Mittwoch, 18. Mai 2022

Ein kurzes Vorwort

Bon­jour und herz­lich will­kom­men auf mei­ner Blog­sei­te! Was Dol­met­scher und Dol­met­scherinnen beschäftigt, können Sie hier seit 2007 mitlesen. Derzeit finden aller­dings co­ro­na­be­dingt wenig Prä­senz­ver­an­staltungen statt. Die Arbeit ändert sich.

Solidaritaet ist mehr als Haendewaschen (Plakat)
Am Maybachufer in Berlin

Auch Frühjahr 2022 finden pan­de­mie­be­dingt wei­ter­hin we­ni­ger Kon­fe­ren­zen und De­le­ga­tions­rei­sen statt­finden als vor Corona. Soll­ten Sie etwas der­ar­ti­ges planen, sind wir für Sie da. Wir sind ein Team von Dol­met­sche­rin­nen und Dol­met­schern, mehr­fach geimpft oder/und ge­ne­sen. Wir wir­ken auch dig­ital aus dem Dol­metsch­stu­dio heraus, aus dem Hub oder im Hy­brid­for­mat.

Gerne unterstützen wir Sie auch bei ad­mi­nis­tra­ti­ven Vor­gängen, sind im Kran­ken­haus tätig, bei Werks­be­­sich­ti­gun­gen und Hin­ter­grund­ge­sprä­chen sowie in An­walts­kan­zleien.
Ge­mein­sam mit Ihnen finden wir die passende Lö­sung fürs Ferndol­met­schen via In­ter­net: konsekutiv (in Sprechpausen hinein) oder simultan (nahezu zeit­gleich). Weil diese Art der Übertragung für alle an­stren­gen­der ist, Blick auf klei­ne Mo­ni­tor­bil­der, ge­stauch­te und damit un­na­tür­liche Stimmen, Rauschen, Echos oder Zeit­ver­zö­ge­run­gen, sind diese Einheiten meistens kürzer als normale Ein­sätze.

Wir bieten keine Bü­ro­sprech­stun­den an, können uns aber für Kurz­be­sprechungen mit Gäs­ten in den Hofgarten setzen. Wir freuen uns auf Ihre An­fra­ge!

Da wir nicht nur Spracharbeiterinnen und Spracharbeiter sind, sondern auch Men­schen, die beobachten und die Zeit dokumentieren, in der wir leben, finden Sie auf den folgenden Seiten mein mitunter sub­jek­tiv ge­präg­tes Ar­beits­ta­ge­buch.
Stay negative, be positive!

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Foto: C.E.

Dienstag, 17. Mai 2022

Quicklebendig

Hel­lo, bon­jour, gu­ten Tag! Ein­blicke in das Le­ben einer Sprach­ar­bei­terin können Sie hier erhalten. Ich bin Dol­met­sche­rin für die fran­zö­sische Spra­che mit Deutsch als Mut­ter­spra­che, und ich über­set­ze auch aus dem En­g­li­schen, al­les hoch­le­ben­di­ge Idiome!
Sprachberufe (gesehen in Heidelberg)

Für eine bezahlte Anzeige hat eine Kol­legin irgend­wo in Eu­ro­pa in einer mir be­kann­ten eu­ro­pä­ischen Sprache ge­tex­tet: "Ich bin Dol­­met­scherin und ar­beite mit den Spra­chen Eng­lisch, Spa­nisch, Fran­zösisch, Alt­griechisch und La­tein." 
Ich zögere. Wer braucht einen Dol­met­scher oder eine Dol­met­scherin für La­tein? Wird in Va­ti­kan­­stadt wei­ter­hin Latein ge­spro­chen? Und haben die nicht fes­tes Per­so­nal?

Dann folgt ein Ein­schub mit Be­rufs­er­fah­rungen. Später geht es weiter: "Dane­ben über­setze ich auch." Ja, so ma­chen die toten Sprachen Sinn.

Note to self: Obacht bei nach­träg­li­chen Text­än­de­run­gen. Das kann un­frei­wil­lig ko­misch werden.

Die Kol­legin habe ich kurz angeschrieben. Ehren­sache. Und hof­fe im Ge­gen­zug auf meine Le­se­rin­nen und Leser, Kolleginnen und Kollegen, falls da mal ...

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Foto: C.E. (Archiv)

Dienstag, 10. Mai 2022

Berufsbedarf

Ob zu­fäl­lig oder ge­plant: Sie sind hier auf Sei­ten eines digi­talen Tage­buchs aus der Ar­beits­welt gelan­det. Ich bin Dol­met­scherin für die fran­zösische Sprache (und aus dem Eng­li­schen) und berichte aus dem All­tag.

S
eit Jah­ren treibe ich mich in be­son­de­ren Ge­mäuern he­rum, in Mu­seen, alten Ge­bäu­den und Stein­hau­fen, zwi­schen Ru­inen und Neu­em, aber auch in Ar­chi­tek­tur­büros und in Häu­sern, die re­no­viert wurden.

Erdbeeren in der Pappschale
Visuell schöner als Schuhe

Jetzt begleite ich als Dol­met­scherin meine erste echte Bau­stelle von der Grund­stücks­be­sich­ti­gung bis zur Eröff­nung. Irgend­wann wur­den die Arbeiten klein­teiliger, sprich: Es ging los mit dem Mon­tie­ren von Bau­teilen, es ka­men Schrau­ben und Me­tall­ab­schnit­te hin­zu. Die Ar­beits­sicherheit war nicht mehr gewähr­leis­tet ohne Bau­stel­len­schu­he. Da­her ging ich ins Fach­ge­schäft, zur Firma "Kokott" in Neukölln.

Jetzt habe ich ein Paar klobiger Treter mit dicker Sohle und ich ge­den­ke, den teuren Kauf von der Steuer ab­­zu­setzen, ge­nau­so wie den Kauf des klei­nen Kof­fers für die Ta­ges­tou­ren mit Über­nach­tung, in denen die Bau­stel­len­schuhe den Rest der Zeit wohnen. Das Glei­che gilt für die Mas­ken. 

Für die Roma­nis­tin, die ich bin, ist der Einkauf bei ei­ner Fir­ma na­mens "Kokott" üb­ri­gens lus­tig, vor al­lem in Zusam­men­hang mit Be­rufs­klei­dung. Da denken wir näm­lich an ganz an­dere "Be­rufs­klei­dung", an Schüh­chen, Kleid­chen, Hüt­chen, Täsch­chen, an Feder­boas, Wim­pern­tu­sche und Fächer. La co­cotte ist der ver­al­te­te Be­griff für Prosti­tu­ier­te. Zweit­be­deu­tung: der Bräter. Auch fast in Ver­ges­sen­heit ge­ra­ten ist la co­cotte mi­nute, der Schnell­koch­topf, dem ich in der Energie­kri­se ein Revival vor­her­sage! Und ja, bei Ko­kott gibt es mehr als Koch­mützen! Aber eher Klo­bi­ges als hohe Ab­sätze. (A pro­pos ho­her Ab­satz, hier geht es zu ei­nem al­ten Text von mir: "Ich ste­he berg­ab", leider in­zwi­schen hin­ter einer Be­zahl­schran­ke ver­schwun­den. Ich könn­te Ih­nen bei In­ter­es­se ger­ne in meine Text­fas­sung Ein­blick ge­ben.)

Nach einem verlän­ger­ten Wo­chen­en­de er­wache ich lang­sam aus dem Über­mü­dungs­­schlaf und dem brain fog in wachem Zu­stand, dem Hirn­ne­bel, in den ich nach der letz­ten Arbeits­woche ge­ra­ten war.

Was steht im Büro an? Be­le­ge sor­tie­ren, Zah­lungs­ein­gänge prü­fen, Über­set­zungen kor­rek­tur­lesen, die ersten Erd­bee­ren des Jahres pro­bie­ren, die nächsten Wochen planen, den Bal­kon weiter her­rich­ten, die Vokabel­lis­ten der letz­ten Zeit ver­voll­stän­di­gen. Denn nach dem Ein­satz ist im­mer vor dem Ein­satz.

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Foto:
C.E.

Montag, 9. Mai 2022

Montagsstoßseufzer

Was und wie Über­setzer und Dol­met­scher arbeiten, können Sie hier mitlesen. Die meis­ten von uns sind selb­stän­dig. Co­ro­na stellt noch immer viele un­serer Exis­tenzen auf tö­ner­ne Füße. Heu­te, nach dem grü­nen Dau­men, folgt ein grü­nes Ge­tränk.

Die Phase, die wir gerade erleben, ist die des "Inter­mediate post corona", ein "vor­läu­fi­ges Nach-Corona", wie ich es letzte Wo­che ge­lernt habe. Ich schaue zu­rück auf vier vol­le Wo­chen mit Bu­chungen als Über­setzerin und Dolmet­scherin — und blicke er­neut in ein Loch. Ja, es gibt da einige An­fra­gen für die nächs­te Zeit, aber es ist schlag­ar­tig deut­lich ru­hi­ger ge­wor­den. 

Vor der Pan­de­mie und vor dem Krieg wuss­ten wir im­mer drei bis acht Mo­na­te im Vor­aus, was uns er­war­tet. Die späteste An­fra­ge, die ich dieses Jahr habe, geht bis zum Frei­tag, dem 30. Sep­tem­ber (und ist noch nicht be­stä­tigt).

Gesehen in Kreuzberg
Gut, dann wen­de ich mich dem Bal­kon zu, sor­tiere auch wei­ter am Schreib­tisch Fach­be­grif­fe, schrei­be Rech­nun­gen, plane den nächs­ten Ein­satz. Arbeit zu ha­ben empfinde ich nach den ar­beits­ar­men Co­ro­na­jah­ren als Gnade, und in Zei­ten die­ses ver­rückten Krie­ges erst recht. Die Ar­beit hilft zu ver­ges­sen, was für gräss­li­che Din­ge drau­ßen pas­sie­ren.

EDIT: Heu­te sind, mit 12 Ta­gen Ver­spätung, in Berlin die Mauer­seg­ler (Apus apus) an­ge­kom­men. Sie blei­ben bis zum Hi­ro­shi­ma­tag in der deut­schen Haupt­stadt. Auch Ihre Ru­fe trös­ten.

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Foto:
C.E. (nicht mein Bal­kon)

Sonntag, 8. Mai 2022

Schichtenweise Alex am 8. Mai

Will­kom­men auf den Seiten des digi­talen Arbeits­ta­ge­buchs aus der Welt einer Dol­met­scherin und Über­setzerin. Was ich im Be­ruf so erfahre und wie mein Le­ben auch meine Sicht­wei­se ver­än­dert, davon berichte ich hier. Sonn­tags­bild!

Wir sind im Herzen der Stadt, am "Alex": Auf der rechten Seite außerhalb des Aussschnitts (hier ein Link, dann su­chen nach Jung'sche Apo­the­ke) stand bis in die Mit­te der 1920-er Jah­re die Apo­the­ke "Zum schwar­zen Adler", in der ab Herbst 1847 Theo­dor Fon­tane für ar­me Ar­bei­ter­kinder Große Mengen Leber­trans in Fla­schen ge­füllt hat, von dem sehr viel in Tran­fun­zeln ge­lan­det sein muss. Frühe Ener­gie­pro­ble­me! 1848 hat Fontane hier den März­auf­stand mit­er­lebt und wie aus dem Fun­dus des be­nach­bar­ten König­städti­schen The­aters die Re­qui­si­ten­säbel und an­dere Theater­de­ko für den Auf­stand ge­maust wor­den sind. Das Thea­ter wur­de dann in der 2. Hälfte der 1920er ab­ge­ris­sen, ein früher Tribut an den ent­ste­hen­den Mas­sen­ver­kehr, genauer: den U-Bahn-Bau.

Auch die Apo­the­ke ver­schwand im Rah­men dieser Platz­neu­ge­stal­tung. Das moder­ne Ge­bäude rechts vom an­ge­schnit­te­nen Erd­ge­schoss ist das Bero­lina­haus des Ar­chi­tek­ten Pe­ter Beh­rens, eines der Zwil­lings­häu­ser im Stil der Neuen Sach­lich­keit aus die­ser Zeit, die zum Glück in der DDR wie­der­auf­ge­baut worden sind. Das zwei­te, das win­kel­för­mige Ale­xan­der­haus, liegt im blinden Fleck hin­ter der Haus ganz links.

Die Seit­en­be­bau­ung links hat eben­so­wenig den Krieg über­dau­ert wie das Kaufhaus Tietz in der Bild­mit­te, das die Nazis zu "Hertie" ge­macht haben, 1933, in der so­ge­nann­ten "Ari­sie­rung". Ich erin­ne­re mich mit Grau­sen daran, wie mit extrem wenig Fin­ger­spit­zen­ge­fühl die Hertie­ket­te (sowie an­de­re frü­her jüdische Kauf­häu­ser) in der West­re­publik mit vi­su­el­lem Ge­tö­se das 55. Fir­men­ju­bi­läum gefei­ert hat — bei kom­plet­ter Aus­blen­dung der Grün­dungs­ge­schichte. Ich weiß nicht, ob die Kauf­häu­ser das da­mals durch­ge­zo­gen oder ab­ge­bro­chen haben. Ich habe 1988 in Paris stu­diert, die Anfän­ge des Jubi­läums­jahrs nur in Form ei­ner Plas­tik­­tü­­te aus Deutsch­land ge­se­­hen. 

Heu­te ge­denke ich des Frie­dens. Heute vor 77 Jah­ren wur­de Nazi­deutsch­land be­freit, auch ge­mein­sam von rus­si­schen und ukrai­ni­schen Sol­daten. Und ich schrei­be über Bau­ge­schich­te, weil mir zu aktu­ellen Kriegs­themen die Stimme ver­sagt.

Ruinen und Schutt
Der Berliner Alexanderplatz im Mai 1945

Zu DDR-Zeiten stand hier wieder ein Kaufhaus, das "Centrum Warenhaus" mit einer Waben­fas­sade, die den west­deut­schen Nach­kriegs-Wa­ben­fas­sa­den der Nieder­las­sun­gen einer ge­wis­sen "Hor­ten AG", "gegrün­det" 1936, in Nichts nach­stand; heute ist dort eine Filiale der Galeria Kaufhof.

Sehr weit links vom Foto, außer­halb des Frames, lag das Polizeipräsidium, in das ich im Geis­te in den letzten drei Mo­na­te ein- und aus­ge­gangen bin, als ich nämlich endlich die Kri­mi­nal­ro­mane um Volker Kut­schers Er­mitt­ler Gere­on Rath (*) gele­sen habe, eine "Zwing­burg" aus roten Ziegel­stei­nen. Rot ist auch das Ge­stein, aus dem das der An­zahl der Läden zu­fol­ge größ­te Ein­kaufs­zen­trum Berlins ge­baut worden ist, das an die­ser Stelle seit 2007 die Kunden erfreut. (Men­schen, die eher vi­su­ell un­ter­wegs sind und die noch dazu die Ge­schich­te des Ortes im Hin­ter­kopf haben, er­freut so ein Trumm, das zudem die ewig­glei­chen Ket­ten be­her­bergt, indes gar nicht.) Und in der Nähe der eins­ti­gen Apo­the­ke hat 2009 ein Me­dien- und Elek­tro­nik­kauf­haus auf­ge­macht.

Sehr le­ben­dig ist der einst quirligste Platz der Stadt heute nicht mehr, eher eine tote Einkaufsmeile, kul­tur­voll auch nicht. Wo­bei: Ein Hort der Kul­tur war der Alex ab den spä­ten 1920-er Jah­ren ver­mut­lich nicht mehr, aber er hatte eine andere Aura und hat nicht zufäl­lig dem Roman "Berlin Alexan­der­platz" von Alfred Döblin seinen Na­men gegeben.

Sehr viel früher war der Alexan­der­platz der zen­tra­le Viehmarkt vor den Toren der Stadt gewesen. Viele weitere Bilder und Episoden zum Ort finden sich bei Jo­han­nes und Alex­an­der Glint­schert bzw. "An­de­res.Ber­lin", einer ech­ten Fund­grube. Das Foto der Zer­stö­rung da oben aus einem rus­si­schen Pres­se­ar­chiv sieht ir­ri­tie­rend aktu­ell aus, wenn ich es mit den Bil­dern ver­glei­che, die wir der­zeit aus der Ukra­ine er­hal­ten.

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Foto:
ITAR-TASS (koloriert)
(*) die Romanvorlage zu "Babylon Berlin"

Samstag, 7. Mai 2022

Intensität (6)

Herz­lich will­kom­men! Hier bloggt ei­ne Dol­met­sche­rin. Was Kon­fe­renz­dol­met­scher und Über­setzer machen, und na­tür­lich auch wir Frau­en im Be­ruf, wie sie bzw. wir ar­beiten, ist hier seit 2007 re­gel­mä­ßig Thema. Der große Ein­bruch kam März '20. Heute ein CO­VIDiary-Nach­trag, denn lang­sam nor­ma­li­siert es sich und ist al­les an­deres als nor­mal. Die sams­täg­li­chen Lieb-Links der Wo­che fol­gen mor­gen.

Die Woche war wie er­war­tet be­son­ders: Es war die vier­te vol­le Ar­beits­wo­che seit Be­ginn der Pan­de­mie.

Wir können immer nur eine Seite nutzen

Als wir ab März 2020 Um­satz­ein­brüche um phasenweise 90, 100 Prozent zu verzeich­nen hat­ten, wussten ganz be­son­ders schlaue Menschen in alt­vä­ter­li­cher oder altmüt­ter­li­cher Manier längst be­scheid: "Ach, da wird es nach Co­ro­na doch Nach­hol­ef­fekte geben!"

(Und dann hieß es weiter: "Nein, Ihr braucht keine wirk­lich sub­stan­ziel­len Corona-Wirt­schafts­hil­fen!")

Die Zeit "nach Co­ro­na" lässt weiter auf sich warten, aber trot­zdem kann ich eine viel­leicht auch etwas späte Ant­wort geben: Nein, das Ar­gu­ment mit dem Auf­holen stimmt nicht.

Ende April 2022 geht nach 26 Monaten na­he­zu ohne echte Kon­fe­ren­zen, Stu­dien- und De­lega­tions­rei­sen das wirk­liche Berufs­leben der Kon­ferenz­dol­met­scher:innen (vor­läu­fig) wei­ter. Nor­ma­ler­weise arbeiten wir ma­xi­mal zwei oder drei Ta­ge die Woche direkt bei den Kun­den, der Rest der Woche ist für die Vor­be­rei­tung re­ser­viert und, nicht ganz unwichtig, für die Er­ho­lung.

POV der berichtenden Dolmetscherin kurz vor der Übergabe
Dieser Tage bekommen wir An­fragen für zehn Tage die Woche rein. DAS sieht nach Nach­hol­ef­fekt aus und ist nur bedingt einer, denn wir müssen wei­ter­ge­ben oder ab­sa­gen. Im End­ef­fekt sagen die meisten von uns an vier Tagen der Woche zu. Man­che Kund:in­nen ver­ta­gen sich auf den Sep­tem­ber. Ab Oktober gähnt üb­ri­gens wieder Leere im Kalender.

Bei den Zusagen bremsen wir uns selbst, denn Mutter Natur hat uns Grenzen auf­er­legt, an die wir lange nicht mehr den­ken mussten.

Indes, die Ver­an­stal­ter:innen kennen einen Trick: Um mög­lichst viele zu­frie­den­zu­stellen, haben sie die Pro­gramme verdichtet. Früher ging die Sache so: Stu­dien­rei­se nach Berlin, drei Tage im Kon­fe­renz­­raum oder bei Firmen, For­schungs­zen­tren etc. als Teil des Be­suchs­pro­gramms sowie ein Tag Au­ßen­ak­ti­vi­täten, Stadt­füh­rung, Team building und in Eigenregie. Jetzt lautet die For­mel der Studienreise nach Berlin eher so: zwei Tage im Kon­fe­renz­raum, zwei Tage Au­ßen­ak­ti­vi­täten.

Ich kürze ab und nenne als Bei­spiel das Pro­gramm von Dienstag: Zwei Kol­le­ginnen dol­metschen von 8.00 Uhr im hoteleigenen Kon­fe­renenz­raum, ein weiteres Zwei­er­team übernimmt den Nach­mit­tag, der bis in den Abend reicht. Einmal ging diese Woche der letzte Termin um 19.00 Uhr los. Das war am zweiten Stu­dien­rei­se­tag einer Gruppe. Am Vortag waren die Herr­schaf­ten in Paris um fünf Uhr auf­ge­stan­den, um recht­zeitig zum Flieger zu kommen, und hat­ten dann am Abend eine der Berliner rus­ti­ka­len Schank­wirt­schaf­ten auf­ge­sucht. Keine Über­raschung: Es gab nach diesem Vortrag nur eine ein­zige Fra­ge aus dem Publikum.

Und un­ser­eine(r) er­kennt sich selbst nicht mehr. Wegen der langen Tage (und des hohen Adre­na­lin­pe­gels) fällt abends das Ein­schla­fen schwer. Morg­ens wachen wir schwer und spät auf (wegen des späten Ein­schla­fens). Seit vielen, vielen Jah­ren habe ich an einem Sams­tag in gesun­dem Zustand nicht mehr bis nach 12.00 Uhr geschlafen! Und dann aus­ge­rech­net heu­te, wo ich um 10.00 Uhr ei­nen Buch­ab­hol­termin gehabt hätte. (Ich über­neh­me einiges Second hand, seit ich nicht mehr in Frankreich lebe.) Statt Freu­de über die er­folg­reich ge­meis­ter­te Woche also mit­täg­li­che Zer­knir­schung.

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Foto:
C.E.

Freitag, 6. Mai 2022

Intensität (5)

Hal­lo, gu­ten Mor­gen und einen schö­nen Tag! Sie le­sen gerade im Blog einer Kon­fe­renz­dolmet­sche­rin. Ich ar­beite seit der zwei­ten Hälf­te der Nul­ler Jah­re als Dol­met­scherin in Ber­lin. Unser Be­ruf ist oft sehr in­ten­siv. Und er spricht alle Sinne an. Hier veröf­fent­liche ich kleine No­ti­zen über Dinge, die wir wäh­rend un­serer Arbeit am We­ges­rand ge­funden haben.

Blick ins Rohr
Was ich vom heu­tigen Ein­satz sicher nie ver­ges­sen werde: Den gro­ßen Pla­nungs­feh­ler der Klima- und Lüf­tungs­an­la­gen­in­dus­trie. Die hatte nämlich nie im Le­ben damit ge­rech­net, dass ihre Rohre irgend­wann auch mal ge­rei­nigt werden müss­ten. Die Raum­pfle­ger:innen haben im­mer nur brav Staub von den Lüf­tungs­git­tern gewischt, bis schließ­lich einer von ihnen mal dahin­ter geschaut hat.

Inz­wischen gibt es Fir­men, die auf diese Rei­ni­gung spe­zia­li­siert sind. Sie kom­men mit Diamant­frä­sen und schnei­den ers­tmal ein Loch für die Re­vi­sions­klap­pe in die Schäch­te.

Der Rohr­staub­sauger

Nein, ich wer­de Ih­nen nicht er­zäh­len, was sie hinter den Ein­lass­git­tern ge­fun­den haben! Das will wirk­lich nie­mand wissen!  

Hin­weis für zarte Ge­müt­er: Es war un­ap­pe­tit­lich.

Hier geht's zur fran­zö­si­schen Ver­sion, la VF du pré­sent texte, la voilà !

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Fotos: C.E. (Danke an die Firma Niederberger)

Donnerstag, 5. Mai 2022

Intensität (4)

Herz­lich will­kom­men! Hier bloggt ei­ne Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin. Zwischen März 2020 und ir­gend­wann im April 2022 hatten die meisten Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin­nen sehr we­nig Arbeit. Ei­gent­lich sogar schon ab Mit­te De­zem­ber des Vor­jah­res, denn dann setzt im­mer die Win­ter­pause ein. Nun ist end­lich wie­der mehr los.

De­le­ga­tions­rei­sen mit End­kund:innen zu ver­schie­de­nen Orten, das gehört zu un­se­rer Arbeit dazu. Also: Inter­preter out of the box, nicht in der Ka­bi­ne, dieses Mal wie­der im So­lo-Einsatz. Wir fahren zu Unter­nehmen, Arbeits­kol­legen aus ei­nem an­deren Land, für die jeweilige Bran­che wich­tigen Orten. Dabei ver­wen­den wir Dol­met­scher:in­nen eine so­ge­nann­te Per­so­nen­füh­rungs­an­lage, PFA, mit einem Mikro­fon und Head­sets, um den Gäs­ten aus Frank­reich alles in ihrer Spra­che zuzuflüstern.
Dolmetschtechnik in der gerade noch tragbaren Transportkiste


Diese Kis­ten sind seit Jahren ein Prob­lem. Einst­mals in Form eines Akten­kof­fers ge­lie­fert, nimmt das Ge­häu­se seit eini­ger Zeit im­mer un­hand­li­chere Formen an. OK, ich gebe zu, ich vergleiche hier gera­de Äpfel mit Birnen. Ins attaché-case, wie der Ak­ten­koffer, der auf Franzö­sisch nach Ober­schule und ir­gend­wel­chen männ­lichen Mode­hei­nis klingt, die schon mit 17 in eine liberale Partei einge­tre­ten sind, pass­ten da­mals nur 20 Köpf­hö­rer. 

Lieber trage ich zwei Köf­fer­chen, links einen, rechts einen, als dass ich mir ständig so eine höl­lisch schwe­re Box vor den Unter­schen­kel knalle, da der Mas­se­mit­tel­punkt der Kis­te nicht zur Län­ge und zur Form meiner Beine passt, eigentlich zu nie­­man­­des Bei­ne, wes­halb mir ständig Materie im Weg ist. Harte Materie.

Historischer Rückblick: Vom "Aktenkoffer" zu "Babysarg"



Zwi­schen­durch ging die Dol­metsch­kis­ten­evo­lu­tion sogar in Rich­tung "Baby­sarg", wie die Tei­le bei uns hie­ßen. Warum müs­sen die Kopf­hö­rer auch un­bedingt auf­recht ste­hen? So ge­se­hen ist das Trumm da oben auf den geo­met­ri­schen Stein­bö­den eine Ent­wick­lung (zu­rück) in die rich­ti­ge Rich­tung.

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Fotos aus zwei Jahrzehnten:
C.E.