Spaziergang nach einem Krankenbesuch im Berliner Westen, dabei fällt mein Blick auf das große Schild vor einer Baustelle: Hier entsteht sie, die neueste Beleidigung des Bauhausgedankens: historisierende Betongusskisten, eng auf eng, mit historisierendem Zierrat im angedeutetem Stilmix. Dazu übergroße, im Sommer nicht verschattete Fenstern vor Räumen mit niedrigen Zimmerdecken ... zur Geschossflächenoptimierung des Grundstücks.
Am Ende soll alles weiß angepinselt werden, nur die Fenster aus schwarzem Aluminium sein. Das Ganze wird mit einem großen Namen beworben.
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| Inspiriert von einer echten Vorlage |
Es gibt viele merkwürdige Neubauten in Berlin. Kopien einer Vergangenheit, die so nie stattgefunden hat, pflastern die ganze Stadt. Dabei wird hier die Baugeschichte verhöhnt.
Hier ist nicht einmal die alten Formensprache gewürdigt. Stile werden in diesem oder ähnlichen Fällen bei Neubauten immer öfter wild gemischt.
Meist ist der Baukern aus billigem Material. Dann werden Historismus oder Klassizismus oder was sonst so beliebt vorgetäuscht, indem auf die Wärmedämmverbundfassade schlicht die entsprechenden Plastikmodule draufgeklatscht werden. (Dünner Betonguss plus Styroporfassade ist billiger als Massivbau. Verkauft wird das Ergebnis trotzdem zu Höchstpreisen.) Plus Marmorbad, teuere Küche und protzige Armaturen, versteht sich, so wirkt es auf den ersten Blick hochwertig.
Kulturhistorisch stimmt an diesen Blüten der Immobilienentwicklung mit Maximalrendite häufig gar nichts. Für uns als Kulturmenschen bleibt auf dem Spaziergang nur gepflegtes Wegsehen übrig. Was übrigens auch für rein industrielle Rasterformen gelten, die gerne mal einen halben Häuserblock zuklotzen. Das ist eine ästhetische Beleidigung für jede und jeden, der oder die sehen kann.
Auch bauphysikalisch ist das alles andere als ein Ruhmesblatt. Im Winter kühlen solche Gebäude schneller aus als Massivbau, im Sommer hilft Styropor wenig. Außerdem fehlen Fensterläden oder ausstellbare Jalousien und Dachüberstände als Verschattungselemente.
Dafür ziehen, wenn es hart auf hart kommt, andere Mitbewohner ein: Schimmelkultur statt Baukultur. Und wenn irgendwann Tiere hinter das Styropor eingezogen sein werden, fällt buchstäblich die Fassade des „schönen Scheins“.
Es ist hohe Zeit für eine Architektur, die wieder nach vorn denkt. Das Bauhaus würde heute sämtliche Gewerke und Stakeholder zusammenspannen: Architektinnen und Architekten, Historikerinnen und Historiker, Klimaforscher und Biodiversitätsfachleute und solche für Schwammstädte, Energiewende, Permakulturgärten und Agroforstwirtschaft. Und dazu Vertreterinnen von Genossenschaften und der Politik. Wir brauchen neue Normen, bundeseinheitlich.
Wichtig: Nicht jede Disziplin für sich, sondern alle arbeiten gemeinsam an einer Frage (in verschiedenen Arbeitsetappen). Der Elefant im Raum unserer Zeit ist dabei: Wie wollen, vor allem wie können wir künftig leben und wie muss das heute zwingend das Bauen verändern?
Wie können wir uns auf die verschiedenen Aspekte der Klimakatastrophe vorbereiten? Was lässt sich modularisieren, welche Tricks zu Normen werden lassen, ohne dass jemand mit einer Patentierung seine Hand draufhält?
Entstehen könnten nachhaltige Gebäude, die Energie und Lebensmittel produzieren, Grauwasser vorreinigen und damit den Garten bewässern oder die Toiletten spülen, bevor der Rest in die Kanalisation gelangt. Gebäude mit atmenden Grundrissen rund um einen Versorgungskern, die sich veränderten Lebensphasen anpassen. Damit ältere Menschen dort wohnen bleiben können, wenn die Kinder aus dem Haus sind, ohne dass Wohnraum unnötig blockiert wird.
Das wäre für mich Bauhaus: nicht das Bauhaus eins zu eins kopieren, so schön manche Gebäude in Dessau wirklich sind. (Ach, die meisterlichen Meisterhäuser!) Auch keine Wiederholung historischer Formen mit beliebiger Benennung und dem zufälligen Griff ins Stilhandbuch, sondern die gemeinsame Entwicklung neuer Lösungen: Funktion, Gestaltung, Ökologie und soziale Bedürfnisse sowie Leistbarkeit für die Einzelnen und den Staat gehören zusammen. (Dann erhält auch Neubau Dimensionen zurück, die der menschlichen Wahrnehmung entsprechen und gefallen können.)
Sollte jemand Ideen für eine solche Werkstatt brauchen: Ich wäre gerne dabei! Als Dolmetscherin befasse ich mich immer wieder wochenlang mit den verschiedenen Themen und sehe damit Überschneidungen und kombinierbare Lösungen, die anderen Menschen vielleicht gar nicht ins Auge fallen.
Wir Sprachleute beherrschen unsere Sprachen hervorragend, die Fachgebiete kennen wir immerhin so, dass wir gute Fragen stellen können und die Grundprinzipien verstehen. Die Vogelperspektive, aus der wir arbeiten, bringt neue Erkenntnisse.
Wir brauchen endlich eine neue Bauhausarchitektur. Es geht um die Grundidee: Die Zukunft nicht den Gewohnheiten, den Renditeerwartungen oder dem Zufall zu überlassen, sondern sie gemeinsam zu gestalten. Denn die Menschen, die in den Gebäuden leben und arbeiten oder an ihnen vorbeigehen werden, haben ein Mitspracherecht.
Zur Zeit des echten Bauhauses stellte sich die Frage, wie eine Gesellschaft für das industrielle Zeitalter bauen möchte. Heute müssen wir beantworten, wie wir angesichts der Klimakatastrophe, knapper Ressourcen und einer alternden Bevölkerung leben wollen. Wer darauf keine neuen Antworten sucht, sollte nicht den Namen Bauhaus missbrauchen.
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Grafik: OpenAI (2. Versuch)





