Über­setzer im Netzwerk selb­stän­diger Profis. (Kein Makler oder Agentur.) Vor dem Event liegen oft lange Ta­ge der Vor­be­rei­tung. Umso schö­ner, wenn die Reak­tionen unserer Hörer gut aus­fallen.

Diaprojektor, Dia, Notre-Dame de Paris
Historische Bildungsmedien
Ach, und da war noch der Unidekan einer be­kann­ten Kunsthochschule. Er hat mich auf einer zwei­tägigen Kon­ferenz gehört, ich habe ei­nen Vor­trag ins Deutsche über­tra­gen und live "ein­ge­spro­chen", dann noch zwei Diskussionen ver­dol­metscht. Das Event war klein, offen und spann­end. Ich bin nach meinen "Beiträgen" ge­blie­ben und habe auch Red­nern die eine oder an­dere Frage gestellt.

Dann fragt beim Ab­schluss­um­trunk nämlicher Dekan mit Blick auf mein (hand­ge­schriebenes) Schild, auf dem nur der Na­me stand: "Frau Elias, bitte sehen Sie es mir nach, dass ich Sie all die Jahre übersehen habe! An welcher Uni­ver­sität sitzen Sie?"

Ich durfte grin­sen. Das ist jetzt Uni-Jar­gon: "Je­mand sitzt an ei­ner Hoch­schule" ist gleich­be­deu­tend mit dem Ausdruck "je­mand be­klei­det einen Lehr­stuhl". Der Herr Dekan hat mich für eine Pro­fes­sorin der Kunst­ge­schichte gehalten.

Ja, ich habe länger in Paris gelebt und hatte im Ne­ben­fach Kunst­ge­schich­te belegt. Nicht nur Notre-Dame de Paris habe ich vor Ort stu­diert. Ein grö­ßeres Lob gibt es wohl nicht, oder?

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Fotos: C.E.

Mittwoch, 15. Mai 2019

Sprachenvielfalt der EU

Bonjour und hello und guten Tag! Was Dol­met­scher und Über­setzer so alles er­le­ben, können Sie hier mitlesen. Wir ar­bei­ten als Team über­wie­gend in Ber­lin, aber auch in Pa­ris, Mün­chen, Cannes und dort, wo man uns braucht. Sogar ge­le­gent­lich in Brüs­sel ...

Marmorbüste (Kopf) einer Schönheit
Auch Europa ist eine schöne Frau
Die Vielfalt der Sprachen Europas wird im Par­la­ment widergespiegelt. Die EU hat 24 Amtssprachen, somit müssen die Dol­met­scher und Über­setzer in Brüs­sel und Stras­bourg mit 506 Sprach­kom­bi­na­tio­nen ar­bei­ten. Das kostet die eu­ro­päische Kasse insgesamt ca. eine Mil­lia­rde Euro. Auf den ersten Blick sieht das nach viel aus.

Im Vorfeld der EU-Wahlen ist oft zu hören, man solle doch künftig alles auf Englisch machen und die Spra­chen­viel­falt ab­schaf­fen. Dabei sprechen so viele Menschen in Europa über­haupt nicht gut Englisch ... also ein klas­sische Idee bestimmter Krei­se, die nicht über ihren Tel­ler­rand hin­aus­schau­en können oder wol­len.

Diverse EU-Institutionen beschäftigen an die 4300 Übersetzerinnen und Über­set­zer, außerdem 800 Dolmetscherinnen und Dolmetscher. Die Spracharbeiten beider Berufe zusammen kosten sämtliche Ins­ti­tu­tio­nen der EU weniger als ein Prozent des jähr­lichen Gesamt­haushalts der EU aus.

Auf die Gesamtbevölkerung der Europäische Union umgelegt sind das etwa zwei Euro pro Jahr und Nase. Es ist also doch nicht wirk­lich viel Geld.

Der Vorschlag "Englisch für alle" erin­nert mich ein wenig an frühere Zeiten, in de­nen in der Kirche auf Latein gepredigt wurde, obwohl nicht alle dieses Idiom ver­stan­den haben. Vor solchen Ent­schei­dungen müssen erstmal die Bildungsaus­ga­ben vieler Länder um 50 bis 100 Prozent erhöht werden und dauerhaft hoch bleiben.

Deutsch­land steht im internationalen Vergleich schlecht da, was die Bil­dungs­bud­gets angeht, und im Bereich der Klein­kind­pä­da­gogik soll sich das dem­nächst sogar noch weiter ver­schlech­tern. Wäre ich Poli­tikerin, ich würde in der Bildungs­re­pu­blik Deutsch­land sofort alle Bil­dungs­etats ver­dop­peln und nicht nur in digitale Schul­ta­feln oder die Re­no­vie­rung von Schü­ler­toi­let­ten in­vestie­ren.

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Foto: C.E. [Geburtstagsgruß an eine,
der Bildung auch sehr wichtig ist!]

Dienstag, 14. Mai 2019

Stille Post (1)

Jede Berufsgruppe hat das Gefühl, dass sich die ganze Welt nur um sie dreht. Das weiß ich spätestens seit einer Recherche über die Pariser Métro. Das war in einem früheren Berufsleben. Jetzt be­rich­te ich über Dol­met­scher und Über­set­zer. Auch hier mä­an­dert eine Pa­ral­lel­welt vor sich hin. Mehr Wissen über unseren Alltag möchte dieser Blog in die Welt bringen.

Ein Kunde sen­det einen Text auf Französisch mit der Bitte um Über­setzung. Aller­dings mer­ke ich gleich in den ersten Zeilen, dass ich mit der Ar­beit nicht nur nicht glück­­lich werde, sondern dass sie un­mög­lich ist. Es geht um die Zu­kunft der Film­­fi­­nan­­­zie­­­rung.

Hier treffen kul­turelle Unter­schiede auf juristische und fi­nan­ziel­le. In meinem Rechner finden sich dazu etliche Re­fe­renz­texte, zum Teil von uns im Team über­setzt. Der neue Text wurde in Brüssel geschrieben und wird dieser Tage in Cannes gebraucht. Es geht um Film­­fi­n­an­zie­rung in Europa. Ganz of­fen­sichtlich wurde er von je­man­dem verfasst, der/die nicht in einem fran­­zö­­sisch­­spra­­chi­gen Land auf­ge­wach­sen ist.

Das Ganze sieht nicht nur aus wie schon mal |gegessen| über­setzt, der Text liest sich auch so, als wären ein Praktikant und/oder Doc Gar­goyle, der (ver­meint­lich) kos­ten­lose digitale Daten(wasser)speier, an seiner Entstehung beteiligt gewesen.

Kurz: Ich verstehe maximal die Hälfte, und auch da bin ich mit mir selbst und mei­nen In­terpre­ta­tionen nicht im­mer einer Meinung. Das geht zu weit! 45 Zeilen, die ganz alleine mit sich "Stille Post" spielen ...

Text zurück zum Kunden ... mit einem freundlichen Er­klä­rungs­schrei­ben. Wir über­­set­zen und dol­met­schen doch nur! Kaffeesatzleserei gehört nicht zum An­ge­bots­spek­trum.  Kristallkugeln kommen woanders vor. Der Knauf meiner Kuchenglocke hilft auch nicht weiter.

Schokoladenkuchen unter einer Glocke, deren Griff wie eine Kristallkugel anmutet
Sonntagskuchen
Einen Tag später kommt die englischsprachige Vorlage. Sie ist verständlich und wird jetzt sowohl ins Französische als auch ins Deutsche übertragen. Geht doch!

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Fotos: C.E.

Montag, 13. Mai 2019

Großküche

Bonjour, hello, guten Tag. Hier bloggt im 13. Jahr eine Dol­met­sche­rin, übli­­cher­­wei­se mehr­mals die Woche. Der Weg von der ei­­ge­­nen Kü­che in die Groß­­küche ist manch­mal sehr kurz.

Was mich an meinem Beruf begeistert, ist das Kennen­lernen neuer Lebens- und Ar­beits­wel­ten. Wir Dol­met­scherinnen und Übersetzer (oder Übersetzerinnen und Dol­metscher) müssen ­neugierig sein und schnell lernen, sonst ist der Beruf eine Qual.

Durch eine nasse Scheibe hindurch aufgenommen: Putzdienst und Spüle
Nach dem Kochen
Und so darf ich viel über den Bau und Be­trieb von Groß­küchen lernen. Ein Team von Bauherren, da­run­ter auch Kö­che, sieht sich eine fran­zö­si­sche Groß­küche an.

Prak­tisch: Die Deutschland-Be­reichs­lei­te­rin souffliert mir den ein­en oder an­deren Fach­begriff, der sich in keinem Wör­ter­buch finden ließ. Am Ende schreibe ich meine ei­ge­ne Vo­kabel­liste.

Hat mich etwas ir­ri­tiert oder überrascht? Sehr hohe Wisch­leisten, les plinthes, auch "Schmutz­leisten" genannt, wurden zu "Schutz­leisten" im Be­reich der Waren­an­lie­ferung. Das Wort­spiel habe ich nicht aus­ge­las­sen. Ich hätte dahinter zu­dem ei­nen Schacht zur Instal­la­tion diverser Technik (Strom, Heizung, ...) ver­mutet. Dieser "Schacht" wur­de als eine Art Kriech­bo­den (Höhe 1,50 m) oberhalb der Räu­me in­stal­liert, eine Halb­etage für Ver­sor­gung, sehr flexibel, und le plénum ge­nannt.

Auch wur­den beim Neu­bau be­reits die Außen­wän­de berück­sich­tigt, an die ein Er­weiterungs­bau gesetzt werden kann. Wand­module, die entfernt werden können, bieten die Mög­lichkeit, künf­tig auch sehr große Küchen­geräte, die nicht durch die Tür passen, aus­zu­tauschen.

Industriebau: Innenraum
Schleuse von schmutzig zu sauber 
Am besten fand ich von diesen Geräten die Gemüsewasch- und -schälmaschinen mit anschließendem Stär­ke­ab­schei­der (sé­pa­ra­teur à fécules). Mit Stärke an­ge­rei­cher­tes Grauwasser (z.B. vom Kar­tof­fel­wa­schen und -schälen) wird hier einer "De­kan­tie­rung" unterzogen, bis sich diese Be­stand­tei­le ab­ge­setzt haben, denn stär­ke­hal­ti­ges Wasser schäumt stark und es ist zu vermeiden, dass der Schaum aus der Ka­na­li­sation aufsteigt. Der Bodensatz wird dann anderweitig entsorgt.

Au­ßerdem kommen beim Groß­kü­chen­ne­ubau vor: Fett­ab­scheider (sé­pa­ra­teur de graisses) und Schwer­kraft­ab­schei­der/Öl­ab­schei­der (sé­pa­ra­teur d'hydrocarbure) im Bereich Be- und Entladung.

Vokabelnotiz
mur non porteur en placoplâtre — nichttragende Gipskartonwand
gorge concave, creuse, arrondie — Hohlkehle
joint butyl — Butyl-Fugenmasse (zähplastische Dichtung)
zone souillée — Schwarzbereich (Lieferbereich, Büros etc.)
zone propre — Weißbereich (= 'Sauberbereich', Küche u.a.)
eau potable — Trinkwasser
eaux usées peu utilisées — Grauwasser
eaux-vannes — Schwarzwasser

Das Schwarz-Weiß-Prinzip ist eine interessante Sache, hier der Link zu Wikipedia.

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Fotos: C.E.

Sonntag, 12. Mai 2019

Küche

Bonjour und hello und guten Tag! Was Dol­met­scher und Über­setzer so alles er­le­ben, können Sie hier mitlesen. Die Umwelt geht uns alle an. Täglich. Hier meine Sonntagsbilder.

Diverse Zutaten und Tellergerichte
Kochen entspannt
CO2-sparende, ve­ga­ne und trotz­dem nahrhafte Mahl­zei­ten sind so einfach aufzutischen! Und im Hand­um­dre­hen zubereitet. Ich kaufe meine Spiralnudeln dreifarbig (mit Spinat- und Tomatenextrakten gefärbt) im Un­ver­packt­la­den, dort kommen sie als "Bulkware" ins Geschäft. Ich ge­he di­rekt mit mei­nen ei­ge­nen Vor­rats­ge­fäßen ein­kau­fen. Die sind auch noch le­­bens­­mit­­tel­­mot­­ten­­si­­cher.

Dann auf dem Markt vier Hände voll Wildkräuter aus der Re­gion ho­len, in Papier verpackt, diese waschen, grob hacken, mit etwas Zi­tro­nen­saft beträufeln. Auch das: Einen Schwung Ze­der­nüs­se (LKW-Ware aus Sibirien) in der Pfanne etwas an­rösten, zusammen mit den Kräutern weiterhacken. Dazu Olivenöl (kaltgepresst) und Ge­mü­se­brühe (ohne Hefe, mit dem Pu­der­zucker­sieb locker da­rü­ber verteilt), Pfef­fer, Kräu­ter­salz, Mus­kat­­nuss, al­les schnell mischen und ohne Zeit­­ver­­zug servieren.

Ja, die Men­gen­an­ga­ben sind un­ge­nau, das ist Kü­chen­all­tag. Ich nehme vier Hände Wild­kräu­ter für zwei Per­so­nen. Das Rezept werde ich bei Ge­le­gen­heit mal nach­wie­gen und De­tails nach­lie­fern.

Gutes Essen ist für uns geis­ti­ge Hoch­leis­tungs­ar­beiter von gro­ßer Be­deu­tung: Re­gio­nal, sai­so­nal und tra­di­tio­nell, z.B. Lein­öl, lie­fert die bes­ten Inhalts­stof­fe. Ich kau­fe meis­tens Bio­qua­li­tät. Dabei lebe ich nicht nur vegan. Tie­ri­sche Ei­weiße kom­men vor, Fisch und Fleisch sel­ten. (Zi­tro­nen und Ze­der­nüs­se, LKW- und Flug­ware, sind ein Ein­ge­ständ­nis an die Er­näh­rungs­viel­falt. Ab und zu. Ho­hen Vi­ta­min-C-Gehalt hat auch Schar­bocks­kraut.)

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Fotos: C.E.

Freitag, 10. Mai 2019

Innerer Dialog

Seit mehr als zwölf Jahren beschreibe ich hier meinen sprachbetonten Alltag. Ich bin Kon­fe­renz­dol­metscherin und Übersetzerin, arbeite mit der fran­zö­sischen Spra­che ... und mit Eng­li­sch als Ausgangssprache. Meistens jedenfalls. 

"Fresse!" habe ich gesagt — zu mir selbst. Eine so direkte Ansprache ist sonst nicht meine Art. Dolmetscher sind ohnehin eher zwei Spuren höflicher als andere Zeit­ge­nos­sen. Diesmal aber war alles anders.

Neulich habe ich ins Engli­sche und aus dem Englischen gedolmetscht. Das war sehr interes­sant und eher lustig. Nur tief in mir drin gab es eine Stim­me, die fand das irgend­wie überhaupt nicht gut.

Dazu muss ich erwähnen, dass wir Dolmetscher Sprachen alphabetisch sortieren. "A" steht für die Muttersprache (Deutsch), "B" für die Hauptarbeitssprache (Ziel- und Ausgangssprache, bei mir Französisch) und "C" ist die so­ge­nann­te pas­si­ve Spra­che, die Aus­gangs­spra­che, in meinem Falle Eng­lisch. Hier habe ich Fra­gen ins Eng­li­sche gedol­metscht und die Ant­worten zurück ins Deutsche.

Da vorne bin ich irgendwo :-)
Das Unter­bewusst­sein wollte aber nicht Ru­he ge­ben. Es hat sich immer lauter ge­äu­ßert. Hat sich be­schwert: "Was machst du denn da? Du kannst doch gar kein Eng­lisch!" Mein Be­wusst­sein: "Hör doch hin, das klappt er­staun­lich gut!" Das Unter­bewusst­sein: "Du bist 'ne Hoch­sta­ple­rin." Mein Bewuss­tsein: "Fresse!"

Die Zeit, die es braucht, um an­dert­halb Ant­wor­ten zu dolmetschen, war ich ver­un­si­chert.

Das Ganze geschah mitten auf der Bü­hne des 29. Film­kunst­fests Schwe­rin. Aber ich habe mich schnell wieder gefangen. Ich liebe es, in echten Arbeits­si­tua­tio­nen die C-Sprache trainieren zu dürfen. Dieses Trai­nings­mo­ment war eher dis­kret; für das Pub­li­­kum habe ich die meis­te Zeit ins Deut­sche gedolmetscht. Dieses Jahr war Ir­land das Gast­land. Es gab viel Be­such. Es hat sich ange­fühlt, als wären sie alle nur für mich von der grü­nen Insel an­ge­reist. So schön! Ich liebe mei­nen Beruf. Trotz sol­cher inneren Dia­loge.

[Und ja, auch mit Jahr­zehn­ten Be­rufs­pra­xis auf dem Buckel, das Wort darf in­zwi­schen ins Plu­ral, ken­nen wir ge­le­gent­lich noch Lam­pen­fie­ber, Selbst­zwei­fel und Stress­ge­dan­ken, die die Rou­ti­ne tor­pe­die­ren. Adrenalin hilft uns, so hoch­gradig und dauer­haft auf­merk­sam zu sein, wie wir es müs­sen. Au­ßer­dem ähnelt ja auch die Art un­se­res Ar­bei­tens im­mer wieder Prü­fungs­situa­tio­nen frü­he­rer Zei­ten.]

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Foto: Stefan Koeck

Donnerstag, 9. Mai 2019

Machine translation poetry (1)

Was Fran­zö­sisch­über­­set­­zer und -dol­­met­scher be­­schäf­­tigt, können Sie hier mit­le­sen, zumindest aus meiner Pers­pek­ti­ve. Heute be­ginnt eine neue Reihe mit der oft un­frei­wil­ligen Poesie (oder Komik) auto­ma­ti­scher Über­set­zung. Ein­sen­dungen herz­lich will­kom­men!

Ein In­ter­net­nutzer schrieb, um ein Pflege­etikett zu kommentieren: "Hier ist Lon­don. Fran­zosen sprechen zu Franzosen. Doch vorab einige private Nach­richten!"

Die Maschine wäscht den Schnupfen / getrennt. / Fallen Sie trocken niedrig. / Nur das Bleichmittel von / chlorfrei, wenn nötig ist. / Nicht mit dem Eisen überbügeln. / die Zeugung. / Nicht trocken sauber. / Hergestellt in China
Unfreiwillig poetisch
Fran­zosen haben jetzt das Rauschen von Mit­tel­wel­len­sen­dern der früh­en 1940-er Jahre im Ohr und  "Bumm-Bumm-Bumm-Bomm".

Dann folgen skurrile Geheim­bot­schaften, die da­mals nur die Empfänger ent­schlüsseln konnten, darunter ge­heim­nis­vol­le Sätze wie: "Gabriel bleibt anonym". "Das Ge­spenst ist nicht geizig" oder "Der Abt ist nervös."

Bei der Abbildung oben links handelt es sich allerdings um einen Kas­si­ber di­rekt aus den be­rüch­tig­ten Sweatshops der asia­tischen Textil­in­dus­trie, verstärkt durch die Hölle digitaler zum Zwecke der Übersetzung versklavter Bits und Bytes.

Wascheinleitung
Die Aus­gangs­fas­sung, die englische Variante ist schon arg ge­stam­melt, vor allem in der In­ter­punk­tion: Machine wash cold / se­pa­rate­ley. / Tumble dry low. / Only non-chlorine bleach. / when needed. / Do not iron over design. / Do not dry clean.

Oben steht deutsche Übersetzung dieser fran­zö­si­schen Varian­te: La machine lave le rhume / sé­pa­ré­ment. / Tomber sec bas. / Seule­ment le dé­co­lo­rant de / non-chlore,quand eu besoin de. / Ne faire pas le fer par-dessus / la con­cep­tion. / Ne pas sé­cher propre. / Fait dans Chine.

Wir Spracharbeiter und -arbeiterinnen ver­tei­di­gen stets unsere Einzigartigkeit in Sachen Ver­ständ­nis und Analyse.

Diese setzt auf die Kenntnis von Zusammenhängen. Diese Zusammenhänge werden gerade programmiert bzw. die Industrie baut auf Machine learning, automatisches Erkennen der Wortfelder, Wiedergabe von Zusammenhängen.

Hätte die Maschine hier schon auf ein Wort­feld zurück­grei­fen können, wie es die nächste Generation von Übersetzungs­motoren machen soll, wäre die Sache mög­li­cher­wei­se noch schicker falsch gewesen. Hier wurde ja tumble dry only zu tomber sec bas, tumble wie "schleudern" oder eben "stolpern", eine Bewegung von oben nach unten. Bei Tieren heißt gebären auf Französisch mettre bas, das mettre ist wie das Englische to put, bas wie "runter", "unten". Mettre bas wird bei Tieren in Zusammenhang mit der Geburt verwendet, wir kennen das aus dem Deutschen, wo das Wort "Niederkunft" allerdings nur für Menschen zur Verwendung kommt.

Was ich sagen will: Im Hinblick auf ein anderes Wort, denn das eng­li­sche design wurde hier als conception wiedergegeben, was auch "Zeugung" heißt, wäre diese Übelsetzung vom Wortfeld ausgehend auch so möglich gewesen:

"Die Maschine wäscht den Schnupfen / getrennt. / Trockene Geburt. / Nur das Bleichmittel von / chlorfrei, wenn nötig ist. / Nicht mit dem Eisen überbügeln. / die Zeugung. / Nicht trocken sauber. / Hergestellt in China"

Sol­chen Humbug bei der Auswahl aus Wortlisten können den­ken­de Men­schen (mit Vor­wis­sen) ver­mei­den. Die Wort­wie­der­holung von "trocken" auch. Maschinen nicht. Sie haben keinen blassen Schimmer von dem, worum es geht. Der in diesem Kon­text übrigens ein chlorgebleichter Schim­mer sein müsste.

Hintergrundwissen ist auch nötig, um kulturelle Anspielungen zu erkennen. Auch das ist zutiefst menschlich. Siehe oben. Hier zum Reinhören:


                                      Aufnahme um 1943/44

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Illustration/Film: Netzfund, ArchivesRadio, Caroline Elias

Dienstag, 30. April 2019

Viva la Diva!

Wie Kon­­fe­renz­dol­metscher und Übersetzer arbeiten, kön­nen Sie hier mit­le­sen. Im 13. Jahr be­schrei­be ich hier mei­nen sprach­be­ton­ten Alltag.
Man­che Selbst­er­kennt­nis folgt spät.


Das Gute an uns Dolmet­schern: Weil die Arbeit so schwer ist, haben wir eine grö­ße­re Achtung vor der Leis­tung der an­deren und auch der ei­genen. Wir sind zu­packend, pragmatisch, organisiert. Wir ar­beiten ganz konkret in der Vorbe­reitung und in der Kabine als Team und müssen aber auch die anderen Kabinen im Blick haben und für sie mit­denken. Der Job steht im Mittel­punkt, nicht das eigene Be­fin­den. Wir erken­nen uns am "Stall­geruch", an den Gewohn­heiten, an der intel­lektu­ellen Auf­ge­schlos­senheit, dem hohen Grad an Em­pa­thie.
Kurz: Wir sind keine Diven.

Straßenkunst: Junge Lady
Sicher auch keine Diva
Ich glaube heute noch, dass diese Be­­schreibung für die meisten von uns gilt.

Bis ich dann leider doch auf div­en­haf­te Dol­met­scher­kol­le­gen traf, männ­liche und weib­li­che. Das war nicht einfach. Ich halte dieses Ver­hal­ten für ei­ni­ger­ma­ßen in­kom­pa­ti­bel mit dem Be­ruf und hielt mich fern, ohne, dass ich mein Un­wohl­sein hätte be­nen­nen kön­nen.

Und dann hatte ich ein Er­lebnis, das wie die Probe in der Ma­thematik war. Ich be­geg­nete einer echten Diva! Sie ist Musikerin, eine wun­der­bare Künstlerin, sprüht vor Charme. Glamour! Im Hauptberuf ist sie Dol­met­scherin. Und klack!, kaum ging's um die Sprach­arbeit, war die Dol­metscherin da, klar, prag­matisch, soli­da­risch. Wunderbar.

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Foto: C.E.

Samstag, 27. April 2019

Prekäre Künstler

Den subjektiven Arbeitsalltag in der Dolmetscherkabine beschreibe ich hier im 13. Jahr. Was uns als Französischdol­metscher und -übersetzer beschäftigt, geht oft über unseren eigenen Berufsbereich hinaus. Link der Woche!

Nachwuchskunst
Nächste Woche feiern wir den Tag der Arbeit. An diesem Wochen­ende steigt in Ber­lin mal wieder das Gal­lery Week­end, leider ohne mich, da ich vergrippt bin.
Meine Auf­merk­sam­keit gilt einem Hör­­funk­­fea­ture über die pre­kä­re Le­bens­la­ge von Künstlern und über die Frage:" Was ist unserer Ge­sell­schaft die Kunst über­haupt wert?"
Spannend ist der kon­tras­tier­te Bericht der Lebens­situation einer jungen Künstlerin und eines alten Künstlers, der das eins­tige Berlin beschreibt. Als Sprachar­bei­terin­nen betrifft uns das Thema. Küns­tler und Kunst­pro­jekte sind potentielle Auf­trag­ge­ber. Wir spüren an den Ho­­no­rar­vor­­schlä­gen, dass die Mittel an der breiten Basis kaum noch ankommen.

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Illustration: Marvi (5 Jahre)

Mittwoch, 24. April 2019

Row, row, row your boat!

Über den Arbeitsalltag einer Dolmetscherin können Sie hier einiges lesen. Wenn ich nicht Konferenzen vertone, sitze ich am Über­set­zer­schreib­tisch. Manches Kopfzerbrechen dort ist umsonst.

Row, row, row your boat!, singe ich heute vor mich hin. Das hat seinen Grund.



Rücksprung: Im Kindergarten hatte ich Frühenglisch. Geliebt habe ich die Kin­der­lie­der, die wir dort gelernt haben, darunter eben dieses Lied, das wir im Vorschul­un­ter­richt allerdings nicht im Kanon gesungen haben.

Und warum die plötzliche Erinnerung? Eine Übersprungshandlung. Eben war ich noch hochkonzentriert und sah den Feierabend in weiter Ferne. Dann kommt der magische Augenblick, in dem sich sich sämtliche Probleme einer Ver­trags­über­set­zung für ein Segelschiff in Luft auflösen.

Dass sich möglicherweise ein ent­stel­len­der Rechtschreibfehler durch alle Doku­mente hindurchzieht und ich nicht weiß, wie ich mit dem "Vorvertrag/promesse de vente"-Dingen um­ge­hen soll, in Frankreich gibt es Vor­verträge, die durch kon­klu­den­tes Han­deln zu Ver­trä­gen werden, in Deutschland nicht, alles das ist plötzlich nicht mehr wichtig, weil sich her­aus­stellt, dass der Käufer der die Über­set­zung be­auf­tra­gen­de An­walt selbst ist und er "nur" eine deut­sche Fas­sung zur Orien­tie­rung braucht.

Also Über­set­zung mit Fußnoten statt recht­lich bin­den­des, hun­dert­fach geprüftes Zeugs, hach.

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Illustration: YouTube/Fairfield County
Children's Choir und C.E.

Dienstag, 23. April 2019

Karma is a bitch!

Bonjour, hello, guten Tag. Hier bloggt im 13. Jahr eine Dol­met­sche­rin, übli­­cher­­wei­se mehr­mals die Woche. Die Win­ter­pau­se ist zuende, die Frühjahrssaison hat noch nicht richtig begonnen. Aber ... 

Erst letzten Freitag hatte ich mich gefragt, was wohl der nächste Einsatz werden würde. Einen Arbeitstag später kam ein halber Monatsumsatz rein:

Hilft in dieser Jahresze
⊗ Be­hör­den­gang und Kor­re­spon­denz zur Er­lan­gung einer Nie­der­las­sungs­er­laubnis
 ⊗ Diskussion zum Thema "Se­xu­ali­tät", Ber­­l­i­ner Re­li­gions­ge­spräche in der Ber­li­ner Aka­de­mie der Wissen­schaften (eine Red­ne­rin bat kurzfristig um sprachliche Hilfe)
 ⊗ Schul­mensen in Berlin und im Elsass
 ⊗ Kaufvertrags­über­set­zung "Segel­schiff"

Komisches Karma, sag ich da nur. Vielleicht sollte ich öfter schreiben, dass ich Zeit habe. Ab der Woche vom 6. Mai wären dann wieder einige Termine frei.

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Foto: C.E. (Archiv)

Sonntag, 21. April 2019

Huch, schon wieder Ostern!

Bon­jour, hel­lo, gu­ten Tag! Fran­zö­sisch­dol­met­scher und -übersetzer haben ver­mut­lich einen eigenen Blick auf die Welt, und meiner ist nochmal anders. Ich schreibe hier mein subjektives Arbeitstagebuch und sonntags folgt (manchmal) das Sonn­tags­foto ...

Das ging schnell.


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Foto: C.E.

Samstag, 20. April 2019

Wege aus der Artenvielfalt

Der Titel ist ge­klaut, nein, ent­lie­hen. Ein nicht ge­kenn­zeich­ne­tes Zi­tat. Es be­kennt sich schul­dig: Sprach­ar­bei­te­rin Ca­ro­li­ne Eli­as, Teil der Ber­li­ner Franzö­sisch­dolmetscher und -übersetzerszene, die regelmäßig auch zu ökologischen Themen arbeitet. Heute: Link der Woche.

Einsam müht sich ein Bäumchen
Hier ein Test­par­cours für Wan­der­schu­he im Out­door­la­den, also Stei­ne, Ge­röll, ein klei­ner Fels­brocken, ein Mi­nia­tur­ge­bir­ge, auf ewig vom Ei­se be­freit, dort ei­ne viel­sei­ti­ge Auf­pflas­te­rung wie aus dem Mus­ter­buch zur Ver­kehrs­be­ru­hi­gung des Bau­amts oder ei­nes Fach­be­triebs, so sehen heut­zu­ta­ge zum Ent­set­zen der Na­tu­rschüt­zer nicht we­ni­ge Vor­gärten aus.

Ulf Soltau sam­melt solche "Gärten des Grauens", die er im In­ter­net vorstellt. Sie sind das über­auf­ge­räum­te Ge­gen­kon­zept zu wil­den Gär­ten Kom­post, ins Kraut schie­ßen­den, ge­le­gent­lich mal be­schnit­te­nen Ge­wäch­sen, Hoch­beeten oder Grün­pflan­zen im Som­mer­quar­tier. (Hier ein Hörlink: SWR.)

Schot­ter­gär­ten gehen so: Alles abräumen, Plastik­plane drauf, Steine drauf. Das bio­lo­gi­sche Leben unter der Pla­ne ist zwar re­du­ziert, trotzdem bricht sich die Na­tur im­mer wieder ihre Bahn. Da hel­fen dann Gly­pho­sat und andere Ver­nich­tungs­mit­tel weiter.

Hässlich ist es obendrein. Auch hässlich sind Zäu­ne, wie sie sonst um Klär­an­la­gen und Park­plätze herum­stehen: Gitter oder Abschirm­wände anstelle einer Hecke, die an­ders­wo Vö­geln einen Lebens­räume bietet.

Oft wer­den Gär­ten des Grau­ens so ver­tei­digt: Das sei japanisch ins­pi­riert, zu­dem höchst pflege­leicht, man schaf­fe den Garten nicht mehr. Hin­weis: Zu beschäf­ti­gte oder äl­te­re Herr­schaften, die so etwas sagen, mögen bitte an ihre Kinder/Enkel oder an den Nach­wuchs von Freun­den denken. Sollte kein Geld für pro­fes­sio­nel­le Gar­ten­pflege vor­han­den sein, hier gibt es nie­der­schwel­lige Lö­sungen mit Mens­chen aus der Nach­bar­schaft. So könnte der Garten zur Bear­beitung auch Zeit­ge­nos­sen ange­boten werden, die sich einfach nur freu­en, sich im Grü­nen aus­toben zu dür­fen.

Zäune des Grauens
Jede und je­der von uns hat es mit in der Hand. Nach der Ab­schaf­fung der Blüh­strei­fen an den meis­ten Feld­rän­dern be­dro­hen auch sol­che Gärten die Exis­tenz­grund­lage der hei­mi­schen Bio­di­ver­sität. Mit Ein­sicht scheint hier nie­mand wei­ter­zu­kommen.

Stad­träte, über­nehmen Sie!

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Fotos: C.E.

Donnerstag, 18. April 2019

Kapazitäten frei

Guten Tag! Sie sind mit­ten in ein Ar­beits­ta­ge­buch rein­ge­ra­ten, in dem sich al­les um Spra­che, Dol­met­schen, Über­setzen und Kult­uren dreht. Als frei­be­ruf­li­che Sprach­mitt­lerin ar­bei­te ich in Pa­ris, Berlin, Brüssel und gerne dort, wo Sie mich brauchen! Heute ein anderer Blick auf den Schreibtisch.

Diese Wo­chen wa­ren für ein Film­fes­ti­val re­ser­viert und für Über­set­zun­gen, die mit ei­nem grö­ße­ren Kul­tur­pro­jekt in Zu­sam­men­hang ste­hen, Web­seite, Antrags­un­ter­la­gen, Gesprächs­termine, erstes gedrehtes Ma­terial der Video­doku­mentation, Schnitt und Unter­titel sowie weiteres, über das ich ver­trags­gemäß noch nicht sprechen darf.

Das Festi­val hat statt­ge­fun­den und viel Spaß gemacht. Festival­mo­derationen sind ein Teil dessen, was ich buch­stäb­lich seit Jahr­zehn­ten anbiete (also seit zwei). In den kongress­freien Zeiten, im Fe­bruar und um Ostern herum, kann ich mir ein gutes Bild über den Stand des deut­schen und inter­na­tio­na­len Film­schaf­fens machen.

Das Kultur­pro­jekt musste jetzt lei­der aus ge­sund­heit­lichen Gründen ei­nes der Krea­ti­ven auf un­be­stimmte Zeit ver­schoben wer­den. Da­mit habe ich Ka­pa­zi­täten frei für Über­setzungen aus den Be­reichen Kul­tur, Kunst, Wirt­schaft und So­zia­les, Agrar­wende, Gärten, Ur­ba­nis­mus, Archi­tektur ...

Die lau­fen­den Pro­jek­te sind ab­ge­schlos­sen oder ha­ben spä­te Ziel­da­ten. Nun bin ich mal ge­spannt, was als nächs­ter Termin rein­kommt. Die Bu­chungen lau­fen wei­ter wie geplant, sogar der erste Ter­min für November 2019 ist reserviert, ver­an­schlagt und un­ter­schrieben.

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Fotos: C.E. (Archiv)

Montag, 15. April 2019

Machine Translation (11)

Guten Tag oder guten Abend! Wie Dolmetscher für Französisch und Englisch leben und arbeiten, können Sie hier mitverfolgen. Ich arbeite für Menschen aus Po­li­tik, Kultur und Wirt­schaft. Und ich bin na­tür­lich an das Be­rufs­ge­heim­nis ge­bun­den und darf nur all­ge­mei­ne Be­ob­ach­tun­gen be­rich­ten.

Das war ein höchst wun­der­li­cher Au­gen­blick: Als eine große Rechts­an­walts­kanz­lei anrief und um eine Über­set­zung bat und dies mit der Fra­ge ver­band, wer ein Gut­ach­ten er­stel­len kön­ne.

Mund mit Zeigefinger drauf
Ein offenes Geheimnis
Ich frage nach und erfahre, dass sich zwei Anwä­lte, einer in den 1950-er Jahren ge­bo­ren, ein anderer in den 1970-er Jahren, im Schrift­ver­kehr auf ma­­schi­nel­le Über­set­zun­gen ver­las­sen und des­we­gen eine Frist ver­passt hat­ten. Die zwei­te Frist war noch nicht ver­passt. Nur hier konnte ich hel­fen.
Die Angelegenheit ist schon etwas her.

Ich wollte erst den Ausgang er­fah­ren, bevor ich hier anonymisiert darüber schrei­be. Ein Gutachten habe es durch­aus ge­ge­ben, heißt es, allerdings habe die Rich­te­rin die An­trag­stel­ler knapp ab­ge­fer­tigt: Das wisse doch jedes Kind, dass man sich auf ma­schi­nel­le Über­setzung aus dem Internet nicht verlassen könne.

Kein Aktenzeichen, siehe oben.

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Foto: C.E. (Archiv)

Auf dem Schreibtisch XXXXIX

Guten Morgen, Mittag oder gu­ten Abend! Hier bloggt eine Konferenzdol­met­sche­rin und Über­set­ze­rin. Dabei arbeite ich (aktiv und passiv) mit Deutsch und Fran­­zö­­sisch sowie (nur passiv, also als Ausgangs­spra­che) mit Englisch. Dort, wo mich meine Kunden brauchen, bin ich dann meis­tens auch tätig: Köln, Berlin, München, Lyon, Straß­burg, Pa­ris ... um nur einige Beispiele zu nennen. 

Uferpromenade mit frischem Baumgrün (noch durchsichtig)
Die Natur zieht den Vorhang zu
Heute wie­der den Blick auf den Schreib­tisch. Der­zeit be­schäf­ti­gen mich fol­gen­de The­men:

⊗ Öko­lo­gi­sche Wen­de in der Wirt­schaft
⊗ Kos­ten­güns­ti­ger, nach­hal­ti­ger Wohn­bau
⊗ Schlaf­man­gel als Gesell­schafts­prob­lem
⊗ Mi­gra­tion aus Afrika (Vor­be­rei­tung ei­nes Filmgesprächs)
⊗ Nach­be­rei­tung Film­her­stel­lung + -ästhe­tik auf Eng­lisch

Dazu (auf Wunsch ei­ni­ger Le­ser) der Blick vom Ar­beits­zim­merb­al­kon mit der ges­tern be­schrie­be­nen Si­tua­tion.

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Foto: C.E.

Sonntag, 14. April 2019

Innehalten

Im 13. Jahr beschreibe ich hier meinen sprachbetonten Alltag. Ich bin Kon­fe­renz­dol­metscherin und Übersetzerin, arbeite mit der fran­zö­sischen Sprache (und aus dem Englischen). Sonntags werde ich privat.

Diese Frühlings­tage bringen winterliche Kälte mit sich. Eigentlich sind die Woll­sa­chen längst frisch­ge­waschen im "Mottensafe" verstaut, die ersten Klei­der­mo­tten wurden schon gesichtet, doch immer wieder muss ich mir etwas aus den luft­dich­ten Kisten holen. Die Kälte ist feucht, das Wetter aber nicht so regennass, wie es sein müsste in einem üppigen Frühjahr.

Morgens machen die Vögel wun­derbar Rabatz, weder bei den El­tern auf dem Dorf noch in der Stadt am Kanal und in Park­nähe ist es ein stummer Frühling. Bunt ist er auch hier und da. Die Kli­vie blüht versteckt Richtung Ar­beits­zim­mer­fens­ter; nur nicht um­stel­len, das mögen Cli­vien nicht. Die künftigen Bal­kon­to­mät­chen und die Bienen- und Vogel­wei­de­pflan­zen im Miniformat scheinen al­ler­dings im Wachs­tum zu pau­sie­ren.

Pflanzenfenster und Miniplfänzchen, blühende Clivia
Frühling zuhause

Und während das zarte Laub der Stra­ßen­bäu­me wie in Zeit­lu­pe den Vorhang zur an­deren Uferseite zuzieht, habe ich das seltene Gefühl an­ge­hal­tener Zeit. Das Frühjahr scheint ­zu pausieren. Sonntags­ruhe. Am Abend mo­deriere ich zwei Fes­ti­val­pro­gram­me, die ich schon einmal mo­deriert habe, ich muss also nichts vor­be­rei­ten. Im Haus ist es still.

Da erfahre ich vom Tod eines Be­kannten, eines Lektors und sprach­mächtigen, zu­rück­hal­tenden Mannes aus dem Osten der Republik. Und trotz aller Trauer und der Wut über diese Natur, die zwei klei­nen Kindern den späten Vater ge­nom­men hat, haben die Zei­len eines Verlags anlässlich dieses plötz­li­chen Herz­to­des etwas tröst­liches. Es klingt nach dem Beginn von Einsicht, wenn ein Nach­ruf so endet: "Wir neh­men uns seinen Tod zur Mahnung, freien Mitar­beitern nicht zeitliche Versäum­nisse des Verlages über­zu­helfen, sondern ihnen die Zeit zu las­sen, die sie für eine gründ­liche Arbeit brauchen."

Möge sich diese Erkennt­nis auch anderswo in der Kul­tur verbreiten. Und weil Zeit immer gleich auch Geld be­deu­tet: Möge gründlich er­le­dig­te Geistes­arbeit endlich wieder allen Beteiligten gute, auskömmliche Hono­rare und Ge­häl­ter wert sein. Hier meine ich jetzt nicht ei­nen bestimm­ten Ver­lag, son­dern die ganze Kul­tur­bran­che und Kunden wie Kol­legin­nen und Kol­le­gen glei­cher­ma­ßen: Wür­den sich nicht so vie­le un­ter Wert ver­kaufen, die Preise wä­ren an­dere.

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Collage: C.E.

Freitag, 12. April 2019

Concierge

Seit mehr als zwölf Jahren beschreibe ich hier meinen sprachbetonten Alltag. Ich bin Kon­fe­renz­dol­metscherin und Übersetzerin, arbeite mit der fran­zö­sischen Spra­che (und aus dem Eng­li­schen). Heute ist der x-te No-Brexit-Tag und gefühlt zum 20. Mal wurde der Er­öf­fnungs­ter­min für den neuen Ber­li­ner „Fluch­ha­fen“ ver­scho­ben.

Ein echtes Dol­met­scher­problem bringt heute die „Frank­furter Allge­meine Zei­tung“. Zitat:
Nach der An­kunft in Brüs­sel hat Ma­cron zu­nächst ge­sagt, nichts sei ga­ran­tiert, erst recht nicht ein lan­ger Auf­schub. Aus fran­zö­si­schen Di­plo­ma­ten­krei­sen hieß es, er ha­be sein State­ment da­mit be­gon­nen, er kön­ne sei­ner Haus­meis­te­rin („Con­cier­ge“) nur schwer er­klä­ren, war­um die 27 EU-Part­ner sich auf ei­ne be­fris­te­te Ver­län­ge­rung fest­ge­legt hät­ten, die­se jetzt aber oh­ne er­kenn­ba­re Ver­än­de­rung in Lon­don ver­län­gern woll­ten. Juncker soll sar­kas­tisch er­wi­dert ha­ben, er ha­be kei­ne „Con­cier­ge“, da­her müs­se er ihr auch nichts er­klä­ren. Tusk, dem bei der Ver­dol­met­schung „Con­cier­ge“ of­fen­bar durch „Putz­frau“ über­setzt wur­de, soll ge­sagt ha­ben, er put­ze zu Hau­se selbst.
Wie übersetze ich den Be­griff für etwas, das es in anderen Län­dern so nicht gibt. Ich wähle Art­verwandtes und hoffe auf mi­ni­male In­halts­ver­schie­bung und darauf, dass der Be­griff nicht in den Focus des Ge­sprächs gelangt.


Ich nehme mal an, dass es das Wort Concierge nicht auf Polnisch gibt. Vermut­lich hätte ich „Haus­meister“ gewählt, den gibt es min­destens in Fa­bri­ken und Büros. Im Eng­li­schen kommt das Wort im Kontext lu­xu­riöser Wohn­an­la­gen vor, da ist es ein ge­ho­be­ner Em­pfang (in ge­ho­be­nen Wohn­häu­sern), der Gäste abwim­melt, Taxis ruft und die Abholung von Wä­sche­rei­wäsche ver­an­lasst. Ähnliche Aufgaben über­neh­men in Deutschland Con­cier­ges in Hotels.

In Frank­reich ist die meist weibliche Concierge der Zerberus im Erd­ge­schoss, sie über­wacht die Tür, über­nimmt die Post und Schlüssel für Hand­werker, nimmt Post und manch­mal auch das eine oder an­dere Kind ent­gegen. Sie wischt Trep­pen, Ein­gang und Hof, stellt die Müll­ton­ne raus und weiß im Haus be­scheid.

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Illustration: FAZ

Freibier!

Bonjour und will­kom­men! Als Dol­met­scher­in und Über­setz­er­in mit den Schwer­punkten Wirt­schaft, Po­li­tik, Kultur und Soziales arbeite ich in Berlin, Paris und dort, wo Sie mich brauchen. Hier schreibe ich (stets ver­all­ge­mei­nernd) über den Be­ruf.

Freitag­vor­mit­tag, die Tages­dispo flat­tert in den Mail­post­kas­ten. Das klingt nach Film, "die Dispo", the call sheet, la feuille de présence. Es ist mein Ta­ges­plan für heute. In ei­ner Spal­te steht das da:


Also nicht ganz so, der Text stammt aus der Dispo, die Il­lus­tra­tion von pixlr.com. Ja, kann man machen. Die hier berich­tende Dol­met­scherin und Moderatorin sagt indes: Alkohol erst nach der Arbeit. Alkohol bei der Arbeit: Nie.

Soweit es mich angeht jedenfalls. Aus Gründen des Ge­ra­de­aus­spre­chens. Mehr ist zu dem Thema nicht zu sagen. Damit habe ich das Thema für diesen Blog­post er­schöp­fend be­ar­bei­tet.

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Illustration: Festival und C.E.

Donnerstag, 4. April 2019

Mutters Sprache

Bonjour und hello und guten Tag! Was Dol­met­scher und Über­setzer so alles er­le­ben, können Sie hier mitlesen. Manchmal braucht ein Kompliment etwas, bis es bei mir ankommt. 

Die Kundin, die 25 Jahre jünger ist als ich: "Sie spre­chen wie meine Mutter!" Ich muss darauf vor Schrecken die Augenbrauen sehr zusam­men­ ge­zogen haben. Wie sprechen Mütter? Oft wissen sie die Dinge besser (oder meinen das zu­mindest). Aber ich hab doch gar nichts kom­men­tiert, hin­ter­fragt oder vor­­sich­tig Hin­weise gegeben?

"Ich mein' das positiv. Das ist ein ganz anderes Fran­zösisch!", sagt sie weiter. Die junge Frau hat ihr Studium gerade be­endet, wofür sie auch länger im eng­lisch­spra­chi­gen Ausland war, und ar­beitet jetzt als Unterneh­mens­be­raterin. "Sie verwenden Wörter und Begrif­fe, die meine Gene­ration oft gar nicht mehr kennt. Also so rich­tig echtes Fran­­zösisch. Wie im Radio oder im Theater."

Gesehen in Kreuzberg
Naja, dort habe ich ge­lernt und lerne täg­lich weiter, dort arbeite ich manch­mal auch. Der Arbeit­geber der Kundin ist ein bekanntes  international tätiges Un­ter­ne­h­men. Und die junge Frau kauft sich gerade eine Wohnung, die 6000 Euro pro Qua­dratmeter kostet, nicht klein, in Ku­damm­­nähe.

Vermutlich wird ihr am Ende meine be­schei­dene Kosten­note zu teuer sein. Hatte ich neulich erst. Teure Ober­schicht­hoch­zeit, und dann nachträg­lich in Viertelstun­den­häpp­chen feilschen wollen. Dabei sind von jeder neuen Stunde bei mir die ersten 15 Minuten gratis. Eine weitere (vol­le) Stun­de be­­rech­ne ich erst ab der 16. Mi­nu­te. Kulanz.

Ergän­zung: Meine Befürch­tungen waren zum Glück völlig un­be­rechtigt. Die jun­ge Fran­zö­sin hat ein zwe­ites Mal über­rascht, wie schön! Sie hat mich um Lese­tips ge­be­ten, um et­was für ihre Mut­ter­spra­che zu tun.

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Foto: C.E.

Mittwoch, 3. April 2019

Blühpflanzen

Bon­jour, wel­come, gu­ten Tag! Hier le­sen Sie No­ti­zen aus dem All­tag ei­ner Kon­­fe­­renz­­dol­­met­sche­rin und Über­set­ze­rin. Ich arbeite mit der fran­zö­sischen Sprache (und aus dem Englischen). Neben Wirtschaft, Politik und Kultur zählen Öko­land­bau und Bodengesundheit zu meinen Fachgebieten.

Viele bunte Blumen, weißgekleideter Herr mit bunter Plastikgießkanne
Blumen stehen Spalier
"Schön muss es aus­se­hen!", sagt der La­den­in­ha­ber in der West-City, als er die Blüm­chen gießt, die in Reih und Glied vor sei­ner Tür ste­hen. Ich stolpere nach einem Dol­metsch­ein­satz gerade aus einem benachbarten Büro. Als Naturfreunde kommen wir ins Gespräch. Ich frage ihn, ob er von der Ge­fahr für die Bie­nen weiß, die von vielen Ge­wächs­haus­blu­men aus­ge­hen. Seine knappe Antwort darauf ist lei­der typisch.

Er sagt: "Mir doch egal, Haupt­sa­che, es sieht schön aus!" und geht rein, um neues Wasser zu holen. Ich schaffe es gerade noch, ein freundliches Wort des Abschieds zu sagen. Der Mann meint es ja nicht böse. Er steckt nur wie so viele andere im täglichen Überlebenskampf.

Andere Menschen suchen die Blühpflanzen für die Bal­kon­käs­ten sorgfältig aus, um bewusst die Bienen zu füttern. Viele wissen nichts von den Kollateralschäden aus den Laboren. Dass sie die Bienen damit mög­li­cher­wei­se gefährden, wissen sie nicht. Ge­fahr droht aus den meisten ge­werb­li­chen Gärtnereien: 2014 waren mehr als 80% der in der Schweiz getesteten Blühpflanzen aus den Gar­ten­cen­tern mit Neo­niko­ti­noi­den belastet; Agrargifte, die toxisch auf Bienen wirken. Heute (und außerhalb der Schweiz) dürfte es kaum besser gewor­den sein, der Ver­brauch von Um­welt­gif­ten steigt.

Neue Blüten für den Schattenhofgarten
Neues Misstrauen gegen Pflanzen von 2018
Der Direktor des "Pa­pi­lio­ra­ma" im Berner Seeland (Schweiz), Biologe Caspar Bi­jle­veld, er­in­nert re­gel­mä­ßig daran, dass die­se Pestizide für In­sekten drei- bis sie­ben­­tau­send mal gif­ti­ger wirken als DDT, von dem sich bis heute Rück­stän­de in den Böden finden.

Die Fol­gen sind bekannt: 2018 haben 30 Prozent der Bie­nen­völ­ker Frank­reichs den Winter nicht überlebt. (Normal wäre ein Verlust von etwa zehn Prozent.) Die Schmet­ter­lings- und Libel­len­po­pu­la­tionen nehmen genauso ab wie die Arten und Popu­lationen der Vögel und der Fi­sche. Neuen Stu­dien zufolge könnten Res­te von Neo­ni­ko­ti­noi­den in Pflanzen auch für Säu­ge­tie­re gesund­heitlich ge­fähr­lich sein.

Blick auf einen begrünten Hof
Hofgarten mit Giersch (2018)
Damit bin auch ich wieder mitten im Garten­jahr. Frühling bedeutet, zunächst als Aus­gleichs­sport zu Schreibtisch und Kabine im Hofgarten den Giersch zu entfernen. Giersch hat rhizom­artige Wurzeln, die sehr ein­fach brechen. Es ist eine Auf­ga­be für künftige Zen-Meis­ter. Und dann heißt es, sich um die ei­ge­nen Sä­­me­rei­en und Steck­linge zu küm­mern. Ich verwende Bio­saat­gut aus länd­li­cher Produktion. Im In­ternet gibt es Quel­len, man­cher Bio­markt hat auch Sä­me­rei­en im An­ge­bot. Da vie­le Sa­men­ar­ten öffentlich oft nicht verkauft werden dürfen, ohne eine (teure) Li­z­enz­­num­mer zu haben, sind es oft Vereine, die sich des Saat­guts an­neh­men, die Tausch­rin­ge or­ga­ni­sie­ren und ih­re Mit­glie­der versorgen.

Erste Men­schen­pflicht ist da­her heu­te: Aus­sä­hen, ver­schen­ken, tau­schen und pfle­gen von ge­sun­den, un­be­han­del­ten Blüh­pflanzen. Und wer keine Topf­blu­­men mag oder viel­leicht keinen Bal­kon hat, der kau­fe eine mit­tel­große Aus­wahl an Kü­chen­kräu­tern im Bio­la­den seines Ver­­trauens, stel­le sie auf die Fens­ter­bank, si­che­re sie gegen Run­terfal­len bei star­ken Wind­böen ab, gieße ge­­le­gent­­lich ... und lasse sie dann fröh­lich ins Kraut schießen!

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Fotos: C.E. (z.T. Archiv)