Montag, 13. Juli 2020

Bonjour ...

... und herz­­lich will­­kom­men auf meinen Webs­eiten! Hier bloggt eine Fran­zö­sisch­dol­metscherin und -übersetzerin.

Solidaritaet ist mehr als Haendewaschen (Plakat)
Am Maybachufer in Berlin
In Zeiten der Pandemie fin­den nur selten Kon­fe­ren­zen statt, wir sind indes wei­ter­hin für Sie da: Als Über­set­ze­rin­nen und Dolmetscherinnen im Team, also auch mit Über­set­zern und Dol­met­schern.

Wir arbeiten gemäß den aktu­el­len Hy­gie­ne­be­din­gun­gen, aber ohne Bü­ro­sprech­stun­den. Sie er­rei­chen uns über Mail und per Mobil­telefon.

Online dolmetschen wir konsekutiv, also in Sprech­pausen hinein, oder si­multan, wozu wir einen digitalen Dolmetscharbeitspatz nutzen. Sprechen Sie uns an!

Und da wir nicht nur Spracharbeiterinnen und Spracharbeiter sind, sondern auch Menschen, die beobachten und ihre Zeit dokumentieren, in der wir leben, finden Sie auf den folgenden Seiten mein eher privates COVIDiary.

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Foto: C.E.

Freitag, 26. Juni 2020

COVIDiary (100)

Hello, bon­jour und gu­ten Tag! Hier be­rich­te ich aus mei­nem Berufsleben als frei­be­ruf­liche Konferenzdolmetscherin für die französische Sprache. Vor Monaten wurde aus dem Arbeitstagebuch das eher private COVIDiary. Derzeit schreibe ich mehr Einträge, als ich hochlade. Das liegt am "bisschen Haushalt", der mich ganz schön auf Trab hält.

Coronafrühstücke haben wir irgendwann aufgehört zu fotografieren. Aber seit wir beim Molkereiwagen ein Käseabo haben, vergrößert sich der Schalenvorrat, denn Saint-Marcellin bringt jedes Mal sein Terrakottatöpfchen mit. Der Brie aus der Ge­gend von Lyon riecht zwar etwas streng, schmeckt dafür aber himmlisch.
Made in France!
Eine Empfehlung!

Draufsicht: Frühstückstisch mit Brot, Käse, Ei, Oliven und Kaffee
Vegetarisch, aber nicht vegan

Der vierte Monat mit Pan­de­mie und ohne Konferenztätigkeiten neigt sich dem En­de zu. Die ersten Erfahrungen mit Onlinedolmetschen sind gemacht, nicht alle ge­tes­te­ten Tech­nik­an­bie­ter sind über­zeu­gend. Zwei Termine haben mich die­sen Monat in eine Anwaltskanzlei ge­führt, dann gibt es ein wenig Arbeit im Rah­men ei­ner Filmproduktion. Aber nichts im Vergleich zum sonst diesen Mo­nat üb­li­chen Kon­fe­renz­ge­schehen und den damit verbundenen Umsätzen.

Meine Monatsbilanz: minus 80 Prozent. Immerhin besser als die Monate April und Mai mit minus 100 Prozent. Der nächste geplante Tageseinsatz auf einer Konferenz steht mit März 2021 im Kalender. Für Ende Oktober gibt es eine vorsichtige An­fra­ge für einen Abend. Ein Tag, einen Abend: Das ist sonst Arbeit für eine halbe Wo­che und nicht für ein halbes Jahr!

Ich schreibe viel, sortiere und repariere. Dabei lebe ich von der ersten Tranche der Solo-Selbständigenhilfe, die in Berlin am Anfang auch für den Eigenunterhalt war, und bin mit­ten in der Um­rüstung des Büros auf Seuchenzeiten, deren Beginn ich eben­falls dank Betriebs­kos­tenhilfe finanziere, den zweiten Teil mit verspätet ein­ge­hen­den Honoraren (die ebenfalls dank Solo-Selbständigenhilfe fließen). Durch diese Um­rüs­tung kann ich weiterarbeiten, wenn es nach der Sommerpause zaghaft wieder los­ge­hen wird.

Ich habe zwei linke Hände, bin keine Heimwerkerin. Also stoße ich mit den Ar­bei­ten, die im Dominoeffekt weitere Arbeiten nach sich ziehen, auch die re­gio­na­le Wirt­schaft mit an. Dieser Aspekt wird bei der Diskussion um die Le­bens­hal­tungs­kos­ten von Solo-Selbständigen sträflicherweise außer Acht gelassen.

Wir sind auch Kunden, die Lebensmittel kaufen, Miete zahlen und die auftragslose oder -arme Zeit zur Wohnungsrenovierung und zur Weiterbildung nutzen. Be­kannt­lich sta­bilisiert Nach­fra­ge die Wirtschaft. Wir sind doch kein Konzern, der das Ret­tungs­geld in Teilen an Aktionäre ausschüttet oder neue Personaler einstellt, die dann Entlassungen vornehmen! Über die Politik mit ihrer fas­sungs­lo­sen Haltung uns gegenüber (Tenor: "Betriebskosten ja, für den Rest geht zum Sozialamt!"), ha­be ich mich genug aufgeregt. Ich hoffe jetzt auf den Einfluss der Bundesländer. Die Finanzminister der Länder stehen auf der Seite von uns Selb­stän­di­gen.

Dieser Umbau ist für mich übrigens wichtiger als eine Urlaubsreise, denn nur damit habe ich wirtschaftlich eine Chance. Wir werden stattdessen mit den Rädern Ta­ges­aus­flü­ge machen, außerdem bin ich ohnehin stand by für die nicht mehr junge Elterngeneration, die gelegentlich unsere Hilfe braucht. Mehr Geld ist nicht da, Corona! Wir leben sparsam bzw. Käse wie der Saint-Marcellin und das Gärtnern sind der einzige Luxus.

Kürbiskerne trocknen auf einem Geschirrtuch
Küchenauszug in meinem 50-er-Jahre-Buffet

Alles ist derzeit ein wenig einfacher in den Abläufen als zuvor. Ich habe gelernt, Kürbiskerne zu rösten, und ich lasse mich von französischen Raumsparlösungen in Sachen Haushaltsaufbewahrung anregen. Und ich komme mir vor, als würde ich dieses Jahr einmal rund um meinen Haushalt verreisen: Das hat die olle Corona jetzt da­von! Dolmetscherin in der Zwangspause und auf exotischer Reise!

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Fotos: C.E.

Dienstag, 9. Juni 2020

COVIDiary (87)

Bon­jour, gu­ten Tag & hel­lo auf den Sei­ten des ers­ten deut­schen Dol­met­scher­blogs aus dem Inneren der Dol­metscherkabine. Gerade schreibe ich vom Büro aus, das seuchenbedingt brachliegt. Derzeit können wir unsere Kunden nicht persönlich tref­fen. Lösungen wie Dolmetschen via Internet werden gerade er­probt.

Online-Dolmetschen, Ferndolmetschen, RSI (Remote Simultaneous Interpretation), viele Begriffe für ein- und dieselbe Sache: Wir dolmetschen für Kunden aus der Distanz, komplett hygienisch, das Internet macht's möglich.

Durch Corona vollzieht sich die Digitalisierung bei uns, wie in anderen ge­sell­schaft­li­chen Bereichen zum Großteil auch, im Zeit­raf­fer. Gestern noch ex­pe­ri­men­tel­le Tech­no­lo­gie, heute schon Alltag, dabei kämpfen wir alle derzeit mit unsauberer Akustik und der Frage, wie wir Dolmetscher untereinander kom­mu­ni­zie­ren, z.B. über den Zeitpunkt der Ablösung, wenn wir einander nicht sehen können.

Für Sie als Kunden ändert sich weniger als für uns. Doch müssen Sie beim Buchen auch künftig aufpassen, wen Sie beauftragen, denn die Gunst der Stunde scheint auch für allerlei Glücksritter zu schlagen, die etwas programmieren, was einer Seite ähnelt, über die sich Dolmetschdienstleistungen buchen lassen, die aber im Grunde keine Ahnung von unseren Bedürfnissen und den technischen Details ha­ben, oder nur aus zweiter Hand, weil sie auf einen fahrenden Zug aufzuspringen und einen neuen Markt zu begründen hoffen.

Der Zwischenhandel verdient in vielen Bereichen gut. Im Falle von Sprach­dienst­leis­tun­gen ist es wenig sinnvoll, auf Zwischenhändler zu setzen. Denn diese neuen (oder auch schon älteren) Marktteilnehmer träumen davon, gutes Geld mit dem Weiterverkauf von etwas zu machen, das sie nicht selbst beherrschen, indem sie nur die Hälfte (oder weniger) des Endkundenpreises an diejenigen weiterreichen, die den Job letztendlich machen: an uns Dolmetscherinnen und Dolmetscher.

Auf den ers­ten Blick se­hen unsere Ho­no­ra­re wie hohe Sum­men aus. Aber das Gros un­se­rer Ar­beits­zeit ent­fällt auf die Vor­be­rei­tung, bis zu 80 Pro­zent des Gesamt­auf­wan­des. Die für Kun­den hör­ba­re Zeit ist die be­rühm­te Spitze des Eis­bergs. Der Vor­be­rei­tungs­an­teil ist durch Co­ro­na ge­wach­sen. Mit Fern­­dol­­met­schen hat­te kaum je­mand von uns Er­fahr­rung, denn die Ar­beit ist an­stren­gen­der, das Er­geb­nis ent­spricht aus tech­nischen Gründen nicht immer der üb­li­chen Qua­li­tät. Wer will schon "un­­der­­per­­for­men", um's auf Neu­­deutsch zu sagen?

Sie haben die Erfahrung wahr­schein­lich schon selbst ge­macht: Eine On­line­kon­fe­renz oder ein Videochat ist un­gleich er­mü­den­der und weniger informativ als ein direkter Austausch. Die Gründe dafür sind rasch benannt: Der Ton lässt oft zu wün­schen übrig, das System wackelt, wir müssen uns stärker kon­zen­trieren, weil wir äußere Einflüsse ausblenden müssen, die virtuell vorhandenen Kollegen sich als reell vorzustellen kostet geistige Ener­gie.

So geht es auch uns Spracharbeiterinnen und Spracharbeitern. Wir alle üben, ex­pe­ri­men­tieren, lernen das Ganze noch kennen: die zahlreichen Webseiten, "Schnitt­stel­len", die Schaltkonsolen von Dol­metscher­ka­bi­nen simulieren. Sie sind oft be­nut­zer­un­freund­lich, erhöhen für uns un­nö­tig den Aufwand, verringern für Sie un­nö­tig den Hörkomfort. Fast täglich kommen neue Anbieter hinzu, fast täglich ändern sich die bestehenden technischen Angebote. Fast täglich beschäftigen wir Dol­met­sche­rin­nen und Dolmetscher uns derzeit mit diesen Features und den Mög­lich­kei­ten, mit akus­ti­schen Prob­le­men umzugehen; wir investieren au­ßer­dem ge­ra­de alle in neue Hardware, Zweit­com­puter, eine zweite Inter­net­leitung, Steuerungs­ele­mente, Schall­iso­lie­rung.

Die Sache ist ganz einfach: Wenn Sie Laborwerte brauchen, überlassen Sie der Ärz­tin oder dem Arzt Ihres Vertrauens die Laborauswahl. So ist es auch mit uns! Wir freiberuflichen Dolmetscherinnen und Dolmetscher wissen, wer im Augenblick die beste Technik anbietet. Wir buchen diese gerne für Sie hinzu.

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Grafik: C.E.

Montag, 8. Juni 2020

COVIDiary (86)

Bon­jour auf mei­nen Blog­seiten! Ich ar­bei­te seit 2005 in Pa­ris und Ber­lin als Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin, früher auch oft als Über­set­ze­rin. (Für den Unterschied: siehe die Unter­zeile oben.) Ich dolmetsche nicht nur, sondern schaue auch der Ge­sell­schaft aufs Maul. Das Virus hat aus meinem Online-Arbeitstagebuch das COVIDiary gemacht.

Corona-Monologe 

Können Sie mich hören
Rechts oben sind drei Punkte
Über „anheften“ können Sie Teilnehmende dauerhaft großstellen
Dann sehen Sie nicht jeden Huster
Nehmen Sie die Hand wieder runter, wenn sie dran waren
Könnten Sie das bitte wiederholen
In der Zwischenzeit Ihre Fragen bitte im Chat
Moment! Sie sind eingefroren!
Links unten auf das Mikrosymbol klicken
Bleiben Sie nachher noch im Raum
Wir haben Soundso verloren
Wir hören Sie noch immer nicht
Das schicke ich gleich rum
Sie können jetzt reden
Das kam leider nur bruchstückhaft an
Wählen Sie sich doch nochmal ein


12 Fensterchen mit unterschiedlichen Köpfen
So ähnlich sehen Videokonferenzen aus

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Foto: C.E. (DSGVO-gerechtes Beispielbild,
Danke an die Bildersucher und -finder!)

Montag, 25. Mai 2020

COVIDiariy (75)

Ob geplant oder zufällig, Sie sind auf den Sei­ten des ers­ten Dol­met­scher­­blogs Deutsch­lands aus dem Inneren der Dol­metscherkabine gelandet. In diesen Zeiten allerdings ruht das Büro. Eine Pandemie macht aus meinem Blog das eher private COVIDiary. 

Heute im fran­zö­si­schen Radio gehört (sinngemäß, Programm von Sonntag): "Die Weltwirtschaftskrise, die uns erwartet, wird schlim­mer werden als in die der 1920-er Jahre." Wo hat der Öko­nom, der das gesagt hat, seine Zah­len her?

Drei Damen im Büro mit Wasserwelle, Bubikopf und Palme
Büropflanzen und -ladies (1927)

Acht Wochen lang blieb die Hälfte der Welt­be­völ­kerung zuhause, gefolgt von mo­na­te­lan­gen Einschränkungen versus zwei Jahre Weltkrieg in so vielen Ländern in­klu­­sive physischer Zerstö­rung von Hand­­werks­be­trieben, Industrie, Land­wirtschaft sowie der Repara­tionen? OK, wir sind sehr viel mehr Men­schen als damals, die Industrien kreuz und quer viel stärker verflochten, das sind sicher wesentliche Faktoren. Und die Mensch­­heit ist auch um so viel "pro­duk­tiver" durch die Technik ge­wor­den! Es zählt in der Statistik eben auch alles mit, sogar die unnützesten Dinge, in Plastik eingeschweißte Einzelportionen von Ketchup zum Beispiel oder der Plastikkgriff mit den zwei gegabelten Ärmchen am Ende, zwischen den Zahn­sei­de ge­spannt ist. (Die Herstellung solchen Mülls gehört amtlich verboten, wenn Ihr mich fragt.)

Die Folgen der Krise wird die Ärmsten der Armen treffen, hier und anders­wo. Und doch sehe ich, dass solida­ri­sche Hilfe zur Selbst­hilfe an vielen Stellen klappt. Das mag über­ra­schen, passt es doch so gar nicht ins neoliberale Menschenbild von schillernden Solitären, die nur an sich denken. Anderes überrascht auch: Afrika steht epidemiologisch über­raschend gut da, voraus­gesetzt, die Infos stimmen. Die dort weiterver­breitete TB-Impfung könnte die COVID-19-Folgen abmildern, die Krank­heit abge­schwächt durch­laufen werden, stand in einem Text, bislang eine unbestätigte Hypothese. Mangels Geld ist (von und nach) dort die Rei­se­ge­schwin­dig­keit auch langsamer, was wiederum die Ausbreitung verlangsamt.

Was sicher stimmt: Auf­grund der Erfah­run­gen mit Ebo­la nehmen die Men­schen in Afrika die Sache ernster. Schon im Januar wurden in etlichen Ländern des Kon­ti­nents die ersten Schutzmaß­nahmen getroffen. Bleibt die Angst vieler dort nicht vor der Seuche, sondern vor Hunger und Arbeitslosigkeit.

Zurück in mein Dolmetscherbüro. Meine To-Do-Liste wird täglich länger, der Tag könnte 20 Arbeitsstunden haben. Der Fortbildung nächste Etappe, es geht weiter um digitales Dolmet­schen: Fern­dol­met­schen via Internet ist an­stren­gender, das wird auch hier gesagt, es sei etwa doppelt so ermüdend wie vor Ort und mit Kol­le­gen/Kollegin neben einem.

Der Grund ist, dass die Anzahl der Vorgänge, die parallel bzw. in schnellem Wech­sel geschehen, zunimmt. Die Kommunikation mit der „Ko-Kabine“ läuft über ein Interface mit Klick­fel­dern. Das, was wir sonst mit Körper­sprache und Blicken klären — Fehlt ein Wort? Kannst du mir bitte die Zahlen aufschreiben? Willst du wei­ter­ma­chen? —, läuft parallel über ein separates "Chatfenster", also Kom­mu­ni­ka­tion mit einer Zwischen­etappe, geschriebener Sprache. Sonst, in der Box, ver­stän­digen wir uns oft durch Blicke oder verstehen ohne hin­zusehen, allein durch kör­per­sprach­li­che Signale.

Ferndolmetschen wird uns durch die Corona­zeit hindurch begleiten. Meetings, Seminar­formate an verkürzten Arbeitstagen werden wir hinterher er­gän­zend zu normalen Einsätzen auch mit Verdol­metschung aus der Ferne an­bie­ten kön­­nen. Es entsteht ein neuer Markt. Außerdem werden wir wohl für Kurz­einsätze sel­tener reisen (fliegen, bahnfahren, auswärts nächtigen), was wiederum dem Na­tur­schutz­gedanken entspricht. Großes Abwägen.

So, weiter im Text. Ich vergleiche, mit welchen natürlichen Mitteln wir am besten schall­iso­lieren können, wobei der Faktor Gewicht auch berücksichtigt werden muss: Kork, Hanf, Kokos, Stroh oder was mir sonst über den Weg läuft. Ich ah­ne, dass Hanf und Kork die Liste anführen werden, Stroh nur unter Beigabe von ir­gend­wel­chen un­sym­pathischen Stoffen zu haben sein. Kokos habe ich als ziemlich schwer in Erin­ne­rung. So, nun Vorhang auf für einen Dolmetscharbeitsplatz der Zu­kunft, nach einem prägnanten Namen suchen wir noch:

Und wieder habe ich nur au­ßer­halb des engsten Umfelds meine Mit­menschen nur digital getroffen. Mir fehlt Büroalltag, zusam­men mit Zeitgenossen. Daher auch der Gedanke, die Small office Terpbox (Arbeitstitel, aktuell auf EN, das Ent­wick­lungs­team ist inter­national) und ihr Umfeld so zu gestalten, dass andere Kol­le­gin­nen und Kollegen aus dem Kiez immer mal wieder dort arbeiten können, denn wir sind ja auch viel für NGOs tätig, die sich nicht für viel Geld in Konferenzzentren einmieten können. NOTIZ AN MICH SELBST: Mein Wohn­schlaf­zimmer braucht einen Com­pu­ter­ar­beits­platz zum Lernen und Re­cher­chie­ren, der nicht als solcher ins Auge fällt.

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Foto: eigenes Archiv, Entwurf: C.E.

Sonntag, 24. Mai 2020

COVIDiariy (74)

Hello, bon­jour und gu­ten Tag! Hier be­rich­te ich aus mei­nem Berufsleben als frei­be­ruf­liche Konferenzdolmetscherin für die französische Sprache. Vor Monaten wurde aus dem Arbeitstagebuch das eher private COVIDiary. Was macht deutsches Wochenende aus? Fußball und Kaffee und Kuchen.

Kaffeetafel mit Damen und Herren. Alte Frisuren und Kleider, Bank aus weißgestrichenem Holz, Stofftischdecke. (Kaffeetafel 1927)
Einst im Mai ...
Der nächste Lebensmensch ging gestern zum ersten Mal seit drei Monaten zum Fuß­ball­training, er war beim Abendessen selig. Sie hätten nur zu viert Pässe hin- und hergespielt, aber im­mer­hin das. Und an­schlie­ßend das Fußballerbierchen am Kiosk gezi­scht, mit Ab­stand na­tür­lich. Auch das klingt in mei­nen Ohren ziemlich gut.

Ich hatte in der Zwischenzeit erst weiter an meinem Ordnungssystem für die Fo­to­samm­lung gearbeitet, dann war ich für den Garten unterwegs und einkaufen. Neu­lich habe ich eine Pflanzspirale auf dem Gehweg ge­fun­den, Me­tall, klein­kind­hoch, was wird da wohl bald daran emporarbeiten, Efeu oder etwas, das blüht? Die Spi­ra­le hat einige Roststellen, also habe ich nach der Möglichkeit gesucht, einen an­ge­bro­che­nen Topf Metallfarbe zu übernehmen. Das hat geklappt, Voraussetzung waren 2,5 Kilometer Fußweg je Strecke, dafür kein Lebensmittelladen am We­ges­rand. Aber fürs Essen fehlte noch Salat, fürs Wochenende eine Zitrone, Yoghurt, Brot, Möh­ren.

Kaffeetafel mit Damen und Herren. Alte Frisuren und Kleider, Bank aus weißgestrichenem Holz, Stofftischdecke. (Kaffeetafel 1927, Originalbild)
Fröhliche Kaffeetafel mit Marlene Dietrich (1927)
Also bin ich für den Rückweg bzw. den Um­weg in einen Bus eingestiegen. Dort ist der Weg vom vorderen Eingang zum Fahr­gast­raum mit Plastik abgeklebt, der Fahrer sitzt vom Rest isoliert. Das hatte ich gelesen, aber noch nicht gesehen.
Alle Mitreisenden trugen eine Maske.

Nach nur zwei Stationen fing eine junge Frau an zu niesen, zu husten und zu schniefen. Böse, fragende und verzweifelte Blicke kreuzten einander. Der Bus hielt an einer Haltestelle.

Mich hat die Situation überfordert. Soll ich aussteigen? Sämtliche möglichen Krank­heits- und Elendsbilder blitzen vor meinem inneren Auge auf. Was, wenn es nur einfacher Schnupfen, die olle Virusgrippe oder eine allergische Reaktion ist? Darf ich sitzenbleiben? Ist das Risiko hoch für mich und meine Lieben? Ist die Gefahr abschätzbar? Ich wäge ab: Rechtzeitiges Essen auftischen versus dreier weiterer Kilometer Fußmarsch. Soll ich 2,25 Euro Fahrgeld einfach vergessen? Das ist eine Menge Geld vor allem im Hinblick darauf, dass wir Konferenzdolmetscher kaum noch Einsätze haben.

Das waren zu viele Fragen für die kurze Zeitspanne, in der die Türen geöffnet wa­ren. Der Bus fuhr wieder an. Weiter gingen fragende Blicke hin und her. An der nächsten Station stieg die junge Frau aus. Ihre Atemluft blieb im Bus zurück. Kurz bevor die Türen zugingen, bin auch ich ausgestiegen. (Und auch nachher nur noch zu Fuß gegangen. Das Tagesprogramm verschob sich. Der nächste Mitmensch hatte Verständnis.)

Im Bioladen stehe ich einige Zeit später in der Schlange, als mich eine Frau direkt anniest. Sie sagt: "Entschuldigung!", dreht sich zur Seite und niest erneut, dieses Mal direkt ins Gesicht eines anderen Kunden. Dann legt sie ihre Waren hastig ne­ben der Kasse ab und verlässt das Geschäft.

Keine leichte Zeit, für niemanden. Neue Berufsidee: Vielleicht sollte ich hübsche Blumen-T-Shirts gestalten mit dem mehrsprachigen Aufdruck: "Sorry, ich habe Heuschnupfen!"

Abends sehe ich dann entgeistert im TV, wie in ehemaliger „Fußballgott“ mit Mas­ke auf dem Mund gezeigt wird, die Nase ist nicht bedeckt. Dann den Koch eines niedersächsischen Restaurants, der sich im Grundton einer Beschwerde darüber äußert, dass man doch alles „vorschriftsmäßig“ befolgt habe als wäre völlig aus­ge­schlos­sen, dass es mehrere Infizierte gibt, wo auf einmal die 70 Menschen in Qua­ran­täne herkämen. Er trägt den Mund-Nase-Schutz wie einen Roll­kra­gen. Ein kur­zer Zwischenschnitt zeigt, wie der Ton aus der Ferne geangelt wird, aber trotz­dem. Angesichts der grassierenden Verschwörungstheorien und Het­ze­rei­en em­pfin­de ich das als fahrlässig.

Sonntag war Zeitung- und Buchlesen angesagt, Stecklinge schneiden, Haushalt, Buchrecherche, ein Spaziergang. Business as usual. Später zur vir­tu­el­len Kaf­fee­ta­fel mit Studienfreundinnen und -freunden. Die fand natürlich nur virtuell statt. Deshalb nehme ich als Illustration meiner Raum-Zeit-Reisen ein altes, nach­il­lus­trier­tes Foto von 1927. (Das Original ist besser.) Und immer kurz das Erschrecken: Wie nah die bei­ein­an­der­hocken!

                      Hofgarten mit Blüten                       Wildes Zäunchen für die Gartenregenwürmer 
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Fotos: C.E. / eigenes Archiv. Bilder in
einem eigenen Fenster laden = größer

Freitag, 22. Mai 2020

COVIDiary (72)

Bonjour, gu­ten Tag & hel­lo auf den Sei­ten des ers­ten deut­schen Dol­met­scher­blogs aus dem Inneren der Dol­metscherkabine. Gerade schreibe ich vom Büro aus, das seuchenbedingt brachliegt. Derzeit können wir unsere Kunden nicht persönlich treffen. Lösungen, Dolmetschen via Internet aus der Ferne, werden gerade er­probt.

Autos von oben, Balkon, Uferbäume
Hupender, stehender Autoverkehr
Dieser Tage führe ich viele Te­le­fon­ge­sprä­che mit Kunden, die sich die Sache mit dem Ferndolmetschen nicht vorstellen kön­nen. Sie haben aber schon grund­sätz­lich Mühen sich vorzustellen, wie wir über­haupt arbeiten, wie das klappen kann, zu­gleich zu hören und zu sprechen. (Wenn Sie mich fragen: Ich weiß das auch nicht. Ich mache es einfach.)

Unsere Arbeit ist Ergebnis jahre- bis jahr­zehn­te­lan­ger Aus­bil­dung, da geht es uns wie Tänzern, Anwältinnen, Sängern und Jongleurinnen. Damit nicht genug, der Be­griff lifelong learning stammt bestimmt von einer Dolmetscherin, denn das ist die Essenz unseres Alltags.

Manche Menschen, zum Beispiel Bäcker, mag das überraschen. Das Bäcke­rei­hand­werk blieb mit seinen Grundlagen und Gesten über Jahrhunderte stabil, nun gut, Technik kam hinzu, Ausbildungsordnungen, Verwaltungskram. Das tägliche Brot von Sprach­ar­bei­te­rin­nen entwickelt sich indes ständig weiter, es entstehen neue Begriffe und Zu­sam­men­hän­ge, neue Autoren treten auf die Bühne, Politikerinnen und Stars; Ti­tel, Theo­rien und Thesen dürfen wir kennenlernen und geistig ver­ar­bei­ten.

Die jetzige Herausforderung trifft uns Dolmetscherinnen und Dolmetscher also auch an unserer starken Seite. (So wie an der schwachen, da Kom­mu­ni­ka­tion im Kern aus Begegnungen besteht und die ja derzeit nicht direkt möglich sind.)

Sofern die Internetleitung sicher steht, alle ein Headset benutzen, regelmäßig die Stummtaste drücken, den Rednerinnen und Rednern nicht beim Vortragen die Pfer­de durchgehen und wir genügend Zeit und Material zur Vorbereitung be­kom­men, können wir auch via Internet dolmetschen. Wir entwickeln derzeit Schritt für Schritt alle Parameter dieses Settings weiter, werten alle bisher ge­mach­ten Er­fah­run­gen aus, berücksichtigen Hinweise der Berufsverbände, beraten Tech­nik­an­bie­ter, die uns unterstützen.

We’re paid for preparation, performance is for free. 80 Prozent unserer Zeit ver­brin­gen wir mit der Vorbereitung, das war schon immer so. Die Corona-Epidemie hat den Schnitt für Monate auf 90, 95, ... Prozent raufgesetzt.

Danke fürs Lesen dieser Zeilen und Mitdenken! Sie wissen jetzt selbst, dass wenn Ihnen jemand Dolmetschdienstleistungen mit dem Tenor: „Fünf Minuten nach der Kontaktaufnahme kann Ihre Dolmetscherin loslegen!“ anbietet, die Sache gewaltig hinkt, es sei denn, es geht um die Schadensfeststellung eines Autounfalls oder et­was in der Art.

Sprechen Sie uns an!

Vokabeln
Ferndolmetschen, aus der Ferne dolmetschen, von manchen als RSI bezeichnet, Re­mote Simultaneous Interpreting, auch Video Remote Interpreting (VRI) habe ich schon gehört, bezeichnet stets den Einsatz professioneller Dolmetscherinnen und Dolmetscher, die sich nicht an ein- und demselben Ort mit den zu Ver­dol­met­schen­den befinden.

Was sonst geschah: Heute saß ich selbst in digitalen Konferenzräumen, von mor­gens bis zum späten Abend. Dut­zende Wortarbeiterinnen haben ein­an­der fort­ge­bildet. Die Coronapause dient auch dazu. Tagsüber war Wo­chen­markt vor dem Haus und der erste Stau mit Hupkonzert seit einem knappen Vierteljahr. Wie be­fremd­lich das plötz­lich gewirkt hat!

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Foto: C.E.

Donnerstag, 21. Mai 2020

COVIDiary (71)

Ob geplant oder zufällig, Sie sind auf den Sei­ten des ers­ten Dol­met­scher­­blogs Deutsch­lands aus dem Inneren der Dol­metscherkabine gelandet. Die Umstände ma­chen aus meinem Blog aus dem Be­­rufsall­tag das eher private COVIDiary. Seit­dem gibt es hier auch schon mal Privatmeinung zu lesen; etwas, das im Dol­met­sch­all­tag sonst tabu ist. 

Heute ist Feiertag in Frankreich und Deutschland. Normalerweise weiß ich aus­wen­dig, in welchem Land Feiertag ist oder nicht, das bringt der normale Kom­mu­ni­ka­tions­fluss so mit sich.

Wasser, Himmel, viele Boote, manche aneinandergebunden
Am Landwehrkanal
Derzeit gibt es aber keine normale Kom­mu­ni­ka­tion, ich musste das erst nach­schla­gen. Im Büro ist es still. Im Juni wird es leer sein, die Hand­wer­ker kommen, es wird alles gemacht werden, von den Wän­den über Türen und Fenstern zu einem Arbeitsmöbel bis hin zu einer Spre­cher­box.
Am letzten Dienstag wurde ich parallel von sechs Kunden angeschrieben und -ge­ru­fen, das hatte ich seit der  Ab­sa­gewelle Ende Februar nicht. Das hat sich wie ein normaler Büroalltag angefühlt, huch! Leider ging es haupt­säch­lich darum, Se­minar- und Kon­fe­renz­ter­mi­ne von Som­mer und Herbst auf das erste Halbjahr 2021 zu verschieben.

Daher ist heute mein Programm: Garten, gutes Essen kochen, lesen, Wäsche zu­sam­men­le­gen, abends den klassischen Kinofilmkanon weiter abarbeiten. OK, so privat war ich auf dem Blog bislang noch nie, ist halt COVIDiary. Programm mor­gen: Fortbildung.

Draußen war heute am Landwehrkanal eine große Party. Die Leute drängen sich auf engem Raum, sogar auf dem Kanal, den ich noch nie so voll gesehen habe. Normalerweise ist hier Abstandhalten kein Problem. Jetzt sorgen die Menschen für künstliche Nähe, indem sie Boote an­ein­an­der­kop­peln. Ich versteh‘s nicht. Das Vi­rus bleibt gefährlich. Die Lockerungen bedeuten, dass im Krisenfall Notfallbetten für sehr viele frei sind that‘s it.

Schutzgesten auf Französisch
Schutzgesten auf Deutsch



Französische Freunde haben mir ein Merkblatt geschickt. In Frankreich, wo dem Virus we­sent­lich mehr Menschenleben zum Opfer gefallen sind, gibt es andere Em­pfeh­lun­gen als in Deutschland. Als Fotoshop- und Übersetzungsfingerübung lasse ich die Schautafel mal reisen. Und das Gratis-Fotoshoppogramm www.pixlr.com verändert offenbar die Farben.

Vokabelnotiz
le postillon — auch: das Speicheltröpfchen

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Illustrationen: C.E. + www.stop-postillons.fr
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