Mittwoch, 29. April 2026

Bonjour

... und herz­lich will­kom­men! Als erfahrene Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin („se­nior in­ter­pr­eter“) und Über­set­ze­rin bin ich seit bald 20 Jah­ren in Deutsch­land, Frank­reich und in an­de­ren Län­dern Eu­ro­pas tä­tig — meist mit Fran­zö­sisch und Deutsch als Ar­beits- und Ziel­spra­che. Als Teil ei­nes Netz­werks kann ich Ih­nen auch bei der Su­che nach Un­ter­stüt­zung in an­de­ren Spra­chen hel­fen.

Win­ter­lich im Win­ter­licht: Treppe, Jalousien, Fenster, Garten
Blau­er Him­mel unter grü­nen Ja­lou­sien!
Sie su­chen Kom­mu­ni­ka­tions­pro­fis fürs Dol­met­schen oder für Schrif­tl­iches? Nach vie­len Jah­ren in Frank­reich und dem ein­schlä­gi­gen aka­de­mi­schen Stu­dium sitze ich in der Fran­zö­sisch­ka­bi­ne. Schrift­lich ar­bei­te ich ins Deut­sche, auch aus dem Eng­li­schen.
Allein oder im Team be­glei­te ich De­le­ga­tio­nen, dol­met­sche auf Kon­fe­ren­zen, in Mi­nis­te­rien, Bot­schaf­ten oder am Film­set ... für Po­li­tik, Un­ter­neh­men und Pri­vat­leu­te.

Schwer­punk­te: Ak­tu­el­les, In­dus­trie, Wirt­schaft, Kul­tur, Ag­rar, Krea­ti­ves, Ur­ba­nis­mus und Bau, Ener­gie, Me­dien so­wie Ki­no: Ex­po­sé, Dreh­buch, Pro­duk­tions­dos­sier, Pres­se­heft. Im ers­ten Be­rufs­le­ben war ich Jour­na­lis­tin, bie­te auch Text­ar­beit an­, und zwar mit dem größ­ten Ver­gnü­gen.

Mit ei­ner ers­ten Kon­takt­mail an caroline@adazylla.de kön­nen Sie ei­nen te­le­fo­ni­schen Be­ra­tungs­ter­min ver­ein­ba­ren, um Ih­ren Be­darf ab­zu­klä­ren. (Ich ant­wor­te in­ner­halb von we­ni­gen Stun­den, ma­xi­mal zwölf.)

Ich bie­te an: Si­mul­tan- (fast zeit­gleich), Kon­se­ku­tiv- (zeit­ver­setzt), Flüs­ter- und Be­gleit­dol­met­schen, Büh­nen­dol­met­schen, Spre­ch­ein­sät­ze (Ton­auf­nah­men), Dia­log­Coa­ching für Film und Büh­ne, Fern­dol­met­schen.

Dol­met­schen lebt von Fach­kom­pe­tenz, Hin­ter­grund­wis­sen und Er­fah­rung. Ger­ne bin ich Ih­re Brü­cke zwi­schen der deutsch- und fran­zö­sisch­spra­chi­gen Welt — fle­xi­bel und punkt­ge­nau! Vor Ort oder mit On­line-Ex­per­ti­se: Mein Ein­satz ga­ran­tiert Ih­nen Ver­ständ­lich­keit oh­ne Miss­ver­ständ­nis­se.

Doch ge­na­u­so gern un­ter­stüt­ze ich klei­ne­re In­iti­a­ti­ven, per­sön­li­che Be­geg­nun­gen oder punk­tu­el­le Ein­sät­ze, denn auch bei die­sen sind Fin­ger­spit­zen­ge­fühl, gu­te Vor­be­rei­tung und ei­ne aus­ge­bil­de­te Stim­me ge­fragt.

Jetzt pla­nen — Er­folg si­chern!
Dol­met­schen ist mehr als Spra­che: Prä­zi­si­on, Kon­text, Wis­sen um Sprech­ab­sich­ten, Hin­ter­grund, Takt­ge­fühl und Er­fah­rung. Si­chern Sie sich mei­ne oder un­se­re pro­fes­sio­nel­le Un­ter­stüt­zung!

Herz­li­che Grü­ße,
Ca­ro­li­ne Eli­as

P.S.: Wir sind nicht nur Sprach­ar­bei­te­rin­nen und Sprach­ar­bei­ter, son­dern be­ob­ach­ten auch die Welt. Hier dür­fen Sie in mei­nem Ar­beits­ta­ge­buch mit­le­sen. Die­se Sei­te ist für das Web­la­y­out op­ti­miert, sonst dro­hen Text­pas­sa­gen hin­ter den Fo­tos zu ver­schwin­den.

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Fo­to: C.E.

Dienstag, 28. April 2026

Museum der Wörter (47)

Hal­lo! Wie auch im­mer Sie hier ge­lan­det sind, Sie le­sen in mei­nem vir­tu­el­len Ar­beits­ta­ge­buch. Ich bin Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin und sit­ze in der Fran­zö­sisch­ka­bi­ne. Eng­lisch ist manch­mal die Aus­gangs­spra­che, Deutsch bei Tex­ten die Ziel­spra­che. Ich ar­bei­te auf Kon­fe­ren­zen und De­le­ga­ti­ons­rei­sen, bei Ver­an­stal­tun­gen und po­li­ti­schen Hin­ter­grund­ge­sprä­chen. Und ich be­trach­te mit wa­chen Au­gen un­se­re Zeit.

Die Be­glei­tung der Kin­der, von Oma und Opa und On­kel und Tan­te, wenn sie Hil­fe brau­chen, aber auch von Jan­nis und Kurt, An­ni­ka und Hül­ya, Mal­colm und Mus­ta­fa sind kein Lu­xus. Die Na­men hier ste­hen für Men­schen, die von der Ge­samt­ge­sell­schaft an der all­täg­li­chen Teil­nah­me be­hin­dert wer­den, weil es vie­le Trep­pen­stu­fen oder kei­ne ver­ständ­li­che An­spra­che gibt, weil von der iden­ti­schen An­pas­sungs­fä­hig­keit al­ler aus­ge­gan­gen wird, die es nicht gibt, denn wir sind Men­schen, kei­ne Ma­schi­nen.

Auf vol­le Teil­nah­men hat­ten sich un­se­re Zi­vi­li­sa­tio­nen ver­ab­re­det, und die­ses in Ge­set­ze ge­gos­se­ne Ziel ist noch nicht er­reicht. Und was macht un­se­re Re­gie­rung in der Kri­se? Stellt das nicht nur in­fra­ge, son­dern legt Kür­zungs­plä­ne auf den Tisch, die sich so le­sen, als wä­re In­klu­si­on ein Lu­xus­gut. In an­de­ren Wor­ten: Wer aus ei­ner ver­mö­gen­den Sip­pe stammt, wird nicht bald wie­der vor ver­schlos­se­nen Tü­ren ste­hen. Die an­de­ren: … pfffft!

Da­bei ist Teil­ha­be ein Men­schen­recht. Das müss­te auch für men­schen­wür­di­ges Woh­nen und ge­sun­de Grund­nahrungs­mit­tel gel­ten, fa­mi­liä­re und freund­schaft­li­che Be­zie­hun­gen, Kul­tur und auch: Er­ho­lung. Rich­tig! So­zi­al­hil­fe­emp­fän­ger:in­nen frü­he­rer Zei­ten stand so­gar Ur­laub zu. Wer weiß, wie wich­tig es ist, von Zeit zu Zeit aus dem Hams­ter­rad he­raus­zu­kom­men, wird auch hier zu­stim­men.

Die Axt wird schon län­ger an das So­zi­al­le­ben ge­legt. Das geht mit der Spra­che los. Ich hän­ge an die Wand des Mu­se­ums der Wör­ter heu­te die­sen Be­griff:

              
             
sozial Schwa­che

Wir müs­sen ihn durch „wirt­schaft­lich Schwa­che“ er­set­zen. War­um ist das nicht schon lan­ge ge­sche­hen? Über öko­no­misch Schwa­che oder Ge­schwäch­te zu spre­chen, wür­de zu­gleich ei­ne Fra­ge auf­wer­fen, und zwar: War­um ist das so?
Bei „so­zi­al schwach“ schwingt im­mer ein we­nig ei­ne Mit­schuld mit.

Wör­ter ge­stal­ten un­ser Den­ken und Den­ken ge­stal­tet un­se­re Welt.

Die Re­gie­rung will nun „spa­ren“, und zwar in fol­gen­den Be­rei­chen: Ein­schrän­kun­gen beim Wahl­recht und beim Woh­nen, durch die Zu­sam­men­le­gung von Leis­tun­gen, die dann meh­re­ren Men­schen gleich­zei­tig zu­gu­te kom­men sol­len, Kür­zun­gen bei Hilfs­mit­teln, Ab­bau von Fahr­diens­ten und das Aus­set­zen in­di­vi­du­el­ler Schul­as­sis­tenz. Die Re­de ist von Men­schen, die Un­ter­stüt­zungs­be­darf ha­ben, weil sie nicht so leis­tungs­fä­hig sind wie der Durch­schnitt der Be­völ­ke­rung.

Eben­falls auf dem Tisch: ein er­schwer­ter Zu­gang zu Pfle­ge­gra­den, die Er­hö­hung der Zu­zah­lun­gen bei der (schon jetzt kaum be­zahl­ba­ren) Pfle­ge und ver­mut­lich die Bei­be­hal­tung der größ­ten Pfle­ge­hemm­nis­se: Bü­ro­kra­tie und star­re Re­geln, auch für uns pfle­gen­de An­ge­hö­ri­ge.

Wer die Ent­wür­fe zu den Kür­zun­gen liest, den oder die be­schleicht das Ge­fühl, dass hier wie­der von „wert­vol­lem“ und „we­ni­ger wert­vol­lem“ Le­ben aus­ge­gan­gen wird. Vom „un­wer­ten“ Le­ben der Na­zis ist das nicht weit ent­fernt.

Wir wis­sen, wo­hin das ge­führt hat. Die Ge­schich­te zeigt, wie schnell ei­ne Ge­sell­schaft be­ginnt, Men­schen nach ih­rem „Wert“ zu sor­tie­ren und wie rasch dar­aus töd­li­che Kon­se­quen­zen er­wach­sen kön­nen. Die in der Ber­li­ner Tier­gar­ten­stra­ße Nr. 4 ge­trof­fe­nen Ent­schei­dun­gen ste­hen da­für: Aus Ein­wei­sun­gen und Zu­sam­men­le­gun­gen wur­den sys­te­ma­ti­sche Ver­bre­chen. Es war der Test­lauf für die in­dus­tri­el­le Mord­ma­schi­ne, die dann von deut­schen Hän­den er­rich­tet und be­trie­ben wur­de, und da­für, wie die All­ge­mein­heit re­agiert.

Wenn ei­ne sol­che Po­li­tik die Grund­stim­mung in dem Land spie­geln soll, hat die Ge­sell­schaft nichts aus der Ver­gan­gen­heit ge­lernt.

Ein­schub: Ich schrei­be das in dem Be­wusst­sein, selbst dem neu­ro­di­ver­gen­ten Spek­trum an­zu­ge­hö­ren, aber eben mit ei­ner leich­ten Au­tis­mus­form, je­ner Va­ri­an­te, die Zir­kus­pferd­qua­li­tä­ten hat und zu par­ti­el­len Höchst­leis­tun­gen be­fä­higt. (Fürs Dol­met­schen prak­tisch, in an­de­ren Fel­dern fin­de ich mich im Feld all­ge­mei­ner Grund­dumm­heit wie­der!) Ich war da­mit schlicht so, wie vie­le Kin­der sind: nicht ei­ner Norm ent­spre­chend, manch­mal auf­fäl­lig, manch­mal un­sicht­bar. Ich hat­te Glück mit dem El­tern­haus, dem Jahr­zehnt mei­ner Bil­dungs­grund­la­gen, dem Bun­des­land, und ich ken­ne Men­schen, die mir ähn­lich sind, die aber ein star­res, hoch­se­lek­ti­ves Sys­tem früh ins Ab­seits ge­stellt hat. Ein­schub­en­de.

Das The­ma der nicht norm­ge­rech­ten Leis­tungs­fä­hig­keit ist bei uns ein Ta­bu. Ich hof­fe, dass die Plä­ne der Re­gie­rung, soll­ten sie um­ge­setzt wer­den, von den Ge­rich­ten rasch kas­siert wer­den. Ich se­he auch die Stim­mung in der Ge­ne­ra­ti­on mei­nes Zieh­sohns, wo sich aus ver­schie­de­nen Grün­den über­ra­schend vie­le schon jetzt ge­gen Nach­wuchs ent­schie­den ha­ben. Mer­ke: Kei­ne Kin­der, kei­ne Wirt­schaft.

Unterschiedlichste Menschen, unterschiedlichste Faktoren
Nur gemeinsam kann Gesellschaft gelingen

Man­che Men­schen brau­chen auch die­ses Ar­gu­ment ei­ner Be­kann­ten: Sie ar­bei­tet als In­klu­si­ons­be­glei­te­rin und sagt, nur drei Pro­zent der Men­schen mit Be­ein­träch­ti­gun­gen sei­en so ge­bo­ren. Den meis­ten wi­der­fährt Schlim­mes im Lau­fe des Le­bens, Krank­heit, Un­fall ... Knapp neun Pro­zent der deut­schen Be­völ­ke­rung leben mit Ein­schrän­kun­gen, wel­cher Art auch im­mer. Die­se Be­kann­te meint üb­ri­gens, der Staat sei zu­sätz­lich auch auf die In­klu­si­ons­hel­fer:in­nen „scharf“, die soll­ten end­lich et­was „Sinn­vol­les“ ma­chen, hei­ße es un­ter der Hand. Mir feh­len die Wor­te. Und das ist sel­ten.

Schluss­vol­te: Menschen, die sich an den Schwächs­ten der Ge­sell­schaft ver­greifen, er­weisen sich als die wirk­lich so­zi­al Schwa­chen.

Wenn Sie die Pe­ti­ti­on der Le­bens­hil­fe an den Bun­des­tag mit­zeich­nen möch­ten, hier ent­lang: LINK.

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Grafik:
Pixlr.com (Zufallsfund)

Montag, 27. April 2026

Montagsschreibtisch (137)

Herz­lich will­kom­men auf den Sei­ten ei­ner Dol­met­sche­rin, auf de­nen ich über Spra­che und Wör­ter schrei­be und über das, was zwi­schen den Zei­len steht. Ich bin Si­mul­tan­dol­met­sche­rin, ar­bei­te bei Kon­fe­ren­zen, auf Mes­sen und be­glei­te De­le­ga­ti­ons­rei­sen. Heu­te folgt der Blick auf den Schreibtisch!

Dr. Otto-Heinrich Elias (ca. 1938)
Er hat le­bens­lang vol­ler Hin­ga­be ge­schrie­ben
Mein Schreib­tisch­bild zeigt den lang­jäh­ri­gen Chef­lek­tor die­ses Blogs, der heu­te sei­nen 94. Ge­burts­tag fei­ern wür­de.

Was steht an:
⊗ Be­hör­den­be­glei­tung
⊗ Nach­be­rei­tung der letz­ten Wo­che
⊗ Vor­be­rei­tung der kom­men­den Wo­che

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Fo­to:
Ar­chiv Elias Los­sow

Freitag, 24. April 2026

Rückkehrer (I)

Hal­lo, hier kön­nen Sie im 20. Jahr Epi­so­den aus dem Ar­beits­all­tag ei­ner Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin mit Mut­ter­spra­che Deutsch le­sen. Meis­tens ar­bei­te ich als Fran­zö­sisch­dol­met­sche­rin, aber auch aus dem Eng­li­schen ins Fran­zö­si­sche und schrift­lich ins Deut­sche. Kom­pli­ziert, ich weiß, denn die KI ist der­zeit un­se­re An­fech­tung. Nicht, weil sie es könn­te.

Computer mit Lexik, Tasse, Raum im Halbdunkel, gespiegelte Flaschen
POV (point of view) bei MaFo
D
ie KI kann nicht den­ken, hat kei­ne mensch­li­che Le­bens­er­fah­rung, kann nicht prio­ri­sie­ren und an­ti­zi­pie­ren. Die An­ti­zi­pa­ti­on, der ge­dank­li­che Vor­griff, der den Mus­tern der Le­bens­er­fah­rung und des ge­zielt er­wor­be­nen Vor­wis­sens er­folgt, Stich­wort: Vor­be­rei­tung, hilft beim Ein­schät­zen, was dann, wenn Men­schen Ge­dan­ken ent­wi­ckeln oder durch­ein­an­der spre­chen, der ro­te Fa­den ist oder sein wird.

Nach zwei Jahr­zehn­ten in der Dol­metsch­ka­bi­ne ver­tue ich mich da sel­ten.

Die Kun­din aus der Markt­for­schung: „Die KI hat­te uns 150 Sei­ten Da­ten­müll als über­setz­tes Trans­kript ge­lie­fert, die KI-Ver­dol­met­schung war die meis­te Zeit kom­plett un­klar.

Auch im Tran­skript wa­ren vie­le Sät­ze oh­ne En­de, kom­plett wir­res Zeug, Be­grif­fe, die mit dem The­ma gar nichts zu tun ge­habt ha­ben. Das muss­te am En­de kom­plett noch­mal ge­macht wer­den. Und wir ha­ben die Ar­beit dop­pelt ge­zahlt.“

En­de des O-Tons. Das Markt­for­schungs­stu­dio (ein an­de­res als im Bild) soll dar­auf­hin die Zahl der Mi­kro­fo­ne im Raum er­höht ha­ben. Die Teil­neh­men­den muss­ten sich län­ger vor­stel­len, um die Ma­schi­ne auf die Stim­men zu trai­nie­ren.

Und dann schlug die Stun­de des TOOLS der ge­kop­pel­ten Su­per­com­pu­ter: Die Ton­spu­ren wur­den di­gi­tal tran­skri­biert und dann mi­nu­ti­ös von Pro­fis ab­ge­hört und kor­ri­giert, eine zwei­te Kon­trol­le folgte der au­to­ma­ti­schen „Über­tra­gung“.

Auf Eng­lisch be­deu­tet „In­tel­li­genz“ auch da­ta pro­ces­sing, Da­ten­ver­ar­bei­tung, dann Sam­meln und Aus­wer­ten von In­for­ma­tio­nen, Ge­heim­dienst, so­wie mensch­li­chen Es­prit. Die Re­duk­ti­on des Be­griffs auf die Idee der or­ga­ni­sier­ten Mas­sen­da­ten­ver­ar­bei­tung spricht Bän­de über un­se­re Zeit und je­ne, die sie blind be­ju­beln.

Zu­sam­men­fas­sung: Die drei zen­tra­len Kom­pe­ten­zen pro­fes­sio­nel­ler Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin­nen, also An­ti­zi­pa­ti­on, Aus­wahl und Re­duk­ti­on, sind durch kei­ne KI er­setz­bar. An­ti­zi­pa­ti­on be­zeich­net den ge­dank­li­chen Vor­griff, der auf jahr­zehn­te­lan­ger Le­bens­er­fah­rung, ge­ziel­ter Vor­be­rei­tung und fach­li­chem Vor­wis­sen ba­siert. Aus­wahl meint die Fä­hig­keit, in Echt­zeit zwi­schen Re­le­van­tem und Ne­ben­säch­li­chem zu un­ter­schei­den, auch dann, wenn Spre­chen­de sich ver­has­peln oder un­klar for­mu­lie­ren. Re­duk­ti­on ist das Ver­dich­ten des We­sent­li­chen, oh­ne den Sinn zu ver­fäl­schen.

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Fo­to: C.E. (Ar­chiv)

Mittwoch, 22. April 2026

Einfach (zu komplex)

Ein­blick in den Ar­beits­all­tag ei­ner Dol­met­sche­rin kön­nen Sie auf die­sen Sei­ten neh­men. Mei­ne Mut­ter­spra­che ist Deutsch, ich ar­bei­te über­wie­gend mit Fran­zö­sisch und Eng­lisch, die Büro­kol­le­gin über­setzt in die eng­li­sche Spra­che. KI-Mitt­woch!

Vor­hin be­kam ich eine Ton­nach­richt, kurz da­vor war mir auf­ge­fal­len, dass DeepL auch Sound trans­kri­biert und so­fort über­trägt, „Sprach­über­set­zung in Echt­zeit“ nen­nen sie dies. Wir Pro­fis wür­den „Über­tra­gung“ sa­gen und nicht „Über­set­zung“, für uns ist Letz­te­res an uns Men­schen ge­bun­den.

Test! Ich spu­le den Sound­file ab und schaue mal, was DeepL leis­tet.

Hin­ter­grund: Eine Freun­din, die nach Ber­lin reist sitzt im blo­ckier­ten Zug. Sie hät­te ei­gent­lich zu nor­ma­len Zei­ten bei uns ein­tref­fen sol­len. Es ist aber et­was Schlim­mes pas­siert, etwas, wo­von die Me­di­en zum Glück nicht in dem Maße be­rich­ten, wie es ge­schieht. Das ist kom­plett rich­tig so, um den Wer­ther-Ef­fekt zu ver­mei­den.

„Wir wis­sen nicht, wie sich die Din­ge ent­wi­ckeln wer­den“ ... ist kor­rekt über­tra­gen. An­sons­ten hat sich die Per­son lei­der nicht IN den Zug ge­wor­fen. 

Men­schen kom­mu­ni­zie­ren häu­fig in Aus­nah­me­fäl­len, spre­chen über Be­son­de­res bei Kon­fe­ren­zen, stel­len Neu­e­run­gen auf der Mes­se vor oder Ent­de­ckun­gen bei Fach­ge­sprä­chen un­ter Kol­leg:in­nen. Die KI nimmt im­mer das, was am wahr­schein­lichs­ten er­scheint auf­grund des ihr zur Ver­fü­gung ge­stell­ten Trai­nings­ma­te­ri­als. Man­che The­men kom­men nicht oft in der Öf­fent­lich­keit vor, sind Fach­wis­sen, De­tails, die schwer zu ent­schlüs­seln sind, der be­rühm­te Ele­fant im Raum oder ... sie­he oben.

devant le train. Et on ne sait pas comment les... choses vont se... poursuivre. Voilà. Juste pour que tu saches. Pourquoi. Tu vas. Tout coucher tard ce soir. Voilà. Je t'embrasse et à très bientôt. Pépé. // Warum. Du gehst. Alles spät ins Bett bringen heute Abend. So. Ich drücke dich und bis ganz bald. Opa

Was ist hier pas­siert? Auf Deutsch er­ge­ben sich Fra­ge­zei­chen: Wer bringt wen spät am Abend zu Bett? Die Kol­le­gin hat ne­ben dem Den­ken viel­leicht auch die Um­ge­bung be­trach­tet, war ab­ge­lenkt, ihre Sät­ze wa­ren vol­ler Pau­sen. Die KI hat Punk­te ge­setzt, lau­ter kur­ze Sät­ze dar­aus ge­macht und ein Wort miss­ver­stan­den: te cou­cher als tout cou­cher um­in­ter­pre­tiert, aus „dich schla­fen­legst“ wur­de „al­le schla­fen­le­gen / zu Bett brin­gen“.

Ge­sagt hat sie, von mir über­setzt: „Nie­mand weiß, wie das hier wei­ter­geht ... So, da­mit Du weißt, war­um du heu­te Abend spät ins Bett ge­hen wirst.“

Und mein fran­zö­si­scher Opa war nicht der An­ru­fer, ich habe kei­nen. Die­ses pé­pé hat die KI kom­plett er­fun­den. Im Zug wur­de eine Durch­sa­ge ge­star­tet und mei­ne Freun­din hat schnell die Ton­auf­nah­me be­en­det.

Die KI ist ge­schei­tert an: au­ßer­ge­wöhn­li­chen In­for­ma­tio­nen, Nach­den­ken beim Spre­chen (tun wir Men­schen halt, schlimm, schlimm), ab­ge­lenkt sein, Ne­ben­ge­räu­schen (te -> tout), nichts vom Kon­text wis­sen.

Sol­che tech­ni­schen An­ge­bo­te wie die von DeepL kön­nen im All­tag tat­säch­lich für vie­le eine Er­leich­te­rung brin­gen. Men­schen oh­ne ge­mein­sa­me Spra­che hät­ten sonst wohl auf sim­pli­fied Eng­lish kom­mu­ni­ziert. Sie wer­den das bei tech­nik­in­du­zier­ten Miss­ver­ständ­nis­sen wie in un­se­rem Bei­spiel wei­ter­hin ma­chen. In der Nut­zung des tech­ni­schen Diens­tes wä­ren also En­er­gie und Kühl­was­ser ver­schwen­det wor­den.

Im kon­kre­ten Fall wä­re bes­ten­falls ein Lu­xus­pro­blem ge­löst und kei­ner Dol­met­scher:in der Job weg­ge­nom­men wor­den. Zu die­ser Art von Kom­mu­ni­ka­tion wur­den noch nie  Pro­fis hin­zu­ge­zo­gen.

Es ist ein Fehler aufgetreten.

Ich habe die Tech­nik ge­tes­tet, als ich beim Tee in der Kü­che saß. Dort ist das Netz nicht so sta­bil. Ich schät­ze mal, dass des­halb das Pro­gramm drei Mal ab­ge­stürzt ist. Wir Dol­met­scher:in­nen ar­bei­ten auch dann, wenn es kei­nen Strom gibt.

Soll­ten ei­nes Ta­ges sol­che Gim­micks bei re­le­van­ten Auf­ga­ben ein­ge­setzt wer­den, ha­ben wir als Ge­sell­schaft ein schwer­wie­gen­des Pro­blem, das ist dann le­bens­ge­fähr­lich und nicht rechts­sicher. Ich den­ke an Si­tua­tio­nen im Asyl­ver­fah­ren, in der Er­mitt­lung im Kri­sen­fall, vor Ge­richt, im Kran­ken­haus oder über­all dort, wo Kom­mu­ni­ka­tion wich­tig ist, kann das nur schief­ge­hen. Wenn die Tei­le spä­ter mal bes­ser ge­wor­den sind oder sein wer­den, viel Luft ist bei der ak­tu­el­len Tech­nik noch, müs­sen künf­tig TROTZ­DEM wei­ter­hin pro­fes­sio­nel­le Dol­met­scher:in­nen ein­ge­setzt wer­den, denn nur die­se kön­nen si­cher­stel­len, dass die In­hal­te stim­men.

Résumé: „KI-Dol­met­schen“ ist ein Oxy­mo­ron, der klas­si­sche Wi­der­spruch in sich. Ich glau­be, er kommt di­rekt nach „di­gi­ta­len Emo­tion­en“. In­ter­na­tio­nale Ins­ti­tu­tio­nen, die da­mit ex­pe­ri­men­tiert hat­ten, sind zu mensch­li­chen Dol­met­scher:in­nen zu­rück­ge­kehrt. Und so hal­ten es der­zeit vie­le Kun­den nach ers­ten aus­führ­li­chen Tests.

Sprach­no­tiz
vi­tal,e — le­ben­dig
Das Wort ist der­zeit recht be­liebt und wird auch ver­wen­det, wenn eine le­bens­be­droh­li­che La­ge ein­ge­tre­ten ist, son pro­gnos­tic vi­tal est en­ga­gé ha­be ich neu­lich im Kran­ken­haus dol­met­schen müs­sen, sei­ne/ih­re Le­bens­er­war­tung ist ge­fähr­det.

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Gra­fik: DeepL.com

Dienstag, 21. April 2026

Mediendolmetschen (9)

Will­kom­men bei mei­nem Blog aus der Ar­beits­welt der Spra­chen. Ich bin Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin. Wie wir Dol­met­sche­rin­nen und Über­set­zer ar­bei­ten, ist oft nicht so ge­nau be­kannt. Des­halb schreibe ich hier im 20. Jahr.

Die An­fra­ge muss ich zwei­mal le­sen: Fünf Stun­den Si­mul­tan­dol­met­schen, ver­teilt auf drei Ta­ge, Dreh in Mar­seil­le, Ge­samt­ho­no­rar: 350 Eu­ro. Vor­aus­set­zung: vor Ort le­ben und Zeit ha­ben, am bes­ten noch ein Au­to ha­ben, denn auch ei­ne Fah­re­rin oder ein Fah­rer feh­len noch im Team. Ob ich je­man­den ver­mit­teln kön­ne, viel­leicht ei­ne frü­he­re Stu­den­tin?

Kopf als Graffiti an der Wand (mit Technik?)
Ein Kopf oh­ne Mund, oder? Dafür mit Au­ge, Na­se und Ohr.
Das ist kein Ho­no­rar, das ist ei­ne Ent­schei­dung: Hier wer­den keine Pro­fis ge­sucht, son­dern Lai­en. Ja, es gibt be­gab­te Lai­en. Aber wer un­ter die­sen Um­stän­den ei­nen sol­chen Auf­trag zu­sagt, ist wahr­schein­lich neu da­bei und ahnt nicht, was pas­sie­ren kann, oder ihm/ihr ist Do­ku­men­tar­film ei­gent­lich egal.

Aber beim Me­di­en­dol­met­schen geht es nicht um „ir­gend­wie ver­ständ­lich". 

Da ist das Setting: Je­mand führt ein Ge­spräch, das zur Grund­la­ge ei­nes Films wer­den oder darin et­was Wich­ti­ges il­lus­trie­ren soll. Es wer­den Fra­gen ge­stellt, die Re­gie muss die Ant­wort hö­ren. Nicht spä­ter im Schnitt, nicht ent­stel­lend oder ver­kürzt zu­sam­men­ge­fasst, son­dern live (oder leicht zeit­ver­setzt). Das ist die Vor­aus­set­zung für ei­nen ech­ten Dia­log vor der Ka­me­ra, nur so kann nach­ge­hakt und der Fa­den ge­hal­ten wer­den oder die Rich­tung ge­än­dert. Nur so ent­steht Ma­te­ri­al für den Schnei­de­raum. Das, soll­te al­les schief­ge­hen, nicht oder kaum ver­wen­det wer­den kann.

Im Detail geht es um gan­ze Sät­ze, um Ein­deu­tig­keit und da­rum, sowas wie „ja, durch­aus, wie ich vor­hin schon ge­sagt ha­be ..." zu ver­mei­den.

Bei­de Spra­chen ei­ni­ger­ma­ßen zu be­herr­schen, ist die ei­ne Sa­che. Von ei­nem Idi­om ins näch­ste zu über­tra­gen, die an­de­re. Der fran­zö­si­sche Fah­rer mit deut­scher Frau macht das pri­vat. Die Stu­den­tin im Grund­stu­di­um, die seit ei­nem Se­mes­ter in Mar­seil­le lebt, über­trägt manch­mal noch im Kopf. Das reicht für pri­va­te Si­tua­tio­nen. Aber über vie­le Mi­nu­ten und Stun­den kon­zen­triert zu­zu­hö­ren und dann auch noch die In­hal­te sau­ber zu über­tra­gen, ist noch ein­mal et­was ganz an­de­res.

Ein­schub: Von je­nen, die Dol­met­schen stu­die­ren möch­ten, wer­den nicht al­le an­ge­nom­men, und nicht al­le blei­ben im Stu­di­um da­bei. Von je­nen, die sich spä­ter am Markt ver­su­chen, schei­den vie­le rasch wie­der aus. Es blei­ben je­ne, die da­mit klar­kom­men, stän­dig im Wech­sel Sprints zu lau­fen und dann ak­tiv zu pau­sie­ren, nur zu­zu­hö­ren ... und das auf ei­ner Ma­ra­thon­stre­cke. Ei­ne Ar­beit, die wir über Jah­re trai­nie­ren. Ein­schub­en­de.

Bei si­mul­ta­nem Dol­met­schen gilt: Lai­en schaf­fen in der Re­gel fünf Mi­nu­ten, dann lie­fern sie 50 oder 20 Pro­zent des Ge­sag­ten. Die Kur­ve ist in­di­vi­du­ell. Wie lan­ge bleibt die Über­tra­gung ak­ku­rat, wenn die Sät­ze län­ger wer­den, wenn je­mand ab­bricht, neu an­setzt, sich wi­der­spricht? Wann kippt es von „passt schon" in „ir­gend­wie"?

Bei kon­se­ku­ti­vem Dol­met­schen wird es auch nicht leich­ter: ei­ne Über­tra­gung, die zu früh kommt, liegt auf dem Ori­gi­nal­ton. Ei­ne, die zu spät kommt, macht al­le ner­vös und nimmt dem Red­ner den Flow des Ge­sprächs. Auch hier lie­fern Über­tra­gun­gen mit vie­len Lö­chern we­nig An­satz­punk­te für Rück­fra­gen.

Bei sol­chen Set­tings kann meis­tens nur der Fra­ge­zet­tel ab­ge­ar­bei­tet wer­den. Ein ech­tes Ge­spräch kommt nicht zu­stan­de. Wi­der­sprü­che, bei de­nen so­fort nach­zu­fra­gen ge­we­sen wä­re, zei­gen sich erst spä­ter schmerz­lich im Schnitt.

Schon bei der Ar­beit merkt auch das Team, dass et­was fehlt. Die Per­son an der Ka­me­ra merkt es zu­erst. Sie weiß nicht mehr, wann ein be­son­de­rer Mo­ment ent­steht, wann sich ein Blick lohnt, wann gleich et­was pas­siert. Sie filmt ins Un­ge­fäh­re. Die Ton­tech­nik läuft mit, aber sie weiß nicht, ob sie ge­ra­de ei­nen Ge­dan­ken ver­liert oder nur ei­ne Pau­se auf­nimmt. Das gan­ze Set ar­bei­tet oh­ne si­che­ren Bo­den.

Ich den­ke an man­chen Fi­nanz­men­schen in der Film­pro­duk­ti­on, der so tut, als lie­ße sich Ver­ste­hen spä­ter nach­lie­fern. Ge­sprä­che, ein mensch­li­cher „Draht", Wahr­haf­tig­keit und auch über­ra­schen­de Mo­men­te ent­ste­hen aber vor Ort im In­ter­view, im Au­gen­blick und nicht im Schnei­de­raum. Wir Pro­fi­dol­met­scher:in­nen er­mög­li­chen frei­en Aus­tausch oh­ne Sprach­bar­rie­ren, kein Ab­ar­bei­ten ei­ner Fra­ge­lis­te, kein Sto­chen im Ne­bel oder Flu­chen über Un­ge­nau­ig­kei­ten oder hal­be Sät­ze oder die­se „rie­si­ge Dis­tanz" zur in­ter­view­ten Per­son.

Was im Schnitt fehlt, fehlt. Und die Film­pro­duk­ti­on wird es spä­ter be­zah­len. Was ein­ge­spart wur­de, wan­dert in die Mehr­kos­ten in der Post­pro­duk­ti­on. Dort zahlt auch die Re­gie mit Herz­blut, weil die In­ter­view­ten nicht das Er­hoff­te „brin­gen". Schließ­lich kos­tet die Im­pro­vi­sa­ti­on den Film auch Qua­li­tät. Lei­der lässt sich das in der Film­kal­ku­la­ti­on nicht be­zif­fern.

Und ob­wohl die KI hier nicht er­wähnt wur­de, so schweb­te sie als be­droh­li­ches Ar­gu­ment über der Sze­ne­rie, um den Preis zu drüc­ken. Aber die KI kann's nicht. Ih­re an­geb­lich ho­hen „Er­folgs­ra­ten“ aus der Wer­bung wur­den im La­bor nach lan­gen Trai­nings er­reicht, da­zu mor­gen mehr. In der Pra­xis schafft sie, Be­ob­acht­un­gen nicht nur von Pro­fis zu­fol­ge, um die 50 Pro­zent, und ne­ben Lüc­ken kommt es zu viel­leicht 20 Pro­zent er­fun­de­nem KI-Schwur­bel. Na dann, viel Glück beim Sor­tie­ren und viel Spaß!

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Fo­to:
C.E. (Ar­chiv)

Montag, 20. April 2026

Montagsschreibtisch (136)

Den Ar­beits­all­tag ei­ner Dol­met­scherin finden Sie auf diesen Sei­ten skiz­ziert. Meine Mut­ter­spra­che ist Deutsch, ich arbei­te über­wie­gend als Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin mit Fran­zö­sisch und Eng­lisch. Los geht's in ei­ne neu­e Wo­che!

Abgeschabte Buchstaben auf Tastatur
Zwei Dut­zend Dreh­bücher spä­ter ...
D
ie­se Wo­che liegt auf dem Schreib­tisch:
❀ ak­tu­el­le Po­li­tik
❀ Be­ra­tung: Me­dien­dol­met­schen
❀ An­ge­bo­te schrei­ben

Ger­ne schrei­be ich auch für Sie ein Preis­an­ge­bot! Ich ha­be zu­dem noch Ka­pa­zi­tä­ten für Dreh­buch­über­set­zun­gen frei. Und lan­ge schon ei­ne neue Tas­ta­tur ...
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Fo­to:
C.E. (Ar­chiv)

Sonntag, 19. April 2026

Mademoiselle Baye

Was Dol­met­sche­rin­nen und Über­set­ze­rin­nen, Über­set­zer und Dol­met­scher so um­treibt, kön­nen Sie hier aus der Per­spek­ti­ve ei­ni­ger Pro­fis mit­le­sen. Vor al­lem bloggt hier Ca­ro­li­ne Eli­as, Se­nior con­fe­rence in­ter­pre­ter, Ber­lin, für die fran­zö­si­sche Spra­che. Im Eng­li­schen meint se­nior schlicht: sehr er­fah­ren, kurz: „Dol­met­sche­rin mit viel Be­rufs­er­fah­rung“. Mei­ne Dritt­spra­che ist Eng­lisch, was auch die Ziel­spra­che mei­ner Bü­ro­kol­le­gin ist.

Vie­le Be­rufs­jah­re brin­gen vie­le Er­in­ne­run­gen mit sich. Heu­te bin ich sehr trau­rig. Be­vor der Re­gen kommt, ma­chen wir ei­nen Sonn­tag­mor­gen­spa­zier­gang in Ge­dan­ken an Na­tha­lie Baye, die let­zte Wo­che mit nur 77 Jah­ren ge­stor­ben ist.

Tisch, Stüh­le, Buf­fet, Por­trait im Rah­men, Lüs­ter, Ka­min, Sitz­ecke am Fens­ter, Pflan­zen
Sa­lon vor 100 Jah­ren
Sie war ei­ne mei­ner Lieb­lings­schau­spie­le­rin­nen auf der Lein­wand und auch im wirk­li­chen Le­ben, weil Ma­de­moi­sel­le Baye bei der Dol­met­sch­ar­beit in un­end­li­chen In­ter­view­rei­hen, den so­ge­nann­ten Press Jun­kets, am lus­tigs­ten und mun­ters­ten von al­len war, um die ich mich je­mals küm­mern durf­te (... und nur knapp da­hin­ter: Clau­de Cha­brol).

Ihre Warm­her­zig­keit und Schlag­fer­tig­keit ha­ben mir im­po­niert. Sie wuss­te, dass die­ses stun­den­lan­ge Fra­ge-Ant­wort-Spiel für uns bei­de ähn­lich an­stren­gend war, aber ihre Bo­den­stän­dig­keit und dass sie kein Auf­he­bens um sich mach­te, lie­ßen die Stun­den kür­zer und die Ar­beit leich­ter er­schei­nen, als sie wa­ren. An­gli­ka Schou­ler aus Pa­ris hat sie gut in die­sem Zi­tat zu­sam­men­ge­fasst: Les vrais ta­lents n’ont pas be­soin de se la jouer. (Auf Deutsch etwa: "Wah­re Ta­len­te mü­ssen sich nicht wich­tig ma­chen.")

Ich er­in­ne­re mich an ei­ne frü­he Be­geg­nung in ei­ner Lu­xus­suite ei­nes frisch er­öff­ne­ten Ho­tels am Pots­da­mer Platz. Das Haus ist ei­nes der­je­ni­gen, die al­le mög­li­chen For­men aus den Stil­kun­de­bü­chern wild zu­sam­men­mi­xen (... die Ul­tra­post­mo­derne, auch „Rost­mo­der­ne“ ge­nannt, der Scherz am Ran­de sei mir bei ei­nem Winz­nach­ruf er­laubt), und die zu­gleich so tun, als hät­ten sie schon vor hun­dert Jah­ren dort ge­stan­den.

Was jetzt folgt, ist ein Vier­tel­jahr­hun­dert her. Das Haus war das letz­te gro­ße Haus, das am aus dem Bo­den ge­stampf­ten Pots­da­mer Platz auf­ge­macht hat. Die Kli­ma­an­la­ge war noch nicht fein­jus­tiert wor­den. Wir sa­ßen buch­stäb­lich im Wind.

Sie ließ je­man­den kom­men und sag­te: Pour­riez-vous, s'il vous plaît, ré­duire cet af­freux cou­rant d’air ? Nous ne par­ti­ci­p­ons pas ici à un test en tun­nel aé­ro­dy­na­mique … mê­me si nos car­ros­se­ries af­fi­chent une aé­ro­dy­na­mique tout à fait com­pé­ti­ti­ve!

Ich ha­be das, glau­be ich, et­was schlich­ter über­tra­gen, in der Art wie: „Dürf­ten wir Sie bit­ten, die Kli­ma­an­la­ge et­was run­ter­zu­fah­ren? Wir mö­gen ele­gan­te For­men ha­ben, hat Frau Baye ge­ra­de ge­sagt, sind aber kei­ne Erl­k­ö­ni­ge im Wind­ka­nal.“ [Da­mals wur­de nur we­nig ge­gen­dert.]

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Gra­fik: C.E.