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| Möge das hier bald Geschichte sein! |
Letztens saß ich für einen TV-Sender als Reservedolmetscherin bereit für den Fall, dass es in Frankreich noch größere Unruhen gegeben hätte. Letzte Nacht habe ich bei den ersten Ergebnissen der Midterms-Wahlen anderen Kolleg:innen zugehört. Und es war spannend. Die Demokraten haben Sitze in Repräsentantenhaus und Senat hinzugewonnen, und zwar „deutlicher als erwartet“ (Jörg Schönborn, ARD).
Jetzt keimt in Europa die Hoffnung auf, dass Deutschland und vielleicht auch Frankreich sich anbahnende extremistische Politikzyklen auslassen könnten. Weil: Das hatten wir in Europa in einer ganz üblen Variante schon mal.
Wer wie wir Dolmetscher:innen viel reist, der oder dem fällt auf, dass vieles aus den USA mit einigen Jahren Zeitverzug nach Europa kommt. Als Kind bin ich schon viel gereist, nordamerikanische Lebenswelten kamen auch über das Fernsehen frei Haus. Mir ist so schon als Pre-Teen aufgefallen, wie stark der Westen Deutschlands amerikanisiert war — vor dem Hintergrund vieler, vieler Aufenthalte bei der Familie in Sachsen, damals noch hinter der Mauer. (Das irgendwie „deutschere“ Deutschland war für mich immer die DDR, im Guten wie im Schlechten.)
Nun, „Orange Face“ ist ab heute eine „lahme Ente“, a lame duck, faktisch passé. Er wird weiter seine Wahnsinnsreden halten, die kaum zu dolmetschen sind, mit Zöllen und Vetos drohen, seinen „Ballroom“ als Geldwaschmaschine und zum Einflusshandel nutzen und, ja, leider, Kriegsherr spielen und Blockaden auslösen. Aber wie die ausgehöhlten Hokkaidoköpfe mit Gesichtszügen und Kerze drin vor nicht einmal einer Woche, die sich jetzt langsam zersetzen, wird sein unerfreuliches Antlitz ... Ach, keine Lust mehr, den Satz weiterzuschreiben.
Schön, dass die Demokraten sogar in republikanischen Hochburgen wie Texas, Kansas oder Iowa Sitze hinzugewonnen haben. Zu viele Menschen haben am eigenen Geldbeutel gemerkt, dass die Rechtsextremen sich (ähnlich wie die Braunen damals) vor allem dadurch auszeichnen: fachliche Inkompetenz, Hang zur Bestechlichkeit bis hin zur Kleptokratie, hochprofessionell in Propagandadingen, kriegerisches und aggressives Verhalten anderen gegenüber inklusive Sündenbockrhetorik und Menschenrechtsverletzungen. Das gilt für Politik im Inland und gegenüber anderen Ländern.
Die Geschichtsbücher kennen weitere Beispiele. Leider reicht es nicht aus, Weltgeschichte zu unterrichten. Viele Menschen brauchen wohl eigene Erfahrungen, bis die Erkenntnisse ins Unterbewusstsein kommen.
Die Forschung spricht nun davon, dass die sogenannte Trickle down-Theorie nicht funktioniert. (Also dass es, wenn es den Reichen oberprima geht, auch für die Ärmsten einige Krümel abfallen.) Ebenso ist bekannt, dass ein Land sicherer sowie innovativer ist, wenn der Reichtum gerechter verteilt ist. Auch die Volkswirtschaft in solchen Ländern ist stabiler und weist durchschnittlich ein besseres, gesünderes und auch höheres Wachstum auf. Last but not least sind dort Reformen möglich, die von der breiten Masse getragen werden ... vielleicht angefangen bei der nötigen Reform dessen, wie wir Wachstum definieren.
„Der Ton ist weg ... Es tut mir leid, der Ton ist weg“, sagt der Dolmetschkollege im ARD-Studio in Hamburg, weil er nicht genau hören kann, was junge Frauen aus einem seit 1988 republikanischen Staat zu sagen haben. Sie erleben zum ersten Mal in einem Leben einen echten politischen Wechsel. Dort ist eine neue Generation politisiert worden durch gravierende Missstände.
Dolmetschen ist in solchen Situationen auch demokratische Infrastruktur. Wir sorgen dafür, dass Menschen überhaupt verstehen können, was andere sagen. Dazu gehört ganz grundsätzlich, und das ist essentieller Teil unseres Berufsethos, dass wir nichts reparieren, nichts beschönigen und auch den Unsinn als Unsinn erkennbar lassen. Gerade in aufgeheizten politischen Zeiten ist das keine geringe Verantwortung.
Die beschriebene Entwicklung ist nicht auf Nordamerika beschränkt. Der verbindende Punkt sind die explodierten Lebenshaltungskosten, darunter Mieten. Aber überall ist die Chancengleichheit beschädigt, Stichwort: gebrochenes Aufstiegsversprechen, verschärft durch Auswüchse der KI, deren Entwicklung ohne Regeln und Schranken zu verlaufen scheint.
Und das Ganze vor dem Hintergrund der immer mehr an den Rand der Debatten gedrängten Biodiversitäts- und Klimakatastrophe, die uns so oder so noch böse auf die Füße fallen wird. Im Grunde bräuchten wir jetzt überall eine Verständigung auf eine Krisenwirtschaftspolitik, die das Soziale und die Biodiversität und das Klima in den Mittelpunkt rücken. Bei Letzterem können wir inzwischen die Katastrophe nur noch abmildern.
Und gleich noch ein Blick auf Europa: Die jungen Menschen, die derzeit demonstrieren, sind noch nicht wütend genug, was die bedrohte Zukunft angeht.
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Grafik: KI







