Konferenzdolmetschen ist hier im 20. Jahr Gegenstand. Als Deutsch-Muttersprachlerin arbeite ich als Simultandolmetscherin überwiegend ins Französische und aus dem Englischen. Meine Bürokollegin schenkt Geschriebenem ihr wundervolles Englisch. Heute eine Mail aus der Praxis, wie ich sie einmal geschrieben und dreimal verwendet habe. KI-Mittwoch.
Sehr geehrtes Publikum! Fragen Sie sich manchmal, warum heutzutage Untertitel oft so schlecht sind? Hier kommt die Antwort. Die Qualität der Untertitel, kurz: UT, wird von der KI beeinflusst, aber nicht nur. Das Drama ist älter. Es hat mit der Verachtung von Spracharbeiterinnen zu tun. Hier eine Mail aus meinem Postfach.
Liebe Leute von der Filmproduktion XYZ,
für Euch habe ich gerade eine Untertitlerin oder einen Untertitler für Englisch gesucht, sieben Leute angefragt, zwei hätten Zeit, die anderen sind ausgebucht, Einreichungen für die Berlinale, die Frist läuft Ende Oktober ab.
Die Vergabe sollte über mich laufen, denn ich brauche einen Überblick über die Preise in ihrer Bandbreite. Ich bin bei Filmuntertiteln oft nur noch dann Korrektorin, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist. Und als Gutachterin bei Gericht höre ich regelmäßig die Frage, wie denn die Spreizung der Honorare sei. Das zu meinem Engagement in diesem Filmernetzwerk, ausgehend vom Wunsch, zu helfen.
Dann gibt es den Aspekt des Schutzes. Manche/r Untertitler:in kann nicht gut verhandeln und lässt sich schnell zu Konditionen breitschlagen, die unfair sind.
Ich weiß, dass wenig Geld in der Branche ist. Nicht nur dort. Ihr wisst auch, dass Menschen gemeinhin einem Broterwerb nachgehen, auch um teure Mieten und die aktuell verdoppelten Gasrechnungen zu zahlen (in Berlin werden gefühlt 80 Prozent der Wohnungen mit Gas beheizt).
Nun zum Argument, das kommen wird: Wir wissen nicht, ob wir überhaupt auf dem Festival laufen, „macht's doch einfach mal schnell, muss nicht so genau sein!" Auch das Argument kennen wir. Sag doch mal einem Arzt: „Impf' mich mal schnell, muss nicht so genau sein." Oder: „Operiere mich mal schnell, muss nicht so genau sein." Sag einem Chauffeur: „Fahr mich nach Paris, mach's in zwei Stunden statt in zehn, muss nicht so genau sein."
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| Gelaufene UTs (nicht das aktuelle Beispiel) |
Ich hoffe, Ihr verzeiht mir die Ironie.
Im Gespräch folgt oft ein „Nehmt doch die KI!“... Sie kann, wie neulich gezeigt, helfen, muss aber nicht. Bei individuellen Ausdrucksweisen versagt die Technik oft, vor allem bei Nuancen, Anspielungen, Ironie. Das hat ja auch die Herstellerfirma einer Flagschiffproduktion, bekannte Serie, erst neulich erlebt (Link).
Die falschen Titel flimmern bis heute über den Sender, obwohl ich alle Beteiligten angemailt habe.
Die KI zeigt uns schwarz auf weiß einen Vorschlag. Mit Buchstaben, die schwarz auf weiß gedruckt sind, wurden wir sozialisiert. Wir glauben Ihnen eher als Buchstaben, die von Hand gekritzelt wurden. Sich davon wieder zu lösen, etwas Neues zu finden, immer wieder auf das Original zu schauen, nachdem man auf eine vermeintliche Übersetzung geschaut hat, bedeutet, dass wir doppelt so viel lesen wie vorher und doppelt so viel geistig verarbeiten müssen.
Ihr ahnt es: Die Arbeit mit der KI verlangsamt möglicherweise erheblich die Prozesse. Und wer husch-husch arbeitet, liefert schlechte Qualität, husch-pfusch eben.
Ein Argument aus meiner Arbeit in der Festivalfilmauswahl: So oft wurden vom Sichtungsteam Filme abgebrochen, weil absurd untertitelt, weil nicht in den ersten Minuten mit einer Bildgewalt oder Ästhetik präsent, die ihresgleichen sucht! Das tut sprachbasierten Filmen unrecht. Wie oft hab ich mich als Kuratorin dann alleine durch Untertitelwüsten gekämpft und Sinn gefunden, dann nochmal dem Team vorgeführt und der Film war beim Festival mit brandneuen UTs ein ganz anderer ...
Letztes Argument aus meiner Arbeit als Untertitlerin: Die Leute, die eine Grobfassung erhalten, kommen selten zurück. Am Ende, auf Nachfrage, hat es super schnell gehen müssen und die Praktikantin, die ein Jahr im Ausland war, durfte nochmal ran. Oder sowas in der Art. Die Festivals haben ihre UT-Redaktionen abgeschafft, vom Festival kommt deshalb selten Kritik. Und am Ende fehlt immer Geld. Ach, die Hotels sind so teuer und die Tickets erst!
Zusammenfassung: Qualität hat ihren Wert und ihren Preis. Die Untertitel sind die Visitenkarte des Films. Ein Sicherheitsnetz für Qualität seitens der Festivals fehlt heute.
Ich habe auf der Berlinaleleinwand schon zwei Mal meine Prüfmarke gesehen: ^prüf^. Ich hatte sie der Produktionsfirma erklärt. Einmal waren Informationen widersprüchlich, die in einer Einblendung vorkamen.
Es ist zum Heulen. Sorry für die Länge.
Herzlich,
Caroline
P.S.: Ich untertitle nur noch wenig. Aber für Kinonutzung wird in Frankreich oft noch der doppelte Satz gezahlt wie vor 30 Jahren in Deutschland (inflationsbereinigt).
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Einer der Kollegen hat mir geschrieben: Viele Filmemacher fragen sich offensichtlich nicht, wie wir die Miete zahlen sollen, selbst wenn sie Filme über Armut und Ungleichheit drehen.
Rücksprung: 1995 bekam ich ca. 2000 DM für einen langen Film mit 1000 Untertiteln, also 2 DM für die Übersetzung pro UT. Wer es konnte, hat den Satz verdoppelt, denn weitere 2 DM wurden pro Titel für das sogenannte Spotting gezahlt, das Festlegen der Einblende- und Ausblendezeiten. Heute wirft die KI-gestützte Schnittsoftware deutschsprachige Titel inklusive des Spottings aus. Diese Titel entsprechen stellenweise nicht dem Rhythmus des Films, sind redundant, oft genug falsch, gehen über Schnitte usw.
Wie alles im Film folgen auch Untertitel dramaturgischen Regeln. Ich muss also, wenn ich diese KI-generierten Titel bearbeite, einen Teil meiner Arbeitskraft hier ins Reparieren und Anpassen investieren, auch deshalb, weil jede Sprache ihren eigenen Zeit- und Raumbedarf hat. Manche sind knapper, Englisch zum Beispiel, und Französisch braucht gerne mehr Silben. Das bedeutet, dass der Einstiegspunkt der Untertitel öfter mal stimmt, der Ausstiegspunkt aber fast nie.
Ja, die Software von heute ist leichter zu bedienen. Wir bezahlen seit jeher unsere Arbeitsmittel selbst. Trotzdem ist es Zusatzarbeit.
Berücksichtigen wir auch die Aufmerksamkeitsenergie, ist der Vergleichswert von damals fairerweise höher anzusetzen, nämlich bei 3,00 DM. Auf der Basis von 1995 ergibt sich ein Satz von 1,53 Euro pro Untertitel (UT). Durch den Kaufkraftverlust von damals zu heute würden inflationsbereinigt ca. 2,68 Euro pro UT daraus.
Der entsprechend dem Aufwand gerecht umge‚rubelte‘ Wert von 1995 liegt demnach heute bei 2,68 Euro pro UT. Aktuelle Angebote in Deutschland lauten indes 1,00 bis 1,35 Euro pro UT. (Soeben kommt eine Anfrage für 0,50 Euro rein.)
Wir haben es hier also mit einer systematischen Honorarkürzung von 49,63 bis 62,69 Prozent zu tun. (Bei der neuen Anfrage soll ich gerade mal für lächerliche 18,66 Prozent dessen arbeiten, was ich 1995 umgesetzt habe.)
Wir sprechen hier von Untertiteln für Kino und Festival, für die auch
Urheberrechtsvergütungen ausgeschüttet werden (in Summe nicht viel, aber immerhin). Für den brutalen freien Rest des Markts, der oft über Plattformen läuft, die mitverdienen, bekommen UT-Autoren oft nur noch weniger als vier Prozent dessen raus, was 1995 üblich war, und zwar für das Reparieren von KI-Auswurf. Das ist eine Kürzung von über 96 Prozent und mehr, da ohne Namensnennung. So wird ein
Hohnorar daraus.
Zurück zur Festivalarbeit. Während unsere UT-Honorare für Kino in 30 Jahren also um mehr als die Hälfte gekürzt wurden und sich im freien Fall befinden, hat der Berliner Mietmarkt im gleichen Zeitraum einen explosiven Anstieg von weit über 200 Prozent verzeichnet, in manchen Kiezen bei Neuverträgen sogar 300 bis 400 Prozent. Unter diesem brutalen Druck stehen wir nicht allein: Auch freie Journalistinnen, freie Hochschullehrer, Menschen in Kreativberufen und der Logistik erleiden seit Jahrzehnten einen Lohnabsturz bei steigenden Lebenshaltungskosten.
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| Die KI ist keine passende "STRATEGY" |
In den Neunzigern ließ sich vom Untertiteln gut leben. Bei Konferenzen waren Untertitler:innen gestandene Leute, die Kinder hatten, die studierten und die ein Haus abzahlen konnten. Zehn Jahre später saßen nur noch Berufsanfänger:innen im Raum. 2015 fand das Panel noch statt, aber es gab kaum noch Interessierte. Das Gros der Untertitel wurde längst im Neben- oder Minijob erstellt, von Eltern, Studierenden und Schüler:innen, die nicht auf Konferenzen gingen. Als ich das letzte Mal auf das Programm dieser regelmäßig stattfindenden Konferenz geschaut habe, hat das UT-Thema komplett gefehlt.
Die gesamte Branche hatte es schlicht nicht mehr auf dem Schirm.
Und weil der gleiche Abwertungssch*iß mit mieser Qualität jetzt mit „KI-Dolmetschen“ losgeht (noch grottiger als bei schlechten UTs), bin ich wirklich sauer. Ich habe ein
Déjà vu. Mit der besonderen Ausprägung, dass KI-„Dolmetschen“ und UTs hybrid gekreuzt werden, siehe Foto von einer Veranstaltung, wo wir Dolmetsche:rinnen „eingespart“ wurden, weil die KI ja so super ist.
*Sarkasmus aus*
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Fotos: C.E. und Danke an Dorin Popa!