Willkommen auf meinen Blogseiten! Ich heiße Caroline Elias und arbeite seit mehr als 20 Jahren als freiberufliche Konferenzdolmetscherin für Französisch, Deutsch und Englisch in Berlin. Gemeinsam mit Netzwerkkollegnen begleite ich Konferenzen, Delegationsreisen, Fachgespräche und internationale Begegnungen. Dabei habe ich immer ein Auge auf meine verschiedenen Länder.
Wer die Bilder der vergangenen Tage aus Frankreich sieht, wird sich fragen, was die Menschen, die dort randaliert haben, eigentlich erreichen wollten: Eingeschlagene Schaufenster, geplünderte Geschäfte, ausgebrannte Autos, verwüstete öffentliche Gebäude — es ist ein Trauerspiel.
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| Eine harmlosere Ansicht von 2019: Polizeipräsenz |
Die sogenannten Gelbwesten hatten vor Jahren landesweit protestiert; ihr Treffpunkt war oft auf den Inseln der Kreisverkehre, der ronds-points.
Die meisten, die gestern aus manchmal unterschiedlichen Gründen demonstrieren gingen, sind verzweifelt, dass sie (und ihre Kinder) mit ihren Anliegen seit Jahren nicht gehört werden. Sie verbindet in der Regel, dass auch in Frankreich die Mieten explodiert sind und es immer mehr Menschen schwerfällt, einigermaßen über die Runden zu kommen.
Eine meiner Bekannten schreibt aus Bordeaux. Sie ist Lehrerin und Mutter von drei Kindern:
„Wir waren noch nicht einmal am offiziellen Treffpunkt zur offiziellen Uhrzeit eingetroffen, die bei der Präfektur angemeldet und genehmigt worden war, da fingen die CRS [kasernierte Ordnungskräfte] damit an, Tränengas in die Menge zu sprühen. Dann kamen die bereitstehenden Wasserwerfer zum Einsatz, während von hinten noch Menschen nachrückten, die zu Tausenden friedlich zum Treffpunkt strömten.
Solche Entscheidungen wie die der Ordnungskräfte sind unverantwortlich. Es geschieht leider nicht zum ersten Mal. Das war dann auch die Ursache für die darauf folgende Eskalation.
Die Regierung muss dringend ihre Verantwortung übernehmen (auf FR: assumer) und auf das reagieren, was die Menschen umtreibt: Steigende Gewinne der großen Handelsketten, explodierende Mieten und Kraftstoffpreise, umweltschädliche Projekte, mangelnde Steuergerechtigkeit und die Vernachlässigung der öffentlichen Infrastrukturen und Dienstleistungen, darunter Gesundheit und natürlich Bildung. Denn nur dann, wenn unsere Kinder gut aufwachsen und lernen können, ist dem Land eine Zukunft garantiert.“
Die Proteste schlugen auch anderenorts um. In manchen Rathäusern wurde das Symbol der Republik, die Marianne, vom Sockel gestürzt oder Fahnen vom Mast geholt. Mancherorts versuchten die casseurs, Schulen in Brand zu stecken. Der Tiefpunkt ist die vorsätzliche Zerstörung des historischen Rathauses von Limoges. Ein Trauerspiel.
Eine meiner früheren Studentinnen sitzt als junge Mutter mit Kindergartenkindern zu Hause in Paris und traut sich nicht mehr raus. Die Nachbarkinder und das Teilzeit-Au Pair, eine Studentin, sind verzweifelt, weil ihr Protest gekapert wurde. Und die 68er-Großeltern der Kleinen stellen fest, dass sie noch nie im Leben so etwas gesehen hätten.
Wir alle wissen: Gewalt ist kein Ersatz für Argumente, Zerstörung kein politisches Programm. Jetzt ist die gesamte Aufmerksamkeit auf die Zerstörungen gerichtet und nicht mehr auf die berechtigterweise kritisierten Missstände.
Dabei scheint es einfach, sämtliche Beteiligten über einen Kamm zu scheren. Genau das plant die französische Regierung derzeit mit einem Gesetz: Alle, die an Protesten teilnehmen, könnten dann am Ende für mögliche Zerstörungen verantwortlich gemacht werden, so der Entwurf. Sollten die Eltern nicht zahlen können, würden Kindergeld und sogar staatliche Hilfen zum Begleichen der Miete einbehalten werden.
Worauf das bei den meisten hinauslaufen würde, ist klar. Eltern würden mit allen Mitteln elterlicher Gewalt die Teilnahme an Demonstrationen zu verhindern versuchen. Das Recht auf Demonstration wäre damit eine Frage des Vermögens, der Versicherungen und der Frage, ob sich eine Familie gute Anwälte leisten kann.
Anstatt solcher, die Grundrechte untergrabenden Gesetze (die hoffentlich am französischen Verfassungsgericht scheitern werden, la cour constitutionnelle), wäre eine fundierte Analyse der sozialen Verhältnisse und der Lebensbedingungen junger Menschen nötig, ihrer Erfahrungen mit staatlichen Institutionen und der Dynamiken, die aus Protest Eskalation werden lassen. Dafür braucht es Sozialwissenschaften, anthropologische Forschung und sorgfältige Untersuchungen vor Ort. Nicht als akademische Fingerübung, sondern als Grundlage für politische Entscheidungen, die dazu führen sollen, dass künftige Eskalationen nicht geschehen können.
Aber auch der Anteil des Staates, der Sicherheitskräfte und einiger agents provocateurs, die beobachtet worden sind, sowie des „Bestecks“ wäre zu erforschen. In Frankreich gibt es seit einiger Zeit mit den grenades des désencerclement, die noch so neu sind, dass die KI sie mit „Granatäpfeln“ überträgt, gesehen bei aktuellen Streams gestern, die automatisch ins Englische übertragen wurden: Es sind Granaten, die einen Kessel aufbrechen sollen, also eine Menschengruppe, die anders nicht auseinanderzutreiben ist.
Es sind Waffen, die nur als letzte Notlösung genehmigt worden sind. Sie wurden nachweislich von Vermummten in Demonstrationszüge geworfen; in einem Fall wurde ein Abgeordneter zum Zeugen und stellte den Betroffenen vor laufender Handykamera bloß.
Etliche Protestierende, die durch die Gewalt zu erheblichen körperlichen Schäden gekommen sind, klagen. Noch nie hat ein europäischer Staat in weniger als zwei Wochen so viele Minderjährige und junge Erwachsene festgenommen wie derzeit Frankreich. Bis zum 15.10. waren es knapp 8000 junge Menschen, schreibt Le Dauphiné und zitiert dabei Zahlen des französischen Justizministeriums.
Es laufen viele Ermittlungen gegen Polizisten durch die innere Polizei (la police des polices).
Eine Gesellschaft, die sich rein auf die Wiederherstellung der Ordnung konzentriert, ohne die Ursachen der Eskalation zu untersuchen, wird immer wieder vor denselben Fragen stehen. Verhältnisse, in denen sich Wut, Ausgrenzung und Perspektivlosigkeit verfestigen, sind kein gutes Milieu für Demokratien. Derzeit rufen politisch kurzsichtige Bürger:innen nach radikalen Lösungen: Die Rechtsextremen wüssten schon, wie mit dem Mob umzugehen sei: mit dem Panzer reinfahren und fertig.
Es ist nicht das erste Mal, dass unsere Zeit einen Beigeschmack der Wende von 1989/90 bekommt.
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Grafik: eigenes Archiv





