Mittwoch, 10. Juni 2026

Unsere Mitschuld

Bonjour, ich hei­ße Ca­ro­li­ne Eli­as und bin Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin. Seit fast 20 Jah­ren ge­be ich auf die­sem Blog ei­nen Ein­blick in mei­nen Ar­beits­all­tag. Mei­ne Mut­ter­spra­che ist Deutsch. Ich dol­met­sche über­wie­gend ins Fran­zö­si­sche und aus dem Eng­li­schen. Au­ßer­dem über­set­ze ich Tex­te. KI-Mitt­woch.

Wie und was Dol­met­sche­r:in­nen ma­chen, ist lei­der nicht be­son­ders gut be­kannt. Das wird im KI-Zeit­al­ter zum Pro­blem.

Manch­mal ha­be ich den Ein­druck, dass die An­bie­ter von „KI-Dol­met­schen“ des­halb bei vie­len Ver­an­stal­tern so leicht die Tür ein­ge­tre­ten ha­ben, weil bei­de Sei­ten et­was ge­mein­sam ha­ben: Sie mö­gen neue Spiel­zeu­ge. Da­her gen­de­re ich hier auch nicht. Es sind meis­tens Män­ner.

Da wird auf ei­nen Knopf ge­drückt, ir­gend­wo be­ginnt et­was zu blin­ken, die Ka­me­ra sieht Zah­len, filmt, wie sie über Bild­schir­me lau­fen, lang­sa­me Rück­fahrt durch gro­ße Me­tall­kis­ten, in de­nen ge­spei­chert wird, am Ran­de rie­si­ge Küh­lungs­ma­schi­nen ... ein Knopf­druck, und schon klingt al­les nach Zu­kunft und nach groß­ar­ti­gen Tricks wie bei Ja­mes Bond.

Das ist mensch­lich, denn Neu­gier ge­hört zu den an­ge­neh­men Ei­gen­schaf­ten un­se­rer Spe­zi­es. Das Pro­blem be­ginnt dort, wo Tech­ni­ker mehr ver­spre­chen, als die Tech­nik leis­ten kann.

Un­se­re Mit­schuld

Asche auf un­se­re Häup­ter! Jetzt kommt un­ser An­teil. Wir ha­ben es als Bran­che nicht ver­mocht zu ver­mit­teln, was Dol­met­schen tat­säch­lich ist. Im Ge­gen­teil ha­ben wir Dol­met­sche­r:in­nen of­fen­bar da­durch, dass wir die Kund­schaft jahr­zehn­te­lang höf­lich dar­an er­in­nert ha­ben, uns bit­te Vor­be­rei­tungs­ma­te­ri­al zu schi­cken, die ei­ne oder an­de­re Per­son ziem­lich ge­nervt. Wir ha­ben sie viel­leicht an die ei­ge­nen Müt­ter er­in­nert, an Leh­re­rin­nen, Schwes­tern oder die Frau an sei­ner Sei­te.

Da­bei ha­ben wir nur um Hin­ter­grund­ma­te­ri­al ge­be­ten, um Pro­gram­me und Le­bens­läu­fe, Ma­nu­skrip­te, Prä­sen­ta­tio­nen und ak­tua­li­sier­te Teil­neh­mer­lis­ten, um uns ak­ku­rat vor­be­rei­ten zu kön­nen. Wir ha­ben er­klärt, war­um wir die­se In­for­ma­tio­nen brau­chen. Und da­mit ha­ben wir jen­seits der Ner­ve­rei bei man­chen Men­schen ver­mut­lich den Ein­druck er­weckt, wir wür­den um Hil­fe bit­ten.

80 Pro­zent ist Vor­be­rei­tung

Das Ge­gen­teil war der Fall, denn wer Vor­be­rei­tungs­ma­te­ri­al an­for­dert, zeigt kei­ne Schwä­che, son­dern Pro­fes­si­o­na­li­tät. Ei­ne Herz­chir­ur­gin liest vor ei­ner Ope­ra­ti­on die Ak­te. Ein An­walt stu­diert die Un­ter­la­gen vor dem Pro­zess und schreibt Schriftsätze. Wer ein Flug­zeug steu­ern wird, be­rei­tet sich nach Pro­to­koll auch mi­nu­ti­ös vor.

Nie­mand kä­me auf die Idee, dies als Zei­chen man­geln­der Kom­pe­tenz aus­zu­le­gen. Aber bei Dol­met­sche­r:in­nen, und wir sind zu 90 und mehr Pro­zent Frau­en im Be­ruf, pas­siert ge­nau das lei­der er­staun­lich oft.

„Es sieht so leicht aus!“

Die­sen Satz hö­ren wir re­gel­mä­ßig. Das Pu­bli­kum in­ter­pre­tiert un­se­re Ar­beit als Schwer­lo­sig­keit, als das Er­geb­nis von Ta­lent. Da­bei braucht es mehr als das, näm­lich Sprach­kennt­nis­se, be­ruf­li­ches Trai­ning und Sitz­fleisch. Un­se­re Leich­tig­keit ha­ben wir je­des Mal aufs Neue mühe­voll er­kämpft.

Dol­met­schen ist in­tel­lek­tu­el­ler Hoch­leis­tungs­sport. Wir rin­gen mit der Gra­vi­tät der Gram­ma­tik und tra­gen die Last des Sat­zen­des mit sei­nem Verb (auf Deutsch). Da­bei ma­chen wir bel­la fi­gu­ra, lä­cheln und hal­ten beim Spre­chen al­le Bäl­le gleich­zei­tig in der Luft.

Wir Dol­met­sche­r:in­nen sind in der Re­gel un­sicht­bar. Das Be­rufs­mo­t­to ist ähn­lich wie beim Hau­se Bat­ten­berg: never com­plain, never ex­plain.

Was sie für Dol­met­schen hal­ten

Wenn wir in der Ka­bi­ne sit­zen, se­hen Sie nur die Spit­ze des Eis­bergs. Der grö­ße­re Teil ist das Eistrumm dar­un­ter: Ein­ar­bei­tung, stun­den- und ta­ge­lan­ges Selbst­stu­di­um, dün­ne Fach­ar­ti­kel, di­cke Wäl­zer, al­te Wör­ter­lis­ten und Hin­ter­grund. Wir su­chen bei Ton- und Film­ar­chi­ven wie You­Tube nach Vor­trä­gen der Re­fe­rent:in­nen, hö­ren Pod­casts, ge­wöh­nen uns an Ak­zen­te, Sprech­wei­sen und Sprech­ge­schwin­dig­kei­ten.

Wir le­gen Vo­ka­bel­lis­ten an, er­gän­zen frü­he­re Le­xi­ka, zeich­nen Wort­fel­der, schrei­ben Zu­sam­men­fas­sun­gen. Die schwie­ri­gen Be­grif­fe lan­den auf Kar­tei­kar­ten oder in Lern­pro­gram­men.

Kurz: Wir ler­nen Be­grif­fe, aber auch die Fak­ten da­hin­ter, min­des­tens in ih­ren Grund­zü­gen. Ei­ne Kol­le­gin hat frü­her ih­re selbst ein­ge­spro­che­nen Vo­ka­beln auf Kas­set­ten ge­spro­chen und auf dem Weg zwi­schen drei Schu­len ih­rer Kin­der im Au­to ge­hört. Das ist die un­sicht­ba­re Sei­te des Be­rufs.

Wir sind nur Stim­me!

Auf Un­sicht­bar­keit wa­ren wir auch im All­tag trai­niert: Lei­se auf­tre­ten, im Schat­ten sein und blei­ben, wir ver­to­nen nur, wir ha­ben kei­ne Per­sön­lich­keit, in fei­nem Tuch aber doch eher maus­grau als rost­rot ge­wan­det, sind wir Stim­me, aber kein Kör­per.

Die Hoch­flor­tep­pi­che der Sa­lons in den Mi­nis­te­ri­en ha­ben uns ge­prägt, der di­plo­ma­ti­sche Ton der Bot­schaf­ten, die Ef­fi­zi­enz der Kom­mu­ni­ka­ti­on: Wir abs­tra­hie­ren von uns selbst. Wir sind ver­ant­wort­lich für die Spra­che, für Gram­ma­tik und In­halt, für un­ser Auf­tre­ten. Der Rest: Fra­ge­zei­chen.

Wir ha­ben fast ver­lernt, ei­ge­ne In­ter­es­sen zu ver­tre­ten. Die Ve­he­menz des Vor­trags, sie­he oben, galt dem best­mög­li­chen Er­geb­nis. Und wenn Pseu­do-Agen­tu­ren uns die Kun­den ab­wer­ben, hieß es: "Die Bo­den­satz­kund­schaft brau­chen wir nicht." Das war die Ar­ro­ganz von uns als Spit­ze des Be­rufs­stands den an­de­ren ge­gen­über, die auch in wich­ti­gen Be­rufs­fel­dern ar­bei­ten. Die Ver­bän­de, die sich in eli­tä­ren Auf­nah­me­be­din­gun­gen über­bie­ten, sind über­ra­schend stumm in Sa­chen KI, war­um auch im­mer. Die La­ge ist düs­ter.

Die KI kann nicht dol­met­schen


Mann rauft sich die Haare
Die KI simuliert Dolmetschen nur. (Armes Publikum!)
An die­ser Stel­le kom­men wir zum zwei­ten Haupt­punkt des Pro­blems: Die KI kann uns Dol­met­sche­r:in­nen aus Haut und Haar ma­xi­mal ru­di­men­tär er­set­zen, weil sie Dol­met­schen nicht ver­steht. Sie si­mu­liert die Kom­mu­ni­ka­ti­on nur.

Denn mensch­li­che Spra­che ist viel zu de­tail­liert, viel­fäl­tig, nu­an­cen­reich und feh­ler­be­haf­tet für ein Sys­tem, das auf Nul­len, Ein­sen und Wahr­schein­lich­keits­rech­nung ba­siert.

Es geht um das Be­son­de­re

Bei De­le­ga­ti­ons­rei­sen, po­li­ti­schen Mee­tings, Ver­trags­ver­hand­lun­gen und an­de­ren wich­ti­gen Ter­mi­nen geht es um Din­ge, die we­der in Lehr­bü­chern noch im ge­stoh­le­nen Trai­nings­ma­te­ri­al der KI ste­hen.

Auch auf Kon­fe­ren­zen geht es sel­ten um das Durch­schnitt­li­che. Nie­mand reist durch halb Eu­ro­pa, um den sta­tis­ti­schen Mit­tel­wert ei­nes Fach­ge­biets zu hö­ren. Es geht im­mer um neue Er­kennt­nis­se, um be­son­de­re Pro­jek­te, um ak­tu­el­le Ent­wick­lun­gen und Aus­nah­men.

Die KI da­ge­gen ni­vel­liert al­les auf den ma­the­ma­ti­schen Durch­schnitt run­ter. Ge­nau da­für wur­de sie ent­wi­ckelt, so wird sie de­fi­niert.

In der Nussscha­le aufs Meer

Mit ei­ner KI durch die Sprach­welt von High-End-Ver­an­stal­tun­gen zu na­vi­gie­ren, ist ähn­lich, wie mit ei­nem klei­nen Frei­zeit­boot auf dem Ozean un­ter­wegs zu sein und dar­auf zu hof­fen, ir­gend­wie heil im Ziel­ha­fen an­zu­kom­men. So­lan­ge die See ru­hig bleibt, könn­te das klap­pen, ir­gend­wann, viel­leicht.

Wenn aber Ak­zen­te auf­tau­chen, die Gram­ma­tik hakt, Sät­ze be­gon­nen, aber nicht be­en­det wer­den, neue In­hal­te vor­ge­stellt und Fach­be­grif­fe im Au­gen­blick ge­prägt wer­den, je­mand mit­ten im Satz die Spra­che wech­selt, ei­ne iro­ni­sche Be­mer­kung ein­streut oder das Mi­kro­fon rauscht, oder aber wenn je­mand aus dem Pu­bli­kum die Un­ver­schämt­heit be­sit­zen soll­te, ei­ne Fra­ge zu stel­len, wird die Rei­se schnell un­ge­müt­lich. Hier kom­men nur wir Men­schen mit.

Fra­gen und Ant­wor­ten sind das Grund­ge­schäft von Kon­fe­ren­zen. Die­se Art der Kom­mu­ni­ka­ti­on ist Teil des­sen, wo­zu sie über­haupt ver­an­stal­tet wer­den.

Nach dem Ein­satz geht's wei­ter

Die Ar­beit von uns Dol­met­sche­r:in­nen en­det nicht mit den Dank­sa­gun­gen und dem Schluss­ap­plaus. Bei nächs­ter Ge­le­gen­heit über­tra­gen wir neue Be­grif­fe in un­se­re Wör­ter­lis­ten, wir er­gän­zen No­ti­zen, ver­wei­sen auf Quel­len, und un­brauch­ba­re Un­ter­la­gen lan­den im Schred­der, gu­te im Ar­chiv.

Wir pfle­gen Wis­sens­be­stän­de, die über Jah­re und Jahr­zehn­te wach­sen. So ar­bei­ten Men­schen: gründ­lich, ja so­gar akri­bisch, vom All­ge­mei­nen zum Be­son­de­ren und stets un­ter Wah­rung von Ver­trau­lich­keit.

Was Sie am En­de kau­fen

Wenn Sie Dol­met­sche­r:in­nen bu­chen, be­rech­nen wir nicht sechs Stun­den oder zwei Ta­ge un­se­rer Zeit in ei­ner Ka­bi­ne. Sie be­kom­men Jah­re an Er­fah­rung, Ta­ge der Vor­be­rei­tung, des Auf­baus von Fach­wis­sen, der Rou­ti­ne und der im­mer wie­der neu ent­wi­ckel­ten Neu­gier. Sie be­zah­len für Dis­kre­ti­on und die Fä­hig­keit, auch dann noch den Über­blick zu be­hal­ten, wenn die Rea­li­tät sich nicht an Sta­tis­ti­ken hält. Des­halb si­mu­liert die KI un­se­re Ar­beit nur.

Ré­su­mé

Dol­met­schen ist ein mensch­li­cher Be­ruf. Wenn Ih­nen ein Ver­an­stal­ter „KI-Dol­met­schen“ an­bie­tet oder zu­mu­tet, ist ihm das Er­geb­nis nicht wich­tig.

Sie kön­nen mich ger­ne bu­chen. Ich emp­feh­le bei Be­darf auch Kol­le­gen an­de­rer Sprach­kom­bi­na­tio­nen.

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Gra­fik:
C.E. (un­ter Ver­wen­dung von
Netz­fun­den)

2 Kommentare:

Cybèle Bouteiller-Schneider hat gesagt…

Liebe Kollegin, vielen Dank für diesen hervorragenden Artikel!
So ist das genau, übrigens auch bei uns Übersetzerinnen. Ein Großteil unserer Arbeit (z. B. die oft aufwändige Recherche) ist unsichtbar, die Kunden sehen nur das Ergebnis, und die KI simuliert ein ähnliches Ergebnis, indem sie „Texte“ auf Knopfdruck liefert.

Müsste es am Schluss nicht „Sie bekommen Jahre an Erfahrung …“ lauten?

Man sagt ja, Menschen kaufen von Menschen, und das stimmt ja auch. Ich hoffe, also Menschen merken bald, was sie an Menschen haben und nutzen die KI nicht mehr so intensiv für Dinge, für die sie definitiv nicht gemacht ist und nicht viel taugt …

caro_berlin hat gesagt…

Danke für das Kompliment und Danke auch fürs Aufspüren des Tippfehlers, liebe Kollegin! Das freut mich beides.

Ja, ich hoffe, dass sich die Lage bald wieder ändert, dass diese Blase platzt, der Hoax endlich auch von den Medien behandelt wird.

Finanziell sind die Auswürfe im Bereich Wirtschaft und Handel für die Endkundschaft hochproblematisch, weltfinanztechnisch gesprochen sehen wir eine Blase und denken an die Nachbeben des Neuen Markts und der Immobilienblasen von 2008. Nicht erfreulich.