Wie und was Dolmetscher:innen machen, ist leider nicht besonders gut bekannt. Das wird im KI-Zeitalter zum Problem.
Manchmal habe ich den Eindruck, dass die Anbieter von „KI-Dolmetschen“ deshalb bei vielen Veranstaltern so leicht die Tür eingetreten haben, weil beide Seiten etwas gemeinsam haben: Sie mögen neue Spielzeuge. Daher gendere ich hier auch nicht. Es sind meistens Männer.
Da wird auf einen Knopf gedrückt, irgendwo beginnt etwas zu blinken, die Kamera sieht Zahlen, filmt, wie sie über Bildschirme laufen, langsame Rückfahrt durch große Metallkisten, in denen gespeichert wird, am Rande riesige Kühlungsmaschinen ... ein Knopfdruck, und schon klingt alles nach Zukunft und nach großartigen Tricks wie bei James Bond.
Das ist menschlich, denn Neugier gehört zu den angenehmen Eigenschaften unserer Spezies. Das Problem beginnt dort, wo Techniker mehr versprechen, als die Technik leisten kann.
Unsere Mitschuld
Asche auf unsere Häupter! Jetzt kommt unser Anteil. Wir haben es als Branche nicht vermocht zu vermitteln, was Dolmetschen tatsächlich ist. Im Gegenteil haben wir Dolmetscher:innen offenbar dadurch, dass wir die Kundschaft jahrzehntelang höflich daran erinnert haben, uns bitte Vorbereitungsmaterial zu schicken, die eine oder andere Person ziemlich genervt. Wir haben sie vielleicht an die eigenen Mütter erinnert, an Lehrerinnen, Schwestern oder die Frau an seiner Seite.
Dabei haben wir nur um Hintergrundmaterial gebeten, um Programme und Lebensläufe, Manuskripte, Präsentationen und aktualisierte Teilnehmerlisten, um uns akkurat vorbereiten zu können. Wir haben erklärt, warum wir diese Informationen brauchen. Und damit haben wir jenseits der Nerverei bei manchen Menschen vermutlich den Eindruck erweckt, wir würden um Hilfe bitten.
80 Prozent ist Vorbereitung
Das Gegenteil war der Fall, denn wer Vorbereitungsmaterial anfordert, zeigt keine Schwäche, sondern Professionalität. Eine Herzchirurgin liest vor einer Operation die Akte. Ein Anwalt studiert die Unterlagen vor dem Prozess und schreibt Schriftsätze. Wer ein Flugzeug steuern wird, bereitet sich nach Protokoll auch minutiös vor.
Niemand käme auf die Idee, dies als Zeichen mangelnder Kompetenz auszulegen. Aber bei Dolmetscher:innen, und wir sind zu 90 und mehr Prozent Frauen im Beruf, passiert genau das leider erstaunlich oft.
„Es sieht so leicht aus!“
Diesen Satz hören wir regelmäßig. Das Publikum interpretiert unsere Arbeit als Schwerlosigkeit, als das Ergebnis von Talent. Dabei braucht es mehr als das, nämlich Sprachkenntnisse, berufliches Training und Sitzfleisch. Unsere Leichtigkeit haben wir jedes Mal aufs Neue mühevoll erkämpft.
Dolmetschen ist intellektueller Hochleistungssport. Wir ringen mit der Gravität der Grammatik und tragen die Last des Satzendes mit seinem Verb (auf Deutsch). Dabei machen wir bella figura, lächeln und halten beim Sprechen alle Bälle gleichzeitig in der Luft.
Wir Dolmetscher:innen sind in der Regel unsichtbar. Das Berufsmotto ist ähnlich wie beim Hause Battenberg: never complain, never explain.
Was sie für Dolmetschen halten
Wenn wir in der Kabine sitzen, sehen Sie nur die Spitze des Eisbergs. Der größere Teil ist das Eistrumm darunter: Einarbeitung, stunden- und tagelanges Selbststudium, dünne Fachartikel, dicke Wälzer, alte Wörterlisten und Hintergrund. Wir suchen bei Ton- und Filmarchiven wie YouTube nach Vorträgen der Referent:innen, hören Podcasts, gewöhnen uns an Akzente, Sprechweisen und Sprechgeschwindigkeiten.
Wir legen Vokabellisten an, ergänzen frühere Lexika, zeichnen Wortfelder, schreiben Zusammenfassungen. Die schwierigen Begriffe landen auf Karteikarten oder in Lernprogrammen.
Kurz: Wir lernen Begriffe, aber auch die Fakten dahinter, mindestens in ihren Grundzügen. Eine Kollegin hat früher ihre selbst eingesprochenen Vokabeln auf Kassetten gesprochen und auf dem Weg zwischen drei Schulen ihrer Kinder im Auto gehört. Das ist die unsichtbare Seite des Berufs.
Wir sind nur Stimme!
Auf Unsichtbarkeit waren wir auch im Alltag trainiert: Leise auftreten, im Schatten sein und bleiben, wir vertonen nur, wir haben keine Persönlichkeit, in feinem Tuch aber doch eher mausgrau als rostrot gewandet, sind wir Stimme, aber kein Körper.
Die Hochflorteppiche der Salons in den Ministerien haben uns geprägt, der diplomatische Ton der Botschaften, die Effizienz der Kommunikation: Wir abstrahieren von uns selbst. Wir sind verantwortlich für die Sprache, für Grammatik und Inhalt, für unser Auftreten. Der Rest: Fragezeichen.
Wir haben fast verlernt, eigene Interessen zu vertreten. Die Vehemenz des Vortrags, siehe oben, galt dem bestmöglichen Ergebnis. Und wenn Pseudo-Agenturen uns die Kunden abwerben, hieß es: "Die Bodensatzkundschaft brauchen wir nicht." Das war die Arroganz von uns als Spitze des Berufsstands den anderen gegenüber, die auch in wichtigen Berufsfeldern arbeiten. Die Verbände, die sich in elitären Aufnahmebedingungen überbieten, sind überraschend stumm in Sachen KI, warum auch immer. Die Lage ist düster.
Die KI kann nicht dolmetschen
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| Die KI simuliert Dolmetschen nur. (Armes Publikum!) |
Denn menschliche Sprache ist viel zu detailliert, vielfältig, nuancenreich und fehlerbehaftet für ein System, das auf Nullen, Einsen und Wahrscheinlichkeitsrechnung basiert.
Es geht um das Besondere
Bei Delegationsreisen, politischen Meetings, Vertragsverhandlungen und anderen wichtigen Terminen geht es um Dinge, die weder in Lehrbüchern noch im gestohlenen Trainingsmaterial der KI stehen.
Auch auf Konferenzen geht es selten um das Durchschnittliche. Niemand reist durch halb Europa, um den statistischen Mittelwert eines Fachgebiets zu hören. Es geht immer um neue Erkenntnisse, um besondere Projekte, um aktuelle Entwicklungen und Ausnahmen.
Die KI dagegen nivelliert alles auf den mathematischen Durchschnitt runter. Genau dafür wurde sie entwickelt, so wird sie definiert.
In der Nussschale aufs Meer
Mit einer KI durch die Sprachwelt von High-End-Veranstaltungen zu navigieren, ist ähnlich, wie mit einem kleinen Freizeitboot auf dem Ozean unterwegs zu sein und darauf zu hoffen, irgendwie heil im Zielhafen anzukommen. Solange die See ruhig bleibt, könnte das klappen, irgendwann, vielleicht.
Wenn aber Akzente auftauchen, die Grammatik hakt, Sätze begonnen, aber nicht beendet werden, neue Inhalte vorgestellt und Fachbegriffe im Augenblick geprägt werden, jemand mitten im Satz die Sprache wechselt, eine ironische Bemerkung einstreut oder das Mikrofon rauscht, oder aber wenn jemand aus dem Publikum die Unverschämtheit besitzen sollte, eine Frage zu stellen, wird die Reise schnell ungemütlich. Hier kommen nur wir Menschen mit.
Fragen und Antworten sind das Grundgeschäft von Konferenzen. Diese Art der Kommunikation ist Teil dessen, wozu sie überhaupt veranstaltet werden.
Nach dem Einsatz geht's weiter
Die Arbeit von uns Dolmetscher:innen endet nicht mit den Danksagungen und dem Schlussapplaus. Bei nächster Gelegenheit übertragen wir neue Begriffe in unsere Wörterlisten, wir ergänzen Notizen, verweisen auf Quellen, und unbrauchbare Unterlagen landen im Schredder, gute im Archiv.
Wir pflegen Wissensbestände, die über Jahre und Jahrzehnte wachsen. So arbeiten Menschen: gründlich, ja sogar akribisch, vom Allgemeinen zum Besonderen und stets unter Wahrung von Vertraulichkeit.
Was Sie am Ende kaufen
Wenn Sie Dolmetscher:innen buchen, berechnen wir nicht sechs Stunden oder zwei Tage unserer Zeit in einer Kabine. Sie bekommen Jahre an Erfahrung, Tage der Vorbereitung, des Aufbaus von Fachwissen, der Routine und der immer wieder neu entwickelten Neugier. Sie bezahlen für Diskretion und die Fähigkeit, auch dann noch den Überblick zu behalten, wenn die Realität sich nicht an Statistiken hält. Deshalb simuliert die KI unsere Arbeit nur.
Résumé
Dolmetschen ist ein menschlicher Beruf. Wenn Ihnen ein Veranstalter „KI-Dolmetschen“ anbietet oder zumutet, ist ihm das Ergebnis nicht wichtig.
Sie können mich gerne buchen. Ich empfehle bei Bedarf auch Kollegen anderer Sprachkombinationen.
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Grafik: C.E. (unter Verwendung von
Netzfunden)

2 Kommentare:
Liebe Kollegin, vielen Dank für diesen hervorragenden Artikel!
So ist das genau, übrigens auch bei uns Übersetzerinnen. Ein Großteil unserer Arbeit (z. B. die oft aufwändige Recherche) ist unsichtbar, die Kunden sehen nur das Ergebnis, und die KI simuliert ein ähnliches Ergebnis, indem sie „Texte“ auf Knopfdruck liefert.
Müsste es am Schluss nicht „Sie bekommen Jahre an Erfahrung …“ lauten?
Man sagt ja, Menschen kaufen von Menschen, und das stimmt ja auch. Ich hoffe, also Menschen merken bald, was sie an Menschen haben und nutzen die KI nicht mehr so intensiv für Dinge, für die sie definitiv nicht gemacht ist und nicht viel taugt …
Danke für das Kompliment und Danke auch fürs Aufspüren des Tippfehlers, liebe Kollegin! Das freut mich beides.
Ja, ich hoffe, dass sich die Lage bald wieder ändert, dass diese Blase platzt, der Hoax endlich auch von den Medien behandelt wird.
Finanziell sind die Auswürfe im Bereich Wirtschaft und Handel für die Endkundschaft hochproblematisch, weltfinanztechnisch gesprochen sehen wir eine Blase und denken an die Nachbeben des Neuen Markts und der Immobilienblasen von 2008. Nicht erfreulich.
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