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| Disruptionen durchführen und dann die Folgen beklagen |
Wir erleben eine Zeit, in der es unter aktiven Politiker:innen nicht mehr möglich zu sein scheint, für Fehler geradezustehen und alles daranzusetzen, sie wieder auszubügeln, sauber zu kommunizieren, auf die Gefahr hin, dass es einem erst einmal um die Ohren fliegt.
Wenn das Publikum doch nur länger hinhören würde als einige Sekunden ...
Anstatt progressive Politik zu gestalten, liefern etliche Parteien oft inhaltliche Vorschläge aus der Klamottenkiste des letzten Jahrhunderts, z. B. das Verbrennen von Fossilien, das überproportionale Heranziehen ärmerer und durchschnittlich verdienender Schichten zur Staatsfinanzierung im Vergleich zu den Vermögenden, die sich aufgrund der Gesetze arm rechnen können, wenn sie nicht bei sehr großen Vermögen komplett „geschont“ werden.
In diesem Zusammenhang wird oft die „Ross-Apfel-Theorie“ erwähnt. Sie kommt inzwischen fast nur noch als „Trickle-Down-Theorie“ vor, weil der Masse vielleicht einleuchten könnte, dass sie hier als Spatzen dargestellt wird, die ihr Futter aus Fäkalien picken dürfen. Zu dieser Theorie ist nur eins zu sagen: Die Wirklichkeit hat wiederholt bewiesen, dass sie nicht funktioniert.
Die Vermögenssteuern wurden einst vom Bundesverfassungsgericht gekippt, weil Immobilieneigentum noch nach den Einheitswerten von 1936 oder irgendwelchen anderen Modellen bewertet wurde. Das war Ende letzten Jahrhunderts. Inzwischen haben wir aber wieder ein aktualisiertes, funktionierendes Immobilienbewertungssystem. Der Aussetzungsgrund ist behoben. Wo bleibt die Wiedereinführung der Vermögenssteuer?
Und nein, ich verlange keinen Kommunismus, wie mancher in der verkürzten Politikdebatte jetzt 'argumentieren' würde, sondern lediglich die Wiederherstellung von Steuerverhältnissen, wie sie unter Helmut Kohl üblich waren.
Ich übersetze Zeitungsausschnitte für eine Korrespondentin. Es ist nicht leicht, auf Nachfragen immer wieder sagen zu müssen: „Ja doch, das stimmt so.“ Dass die Bahn in Deutschland ein Problem ist, hat die Dame inzwischen selbst bemerkt. Dass sie keine Ausnahmen erlebt hat, war ihr schwer zu vermitteln.
Und jetzt titelt auch die internationale Presse garstiges Zeug über unsere Regierenden. Wer will es ihr verdenken? Ich habe eine Reportageserie gesehen, in der ein Nachwuchspolitiker, der in seinem Leben bislang nichts als Politiker war, durchs Kanzleramt schwebt mit den Allüren eines royalen Thronfolgers. Körpersprache und Wortwahl waren derart karikaturhaft, dass ich am Anfang gedacht habe: „Wow, was die KI schon kann, ist ja abartig!“ (Hier der Link zu „Inside CDU“ von Denise Jacobs und Steffen Haug im ZDF.)
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| Merzdämmerung — auf Deutsch im Titel |
Ein „Zombiekanzler“ überschrieb die nordamerikanische Zeitung The Economist einen Beitrag (Link). Ich lese in anderen Artikeln, dass er der Kanzler einer Partei ist, die in Deutschland gerade damit Schlagzeilen macht, dass einige ihrer Vertreter dem nordamerikanischen Autokraten dazu gratulieren, wie schnell dieser sein Land umbaut. Ein anderer Politiker der Kanzlerpartei wird zum wiederholten Mal bei fetten Lügen ertappt. Die anderen politischen Lager sind geschwächt. In der Mitte der zerfransten Parteienlandschaft klafft ein großes Loch.
Dabei bräuchten wir engagierte Leute, die anpacken. Das würde mit der Analyse losgehen, dass es ein Fehler war, im Rahmen der Globalisierung ganze Fertigungsstrecken in Billiglohnländer zu verlagern. Die Leute dort sind nicht doof, sie haben Technik weiterentwickelt und die deutsche Ingenieurskunst, so, wie sie überhaupt rangelassen wird, überholt. Die Autoherstellung ist ein kleines Beispiel; die Technik der Nachhaltigkeit das nächste.
Unsere Gesellschaft wird immer älter, immer nachwuchsfeindlicher, und die platten "Lösungen" gewisser Gruppierungen werden die Lage weiter verschlimmern. Hinzu kommt eine weit verbreitete negative Stimmung, die ich übrigens in vielen Unternehmen ausdrücklich NICHT wiederfinde. Die Klage sei des Kaufmanns Gruß, heißt es dort achselzuckend.
Psychologie ist ein am stärksten unterschätztes Forschungsgebiet, wenn es um Wirtschaft und Politik geht. Für die Kundin lese ich jetzt Literatur über die Zwanziger und Dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts.
Ich weiß aus anderen Einsätzen um die kritische Lage der Klimakipppunkte, sehe täglich die rasant schwindende Biodiversität, die drastisch abnehmende Humusmenge und lauernde Extremisten, die mir oft eher vorkommen wie Mitglieder von Sekten als wie aufgeklärte Wahlbürger:innen.
Ja, es sind schwierige Zeiten.
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Grafik: Die Abenteuer des Prinzen
Achmed (Lotte Reiniger)








