Herzlich willkommen auf der Seite einer Konferenzdolmetscherin, auf der ich über Sprache schreibe und über das, was zwischen den Zeilen steht. Ich bin auch Übersetzerin, denn Kreatives wie Drehbücher passt meist nicht zur Maschine. Ich schreibe auch Texte um und adaptiere sie an die verschiedenen Bedürfnisse. Im folgenden Text reflektiere ich die KI aus der doppelten Perspektive als Dolmetscherin und Übersetzerin.„Was macht die KI mit Ihrer Branche?“, wurde ich gestern von meiner Augenärztin etwas kultursensibler gefragt als neulich von der Dame im Zug (Bericht gestern). Danke für die Frage! Wir sind einige, die den KI-Nerds und Heiße-Luft-Verkäufern den Kampf angesagt haben.
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| Versteckt in der Kabine |
Das bedeutet: Wir sind nicht komplett gegen die KI, die vieles kann, zum Beispiel langweilige Listen in Windeseile erstellen (die trotzdem zu prüfen sind), gut rechnen und Tippfehler finden (was immer einen menschlichen Durchgang bedarf), die Fehler in Computercodes findet oder selbst Codes super ergänzen kann. Ja, das ist schon toll.
Aber kreative Arbeit kann sie nur simulieren. Wenn es Arbeit mit Sinn, Stil und Absicht ist, scheitert sie oft, bei gesprochener Sprache erst recht: 85 Prozent Genauigkeit wären da in den nächsten Jahren möglich, sagte neulich einer der Technikverkäufer (aktuell sind es laut WHO 43 Prozent). Das Ziel sieht groß aus, ist es aber nicht. Würden Sie in ein Flugzeug einsteigen, bei dem die Absturzquote bei einem Viertel liegt? Wohl nicht.
Auch im Bereich Textarbeit ist Vorsicht angeraten. Die Texte klingen glatt, zu glatt, was kein Wunder ist: Sie spiegeln den Durchschnitt des schon Geschriebenen. Stil entsteht durch Formkenntnis, durch Kultur und Nutzung oder das Brechen der Regeln. Das ist mein Brot-und-Butter-Geschäft: kreative Texte für Kino und TV und in der Medienproduktion; Sätze, die sitzen müssen.
Alles, was zu glatt ist, fällt nicht nur bei Menschen durch. Es wird inzwischen von den Maschinen, die im Netz beispielsweise Ihre Seite bewerten und einstufen, schlicht nicht mehr wahrgenommen. Ihre Seite bietet jetzt mehr Informationen als früher an, bringt aber keine andere Sichtbarkeit? Da wird bei ihrer Erstellung wohl zu viel KI im Spiel gewesen sein.
In der Schule sind wir ständig vor der Wiederholung von Begriffen gewarnt worden. „Du musst Synonyme einsetzen“, war damals das Mantra. In der wissenschaftlichen Arbeit ist das falsch, bei vielen Webseiten auch. Für die Sichtbarkeit im Netz sind Synonyme oft Gift, vor allem dann, wenn es keine echten sind. Ich habe gerade die Seite eines Unternehmens lektoriert, da waren von acht Synonymen sechs falsch und haben den Text verwässert und unsichtbar werden lassen.
Keine Zitate, Kundenschutz, aber die Begriffe „Dolmetscher“ und „Übersetzer“ sind ja auch keine Synonyme. Wie erbittert streiten manche Presseleute mit uns, dass dem doch so sei, obwohl wir als Profis denen nachweisen können, dass sie falsch liegen. (Rechthaben ist bequem geworden in Zeiten, in denen noch die kurioseste Information als „Meinung“ unwidersprochen im Raum stehen bleiben darf.)
Wenn Ihnen aggressiv verkauft wird, dass heute die Maschinen die besseren Dolmetscher:innen und Übersetzer:innen seien, dann sollten Sie dies wissen:
KI-Systeme neigen dazu, Widersprüchliches oder Unvollständiges zu „glätten“. Wo wir Menschen nachfragen, erfindet KI häufig scheinbar plausible Antworten. Das ist oft gefährlich: Was passiert, wenn eine Übersetzung zu 85 Prozent richtig ist, in den übrigen Stellen aber gravierende Fehler, Haftungsrisiken oder Sicherheitsprobleme entstehen? Gerade im juristischen Bereich sind Gesetze und Rechtslagen zwischen Ländern nicht deckungsgleich. Sprachprofis wissen das und klären Zweifelsfälle mit Anwält:innen oder Notar:innen ab.
Viele KI-Firmen stehen massiv unter Druck. Die Milliarden-Investitionen haben nicht zu wirtschaftlichen Erfolgen geführt. Venture-Capitalgeber werden unruhig. Zugleich wird der Eindruck vermittelt, KI könne menschliche Sprachprofis schon jetzt oder in Kürze vollständig ersetzen. Der ökonomische Druck verzerrt hier die Kommunikation, um es diplomatisch zu sagen.
Auch gesamtwirtschaftlich macht der Rollout derzeit Probleme. Studien zeigen, dass Unternehmen, die für KI Stellen abgebaut haben, dadurch nicht automatisch bessere Ergebnisse erzielt haben. Viele Firmen würden derzeit wieder Mitarbeitende einstellen, heißt es. Erfolgreicher sind meist jene Unternehmen, die KI als Werkzeug zur Unterstützung ihrer Teams nutzen (und nicht, um Menschen zu ersetzen).
Gerade bei sensiblen Texten, bei Webseiten, Verträgen oder Verhandlungen kann KI-"Übersetzung" schwerwiegende Fehler einbauen. Juristische Begriffe, kulturelle Nuancen oder sprachliche Feinheiten lassen sich nicht immer eindeutig automatisieren. Fehler können zu Umsatzverlusten aufgrund von Missverständnissen, Rechtsstreitigkeiten und Vertrauensverlust führen. Ich habe einige Rückmeldungen dieser Art von zurückgekehrten Kunden.
Auch in der „Echtzeit-Kommunikation“ (von Dolmetschen würde ich nicht sprechen) vertut sich die KI oft in der Tonlage und lässt viel weg oder verdreht Inhalte. Bei Emotionen, ironischen Wendungen und feinen Zwischentönen ist sie überfordert. In diplomatischen, medizinischen oder wirtschaftlichen Gesprächen haben kleine Fehler oft große Folgen. Hinzu kommt ein gefährlicher Effekt: Weil die KI-Auswürfe oft souverän wirken, wird ihre Genauigkeit häufig überschätzt.
Wir aus der Sprachbranche sehen die Zukunft deshalb nicht in der Ersetzung menschlicher Dolmetscher:innen, sondern in einer verantwortungsvollen Zusammenarbeit zwischen Mensch und KI. Die KI kann uns in der Vorbereitung unterstützen, kann Redner:innen mit Leuchtsignalzeichen zeigen, wenn sie zu schnell sprechen: die „Pult-Ampel“! Bei Übersetzungen ist sie mal hilfreich, mal nicht. Echte kreative Texte eignen sich oft zu null Prozent für automatische Bearbeitung. (Die Probleme sehen oft nur Profis.)
Kurz: Urteilsvermögen, kulturelles Verständnis, Ethik und Verantwortung sind menschliche Aufgaben.
Gleichzeitig wächst die Kritik an der Macht großer Tech-Konzerne, die digitale Infrastruktur, Daten und KI-Systeme zunehmend kontrollieren. Immer mehr Stimmen warnen davor, dass hinter Schlagworten wie „Effizienz“, „Fortschritt“ oder „Innovation“ oft auch handfeste wirtschaftliche Interessen, neue Abhängigkeiten und eine wachsende Kontrolle über öffentliche und gesellschaftliche Strukturen stehen.
Rasch noch einen Satz für meine Freunde in Südfrankreich: Heute startet das Filmfestival in Cannes! Ich wünsche gutes Wetter und schöne Filme! Und wenn was mit Französisch-Übersetzungs- und Dolmetschbedarf dabei ist, wo es um Nuancen geht, denn am Wesentlichen scheitert die KI so oft, dann gerne mich informieren. Bin dieses Jahr in der Angehörigenpflege ... vielleicht nächstes Jahr wieder in ... naja, Cannes sein! Have fun! Gruß an die Croisette!
(Heute keine Links, denn keine Zeit!)
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Foto: Marco Urban — Fotojournalist