Donnerstag, 18. Juli 2019

Autoscham

Im 13. Jahr beschreibe ich hier meinen sprachbetonten Alltag. Ich bin Kon­fe­renz­dol­metscherin und Übersetzerin, arbeite mit der fran­zö­sischen Sprache (und aus dem Englischen). Diesen Sommer denke ich über meine Kunden nach.

Bullauge und Flugzeug im Schatten über Landschaft
Irgendwo im Baltikum
Und dann war da noch der Re­lo­cation-Kun­de, den ich zu diversen Amtsgängen be­glei­tet habe, An­mel­dung, Auf­ent­halts­pa­piere, er bekam die Bluecard, das Pendant zur bekannten US-amerikani­schen Green­card, Wohnungs­suche, Ein­schu­lung des ältesten Kindes.

Den einen oder anderen Kunden dieser Art ha­ben wir manch­mal nebenbei, gerne in den kongressarmen Wochen, oder es sind Freunde von Freun­den, denen wir einen Gefal­len tun, einfach so oder weil sogar um die Ecke ein Job winkt, oder aber es sind alte Freun­de aus früheren Jahren.
Wie dieser groß­ge­wachsener Mitt­vier­ziger, Architekt und Familienvater.

Nennen wir ihn Maruan. Das Büro, für das er inter­national tätig ist, sitzt in Berlin. Bei der Arbeit spricht er meis­tens Englisch. Seine Wiege stand irgendwo im Ma­ghreb, studiert hat er in Italien, England und Frankreich.

Eines Tages erzählte Maruan mir stolz, er würde gerade einen Jeep kaufen. Das ist et­was mehr als drei Jahre her. Sein Deutsch hat sich seither nur wenig verbessert, was ich immer wieder fest­stelle, wenn wir alle sechs, acht Wochen zusam­men mit­tag­essen (und er mir einige Papie­re zur schnellen Durch­sicht mitbringt.)

Ich muss damals ziemlich heftig die Stirn gerunzelt haben. Sein Sohn hätte sich den gewünscht, hat er damals entschuldigend gesagt. Ich weiß noch wie heute, wie ich ihm daraufhin vom Diesel­skandal berichtet habe, von Umweltschäden, von zu erwartenden Fahrverboten. Er hat zugehört, aber ich konnte ihm ansehen, dass der kleine Junge in ihm sich das Auto zusammen mit dem Sohn gewünscht hatte.

Drei Jahre später, es ist mal wieder was kaputt an der Karre, dieses Mal ist es die Klimaanlage: Ich sitze im Zug und manage den Auto­trans­fer von Werkstatt Eins zu Werkstatt Zwei, von Schrauber zu Fach­werkstatt, weil die Re­­pa­­ra­­tur komplexer ist als er­wartet, lasse mir das Bulletin der Arbeiten und die Vermu­tungen durch­geben, woran es wohl lie­gen mag. Voilà!, die Ultra­kurz­fassung: Zwei Strom­kreis­läufe, ei­ner fürs Ein­schalten, ei­ner für den Kühl­­kom­­pressor, der in ein separates Käst­chen ver­baut ist. Irgendwo hakt es mit der Strom­weiter­leitung. Und die Anlage kühlt an­fangs, dann setzt sie immer aus. Dieses "Anfangs" kann zehn Minuten oder aber zwei Stunden dauern.

Ich selbst habe gar kein Auto. Maximal lasse ich ab und zu fahren, wenn es sich nicht ver­meiden lässt. Mit großer Herkunfts­familie und Wahl­­ver­­wandt­schaft und jungen und alten Menschen im Umfeld gibt es immer wieder mal Strecken, die nur mit dem Auto zurück­gelegt werden können. Aber es gibt Miet­wagen und Car­sha­ring.

Den ersten Auto­­monteur quetsche ich am Telefon so lange aus, bis ich eine un­ge­fäh­re Idee von der Proble­ma­tik habe. Dabei stehe ich auf dem Gang des Zuges. Beim zweiten größeren Tele­fonat, Werk­statt Nummer Zwo ruft zurück, beschreibe ich das Problem, als stünde ich selbst bald vor der Me­cha­tro­ni­ker­prüfung. Das Problem wird innerhalb kürzester Zeit gefunden und be­hoben werden. Maruan braucht die Karre dem­nächst nur noch ab­zu­holen.

Beim zweiten langen Telefonat sitze ich eingeklemmt in ein Mehrpersonenabteil, am Gang schläft einer, gegenüber stillt eine Mutter ihr Kind. Es ist Freitag. Auf vielen deut­schen Straßen demonstrieren die Fridays for future-Jugendlichen. Bahnfahrer sind oft umweltbewusst Reisende, wenn sie sich den Luxus einer teuren Bahn­fahrt leisten und die oft spott­bil­li­gen An­ge­bots­flüge sau­sen lassen.

Seit einiger Zeit kennen wir das Wort "Flugscham" (vom Schwedischen Flugskam). Ich em­pfinde hier "Autoscham". Denn natürlich muss ich beim Tele­fonat den Wa­gen­typ ansagen, Jeep, das Baujahr, mittelprächtig neu, und die Art des Antriebs, Diesel­motor. Die Blicke der Mitrei­senden sprechen Bände. Ja, Autoscham. "Ein Kunde", sage ich entschuldigend und drücke noch mein Bedauern über eventuelle Be­ein­träch­ti­gungen nämlicher Mitrei­senden durch mein Telefonat aus. Das macht aber die Sache aber auch nicht besser.

Maruan heute beim Mittag­essen: "Im August sollten wir das Auto ver­kaufen! Ich will es so schnell wie möglich los­werden!" Jetzt hätte ich gerne mein über­raschtes Ge­sicht gesehen. Der hat sich aber schnell ak­kli­mati­siert! Berlin halt.


Vokabelnotizen
écoresponsable — umweltbewusst
interrupteur — Schalter
faux-contact — Wackelkontakt
boîtier — Kästchen, Gehäuse
compresseur frigorifique — Kühlkompressor

______________________________  
Foto: C.E. (Archiv!!)

Mittwoch, 17. Juli 2019

Dolmetschen bei der Polizei

Seit mehr als zwölf Jahren beschreibe ich hier meinen sprachbetonten Alltag. Ich bin Kon­fe­renz­dol­metscherin und Übersetzerin, arbeite mit der fran­zö­sischen Spra­che ... und mit Eng­li­sch als Ausgangssprache. Manchmal arbeiten wir für die Be­hör­den, für Polizei und Justiz.

Die Berliner Morgenpost hat gestern einen Beitrag über die Berliner Polizei und andere Behörden gebracht, die Dolmetscherinnen und Dolmetscher ein­set­zen.
Journalist Alexander Dinger nennt die Ausgaben dafür an erster Stelle — 36 Mio. Euro für Sprachdienstleistungen seit 2014 allein bei der Polizei. Die­ser Eingangs­focus ist nicht un­kri­tisch, Leser könnten argwöhnen, dass dies zu viel sei. Aber Aus­ga­ben der Behörden sind zugleich Ein­nah­men von Berlinern, die in Konsum und Dienst­leis­tungen, aber auch in Steu­ern flie­ßen.

Au­ßer­dem liegt die Summe des Gezahl­ten unter dem Wert des Erhaltenen. Be­rich­tet wird näm­lich über die hohen Schwan­kun­gen bei den Dolmet­scherhonoraren in den Be­rei­chen Justiz und Polizei und darüber, dass diese Preise un­ter­halb dessen liegen, was am freien Markt üblich ist.

Justiz, Polizei und Wirtschaft werden erwähnt, eng damit verzahnt ist die Verwal­tung. Hier ist die Lage oft noch viel dramatischer. Ich erinnere mich daran, bei einem deutsch-fran­zö­si­schen Paar im Jugend­amt nach Justiz­vergütungs- und Ent­schä­di­gungs­ge­setz (JVEG) ab­rech­nen gedurft zu haben, also 75 Euro pro Stun­de, und weniger als 15 Euro Stunden­satz für die Ver­dol­met­schung einer un­be­glei­teten Ju­gend­li­chen, die geflüchtet war.

Außerdem berichtet der Beitrag über Eng­pässe in seltenen Sprachen.

______________________________  
Illustration: Berliner Morgenpost

Dienstag, 16. Juli 2019

Notarzt ...

Bonjour und hel­lo und gu­ten Tag! Was Dol­­met­­scher und Über­setzer so alles er­le­ben, können Sie hier mitlesen. Wir ar­bei­ten als Team über­wie­gend in Ber­lin, aber auch in Pa­ris, Mün­chen, Cannes und dort, wo man uns braucht. Dabei reise ich meis­tens mit dem Zug. Sogar lan­ge Stre­cken.

"Wir unterbrechen die Fahrt. Grund: Notarzt im Gleis!" ist keine schöne Zugansage. Vielfahrer wissen, was das bedeutet, haben es wiederholt erlebt.

Viel Rot bei den Fahrzeugen vor dem Zugfenster
Polizei, Feuerwehr, Notarzt, Busunternehmen ...
Für alle Beteiligten folgt eine mehrstündige Unterbrechung. Alle sind bestürzt.

Die Passagiere sprechen mit leisen Stimmen, passen auf­ein­an­der auf, fragen, bieten Hil­fe an, einige besorgen Trink­was­ser, ver­sor­gen alle, die es brauchen. So schreck­lich der Anlass ist, so be­ru­hi­gend ist dieser zwi­schen­mensch­liche Umgang.

Für mich als Dolmetscherin führen solche Anlässe dazu, dass mein Fahrverhalten sich immer mehr ändert. Denn uns Dolmetschern geht es wie Dozenten, Profs oder Referenten: Es fällt auf, wenn wir fehlen.

Als Vielfah­rerin kann ich sagen: Jede dritte von mir gebuchte Fahrt verläuft nicht problem­los, wobei ein nicht aufgefüllter Wasser­tank im Speisewagen noch das kleinste Übel ist. (Dann gibt es eben keine Heiß­getränke und keine Speisen.)

Bin ich vor fünf Jahren immer einen, zwei Züge früher gefahren, wenn ich zu ei­nem berufs­bedingten Ein­satz gereist bin, nehme ich jetzt vier bis fünf Züge früher, denn in der Regel gehen die Verspätungen zum Glück nur auf technische Störungen zurück. Mit dem Ergebnis, dass ich manch­mal schon am Vorabend un­ter­wegs bin, selbst wenn eine Tagung erst um 11.00 Uhr beginnt. Liebe Kunden, bitte eine Hotelnacht ein­pla­nen. Danke.

In der Schweiz kommt es nur in den al­ler­sel­tens­ten Fällen zu Verspätungen. Die Schweiz ist ei­sen­bahn­technisch ohnehin ein Vorbild. Deren Bahn­card, "das Halb­tax", kostet nur 185 Franken, das entspricht 169,90 Euro, und 165 Franken (151,53 Euro) ab dem zwei­­ten Jahr. Aufgrund des höheren Einkom­mens­niveaus der Schwei­zer müssen wir das noch herunter­rechnen, wenn wir es mit deut­schen Preisen ver­gleichen möch­ten. Die deutsche Bahncard 50 liegt derzeit bei 255 Euro. Ein Drama, wie unat­traktiv der Staatsbetrieb sich macht.


Wenn Sie oder eine Ihnen nahestehende Person Selbstmordgedanken hegen, wenden Sie sich bitte an die Telefonseelsorge: 0800 111 0 111.
______________________________  
Foto: C.E.

Montag, 15. Juli 2019

Gegenwind

Gu­ten Tag! Sie sind mit­­ten in ein Ar­­beits­­ta­­ge­­buch rein­­ge­­ra­­ten, in dem sich al­les um Spra­­chen, Dol­­met­­scher, Über­­setzer und Kult­­uren dreht. Als frei­be­ruf­li­che Dol­met­scherin und Über­set­zerin ar­bei­te ich in Cannes, Schwe­rin, Pa­ris, Berlin, Brüs­sel und gerne dort, wo Sie mich brau­chen! 

Dachwurz, Mini-Gewächshaus mit Thymiansaat, Pflücksalat
... und auf unserem Balkon eine Miniaturausgabe
In der Wüste Arizona steht ein riesen­gro­ßes Gewächs­haus. In diesem haben Forscher vor Jahr­zehn­ten ver­sucht, die Bio­sphäre der Welt zu re­kons­tru­ie­ren, mit Was­ser­kreis­lauf, ei­ge­ner Lebensmittel­pro­duk­tion, mensch­li­chen Be­woh­nern, den Wis­sen­schaft­lern, und Energie­pro­duk­tion. Ziel war die Au­tar­kie von "Bio­sphe­re 2". Das Pro­jekt wur­de nach kur­zer Zeit ab­ge­bro­chen.

Der Wasser­kreislauf hatte nicht funktio­niert und viele Pflanzen wuchsen nicht rich­tig. Bäume schossen eine Weile in die Höhe, dann bogen sie sich nach unten. Erst später haben die Beteilig­ten begriffen: Ihnen hatte der Wind gefehlt.

Heute werden Basilikum­blätter im Gewächs­haus hundertfach von Maschinen ge­strei­chelt, um Wind zu simulieren. Nur dann wachsen sie buschig und bilden große Blätter.

Wir Men­schen brauchen zur Ent­wick­lung auch Ge­gen­wind und Druck. Dabei kommt es auf das richtige Maß an. Wenn es zu viel wird, hilft der Gedanke, dass Dia­man­ten nicht ent­ste­hen kön­nen ohne die­sen Druck. Und ein schwe­disches Sprichwort weiß: "Es ist der Ge­gen­wind, der die Dra­chen steigen lässt!"

______________________________  
Foto: C.E.

Sonntag, 14. Juli 2019

Blitze

Mein 13. Jahr in die­sem Blog ist das ver­flix­te drei­zehn­te Jahr. Ich schreibe hier über Sprachen, Dolmetschen, Übersetzen, Kulturen, immer aus meinem Alltag, dem einer Übersetzerin und Dolmetscherin. Kunden und Freunden helfe ich mit Französisch weiter, immmer öfter arbeite ich aus dem Englischen. Ar­beits­schwer­punk­te sind ak­tu­elle Po­li­tik, Wirt­schaft, Kul­tur und Kul­tur­wirtschaft, Wis­sen­schaft, Landbau und Öko­land­bau, Archi­tektur, Innen­architektur und Urbanismus, Ge­schichte und Stadt­geschichte und etliche Bereiche mehr. Sonntagsbild!

Vier Aufnahmen ein- und desselben Hauses in einer Gewitternacht
Blitze
Und manch­mal kommt eben mehr Privat­le­ben als üblich dazwischen. Wie der­zeit. Das Le­ben sei, was da­zwi­schen komme, wäh­rend wir Plä­ne ma­chen, hat mal je­mand gesagt.

Dieses Mal mit voller Breitseite: Neue Lie­ben, neues Leben und Krank­heit in der Fa­mi­lie.

Ich schreibe weiter, oft sogar mehr als eine kurze Notiz. Schreiben selbst geht schnell. Ich denke mit den Fingern.

Meistens fehlt mir aber die Zeit für das Edi­ting, das Gegen­lesen, Ver­bes­sern oder Ver­werfen, die abschlie­ßende Feh­ler­kor­rek­tur sowie das Trennzeichensetzen. Mal sehen, wie sich das auf den Blog auswirken wird.

Ich hoffe auf Geistesblitze. Über genügend Erdung verfüge ich. Und ich weiß, dass Blitze sich immer von unten nach oben entladen. Vielleicht entwickele ich sogar noch einen Stenogrammstil mit weiterführenden Links.

______________________________
Fotos: C.E.

Donnerstag, 20. Juni 2019

Berliner Toponomien (1)

Hier bloggt ei­ne Über­set­ze­rin und Dol­met­sche­rin — mal mehr, ar­beits-­ und fa­mi­lien­be­dingt mal weniger. Was ich im Beruf er­le­be, können Sie hier in Ausschnitten verfolgen. Wir ar­bei­ten als Team über­wie­gend in Ber­lin, aber auch in Pa­ris, Mün­chen, Cannes und dort, wo man uns braucht. Sogar ge­le­gent­lich in Brüs­sel ...

Gestern in einer Sitzung mit Dolmetscherin: Demnächst werde sich ja auch in Bran­den­burg etwas tun. Zum Beispiel in Hoppegarten.

Die Autorin mit sieben auf Revel.
(Füße zu tief in den Steigbügeln!)
Der Ortsname war nicht relevant für den Gast aus Frank­reich, ich habe à la lisière est de Berlin ge­dol­metscht, am östlichen Stadt­rand.

In der Pause dann die Er­in­ne­rung und mein Grinsen. Die Berliner be­nen­nen ja komische Dinge gerne mit noch ko­mi­scheren Namen wie Bierpinsel (für ein Be­ton­baum­haus­res­tau­rant an der Autobahn), Tele­spargel (Fernseh­turm) oder Gold­else (naja, für die Goldelse halt).

Als ich nach Berlin gekommen bin, habe ich gewusst, dass es in der Stadt eine Rennbahn gibt, im Osten. Dann hörte ich zum ers­ten Mal "Hop­pe­garten". Abgeleitet von "Hop­pe, hop­pe Reiter, wenn er fällt, dann schreit er" habe ich das für eine weitere berlin­ty­pi­sche Verball­hornung gehalten.

Dabei handelt es sich hier um eine echte Gemeinde, und das "Hoppe..." leitet sich von "Hopfen" ab.

______________________________
Foto: Otto-Heinrich Elias

Sonntag, 16. Juni 2019

Vertikalgarten

Was Über­setzer und Dol­met­scher beschäf­tigt, können Sie hier mitlesen. Seit vie­len Jahren be­rich­te ich über diese Berufe und meinen sprach­be­ton­ten Alltag. Sonntags werde ich privat: Sonn­tags­fotos!

Wer beruflich und familien­bedingt oft un­ter­wegs ist, zum Glück über­neh­men hier das Gie­ßen auch an­dere, freut sich über beschauliche Mo­mente zuhause. Es ist Mitte Juni. In Berlin duften dem Ver­neh­men nach seit 14 Tagen die Lin­­den­­blü­ten.

Pflanzen, die unter Wasser stehen; die Brüstung ebenso
Balkonregen
Mein Urlaub auf Bal­ko­nien steht bevor. Die Kongress­sai­son neigt sich schon wie­der dem Ende zu, nach­dem sie gerade erst ein wenig Fahrt aufge­nommen hatte. Bis April waren die Augen aller nach England ge­rich­tet, diese Dis­kus­sionen wurden nicht auf Fran­zö­sisch geführt. Im Mai brach der Europa­wahl­kampf aus. Im Juni haben wir mehr oder we­ni­ger nor­mal gearbeitet.

Für die Sommerpause lasse ich mir den Balkon "aufmotzen". Auf den Mil­li­meter genau passt der Vertikal­garten in eine Nische, an Bücher­regal­stan­gen ein­ge­hängt, damit keine Boh­rung an/an der Fassade erfolgen muss. Derlei ist nämlich gesetz­lich ver­bo­ten.

François Rossier, mein handy man, einer, der schon seit vielen Jahren Up­cyc­ling betreibt, hatte diese und weitere Stangen acht Jahre lang in der Nähe von Vevey (Schweiz) in seinem Kinderzimmer. Einge­hängt waren Bücher­re­gal­ele­men­te, die gleich­zeitig ein Raum­teiler waren.

Vertikalgarten aus verzinktem Blech
Mit den ersten Pflanzen und Pikiertem
Das hier verwendete Vertikalgartensystem wurde zum Teil beim Transport leicht be­schä­digt, das tut seiner Nutzung (bis auf einen Kasten, dessen Träger fast aus­ge­ris­sen sind) aber keinen Ab­bruch. Die Krat­zer wer­den wohl schon bald Pflan­zen bedecken.

Noch schaut's nackt aus. Pflück­salat hatte ich vorher nie, das ist ein No­vum. Sonst ha­be ich vor allem Kü­chen­­kräu­ter und in­­sek­­ten­­­freund­liche Blüh­­pflan­zen. Ganz links: Ei­ne von zwei Yuccas meines Va­ters, die letztes Jahr hin­über schie­nen, haben sich nach län­ge­rer Beden­k­zeit be­rap­­pelt! Die Mut­ter­pflan­ze dazu stammt aus der Vil­la der säch­si­schen Urahnen.

Hummelweide
Nur schief wird der Ver­ti­kal­gar­ten wei­ter­hin ein bizzeli aussehen, denn das Haus ist krumm und schief (Altbau von 1905). Aber das macht nüüt. (Kleine Schweizerismen melden sich im Kopf.)

Ich bin sehr glücklich über diese Lösung. Bald ist der nächste Ein­bau in der Woh­nung dran, Schuh­regal­bretter in einem ver­schlos­se­nen Durch­gang zur Nachbar­wohnung. Wenn man erst­mal einige Jahre an einem Ort lebt, kennt man seine Stär­ken und Schwä­chen und kann An­pas­sun­gen vor­neh­men (lassen). Zitat François: Les so­lu­tions se suc­cè­dent et ne se res­sem­blent pas. "Die Lö­sun­gen fol­gen ein­ander und sind nicht gleich."

Das Foto ganz oben zeigt den Blick das Maybach­ufer runter. Auf der Straße scheint die Sonne, das Pflaster ist trocken, die Sonn­tags­aus­flügler konnen sor­gen­frei ra­deln. Auf dem Balkon regnet es. Das ist immer der (zusätz­li­che und unbeab­sich­tig­te) Gieß­ser­vice mei­ner Nach­ba­rin­nen. Einige Zeit war er aus­ge­blieben, ich hatte mir schon Sorgen gemacht. Jetzt ist er wieder da! Ein Glück!

Vokabelnotiz
bizzeli — ein bisschen, ein wenig
nüüt — nichts

______________________________  
Fotos: C.E. / Dieser Post wurde durch
www.upcycling.mobi ermöglicht, merci
beaucoup
, und ist kein bezahlter Inhalt.

Mittwoch, 5. Juni 2019

Im Flow

Guten Tag, bonjour & hello! Was Dol­met­scher und Über­setzer so alles er­le­ben, können Sie hier mitlesen. Wir ar­bei­ten als Team über­wie­gend in Ber­lin, aber auch in Pa­ris, Köln, Reims und dort, wo man uns braucht. Wo immer wir tätig sind, das Arbeitszimmer steht immer im Mittelpunkt. Dort sind wir nicht immer allein.

Als ich heute Mittag vom Außen­termin nach Hause komme, sitzt ein Kind bei uns auf der Treppe. Das Mäd­chen hatte hitzefrei und seine Mutter war kurzfristig beim Arzt. Sonst sei es ja ein Schlüsselkind, sagt es, nur heute hätte es den Schlüssel ver­ges­sen. Ich biete ihm den Bespre­chungs­tisch in meinem Arbeits­zimmer an und etwas zu trinken. (Hunger hat es nicht, die Hitze!) Es macht Haus­auf­gaben. Parallel dazu habe ich per Skype ein Vorstel­lungs­gespräch mit ei­nem Kunden, für den ich vielleicht im Herbst als Me­dien­­dol­­met­scherin arbeiten werde.

Castingähnliche Verhältnisse beim Dolmetschen sind neu. Hier geht es vor allem um Stimme und Prosodie. Ich darf probedolmetschen. Die Grundschü­le­rin in mei­nem Rücken schaut auf, beobachtet mich dabei aufmerksam (so sagt es später mein Gegenüber in Frankreich).

Vierjährige mit Teddy sitzt auf dem Esstisch
Zu klein für Schlüsselkind (1929)
Auf dem Monitor vor mir läuft die Auf­nahme einer Red­nerin ab. Da­ne­ben ist eine Vokabel­liste geöffnet. Ich setze mir nur einen Kopf­hörer auf, die Mu­schel des anderen Ohrs er­gänze ich, in dem ich mit der Hand ei­ne Art zweiter Mu­schel bilde, um meine ei­ge­ne Stim­me bes­ser zu hören. Ich ha­be die Red­nerin fest im Blick. Kurz schaue ich eine Vo­ka­bel nach.

Nach eini­gen Minu­ten bin ich "drin", sitze ruhig da, schließe die Augen und tauche tief ein in die Rede. Der Flow stellt sich ein, diese Versunkenheit, in der Spre­che­rin, die Dame vom Monitor, und Nach­spre­che­rin, also ich, wie mit einer Stim­me sprechen.

Dann ist der Test auch schon vorbei. Das Kind macht mit den Haus­auf­gaben weiter, dieses Mal fällt mir die Dy­na­mik­än­derung neben bzw. schräg hinter mir auf. Am Ende fragt mich der Inter­viewer in Frank­reich, ein Kollege, ob ich noch eine Frage hätte. Erstmal nicht.

Wir kom­men auf das Kind zu spre­chen (das uns nicht ver­steht). Der Interviewer, ein Kollege, lobt es für seine Kon­zen­triert­heit. Er hält es für meine Tochter. Ich kläre das Miss­verständ­nis auf und wir suchen ge­mein­sam noch das französische Wort für "Schlüssel­kind". Das gibt es nicht, sowas ist wie die Ganz­tags­schule jen­seits des Rheins nicht der Rede wert.

Als Entspre­chung für den Drei­silber "Schlüsselkind" kommen wir auf die Um­schrei­bung enfant qui a la clef pour rentrer chez lui en l’absence de ses parents. Das sind 18 Silben. In der Dol­met­scherkabine, wo Zeit rar ist, ein Ding der Un­mög­lichkeit.

______________________________  
Foto: eigenes Archiv