Freitag, 15. März 2019

Wenn die Stunde schlägt ...

... fällt die Uhr hoffentlich nicht um.

Bonjour und will­kom­men! Als Dol­met­scher­in und Über­setz­er­in mit den Schwer­punkten Wirt­schaft, Po­li­tik, Kultur und Soziales arbeite ich in Berlin, Paris und dort, wo Sie mich brauchen. Hier schreibe ich (stets ver­all­ge­mei­nernd) über den Be­ruf.

Haben Sie schon mal eine Standuhr gesehen, die lässig an der Wand lehnt? Auch bei dem Text, der gleich folgt, war automatische Übersetzung am Werk. Können Sie sich das Ganze optisch vorstellen? Folgende Zei­len fan­den sich vor einigen Jahren in einem Webshop an:

"Pile-Poile heißt eine Stan­duhr von der bel­gi­schen De­signer Thier­ry Ba­tai­lle. Die­se Uhr legt sich ge­gen die Mau­er und es ist nicht mehr not­wen­dig, ein Loch zu boh­ren. Man kann es set­zen wo man will: im Sa­lon, Küche, Bü­ro... dank seinen langen 'Bei­nen' ist Pile-Poile immer sta­bil. Die 'Bei­nen'‚ sind in rost­frei Stahl und fü­gen sich im wen­gé Holz­grund. Die Di­men­sio­nen des Grun­des stehen eng mit den Viel­fachen von drei in Zusam­men­hang; Bezie­hung zwi­schen den Kar­di­nal­punk­ten 3, 6, 9, 12..... Die Schweizer Me­cha­nis­mus ge­währ­leistet die rich­ti­gen Zeit. Die sind hand­ge­fertigt. (...) Totale Di­men­sion: 185x40x15cm."

Im gleichen Webshop standen unter "Bett und Bade" weitere schöne Sätze wie: "Er [der Decke] bewahrt uns für den unheilvollen Luftzug der Klimaanlage." Dazu passt der ebenfalls feilgebotene "kurze Kimono entspannter und spitzbübischer."

Die Seite ist mittlerweile gelöscht. Die Wanduhr ist kein bekanntes Designobjekt geworden. Die unterirdischen "Übersetzungen" auf der Seite haben sicher dazu beigetragen.

Pile-poil heißt genau, exakt, Beispiel: "Il est pile-poile midi": "Es ist genau 12 Uhr" (Mittag).

Draufsicht: "Foreign converter" von Panasonic, 1978
Der alte Traum von automatischer Übersetzung (1978)
Die ety­mo­lo­gi­sche Her­kunft die­ser Re­de­wen­dung ken­ne ich nicht. La pile ist die Bat­te­rie oder der Brücken­pfeiler, le poil das Tier- oder Kör­per­haar, aber poil mit -e am En­de, wie es viele schrei­ben,  hat kei­ne wei­te­re Be­deu­tung.

Manche sa­gen (und schrei­ben oh­ne Bindes­trich): "c'est tombé pile poile".

Das heißt so viel wie "C'est tombé à pic"  "Das ist im richtigen Moment eingetroffen", wört­lich: "Das ist auf die Spitze gefallen", da­bei heißt "le pic" auch die Fels­nadel.

Nadel, Zei­ger, Uhr, pünk­tlich, genau? Pile-poile ? A pic !

Nur die automatische Übersetzung hatte es hier of­fen­bar nicht genau ge­trof­fen.


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Foto: Translater USA 1978, Wikicommons

Donnerstag, 14. März 2019

Brühwürfeltext

Herzlich willkommen auf den Sei­ten des ersten deut­schen Web­logs aus dem In­ne­ren der Dol­met­scher­ka­bi­ne. Hier schreibt ei­ne Fran­zö­sisch­dol­metscherin über ihre Einsätze in Ber­lin, Paris, Cannes und anderswo. Heute: Sprachschatz.

Seit Generationen im Küchenschrank
Proudly presents: Brühwürfeltext, Nomen, männlich, ein Begriff aus der eigenen Wort­kü­che.

Damit ist kein Textbrühwürfel gemeint, der einem Wortgebilde das industriell vor­ge­fer­tig­te Aroma liefert, sondern wirklich ein Brüh­wür­fel in Textform, also hoch­kon­zen­triert! Wasser drauf, probe­schmecken, wie­der eindampfen. So je­den­falls baue ich derlei Textformen nach, wenn ich sie über­setze.

Denn es gibt Texte, die sind dermaßen dicht, dass kein Molekül dazwischenpasst. Sie sind das Ergebnis langen Einkochens guter Zutaten.

Das braucht Zeit und Geduld — beim Schreiben genauso wie beim Übersetzen.

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Foto: C.E.

Mittwoch, 13. März 2019

Voll von der Rolle

Dol­met­scher und Über­setzer leis­ten eine Ar­beit, die den Zu­sam­men­halt der Ge­sell­schaf­ten fes­ti­gen hilft. Trot­zdem weiß kaum je­mand, wie wir ar­beiten. Hier be­rich­te ich in lo­ser Fol­ge da­rü­ber. Und das seit mehr als zwölf Jah­ren.

Neu­lich ha­be ich die Pro­zess­vorbe­rei­tung eines An­walts und seiner Man­dantin verdol­metscht: Es ging darum, dass die Mandantin, ein Zimmer­mädchen im Hotel, aus faden­schei­nigen Grün­den ent­lassen worden ist.

Sie war bei einer Zeitar­beits­firma angest­ellt, die im Auftrag eines Luxus­hotels tä­tig wurde. Dort sind im­mer die Klo­pa­pier­rollen im Müll ge­lan­det, wenn sie er­kenn­bar an­ge­bro­chen wa­ren (wenn we­ni­ger als die Hälfte ver­braucht war).

Schweinchenrosa Klopapier
Die Zeit­ar­beits­fir­ma wollte das Zim­mer­mäd­chen aus ir­gend­wel­chen Grün­den, die ich nicht über­sehe, los­wer­den. Also wurde sie des Dieb­stahls an­ge­zeigt. Sie hat diese halb­vol­len Klorollen nicht in den Müll getan, son­dern mit nach Hause ge­nom­men.
Ich musste an die Ver­käu­ferin den­ken, die wegen der Ein­lö­sung ei­nes am Boden gefun­de­nen Pfand­bons entlassen worden war.

Und an die nicht ab­rei­ßen­den Diskus­sio­nen über die Ma­na­ger­ge­hälter. Nach mei­ner un­we­sent­li­chen Er­fah­rung mit fran­zö­si­schem und bel­gi­schem Kino ist das übri­gens ein Plot fürs Cinéma d'auteur, das auf Deutsch meistens "Art­house-Kino" heißt.

Und wie ha­be ich in die­sem be­son­de­ren Fall ge­ar­bei­tet? Sehr ruhig, zu­rück­hal­tend, mit Em­pa­thie und doch kla­rer Linie. Ich darf Mit­ge­fühl zei­gen, aber kein Mitleid ha­ben. Das habe ich bei ei­nem Coaching ge­lernt.

Der An­walt hat meine Hal­tung be­merkt und sich beim Ab­schied auch noch ein­mal be­son­ders da­für be­dankt. In der Ver­hand­lung wird dann eine vom Gericht ein­be­stell­te Kol­legin oder ein Kol­lege dol­met­schen. Für die Be­klag­te ist der stän­di­ge Wech­sel suboptimal.

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Foto: C. Elias

Dienstag, 12. März 2019

Bankensprech

Eine blog­gen­de Dol­met­sche­rin, das ist eine con­tra­dic­tio in ad­jec­to, denn wir sind an das Ver­trau­lich­keits­prin­zip ge­bun­den. Nein, es ist so­gar ei­ne Ge­heim­hal­tungs­pflicht. Da­her den­ke ich hier über Spra­che nach, über Kom­mu­ni­ka­tions­ver­hal­ten und Un­ter­schie­de mei­ner sprach­li­chen Hei­mat­län­der.

Money makes the world go round ...
"Ich kann lei­der kei­nen Ter­min dar­stel­len", sagt die An­ge­stell­te und meint: "Ich kann kei­nen Ter­min ver­ge­ben." Wir sind in einer Bank. Es geht um einen Be­ra­tungs­ter­min für einen ver­mö­gen­den Kunden. Spä­ter wird von "Ne­ga­tiv­zin­sen" die Rede sein, das Wort buch­hal­té­risch fällt.

Ich dol­met­sche ins Fran­zö­si­sche und trans­po­niere die Lage, als wäre sie ein Musik­stück. Ich nutze Re­de­wen­dungen wie: produire un document officiel, ein of­fi­ziel­les Do­ku­ment vorlegen, auf Fran­zö­sisch aber wörtlich "ein of­fizielles Doku­ment pro­du­zieren" und verser une pièce au dossier, ein Doku­ment ei­ner Akte bei­fügen, wört­lich: "ein Stück in die Akte gie­ßen".

Das Gan­ze kommt mir ein we­nig spleenig vor, aber ich be­ste­he darauf, auf Schrul­lig­kei­ten aus dem Ver­wal­tungs­be­reich der ei­nen Spra­che mit Schrul­lig­kei­ten aus dem glei­chen Be­reich der an­de­ren Spra­che zu ant­wor­ten. Ich neu­tra­li­sie­re damit den Quatsch in mei­nen Ohren. Mi­nus mal Mi­nus er­gibt Plus, we­nigs­tens in der Ma­the­ma­tik.

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Foto: C.E. (Figur von Jim Avignon,
East Side Gallery)

Montag, 11. März 2019

In England wird der Tee knapp

Hier bloggt ei­ne Dol­met­sche­rin der deut­schen und fran­zö­si­schen Spra­che. Eng­lisch ist die drit­te im Bun­de, meis­tens mei­ne Aus­gangs­spra­che. Ein Idiom mit Zu­kunft!

It's tea time!
Scha­den­freu­de be­schleicht mich trotz al­len Är­gers. Bei ei­nem har­ten Bre­xit wür­de es in Groß­bri­tan­nien zu et­li­chen Eng­päs­sen kom­men, denn we­ni­ger als 50 Pro­zent der un­ver­ar­bei­te­ten Le­bens­mit­tel des Lan­des wer­den im Land selbst pro­du­ziert. Auch der Fünf­uhr­tee ist dann nicht mehr ge­si­chert, so­bald die Vor­rä­te aus­ge­trun­ken sind. Denn die Han­dels­ver­trä­ge mit Dritt­län­dern müs­sen nach dem Aus­schei­den aus der EU ja auch neu ver­han­delt werden.

In der EU wird künf­tig eine Spra­che eine der wich­tig­sten Um­gangs­sprachen sein, die nur von weni­gen Pro­zent der EU-Be­völ­ke­rung als Mut­ter­spra­che ge­spro­chen wird. In Nord­ir­land leb­(t)en (2015) 1.851.600 Ein­woh­ner, ge­teilt durch die 675 Mil­lio­nen EU-Bür­ger (oh­ne GB) sind das um die 0,027 Prozent.

Jetzt habe ich glatt die 433 300 Malteser vergessen! OK, mit ihnen sind es sogar 2.284.900 Einwohner, damit komme ich auf 0,034 Prozent. In beiden Staaten ist Englisch eine offizielle Sprache, aber neben dieser Amtssprache sind Irisch und Mal­te­sisch die Muttersprachen. Will sagen, nach dem Brexit würde die Haupt­spra­che Englisch nicht mehr DIE originäre Mut­ter­spra­che von EU-Bür­gern sein, aus­ge­nom­men zwei­spra­chi­ge Fa­mi­lien mit Mi­gra­tions­hin­ter­grund.

Ab­sur­de Zei­ten. In­­stän­dig hoffe ich, dass doch noch ein Wun­der passiert. Und dass wir al­le es dann schaf­fen, die­se Union auf die Be­dürf­nisse der Menschen aus­zu­rich­ten und nicht vor­rang­ig auf die Bedürfnisse großer Industrien von Agrar- über Fi­nanz- bis hin zu Ver­kehrs­mit­tel- und Wirt­schafts­be­ra­tungs­in­dus­trie.

Die Scha­den­freu­de ver­geht mir üb­ri­gens schnell, wenn ich an die in Eng­land an­säs­si­gen Über­setzer­kol­le­gen und Dol­met­sche­rin­nen den­ke, die das täg­lich be­tref­fen wird. Und vie­le an­dere mehr. So schließt zum Bei­spiel der La­den für bri­ti­sche Le­bens­mit­tel "Broken English" im be­nach­bar­ten Kreuz­berg wegen des zu er­war­ten­den Zollchaos.

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Foto: Archiv

Donnerstag, 7. März 2019

Gefühlte Wahrheiten

Guten Tag oder guten Abend! Wie Dolmetscher für Französisch und Englisch leben und arbeiten, können Sie hier mitverfolgen. Ich arbeite für Menschen aus der Po­li­tik, Wirt­schaft und Kultur. Mit Wörter jonglieren ist nicht einfach. Motto: Immer die Bälle in der Luft halten, auch wenn die direkten Übersetzungen einander zu widersprechen drohen.

Das Problem ist: Auch seriöse Politiker machen mit gefühlten Wahrheiten Politik. Ich würde jetzt gerne dazu bloggen. Aber ich darf nicht. Ich unterliege einer Schweigepflicht.

Bäckereiauslage in Frankreich
Ich kann nur fest­stel­len, dass die Be­griff­lich­kei­ten, die sich je­weils durch­set­zen, mit den jeweiligen Kul­tu­ren zu tun ha­ben, in de­nen sie ver­wen­det wer­den. La règle d'or, die gol­dene Re­gel, wird auf Fran­zö­si­sch ge­sagt, wenn die "Schul­den­brem­se" ge­meint ist. Die ist be­kannt­lich eben­so­wenig eine Brem­se, wie die Miet­preis­brem­se et­was aus­bremst ist, und diese Re­gel ist auch nicht gol­den.

Golden ist in Deutsch­land bekannt­lich der Mittel­weg, ja, der goldene Mit­tel­weg macht alle glück­lich, heißt es. Dieser Ort wird auf Fran­zö­sisch verächtlich le juste milieu genannt. Der Begriff schillert, weil juste im ersten Wort­sinn richtig, gerecht heißt. Es hat aber hier die Wortbe­deutung von "mit Ach und Krach", "Ziel ver­fehlt" und fauler Kom­promiss.

Ja, Über­setzen und Dolmet­schen sind nicht ein­fach. Weil le pain aus Frank­reich eben kein deut­sches Brot ist, son­dern nur ein et­was dickeres "Stan­gen­weiß­brot" und weil die meis­ten Bäcker in Deutsch­land keine Ah­nung von dem haben, was sie da als "Kroa­sang" feil­bie­ten (und fälsch­li­cher­weise croissant schrei­ben). Oder pain au chocolat, das sie "Schoko­crois­sant" nennen, damit es wenigstens ein wenig Fran­zö­sisch klingt, wie­wohl es alles an­dere als in Halb­mond­form ist.

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Foto: C.E. (Archiv, Preis vom Land,
vor 2011)

Mittwoch, 6. März 2019

Und jetzt?

Hallo, WAS Dol­­met­­scher und Über­­setzer ma­chen, hat sich in der Öf­­fent­­lich­­keit rum­­ge­­sprochen. WIE sie arbeiten, allerdings eher nicht. Darüber schreibe ich hier regelmäßig in meinem digitalen Arbeitstagebuch. Und vor dem Auftrag steht das Verhandeln der Konditionen. Manchmal indes ...

Wir-schaffen-das-Bär
Gesehen in Berlin
Und dann war da noch der lang­jäh­ri­ge Ko­ope­rations­part­ner, der zum Bei­ nahe-Dol­metsch­kunden mu­tiert ist. Er ver­an­stal­tet mit­ten in der nächs­ten Herbst­haupt­sai­son zu­sam­men mit einer Bot­schaft und einem For­­schungs­zen­trum zwei hoch­offizielle, wich­tige For­schungs­ta­ge. Der Kunde ist ein klei­ner, sym­pa­thi­scher, sehr aktiver Kul­tur­ver­ein. Wir kosten­vor­an­schla­gen normal.

Der Kunde darauf: Zu teuer.
Wir: Was hät­tet Ihr denn so? (Wenn wir können, re­du­zie­ren wir.)
Der Kun­de: Wir ha­ben ge­nau null Euro. Wirk­lich null.

Hm.

Meine ers­te Ant­wort: Warum buchen Eu­re [nur gedacht: stär­ke­ren] Part­ner nicht die Dol­met­scher? Eure Koope­rations­partner haben Bud­gets für so­was und kennen die Prei­se. (Diese Fra­ge löst keine Reak­tion aus.)

Meine zwei­te Ant­wort [Wie­der­vor­la­ge]: Das The­ma ist ja wichtig. Vielleicht lässt sich in einem ge­mein­samen Brain­stor­ming noch eine Stelle finden, die das fi­nan­ziell unter­stützt. (Keine Reaktion.)

Meine dritte Ant­wort darauf: Wir helfen Kul­tur­kunden bei un­fi­nan­zier­ten Sachen ja im­mer ger­ne und machen Dinge mög­lich, am liebs­ten in der Neben­saison (was wir wiederholt für die­sen Kun­den hat­ten). Aber wir ha­ben weder Ge­halt von ir­gend­ei­ner Sei­te noch Ren­te, we­der 13. Mo­nat, Ur­laubs- oder Kran­ken­geld noch reiche El­tern oder Ehe­män­ner. (Wieder keine Reak­tion. Das Ge­spräch muss ich wohl als ab­ge­bro­chen betrachten.)

Mein Pro­blem: Ich kann mir nicht ein­mal vor­stellen, was in da in den Köpfen vor sich geht und wie das wei­ter­ge­hen soll.

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Foto: C.E.

Freitag, 1. März 2019

Mengenrabatt

Im 13. Jahr beschreibe ich hier meinen sprachbetonten Alltag. Ich bin Kon­fe­renz­dol­metscherin und Übersetzerin, arbeite mit der fran­zö­sischen Sprache (und aus dem Englischen). Leider ist vieles in unserem Beruf repetitiv. Aber lesen Sie bit­te selbst.

Viel Heu! Der Kunde, eine Film­pro­duk­tions­ge­sell­schaft, hat gleich zwei  Film­er­zäh­lun­gen (Treat­ments), ein Dreh­buch und eine Unter­ti­telung im An­ge­bot, die in eine an­dere Spra­che sollen. Gute The­men, re­alis­ti­sche Fris­ten, ich freue mich und er­stelle mein Angebot.

Post­wen­dend bekomme ich eine Rück­frage gestellt: Ob denn auch ein Men­gen­ra­batt möglich sei?

Ich nehme Maß, stelle die au­to­ma­ti­sche Sprach­schnitz­ma­schine ein, reinige noch­mal kurz das Wort­sieb, fülle einige Vo­ka­le nach und drehe an den Reg­lern für den Fein­schliff. Ich freue mich auf das zu er­war­tende Ergebnis. Die Entwick­lung des Ma­schin­chens war teuer, das stimmt. Jetzt, wo sich die­se hor­ren­den Kos­ten end­lich amor­ti­siert haben, kann ich Ra­batte anbieten, denn meine Gewinn­marge ist ja so­gar dann noch sehr gut.

Ich liebe die In­dustriali­sierung der Wor­tarbeit! Endlich kön­nen auch wir rich­tig ren­tabel und nach In­dustrie­stan­dards arbeiten. Da­rauf haben alle so sehn­lichst ge­war­tet!

Ach, da­rauf wer­den wir auch in 30 Jah­ren noch war­ten. Denn anders als der An­zug von der Stan­ge betreiben wir Sprach­ar­bei­te­rin­nen und Sprach­arbeiter stets Maß­fer­ti­gung. Kein Hosen­bein ist wie das andere, sogar das lin­ke kann vom rech­ten ab­wei­chen, sollten die Beine un­ter­schied­lich lang sein.

The Mechanical Turc
Der Traum von der in­tel­li­gen­ten Ma­schi­ne ist uralt. Ein me­cha­nischer Türke, wie hier ab­ge­bil­det, hat übri­gens keine Hosen­beine ge­braucht. Im "Bauch" des Tisches war ein Mensch ver­steckt.

Bein ist auch sonst das Stichwort. Mit dieser Logik habe ich mir schon mal hef­tig ins Knie geschossen. Ich hatte einen Großauftrag an­ge­nom­men, der sich hinzog. Er war ra­bat­tiert, weil der Kunde so sehr um einen Preis­nach­lass von 25 Pro­zent ge­be­ten hatte. In anderen Wor­ten: Von vier Wo­chen war eine nicht be­zahlt. Und aus­ge­rech­net in dieser Woche hatte ich dann eine An­frage für drei höchst lu­kra­ti­ve Dol­metschtage. Die gingen an eine Kol­legin, ich blieb auf dem Lehr­geld sitzen.

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Illustration: Wikicommons