Wie auch immer Sie hier gelandet sind, Sie lesen in meinem virtuellen Arbeitstagebuch, das es seit 2007 gibt. Ich bin Simultandolmetscherin. Meine Haupteinsatzgebiete sind Konferenzen, Verhandlungen, Messen, Delegationsreisen und öffentliche Veranstaltungen. Meine Muttersprache ist Deutsch, ich arbeite überwiegend als Konferenzdolmetscherin mit Französisch und Englisch, die Bürokollegin übersetzt in die englische Sprache.
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| Die Autorin als Begleitdolmetsche |
„Ach, dann müssen Sie ja bald aufs Jobcenter?", fragt mich voller Mitgefühl die nette Oma im Zug, als ich ihr sage, was mein Beruf ist. Jein. Wer uns derzeit die Arbeit klaut, sind Techniker, die unseren Kunden wahre Wunder versprechen, die die KI aber nicht hält, nicht halten kann. Und das liegt vor allem an uns Menschen selbst.
Denn die KI ist oft zu perfekt für die menschliche Sprache. Das klingt paradox, ist aber genau das Problem. Menschen sprechen nämlich nicht wie Maschinen. Wir sprechen unsauber, springen in Gedanken, vergessen Wörter, verhaspeln uns, fangen drei Sätze gleichzeitig an und beenden ausgerechnet den zweiten.
Jemand dreht den Kopf vom Mikro weg, hustet in den Satz hinein oder sucht plötzlich nach einem Begriff, der ihm seit vierzig Jahren selbstverständlich war und nun für einen Moment entgleitet. Und trotzdem funktioniert menschliche Kommunikation meistens erstaunlich gut. Solange keine Technik reinfunkt ...
Das liegt daran, dass Menschen eben nicht nur Wörter hören. Wir hören Absichten, Unsicherheiten, Machtverhältnisse, Höflichkeit, Ironie und das, was gerade nicht gesagt wird. Ein Publikum merkt oft sofort, wenn ein Wort plötzlich fehlt oder ersetzt wird. Wenn aus einer „Krise“ nur noch eine „Herausforderung“ wird oder aus einem „Angriff“ ein „Vorfall“, dann ist das keine sprachliche Nebensächlichkeit, sondern oft eine politische Entscheidung. Genau dort wird es für KI schwierig, denn Maschinen erkennen zwar Muster, aber keine Spannung im Raum.
Die Auswürfe der Geräte wirken trotzdem oft beeindruckend. Wir lesen einen flüssigen Text, der grammatisch sauber und geschmeidig klingt und Inhalt liefert. Wir hören eine Stimme, die ruhig und souverän spricht. Das alles suggeriert Verlässlichkeit ... bis zum zweiten Blick. Dann wird aus „très chic“ plötzlich „trashig“, aus dem „Präsidenten“ ein „Lautsprecher“
(the speaker) und aus einer feinen Anspielung sprachlicher Beton. Die KI produziert oft eine Oberfläche, die reibungslos wirkt, aber genau dadurch den Eindruck von Präzision erzeugt, wo in Wirklichkeit längst Bedeutung verloren gegangen ist.
Das Problem liegt nicht nur in einzelnen Fehlern. Es liegt tiefer. Menschliche Sprache ist nämlich kein sauberes Übertragungssystem, sondern ein hochgradig fehleranfälliger Vorgang, der trotzdem funktioniert, weil Menschen permanent ergänzen, rekonstruieren und mitdenken. Wir verstehen oft einen halb verschluckten Satz, den niemand vollständig ausgesprochen hat. Wir erkennen am Tonfall, ob jemand blufft, sich herausredet oder kurz davor ist, die Nerven zu verlieren. Und wir wissen meist intuitiv, wann eine Unschärfe absichtlich ist.
Beim Dolmetschen kommt noch etwas hinzu. Dort geht es nicht nur um Sprache, sondern um Situationen, um Räume, Menschen und Konflikte, um Zeitdruck und ein Publikum mit Vorwissen. Ein- und derselbe Satz kann in Berlin, Brüssel oder Paris vollkommen unterschiedlich wirken. Er kann ironisch klingen oder beleidigend, diplomatisch oder lächerlich. Er kann Spannung entschärfen oder einen ganzen Raum kippen lassen. Genau diese Ebenen müssen Dolmetscherinnen und Dolmetscher in Sekundenbruchteilen mitdenken.
Und dann gibt es noch die Akustik der Wirklichkeit: Rascheln, Nebengeräusche, Halbsätze, Lispeln und Überlappungen. Laut WHO stimmen beim KI-Auswurf "Dolmetschen" im Mittel aller Sprachen rund 43 Prozent der Wörter mit dem Original überein. Allerdings nicht unbedingt in der richtigen Reihenfolge und leider auch nicht immer mit den richtigen Bezügen. Hier sehen Sie, wie aus einer flüssigen Simulation eine falsche Aussage wird.
Viele Menschen verwechseln Sprachglätte mit Sprachverständnis. Die KI klingt oft souverän, weil sie keine Müdigkeit kennt, weder Angst noch Scham, sie ist ohne Körper und sozialen Druck. Aber genau diese menschlichen Störungen gehören zur Kommunikation dazu. Wir sprechen nicht trotz unserer Fehler. Wir sprechen mit ihnen.
Die KI simuliert Kommunikation. Wir Menschen bleiben unersetzbar.
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Foto: C.E. (Archiv)