Mittwoch, 28. Oktober 2026

Die KI warnt

Gu­ten Tag, lie­be Kol­le­gin­nen, Kol­le­gen und ge­schätz­te Mit­le­sen­de aus Wirt­schaft, Wis­sen­schaft und Di­plo­ma­tie! Hier bloggt im 20. Jahr eine Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin und Über­set­ze­rin mit den Spra­chen DE, FR und EN. Heu­te: KI-Mitt­woch!

Mir ist gerade die Zeit knapp. Da­her habe ich die KI gefragt, ob sie Fil­me ein­spre­chen könn­te, da­rü­ber ha­be ich ges­tern ge­schrie­ben (Link). 

Die KI er­kennt we­der Zu­sam­men­hän­ge noch Wich­tig­keit
Für den Hin­ter­kopf: In den Schluss­fol­ge­run­gen stimmt das auch fürs Dol­met­schen von Kon­fe­ren­zen, hier so­gar noch viel mehr, weil die KI mit Emo­tio­nen, kul­tu­rel­len Hin­ter­grün­den und Spon­ta­nem nicht klar­kommt.

Un­ter Spon­ta­nem mei­ne ich schnel­len Sprach­wech­sel, Hin­ter­grund­ge­räu­sche, über­lap­pen­de Stim­men, Dia­lek­te und Ak­zen­te, Sprech­feh­ler und ins Off Ge­spro­che­nes, al­so vom Mi­kro­fon weg­ge­spro­che­ne Sät­ze. Sol­che Mo­men­te sind All­tag für uns Dol­met­scher:in­nen.

Das Gan­ze ist ein­fach er­klärt: Wir Men­schen ma­chen vie­le Feh­ler. Die KI al­ler­dings schei­tert dar­an meis­tens. Das mensch­li­che Le­ben ist zu cha­o­tisch für die KI.

Stu­di­en der WHO zu­fol­ge gibt die KI bei Kon­fe­renz­set­tings we­ni­ger als 50 Pro­zent der Be­grif­fe ei­ni­ger­ma­ßen kor­rekt wie­der. Die Nu­­an­ce und die Zu­ord­nung der Wör­ter stim­men al­ler­dings oft nicht und werden dann noch durch Aus­las­sun­gen und von Hal­lu­zi­na­tio­nen ge­färbt und in der Ge­wich­tung be­ein­flusst. Fa­zit: un­brauch­bar.

Theo­re­tisch müss­te die KI bei vor­be­rei­te­ten In­hal­ten bes­ser da­ste­hen, oder? Was jetzt folgt, meint die KI selbst, ChatGPT. Die Ant­wort habe ich leicht ge­kürzt.

„Ja, tech­nisch be­trach­tet kann KI Fil­me ein­spre­chen. Aber zwi­schen ei­ner tech­nisch brauch­ba­ren Sprach­spur und ei­ner ge­lun­ge­nen Film­ein­sprache liegt ei­ne er­heb­li­che Lü­cke. Ge­ra­de aus Dei­ner Pra­xis ist die Un­ter­schei­dung in­te­res­sant.

Was KI heu­te leis­ten kann

— Text über­set­zen: Sie kann Dia­lo­ge aus dem Ori­gi­nal oder vor­han­de­nen Un­ter­ti­teln über­set­zen. Da­bei kön­nen al­ler­dings Be­deu­tungs­nu­an­cen, Iro­nie, Fi­gu­ren­be­zie­hun­gen und kul­tu­rel­le An­spie­lun­gen ver­lo­ren ge­hen. 
— Stim­men er­zeu­gen: Syn­the­ti­sche Stim­men kön­nen Tex­te mit un­ter­schied­li­cher Stimm­far­be, Sprech­ge­schwin­dig­keit und In­to­na­ti­on vor­le­sen.
— Ti­ming an­pas­sen: Ei­ne Sprach­spur lässt sich an­hand von Time­codes auf die Film­bil­der ab­stim­men. Auch Pau­sen und un­ge­fäh­re Sprech­dau­er las­sen sich be­rück­sich­ti­gen.
— Meh­re­re Rol­len spre­chen: Ein Sys­tem kann ver­schie­de­nen Fi­gu­ren un­ter­schied­li­che syn­the­ti­sche Stim­men zu­wei­sen. Es kann so­gar ver­su­chen, Emo­tio­nen und Sprech­wei­sen zu va­ri­ie­ren.
Das heißt: Ei­ne KI kann heu­te ei­ne kom­plet­te, tech­nisch syn­chro­ni­sier­te Sprach­fas­sung er­zeu­gen. Sie muss da­für nicht ein­mal den Film so ver­ste­hen, wie ein Mensch ihn ver­steht.

Was da­bei noch lan­ge nicht au­to­ma­tisch ge­lingt:

1. Den Film ver­ste­hen

Ei­ne Fi­gur kann iro­nisch spre­chen, ob­wohl die Wor­te neu­tral er­schei­nen. Ein Blick kann ei­nen Satz in sein Ge­gen­teil ver­keh­ren. Ein Pferd ist nicht ein­fach ein Pferd, wenn der Dia­log spä­ter vom Rap­pen han­delt. Wer den Zu­sam­men­hang nicht er­fasst, kann zwar Wör­ter rich­tig aus­spre­chen, aber trotz­dem den Sinn ver­feh­len.

2. Die Fi­gu­ren aus­ein­an­der­hal­ten

Beim Ein­spre­chen über­nimmt ei­ne Per­son sämt­li­che Rol­len. Sie muss nicht je­de Stim­me schau­spie­le­risch neu er­fin­den, aber sie muss dem Pu­bli­kum hel­fen, Spre­cher­wech­sel, Be­zie­hun­gen und emo­tio­na­le Ver­än­de­run­gen zu er­fas­sen. Ei­ne KI kann un­ter­schied­li­che Stim­men er­zeu­gen. Ob sie die Dra­ma­tur­gie ei­nes Dia­logs an­ge­mes­sen ver­mit­telt, ist ei­ne an­de­re Fra­ge.

3. Im rich­ti­gen Mo­ment re­a­gie­ren

Du kannst wäh­rend der Vor­füh­rung nicht ein­fach auf Pau­se drü­cken. Du musst wis­sen, wann Du Dich an den Text hal­ten kannst, wann Du Luft ho­len musst und wann Du trotz ei­nes un­er­war­te­ten Er­eig­nis­ses wei­ter­spre­chen soll­test.

Ei­ne KI kann Time­codes ab­ar­bei­ten und auf tech­ni­sche Si­gna­le re­a­gie­ren. Aber wenn die fal­sche Film­fas­sung läuft, ein Akt ver­tauscht wur­de oder ein Un­ter­ti­tel fehlt, hängt die Qua­li­tät da­von ab, ob das Sys­tem die Ab­wei­chung er­kennt, sie rich­tig ein­ord­net und an­ge­mes­sen dar­auf re­a­giert. Das ist nicht das­sel­be wie ei­ne vor­be­rei­te­te Sprach­spur ab­zu­spie­len. 

4. Die ei­ge­ne Leis­tung an die Si­tu­a­ti­on an­pas­sen

Ei­ne mensch­li­che Spre­che­rin nimmt die At­mo­sphä­re im Saal wahr, hört den Ori­gi­nal­ton, re­gis­triert das Tem­po der Bil­der und kann ih­re Leis­tung im Mo­ment an­pas­sen. KI kann ein­zel­ne die­ser Si­gna­le ver­ar­bei­ten. Dar­aus folgt aber nicht au­to­ma­tisch, dass sie die Si­tu­a­ti­on als Gan­zes rich­tig er­fasst.

Mei­ne Ein­schät­zung

Ich wür­de nicht be­haup­ten, KI kön­ne Fil­me grund­sätz­lich nicht ein­spre­chen. Das wä­re tech­nisch nicht halt­bar. Sie kann ei­nen gro­ßen Teil der da­für nö­ti­gen Ein­zel­leis­tun­gen über­neh­men, und bei ein­fa­chen, gut vor­be­rei­te­ten Pro­duk­tio­nen kann das Er­geb­nis durch­aus brauch­bar sein.

Die ent­schei­den­de Fra­ge lau­tet viel­mehr: Wer be­merkt, wenn et­was nicht stimmt – und wer kann es im rich­ti­gen Mo­ment kor­ri­gie­ren?

Dei­ne Ge­schich­te mit den ver­tausch­ten Ak­ten ist da­für ein her­vor­ra­gen­des Bei­spiel. Ei­ne vor­be­rei­te­te KI-Sprach­spur könn­te an ge­nau die­ser Stel­le schei­tern. Ein ent­spre­chend ent­wi­ckel­tes Sys­tem könn­te den Feh­ler viel­leicht er­ken­nen und re­a­gie­ren. Aber die­se Fä­hig­keit müss­te man im kon­kre­ten Ein­satz nach­wei­sen, statt sie aus der Tat­sa­che ab­zu­lei­ten, dass ei­ne KI flüs­sig spre­chen kann.

Und da­rin liegt für mich der Kern: Ei­ne Stim­me zu er­zeu­gen ist nicht das­sel­be, wie ei­nen Film zu ver­mit­teln.“

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Bild:
pixl.com (Zu­falls­fund)

Dienstag, 27. Oktober 2026

Filme einsprechen

Kon­fe­renz­dol­met­schen ist hier im 20. Jahr Ge­gen­stand. Als Deutsch-Mut­ter­sprach­le­rin ar­bei­te ich als Si­mul­tan­dol­met­sche­rin über­wie­gend ins Fran­zö­si­sche und aus dem Eng­li­schen. Mei­ne Bü­ro­kol­le­gin schenkt Ge­schrie­be­nem ihr wun­der­vol­les Eng­lisch. Heu­te eine Mail aus der Pra­xis, wie ich sie ein­mal ge­schrie­ben und drei­mal ver­wen­det habe. Heute: Was ich in der zweiten Woche noch nebenbei mache: Vor­be­rei­tung!

Was ich der­zeit mache: Un­ter­ti­tel be­ar­bei­ten fürs Ein­spre­chen. Bei Film­fes­ti­vals gibt es ver­schie­de­ne Mög­lich­kei­ten, Fil­me zu­gäng­lich zu ma­chen, die nicht auf Deutsch ge­dreht wur­den. Am be­kann­tes­ten sind Un­ter­ti­tel. Syn­chro­ni­sie­run­gen sind dort sel­ten zu se­hen.

Wenn ein Film zum Bei­spiel mit eng­li­schen Un­ter­ti­teln läuft, möch­te nie­mand da­rü­ber und da­run­ter auf in­ter­na­tio­na­len Fes­ti­vals noch je eine Zei­le auf Fran­zö­sisch, Deutsch oder Ita­lie­nisch se­hen, wenn wir zum Bei­spiel von einem in­ter­na­tio­na­len Fes­ti­val in Ita­li­en aus­ge­hen, oder zu­sätz­lich auf Spa­nisch und Rus­sisch, wenn ich an vie­le Jah­re der Ber­li­na­le den­ke.

Zwei Laptops auf dem Tisch, der dritte außerhalb des Bildrands oben
Der Trend geht zum Dritt­mo­ni­tor
Da­für gibt's dann Dol­met­scher­in­nen, die Fil­me ein­spre­chen. Da­bei geht es da­rum, In­halt und Dy­na­mik des Films auf Deutsch wie­der­zu­ge­ben, ohne die Ori­gi­nal­fas­sung voll­stän­dig zu er­set­zen. Ihr Ton bleibt wei­ter­hin hör­bar, der Klang der Stim­men und die Ge­räu­sche des Films blei­ben hör­bar. Wenn's gut läuft, nimmt das Pu­bli­kum al­les als Ein­heit wahr und merkt ir­gend­wann kaum noch, dass Letz­te­re al­le Rol­len spricht.

Das ist der eine zen­tra­le Un­ter­schied zum Syn­chro­ni­sie­ren von Fil­men: Hier wer­den die Rol­len von ver­schie­de­nen Spre­cher:in­nen auf Deutsch neu in­ter­pre­tiert, mög­lichst lip­pen­syn­chron zum Ori­gi­nal; dort aber muss eine Per­son Atem und Aus­dau­er für al­le Fi­gu­ren und die abend­fül­len­de Spiel­film­län­ge ha­ben.

Un­se­rei­ner darf da­bei nicht an den Dia­lo­gen kle­ben, son­dern soll den Film ge­nau ken­nen. Als Ers­tes se­hen wir die Fil­me, man­che Stel­len mehr­fach. Dann ma­chen wir uns an die Ti­tel. Die Un­ter­ti­tel­lis­te kommt mit dem Film­link. In­zwi­schen kann die KI un­ter­stüt­zend hel­fen, wenn es um ers­te Über­set­zungs­vor­schlä­ge geht. An den Time­codes se­he ich, wo es knapp wird und wo Pau­sen zum Durch­at­men sind. Denn wäh­rend­des­sen gibt es kei­ne Pau­sen­tas­te, mit der ich eine schwie­ri­ge Stel­le in der Vor­füh­rung wie­der­ho­len könn­te. Und es ist wie beim Dol­met­schen: Ich muss lan­ge ex­trem gut auf et­was kon­zen­triert sein, erst in der Vor­be­rei­tung, dann spä­ter in der Film­vor­füh­rung.

Ein­mal wur­den, da­mals gab es noch Film­rol­len, zwei Ak­te ver­tauscht. Das war Stress pur. Und ein Glück, dass ich mit dem Com­pu­ter in der Dol­met­scher­ka­bi­ne saß. Auf­trat: ein Pferd. Ich wuss­te, dass von dem schwar­zen Hengst als „der Rap­pe“ ge­spro­chen wur­de. SchnellCopy & Paste ge­nutzt und nach ei­nem win­zi­gen Sen­de­loch mit ru­hi­ger Stim­me wei­ter­ge­spro­chen.

Spä­ter dann der zwei­te Sprung. Es gab zum Glück ei­nen an­de­ren Be­griff, an den ich mich gut er­in­nern konn­te. Der Aus­gangs­film war ara­bisch­spra­chig, ich konn­te mich al­so nicht am Ori­gi­nal­ton ori­en­tie­ren. Und was soll ich sa­gen: Der Film war ge­heim­nis­voll und dicht und as­so­zia­tiv. Die Ver­wech­se­lung der Ak­te ist nie­man­dem auf­ge­fal­len, nicht ein­mal dem Ku­ra­tor des Pro­gramms, Ul­rich Gre­gor vom Ki­no Ar­se­nal, der am En­de et­was sag­te wie, er ha­be den Film ein klei­nes biss­chen an­ders in Er­in­ne­rung ge­habt.

Bei ei­ner an­de­ren Kol­le­gin lief ein­mal eine Ver­si­on oh­ne jeg­li­che Un­ter­ti­tel in ei­ner Spra­che, die sie nicht kann­te. Ih­rer gu­ten Vor­be­rei­tung sei Dank, war ihr Ein­spre­chen syn­chron zu den Bil­dern, ob­wohl sie den Film na­tür­lich nicht syn­chro­ni­siert hat.

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Fo­to: C.E.

Montag, 26. Oktober 2026

Montagsschreibtisch (162)

Den Ar­beits­all­tag einer Dol­met­scherin finden Sie auf diesen Sei­ten skiz­ziert. Meine Mut­ter­spra­che ist Deutsch, ich arbei­te über­wie­gend mit Fran­zö­sisch und Eng­lisch auf Kon­fe­ren­zen, De­le­ga­tions­rei­sen, im No­ta­riat oder bei Fes­ti­vals. Die Büro­kol­le­gin schenkt den Pro­jekten ih­rer Kund­schaft ih­re wun­der­vol­le eng­li­sche Spra­che. Der Schei­tel­punkt der Herbst­sai­son liegt hin­ter uns, und es sind noch et­li­che Ter­mi­ne frei! 

Emmy im Büro (1926)
Der Mon­tags­schreib­tisch ist vol­ler Map­pen mit Aus­druc­ken für das si­mul­ta­ne Dol­met­schen von Fil­men auf ei­nem Fes­ti­val. Ich muss Ord­nung rein­brin­gen. Aber nicht nur hier ...

Auf dem Schreib­tisch:
❦ Un­ter­la­gen und Le­xi­ken von KW 43
❦ Be­le­ge und neue An­fra­gen
❦ Fes­ti­val vor­be­rei­ten
❦ Ter­mi­ne, mit Blei­stift no­tiert

Bei den Blei­stift­ter­mi­nen darf ich nach­ha­ken. Das sind un­be­stä­tig­te Re­ser­vie­run­gen. Viel zu tun al­so. In mei­ner Familie gab es in den letzten Jahr­zehn­ten ei­nen Spruch: „Im­mer hat das Mäd­chen sei­nen frei­en Tag, wenn wir es brau­chen!“
Na­tür­lich gab es längst kei­ne Haus­mäd­chen mehr. Und Em­my hat auch frei ...

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Fo­to: Ar­chiv Elias Los­sow

Samstag, 24. Oktober 2026

Outside the box

Hal­lo, hier bloggt ei­ne Sprach­ar­bei­te­rin. Ich ar­bei­te als Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin, bin auch oft kon­se­ku­tiv un­ter­wegs. Mei­ne Mut­ter­spra­che ist Deutsch; ich dol­met­sche über­wie­gend ins Fran­zö­sisch und aus dem Eng­li­schen. Mei­ne Büro­kol­le­gin über­setzt Tex­te in die eng­li­sche Spra­che. Es gibt Wo­chen, da ar­bei­ten wir so­gar am Sams­tag.

Gute Aus­sich­ten nur vor dem Fens­ter
Man­che Kund:in­nen ver­fü­gen über die Mit­tel, um Dol­metsch­pro­fis zu en­ga­gie­ren, nicht aber, um ei­ne Dol­metsch­ka­bi­ne auf­stel­len zu lass­en. So wer­den wir ab und zu auch oh­ne Wän­de um uns her­um ak­tiv.
Wir ar­bei­ten für Hoch­schul­se­mi­na­re, klei­ne Me­dien­pro­jek­te und For­scher­grup­pen, re­gio­na­le Ge­werk­schafts­struk­tu­ren, Kul­tur­ver­ei­ne, Mu­se­en, Men­schen aus der Dias­po­ra, Bil­dungs­wo­chen,...

Im Bild: Der schwie­ri­ge Bil­dungs- und Aus­bil­dungs­stand der jun­gen Ge­ne­ra­tio­nen. Das ist über­all ein Prob­lem. Zu vie­le al­ten Her­ren (und ei­ni­ge Da­men), die nur noch we­ni­ge Jah­re oder Jahr­zeh­nte Le­bens­zeit vor sich ha­ben, be­stim­men, wo's lang geht ... und die Miss­ach­tung der Rech­te des Nach­wuch­ses hat welt­weit für Bil­dungs­miss­stän­de ge­sorgt.

So lässt sich Zu­kunft auch sa­bo­tie­ren.

Als mitt­le­re Ge­ne­ra­tion muss ich sa­gen: Der Nach­wuchs hat recht!

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Fo­to: 
C.E.

Freitag, 23. Oktober 2026

Moment mal! (14)

Herz­lich will­kom­men auf den Blog­sei­ten ei­ner Dol­met­sche­rin, auf de­nen ich über Spra­che und Wör­ter schrei­be. Ich bin Si­mul­tan­dol­met­sche­rin, ar­bei­te bei Kon­fe­ren­zen, auf Mes­sen und be­glei­te De­le­ga­ti­ons­rei­sen. Heu­te Ge­dan­ken zu Schreib­mö­beln und dar­über hin­aus!

Der schnel­le Ein­blick
in mei­nen Be­rufs­all­tag

Mein Blick wan­dert zum obe­ren En­de des Schreib­tischs, wäh­rend ich nach Wör­tern su­che. Die Vor­be­rei­tung von Ter­mi­nen ist oft zeit­in­ten­siv. Da­bei sit­ze ich im Bü­ro, ste­he am Steh­pult, oder aber ich ge­he, wenn das Bü­ro mit ei­ner Schluss­re­dak­ti­on durch die  Über­set­zer­kol­le­gin be­legt ist, zum klei­nen Se­kre­tär im Schlaf­zim­mer, den ich sehr lie­be, ein altes Mö­bel, wie das meis­te hier.

Es gibt seit Jah­ren den Trend, al­te Mö­bel an­zu­strei­chen. Be­liebt sind Grau, Weiß oder Bon­bon­far­ben. Ich bin ei­gent­lich ve­he­ment da­ge­gen. An­ge­fan­gen hat das wie vie­les in den USA. Dort gibt es nur we­ni­ge ech­te An­ti­qui­tä­ten, Im­por­te, ja, und die Sha­ker-Mö­bel, die nur Ken­ner ha­ben. De­nen dürf­te nichts pas­sie­ren. 

Ech­te al­te Mö­bel aus Nord­ame­ri­ka sind die Chim­ney cup­boards, die oft schon be­malt wa­ren. Die dort üb­li­chen häu­fi­gen Wohn­ort­wech­sel ha­ben viel al­tes Mo­bi­li­ar ver­nich­tet.

Dann ging es in Eu­ro­pa los: Ech­te Schät­ze aus ech­tem Holz be­ka­men, wie es be­reits ein­mal in den 1970ern Mo­de war, ei­ne Plas­tik­haut. Mir tut so­was weh.

Dass man­chen Men­schen dunk­le Mö­bel zu alt vor­kom­men, ge­schenkt. Das ist ei­ne Fra­ge der Prä­gung. Dass an­de­re kei­ne Lust auf ins Oran­ge ver­gilb­te Mö­bel (oder Holz­bö­den) ha­ben, kann ich so­gar ver­ste­hen in Zei­ten, in de­nen durch in­ter­na­tio­na­len Ein­fluss die Far­be Oran­ge nicht ge­ra­de den bes­ten Ruf hat.

Jetzt kommt die Gü­ter­ab­wä­gung. Wenn die Um­ge­stal­tung al­te Mö­bel vor dem Müll ret­tet, sol­len sie lie­ber um­ge­stal­tet wer­den, vor al­lem, weil die Al­ter­na­ti­ve oft das skan­di­na­vi­sche Mö­bel­haus ist. Denn das ist ein Um­welt­zer­stö­rer oh­ne­glei­chen.

(We­gen Al­ler­gien ha­ben wir von dort nur we­nig. Mas­sen­ge­fer­tig­tes ist oft nicht aus mas­si­vem Holz. Rest­holz wird zer­malmt, mit Kleb­stof­fen zu neu­en Plat­ten ver­ar­bei­tet. Die­se ga­sen aus. Ich ha­be Mi­grä­ne­ody­seen er­lebt bis zur Dia­gno­se.)

Der welt­weit agie­ren­de Mö­bel­her­stel­ler ver­ar­bei­tet nicht nur Holz, son­dern seit ei­ni­gen Jah­ren auch Pa­pier­fa­sern, die mit Kleb­stoff ver­se­hen und mit Plas­tik­fo­lie be­klebt wer­den. Und jetzt kommt die Nach­richt, dass je­nes Mö­bel­haus trotz­dem wei­ter ir­ra­tio­nal vie­le Wäl­der ab­hol­zen lässt.

Wald­bo­den ist nach Kahl­schlä­gen oft tot und braucht lan­ge, bis er sich re­na­tu­riert. Die heu­ti­gen Wäl­der Eu­ro­pas sind meis­tens kei­ne na­tür­li­chen Wäl­der mehr, son­dern Plan­ta­gen (was Brän­de nicht stoppt, sie­he die Ka­tas­tro­phen in Frank­reich). 

Aber näm­li­ches Mö­bel­un­ter­neh­men greift auch nach öko­lo­gisch wert­volls­ten, ech­ten Wäl­dern, und das seit Jah­ren. Das sind al­te, ge­wach­se­ne Öko­sys­te­me, sel­te­ne Re­fu­gi­en für die Bio­di­ver­si­tät. Die­se müss­ten ei­gent­lich AL­LE un­ter stren­gem Schutz ste­hen. Oft feh­len Ge­set­ze. Manch­mal man­gelt es nur an Be­hör­den, die über­wa­chen, was pas­siert oder ob die An­ga­ben in den Pa­pie­ren stim­men.

Es ist ein Dra­ma, dass stän­dig Na­tur auf dem Al­tar des Neo­li­be­ra­lis­mus ge­op­fert wird. Nein, das Wort reicht nicht aus. Es ist ein Mensch­heits­ver­bre­chen.

Die­se Ta­ge fin­det die 17. Welt­na­tur­kon­fe­renz (CBD COP17) statt, und zwar in Ar­me­ni­en. Da sind sol­che The­men Ge­gen­stand. Dort, bei Je­re­wan, soll der Bi­bel zu­fol­ge der­ma­leinst die Ar­che Noah ge­stran­det sein. Was für ei­ne Iro­nie der Ge­schich­te!

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Gra­fik:
KI (OpenAI)

Dienstag, 20. Oktober 2026

Neues Bauen

Bon­jour, hel­lo, gu­ten Tag! Hier schreibt ei­ne Fran­zösisch­dol­met­sche­rin und Über­set­ze­rin mit für die fran­zö­si­sche Spra­che mehr als 20 Jah­ren Be­rufs­er­fah­rung. Als Teil ei­nes Netz­werks bin ich eu­ro­pa­weit tä­tig zu Wirt­schafts- und Kul­tur­the­men, Kli­ma und Land­wirt­schaft, um nur vier Bei­spie­le zu nen­nen.

Spa­zier­gang nach ei­nem Kran­ken­be­such im Ber­li­ner Wes­ten, da­bei fällt mein Blick auf das gro­ße Schild vor ei­ner Bau­stel­le: Hier ent­steht sie, die neu­es­te Be­lei­di­gung des Bau­haus­ge­dan­kens: his­to­ri­sie­ren­de Be­ton­guss­kis­ten, eng auf eng, mit his­to­ri­sie­ren­dem Zier­rat im an­ge­deu­te­tem Stil­mix. Dazu über­gro­ße, im Som­mer nicht ver­schat­te­te Fens­tern vor Räu­men mit nied­ri­gen Zim­mer­de­cken ... zur Ge­schoss­flä­chen­op­ti­mie­rung des Grund­stücks.

Am En­de soll al­les weiß an­ge­pin­selt wer­den, nur die Fens­ter aus schwar­zem Alu­mi­ni­um sein. Das Gan­ze wird mit ei­nem gro­ßen Na­men be­wor­ben.

Der Clash der Stile auf einer Bautafel
Ins­pi­riert von ei­ner ech­ten Vor­la­ge
Das ist kul­tu­rel­ler Hoch­ver­rat. Wer so baut, hat das Bau­haus nicht ein­mal im An­satz ver­stan­den. Hier stimmt nur eins mit dem Bau­haus über­ein: die Far­be der Fas­sa­de. Da­mit ver­su­chen sie, ih­re Wa­re weiß­zu­wa­schen.

Es gibt vie­le merk­wür­di­ge Neu­bau­ten in Ber­lin. Ko­pi­en ei­ner Ver­gan­gen­heit, die so nie statt­ge­fun­den hat, pflas­tern die gan­ze Stadt. Da­bei wird hier die Bau­ge­schich­te ver­höhnt.

Hier ist nicht ein­mal die al­ten For­men­spra­che ge­wür­digt. Sti­le wer­den in die­sem oder ähn­li­chen Fäl­len bei Neu­bau­ten im­mer öfter wild ge­mischt.

Meist ist der Bau­kern aus bil­li­gem Ma­te­rial. Dann wer­den His­to­ris­mus oder Klas­si­zis­mus oder was sonst so be­liebt vor­ge­täuscht, in­dem auf die Wär­me­dämm­ver­bund­fas­sa­de schlicht die ent­spre­chen­den Plas­tik­mo­du­le drauf­ge­klatscht wer­den. (Dün­ner Be­ton­guss plus Sty­ro­por­fas­sa­de ist bil­li­ger als Mas­siv­bau. Ver­kauft wird das Er­geb­nis trotz­dem zu Höchst­prei­sen.) Plus Mar­mor­bad, teue­re Kü­che und prot­zi­ge Ar­ma­tu­ren, ver­steht sich, so wirkt es auf den ers­ten Blick hoch­wer­tig.

Kul­tur­his­to­risch stimmt an die­sen Blü­ten der Im­mo­bi­li­en­ent­wick­lung mit Ma­xi­mal­ren­di­te häu­fig gar nichts. Für uns als Kul­tur­men­schen bleibt auf dem Spa­zier­gang nur ge­pfleg­tes Weg­se­hen üb­rig. Was üb­ri­gens auch für rein in­dus­triel­le Ras­ter­for­men gel­ten, die ger­ne mal ein­en hal­ben Häu­ser­block zu­klot­zen. Das ist ei­ne ästhe­ti­sche Be­lei­di­gung für je­de und je­den, der oder die se­hen kann.

Auch bau­phy­si­ka­lisch ist das al­les an­de­re als ein Ruh­mes­blatt. Im Win­ter küh­len sol­che Ge­bäu­de schnel­ler aus als Mas­siv­bau, im Som­mer hilft Sty­ro­por we­nig. Au­ßer­dem feh­len Fens­ter­lä­den oder aus­stell­ba­re Ja­lou­si­en und Dach­über­stän­de als Ver­schat­tungs­ele­men­te. Da­für zie­hen, wenn es hart auf hart kommt, an­de­re Mit­be­woh­ner ein: Schim­mel­kul­tur statt Bau­kul­tur. Und wenn ir­gend­wann Tie­re hin­ter das Sty­ro­por ein­ge­zo­gen sein wer­den, fällt buch­stäb­lich die Fas­sa­de des „schö­nen Scheins“.

Es ist ho­he Zeit für ei­ne Ar­chi­tek­tur, die wie­der nach vorn denkt. Das Bau­haus wür­de heu­te sämt­li­che Ge­wer­ke und Stake­hol­der zu­sam­men­span­nen: Ar­chi­tek­tin­nen und Ar­chi­tek­ten, His­to­ri­ke­rin­nen und His­to­ri­ker, Kli­ma­for­scher und Bio­di­ver­si­täts­fach­leu­te und sol­che für Schwamm­städ­te, Ener­gie­wen­de, Per­ma­kul­tur­gär­ten und Agro­forst­wirt­schaft. Und da­zu Ver­tre­te­rin­nen von Ge­nos­sen­schaf­ten und der Po­li­tik. Wir brau­chen neue Nor­men, bun­des­ein­heit­lich.

Wich­tig: Nicht je­de Dis­zi­plin für sich, son­dern al­le ar­bei­ten ge­mein­sam an ei­ner Fra­ge (in ver­schie­de­nen Ar­beits­etap­pen). Der Ele­fant im Raum un­se­rer Zeit ist da­bei: Wie wol­len, vor al­lem wie kön­nen wir künf­tig le­ben und wie muss das heute zwin­gend das Bau­en ver­än­dern?

Wie kön­nen wir uns auf die ver­schie­de­nen As­pek­te der Kli­ma­ka­ta­stro­phe vor­be­rei­ten? Was lässt sich mo­du­la­ri­sie­ren, wel­che Tricks zu Nor­men wer­den las­sen, oh­ne dass je­mand mit ei­ner Pa­ten­tie­rung sei­ne Hand drauf­hält?

Ent­ste­hen könn­ten nach­hal­ti­ge Ge­bäu­de, die Ener­gie und Le­bens­mit­tel pro­du­zie­ren, Grau­was­ser vor­rei­ni­gen und da­mit den Gar­ten be­wäs­sern oder die Toi­let­ten spü­len, be­vor der Rest in die Ka­na­li­sa­ti­on ge­langt. Ge­bäu­de mit at­men­den Grund­ris­sen rund um ei­nen Ver­sor­gungs­kern, die sich ver­än­der­ten Le­bens­pha­sen an­pas­sen. Da­mit äl­te­re Men­schen dort woh­nen blei­ben kön­nen, wenn die Kin­der aus dem Haus sind, oh­ne dass Wohn­raum un­nö­tig blo­ckiert wird.

Das wä­re für mich Bau­haus: nicht das Bau­haus eins zu eins ko­pie­ren, so schön man­che Ge­bäu­de in Des­sau wirk­lich sind. (Ach, die meis­ter­li­chen Meis­ter­häu­ser!) Auch kei­ne Wie­der­ho­lung his­to­ri­scher For­men mit be­lie­bi­ger Be­nen­nung und dem zu­fäl­li­gen Griff ins Stil­hand­buch, son­dern die ge­mein­sa­me Ent­wick­lung neu­er Lö­sun­gen: Funk­ti­on, Ge­stal­tung, Öko­lo­gie und so­zia­le Be­dürf­nis­se so­wie Leist­bar­keit für die Ein­zel­nen und den Staat ge­hö­ren zu­sam­men. (Dann er­hält auch Neu­bau Di­men­sio­nen zu­rück, die der mensch­li­chen Wahr­neh­mung ent­spre­chen und ge­fal­len kön­nen.)

Soll­te je­mand Ide­en für ei­ne sol­che Werk­statt brau­chen: Ich wä­re ger­ne da­bei! Als Dol­met­scher­in be­fas­se ich mich im­mer wie­der wo­chen­lang mit den ver­schie­de­nen The­men und se­he da­mit Über­schnei­dun­gen und kom­bi­nier­ba­re Lö­sun­gen, die an­de­ren Men­schen viel­leicht gar nicht ins Au­ge fal­len.

Wir Sprach­leu­te be­herr­schen un­se­re Spra­chen her­vor­ra­gend, die Fach­ge­bie­te ken­nen wir im­mer­hin so, dass wir gu­te Fra­gen stel­len kön­nen und die Grund­prin­zi­pi­en ver­ste­hen. Die Vo­gel­per­spek­ti­ve, aus der wir ar­bei­ten, bringt neue Er­kennt­nis­se.

Wir brau­chen end­lich ei­ne neue Bau­haus­ar­chi­tek­tur. Es geht um die Grund­idee: Die Zu­kunft nicht den Ge­wohn­hei­ten, den Ren­di­te­er­war­tun­gen oder dem Zu­fall zu über­las­sen, son­dern sie ge­mein­sam zu ge­stal­ten. Denn die Men­schen, die in den Ge­bäu­den le­ben und ar­bei­ten oder an ihn­en vor­bei­ge­hen wer­den, ha­ben ein Mit­spra­che­recht. Zur Zeit des ech­ten Bau­hau­ses stell­te sich die Fra­ge, wie ei­ne Ge­sell­schaft für das in­dus­triel­le Zeit­al­ter bau­en möch­te. Heu­te müs­sen wir be­ant­wor­ten, wie wir an­ge­sichts der Kli­ma­ka­tas­tro­phe, knap­per Res­sour­cen und ei­ner al­tern­den Be­völ­ke­rung le­ben wol­len. Wer da­rauf kei­ne neu­en Ant­wor­ten sucht, soll­te nicht den Na­men Bau­haus miss­brau­chen.

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Gra­fik: OpenAI (2. Ver­such)

Montag, 19. Oktober 2026

Montagsschreibtisch (161)

Was wir Dol­met­sche­rin­nen und Dol­met­scher, Über­set­ze­rin­nen und Über­set­zer so ma­chen, kön­nen Sie auf die­sen Sei­ten mit­le­sen. Meine Mut­ter­spra­che ist Deutsch, ich arbei­te über­wie­gend mit Fran­zö­sisch und Eng­lisch, die Büro­kol­le­gin über­setzt in die eng­li­sche Spra­che. Von Zeit zu Zeit be­ar­bei­ten wir im Team in grö­ße­rem Um­fang ge­mein­sam Tex­te. Der­zeit darf ich kor­rek­tur­le­sen.

Lady mit Telefon an einer Pforte
Am bes­ten per Mail oder +49 (0)176 8966256
Sprach­ar­beit er­for­dert gro­ße geis­ti­ge und kör­per­li­che Fle­xi­bi­li­tät, Kraft und Aus­dau­er. Auch ge­hört da­zu, ger­ne und viel zu le­sen. Mit Sys­te­ma­tik wird Selbst­studium da­raus.

Des­halb ha­ben wir kei­ne Sprech­stun­de und auch kei­ne ech­te An­mel­dung wie hier im Bild. Sie er­rei­chen mich am bes­ten über caroline@adazylla.de.

Das Wo­chen­pro­gramm ist wie­der vielfältig:
✗ Af­ri­ka­ni­sche Dias­po­ra
✗ Ter­mi­no­lo­gie­lis­te auf­ar­bei­ten (Welt­bank, IWF)
✗ Fes­ti­val­vor­be­rei­tung
✗ Herbstgar­de­robe für die Ar­beit rich­ten
✗ Stra­te­gie­über­le­gun­gen

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Foto:
Ar­chiv Elias Los­sow

Sonntag, 18. Oktober 2026

Frankreich in Aufruhr

Will­kom­men auf mei­nen Blog­sei­ten! Ich hei­ße Ca­ro­li­ne Eli­as und ar­bei­te seit mehr als 20 Jah­ren als frei­be­ruf­li­che Kon­fe­renz­dol­met­scher­in für Fran­zö­sisch, Deutsch und Eng­lisch in Ber­lin. Ge­mein­sam mit Netz­werk­kolleg­­nen be­glei­te ich Kon­fe­ren­zen, De­le­ga­ti­ons­rei­sen, Fach­ge­sprä­che und in­ter­na­tio­na­le Be­geg­nun­gen. Da­bei ha­be ich im­mer ein Au­ge auf mei­ne ver­schie­de­nen Län­der.

Wer die Bil­der der ver­gan­ge­nen Ta­ge aus Frank­reich sieht, wird sich fra­gen, was die Men­schen, die dort ran­da­liert ha­ben, ei­gent­lich er­rei­chen woll­ten: Ein­ge­schla­ge­ne Schau­fens­ter, ge­plün­der­te Ge­schäf­te, aus­ge­brann­te Au­tos, ver­wüs­te­te öf­fent­li­che Ge­bäu­de — es ist ein Trau­er­spiel.

Eine schwarze Wand kasernierter Polizei
Ei­ne harm­lo­se­re An­sicht von 2019: Po­li­zei­prä­senz
Zu­nächst hat­ten sich an die­sem Sams­tag un­ter­schied­li­che ge­sell­schaft­li­che Grup­pen zu ei­nem ge­mein­sa­men Pro­test ver­ab­re­det, und zwar lan­des­weit zu Hun­der­ten von De­mons­tra­tio­nen, de­nen min­des­tens 800 000 Men­schen ge­folgt sind. Auf­ge­ru­fen ha­ben auch Ge­werk­schaf­ten, vie­le Stu­die­ren­de, Leh­rer und Profs so­wie El­tern, manch­mal so­gar die Groß­el­tern so­wie Grup­pen der gi­lets jau­nes. 

Die so­ge­nann­ten Gelb­wes­ten 
hat­ten vor Jah­ren lan­des­weit pro­tes­tiert; ihr Treff­punkt war oft auf den In­seln der Kreis­ver­keh­re, der ronds-points.

Die meis­ten, die ges­tern aus manch­mal un­ter­schied­li­chen Grün­den de­mons­trie­ren gin­gen, sind ver­zwei­felt, dass sie (und ih­re Kin­der) mit ih­ren An­lie­gen seit Jah­ren nicht ge­hört wer­den. Sie ver­bin­det in der Re­gel, dass auch in Frank­reich die Mie­ten ex­plo­diert sind und es im­mer mehr Men­schen schwer­fällt, ei­ni­ger­ma­ßen über die Run­den zu kom­men.

Ei­ne mei­ner Be­kann­ten schreibt aus Bor­deaux. Sie ist Leh­re­rin und Mut­ter von drei Kin­dern:

„Wir wa­ren noch nicht ein­mal am of­fi­zi­el­len Treff­punkt zur of­fi­zi­el­len Uhr­zeit ein­ge­trof­fen, die bei der Prä­fek­tur an­ge­mel­det und ge­neh­migt wor­den war, da fin­gen die CRS [ka­ser­nier­te Ord­nungs­kräf­te] da­mit an, Trä­nen­gas in die Men­ge zu sprü­hen. Dann ka­men die be­reit­ste­hen­den Was­ser­wer­fer zum Ein­satz, wäh­rend von hin­ten noch Men­schen nach­rück­ten, die zu Tau­sen­den fried­lich zum Treff­punkt ström­ten.

Sol­che Ent­schei­dun­gen wie die der Ord­nungs­kräf­te sind un­ver­ant­wort­lich. Es ge­schieht lei­der nicht zum ers­ten Mal. Das war dann auch die Ur­sa­che für die dar­auf fol­gen­de Es­ka­la­ti­on.

Die Re­gie­rung muss drin­gend ih­re Ver­ant­wor­tung über­neh­men (auf FR:
as­su­mer) und auf das re­agie­ren, was die Men­schen um­treibt: Stei­gen­de Ge­win­ne der gro­ßen Han­dels­ket­ten, ex­plo­die­ren­de Mie­ten und Kraft­stoff­prei­se, um­welt­schäd­li­che Pro­jek­te, man­geln­de Steu­er­ge­rech­tig­keit und die Ver­nach­läs­si­gung der öf­fent­li­chen In­fra­struk­tu­ren und Dienst­leis­tun­gen, dar­un­ter Ge­sund­heit und na­tür­lich Bil­dung. Denn nur dann, wenn un­se­re Kin­der gut auf­wach­sen und ler­nen kön­nen, ist dem Land ei­ne Zu­kunft ga­ran­tiert.“

Die Pro­tes­te schlu­gen auch an­de­ren­orts um. In man­chen Rat­häu­sern wur­de das Sym­bol der Re­pu­blik, die Ma­ri­an­ne, vom So­ckel ge­stürzt oder Fah­nen vom Mast ge­holt. Man­cher­orts ver­such­ten die cas­seurs, Schu­len in Brand zu ste­cken. Der Tief­punkt ist die vor­sätz­li­che Zer­stö­rung des his­to­ri­schen Rat­hau­ses von Li­mo­ges. Ein Trau­er­spiel.

Ei­ne mei­ner frü­he­ren Stu­den­tin­nen sitzt als jun­ge Mut­ter mit Kin­der­gar­ten­kin­dern zu Hau­se in Pa­ris und traut sich nicht mehr raus. Die Nach­bar­kin­der und das Teil­zeit-Au Pair, ei­ne Stu­den­tin, sind ver­zwei­felt, weil ihr Pro­test ge­ka­pert wur­de. Und die 68er-Groß­el­tern der Klei­nen stel­len fest, dass sie noch nie im Le­ben so et­was ge­se­hen hät­ten.

Wir al­le wis­sen: Ge­walt ist kein Er­satz für Ar­gu­men­te, Zer­stö­rung kein po­li­ti­sches Pro­gramm. Jetzt ist die ge­sam­te Auf­merk­sam­keit auf die Zer­stö­run­gen ge­rich­tet und nicht mehr auf die be­rech­tig­ter­wei­se kri­ti­sier­ten Miss­stän­de.

Da­bei scheint es ein­fach, sämt­li­che Be­tei­lig­ten über ei­nen Kamm zu sche­ren. Ge­nau das plant die fran­zö­si­sche Re­gie­rung der­zeit mit ei­nem Ge­setz: Al­le, die an Pro­tes­ten teil­neh­men, könn­ten dann am En­de für mög­li­che Zer­stö­run­gen ver­ant­wort­lich ge­macht wer­den, so der Ent­wurf. Soll­ten die El­tern nicht zah­len kön­nen, wür­den Kin­der­geld und so­gar staat­li­che Hil­fen zum Be­glei­chen der Mie­te ein­be­hal­ten wer­den. 

Wo­rauf das bei den meis­ten hin­aus­lau­fen wür­de, ist klar. El­tern wür­den mit al­len Mit­teln el­ter­li­cher Ge­walt die Teil­nah­me an De­mons­tra­tio­nen zu ver­hin­dern ver­su­chen. Das Recht auf De­mons­tra­ti­on wä­re da­mit ei­ne Fra­ge des Ver­mö­gens, der Ver­si­che­run­gen und der Fra­ge, ob sich ei­ne Fa­mi­lie gu­te An­wäl­te leis­ten kann.

An­statt sol­cher, die Grund­rech­te un­ter­gra­ben­den Ge­set­ze (die hof­fent­lich am fran­zö­si­schen Ver­fas­sungs­ge­richt schei­tern wer­den, la cour con­sti­tu­ti­on­nel­le), wä­re ei­ne fun­dier­te Ana­ly­se der so­zia­len Ver­hält­nis­se und der Le­bens­be­din­gun­gen jun­ger Men­schen nö­tig, ih­rer Er­fah­run­gen mit staat­li­chen In­sti­tu­tio­nen und der Dy­na­mi­ken, die aus Pro­test Es­ka­la­ti­on wer­den las­sen. Da­für braucht es So­zi­al­wis­sen­schaf­ten, an­thro­po­lo­gi­sche For­schung und sorg­fäl­ti­ge Un­ter­su­chun­gen vor Ort. Nicht als aka­de­mi­sche Fin­ger­übung, son­dern als Grund­la­ge für po­li­ti­sche Ent­schei­dun­gen, die da­zu füh­ren sol­len, dass künf­ti­ge Es­ka­la­tio­nen nicht ge­sche­hen kön­nen.

Aber auch der An­teil des Staa­tes, der Si­cher­heits­kräf­te und ei­ni­ger agents pro­vo­ca­teurs, die be­ob­ach­tet wor­den sind, so­wie des „Be­stecks“ wä­re zu er­for­schen. In Frank­reich gibt es seit ei­ni­ger Zeit mit den gre­na­des des dé­sen­cer­cle­ment, die noch so neu sind, dass die KI sie mit „Gra­nat­äp­feln“ über­trägt, ge­se­hen bei ak­tu­el­len Streams ges­tern, die au­to­ma­tisch ins Eng­li­sche über­tra­gen wur­den: Es sind Gra­na­ten, die ei­nen Kes­sel auf­bre­chen sol­len, al­so ei­ne Men­schen­grup­pe, die an­ders nicht aus­ein­an­der­zu­trei­ben ist. 

Es sind Waf­fen, die nur als letz­te Not­lö­sung ge­neh­migt wor­den sind. Sie wur­den nach­weis­lich von Ver­mumm­ten in De­mons­tra­ti­ons­zü­ge ge­wor­fen; in ei­nem Fall wur­de ein Ab­ge­ord­ne­ter zum Zeu­gen und stell­te den Be­trof­fe­nen vor lau­fen­der Han­dy­ka­me­ra bloß.

Et­li­che Pro­tes­tie­ren­de, die durch die Ge­walt zu er­heb­li­chen kör­per­li­chen Schä­den ge­kom­men sind, kla­gen. Noch nie hat ein eu­ro­päi­scher Staat in we­ni­ger als zwei Wo­chen so vie­le Min­der­jäh­ri­ge und jun­ge Er­wach­se­ne fest­ge­nom­men wie der­zeit Frank­reich. Bis zum 15.10. wa­ren es knapp 8000 jun­ge Men­schen, schreibt Le Dauphiné und zi­tiert da­bei Zah­len des fran­zö­si­schen Jus­tiz­mi­nis­te­ri­ums.
Es lau­fen vie­le Er­mitt­lun­gen ge­gen Po­li­zis­ten durch die in­ne­re Po­li­zei (
la po­li­ce des po­li­ces).

Ei­ne Ge­sell­schaft, die sich rein auf die Wie­der­her­stel­lung der Ord­nung kon­zen­triert, oh­ne die Ur­sa­chen der Es­ka­la­ti­on zu un­ter­su­chen, wird im­mer wie­der vor den­sel­ben Fra­gen ste­hen. Ver­hält­nis­se, in de­nen sich Wut, Aus­gren­zung und Per­spek­tiv­lo­sig­keit ver­fes­ti­gen, sind kein gu­tes Mi­lieu für De­mo­kra­ti­en. Der­zeit ru­fen po­li­tisch kurz­sich­ti­ge Bür­ger:in­nen nach ra­di­ka­len Lö­sun­gen: Die Rechts­ex­tre­men wüss­ten schon, wie mit dem Mob um­zu­ge­hen sei: mit dem Pan­zer rein­fah­ren und fer­tig.

Es ist nicht das ers­te Mal, dass un­se­re Zeit ei­nen Bei­ge­schmack der Wen­de von 1989/90 be­kommt.

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Gra­fik:
ei­ge­nes Ar­chiv