Mittwoch, 13. Mai 2026

Bonjour

... und herz­lich will­kom­men! Als erfahrene Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin („se­nior in­ter­pr­eter“) und Über­set­ze­rin bin ich seit bald 20 Jah­ren in Deutsch­land, Frank­reich und in an­de­ren Län­dern Eu­ro­pas tä­tig — meist mit Fran­zö­sisch und Deutsch als Ar­beits- und Ziel­spra­che. Als Teil ei­nes Netz­werks kann ich Ih­nen auch bei der Su­che nach Un­ter­stüt­zung in an­de­ren Spra­chen hel­fen.

Win­ter­lich im Win­ter­licht: Treppe, Jalousien, Fenster, Garten
Blau­er Him­mel unter grü­nen Ja­lou­sien!
Sie su­chen Kom­mu­ni­ka­tions­pro­fis fürs Dol­met­schen oder für Schrif­tl­iches? Nach vie­len Jah­ren in Frank­reich und dem ein­schlä­gi­gen aka­de­mi­schen Stu­dium sitze ich in der Fran­zö­sisch­ka­bi­ne. Schrift­lich ar­bei­te ich ins Deut­sche, auch aus dem Eng­li­schen.
Allein oder im Team be­glei­te ich De­le­ga­tio­nen, dol­met­sche auf Kon­fe­ren­zen, in Mi­nis­te­rien, Bot­schaf­ten oder am Film­set ... für Po­li­tik, Un­ter­neh­men und Pri­vat­leu­te.

Schwer­punk­te: Ak­tu­el­les, In­dus­trie, Wirt­schaft, Kul­tur, Ag­rar, Krea­ti­ves, Ur­ba­nis­mus und Bau, Ener­gie, Me­dien so­wie Ki­no: Ex­po­sé, Dreh­buch, Pro­duk­tions­dos­sier, Pres­se­heft. Im ers­ten Be­rufs­le­ben war ich Jour­na­lis­tin, bie­te auch Text­ar­beit an­, und zwar mit dem größ­ten Ver­gnü­gen.

Mit ei­ner ers­ten Kon­takt­mail an caroline@adazylla.de kön­nen Sie ei­nen te­le­fo­ni­schen Be­ra­tungs­ter­min ver­ein­ba­ren, um Ih­ren Be­darf ab­zu­klä­ren. (Ich ant­wor­te in­ner­halb von we­ni­gen Stun­den, ma­xi­mal zwölf.)

Ich bie­te an: Si­mul­tan- (fast zeit­gleich), Kon­se­ku­tiv- (zeit­ver­setzt), Flüs­ter- und Be­gleit­dol­met­schen, Büh­nen­dol­met­schen, Spre­ch­ein­sät­ze (Ton­auf­nah­men), Dia­log­Coa­ching für Film und Büh­ne, Fern­dol­met­schen.

Dol­met­schen lebt von Fach­kom­pe­tenz, Hin­ter­grund­wis­sen und Er­fah­rung. Ger­ne bin ich Ih­re Brü­cke zwi­schen der deutsch- und fran­zö­sisch­spra­chi­gen Welt — fle­xi­bel und punkt­ge­nau! Vor Ort oder mit On­line-Ex­per­ti­se: Mein Ein­satz ga­ran­tiert Ih­nen Ver­ständ­lich­keit oh­ne Miss­ver­ständ­nis­se.

Doch ge­na­u­so gern un­ter­stüt­ze ich klei­ne­re In­iti­a­ti­ven, per­sön­li­che Be­geg­nun­gen oder punk­tu­el­le Ein­sät­ze, denn auch bei die­sen sind Fin­ger­spit­zen­ge­fühl, gu­te Vor­be­rei­tung und ei­ne aus­ge­bil­de­te Stim­me ge­fragt.

Jetzt pla­nen — Er­folg si­chern!
Dol­met­schen ist mehr als Spra­che: Prä­zi­si­on, Kon­text, Wis­sen um Sprech­ab­sich­ten, Hin­ter­grund, Takt­ge­fühl und Er­fah­rung. Si­chern Sie sich mei­ne oder un­se­re pro­fes­sio­nel­le Un­ter­stüt­zung!

Herz­li­che Grü­ße,
Ca­ro­li­ne Eli­as

P.S.: Wir sind nicht nur Sprach­ar­bei­te­rin­nen und Sprach­ar­bei­ter, son­dern be­ob­ach­ten auch die Welt. Hier dür­fen Sie in mei­nem Ar­beits­ta­ge­buch mit­le­sen. Die­se Sei­te ist für das Web­la­y­out op­ti­miert, sonst dro­hen Text­pas­sa­gen hin­ter den Fo­tos zu ver­schwin­den.

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Fo­to: C.E.

Sprache sind keine Daten

Herz­lich will­kom­men auf der Sei­te ei­ner Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin, auf der ich über Spra­che schrei­be und über das, was zwi­schen den Zei­len steht. Ich bin auch Über­set­zerin, denn Krea­ti­ves wie Dreh­bü­cher passt meist nicht zur Ma­schi­ne. Ich schrei­be auch Tex­te um und adap­tie­re sie an die ver­schie­de­nen Be­dürf­nis­se. Im fol­gen­den Text re­flek­tie­re ich die KI aus der dop­pel­ten Per­spek­ti­ve als Dol­met­scherin und Über­set­ze­rin.

„Was macht die KI mit Ih­rer Bran­che?“, wur­de ich ges­tern von mei­ner Au­gen­ärz­tin et­was kul­tur­sen­si­bler ge­fragt als neul­ich von der Da­me im Zug (Be­richt ges­tern). Danke für die Frage! Wir sind ei­ni­ge, die den KI-Nerds und Hei­ße-Luft-Ver­käu­fern den Kampf an­ge­sagt ha­ben.

Versteckt in der Kabine
Das be­deu­tet: Wir sind nicht kom­plett ge­gen die KI, die vie­les kann, zum Bei­spiel lang­wei­li­ge Lis­ten in Win­de­seile er­stel­len (die trotz­dem zu prü­fen sind), gut rech­nen und Tipp­feh­ler fin­den (was im­mer ei­nen mensch­li­chen Durch­gang be­darf), die Feh­ler in Com­pu­ter­codes fin­det oder selbst Codes su­per er­gän­zen kann. Ja, das ist schon toll.

Aber krea­ti­ve Ar­beit kann sie nur si­mu­lie­ren. Wenn es Ar­beit mit Sinn, Stil und Ab­sicht ist, schei­tert sie oft, bei ge­spro­che­ner Spra­che erst recht: 85 Pro­zent Ge­nau­ig­keit wä­ren da in den nächs­ten Jah­ren mög­lich, sag­te neul­ich ei­ner der Tech­nik­ver­käu­fer (ak­tu­ell sind es laut WHO 43 Pro­zent). Das Ziel sieht groß aus, ist es aber nicht. Wür­den Sie in ein Flug­zeug ein­stei­gen, bei dem die Ab­sturz­quo­te bei ei­nem Vier­tel liegt? Wohl nicht.

Auch im Be­reich Text­ar­beit ist Vor­sicht an­ge­ra­ten. Die Tex­te klin­gen glatt, zu glatt, was kein Wun­der ist: Sie spie­geln den Durch­schnitt des schon Ge­schrie­be­nen. Stil ent­steht durch Form­kennt­nis, durch Kul­tur und Nut­zung oder das Bre­chen der Re­geln. Das ist mein Brot-und-But­ter-Ge­schäft: krea­ti­ve Tex­te für Ki­no und TV und in der Me­dien­pro­duk­tion; Sätze, die sit­zen müs­sen.

Al­les, was zu glatt ist, fällt nicht nur bei Men­schen durch. Es wird in­zwi­schen von den Ma­schi­nen, die im Netz bei­spiels­wei­se Ih­re Sei­te be­wer­ten und ein­stu­fen, schlicht nicht mehr wahr­ge­nom­men. Ih­re Sei­te bie­tet jetzt mehr In­for­ma­tio­nen als frü­her an, bringt aber kei­ne an­de­re Sicht­bar­keit? Da wird bei ih­rer Er­stel­lung wohl zu viel KI im Spiel ge­we­sen sein.

In der Schu­le sind wir stän­dig vor der Wie­der­ho­lung von Be­grif­fen ge­warnt wor­den. „Du musst Sy­no­ny­me ein­set­zen“, war da­mals das Man­tra. In der wis­sen­schaft­li­chen Ar­beit ist das falsch, bei vielen Webseiten auch. Für die Sicht­bar­keit im Netz sind Sy­no­ny­me oft Gift, vor al­lem dann, wenn es kei­ne ech­ten sind. Ich ha­be ge­ra­de die Sei­te ei­nes Un­ter­neh­mens le­kto­riert, da wa­ren von acht Sy­no­ny­men sechs falsch und ha­ben den Text ver­wäs­sert und un­sicht­bar wer­den las­sen.

Kei­ne Zi­ta­te, Kun­den­schutz, aber die Be­grif­fe „Dol­met­scher“ und „Über­set­zer“ sind ja auch kei­ne Sy­no­ny­me. Wie er­bit­tert strei­ten man­che Pres­se­leu­te mit uns, dass dem doch so sei, ob­wohl wir als Pro­fis de­nen nach­wei­sen kön­nen, dass sie falsch lie­gen. (Recht­ha­ben ist be­quem ge­wor­den in Zei­ten, in de­nen noch die ku­rio­ses­te In­for­ma­ti­on als „Mei­nung“ un­wi­der­spro­chen im Raum ste­hen blei­ben darf.)

Wenn Ih­nen ag­gres­siv ver­kauft wird, dass heu­te die Ma­schi­nen die bes­se­ren Dol­met­scher:in­nen und Über­set­zer:in­nen sei­en, dann soll­ten Sie dies wis­sen:

KI-Sys­te­me nei­gen da­zu, Wi­der­sprüch­li­ches oder Un­voll­stän­di­ges zu „glät­ten“. Wo wir Men­schen nach­fra­gen, er­fin­det KI häu­fig schein­bar plau­si­ble Ant­wor­ten. Das ist oft ge­fähr­lich: Was pas­siert, wenn ei­ne Über­set­zung zu 85 Pro­zent rich­tig ist, in den üb­ri­gen Stel­len aber gra­vie­ren­de Feh­ler, Haf­tungs­ri­si­ken oder Si­cher­heits­pro­ble­me ent­ste­hen? Ge­ra­de im ju­ris­ti­schen Be­reich sind Ge­set­ze und Rechts­la­gen zwi­schen Län­dern nicht de­ckungs­gleich. Sprach­pro­fis wis­sen das und klä­ren Zwei­fels­fäl­le mit An­wält:in­nen oder No­tar:in­nen ab.

Vie­le KI-Fir­men ste­hen mas­siv un­ter Druck. Die Mil­li­ar­den-In­ves­ti­tio­nen ha­ben nicht zu wirt­schaft­li­chen Er­fol­gen ge­führt. Ven­ture-Ca­pi­tal­ge­ber wer­den un­ru­hig. Zu­gleich wird der Ein­druck ver­mit­telt, KI kön­ne mensch­li­che Sprach­pro­fis schon jetzt oder in Kür­ze voll­stän­dig er­set­zen. Der öko­no­mi­sche Druck ver­zerrt hier die Kom­mu­ni­ka­ti­on, um es di­plo­ma­tisch zu sa­gen.

Auch ge­samt­wirt­schaft­lich macht der Roll­out der­zeit Pro­ble­me. Stu­di­en zei­gen, dass Un­ter­neh­men, die für KI Stel­len ab­ge­baut ha­ben, da­durch nicht au­to­ma­tisch bes­se­re Er­geb­nis­se er­zielt ha­ben. Vie­le Fir­men wür­den der­zeit wie­der Mit­ar­bei­ten­de ein­stel­len, heißt es. Er­folg­rei­cher sind meist je­ne Un­ter­neh­men, die KI als Werk­zeug zur Un­ter­stüt­zung ih­rer Teams nut­zen (und nicht, um Men­schen zu er­set­zen).

Ge­ra­de bei sen­si­blen Tex­ten, bei Web­sei­ten, Ver­trä­gen oder Ver­hand­lun­gen kann KI-"Über­set­zung" schwer­wie­gen­de Feh­ler ein­bau­en. Ju­ris­ti­sche Be­grif­fe, kul­tu­rel­le Nu­an­cen oder sprach­li­che Fein­hei­ten las­sen sich nicht im­mer ein­deu­tig au­to­ma­ti­sie­ren. Feh­ler kön­nen zu Um­satz­ver­lus­ten auf­grund von Miss­ver­ständ­nis­sen, Rechts­strei­tig­kei­ten und Ver­trau­ens­ver­lust füh­ren. Ich ha­be ei­ni­ge Rück­mel­dun­gen die­ser Art von zu­rück­ge­kehr­ten Kun­den.

Auch in der „Echt­zeit-Kom­mu­ni­ka­ti­on“ (von Dol­met­schen wür­de ich nicht spre­chen) ver­tut sich die KI oft in der Ton­la­ge und lässt viel weg oder ver­dreht In­hal­te. Bei Emo­tio­nen, iro­ni­schen Wen­dun­gen und fei­nen Zwi­schen­tö­nen ist sie über­for­dert. In di­plo­ma­ti­schen, me­di­zi­ni­schen oder wirt­schaft­li­chen Ge­sprä­chen ha­ben klei­ne Feh­ler oft gro­ße Fol­gen. Hin­zu kommt ein ge­fähr­li­cher Ef­fekt: Weil die KI-Aus­wür­fe oft sou­ve­rän wir­ken, wird ih­re Ge­nau­ig­keit häu­fig über­schätzt.

Wir aus der Sprach­bran­che se­hen die Zu­kunft des­halb nicht in der Er­set­zung mensch­li­cher Dol­met­scher:in­nen, son­dern in ei­ner ver­ant­wor­tungs­vol­len Zu­sam­men­ar­beit zwi­schen Mensch und KI. Die KI kann uns in der Vor­be­rei­tung un­ter­stüt­zen, kann Red­ner:in­nen mit Leucht­sig­nal­zei­chen zei­gen, wenn sie zu schnell spre­chen: die „Pult-Am­pel“! Bei Über­set­zun­gen ist sie mal hilf­reich, mal nicht. Ech­te krea­ti­ve Tex­te eig­nen sich oft zu null Pro­zent für au­to­ma­ti­sche Be­ar­bei­tung. (Die Prob­le­me se­hen oft nur Pro­fis.)

Kurz: Ur­teils­ver­mö­gen, kul­tu­rel­les Ver­ständ­nis, Ethik und Ver­ant­wor­tung sind mensch­li­che Auf­ga­ben.

Gleich­zei­tig wächst die Kri­tik an der Macht gro­ßer Tech-Kon­zer­ne, die di­gi­ta­le In­fra­struk­tur, Da­ten und KI-Sys­te­me zu­neh­mend kon­trol­lie­ren. Im­mer mehr Stim­men war­nen da­vor, dass hin­ter Schlag­wor­ten wie „Ef­fi­zi­enz“, „Fort­schritt“ oder „In­no­va­ti­on“ oft auch hand­fes­te wirt­schaft­li­che In­ter­es­sen, neue Ab­hän­gig­kei­ten und ei­ne wach­sen­de Kon­trol­le über öf­fent­li­che und ge­sell­schaft­li­che Struk­tu­ren ste­hen.

Rasch noch ei­nen Satz für mei­ne Freun­de in Süd­frank­reich: Heu­te star­tet das Film­fes­ti­val in Can­nes! Ich wün­sche gu­tes Wet­ter und schö­ne Fil­me! Und wenn was mit Fran­zö­sisch-Über­set­zungs- und Dol­met­sch­be­darf da­bei ist, wo es um Nu­an­cen geht, denn am We­sent­li­chen schei­tert die KI so oft, dann ger­ne mich in­for­mie­ren. Bin die­ses Jahr in der An­ge­hö­ri­gen­pfle­ge ... viel­leicht nächs­tes Jahr wie­der in ... naja, Can­nes sein! Have fun! Gruß an die Croi­sette!

(Heu­te kei­ne Links, denn kei­ne Zeit!)
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Fo­to: Mar­co Ur­ban — Fo­to­jour­na­list

Dienstag, 12. Mai 2026

Très chic oder trashig?

Wie auch im­mer Sie hier ge­lan­det sind, Sie le­sen in mei­nem vir­tu­el­len Ar­beits­ta­ge­buch, das es seit 2007 gibt. Ich bin Si­mul­tan­dol­met­sche­rin. Mei­ne Haupt­ein­satz­ge­bie­te sind Kon­fe­ren­zen, Ver­hand­lun­gen, Mes­sen, De­le­ga­ti­ons­rei­sen und öf­fent­li­che Ver­an­stal­tun­gen. Mei­ne Mut­ter­spra­che ist Deutsch, ich ar­bei­te über­wie­gend als Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin mit Fran­zö­sisch und Eng­lisch, die Bü­ro­kol­le­gin über­setzt in die eng­li­sche Spra­che.

Caroline Elias
Die Autorin als Begleitdolmetsche
„Ach, dann müs­sen Sie ja bald aufs Job­cen­ter?", fragt mich vol­ler Mit­ge­fühl die net­te Oma im Zug, als ich ihr sa­ge, was mein Be­ruf ist. Jein. Wer uns der­zeit die Ar­beit klaut, sind Tech­ni­ker, die un­se­ren Kun­den wah­re Wun­der ver­spre­chen, die die KI aber nicht hält, nicht hal­ten kann. Und das liegt vor al­lem an uns Men­schen selbst.

Denn die KI ist oft zu per­fekt für die mensch­li­che Spra­che. Das klingt pa­ra­dox, ist aber ge­nau das Pro­blem. Men­schen spre­chen näm­lich nicht wie Ma­schi­nen. Wir spre­chen un­sau­ber, sprin­gen in Ge­dan­ken, ver­ges­sen Wör­ter, ver­has­peln uns, fan­gen drei Sät­ze gleich­zei­tig an und be­en­den aus­ge­rech­net den zwei­ten.

Je­mand dreht den Kopf vom Mi­kro weg, hustet in den Satz hin­ein oder sucht plötz­lich nach ei­nem Be­griff, der ihm seit vier­zig Jah­ren selbst­ver­ständ­lich war und nun für ei­nen Mo­ment ent­glei­tet. Und trotz­dem funk­tio­niert men­schli­che Kom­mu­ni­ka­ti­on meis­tens er­staun­lich gut. So­lan­ge kei­ne Tech­nik rein­funkt ...

Das liegt dar­an, dass Men­schen eben nicht nur Wör­ter hö­ren. Wir hö­ren Ab­sich­ten, Un­si­cher­hei­ten, Macht­ver­hält­nis­se, Höf­lich­keit, Iro­nie und das, was ge­ra­de nicht ge­sagt wird. Ein Pu­bli­kum merkt oft so­fort, wenn ein Wort plötz­lich fehlt oder er­setzt wird. Wenn aus ei­ner „Kri­se“ nur noch ei­ne „Her­aus­for­de­rung“ wird oder aus ei­nem „An­griff“ ein „Vor­fall“, dann ist das kei­ne sprach­li­che Ne­ben­säch­lich­keit, son­dern oft ei­ne po­li­ti­sche Ent­schei­dung. Ge­nau dort wird es für KI schwie­rig, denn Ma­schi­nen er­ken­nen zwar Mus­ter, aber kei­ne Span­nung im Raum.

Die Aus­wür­fe der Ge­rä­te wir­ken trotz­dem oft be­ein­dru­ckend. Wir lesen ei­nen flüs­si­gen Text, der gram­ma­tisch sau­ber und ge­schmei­dig klingt und In­halt lie­fert. Wir hö­ren ei­ne Stim­me, die ru­hig und sou­ve­rän spricht. Das al­les sug­ge­riert Ver­läss­lich­keit ... bis zum zwei­ten Blick. Dann wird aus „très chic“ plötz­lich „tra­shig“, aus dem „Prä­si­den­ten“ ein „Laut­spre­cher“ (the speaker) und aus ei­ner fei­nen An­spie­lung sprach­li­cher Be­ton. Die KI pro­du­ziert oft ei­ne Ober­flä­che, die rei­bungs­los wirkt, aber ge­nau da­durch den Ein­druck von Prä­zi­si­on er­zeugt, wo in Wirk­lich­keit längst Be­deu­tung ver­lo­ren ge­gan­gen ist.

Das Pro­blem liegt nicht nur in ein­zel­nen Feh­lern. Es liegt tie­fer. Mensch­li­che Spra­che ist näm­lich kein sau­be­res Über­tra­gungs­sys­tem, son­dern ein hoch­gra­dig feh­ler­an­fäl­li­ger Vor­gang, der trotz­dem funk­tio­niert, weil Men­schen per­ma­nent er­gän­zen, re­kon­stru­ie­ren und mit­den­ken. Wir ver­ste­hen oft ei­nen halb ver­schluck­ten Satz, den nie­mand voll­stän­dig aus­ge­spro­chen hat. Wir er­ken­nen am Ton­fall, ob je­mand blufft, sich her­aus­re­det oder kurz da­vor ist, die Ner­ven zu ver­lie­ren. Und wir wis­sen meist in­tui­tiv, wann ei­ne Un­schär­fe ab­sicht­lich ist.

Beim Dol­met­schen kommt noch et­was hin­zu. Dort geht es nicht nur um Spra­che, son­dern um Si­tua­tio­nen, um Räu­me, Men­schen und Kon­flik­te, um Zeit­druck und ein Pu­bli­kum mit Vor­wis­sen. Ein- und der­sel­be Satz kann in Ber­lin, Brüs­sel oder Pa­ris voll­kom­men un­ter­schied­lich wir­ken. Er kann iro­nisch klin­gen oder be­lei­di­gend, di­plo­ma­tisch oder lä­cher­lich. Er kann Span­nung ent­schär­fen oder ei­nen gan­zen Raum kip­pen las­sen. Ge­nau die­se Ebe­nen müs­sen Dol­met­sche­rin­nen und Dol­met­scher in Se­kun­den­bruch­tei­len mit­den­ken.

Und dann gibt es noch die Akus­tik der Wirk­lich­keit: Rascheln, Ne­ben­ge­räu­sche, Halb­sät­ze, Lis­peln und Über­lap­pun­gen. Laut WHO stim­men beim KI-Aus­wurf "Dol­met­schen" im Mit­tel al­ler Spra­chen rund 43 Pro­zent der Wör­ter mit dem Ori­gi­nal über­ein. Al­ler­dings nicht un­be­dingt in der rich­ti­gen Rei­hen­fol­ge und lei­der auch nicht im­mer mit den rich­ti­gen Be­zü­gen. Hier se­hen Sie, wie aus ei­ner flüs­si­gen Si­mu­la­ti­on ei­ne fal­sche Aus­sa­ge wird.

Vie­le Men­schen ver­wech­seln Sprach­glät­te mit Sprach­ver­ständ­nis. Die KI klingt oft sou­ve­rän, weil sie kei­ne Müdig­keit kennt, we­der Angst noch Scham, sie ist oh­ne Kör­per und so­zia­len Druck. Aber ge­nau die­se mensch­li­chen Stö­run­gen ge­hö­ren zur Kom­mu­ni­ka­ti­on da­zu. Wir spre­chen nicht trotz un­se­rer Feh­ler. Wir spre­chen mit ih­nen.

Die KI si­mu­liert Kom­mu­ni­ka­ti­on. Wir Men­schen blei­ben un­er­setz­bar.

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Fo­to: C.E. (Ar­chiv)

Montag, 11. Mai 2026

Montagsschreibtisch (139)

Bon­jour & hel­lo! Her­zlich will­kom­men beim ers­ten deut­schen Dol­met­scher­web­log aus dem In­ne­ren der Dol­met­sch­ka­bi­ne. Ich bin Dol­met­scher­in für die fran­zö­si­sche Spra­che, und ich über­set­ze (auch aus dem Eng­li­schen). 

Eiffelturm (Miniatur), Stiftköcher, Uhr
Time is running
Ge­ra­de kom­me ich von ei­nem Fern­ein­satz zu­rück. Die­se Wo­che ste­hen we­ni­ger Ent­fer­nun­gen an.

Auf dem Schreib­tisch lie­gen:
⊗ Ver­wal­tungs­ein­satz
⊗ Nach­be­rei­tung
⊗ Rech­nungs­we­sen
⊗ Rah­men­be­din­gun­gen in­ter­na­tio­na­ler Zu­sam­men­ar­beit in der Kunst

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Gra­fik:
C.E. (Ar­chiv)

Mittwoch, 6. Mai 2026

Die kaputte Leiter

Will­kom­men bei mei­nem Blog aus der Ar­beits­welt der Spra­chen. Ich bin Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin. Wie wir Dol­met­sche­rin­nen und Über­set­zer ar­bei­ten, ist oft nicht so ge­nau be­kannt. Über die Be­rufs­welt schrei­be ich hier im 20. Jahr. Heu­te: KI-Mitt­woch.

Karriereleiter, die in der Luft hängt. Unten die Jungen, ratlos, oben die Alten bei der Ernte
"Karriereleiter" mit Disruption
Üb­lich war der Be­rufs­ein­stieg mit Sys­tem: Die Jun­gen ler­nen von den Al­ten, die Al­ten von den Jun­gen, denn sie brin­gen fri­sches Wis­sen von den Hoch­schu­len mit, ken­nen ih­re Ge­ne­ra­ti­on gut, ein Ge­ben und Neh­men. So wird Wis­sen nicht nur von Ge­ne­ra­ti­on zu Ge­ne­ra­ti­on wei­ter­ge­ge­ben, son­dern bes­ten­falls wei­ter­ent­wi­ckelt.

Die Neu­lin­ge ha­ben da­bei mit ein­fa­chen Auf­ga­ben be­gon­nen, Er­fah­rung und Rou­ti­ne in der Pra­xis ge­sam­melt. Die un­te­ren Stu­fen der Ka­r­rie­re­lei­ter wa­ren viel­leicht nicht be­son­ders pres­ti­ge­träch­tig, aber sie wa­ren un­ver­zicht­bar.

Und jetzt die Dis­rup­ti­on! Die so­ge­nann­te Künst­li­che In­tel­li­genz (KI) reißt ge­ra­de die­se un­te­ren Stu­fen aus der Lei­ter. Und sie weiß nicht, was sie tut, sie­he Il­lus­tra­ti­on. 

Die KI warnt nicht, sie ver­spricht nur ra­sche Ge­win­ne. Ei­ne Wirt­schaft, die das Wort Nach­hal­tig­keit noch nicht ver­stoff­wech­selt hat, macht dumm mit.

Im­mer mehr Tä­tig­kei­ten, die frü­her klas­si­sche Ein­stiegs­ar­beit wa­ren, wer­den auf die KI aus­ge­la­gert: Da­ten ein­ge­ben, Do­ku­men­te struk­tu­rie­ren, Ent­wür­fe für Stan­dard­fäl­le tex­ten. Das be­trifft Buch­hal­tung, Ju­ra und Ver­wal­tung glei­cher­ma­ßen.

Die Zah­len da­zu sind ein­deu­tig. In Be­ru­fen mit ho­her KI-An­fäl­lig­keit sind Ein­stiegs­stel­len in den letz­ten Jah­ren um rund 13 Pro­zent zu­rück­ge­gan­gen. In der Fi­nanz­bran­che liegt der Rück­gang bei Ju­ni­or­stel­len so­gar bei ca. 24 Pro­zent, bei ein­zel­nen Tä­tig­kei­ten so­gar hö­her. Gleich­zei­tig bleibt die Nach­fra­ge nach er­fah­re­nen Kräf­ten sta­bil oder steigt.

Auf den ers­ten Blick ist das ef­fi­zi­ent. Ein er­fah­re­ner Mit­ar­bei­ter, un­ter­stützt durch die KI, kann heu­te mehr leis­ten als frü­her ein gan­zes Team von Be­rufs­ein­stei­gern.

Aber Ein­stiegs­jobs sind kei­ne über­flüs­si­gen Rou­ti­ne­po­si­tio­nen. Sie sind die Pha­se, in der sich be­ruf­li­ches Ur­teils­ver­mö­gen ent­wi­ckelt. Wer nie Stan­dard­fäl­le be­ar­bei­tet hat, wird spä­ter auch kei­ne kom­ple­xen Fäl­le sou­ve­rän ent­schei­den kön­nen.

Ge­nau hier ent­steht ei­ne Lü­cke. Un­ter­neh­men spa­ren an den un­te­ren Stu­fen und fra­gen noch nicht, wo­her in Zu­kunft die er­fah­re­nen Fach­kräf­te kom­men sol­len. Wir schaf­fen ein neu­es Pro­blem.

Was ge­ra­de als tech­no­lo­gi­scher Fort­schritt ver­kauft wird, hat ei­ne drit­te und vier­te Sei­te, über die we­ni­ger ge­spro­chen wird. Die Ar­beit ver­schwin­det nicht ein­fach. Sie ver­la­gert sich.

Ein gro­ßer Teil lan­det wie­der bei den Er­fah­re­nen, die die Aus­wür­fe der Sys­te­me prü­fen, kor­ri­gie­ren und ein­ord­nen müs­sen. Das ist kei­ne Ent­las­tung, son­dern ei­ne Ver­la­ge­rung von Rou­ti­ne in Kon­troll­ar­beit. (For­de­run­gen nach der Ver­län­ge­rung der täg­li­chen Ar­beits­zeit ha­ben plötz­lich ei­nen Grund.)

Der an­de­re Teil wird in klei­ne Auf­ga­ben zer­teilt und aus­ge­la­gert, meist schlecht be­zahlt, oh­ne Zu­sam­men­hang und oh­ne Rück­mel­dung: Click­work statt Be­rufs­ein­stieg bei gleich­zei­ti­ger Ent­wer­tung von Stu­di­um und Aus­bil­dung.

Das ma­chen dann die­je­ni­gen, die ei­gent­lich in ei­nem Be­rufs­kon­text ler­nen soll­ten. Sie be­ar­bei­ten Ein­zel­tei­le, oh­ne das gro­ße Gan­ze zu se­hen. Sie er­hal­ten kei­ne struk­tu­rier­te An­lei­tung und kei­ne ech­te Feed­back-Schlei­fe. Was frü­her ein ge­steu­er­ter Lern­pro­zess war, wird zu ei­ner Ab­fol­ge iso­lier­ter Mi­ni­auf­ga­ben.

Das ist kein Fort­schritt, sondern Blend­werk. Hier wird Macht miss­braucht, al­te Er­fah­rung ver­braucht und kei­ne neue sys­te­ma­tisch auf­ge­baut. Die Pro­duk­ti­vi­tät steigt kurz­fris­tig auf dem Pa­pier, zu­gleich wer­den die Grund­la­gen für die Zu­kunft zer­stört.


Vo­ka­bel­no­tiz

le court-ter­mis­me — das Quar­tals­den­ken, die Quar­tals­den­ke
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Gra­fik:
pixlr.com (Zu­falls­fund)

Dienstag, 5. Mai 2026

Frontalkortex

Bon­jour ! Hier kön­nen Sie Ein­blick in den Ar­beits­all­tag ei­ner Dol­met­sche­rin bekom­men. Mit der Mut­ter­spra­che Deutsch, ar­bei­te ich über­wie­gend ins Fran­zö­sische und aus dem Eng­lischen. Frisch und schnell ver­bloggt ...

Menschen vor Aufstellern, vorne die Fotograf:innen
Fotopause (point of view of the interpreter)
Ein lan­ger Kon­fe­renz­tag: Vor dem Mit­tag­es­sen wer­den Fo­tos ge­macht. 

Nach dem Mit­tag­es­sen geht's wei­ter. Mein Zi­tat des Ta­ges, eine Teil­ne­hme­rin: "So, ich muss rasch noch mein In­tel­li­genz­ge­hirn auf­set­zen, das seid Ihr bei­de, der Fron­tal­kor­tex."

Ach, schön. Danke!

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Fo­to: C.E.

Montag, 4. Mai 2026

Montagsschreibtisch (138)

Aus­weich­schreib­tisch im Schlaf­zim­mer

Gu­ten Tag oder gu­ten Abend! Sie sind mit­ten in ein Ar­beits­ta­ge­buch hinein­ge­ra­ten, in dem sich al­les um Spra­che, Dol­met­schen, Über­setzen und Kult­uren dreht. Als frei­be­ruf­li­che Sprach­mitt­lerin ar­bei­te ich in Pa­ris, Ber­lin, Mar­seil­le und dort, wo ich ge­braucht wer­de. Heu­te folgt wie­der der Mon­tags­schreib­tisch.

Re­no­vie­rungs­lärm in der Nach­bar­schaft ent­gehe ich am Krea­tiv­schreib­tisch.

Die­se Wo­che steht an:
❦ Mo­de­ra­tions­vor­be­reit­ung
❦ Wort­feld­ar­beit (Nach­be­rei­tung)
❦ Städte­part­ner­schaft
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Foto: C.E. (Ar­chiv)

Sonntag, 3. Mai 2026

Sonntagsausflüge

Bon­jour, hel­lo & gu­ten Tag oder Abend. Hier kön­nen Sie Ein­bli­cke in den Ar­beits­all­tag ei­ner Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin mit Mut­ter­spra­che Deutsch be­kom­men. Ich ar­bei­te über­wie­gend mit Fran­zö­sisch und aus dem Eng­li­schen. Die Bü­ro­kol­le­gin über­setzt in die eng­li­sche Spra­che. Kom­men­tar zum Sonn­tag: Heu­te wird es per­sön­li­cher.

Manch­mal ha­be ich den Ein­druck, dass uns ge­ra­de kol­lek­tiv ge­mach­te Er­fah­run­gen und die Auf­merk­sam­keit für­ein­an­der ent­glei­ten. Empa­thie wirkt wie ein knap­pes Gut. Po­li­ti­sche Maß­nah­men wer­den als „Zu­mu­tun­gen“ be­zeich­net, vie­le Men­schen or­ga­ni­sie­ren sich im All­tag neu, re­du­zie­ren not­ge­drun­gen ihr Au­ßen­le­ben. Die Früh­lings­(pro­ben)­rei­se des kon­zer­tie­ren­den Chors wir­d ab­ge­sagt, weil zu we­ni­ge über die frei­en Mit­tel ver­fü­gen, um den Ei­gen­an­teil zu be­zah­len. Beim Nach­bars­kind fällt die Klas­sen­fahrt flach, di­to.

Men­schen im Über­le­bens­mo­dus ha­ben nur die nächs­te Mahl­zeit, den nächs­ten Tag im Blick. Sie kön­nen we­der die ei­ge­ne La­ge aus der Vo­gel­per­spek­ti­ve be­trach­ten, noch neue Per­spek­ti­ven und Aus­we­ge fin­den. Sie er­star­ren, free­ze or flight. Das über­trägt sich auf die Kin­der. Der Nach­wuchs im Über­le­bens­mo­dus er­lernt die­sen Zu­stand als Le­bens­grund­ge­fühl. Das ist fa­tal. So wird Ar­mut, wer­den Ängs­te ver­erbt. (So­gar Pe­ter Hartz, auf den die ab­ge­speck­te So­zi­al­hil­fe der Nul­ler­jah­re zu­rück­geht, hat das er­kannt und die da­ma­li­ge Ent­schei­dung ei­nen Feh­ler ge­nannt.)

In der Zwi­schen­zeit hat die Not längst die ge­ho­be­ne Mit­tel­schicht er­reicht. Ei­ne Be­kann­te sucht seit acht Mo­na­ten ei­ne Woh­nung, sie wur­de auf Ei­gen­be­darf ver­klagt. Ih­re Fa­mi­lie ist seit Ge­ne­ra­tio­nen in Ber­lin an­säs­sig. Opas Miets­haus über­stand den Krieg nicht, der Las­ten­aus­gleich brach­te ein Sied­lungs­haus, in dem die Fa­mi­lie der Nich­te lebt. Die Su­che­rin und ihr Mann sind oft um­ge­zo­gen. Er war Wis­sen­schaft­ler, die letz­ten Jah­re hat sie ihn ge­pflegt, dann ging es nicht mehr, sie wur­de selbst krank. Jetzt ist er im Heim.

Die Dame war zwei Jahr­zehn­te lang Frei­be­ruf­le­rin. We­gen ih­rer Al­ters­rück­la­gen gilt sie als zu reich für einen Wohn­be­rech­ti­gungs­schein und ist zu­gleich zu arm für Wohn­ei­gen­tum. In Voll­zeit be­wirbt sie sich um ei­ne neue Blei­be. Aber der Markt kennt kei­ne Men­schen, die we­gen der Pfle­ge län­ger nicht ar­bei­ten konn­ten, das Ver­mö­gen scheint nichts wert, die ü50-Be­wer­berin zu alt zu sein. So­gar kirch­li­che Trä­ger win­ken ab. Jetzt hat das Ge­richt ei­ne zwei­mo­na­ti­ge Ver­län­ge­rung der Aus­zugs­frist an­ge­ord­net. Sie stellt sich auf die Ein­la­ge­rung des Haus­rats und ein über­teu­er­tes WG-Zim­mer ein. Und nie­man­den scheint's zu stö­ren, was auch für die Kür­zun­gen bei Men­schen mit Ein­schrän­kun­gen gilt.

An­de­re Ge­schich­ten schaf­fen es in die Abend­nach­rich­ten. Ein in der Ost­see ge­stran­de­ter Bu­ckel­wal be­wegt die Her­zen. Nach ei­nem acht­wö­chi­gen Dra­ma wird er spen­den­fi­nan­ziert ins of­fe­ne Meer ge­schafft. Das zeigt Mit­ge­fühl. In der Zwi­schen­zeit wird aber in un­se­rem Hei­mat­meer der Schweins­wal im­mer sel­te­ner, ist vom Aus­ster­ben be­droht.

Die öko­lo­gi­schen Dra­men ver­lau­fen lei­ser. Wir wis­sen um Kli­ma­ver­än­de­run­gen, Res­sour­cen­druck, Ar­ten- und Hu­mus­ver­lust. Zu­gleich ent­ste­hen Trends, die sich stark auf das In­di­vi­du­um kon­zen­trie­ren, Stich­wor­te sind „Selbst­op­ti­mie­rung“ und „Lon­ge­vi­ty“, die Me­di­en sind über­voll da­von. Vor­sor­ge ist gut, und doch passt das al­les nicht zu­sam­men. Ist es eine Ant­wort auf die Un­si­cher­heit, sich auf das Na­he zu kon­zen­trie­ren und Selbst­wirk­sam­keit zu er­fah­ren, wenn das Gro­ße schwer fass­bar und ver­stö­rend wird?

Die La­ge ist kom­plex, und doch ist sie so viel ein­fa­cher, als es oft dar­ge­stellt wird. Um­so wich­ti­ger bleibt es, im Ei­ge­nen hand­lungs­fä­hig zu blei­ben. Dem die­nen tat­säch­lich gu­tes, ge­sun­des Es­sen, Sport und Er­ho­lung, Freund­schaf­ten und Kul­tur, Din­ge, für die et­was mehr Geld als das Über­le­bens­not­wen­di­ge nö­tig ist. Wir dür­fen das Ge­mein­sa­me nicht aus dem Blick ver­lie­ren. Denn das ist un­se­re Chan­ce: Kräf­te zu bün­deln und sich kon­struk­tiv für das ein­zu­set­zen, was trägt. 

Ein Sonn­tag im Pa­ra­dies!


Wo­chen­end­plai­sir: Ins Jrü­ne fah­ren. Auf der Pfau­en­in­sel war ich vor mehr als ei­nem Jahr­zehnt mit mei­nem Va­ter das letz­te Mal, er hat sie ge­liebt. Das ist ein wun­der­vol­ler Ta­ges­aus­flug­s­tipp! Es gibt auch ei­ne zen­tra­le Pick­nick­wie­se, wo sich K&K zu­kau­fen und auf die To ge­hen lässt. Wun­der­voll!

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Mon­ta­ge:
C.E.

Mittwoch, 29. April 2026

Technofaschismus

Den Ar­beits­all­tag ei­ner Dol­met­sche­rin be­schrei­be ich hier seit 2007 in lo­se­r Fol­ge. Ich bin Si­mul­tan­dol­met­sche­rin. Mei­ne Haupt­ein­satz­ge­bie­te sind Kon­fe­ren­zen, Ver­hand­lun­gen, Mes­sen, De­le­ga­ti­ons­rei­sen und öf­fent­li­che Ver­an­stal­tun­gen. Mei­ne Mut­ter­spra­che ist Deutsch, ich ar­bei­te über­wie­gend als Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin mit Fran­zö­sisch und Eng­lisch, die Bü­ro­kol­le­gin über­setzt in die eng­li­sche Spra­che. KI-Mitt­woch.

Als Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin erlebe ich stän­dig, was es be­deu­tet, wenn Tech­no­lo­gie Auf­ga­ben über­nimmt, für die sie nicht ge­eig­net ist, wenn uns De­tails, Da­ten­si­cher­heit, Ver­trau­lich­keit und ein Mit­ein­an­der ‚auf Au­gen­hö­he‘ wich­tig sind. KI-ge­stütz­te Dol­met­schung wird der­zeit von ih­ren An­bie­tern, tech­nik­gläu­bi­gen Fir­men, ver­kauft, die oft nicht viel von Lin­gu­is­tik und Dol­met­schen verstehen. In der Pra­xis sind die Er­geb­nis­se häu­fig ka­ta­stro­phal.

Verrat an den Menschen 

Das ist Kun­den­ver­rat durch Technikgläubigkeit. Den Scha­den trägt das Publi­kum. Ich wie­der­ho­le mich und zi­tie­re die fast 300 T€, die ein Land­ma­schi­nen­her­steller durch com­pu­ter­ge­ne­rier­te „Ver­dol­met­schung“ auf der Grü­nen Wo­che al­lein im 1. Quar­tal ver­lo­ren hat. Der Scha­den dürf­te grö­ßer sein. Durch ei­nen Zu­fall er­fuhr er vom Ver­lust. Hier hat die Künst­li­che Intel­li­genz Kun­den­be­zie­hun­gen, Ver­trau­en und die Frei­heit öko­no­mi­schen Han­delns an­ge­grif­fen.

The Manifesto

Der­sel­be Me­cha­nis­mus, in weit grö­ße­rem Maß­stab, zeigt sich im vor ei­ner Wo­che ver­öf­fent­lich­ten 22-Punk­te-Ma­ni­fest des US-Über­wa­chungs­soft­ware­kon­zerns Pa­lan­tir. Das Do­ku­ment, ba­sie­rend auf dem Buch „The Tech­no­lo­gi­cal Re­pub­lic: Hard Power, Soft Be­lief, and the Fu­ture of the West“ von CEO Alex Karp und Kom­mu­ni­ka­tions­chef Ni­cho­las Za­mis­ka, for­dert KI-ge­steu­er­te mili­tä­ri­sche Do­mi­nanz und uni­ver­sel­len Na­tio­nal­dienst. Darunter ver­steht Alex Karp die ver­pflich­ten­de Ein­bin­dung al­ler Bür­ge­rin­nen und Bür­ger in staat­li­che Auf­ga­ben, mi­li­tä­risch oder zi­vil. Dies sei die Ant­wort auf das, was der Pa­lan­tir-Chef als „Weich­heit“ und „Füh­rungs­ver­sä­um­nis“ west­li­cher Ge­sell­schaf­ten be­zeich­net. Au­ßer­dem wird im Manifest die Ent­wic­klung von KI-Waf­fen ge­for­dert. Die US-Re­gie­rung ist der­zeit der Haupt­fi­nan­zier des Un­ter­neh­mens.

Hard Power durch Technik

Der Pa­lan­tir-Chef war schon wiederholt mit demokratiefeindlichen Sätzen aufgefallen. In der Gesamtschau ist seine Ideologie gruselig. Grundsätzlich teilt das Buch die Kul­turen der Welt in „funk­tio­nal“ und „dys­funk­tio­nal und rück­schritt­lich“ und schäd­lich ein. Das ist mehr als ei­ne Wer­tung. Karp und Za­mis­ka drän­gen den Wes­ten da­zu, der „ober­fläch­li­chen Ver­su­chung ei­nes lee­ren und hoh­len Plu­ra­lis­mus (zu) wi­der­ste­hen“, zudem müs­se Deutsch­land die ‚Kas­tra­tion‘ der letz­ten Jahr­zehn­te über­win­den, wie un­ser Um­gang mit der Na­zi­ver­gan­gen­heit ge­nannt wird. Die For­de­rung, De­mo­kra­tien durch di­gi­ta­le Tech­nik zu er­set­zen, liegt of­fen auf dem Tisch.

Autoritarismus

Das er­in­nert nicht nur His­to­ri­ke­rin­nen und His­to­ri­ker an au­to­ri­tä­re Ma­ni­fes­te des 20. Jahr­hun­derts. Der Poli­tik­wis­sen­schaft­ler Cas Mudde be­zeich­ne­te den Text als „ei­nes der er­schre­ckends­ten Dinge“, die er je ge­se­hen habe. Erklärtes Ziel ist ei­ne Welt, die von ei­nem au­to­ri­tä­ren US-Staat do­mi­niert und von KI-ge­trie­be­nen Tech-Über­wa­chungs­kon­zer­nen ver­wal­tet wird. Poli­tik­wis­sen­schaft­ler Do­nald Moy­ni­han er­gänzt, das Ma­ni­fest zeige, dass Pa­lan­tir ein struk­tu­rel­les In­ter­es­se an einer Welt hat, in der Di­plo­ma­tie schei­tert und Waf­fen boo­men: „Ei­ne Welt, in der Soft Po­wer wirkt, ist für Pa­lan­tir schlicht we­ni­ger pro­fi­ta­bel als eine, in der vie­les in die Luft ge­jagt wird.“

Der öster­rei­chi­sche Hoch­schul­leh­rer und Phi­lo­soph Mark Coec­kel­bergh, auf Tech­no­lo­gie spe­zia­li­siert, sieht in dem Ma­ni­fest „ein per­fek­tes Bei­spiel für ‚Tech­no-Fa­schi­smus‘“. 

Firma mit Machtanspruch

Es ist bri­sant. Die Ideo­lo­gie hat längst die Sphä­ren der Spra­che ver­las­sen: Pa­lan­tir lie­fert Ge­heim­dienst-Ana­ly­se­soft­ware an die ICE (US-„Ein­wan­de­rungs- und Zoll­be­hör­de“), das US-Mi­li­tär und die is­rae­li­schen Streit­kräf­te und er­hielt zu­letzt ei­nen 30-Mil­lio­nen-Dol­lar-Auf­trag für „Im­mi­gra­ti­on­OS“, eine KI-Platt­form zur Er­fas­sung und Ab­schie­bung von Nicht-US-Bür­gern. Die Software ist im Gesundheitssystem Großbritanniens in Verwendung, die Nutzung ist nicht unumstritten. Auch der Ukrai­ne­krieg ist für Pa­lan­tir ein hei­ßes Übungs­feld; die Dau­er des Kriegs er­höht den Wert der Er­kennt­nis­se und der Firma. Die­ser Satz ist eine Be­schrei­bung. Er lässt sich auch zy­nisch le­sen.

In Deutschland

In Bayern, Hes­sen und Nord­rhein-West­fa­len ist Pa­lan­tir-Soft­ware schon im Po­li­zei­ein­satz; in ei­ner ab­ge­speck­ten Va­rian­te wird er in Ba­den-Würt­tem­berg ge­plant. Das hat Dut­zen­de Mil­lio­nen Euro in die Kas­se der Fir­ma ge­spült. Der Bun­des­rat be­schloss im März 2025, dass Lan­des­po­li­zei­en sol­che Ana­ly­se­platt­for­men grund­sätz­lich be­nö­ti­gen.

Nun träumt die Bun­des­re­gie­rung laut Me­di­en­be­rich­ten von ei­nem brei­te­ren Roll-out, Pa­lan­tir bleibt trotz die­ser jüngs­ten Ver­öf­fent­li­chungen im Ge­spräch. Das wäre nicht nur die fort­ge­setz­te Fin­an­zie­rung ei­nes De­mo­kra­tie­feinds, der in Deutsch­land als ver­fas­sungs­feind­lich ein­ge­stuft wer­den wür­de, son­dern die Über­gabe un­serer sen­si­blen Da­ten in ge­nau die­se Hän­de. Hier droht der nächs­te Ver­rat.

Roboter am Tisch, Kopfhörer, Laptops
Digitales in Reihe

Quel­len:
Com­mon Dreams (21.4.2026): 'One of The Sca­riest Things I Have Seen': Alarms Sound Over 'Techno­fas­cist Pa­lan­tir Ma­ni­fes­to'  
— hei­se on­line (27.4.2026): Tech­no­lo­gie als Staats­rä­son: Was Pa­lan­tir mit sei­nem Ma­ni­fest be­zweckt
— ZDF­heute (27.4.2026): Trotz Pa­lan­tir-Ma­ni­fest: Län­der hal­ten an Po­li­zei-Soft­ware fest

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Fo­to: pixlr.com (Zufallsfund)