Freitag, 7. August 2020

Bonjour ...

... und herz­­lich will­­kom­men auf meinen Webs­eiten! Hier bloggt eine Fran­zö­sisch­dol­metscherin und -übersetzerin.

Solidaritaet ist mehr als Haendewaschen (Plakat)
Am Maybachufer in Berlin
In Zeiten der Pandemie fin­den nur selten Kon­fe­ren­zen statt, wir sind indes wei­ter­hin für Sie da: Als Über­set­ze­rin­nen und Dolmetscherinnen im Team, also auch mit Über­set­zern und Dol­met­schern.

Wir arbeiten gemäß den aktu­el­len Hy­gie­ne­be­din­gun­gen, aber ohne Bü­ro­sprech­stun­den. Sie er­rei­chen uns über Mail und per Mobil­telefon.

Online dolmetschen wir konsekutiv, also in Sprech­pausen hinein, oder si­multan, wozu wir einen digitalen Dolmetscharbeitspatz nutzen. Sprechen Sie uns an!

Und da wir nicht nur Spracharbeiterinnen und Spracharbeiter sind, sondern auch Menschen, die beobachten und ihre Zeit dokumentieren, in der wir leben, finden Sie auf den folgenden Seiten mein COVIDiary.

______________________________  
Foto: C.E.

COVIDiary (122)

Gu­ten Tag & hello auf mei­nen Blog­seiten. Ich ar­bei­te seit 2005 in Pa­ris und Ber­lin als Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin, früher auch oft als Über­set­ze­rin. (Für die bes­se­re Un­­ter­schei­dung der Begriffe: siehe oben.) Derzeit schreibe ich vom Büro aus. Das Virus macht aus diesem Blog aus der Arbeitswelt mein COVIDiary.

Grünzeug pflegen und benennen ist in unserem Hofgarten ein- und derselbe Vor­gang. Das liegt nicht nur daran, dass hier eine Linguistin mitgärtnert. Wir ver­ste­hen uns alle so, dass wir die Freude über das Gärtchen ebenso gerne teilen wie das Wissen dazu. Die Leseanfänger üben stolz ihre Fertigkeiten und zei­gen dann den Eltern, was hier wächst. Auch alle anderen lernen Neues.

In den letzten Jahren hatten wir bis zu 300 Liter Kompost­er­de per an­num aus ei­ge­ner Her­stel­­lung, jetzt ist es etwas weniger, da wir manches dort weglassen, was vielleicht doch für Nager interessant sein könnte. Der Sommer 2018 ist in Sachen Kom­post un­ver­ges­sen, denn da wurde aus dem Haufen innerhalb von nur drei­ Wo­chen feinster Hu­mus. (Im Hoch­som­mer braucht es sonst sechs Wo­chen.) Die Gieß­kan­ne abends sorgte für feucht­hei­ßes Klima. So schnell geht das sonst nur in In­dien. Dieses Gartenprojekt nahm übrigens mit meiner Dol­met­scher­spe­zia­li­sie­rung auf na­­tur­­wis­­sen­­schaft­li­che Themen wie Bo­den­ge­sund­heit, mikrobielle Vielfalt und Ero­sions­be­kämp­fung vor etli­chen Jahren überhaupt erst Fahrt auf.

Und während wir Großstädter weiterhin den Sommer genießen und dabei auf Ab­stand bleiben, bilde ich mich tagein, tagaus an meinen Sprachen fort, lerne weiter Fachliches aus den normalerweise bearbeiteten Themenfeldern und hal­te meine Vokabellisten à jour. Wir wissen ja nicht, wann es wieder los­geht.

Grün- und Buntzeugs mit Erklärstäbchen
______________________________  
Collage: C.E.

Donnerstag, 6. August 2020

COVIDiary (121)

Bonjour, hello, guten Tag. Hier bloggt im 14. Jahr eine Dol­met­sche­rin, übli­­cher­­wei­se mehr­mals die Woche. Das Coronavirus hat aus meinem Blog das COVIDiary gemacht. Trotz Seuche bleiben die drängendsten Probleme bestehen. Es spitzt sich sogar gerade zu. Wir müssen handeln.

Grüne Transition ist der neueste Vorschlag für die Übertragung des englischen Begriffs the transition, der in Fachkreisen für den Übergang in eine nachhaltige Gesellschaft gebraucht wird.

Gesehen in Baden-Württemberg
Verwendet hat ihn Elmar Krieg­ler vom Potsdam-Institut für Klimafol­gen­forschung (PIK) im Deutschland­funk, "Umwelt und Verbraucher", 06.08.2020. Es geht um den Über­gang in ein nachhaltiges Leben, das wir dringend in allen Bereichen brauchen. Résumé: Wir müssen massiv CO2 einsparen, wenn wir die programmierte Katastrophe ein wenig abmildern wollen.

Das ist jetzt keine Überraschung. Überraschend finde ich eher, dass dieses Wissen nur langsam das Verhalten des Homo sapiens ändert. Oft liegt es an der Spra­che. Mancher Fachbegriff sickert nur langsam in den Alltags­wort­schatz ein. Von der Not­wen­digkeit, Gen­trifi­zierung zu "übersetzen", habe ich erst neu­­lich berichtet. (Heute ist das in man­chen Kreisen übrigens noch immer nötig.)

Um Änderungen anzustoßen, brauchen wir Wörter, die allgemeinverständlich be­schreiben, was geschieht und solche, die Auswege aus der Krise anbieten und der drohenden Lähmung Handlungs­mög­lichkeiten entgegensetzen. Menschen lieben Ge­wohn­hei­ten. Wir müssen diese Verhaltens­veränderungen schick machen. Dafür sorgen, dass schädliches Verhalten bald als "unmögliches Tun" empfunden wird.

Die Gesellschaft bewegt sich in Moden fort, hier meine ich "Fortbewegung" durch­aus auch ironisch, nämlich weg vom Eigentlichen. Nehmen wir das Beispiel der Schotter­flächen in Vorgärten, die sogenann­ten Steingärten, in deren Mitte gerne mal eine für Bienen und Insekten komplett irrelevante Thuja oder eine Steinrose in einer Urne thront. Lange galt derlei als schick und pflegeleicht. Dicke Plas­tik­pla­nen unter den Stein­flä­chen verhindern, dass "Unkraut" seinen Weg ins Licht findet. Das Plastik sorgt aber auch dafür, dass kein Regenwasser ablaufen kann und der Boden darunter ver­ödet.

Zäune und Zonen des Grauens
In Baden-Württemberg sind die wüsten Steingarten jetzt ver­boten. Endlich!
Andere Bun­des­­län­der sollten schnellst­mög­lich folgen. Letztes Jahr ist mir auf einer Dreh­reise aufgefallen, auf der ich für ein franzö­sisches Team dol­met­schen durfte, dass in manchen deutschen Regionen gefühlt 50 Prozent der Vor­gärten von Ein­fa­mi­lien­häu­sern geschottert waren.

So sieht es aber auch in der Großstadt aus, in der durch Stürme die meisten alten, großen Bäume verloren gingen, die andren wegen mangelnder Stabilität gefällt wurden. Neulich war ich bei einer Freundin in einer solchen Wohn­gegend von Ber­lin, da reihte sich Sonnen­schirm an Sonnen­schirm, der Asphalt sah vor der Ampel aus wie ein versteinertes Meer, in dem sich Wellen abzeichnen, denn dort, wo die Bäume fehlten, gab der weiche Asphalt der Last der anfahrenden SUVs nach.

Mein Dolmetschsymbol für "Grüne Transition"
In vielen Vorgärten standen keine Buchsbaumhecken mehr als Einfassungen, der Buchs­baum­zünz­ler hat auch hier gewütet. Stattdessen um­gaben die Steinwüsten immer öfter Kirsch­­lor­beer­hecken. Diese Pflanze aus Klein­­asien wächst zwar schön dicht und ist ro­bust, scha­det aber un­se­rem Öko­­system, denn ihre Blätter und Samen sind schäd­lich für Mensch und Tier.

Nur Amseln und andere Drosseln fressen die Beeren prob­lem­los, denn sie zer­kau­en die giftigen Kerne nicht. Kirsch­lorbeer schreckt sogar Mikroben ab, seine Blätter ver­rot­ten deshalb fast nicht im Kompost­haufen.

______________________________  
Fotos: C.E. (Archiv)

Mittwoch, 5. August 2020

COVIDiary (120)

Ob ge­plant oder zu­fäl­lig: Sie le­sen hier im ers­­ten deut­schen Dol­­met­scher­blog aus dem In­neren der Dol­metscherkabine. Gerade schreibe ich vom Büro aus, das seu­chen­bedingt brachliegt. Ich do­ku­men­tie­re hier auch unsere Zeit.

Kinderzeichnungen als Abstandsempfehlung
Gestern durfte ich öffentlich reden, das ging relativ anspannungsfrei. Nor­ma­ler­wei­se fühle ich mich als Kon­fe­renz­dol­metscherin auf dem Gedan­kenpfad einer anderen Person sicherer, dann trage ich nur die Verant­wortung für "meine" Sprach­ver­sion, nicht aber für alles, Inhalt, Form, Art des Vortrags. Und wo ich gerade schon mal am Mi­kro­fon war, entschied die Haus­ge­mein­schaft spontan, dass ich die Mode­ra­tion über­neh­men soll

Meine Nachbarinnen und Nachbarn wissen, dass ich auf Festivals regelmäßig nicht nur dol­met­sche, sondern auch moderiere. Vor Mikros habe ich keine Angst. So ging auch das ziem­lich ent­spannt.

Paketschnur und Foldback-Klammern
Besonders gefallen hat mir gestern und im Vorfeld aber die Arbeit als Kura­torin. Oha, das Wort "Arbeit" ist mal wieder gefal­len. Also richtig viel Arbeit im Sinne von "Auf­wand" war's nicht, schon gar keine im Sin­ne eines bezahlten Einsatzes.

Da ein Immobi­lien­spe­kulant nach unserem Haus greift, sind wir Mieterschaft aktiv und machen auf uns auf­merk­sam in der Hoffnung, ein städtisches Wohn­bau­un­ter­nehmen oder eine Genos­senschaft sowie den Berliner Senat für uns gewin­nen zu können, damit der Bezirk sein Vorkaufs­recht zugunsten eines Dritten umsetzen kann. Hier der Link zu unserer Haus­web­seite: Maybachufer 17.

Die Farbe Rosa ist hier wichtig
Ein solches Verfahren ist möglich, da wir mitten im Mi­lieu­schutz­ge­biet liegen. Zwei Nach­bar­häuser sind bereits vor Jah­ren verkauft worden, da gab es den Milieu­schutz noch nicht. Heute stehen dort viele Wohnungen, gefühlt die Hälfte, die meiste Zeit leer. Als Nachbarin­nen und Nachbarn sehen wir, wo was erleuch­tet und wo auch mal wer zugegen ist.
Dieses Syndrom kenne ich aus Paris, es lässt Städte ver­öden: Anleger kaufen auf­grund schicker Fotos und Wer­be­tex­te, immer mehr Inves­toren ziehen Ferien­ver­mietung ordent­licher Vermietung vor, schon sind Liegen­schaf­ten wie das Doppel­miets­haus neben uns, für normale Wohn­nut­zung verloren.

Passion in der Passionsblume
Da wir alle die Investitionen in die In­fra­struk­tur drumherum be­zahlt haben, wurde bis zur Einführung der Mi­lieu­schutz­re­geln lange das Ver­geu­­den von Volks­ver­mögen geduldet, die Wis­­sen­­schaft spricht von der "Fehlal­lo­kation von Res­sour­cen". Wa­rum sollen Was­ser, Ener­gie, ÖPNV, Bil­dung usw. für immer mehr Geis­ter­häuser in ex­klu­si­ver Lage be­reit­ste­hen? Die Steu­er­­po­li­tik vieler Länder mit lukrativen Ab­schrei­bungs­­mög­­lich­­keiten und die Geld­politik nach der Krise von 2008 ha­ben zu ab­sur­den Situationen geführt.

Zur Ausstellung: Unsere Nachbarin Laura Stromp, überdies auch noch ein mu­si­ka­li­sches Talent, hat im Frühjahr ihren Ab­schluss am Lette-Verein gemacht.

Coronabedingt fiel die damit üblicher­weise verbundene Ausstellung ins Wasser. Wir durften uns glücklich schätzen, dass sie statt­dessen die Blätter als Vorab­prä­sen­ta­tion in unserem Hofgarten gezeigt hat.

Zur Arbeit schreibt der Lette-Verein: "Die Zukunft – vielleicht sogar die Gegenwart? – von Dating und Partnerschaft in virtuellen Welten beschäftigt Laura Stromp in ihrer Arbeit "Origin“. Als erzäh­lerische Tableaus inszeniert sie Figuren in seltsam un­ge­lenker Haltung an hoch­ar­ti­fi­ziel­len Orten. Obwohl physisch anwesend, schei­nen die Personen ihre Aufmerksamkeit ganz auf ihre Existenz in alterna­tiven Rea­li­tä­ten zu konzentrieren. Die Arbeit mit den Models, reale und vir­tu­el­le Lo­ca­tions, die Re­qui­site, das Licht und die Post Pro­duction greifen perfekt in­ein­ander, bre­chen mit unseren Seh­ge­wohn­­heiten und lassen die Gren­zen zwischen Wirk­lich­keit und Virtu­alität verschwimmen. (Sebastian Lux)"

Laura hat mit ihrer Arbeit auch den ersten Förderpreis des Berufsverbandes Freie Fotografen und Filmgestalter e.V. gewonnen. Nachträglich herzlichen Glückwunsch zu Studienabschluss und Preis!

______________________________
Fotos: C.E. bzw. L.S.

Sonntag, 2. August 2020

COVIDiary (118)

Bon­jour auf mei­nen Blog­seiten! Ich ar­bei­te seit 2005 in Pa­ris und Ber­lin als Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin, früher auch oft als Über­set­ze­rin. (Für den Unterschied: siehe die Unter­zeile oben.) Sonntags zeige ich hier meine Sonntagsbilder.

Fast ein normales Wochen­ende war das: Auf dem Floh­markt bummeln mit Maske und Abstand, im Regen unter einem Baum sitzen und heiße Schoko­lade schlürfen, dabei auf Franzö­sisch über die Weltlage nach­denken. Dabei haben wir, als der Re­gen noch auf sich warten lies, das da gesehen:

Menschen im Gespräch vor gelber Wand. Ein Hund langweilt sich dabei
Gelb oder: Der Hund langweilt sich
Außerdem durfte ich im Gärtchen arbeiten, eine Rede schreiben, Falafel essen, neue Erklär­­stäbchen für das Grün­­zeug schnitzen. Denn bald bekommen wir hohen Be­such in Haus und Hof.

Regentropfen auf Blättern
Grün oder: Schön, dass es regnet
Last but not least konn­te ich nicht nur im Gar­ten ackern, son­dern auch das eine und an­de­re  Wort­­fel­d be­­ar­­bei­ten. Das machen wir ja ständig, wir Sprach­­ar­bei­te­rin­nen und Sprach­arbeiter.

Mein All­tags­fran­zö­sisch war übri­gens ein klei­nes biss­chen ein­ge­ros­tet. Seit Mo­na­ten spre­che ich nur bei den sel­te­nen On­line-Dol­metscheinsätzen diese Sprache, oder ein we­nig bei den digitalen Fort­bil­dun­gen.

Das hat sich un­ge­wohnt wie lan­ge nicht an­­ge­­fühlt.

Der stille Leser in­mit­ten des Floh­markt­tru­bels hat uns gefallen. Das Bild habe ich stark mit Fotoshop bearbeitet, Farbe von Kappe, Schuhen und Jacke ebenso ver­än­dert wie die Gesichtszüge, um seine Per­sön­lich­keits­rechte zu wahren.

Konzentrierter Leser auf einem Flohmarkt
Bunt oder: Kopfreisen gehen von überall her

______________________________  
Fotos: C.E.

Freitag, 31. Juli 2020

COVIDiary (116)

Ob gezielt an­ge­steu­ert oder eher zufällig, lesen Sie hier eine Seite des ers­ten Dol­met­schblogs Deutsch­lands aus dem Inneren der Dol­metscherkabine. Das Co­ro­na­vi­rus macht aus meinem Blog das eher private COVIDiary mit Notizen aus dem ers­ten Berliner Coronasommer.

Nachmittags auf dem Wochen­markt vor dem Haus: In der Schlange fragt ein Paar nach einem Café, hat sich in der Uferseite vertan.
 
Hummeln und Blüten
Berliner Hummelsommer
Wir Dol­met­sche­rin­nen und Dolmetscher sind immer höflich und hilfsbereit. So kommen wir kurz ins Gespräch. Sie seien in Berlin, um gegen Corona zu de­mons­trie­ren. Bei wem sie denn da vor­stel­lig wür­den, frage ich leicht ironisch. Diese Ebene kommt nicht an.
Die beiden ent­­puppen sich als hart­ge­sot­te­ne Corona­­leugner. Sofort ver­su­chen sie, mich zu mis­sio­nieren. Ich habe sie darauf­hin freund­lich gefragt, wie der böse Deep State, der Corona in die Welt gesetzt hat, um uns alle aus­­zu­rot­ten (wie sie ernst­haft er­klärt ha­ben), jetzt sein Chem­­trail­pul­ver versprüht, wo doch kaum Flie­ger in der Luft sind. Darauf haben sie keine Ant­wort.

Ich habe Ihnen dann als Buch "Die Schock-Strategie" von Naomi Klein em­pfoh­len. Sie kannten es nicht. Ma­dame hat Titel und Auto­rin eifrig notiert. Wäre ja noch schöner, wenn immer alle nur Bücher aus ihrer Blase lesen würden.

Klammern zur Befestigung von Kunst und von Wäsche
Klammern zählen
Ich lese gerade ein Buch über "Paris un­term Haken­kreuz", Autor: Kers­ten Knipp. Mehr dazu folgt später. In­halt­­lich schlie­ße ich an einen Krimi an, zu dem ich vor ei­ni­gen Jahren als Dolmetscherin an Dreh­ar­bei­ten zu einem Dokumentarfilm beteiligt war: "Das schwarze Korps", Le corps noir, von Dominique Manotti.

Zwischendurch ist Lesen aber un­prak­tisch. Heute Vor­mittag hieß es bereits: Wenn ich den See seh, brauch ich kein Meer mehr. We made a big splash. Einma rin ins jute Wassa.
Dann ins Büro, arbeiten. Vorher noch in Biblio­thek und Buch­laden weiteres Le­se­fut­ter ab­ho­len.

Morgen ist Gartenar­beit dran, dann kommt Besuch aus Frankreich. Kom­menden Diens­tag ha­ben wir eine Aus­stellung im Haus, dafür ist auch noch was vor­­zu­­be­­reiten. Im Bastel­kram­kauf­haus für Architekten am Moritz­platz, Modulor, habe ich noch Foldback-Klammern nachgekauft. Berlin mit seinem viel­sei­ti­gen Ein­zel­handel begeistert mich immer wieder.

______________________________
Fotos: C.E. (z.T. Archiv)

Donnerstag, 30. Juli 2020

COVIDiary (115)

Bon­jour, gu­ten Tag & hel­lo auf den Sei­ten des ers­ten deut­schen Dol­met­scher­blogs aus dem Inneren der Dol­metscherkabine. Gerade schreibe ich vom Büro aus, das seuchenbedingt brachliegt. Die Spracharbeit geht auch ohne Kundschaft täglich weiter.

Jeden Morgen habe ich eine Englischstunde, meistens via Radio. Oft höre ich auch später nochmal rein, je Interesse. Und zweimal die Woche lerne ich im Tandem mit einer anderen Dolmetscherin zusammen. Natürlich mache ich mir dabei No­ti­zen. Warum die nicht manch­mal auch für den Blog nutzen?

Hörnotizen am Morgen (BBC 4)

Verkehr/Soziales: Einwohnern Großbritanniens steht ein Gutschein in Höhe von 50 Pfund zu, das ist etwas mehr als 55 Euro, um ein altes Fahrrad reparieren zu las­sen. Der staat­li­che Server, der die Gutscheine ausstellt, ist diese Woche zu­sam­men­ge­bro­chen. Die große Nachfrage ist eine gute Sache, die Vorteile des Rad­fah­rens für die Umwelt unbestritten, ebenso für die Gesundheit der Men­schen auch au­ßerhalb von Seu­chen­zei­ten. The scheme is part of a strategy to tackle obesity, "das Projekt ist Teil der Strategie zur Bekämpfung der Fettleibigkeit".

In Großbritannien hat der Radverkehr durch Corona stark zugenommen. Seit Beginn der Gesundheitskrise waren dort bereits 1,3 Millionen Fahrräder vom Han­del ab­ge­setzt worden. Umfragen zufolge sind 68 Prozent der Wege, die dort täglich zu­rück­ge­legt werden, kürzer als fünf Meilen, also ma­xi­mal 8,05 Ki­lo­meter lang, das ist eine Strecke, die sich in bequemem Tempo in weniger als einer halben Stunde zu­rück­le­gen lässt.

Allerdings fahren Menschen aus ärmeren Familien weniger oft Fahrrad, und zwar nur zehn Prozent, participation rates are extremely uneven, heißt es im Radio, wörtlich: "die Teilnah­me­quoten sind extrem ungleichmäßig", oder, wenn ich den Gedanken vom Kopf wieder auf die Füße stelle: die Wahrscheinlichkeit, aufs Fahr­rad zu steigen, sinkt rapide mit dem Einkommen. Nur zehn Prozent der Ärmsten der Bevöl­kerung steigt einmal in der Woche aufs Rad, 75 Prozent sind noch nie mit dem Fahrrad gefahren, aber 30 Prozent dieser Bevölkerungs­gruppe würden gerne damit anfangen.

(Thought for the day, reverend Lucy Winket,  Rector of St James's Church, Pic­ca­dil­ly, ab 7.43 Uhr / bei Zählerstand 1'48'')

Meine Ergänzungen: Wir brauchen Strategien, Radfahren sexy zu machen. Durch Corona wurden überall auf der Welt neue Radstrecken ausgewiesen, auf Neu­deutsch Pop-up-Radweg (auch Corona-Radweg). Etliche davon sollten ver­ste­tigt wer­den.

Diverse Pflanzen in Töpfen
Wildwuchs im Gärtchen
Umwelt: Jetzt sind auch Wildkatzen vom Aussterben bedroht, außerdem der Sta­chel­igel (shedgehog), der Biber (beaver), die Haselmaus (dormouse) und das Eich­hörn­chen (red squirrel). Sie ste­hen neu­er­dings auf der britischen roten Liste der gefährdeten Säugetiere. "Wenn wir jetzt nicht radikal handeln", heißt es im Radio, and a lot bolder, und sehr viel mutiger, "werden unsere Enkelkinder diese Tiere nicht mehr kennenlernen". Viele Na­tur­schutz­pro­jek­te seien überdies zu kurz­fris­tig gedacht und finanziert, es fehle an Nachsteuerungen und am langen Atem.
Zitiert wird Frau Prof. Fiona Matthews, Vorsitzende der Mammal Society, im Programm Today von BBC4, ab 7.44 Uhr / bei Zählerstand 1'44'. 

Jene, die noch immer die Klimakatastrophe anzweifeln, mögen sich vorstellen, dass Ihre Enkel und Urenkel nicht mehr stolz ihre Kastanien-und-Steichholzigel aus dem Kindergarten nach Hause tragen. Gemalte Baumbilder ohne die Maus im Erd­loch und ohne Eichhörnchen, das den Stamm rauf- und runterrennt, werden ärmer sein. Schon heute basteln die Minis nur noch in wenigen Regionen alle Jubeljahre mal einen Wattebauschschneemann.

In der Mailpost: Die Firma BureauxLocaux hat 50.000 Anzeigen verglichen, die vor und nach dem Lockdown veröffentlicht worden sind. In der Region um Paris sind die Gewerbemieten um vier und neun Prozent gesunken, in Mar­seille sogar durch­schnitt­lich um acht Prozent.

Das Kackvirus wütet weiter, besonders übel in Nord- und Südamerika. Der Nach­rich­ten­agen­tur Reuters zufolge gab es allein gestern mindestens 1461 Coronatote, etwa ein Mensch pro Minute.


Weitere Vokabelnotizen
to draw up an account — abrechnen [Rechnungswesen]
bike repair voucher — Fahrradreparaturgutschein
But deeper themes are at play. — Komplexere Probleme sind da im Spiel.
to clear a city street — eine städtische Straße entvölkern
______________________________  
Foto: C.E.

Mittwoch, 29. Juli 2020

COVIDiary (114)

Bon­jour auf mei­nen Blog­seiten! Ich ar­bei­te seit 2005 in Pa­ris und Ber­lin als Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin, früher auch oft als Über­set­ze­rin. (Für den Unterschied: siehe die Unter­zeile oben.) Ich dolmetsche nicht nur, sondern beobachte auch scharf. Manchmal zu scharf.

Wahllichtbildvorlage, das ist ein für mich neues Wort, das ich vermutlich so bald nicht wieder brauchen werde. Ich war ins LKA geladen zu eben dieser. Mir wurden auf Papier acht Portraits vorgezeigt. "Gar nicht so leicht, eine solche Auswahl her­zu­stellen", sagte die Beamtin auf der anderen Seite der Anti-Corona-Ple­xi­glas­schei­be. 

Acht finster dreinblickende ältere Herren waren da zu sehen, offenbar alles Köpfe, die zu echten Fäl­len gehören. Ob sie nicht doch kurz noch einen älteren Kollegen im Flur ge­knipst habe, wollte ich im Scherz von ihr wis­sen. Sie hat das verneint.

Alte Registrierkasse
Zahlen, bitte!
Der dritte war es, ein Al­ler­weltsgesicht, das Foto schon etwas älter. Die Licht­bil­der waren auf einem fo­to­ko­pier­ten Zet­tel zu sehen, erst in schwarz-weiß, dann bunt. Sowas ist deutlich we­ni­ger gla­mou­rös als die Ge­gen­über­stel­lung mit One-way-screen und leben­di­gen Menschen, das Fernseh­krimibild, das einem bei die­ser Gelegenheit im Kopf rum­spukt.
 

Aber ich habe ihn gleich wiedererkannt. Es war ein Bild aus dem Knast, vor der Entlassung. Was dem zugrunde liegt, war indes recht telegen gewesen. Vor über einem Jahr hat mich ein "Pri­vat­­ro" an­gerufen, ob ich denn auch Privatkunden annehmen würde. Ich konnte das nur bejahen. 

Beim Termin erwartete mich ein älterer Mann, der den Habitus eines reichen Ren­tiers mehr schlecht als recht imitiert hat. Er sagte, er wolle nach Berlin ziehen, denn er leide an einer seltenen Krankheit und sein behandelnder Arzt lebe in der deutschen Hauptstadt. Er habe weiter keine Angehörigen mehr, wolle hier in Berlin eine Wohnung kaufen und zu diesem Zwecke zunächst ein Bankkonto eröffnen.

Ich mache die Sache kurz: Am Ende hat er einen gestohlenen Scheck von einer knap­pen Million Euro eingereicht. So weit, dass die Bank ihm dafür Geld gegeben hat, kam es nicht.

Da wir so etwas schon einmal passiert ist, ich bin eben verdammt gut in den Such­ma­schinen verlinkt, ging ich mit etwas Misstrauen zum ersten Termin und habe ei­gent­lich nur auf Unstimmigkeiten gelauert. Das ging schon mit seinem Namen los. Er stellte sich als Zodiac AEROTECHNICS vor. So heißt auch eine fran­zö­si­sche Fir­ma für flug­tech­ni­sche Komponenten, die gerade umfirmiert worden war.

Auch hier kürze ich ab. Die Details wandern mal in einen Krimi, für den ich schon sammle. Die Berliner Polizei wurde zu dem Zeitpunkt involviert, ab dem ich mir sicher war. Am Ende hätte sie ihn ergreifen können, aber sie haben ihn knapp ver­passt.

Für mich war das Ganze mit einigem unbezahlten Aufwand verbunden, ich habe dabei mein kriminalistisches Gespür entdeckt. Vielleicht sollte ich die fran­­si­sche Luft­fahrt­technik­firma mal an­schreiben und ihnen den Hintergrund ihrer Scheck­ver­lust­story erzählen. In einkommenslosen Coronaviruszeiten könnte ich einen Fin­der­lohn, der einem leider gesetzlich bei Schecks nicht zusteht, ziem­lich gut ge­brau­chen. (Wäre es Bargeld gewesen, ich hätte ca. fünf Prozent bekommen.)

______________________________  
Foto: C.E.

Dienstag, 28. Juli 2020

COVIDiary (113)

Hello, bon­jour und gu­ten Tag! Hier be­rich­te ich aus mei­nem Berufsleben als frei­be­ruf­liche Konferenzdolmetscherin für die französische Sprache. Vor Monaten wurde aus dem Arbeitstagebuch das eher private COVIDiary. Seit März gab es keine echte Konferenz mehr. Die nächste wird wohl erst 2021 stattfinden.

Biedermeierstuhl
"Was du ererbst von deinen Vätern ...
Die Kellnerin auf der Café­ter­ras­se: "Du kannst zum nächs­ten Ersten meinen Job haben, ich gehe nach Kanada zurück." Die Textarbeiterin, die für bör­sen­no­tier­te Firmen arbeitet: "Schau mal, im Verkauf werden Leute gesucht!" Der Lehrer: "Kannst bei uns anfangen, Quer­ein­stei­ge­rin­nen in den Schuldienst sind gefragt!" Das ist alles lieb gemeint. Ich suche einen gutdotierten Job, gerne Teilzeit, denn ich habe einen Beruf. Ich bin Dol­met­scherin. Ich arbeite regelmäßig, habe nur derzeit kaum be­zahl­te Ein­sätze. Mein Be­rufs­all­tag besteht zu 80 Pro­zent aus Vor­be­rei­tung, aus Leben in der Sprache, Lesen, Nach­be­rei­tung, Gram­matik durch­den­ken, neuen Begrif­fen auf der Spur sein.

In der Küche dolmetsche ich beim Kochen vor mich hin, Sendungen meiner Leib- und Magensender, das ist wie |Schwimmübungen| Nudelkochen ohne Wasser. Das Gehirn ist eine Art ein Muskel. Nur wenn ich diesen Muskel regelmäßig trainiere, kann ich später, wenn's wieder losgeht, die üblichen Spitzenleistungen abliefern.

Derzeit stecke ich in einem Auswahlverfahren, da wird tatsächlich eine Stelle mit einer Dolmetscherin besetzt, Sie dürfen/Du darfst mir die Daumen halten. Au­ßer­dem habe ich nächste Woche ein Vorstellungsgespräch in Sa­chen Film­her­stel­lungs­lei­tung, und einen Vierteltag in der Woche Woche beschäftigt mich schon der Stammkunde mit seinem längerfristigem Bauprojekt. Mal sehen, wie sich das am Ende fügen wird.

Von Herzen wünsche ich mir die Dolmetschfestanstellung, weil das Projekt in­halt­lich genau meinen Arbeitsschwerpunkt und meine Arbeitsweise trifft, und weil ich schon vor Corona davon geträumt habe, längerfristig in ein Team ein­ge­bun­den zu sein und nicht nur punktuell. 

Caroline Louise Emilie Souchay de la Duboissière
Zudem habe ich von meinem Vater unter anderem drei Bieder­mei­er­stühle mit Restau­rie­rungs­be­darf geerbt. Außerdem warten hier zwei Ahnenportraits aus der gleichen Zeit auf Restaurierung, dann das Fotowerk meines Vaters, das ich digitali­sie­ren und im Netz veröf­fent­li­chen möchte, sowie ein von ihm vorberei­tetes Buch, das Einlei­tung und Schluss­wort bekommen, um eine topo­gra­phi­sche Spu­ren­suche er­gänzt wer­den soll. Es geht um ein bis­lang kaum be­leuch­te­tes Ka­pi­tel der deutsch-franzö­sischen Ge­schichte: Um den deutsch-fran­zö­si­schen Krieg von 1870/71.


______________________________  
Foto: C.E. (mit Fotoshop)
... erwirb es, um es zu besitzen." (JWvG)