Wir sind auch dieses Jahr wieder auf der Berlinale und erzählen das Festival aus Dolmetschersicht. Film ab!
Gestern hatte ich's von der Graumäusigkeit von Dolmetschern, vor allem Dolmetscherinnen, die ein
Theaterstück aufgegriffen hat. Dazu muss ich gleich etwas klarstellen. Denn wir sind nicht alle so! Es gibt durchaus Bühnendolmetscher, die auch in ihrer Art des Sprechens mit Moderatoren und Schauspielern mithalten können, denn sie haben ihre Dolmetscherkompetenz mit einer Sprechausbildung abgerundet.
Im Normalfall aber gilt: Dolmetscher haben hinter den Sprechenden zu verschwinden, sie sind nur eine gemietete Stimme, das lebende, in die andere Sprache verwandelte Wort, demnach als Personen nicht existent. Das sieht bei vielen Kolleginnen am Ende so aus, dass sie sich auch im Dunkel der Kabinen wohler fühlen als in der Helligkeit des Rampenlichts, ja dass sie sogar grundsätzlich ungern in den Bereich des Sichtbaren geraten.
Am Abend vor der Berlinaleeröffnung stoßen wir mit grünem Tee aufs Filmfestival und die ersten Buchungen an
— und erzählen uns Berlinaleschnacks. Eine meiner Lieblingsanekdote ist die von der Dolmetscherin, die mit der Vorhangfalte flirtet. Beim Erzählen stellen wir die Szene nach, dann kommen noch Marker auf die Dinge, um die Rollen klar zu machen.
Eine berühmte Schauspielerin (Schnurlostelefon/gelb) steht vor dem Mikrofon (Salzstreuer/grün) und bedankt sich auf einer Festivalbühne für einen Preis. Das Licht der Rampe ist hell (Füller/silber). Hinter allem der rote Vorhang (Teebeutel/rosa).
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| "establishing shot" |
Einen halben Schritt hinter ihr steht die Dolmetscherin (Handy/orange). Die Schauspielerin spricht, sie genießt das Rampenlicht. Die Dame hinter ihr ist nicht nur kleiner, sie wirkt auch kleiner, weil sie von der Rampe weiter entfernt steht.
Sehen wir genauer hin. Zunächst fällt auf, dass bei unserer Demonstration die Rampe und der Vorhang nicht parallel zueinander sind. Aber das ist nicht so wichtig.
Zurück ins Lichtspieltheater. Als der weibliche Star fertig gesprochen hat (bzw. eine Pause einlegt), tritt die Dolmetscherin einen halben Schritt vor und übersetzt mit das Gesagte mitten in den Applaus hinein.
Leider betont sie kaum, lässt keine Pausen nach den Pointen; es sieht angestrengt aus, wie sie da ihren Stenoblock abarbeitet.
Ihre Worte gehen unter.
Sie hat sich nochmal kleiner gemacht, sich keinen Raum genommen.
Dann hebt der Star erneut an, und während sich die
grande dame aus einem französischsprachigen Land sehr ausführlich bedankt und Schnurren aus ihrem Leben erzählt, geht die Dolmetscherin (während sie sich Notizen macht) wieder einen Schritt nach hinten - und zur Sicherheit gleich noch einen, weil das Licht ja so hell ist.
Dieses Gehen beim Schreiben finde ich bemerkenswert. Hier geschieht alles aus dem tiefsten Inneren heraus, der Kopf arbeitet, wir sehen den reinen Impuls.
Der Star macht eine Pause
— das Publikum spendet begeistert Applaus!
Die Dolmetscherin geht wieder nach vorn, dolmetscht, spricht dabei in den Applaus hinein.
Dann geht sie wieder zurück.
Es sieht so aus, als würde würde sie sich am liebsten hinter dem breiten Kreuz des Stars verstecken, also bezieht sie, weiter schreibend, direkt hinter die Berühmtheit des Abends Aufstellung.
Das Ganze geht noch ein, zwei Mal so weiter.
Beim Zurücktreten kommt die Dolmetscherin dem Vorhang jedes Mal ein Stück näher (Teebeutel/rosa bzw. die anderen Schalen in Verlängerung der Linie).
Meine Schwester Friederike und ich sitzen in Reihe fünf oder so und beobachten beide irgendwann nur noch die Dolmetscherin, die sich ihrerseits wie hilfesuchend umschaut.
Als die Veranstaltung zuende ist, bringt Friederike die Sache auf den Punkt: "Deine Kollegin hat ziemlich unglücklich ausgesehen da oben. Als sich umgesehen hat und zurück in Richtung Vorhang schaute, wirkte das wie ein flehentlicher Blick auf die dunkle Falte ... als hoffte sie, diese Falte würde sich nun endlich ihrer erbarmen und sie verschlucken!"
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Fotos: C. Elias