Freitag, 20. September 2019

Berliner Szenen (1)

Bon­jour, bon­soir, gu­ten Tag oder gu­ten Abend auf den Sei­ten mei­nes di­­gi­­ta­­len Log­buchs. Hier schrei­be ich als Über­setzerin und Dolmetscherin für die fran­zö­sische Sprache (sowie aus dem Englischen) über meinen Berufsalltag, der oft sehr hek­tisch ist. Oft beobachten wir aus Arbeits- und Sprachgründen das Zeit­ge­sche­hen.

THE FUTURE IS NOW! Hintergrund: Reichstag und deutsche Flagge
Was JETZT so in Berlin passiert
Nach Dolmetschen am Vorabend ist aus­schla­fen angesagt. Der Tag ver­schiebt sich, denn ob des hohen Adre­na­lin­pe­gels habe ich erst vier, fünf Stun­den nach Ar­beits­ende in den Schlaf gefunden.

Dann raus, fran­zö­si­sche Crois­sants und Zei­tun­gen holen. Älterer Mann im Kiosk: "Tobaco ...?" Die In­ha­berin: "Which one do you want?" Er: "Grunn!" Pause.
Er, bedächtig, zelebriert jede Silbe: "Dun­kel­grunn ... !" Sie greift zum richtigen Päckchen. Andere Kundin, bei der der Groschen noch langsamer gefallen war: "Wow!" Er, strahlend: "Yes. My doitsch is very guuut!"
Alle strahlen mit ihm um die Wette.

Später mit einer französischsprachigen Journalistin auf Recherchetour bei der Klimademo gewesen.

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Foto: C.E.

Montag, 16. September 2019

Paradigmenwechsel

Über den Arbeitsalltag einer Dolmetscherin können Sie hier einiges lesen. Wenn ich nicht Konferenzen vertone, sitze ich am Über­set­zer­schreib­tisch oder ich lese Zeitung oder höre Radio.

Abend­nach­richten. Bei Kon­fe­ren­zen werden sehr oft An­spie­lun­gen auf ta­ges­ak­tu­el­le Themen gemacht, ent­spre­chend auf­merk­sam beob­achtet un­ser­einer die Medien.

Gesehen 2003 in Sachsen
Diese Woche erwarten wir die neu­en Ge­setze der Re­gie­rung zur mas­si­ven Kli­ma­ver­än­de­rung. Der Ent­wurf der CDU soll indes Regelungen für Luft­­ta­xis ent­hal­ten. Sowas klingt dann doch nach Bu­si­ness as usual und nicht nach einem Pa­­ra­­dig­­men­­wech­sel.

Und dann kommt der Spre­­cher auf den An­­schlag in Sau­di-Arabien zu sprechen.

Ölanlagen sind getroffen, die Lage wird be­schrie­ben, die Folgen werden analysiert: Sinkende Roh­öl­för­de­rung sei gleich­bedeutend mit stei­gen­den Preisen. Das sei "Gift für die Kon­junk­tur". 

Hierarchie der News und ihre Inter­pre­tation spiegeln die Themen der Regierung. Hallo, Politik? Habt Ihr das an­ste­hende Agenda­setting wirklich durchdacht? Oder bedeuten Eure Pläne etwa Klima­schutz aus­schließ­lich im Rahmen von Wirtschafts­wachs­tum und bitte ohne Infragestellung von Kon­sums und Lebens­stil?

Schon im letzten Jahr­hun­dert hat Wirt­­schafts­­wis­­sen­­schaftler Kenneth E. Boulding (1910 bis 1993) die Cho­se mit dem ewi­gen Wachs­tum so zu­sam­­men­­ge­fasst: Anyone who believes exponential growth can go on forever in a finite world is either a madman or an economist. ("Jeder, der glaubt, ex­po­nen­tiel­les Wachs­tum kann in einer end­lichen Welt fort­gesetzt wei­ter­­gehen, ist entweder ein Irrer oder ein Öko­nom.")

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Foto: Dr. Friederike Elias

Freitag, 13. September 2019

Auf dem Schreibtisch (LV)

Was und wie Dolmetscher und Übersetzer arbeiten, können Sie hier ab und zu mit­le­sen. Mein digitales Arbeitstagebuch schreibe ich im 13. Jahr. Heute wieder: Was steht an?

Der 55. Blick auf den Schreibtisch. Was mich derzeit beschäftigt:

Tisch, Stuhl ... von Blättern umwachsen
Noch arbeiten wir im Grünen, langsam färbt sich das Laub
⊗ Aktuelle Politik
⊗ Sicherheitspolitik
⊗ Industrieneubau (Ökobau)
⊗ Frankreich unter Macron
⊗ Neue Architektur in Berlin
⊗ Para­dig­men­wech­sel in der Wirt­schaft
⊗ 30 Jahre Mauer­fall
⊗ Kostenvoranschläge

Verschnaufen in der be­gin­nen­den Hochsaison. Ich bin im Garten.
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Foto: eigenes Archiv

Donnerstag, 12. September 2019

English Dictator

Was Kon­fe­renz­dol­metscher und Übersetzer so umtreibt, davon können Sie sich hier einen kleinen Eindruck verschaffen. Im 13. Jahr blogge ich über meinen höchst sprachbetonten All­tag. 

Anzeige aus den USA für einen Job in China
Neue Stel­len­aus­schrei­bung! Ge­sucht wird ein Trans­la­tor or Dic­ta­tor für die eng­li­sche Spra­che. Leider ist meine Haupt­ar­beits­spra­che Fran­zösisch, sonst würde ich gerne als Dik­ta­to­rin an­fan­gen.

Als erstes würde ich um­ge­hend der Natur Grund­ge­setz­rang ver­schaf­fen. Bei allem, was in diesem Land ent­schie­den wer­den soll, müsste ge­fragt werden, ob es mit der Natur im Ein­klang ist. Sollte das nicht der Fall sein: ver­boten! Es wür­de spe­ziel­le Son­der­ge­richte und einen spe­ziel­len Minister dafür geben, au­ßer­dem ent­spre­chen­de Or­ga­ne der Exe­ku­ti­ve bei Zu­wi­der­handlung. Denn wir sägen nicht auf dem Ast, auf dem wir sitzen, wir sind selbst der Ast.

Der Fehler in der An­zei­ge ist üb­ri­gens komisch. Auf Deutsch klingen Dol­met­scher und Dik­ta­tor ... naja, so, dass es viel­leicht ein Kind ver­wech­seln kann. Interpreter und dictator liegen da schon viel weniger nah beieinander.

Diese Eintrag ist ein Früh­mor­gens­ein­trag, vor dem Schla­fen­ge­hen. Ich hat­te einer Freun­din davon er­zählt, die mir eben die­sen ZEIT-Link zuschickt: "Der Teufel trägt Öko" von Thomas Assheuer, Ausgabe vom 4.9.19. Muss ich lesen. Mor­gen, al­so nach dem Schla­fen.

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Foto: Netzfund (verfremdet)

Mittwoch, 11. September 2019

DEnglish (23)

Im 13. Jahr beschreibe ich hier meinen sprachbetonten Alltag. Ich bin Kon­fe­renz­dol­metscherin und Übersetzerin, arbeite mit Französisch und Englisch. Dabei den­ke ich viel über das Material meiner Arbeit nach, die Sprache.

Heute also der gefühlt 23. Beitrag zum Thema DEnglisch, deut­sches Englisch.

Gesehen in Neukölln
So, wie es einst chic war, Fran­zö­sisch zu spre­chen, ist heute ein anderes Idiom hip. Wir hatten es schon davon.

Auch davon, was un­se­re Lands­leu­te hier­zu­lande mit der Sprache Shakespeares  ma­­chen, wenn sie mit dem Han­­dy in der Ho­sen­ta­sche zum Pub­lic view­ing gehen, zu dem ein Bea­mer ver­wen­det wird.

Ei­ne neue Marke im Café um die Ecke? Ach nein, bad DEng­lish ist es nur.

Das ge­plag­te Dolmetscherhirn schil­lert an­ge­sichts des Schildes zwischen Nomade, homage (EN, Hul­di­gung und Hom­ma­ge/hommage mit zwei "M" auf Deutsch und Fran­zö­sisch), po­made (Haar­schmie­re auf Deutsch, la pommade, Sal­be auf Fran­zö­sisch) und homard (FR für Hum­mer). 

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Foto: C.E.

Dienstag, 10. September 2019

i-Dötzken

Bon­jour, gu­ten Tag, wel­come! Auf dieser Seite erfahren Sie mehr über den sprach­be­ton­ten Alltag von Kon­fe­renz­dol­metschern und Übersetzern. Ich arbeite mit Französisch und Englisch. Dabei den­ke ich viel über das Material nach, die Sprache.

Historisches Foto: Junge mit Schultüte und Ranzen
Mit Ranzen und Zuckertüte
Alles Gute den neuen I-Dötzken und ihre Familien! Dieser Tage kommen im Süden die Minis in die Schule, in der sie viel zu oft von Laien oder in Schnellbleiche an­ge­lern­ten Kräften unterrichtet wer­den. In Deutschland fehlen Lehr­kräf­te! Falsche Prioritäten im Land der Exportweltmeister, das of­fen­bar für die Zukunft keine wei­teren Inno­va­tionen und Glanz­leis­tungen plant.

Das Wort I-Dötzken ist die west­fä­li­sche Abwan­dlung des rhei­ni­schen Worts I-Dötz­chen, Substan­tiv, neu­tral, Großschreibung. Ich kor­ri­gie­re gleich meine Schreib­weise, der Duden ver­wen­det näm­lich für das "I" einen Klein­buch­staben.

Und das hat Gründe. Der Begriff i-Dötzchen bezeichnet Erst­kläss­ler, also Kinder, die gerade ein­ge­schult worden sind. Das "Dötz­chen" ist ein Punkt, das englische dot klingt an.

Schulan­fänger lernen bekannt­lich lesen und schreiben und haben bald mit dem i-Pünkt­chen der deutschen Schrift zu tun. Ist das auch heu­te noch der erste Buch­sta­be, der gelernt wird? Geh­stock mit Flie­gen­schiss drauf? Außer­dem hei­ßen solche knap­pen lau­fen­den Meter im Rhein­land "Dötzchen".

Synonym: Abc-Schütze/Abc-Schützin. Die Her­kunft des Be­griffs­be­stand­teils "Schüt­ze" ist unklar. Erst­kläss­le­rin­nen und Erst­klässler gibt es auch in beiden For­men, beim i-Dötzchen, sächlich, nur die eine.

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Foto: Privatarchiv

Montag, 9. September 2019

Spiegelung

Was Über­setzer und Dol­met­scher beschäf­tigt, können Sie hier mitlesen. Seit vie­len Jahren be­rich­te ich über diese Berufe und meinen sprach­be­ton­ten Alltag. Wer Sprache sagt, sagt Länder, wer Länder sagt, sagt Reisen.

Kaum weg, bin ich schon wieder da! Zum Glück küm­mern sich die lieben Mit­men­schen um Pflan­zen, Haus und Gar­ten, sonst könnte ich nicht so spon­tan sein.

Daher kommt es manch­mal zu kleinen Zeit­sprün­gen in der Veröffent­lichung meiner Einträge hier. Wie diese Fas­sade kommt mir übrigens mein Blog oft vor. 

Eine alte Fassade spiegelt sich in einer modernen Glasfassade
Gesehen in Frankfurt/Main
Ich bes­chreibe Vorgänge, Mo­men­te, Wörter, be­nenne die Fenster, Säulen, Simse, Dach­gauben, die Haustür mit ihrer Su­pra­por­te ist implizit, die können wir uns denken — und auch, wie es im Gebäu­de selbst aussieht. Ich schrei­be hier über das We­sentl­iche, lasse dabei Details aus, an denen Per­so­nen, Orte und re­el­le Vor­gänge er­kennbar wä­ren.

Das muss ich allein schon wegen meiner Schweigeverpflichtung, da geht es uns Sprach­ar­bei­tern wie Ärzten und An­wälten. Außerdem geht es mir hier im­mer um das Wesent­liche an den Vorgän­gen, nicht so sehr um die Wahrheit des Details, son­dern um seine Wahr­haf­tigkeit.

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Foto: C.E.

Sonntag, 8. September 2019

Sonntagsfreuden

Gartenimpressionen
Guten Tag oder guten Abend! Sie sind mit­ten in ein Ar­beits­ta­ge­buch hinein­ge­ra­ten, in dem sich al­les um Spra­che, Dol­met­schen, Über­setzen und Kult­uren dreht. Als frei­be­ruf­li­che Sprach­mitt­lerin ar­bei­te ich in Pa­ris, Berlin, Marseille und dort, wo man mich braucht. Jetzt wieder: Sonntagsbilder.

Heute nur bescheidene Sonntagsfreuden: Ein wenig im Garten aufräumen, noch re­kon­va­les­zent, dann Spazier­gang plus Bummel über den langsam schlie­ßen­den Flohmarkt.

Im Haus wohn­ten beim letz­ten Nach­rech­nen elf Kinder. Etli­che stellen Fra­gen, wenn wir im Hof­garten arbeiten. Sie schät­zen die Re­gen­wür­mer, wissen, was Kom­post ist, fra­gen, ob das Ab­sicht sei, wenn diverse Bei­kräu­ter, früher "Un­kraut", fröhlich in das­sel­be schießt, genie­ßen im Hochsommer, dass es im Hof kühler ist als anders­wo.

Als Lehrgärtchen, das hauptsächlich der Regel des "be­hut­sam ein­ge­dämm­tes Chaos" folgt, ha­ben wir ab jetzt auch "Schilder", aus denen hervorgeht, was das jeweils für eine Pflanze ist.

Vieles dessen, was bei uns wächst, wurde ir­gend­wo aus­gesetzt oder uns vom Tröd­ler ge­schenkt. Die "Päppelpflanzen" bedanken sich meistens durch besonders eif­ri­ges Wachstum (so wie der Hibiscus, unterstes der drei Gartenbilder, rechts unten).

Theodor Heuss, Gregor Gysi, Gerhard Schröder, Helmut Kohl, jede Biografie 1 €
Ausverkaufspreise
Da wir immer wieder Rat­ten und Ratten­gift im Hof haben, bauen wir nichts zum Essen an. Etli­che Pflanzen haben sich selbst aus­gesät, haben norma­lerweise essbare Früch­te, das ignorieren wir, oder aber die Pflanzen ignorieren uns, weil die Klimazone nicht stimmt. Oder sie sind für Über­ra­schun­gen gut. Mal sehen, wie die zwei Früchtchen, die die Passionsblume dieses Jahr produziert hat, ausfallen.

Am späten Nachmittag haben wir auf dem Flohmarkt noch in die Bücher­kisten ge­schaut. Hier gab's Politiker im Dutzend billiger. Und ja, alle mög­li­chen schlech­ten Witze haben wir ge­ris­sen. Hätten die Be­trof­fe­nen ver­mut­lich auch.

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Fotos: C.E.