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Sonntag, 12. Juli 2026

Ausgleich

Bon­jour & he­llo! Her­z­lich will­kom­men beim ers­ten deut­schen Dol­met­scher­web­log aus dem In­ne­ren der Dol­met­sch­ka­bi­ne und vom Über­set­ze­rin­nen­schreib­tisch. Ich bin Dol­met­scher­in für die fran­zö­si­sche Spra­che, und ich über­set­ze aus dem Fran­zö­si­schen und Eng­li­schen, meis­tens ins Deut­sche. Hier be­rich­te ich über die­ Ar­beit im Be­reich Kom­mu­ni­ka­ti­on, Kul­tur und in­ter­na­tio­na­ler Aus­tausch. Heu­te werde ich pri­vat!

Work hard, par­ty hard, das ist ei­ne Bin­se. Wir las­sen auch das Fei­ern ru­hig an­ge­hen. Ber­li­ner Som­mer sind schön, vor al­lem dank der Gär­ten und des Was­sers!

Laue Som­mer­näch­te

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Col­la­ge:
C.E.

Dienstag, 30. Juni 2026

Die Brückenbauer-Falle

Den Ar­beits­all­tag einer Dol­met­scherin für die fran­zö­si­sche Spra­che (Mut­ter­spra­che DE) fin­den Sie auf diesen Sei­ten skiz­ziert. Ich arbei­te über­wie­gend als Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin mit Fran­zö­sisch und Eng­lisch, die Büro­kol­le­gin über­setzt in die eng­li­sche Spra­che. Ich ar­bei­te in Ber­lin, Pa­ris, Stutt­gart und dort, wo Sie mich brau­chen! Es ist ak­tuell schwie­rig zu er­klä­ren, was Qua­li­tät ist.

Wäh­rend in Deutsch­land die In­fra­struk­tur zer­brö­selt, Brü­cken und öf­fent­li­che Ver­kehrs­mit­tel ge­sperrt wer­den, nicht erst seit der Hit­ze, kom­men aus­län­di­sche Ver­la­ge auf Men­schen zu und er­nen­nen die­se zu Brü­cken­bau­ern. 

read books not memes
Bü­cher­wer­bung!

Ob­acht, hier droht eine Bau­ern­fän­ger­fal­le!

Es ist lei­der eine be­kann­te Ent­wick­lung un­se­rer Zeit, dass echte Qua­li­tät im All­tag im­mer sel­te­ner wird. Ich schlage ei­ne Zei­tung auf und stol­pere über un­zäh­li­ge Tipp­feh­ler. Das TV-Pro­gramm strotzt vor holp­ri­gen Schnit­ten, auch auf Pay-Sen­dern schmerz­haf­te Un­ter­ti­tel. Al­so weg mit dem Abo der nord­ame­ri­ka­ni­schen Film­kra­ke.

Le­sen ist toll. Ich lie­be Bü­cher. 

Da fühlt es sich erst­mal gut an, wenn plötz­lich je­mand per E-Mail nach der ei­ge­nen qua­li­fi­zier­ten Mei­nung fragt. Es geht um ein ver­meint­lich hoch­karä­ti­ges Buch­pro­jekt zur deutsch-fran­zö­si­schen Zu­sam­men­ar­beit.

Und, ta­daaaa: ich soll hier ei­nen ex­klu­si­ven Platz für ei­nen Text samt Kurz­bio­gra­fie und Foto er­hal­ten. Oha.

Als Krö­nung ver­spre­chen die Ab­sen­der ein of­fi­zi­el­les Zer­ti­fi­kat als „Bridge Bu­il­der be­twe­en na­ti­ons“. So ein Quatsch! Wollt Ihr mich be­lei­di­gen? Von Kos­ten ist üb­ri­gens nicht die Re­de. Nun, ich hab schon Pfer­de kot­zen ge­se­hen, und war an Tre­sen von Apo­the­ken.

Kurz ge­prüft, fix als War­nung wei­ter­ge­lei­tet, rasch ge­löscht: Das Ganze ist Phi­shing. Es gibt so­gar ei­nen Be­griff da­für, die Va­ni­ty-Pu­blis­hing-Fal­le. Hin­ter kryp­ti­schen Web­adres­sen wie bi­la­te­ral­nav­in­sights.pro ste­cken kei­ne re­nom­mier­ten Kul­tur­ver­la­ge, son­dern bes­tens or­ga­ni­sier­te Spam-Netz­wer­ke.

Die Ma­sche setzt be­wusst auf Schmeiche­lei, um ein ge­kränk­tes Be­dürf­nis nach Wert­schät­zung aus­zu­nut­zen. So­bald der an­ge­for­der­te Text ein­ge­reicht ist, schnappt die Kos­ten­fal­le zu. Dann wer­den, in Fo­ren ge­fun­de­nen Bei­spie­len zu­fol­ge, ho­he Ge­büh­ren für Kor­rek­to­rat, Druck und Ver­sand fäl­lig. Noch bes­ser: Die Tä­ter be­kom­men au­ßer­dem auch noch wert­vol­le per­sön­li­che Da­ten für spä­te­ren Iden­ti­täts­dieb­stahl.

Ein ge­druck­tes Buch, soll­te es denn über­haupt pro­du­ziert wer­den, dient hier le­dig­lich als se­ri­ö­se Fas­sa­de für eine mie­se Ab­zocke. Sol­che Bü­cher braucht kein Mensch. Wir brau­chen Kon­sul­ta­tio­nen an an­de­rer Stel­le!

Sol­che Mails bit­te mel­den an:
phi­shing(at)ver­brau­cher­zen­tra­le.nrw
tro­ja­ner(at)po­li­zei­la­bor.de

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Gra­fik: pixlr. (Zu­falls­fund)

Samstag, 20. Juni 2026

KI, Troll & Co. KG

Bon­jour, gu­ten Tag und hel­lo! Sie le­sen in einem di­gi­ta­len Tage­buch aus der Spra­chen­welt. Ich über­setze ins Deut­sche und dol­met­sche FR ⇄ DE und aus dem Eng­li­schen. Der­zeit macht mir die po­li­ti­sche Mei­nungs­bil­dung in Deutsch­land größ­te Sor­gen.

In­te­res­sens­grup­pen be­zah­len di­gi­ta­le Troll­ar­meen, durch die öf­fent­li­che De­bat­ten ver­zerrt wer­den, in­dem sie Hass, Frau­en- und Frem­den­feind­lich­keit, Falsch­in­for­ma­tio­nen und so­gar Lü­gen plötz­lich wie „Mei­nun­gen“ aus­se­hen las­sen. Die­sen Nar­ra­ti­ven möch­ten vor al­lem Men­schen, die sich im Le­ben al­lein­ge­las­sen füh­len, nur al­lzu ger­ne Glau­ben schen­ken. Es ist wie vor 100 Jah­ren. Die Lü­gen­ge­bil­de ge­hen ein­her mit der „Auf­wer­tung“ der Ziel­grup­pe, die sich in der neu­en Ge­mein­schaft plötz­lich we­ni­ger al­lein füh­len.

Um­ge­kehrt be­kom­men sol­che Leu­te auch viele di­gi­tal er­zeug­te Klicks für abs­tru­se „Ide­en“ über ei­ne Um­welt, die ver­meint­lich doch nicht un­ter den Kli­ma­fol­gen und der Bio­di­ver­si­täts­kri­se lei­den wür­de. Die Soft­wa­re die­ser Fo­ren lie­fern meis­tens die Tech-Bros aus den USA, die den MAGA-Gran­den nach dem Wort re­den, von KI-Soft­ware wei­ter ver­stärkt. Si­cher­heits­fach­leu­te spre­chen von Me­tho­den di­gi­ta­ler Kriegs­füh­rung. Vie­le dieser Trol­le sit­zen in Straf­la­gern, die zu Klickfa­br­iken um­ge­baut wur­den.

Sie sind für bis zu 90 Pro­zent ge­fälsch­ter „Kom­men­tare“, „Likes“ und Pos­tings ver­ant­wort­lich zu ma­chen. Hin­ter ih­nen stec­ken hand­fes­te, frem­de In­ter­es­sen. Und die Idio­ten nut­zen oft das la­chen­de Smi­ley und ha­ben es als Hohn­ge­läch­ter um­ge­deu­tet. Sie ha­ben uns das Lach­sym­bol ge­stoh­len.

Ré­su­mé: Hier ver­stär­ken sich die Echo­kam­mern der Men­schen- und Wis­sen­schafts­feind­schaft. Wie kön­nen wir da­mit um­ge­hen, au­ßer sol­che Bil­der zu ver­brei­ten? Das hier un­ten ist er­neut ein Netz­fund.

Hinter vielen Stimmen stecken ein Bot oder eine Klickfabrik, Menschen bei der "Arbeit" und das Ergebnis: eine aufgwühlte Meute
„KIn­dus­tri­ell“ her­ge­stellt­e Ge­fahr!

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Bild: pixlr.com

Donnerstag, 18. Juni 2026

Vorsorgeprinzip adé?

Bon­jour, hel­lo, herz­lich will­kom­men! Mein Na­me ist Ca­ro­li­ne Eli­as, ich bin Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin, sit­ze meis­tens in der Fran­zö­sisch­ka­bi­ne, wenn ich kei­ne De­le­ga­tio­nen oder auch Kund­schaft in­di­vi­du­ell be­glei­te. Heu­te eine Kurz­no­tiz zum All­tag in Eu­ro­pa.

Par­kin­son ist fast eine Volks­krank­heit un­ter al­ten Men­schen, be­son­ders auf dem Land. Der Nach­satz war ein Hin­weis für die For­schung, die ein­deu­tig be­le­gen kann, dass so­ge­nann­ten Pflan­zen­schutz­mit­tel die Ge­sund­heit von Men­schen in der Land­wirt­schaft und An­rai­nern be­drohen. Das ist jetzt vor­sich­tig for­mu­liert. Ich bin Dol­met­sche­rin.

In Fran­kreich ist Par­kin­son schon seit 2012 als Be­rufs­krank­heit an­er­kannt. 

Sa­lat in ei­nem Sieb
Wild­kräu­ter­sa­lat (Bio­wa­re)
In Deutsch­land schei­tert das bis­lang, da die Fol­ge­kos­ten für die Be­rufs­ge­nos­sen­schaf­ten sehr hoch wä­ren. Die Be­trof­fe­nen sind al­lein­ge­las­sen. Auch das führt zu De­mo­kra­tie­fer­ne, wie ich bei vie­len Ein­sät­zen fest­stel­len muss­te.

Im Eu­ro­päi­schen Par­la­ment wur­den ges­tern ei­ni­ge Ent­schei­dun­gen ge­fällt, wo­bei es die Brand­mau­er zur ex­tre­men Rech­ten nicht mehr zu ge­ben scheint.

Rechts und ex­trem Rechts haben ge­mein­sam für die Rück­kehr der GVO ge­stimmt, das sind gen­tech­nisch ver­än­der­te Or­ga­nis­men (GVO), auch gen­tech­nisch mo­di­fi­zier­te Or­ga­nis­men und auf EN ge­ne­ti­cal­ly mo­di­fied or­ga­nism (GMO) ge­nannt. Mehr da­zu bei der Bun­des­zen­tra­le für Po­li­ti­sche Bil­dung: Link zur bpb.de: GVO.

Mir be­rei­tet das Bauch­schmer­zen. Wir Kon­su­ment:in­nen sol­len künf­tig nicht er­fah­ren, ob un­ser Ge­trei­de, Obst oder Ge­mü­se GVO ent­hält. Ei­ne Aus­zeich­nungs­pflicht auf den Eti­ket­ten ist aus­drück­lich nicht er­wünscht. Fun fact: Um­fra­gen zu­fol­ge wünscht die Be­völ­ke­rung in et­li­chen Eu­ro­pä­ischen Län­dern ge­nau ei­ne sol­che Kenn­zeich­nung (bzw. we­ni­ger Ge­fahr­stof­fe im All­tag).

Es gab und gibt ei­ni­ge „Ge­sund­heits­flops“ in Zu­sam­men­hang mit Mas­sen­pro­duk­ti­on: As­best, et­li­che „Pflan­zen­schutz­mit­tel“, sie­he oben, die Mi­kro­plas­tik­seu­che. Wo bleibt das sonst in Eu­ro­pa üb­li­che Vor­sor­ge­prin­zip? 

Es war auch lan­ge vom mün­di­gen Ver­brau­cher, von der mün­di­gen Ver­brau­che­rin die Re­de. Im­mer stär­ker wur­de in den ver­gan­ge­nen Jah­ren auf Wahl­frei­heit ge­setzt. Nun al­so die Rol­le rück­wärts.

Wenn wir nicht mehr wis­sen, ob un­ser Es­sen GVO ent­hält, be­deu­tet das für mich: Ich zah­le mit mei­nen Steu­ern ei­ne zer­stö­re­ri­sche Land­wirt­schaft mit und in­di­rekt auch aus­wärts bei der Ar­beit an­ge­bo­te­nes Es­sen, auf das ich ver­zich­ten soll­te, denn auch oh­ne die Sor­gen um schlum­mern­de neue Ge­fah­ren ha­be ich schon jetzt vie­le Al­ler­gien, viel­leicht eben auch, weil ich als Ju­gend­li­che ne­ben Äckern auf­ge­wach­sen bin.

Das be­deu­tet auch, dass wir we­ni­ger ins Res­tau­rant ge­hen wer­den. Durch die Al­ler­gien kam ich üb­ri­gens zu ei­nem mei­ner Fach­ge­bie­te: Land­wirt­schaft, be­son­ders Öko-Land­bau, Bo­den­re­ge­ne­ra­ti­on, Hu­mus­auf­bau, Bio­di­ver­si­tät.

Auch in der Po­li­tik brau­chen wir ein Vor­sor­ge­prin­zip. Mich treibt um, dass das Wis­sen um die Ge­schich­te des 20. Jahr­hun­derts, die Macht­er­grei­fung der Na­zis, so we­nig ver­brei­tet scheint.


Vo­ka­bel­no­tiz

die Brand­mau­er — le cor­don sa­ni­tai­re

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Fo­to: C.E. (Ar­chiv)

Donnerstag, 11. Juni 2026

DEnglish (26)

Un­ter­ti­tel: KI-Murks (8)

Im 20. Jahr füh­re ich hier mein vir­tu­el­les Ta­ge­buch aus der Dol­metsch­welt. Meis­tens Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin für Fran­zö­sisch und Deutsch, über­set­ze ich auch Texte ins Deut­sche (auch aus dem Eng­li­schen). Zwi­schen si­mul­ta­nen (in der Ka­bi­ne) und kon­se­ku­ti­ven Ein­sät­zen (oft auf der Büh­ne) den­ke ich hier auch über Spra­che nach. 

Als wir im Café in Neu­kölln die Be­stel­lung auf­ge­ben möch­ten, fragt die männ­li­che Be­die­nung auf Eng­lisch nach, was ge­wünscht sei. Er spricht kein Deutsch. Das stört mich nicht. Är­ger­lich fin­de ich die Nach­läs­sig­keit im Um­gang mit der Spra­che bei lang­jäh­rig in Deutsch­land Le­ben­den, was sprach­li­che und kul­tu­rel­le Ein­flüs­se an­geht.

„Erst wenn er sich committed, kann ich all in gehen!“, ver­traut die Frau am Nach­bar­tisch einer Freun­din an. Sie sieht mit ihren blon­den, um den Kopf fest­ge­ta­cker­ten Zöp­fen so aus, als wäre sie di­rekt einem Ge­schichts­buch ent­sprun­gen, 1933 fol­gen­de. Auch den Blau­zis könn­te sie als Covergirl ge­fal­len. Ich bin weit ent­fernt von völ­ki­schen Ge­dan­ken. Aber das Misch­masch, das immer öf­ter zu hö­ren ist, tut mei­nen Oh­ren weh.

The mish­mash fun­giert, an­ders­her­um, üb­ri­gens als deut­sches Lehn­wort im Eng­li­schen. Ok, mo­de­ra­te Ein­fluss­nah­men sind gut, die mehr sind als the zeitgeist, aber meis­tens sind sie ein mismatch oder „ein Mis(s)­match“. Die Da­men vom Tisch rechts ge­hen. Män­ner kom­men. Sprach­lich wird es nicht bes­ser.

Ein Kol­le­ge aus dem Netz­werk hat 2019 das Kau­der­welsch mit­ge­schrie­ben, es ging ums Brie­fing vor ei­nerIn­for­mal mis­sion:

Das ist nicht mit bö­ser in­ten­tion, es geht eher da­rum, die pro­fes­sio­nal in­te­gr­ity des Mi­nis­ters zu schüt­zen. Er reist ohne of­fi­ziel­les Man­dat, das ist so ein kind of test. Das wer­den wir dann mit ei­ni­gen Part­nern so mo­der­ie­ren on the place. Der an­de­re Rei­se­zeit­raum ging nicht, weil das Ho­tel so tre­men­dous ex­pen­si­ve war, das krie­ge ich nicht ge­co­vert. Auch für Sie brauch ich ap­prou­val aus Wa­shing­ton. (Te­le­fo­nat mit ei­ner deut­schen Kun­din)

In der Wer­bung fal­len immer mehr Ex­zes­se auf. Das liegt auch dar­an, weil die KI eben kei­nen kul­tu­rel­len Hin­ter­grund kennt und weder Feh­ler noch Zwei­fel be­nennt. Und weil an Men­schen ge­spart wird, die auf­pas­sen. Schön, dass wir jetzt nicht an Hohn und Spott spa­ren müs­sen!

Also ich rei­se lie­ber mit Le­ben­den ...
Die Er­geb­nis­se wer­den immer ab­sur­der. Ich habe eine Kol­le­gin, die ihre „Tote“ gerne an den See mit­nimmt. OK, sie ist Eng­lisch-Dol­met­sche­rin und sie nu­schelt uns der­lei müde zu, ist also kei­ne öf­fent­lich ge­führ­te Rede.

Tote bag
, kurz: the tote, ist auf Fran­zö­sisch le (sac) baisenville, über den ich hier auch schon ge­schrie­ben habe.
Schon schick, so eine Schul­ter­ta­sche für den Kurz­aus­flug.

Es kann auch ein Wo­chen­end­aus­flug sein oder was die Men­schen sonst noch so zum Spaß trei­ben.

Beim Es­sen gibt es die­se Re­gel: „Er­näh­re Dich ge­sund, ver­zeh­re nichts, was die Oma nicht kann­te, füge Avo­ca­dos, Chia­sa­men und eine exo­ti­sche Frucht dei­ner Wahl hin­zu.“ (In­zwi­schen muss es wohl Uro­ma hei­ßen.) Und beim Spre­chen? Nein, kein Ge­sichts­er­ker (Na­se), Schrift­lei­ter (Chef­re­dak­teur) und auch kei­ne Kul­tur­schaf­fen­den (ja, wirk­lich Na­zi­spra­che) soll­ten wir ver­wen­den. Aber die­ses Fremd­sprech ist ge­nau­so un­schön wie das gras­sie­ren­de Brain rot durch die KI. Kurz­in­fo zum letz­ten Fach­be­griff: Die Leute ver­ler­nen das Den­ken. Dazu mor­gen mehr.

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Gra­fik:
Mat­thi­as und Netz­fund

Freitag, 5. Juni 2026

Toxische Männlichkeit

Bon­jour, hel­lo, herz­lich will­kom­men! Mein Na­me ist Ca­ro­li­ne Eli­as, ich bin Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin sit­ze meis­tens in der Fran­zö­sisch­ka­bi­ne, wenn ich keine De­le­ga­tio­nen oder auch Kund­schaft in­di­vi­du­ell be­glei­te. Heute eine Kurz­no­tiz zum All­tag in Deutsch­land.
 
In den USA sind's die Knar­ren, in Deutsch­land die Kar­ren: alles sakro­sankt. Und die Pri­vi­le­gien der Män­ner so­wie­so. Das ist zum Kot­zen!

Es gibt Mo­men­te, in de­nen ich froh bin, (noch) keine Ge­richts­dol­met­sche­rin zu sein. (Das Ge­richts­dol­met­schen ist mein Plan D, soll­ten die Tech-Nerds, meis­tens männ­lich, wei­ter un­seren Kun­den, meis­tens männ­lich, Mär­chen über die tol­le KI er­zäh­len, wo­durch wir der­zeit vie­le Auf­trä­ge ver­lie­ren.) Denn im schlimms­ten Fall müs­sen die Wor­te von Tä­tern durch mich hin­durch.

Ich ha­be nicht durch­ge­hend in Neu­kölln gelebt. In an­de­ren Wohn­ge­bie­ten wa­ren vor Jahr­zehn­ten die Schu­len bes­ser. Aber da­mals hat­ten wir es ein-, zwei­mal die Wo­che mit Au­to­ren­nen in ei­nem Wohn­ge­biet zu tun. Das ist lan­ge her.

Hände
Ge­schlech­ter­ge­rech­tig­keit geht auch an­ders!
Doch schon vor 20 Jah­ren be­stand kei­ne Not­wen­dig­keit für die­se (meis­tens) Jung­män­ner, ihr und das Le­ben an­de­rer bei die­sen Ren­nen zu ris­kie­ren.
Meis­tens ken­nen das nur Müt­ter (aus an­de­ren Grün­den), wie es ist, näch­te­lang im­mer wie­der aus dem Schlaf ge­ris­sen zu wer­den.
Sol­che Ra­se­rei­en sind in Ber­lin in vie­len Kie­zen bit­te­rer All­tag. Die Me­dien be­rich­ten, wenn der Ir­rsinn Men­schen­le­ben for­dert.

Das ge­schah wie­der­holt, am Kur­fürs­ten­damm, aber auch in der Neu­köll­ner Her­manns­tra­ße.

Nun wur­de der Au­to­fah­rer, der vor ei­ni­gen Jah­ren mit fast 100 km/h über die­se Haupt­stra­ße Neu­kölln ge­rast ist und Fah­rer­flucht be­ging, nach­dem er ei­nen Fuß­gän­ger tot­ge­fah­ren hat, vom Amts­ge­richt zu ei­ner Be­wäh­rungs­stra­fe von 22 Mo­na­ten und Füh­rer­schein­ent­zug von zwei­ein­halb Jah­ren ver­ur­teilt. Ich kann es nicht fas­sen, dass das fort­ge­setzt als Zi­vil­ver­fah­ren ver­folgt wird.

Ra­se­rei­en in der In­nen­stadt sind po­ten­tiel­ler Tot­schlag oder Mord. Wer so rast, weiß, was er macht. (Ich schrei­be hier ER, weil es ist kein Fall be­kannt, bei dem eine Frau be­tei­ligt wä­re.) In an­dern Län­dern wür­de der Mensch jetzt län­ger im Ge­fäng­nis sit­zen.

In Deutsch­land wird so­was be­straft, als sei es ein Ka­va­liers­de­likt. Mit „Frei­heit“ hat das nichts zu tun.

Und das ist nur ein Bei­spiel für to­xi­sche Männ­lich­keit in Deutsch­land. Mei­ne Kar­rie­re als Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin er­lebt nicht nur jetzt, sie­he oben, eine Aus­brem­sung durch Männ­er­bün­de.

Da­vor habe ich in den Me­dien ge­ar­bei­tet. Hier bin ich an der „Be­set­zungs­couch“ ge­schei­tert. In an­de­ren Wor­ten: Ich bin stark ge­blie­ben (und ha­be Ohr­fei­gen ver­teilt). Später wur­de mir als Jour­na­lis­tin und in der Öf­fent­lich­keits­ar­beit, als es um ei­ne Fest­an­stel­lung ging, ein Mann vor­ge­zo­gen, ob­wohl mein Ver­trag bis ins De­tail aus­ge­han­delt und die Far­be des neu­en Büro­stuhls von mir fest­ge­legt wa­ren.

Grund: Als Frischver­hei­ra­te­te wür­de ich si­cher bald „aus­fal­len“ und der Mann muss­te so­wie­so die ei­gene Fa­mi­lie er­näh­ren ... Das war in den 1990ern, und es ist heu­te noch ge­nau­so mög­lich, denn au­ßer dem Jus­ti­zi­ar und mir gab es kei­ne Zeu­gen.

So wur­de ich Dol­met­sche­rin, denn auch hier hat­te ich mich aka­de­misch aus­bil­den las­sen (ohne je­doch die Ab­sicht zu ha­ben, spä­ter haupt­be­ruf­lich in der Kon­fe­renz­dol­metsch­ka­bi­ne zu sit­zen).

Und heu­te dann der näch­ste Pau­ken­schlag der to­xi­schen Männ­lich­keit: Die Re­gie­rung will die Ren­ten­punk­te für pfle­gen­de An­ge­hö­ri­ge kür­zen. 87 Pro­zent der Pfle­ge­be­dürf­ti­gen wer­den zu Hau­se ge­pflegt. Be­trof­fen sind vor al­lem Frau­en. (Und ich schon wie­der als Pfle­gen­de in Teil­zeit.) Na toll.

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Foto: C.E. (Ar­chiv)

Freitag, 29. Mai 2026

It's hot, baby! (2)

Im 20. Jahr füh­re ich hier mein vir­tu­el­les Ta­ge­buch aus der Dol­metsch­welt. Meis­tens Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin für Französisch Deutsch, über­set­ze ich auch Texte ins Deut­sche (auch aus dem Eng­li­schen). Zwi­schen si­mul­ta­nen (in der Ka­bi­ne) und kon­se­ku­ti­ven Ein­sät­zen (oft auf der Büh­ne) den­ke ich hier auch über Sprache nach. In Frank­reich prägt der Be­griff la pas­soire ther­mique in­zwi­schen die po­li­ti­sche De­bat­te über Klima­wan­del und Woh­nen. Man­cher Fach­be­griff hat sein ganz ei­ge­nes Hin­ter­land.

Als ich Kind war, galt Wet­ter wie das, was wir der­zeit ha­ben, als „Hoch­som­mer. Heute dol­met­sche ich bei po­li­ti­schen Ver­an­stal­tungen, Fach­kon­fe­ren­zen und in­ter­na­tio­na­len Be­geg­nun­gen auch zu Kli­ma- und Land­wirt­schafts­the­men.

Die ers­te Hit­ze­wel­le hat die­ses Jahr im Mai zu­ge­schla­gen und in Deutsch­land fast al­le Tro­cken­heits­re­kor­de ge­ris­sen. Das macht mir Sor­gen. Auf den Äckern wächst der­zeit, was uns mor­gen er­näh­ren soll.

Hit­ze­wel­le in Frank­reich


So vie­le Hoch­som­mer­ta­ge im Mai gab es noch nie seit Be­ginn der Wet­ter­auf­zeich­nung. In Frank­reich wer­den sämt­li­che Hit­ze­re­kor­de ge­ris­sen. Acht dé­par­te­ments ha­ben die Warn­stu­fe „Oran­ge" aus­ge­ru­fen, ein No­vum für den Früh­lings­mo­nat Mai. Ges­tern dann der vor­läu­fi­ge Hö­he­punkt die­ser Hit­ze­wel­le mit Tem­pe­ra­tu­ren von bis zu 37,8 Grad bei Bor­deaux. Normalerweise wäre es etwa 15 Grad kühler. Im Frühling also Hochsommer, auf Französisch la ca­ni­cu­le.

La ca­ni­cule

…lei­tet sich ety­mo­lo­gisch vom la­tei­ni­schen canicula („klei­ner Hund“) ab und be­zieht sich auf das Stern­bild Canis Major (Gro­ßer Hund) und des­sen hells­ten Stern, Si­ri­us. Im Hoch­som­mer (den so­ge­nann­ten „Hunds­ta­gen“) geht die­ser Stern gleich­zei­tig mit der Son­ne auf.

In­fol­ge der Ne­ben­ef­fek­te der Kli­ma­ka­ta­stro­phe bleibt die­se Wet­ter­la­ge über Ta­ge, ja Wo­chen un­ver­än­dert wie im Him­mel fest­ge­tac­kert. In süd­li­che­ren eu­ro­pä­i­schen Län­dern wer­den heu­te Tem­pe­ra­tu­ren über 40 Grad er­war­tet, Wald­brän­de dro­hen. Auch bei uns herrscht ei­ne Wald­brand­ge­fahr wie sonst eher im Ju­li.


Pas­soire ther­mique: Über­set­zungs­prob­lem


Europa leidet derzeit gemeinsam unter der Hitze. Das Wort „leiden“ ist wörtlich zu nehmen.

Fran­zö­si­schen Re­gie­rungs­an­ga­ben zufolge hat die Ex­trem­wet­ter­la­ge im Land be­reits sie­ben Men­schen­le­ben ge­for­dert. Die An­zahl der in schlecht iso­lier­ten Woh­nun­gen auf­grund der Hit­ze vor­fris­tig Ver­stor­be­nen wird nicht er­fasst (oder ist noch nicht pu­bli­ziert).

Allerdings gibt es einen Be­griff für die­se Be­hau­sun­gen, die be­son­ders häu­fig im so­zia­len Woh­nungs­bau zu fin­den sind: les pas­soi­res ther­mi­ques, im Win­ter teu­er zu hei­zen, im Som­mer mög­li­che Hit­ze(to­des)­fal­len. Auch Al­ten­hei­me und Schu­len gel­ten (im wahrs­ten Wort­sinn) als Brenn­punk­te, die nur we­nig Be­ach­tung fin­den. Men­schen, die drau­ßen ar­bei­ten, zäh­len eben­falls zu den Ver­ges­se­nen.

Po­li­ti­sche Groß­wet­ter­lage


In­des: Kli­ma­schutz scheint aus der Sicht man­cher Par­tei­en in bei­den Län­dern ein The­ma zu sein, das zu­rück­ste­hen muss in der all­ge­mei­nen Po­li­tik- und Wirt­schafts­kri­se. Da­bei ist die Kli­ma­kri­se ein Teil der Wirt­schafts­kri­se. 

Nö­tig: Mehr In­ves­ti­tio­nen in In­fra­struk­tur
Es wird über Tech­no­lo­gie­of­fen­heit fa­bu­liert, wäh­rend Chi­na in ei­nem Jahr so viel So­lar­ener­gie in­stal­liert, wie der Rest der Welt seit Be­ginn der Tech­no­lo­gie ins­ge­samt. 
Das war 2025. Ein Jahr der Hit­ze­re­kor­de, die „Jahr­hun­dert­wet­ter" ge­nannt wer­den, trotz des re­gen­rei­chen Som­mers.

Und 2026 wer­den die­se „Re­kor­de" er­neut ge­schla­gen, als wä­ren es Er­run­gen­schaf­ten auf Olym­pi­a­den. Zu­gleich ver­leug­nen im­mer mehr vor al­lem rechts­ex­trem ge­präg­te Re­gie­run­gen den men­schen­ge­mach­ten Kli­ma­wan­del und wol­len ins fos­sile Zeit­al­ter zu­rück­keh­ren.

Was­ser­man­gel


Auch in Deutsch­land ist die La­ge kri­sen­haft: Noch be­vor der Som­mer über­haupt be­gon­nen hat, bit­ten ers­te Kom­mu­nen in Nord­rhein-West­fa­len die Ein­woh­ner­schaft, bitte Trink­was­ser zu spa­ren. Der Grund­was­ser­pe­gel liegt der­zeit deut­lich un­ter dem Durch­schnitt. Noch sieht es ei­ni­ger­ma­ßen grün aus da drau­ßen, aber tief im Bo­den wer­den die Was­ser­re­ser­ven knapp.

Die Bö­den selbst spei­chern Was­ser: bis in zwei Me­ter Tie­fe kann der Nie­der­schlag ei­nes hal­ben Jah­res ste­cken. Die Vor­aus­set­zung da­für ist, dass er re­gel­mä­ßig fällt. Wenn es ab dem Wo­chen­en­de reg­nen wird, wird viel ein­fach nur „durch­lau­fen" oder, schlim­mer, kost­ba­ren Hu­mus weg­spü­len. Wir al­le ken­nen das, wenn wir nach ei­nem Ur­laub die Bal­kon­käs­ten das ers­te Mal wie­der gie­ßen: Erst­mal läuft's durch. Die Acker­bö­den trock­nen wei­ter aus, was ei­ne Ge­fahr für un­se­re Le­bens­mit­tel­ver­sor­gung dar­stellt.

Die Land­wirt­schaft wird sich um­stel­len müs­sen. Wir sind längst in ei­ner an­de­ren Kli­ma­zo­ne an­ge­kom­men mit ei­ner an­de­ren Ver­tei­lung der Nie­der­schlä­ge über das Jahr. Tro­cke­ne Som­mer be­gin­nen im Früh­jahr. Die sonst feuch­ten Win­ter sind in Sum­me auch tro­cke­ner und hel­fen nicht mehr, die Was­ser­spei­cher auf­zu­fül­len. Durch hö­he­re Tem­pe­ra­tu­ren steigt zu­dem die Ver­duns­tung an.

War­me Luft kann we­sent­lich mehr Was­ser­dampf auf­neh­men als kal­te Luft.Faust­re­gel: Pro Grad Tem­pe­ra­tur­an­stieg sind es rund sie­ben Pro­zent mehr Feuch­tig­keit. Die über­aus sta­bi­len Wet­ter­la­gen füh­ren am En­de zu mehr Ak­ku­mu­la­ti­on von Was­ser in den Wol­ken, was wie­de­rum Stark­re­gen­er­eig­nis­se wahr­schein­li­cher macht.
 

Fazit


Kli­ma­schutz ist nicht die Kir­sche auf der Tor­te, son­dern ist Tor­ten­bo­den und die Tor­te selbst mit ih­ren Schich­ten. Wir müs­sen als Ge­sell­schaft end­lich ler­nen, ei­ne Ah­nung von den In­ter­de­pen­den­zen zu be­kom­men, mit de­nen wir es zu tun ha­ben.

Kli­ma­schutz ist ein Kon­junk­tur­pro­gramm, denn ei­ne re­si­li­en­te Um­welt, ei­ne re­si­li­en­te In­fra­struk­tur sind schlicht die Grund­vor­aus­set­zung des Wirt­schaf­tens.

Vo­ka­bel­no­tiz


Der fran­zö­si­sche Be­griff la pas­soi­re ther­mi­que, wört­lich: ein ther­mi­sches Sieb (das al­les durch­lässt), wirft ei­ne Über­set­zungs­fra­ge auf. „Schlecht iso­lier­te Woh­nung" wä­re die neut­rals­te Um­schrei­bung, „Wär­me­schleu­der" die Be­schrei­bung aus Win­ter­per­spek­ti­ve, „Hit­ze­fal­le" nimmt den Som­mer zum Aus­gangs­punkt. Bei „ener­ge­ti­sche Bruch­bu­de" steckt schon ein deut­li­ches Maß Po­le­mik in der Aus­drucks­wei­se.

Was ist Ihr/Dein Fa­vo­rit? Gibt es bes­se­re Vor­schlä­ge?

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Gra­fik: Lot­te Rei­nin­ger, Prinz Ach­med

Sonntag, 3. Mai 2026

Sonntagsausflüge

Bon­jour, hel­lo & gu­ten Tag oder Abend. Hier kön­nen Sie Ein­bli­cke in den Ar­beits­all­tag ei­ner Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin mit Mut­ter­spra­che Deutsch be­kom­men. Ich ar­bei­te über­wie­gend mit Fran­zö­sisch und aus dem Eng­li­schen. Die Bü­ro­kol­le­gin über­setzt in die eng­li­sche Spra­che. Kom­men­tar zum Sonn­tag: Heu­te wird es per­sön­li­cher.

Manch­mal ha­be ich den Ein­druck, dass uns ge­ra­de kol­lek­tiv ge­mach­te Er­fah­run­gen und die Auf­merk­sam­keit für­ein­an­der ent­glei­ten. Empa­thie wirkt wie ein knap­pes Gut. Po­li­ti­sche Maß­nah­men wer­den als „Zu­mu­tun­gen“ be­zeich­net, vie­le Men­schen or­ga­ni­sie­ren sich im All­tag neu, re­du­zie­ren not­ge­drun­gen ihr Au­ßen­le­ben. Die Früh­lings­(pro­ben)­rei­se des kon­zer­tie­ren­den Chors wir­d ab­ge­sagt, weil zu we­ni­ge über die frei­en Mit­tel ver­fü­gen, um den Ei­gen­an­teil zu be­zah­len. Beim Nach­bars­kind fällt die Klas­sen­fahrt flach, di­to.

Men­schen im Über­le­bens­mo­dus ha­ben nur die nächs­te Mahl­zeit, den nächs­ten Tag im Blick. Sie kön­nen we­der die ei­ge­ne La­ge aus der Vo­gel­per­spek­ti­ve be­trach­ten, noch neue Per­spek­ti­ven und Aus­we­ge fin­den. Sie er­star­ren, free­ze or flight. Das über­trägt sich auf die Kin­der. Der Nach­wuchs im Über­le­bens­mo­dus er­lernt die­sen Zu­stand als Le­bens­grund­ge­fühl. Das ist fa­tal. So wird Ar­mut, wer­den Ängs­te ver­erbt. (So­gar Pe­ter Hartz, auf den die ab­ge­speck­te So­zi­al­hil­fe der Nul­ler­jah­re zu­rück­geht, hat das er­kannt und die da­ma­li­ge Ent­schei­dung ei­nen Feh­ler ge­nannt.)

In der Zwi­schen­zeit hat die Not längst die ge­ho­be­ne Mit­tel­schicht er­reicht. Ei­ne Be­kann­te sucht seit acht Mo­na­ten ei­ne Woh­nung, sie wur­de auf Ei­gen­be­darf ver­klagt. Ih­re Fa­mi­lie ist seit Ge­ne­ra­tio­nen in Ber­lin an­säs­sig. Opas Miets­haus über­stand den Krieg nicht, der Las­ten­aus­gleich brach­te ein Sied­lungs­haus, in dem die Fa­mi­lie der Nich­te lebt. Die Su­che­rin und ihr Mann sind oft um­ge­zo­gen. Er war Wis­sen­schaft­ler, die letz­ten Jah­re hat sie ihn ge­pflegt, dann ging es nicht mehr, sie wur­de selbst krank. Jetzt ist er im Heim.

Die Dame war zwei Jahr­zehn­te lang Frei­be­ruf­le­rin. We­gen ih­rer Al­ters­rück­la­gen gilt sie als zu reich für einen Wohn­be­rech­ti­gungs­schein und ist zu­gleich zu arm für Wohn­ei­gen­tum. In Voll­zeit be­wirbt sie sich um ei­ne neue Blei­be. Aber der Markt kennt kei­ne Men­schen, die we­gen der Pfle­ge län­ger nicht ar­bei­ten konn­ten, das Ver­mö­gen scheint nichts wert, die ü50-Be­wer­berin zu alt zu sein. So­gar kirch­li­che Trä­ger win­ken ab. Jetzt hat das Ge­richt ei­ne zwei­mo­na­ti­ge Ver­län­ge­rung der Aus­zugs­frist an­ge­ord­net. Sie stellt sich auf die Ein­la­ge­rung des Haus­rats und ein über­teu­er­tes WG-Zim­mer ein. Und nie­man­den scheint's zu stö­ren, was auch für die Kür­zun­gen bei Men­schen mit Ein­schrän­kun­gen gilt.

An­de­re Ge­schich­ten schaf­fen es in die Abend­nach­rich­ten. Ein in der Ost­see ge­stran­de­ter Bu­ckel­wal be­wegt die Her­zen. Nach ei­nem acht­wö­chi­gen Dra­ma wird er spen­den­fi­nan­ziert ins of­fe­ne Meer ge­schafft. Das zeigt Mit­ge­fühl. In der Zwi­schen­zeit wird aber in un­se­rem Hei­mat­meer der Schweins­wal im­mer sel­te­ner, ist vom Aus­ster­ben be­droht.

Die öko­lo­gi­schen Dra­men ver­lau­fen lei­ser. Wir wis­sen um Kli­ma­ver­än­de­run­gen, Res­sour­cen­druck, Ar­ten- und Hu­mus­ver­lust. Zu­gleich ent­ste­hen Trends, die sich stark auf das In­di­vi­du­um kon­zen­trie­ren, Stich­wor­te sind „Selbst­op­ti­mie­rung“ und „Lon­ge­vi­ty“, die Me­di­en sind über­voll da­von. Vor­sor­ge ist gut, und doch passt das al­les nicht zu­sam­men. Ist es eine Ant­wort auf die Un­si­cher­heit, sich auf das Na­he zu kon­zen­trie­ren und Selbst­wirk­sam­keit zu er­fah­ren, wenn das Gro­ße schwer fass­bar und ver­stö­rend wird?

Die La­ge ist kom­plex, und doch ist sie so viel ein­fa­cher, als es oft dar­ge­stellt wird. Um­so wich­ti­ger bleibt es, im Ei­ge­nen hand­lungs­fä­hig zu blei­ben. Dem die­nen tat­säch­lich gu­tes, ge­sun­des Es­sen, Sport und Er­ho­lung, Freund­schaf­ten und Kul­tur, Din­ge, für die et­was mehr Geld als das Über­le­bens­not­wen­di­ge nö­tig ist. Wir dür­fen das Ge­mein­sa­me nicht aus dem Blick ver­lie­ren. Denn das ist un­se­re Chan­ce: Kräf­te zu bün­deln und sich kon­struk­tiv für das ein­zu­set­zen, was trägt. 

Ein Sonn­tag im Pa­ra­dies!


Wo­chen­end­plai­sir: Ins Jrü­ne fah­ren. Auf der Pfau­en­in­sel war ich vor mehr als ei­nem Jahr­zehnt mit mei­nem Va­ter das letz­te Mal, er hat sie ge­liebt. Das ist ein wun­der­vol­ler Ta­ges­aus­flug­s­tipp! Es gibt auch ei­ne zen­tra­le Pick­nick­wie­se, wo sich K&K zu­kau­fen und auf die To ge­hen lässt. Wun­der­voll!

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Mon­ta­ge:
C.E.

Dienstag, 28. April 2026

Museum der Wörter (47)

Hal­lo! Wie auch im­mer Sie hier ge­lan­det sind, Sie le­sen in mei­nem vir­tu­el­len Ar­beits­ta­ge­buch. Ich bin Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin und sit­ze in der Fran­zö­sisch­ka­bi­ne. Eng­lisch ist manch­mal die Aus­gangs­spra­che, Deutsch bei Tex­ten die Ziel­spra­che. Ich ar­bei­te auf Kon­fe­ren­zen und De­le­ga­ti­ons­rei­sen, bei Ver­an­stal­tun­gen und po­li­ti­schen Hin­ter­grund­ge­sprä­chen. Und ich be­trach­te mit wa­chen Au­gen un­se­re Zeit.

Die Be­glei­tung der Kin­der, von Oma und Opa und On­kel und Tan­te, wenn sie Hil­fe brau­chen, aber auch von Jan­nis und Kurt, An­ni­ka und Hül­ya, Mal­colm und Mus­ta­fa sind kein Lu­xus. Die Na­men hier ste­hen für Men­schen, die von der Ge­samt­ge­sell­schaft an der all­täg­li­chen Teil­nah­me be­hin­dert wer­den, weil es vie­le Trep­pen­stu­fen oder kei­ne ver­ständ­li­che An­spra­che gibt, weil von der iden­ti­schen An­pas­sungs­fä­hig­keit al­ler aus­ge­gan­gen wird, die es nicht gibt, denn wir sind Men­schen, kei­ne Ma­schi­nen.

Auf vol­le Teil­nah­men hat­ten sich un­se­re Zi­vi­li­sa­tio­nen ver­ab­re­det, und die­ses in Ge­set­ze ge­gos­se­ne Ziel ist noch nicht er­reicht. Und was macht un­se­re Re­gie­rung in der Kri­se? Stellt das nicht nur in­fra­ge, son­dern legt Kür­zungs­plä­ne auf den Tisch, die sich so le­sen, als wä­re In­klu­si­on ein Lu­xus­gut. In an­de­ren Wor­ten: Wer aus ei­ner ver­mö­gen­den Sip­pe stammt, wird nicht bald wie­der vor ver­schlos­se­nen Tü­ren ste­hen. Die an­de­ren: … pfffft!

Da­bei ist Teil­ha­be ein Men­schen­recht. Das müss­te auch für men­schen­wür­di­ges Woh­nen und ge­sun­de Grund­nahrungs­mit­tel gel­ten, fa­mi­liä­re und freund­schaft­li­che Be­zie­hun­gen, Kul­tur und auch: Er­ho­lung. Rich­tig! So­zi­al­hil­fe­emp­fän­ger:in­nen frü­he­rer Zei­ten stand so­gar Ur­laub zu. Wer weiß, wie wich­tig es ist, von Zeit zu Zeit aus dem Hams­ter­rad he­raus­zu­kom­men, wird auch hier zu­stim­men.

Die Axt wird schon län­ger an das So­zi­al­le­ben ge­legt. Das geht mit der Spra­che los. Ich hän­ge an die Wand des Mu­se­ums der Wör­ter heu­te die­sen Be­griff:

              
             
sozial Schwa­che

Wir müs­sen ihn durch „wirt­schaft­lich Schwa­che“ er­set­zen. War­um ist das nicht schon lan­ge ge­sche­hen? Über öko­no­misch Schwa­che oder Ge­schwäch­te zu spre­chen, wür­de zu­gleich ei­ne Fra­ge auf­wer­fen, und zwar: War­um ist das so?
Bei „so­zi­al schwach“ schwingt im­mer ein we­nig ei­ne Mit­schuld mit.

Wör­ter ge­stal­ten un­ser Den­ken und Den­ken ge­stal­tet un­se­re Welt.

Die Re­gie­rung will nun „spa­ren“, und zwar in fol­gen­den Be­rei­chen: Ein­schrän­kun­gen beim Wahl­recht und beim Woh­nen, durch die Zu­sam­men­le­gung von Leis­tun­gen, die dann meh­re­ren Men­schen gleich­zei­tig zu­gu­te kom­men sol­len, Kür­zun­gen bei Hilfs­mit­teln, Ab­bau von Fahr­diens­ten und das Aus­set­zen in­di­vi­du­el­ler Schul­as­sis­tenz. Die Re­de ist von Men­schen, die Un­ter­stüt­zungs­be­darf ha­ben, weil sie nicht so leis­tungs­fä­hig sind wie der Durch­schnitt der Be­völ­ke­rung.

Eben­falls auf dem Tisch: ein er­schwer­ter Zu­gang zu Pfle­ge­gra­den, die Er­hö­hung der Zu­zah­lun­gen bei der (schon jetzt kaum be­zahl­ba­ren) Pfle­ge und ver­mut­lich die Bei­be­hal­tung der größ­ten Pfle­ge­hemm­nis­se: Bü­ro­kra­tie und star­re Re­geln, auch für uns pfle­gen­de An­ge­hö­ri­ge.

Wer die Ent­wür­fe zu den Kür­zun­gen liest, den oder die be­schleicht das Ge­fühl, dass hier wie­der von „wert­vol­lem“ und „we­ni­ger wert­vol­lem“ Le­ben aus­ge­gan­gen wird. Vom „un­wer­ten“ Le­ben der Na­zis ist das nicht weit ent­fernt.

Wir wis­sen, wo­hin das ge­führt hat. Die Ge­schich­te zeigt, wie schnell ei­ne Ge­sell­schaft be­ginnt, Men­schen nach ih­rem „Wert“ zu sor­tie­ren und wie rasch dar­aus töd­li­che Kon­se­quen­zen er­wach­sen kön­nen. Die in der Ber­li­ner Tier­gar­ten­stra­ße Nr. 4 ge­trof­fe­nen Ent­schei­dun­gen ste­hen da­für: Aus Ein­wei­sun­gen und Zu­sam­men­le­gun­gen wur­den sys­te­ma­ti­sche Ver­bre­chen. Es war der Test­lauf für die in­dus­tri­el­le Mord­ma­schi­ne, die dann von deut­schen Hän­den er­rich­tet und be­trie­ben wur­de, und da­für, wie die All­ge­mein­heit re­agiert.

Wenn ei­ne sol­che Po­li­tik die Grund­stim­mung in dem Land spie­geln soll, hat die Ge­sell­schaft nichts aus der Ver­gan­gen­heit ge­lernt.

Ein­schub: Ich schrei­be das in dem Be­wusst­sein, selbst dem neu­ro­di­ver­gen­ten Spek­trum an­zu­ge­hö­ren, aber eben mit ei­ner leich­ten Au­tis­mus­form, je­ner Va­ri­an­te, die Zir­kus­pferd­qua­li­tä­ten hat und zu par­ti­el­len Höchst­leis­tun­gen be­fä­higt. (Fürs Dol­met­schen prak­tisch, in an­de­ren Fel­dern fin­de ich mich im Feld all­ge­mei­ner Grund­dumm­heit wie­der!) Ich war da­mit schlicht so, wie vie­le Kin­der sind: nicht ei­ner Norm ent­spre­chend, manch­mal auf­fäl­lig, manch­mal un­sicht­bar. Ich hat­te Glück mit dem El­tern­haus, dem Jahr­zehnt mei­ner Bil­dungs­grund­la­gen, dem Bun­des­land, und ich ken­ne Men­schen, die mir ähn­lich sind, die aber ein star­res, hoch­se­lek­ti­ves Sys­tem früh ins Ab­seits ge­stellt hat. Ein­schub­en­de.

Das The­ma der nicht norm­ge­rech­ten Leis­tungs­fä­hig­keit ist bei uns ein Ta­bu. Ich hof­fe, dass die Plä­ne der Re­gie­rung, soll­ten sie um­ge­setzt wer­den, von den Ge­rich­ten rasch kas­siert wer­den. Ich se­he auch die Stim­mung in der Ge­ne­ra­ti­on mei­nes Zieh­sohns, wo sich aus ver­schie­de­nen Grün­den über­ra­schend vie­le schon jetzt ge­gen Nach­wuchs ent­schie­den ha­ben. Mer­ke: Kei­ne Kin­der, kei­ne Wirt­schaft.

Unterschiedlichste Menschen, unterschiedlichste Faktoren
Nur gemeinsam kann Gesellschaft gelingen

Man­che Men­schen brau­chen auch die­ses Ar­gu­ment ei­ner Be­kann­ten: Sie ar­bei­tet als In­klu­si­ons­be­glei­te­rin und sagt, nur drei Pro­zent der Men­schen mit Be­ein­träch­ti­gun­gen sei­en so ge­bo­ren. Den meis­ten wi­der­fährt Schlim­mes im Lau­fe des Le­bens, Krank­heit, Un­fall ... Knapp neun Pro­zent der deut­schen Be­völ­ke­rung leben mit Ein­schrän­kun­gen, wel­cher Art auch im­mer. Die­se Be­kann­te meint üb­ri­gens, der Staat sei zu­sätz­lich auch auf die In­klu­si­ons­hel­fer:in­nen „scharf“, die soll­ten end­lich et­was „Sinn­vol­les“ ma­chen, hei­ße es un­ter der Hand. Mir feh­len die Wor­te. Und das ist sel­ten.

Schluss­vol­te: Menschen, die sich an den Schwächs­ten der Ge­sell­schaft ver­greifen, er­weisen sich als die wirk­lich so­zi­al Schwa­chen.

Wenn Sie die Pe­ti­ti­on der Le­bens­hil­fe an den Bun­des­tag mit­zeich­nen möch­ten, hier ent­lang: LINK.

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Grafik:
Pixlr.com (Zufallsfund)

Dienstag, 17. März 2026

Reizklima

Was wir Dol­met­sche­rin­nen und Dol­met­scher be­ruf­lich ge­nau ma­chen, ist seit 2007 Ge­gen­stand die­ses Web­logs. Mei­ne Mut­ter­spra­che ist Deutsch, ich ar­bei­te meis­tens als Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin mit Fran­zö­sisch und Eng­lisch, die Bü­ro­kol­le­gin über­setzt ins Eng­li­sche. Heu­te geht es ums Ler­nen.

Grund­schul­kin­der
Schul­kin­der
Ges­tern ha­be ich ei­ne Dis­kus­sion ge­hört, in der es um Auf­merk­sam­keits­öko­no­mie ging, als Teil mei­ner Kon­fe­renz­vor­be­rei­tung. Zen­tral da­bei war das di­gi­ta­le „Neu­land", um die ein­sti­ge Kanz­le­rin zu zi­tie­ren. Da­mit mei­ne ich nicht das In­ter­net, son­dern die Ge­wohn­hei­ten, die es er­zeugt.

Ei­ne Leh­re­rin hat be­rich­tet, dass sie Schü­lern kaum noch län­ge­re Fil­me zei­gen kön­ne. Als ei­ne Kol­le­gin aus­fällt, bie­tet sie bei­den von ihr pa­ral­lel be­auf­sich­tig­ten Klas­sen ei­nen Do­ku­men­tar­film an, der zum Un­ter­richts­stoff passt, und ver­sucht, ih­re Zeit ge­recht auf bei­de Lern­grup­pen auf­zu­tei­len. Die Vier­zehn- und Fünf­zehn­jäh­ri­gen wur­den da­her ge­be­ten, Kern­in­for­ma­tio­nen zu no­tie­ren. In­des, ih­re Auf­merk­sam­keit bre­che viel zu schnell weg.

Sie kön­ne sol­che Fil­me nur noch so zei­gen, dass sie stän­dig vor Ort sei, um den Film zu un­ter­bre­chen und In­hal­te wie­der­ho­len zu las­sen, „da­mit über­haupt et­was hän­gen­bleibt". Mus­ste sie frü­her al­le zwei, drei Mi­nu­ten ei­nen neu­en Reiz an­bie­ten, lie­ge heu­te die Auf­merk­sam­keits­span­ne der jun­gen Leu­te bei 20 bis 30 Se­kun­den. Die Schul­lei­tung ha­be da­her Si­cher­heits­per­so­nal und Er­zie­her:in­nen für man­che Al­ters­grup­pen ein­be­stellt. Das ein­zi­ge Ziel sei jetzt nur noch ein ge­rin­ger Ge­räusch­pe­gel, sag­te sie, und sie fasst zu­sam­men: „ver­lo­re­ne Lern­zeit".

In­for­ma­ti­ke­rin Glo­ria Mark von der Uni­ver­si­ty of Ca­li­for­nia misst das im Bü­ro: Zeig­ten Er­wach­se­ne 2004 noch 150 Se­kun­den Auf­merk­sam­keit am Stück, sind es heu­te nur noch 50, al­so zwei Drit­tel we­ni­ger Zeit und Tie­fe.

Das Pro­blem ist nicht tri­vi­al. Kur­ze Kon­zen­tra­ti­ons­pha­sen sind dra­ma­tisch in Zei­ten, in de­nen das Er­ken­nen kom­ple­xer Zu­sam­men­hän­ge zwi­schen po­li­ti­schen, öko­no­mi­schen und öko­lo­gi­schen The­men im­mer wich­ti­ger wird.

Der Grund für den Ver­lust sind ul­tra­kur­ze Schnit­te in Trick­fil­men so­wie die per­ma­nen­te Ver­füg­bar­keit der Mo­bil­te­le­fo­ne. Wer selbst so ei­nen Ta­schen­ter­ro­ris­ten sein Ei­gen nennt, kennt das Phä­no­men des Doom­scrol­lings: kli­cken-wi­schen-wei­ter! Das mag kurz im War­te­zim­mer nütz­lich sein, kon­di­tio­niert aber lang­fris­tig un­ser Ver­hal­ten: Das Ge­hirn ver­langt im­mer mehr neue Rei­ze, im­mer schnel­ler.

Die Recht­fer­ti­gung fürs In­ha­lie­ren der Schnip­sel ist eben­so na­he­lie­gend wie selbst­be­trü­ge­risch: Je­de In­fo er­scheint uns wich­tig. Doch oh­ne Ein­ord­nung, Ver­knüp­fung und Struk­tur kann das Ge­hirn das Ge­se­he­ne schwer ver­ar­bei­ten.

Be­stenfalls blei­ben De­tails hän­gen, das gro­ße Gan­ze ver­schwimmt. Wenn al­les wich­tig ist, ist nichts mehr wich­tig. Wis­sen ver­wischt, und die An­fäl­lig­keit für Falsch­in­for­ma­tio­nen steigt. Dass die Big tech ih­re Al­go­rith­men auf die Zie­le der Geld­ge­ber aus­rich­tet, ist be­kannt. So ist der Bre­xit ent­stan­den, der Ein­fluss ist be­legt.

Nach Doom­scrol­ling füh­len sich die Men­schen leer. Der Do­pa­min­spie­gel fällt ab, Frust steigt, ei­ne Grund­stim­mung, die das per­fek­te Ein­falls­tor für Het­ze dar­stellt. Der Kör­per mu­tiert fremd­ge­steu­ert zur Echo­kam­mer des Ge­se­he­nen.

Ist das zu stark ver­ein­facht? Nein, wis­sen­schaft­lich be­legt. Die For­de­rung nach Ein­schrän­kun­gen für Kin­der und Ju­gend­li­che ist nur kon­se­quent. Der klars­te Satz da­zu: Wir ge­ben ih­nen kei­ne Tech­nik in die Hand, wir lie­fern ih­re Ge­hir­ne an die Tech­nik aus.

Wis­sen auf­zu­bau­en be­deu­tet, zu­zu­hö­ren, zu le­sen, zu über­prü­fen, ein­zu­ord­nen, Struk­tu­ren zu se­hen und Fak­ten zu spei­chern. Und nur durch das Er­ken­nen von Zu­sam­men­hän­gen kom­men wir über­haupt erst in die La­ge, per­fi­de Ab­sich­ten und Feh­lin­for­ma­tio­nen auf­zu­de­cken. Bil­dung schützt meis­tens vor Rat­ten­fän­gern. Sie stärkt die De­mo­kra­tie. Und Bil­dung braucht Dis­tanz: we­ni­ger Bild­schirm, mehr Skep­sis.

In­ter­es­sant: Im Si­li­con Val­ley schi­cken vie­le ih­re Kin­der auf Wal­dorf- oder Mon­tes­so­ri­schu­len und prak­ti­zie­ren strik­te Tech­nik­kon­trol­le. Den Gran­den der Tech-In­dus­trie, die es of­fen­bar bes­ser wis­sen, müs­sen wir für den Rest der Welt schlech­te Ab­sich­ten un­ter­stel­len.

Neu­lich beim Arzt: Ein Klein­kind starrt im Kin­der­wa­gen auf Trick­fil­me, über­mü­det, un­ru­hig. Ein Drei­jäh­ri­ger im Zug lässt sich nur mit Tab­let vor Au­gen füt­tern. Und nein, au­ßer kind­ge­rech­ter Be­schäf­ti­gung und ech­ter el­ter­li­cher Zu­wen­dung hat ihm nichts ge­fehlt. (Bei­de El­tern hin­gen stän­dig an ih­ren Smart­pho­nes.) Das sind lei­der kei­ne Ein­zel­fäl­le, son­dern ei­ne Zeit­bom­be, auch volks­wirt­schaft­lich.

Ei­ni­ge Jah­re spä­ter

Das Ge­gen­gift ist so ba­nal wie wirk­sam: le­sen, vor­le­sen, Lan­ge­wei­le zu­las­sen, Men­schen tref­fen. Wer kann, soll­te me­di­tie­ren und spa­zie­ren­ge­hen. Als Kin­der ha­ben wir im Au­to das Far­ben­spiel ge­spielt, heu­te kann es ab­schwei­fen­de Ge­hir­ne ein­fan­gen: ei­ne Far­be wäh­len und schau­en, wo sie in der Um­ge­bung vor­kommt.

Gym­nas­tik und Yo­ga sind die bes­ten Er­gän­zun­gen, ge­ra­de für Sitz­men­schen. Mit der Hand schrei­ben, bas­teln, DIY. Wir ler­nen am bes­ten buch­stäb­lich durch das Be­grei­fen, der gan­ze Kör­per ist am Lern­vor­gang be­tei­ligt und das Ge­hirn braucht Ab­wechs­lung. Ei­ne Bü­ro­kol­le­gin auf Zeit lernt jetzt stri­cken, ich ge­he gleich wie­der gärt­nern.

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Fo­tos: pixlr.com (Zu­falls­fun­de)

Dienstag, 6. Januar 2026

Leben in vollen Zügen (2)

Herz­lich will­kom­men! Hier bloggt eine Dol­met­sche­rin. Was wir Sprach­ar­bei­ter:innen ma­chen, wie wir ar­bei­ten und le­ben, ist hier seit 2007 re­gel­mä­ßig The­ma. Wer Kon­fe­renz­ein­sät­ze sagt, muss auch Rei­sen sagen, denn mit un­se­ren Fach­rich­tun­gen, Öko­no­mie und Kul­tur­wirt­schaft Tippfehler (Kul­tur­wirt­schaft), Ko­ope­ra­ti­on mit Dritt­län­dern, Afri­ka, Nach­hal­tig­keit, Ag­rar, Me­di­en und Ki­no und Stadt­pla­nung, His­to­ri­sches und Mu­se­a­les, be­kom­me ich re­gel­mä­ßig An­fra­gen für De­le­ga­ti­ons­rei­sen. Auch pri­vat rei­se ich viel.

Lang­sam zieht die Land­schaft vo­rü­ber, wie­der ein­mal viel zu lang­sam. Das deut­sche Bahn­netz scheint ein Fli­cken­tep­pich aus „Lang­sam­fahr­stre­cken“ zu sein. Ich fah­re zu Dol­met­sche­in­sät­zen, De­le­ga­ti­ons­ab­rei­se­or­ten, Kon­fe­ren­zen, pen­de­le aber auch zur An­ge­hö­ri­gen­pfle­ge. Ich bin auf die Bahn an­ge­wie­sen. Um mich nicht zu är­gern, den­ke ich be­wusst, dass Är­gern oh­ne­hin nichts nützt, dass ich mit viel Zeit­puf­fer rei­se, dass das hier im­mer noch bes­ser ist, als am Steu­er ei­nes Au­tos zu sit­zen.

Oft ler­ne ich im Zug. Seit vie­len Jah­ren ist das Zug-WLAN sta­bi­ler, es gibt di­gi­ta­le An­ge­bo­te wie Zei­tun­gen, Zeit­schrif­ten und Ki­no­fil­me. Lei­der ist kein Ver­lass da­rauf.

1935 irgendwo in Europa
Grund­sätz­lich rei­se ich nie oh­ne Buch. Ich le­se viel. Manch­mal ret­te ich mich in den Spei­se­wa­gen. Dort er­scheint mir das Un­ter­wegs­sein wie ein ei­gen­ar­ti­ger Lu­xus. Au­ßer auf der Fahrt zu Dol­metsch­ein­sät­zen habe ich meis­tens kei­ne Bü­ro­pflich­ten, ist die Zeit zwi­schen Ab­fahrt und An­kunft an­ge­hal­te­ne, ge­schenk­te Zeit, in der ich frei bin und ge­nuss­voll tag­träu­men kann.

Die­se Spei­se­wa­gen sind auch Or­te für Zeit­rei­sen. Die wei­ßen Tisch­dec­ken gibt es nicht mehr, das Es­sen kommt aus der Mi­kro­wel­le. Ich weiß auch um die Hy­gie­ne­pro­ble­me im Spei­se­wa­gen, be­stel­le dort ein Ge­tränk in der Fla­sche, lau­sche zer­streut den Ge­sprä­chen an den Ne­ben­ti­schen oder übe mich im Weg­hö­ren, las­se drau­ßen Fel­der, Wäl­der und Bahn­däm­me vo­rü­ber­zie­hen. Oft su­che ich nach Spu­ren der deutsch-deut­schen Gren­ze, nach Schnei­sen, merk­wür­di­gen Ge­bäu­den oder Un­stim­mig­kei­ten im Ge­län­de, fin­de nichts mehr, weil die­se Gren­ze über­wach­sen und zu­gleich noch im Kopf prä­sent ist.

Das Fo­to, das die­sen Text be­glei­tet, stammt aus dem Jahr 1926 und zeigt ei­nen Spei­se­wa­gen in ei­ner Zeit, in der die­se Wa­gen ih­re Hoch­pha­se er­leb­ten, als an Bord noch ge­kocht und ge­spült wur­de. Zum Glück wur­den die Spei­se­wa­gen­tei­le der Gas­tro-Wa­gons nicht wie ge­plant ab­ge­schafft.

Die Zü­ge sind schnel­ler ge­wor­den, die Elek­tro­nik an­fäl­li­ger, die Pri­va­ti­sie­rung der Bahn vor Jahr­zehn­ten ging auf Kos­ten der In­fra­struk­tur. 2025 habe ich wie­der knapp 70 Stun­den län­ger in ver­spä­te­ten Zü­gen ge­ses­sen, als ei­gent­lich nö­tig ge­we­sen wä­re. Das sind fast zwei Ar­beits­wo­chen; trotz­dem he­ge ich kei­nen Groll.

Viel­leicht be­steht das Rei­sen in vol­len Zü­gen ge­nau dar­in, die­se Zeit an­zu­neh­men, sich im Spei­se­wa­gen ei­nen Mo­ment der Ru­he zu gön­nen, aus dem Fens­ter zu se­hen und das Un­ter­wegs­sein nicht als Stö­rung, son­dern als Zu­stand zu be­grei­fen. „Der Weg ist das Ziel“, weiß das Sprich­wort.

P.S.: Die Bahn wur­de pri­va­ti­siert, die An­tei­le al­le hält noch der Bund, klei­ne Er­gän­zung auf An­re­gung ei­ner Le­se­rin.

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Fo­to:
Ar­chiv Elias Los­ow

Donnerstag, 23. Oktober 2025

Statistiken

Bon­jour, hel­lo und Will­kom­men! Sie le­sen auf den Blog­sei­ten ei­ner Kon­fe­renz­dol­met­scher­in. Hier be­rich­te ich über den All­tag hin­ter den Ku­lis­sen des Dol­met­schens. Über Spra­chen nach­zu­den­ken ge­hört eben­so da­zu wie über un­se­re Zeit.

Schreibtisch, Zeitungen, Vokabelheft
Auf dem Schreibtisch ...
Heu­te ein kur­zer Ein­wurf vom Schreib­tisch. Die Grip­pe­sai­son hat auch mich ge­streift. Für ein fran­zö­sisch­spra­chi­ges Me­di­um durf­ten wir ei­ni­ge Zei­tungs­ar­ti­kel zu­sam­men­fas­sen. Es geht um die ak­tu­el­le De­bat­te über die Wahr­neh­mung von Aus­län­dern, Zu­ge­wan­der­ten und Ge­flüch­te­ten (mit oder oh­ne Auf­ent­halts­sta­tus) in der deut­schen Öf­fent­lich­keit.

Ja, doch, da war ge­ra­de was, es gab ei­nen Kom­men­tar von ganz oben, der eher un­di­plo­ma­tisch war. Da­bei klaf­fen Wahr­neh­mung und Wirk­lich­keit offenbar aus­ein­an­der. Es ist ein be­kann­tes Mitt­el von Po­pu­lis­ten, mit Angst die Ratio aus­zu­schal­ten. Die­se Me­tho­den ha­ben un­se­re Po­li­tik längst ver­gif­tet.

Un­ten ei­ne Aus­wer­tung: Kri­mi­nal­sta­tis­tik ei­ner­seits und der Be­richt­er­stat­tung in den Me­di­en an­derer­seits. Die Kun­din sand­te uns ei­ne per Han­dy „über­tra­ge­ne“ Gra­fik. Sie stammt von der ge­mein­nüt­zi­gen GmbH COR­REC­TIV, die Me­dien kri­tisch be­ob­ach­tet und Inf­or­ma­tio­nen aufbereitet. Im Team ha­ben wir dann über­setzt, uns be­le­sen und nach Hin­ter­grün­den ge­sucht.

Recht akkurat automatisch übertragen
Die Er­ge­bnis­se sind spann­end. Die ver­öf­fent­lich­ten Zah­len bil­den al­ler­dings nur den Be­ginn ju­ris­ti­scher Ver­fah­ren ab, er­fas­sen Fall­da­ten, nicht Ver­ur­tei­lun­gen. Die Un­schulds­ver­mu­tung gilt al­so auch sta­tis­tisch.

Zu­dem fällt ein gan­zer Be­reich durchs Ras­ter: die Fi­nanz­kri­mi­na­li­tät. Fäl­le die­ser Art, et­wa aus dem Um­feld von Steu­er­hin­ter­zie­hung oder kom­ple­xen Fi­nanz­trans­ak­tio­nen, wer­den meist di­rekt an die Staats­an­walt­schaft über­ge­ben und er­schei­nen folg­lich nicht in der all­ge­mei­nen Kri­mi­na­li­täts­sta­tis­tik.

Die Ausgangsgrafik
Ein Blick auf Skan­da­le wie Cum-Ex oder Cum-Cum, erst 2018 be­kannt ge­wor­den, zeigt, dass die­se For­men wirt­schafts­kri­mi­nel­len Han­delns über Jah­re hin­weg we­der aus­rei­chend sank­tio­niert noch struk­tu­rell ver­hin­dert wur­den. Wie um­fas­send bil­den un­se­re Sta­tis­tik­en die Wirk­lich­keit ab?

In An­be­tracht der ho­hen Fall­zah­len von Steu­er­ver­mei­dung und -be­trug durch ge­wis­se in­te­res­sier­te Krei­se zeigt sich, dass die­se white-collar crimes in den Sta­tis­tik­en nicht ab­ge­bil­det schei­nen. Oder ir­re ich mich, und sie sind in­tern?

Und da in Deutsch­land ei­ne in­ter­na­tio­na­le Kli­en­tel ak­tiv ist, Geld­wä­sche, or­ga­ni­sier­te Kri­mi­na­li­tät (abgekürzt OK, zu der ich die oben ge­nann­ten Be­trugs­ma­schen durch­aus zäh­len wür­de), wä­re auch hier ei­ne Dif­fe­ren­zie­rung nach Pass sinn­voll.

Deutsch­land gilt als ein über­re­gu­lier­tes Land in ei­ner über­re­gu­lier­ten EU. Um­so mehr über­rascht es, dass in die­sem Be­reich be­last­ba­re Da­ten zu feh­len schei­nen. Seit 1997 gibt es kei­ne of­fi­zi­el­le Sta­tis­tik mehr über die Ver­mö­gen der Ul­tra­rei­chen, seit die Ver­mö­gens­steu­er aus­ge­setzt wur­de, nach­dem das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt (BVG) die da­ma­li­ge Be­rech­nungs­grund­la­ge als ver­fas­sungs­wid­rig ein­ge­stuft hat­te: Im­mo­bi­li­en wur­den da­mals teils noch nach den Ein­heits­wer­ten von 1936 be­mes­sen, un­ter­schied­lich in Ost und West.

Ein gro­ßer Zeit­sprung in die Ge­gen­wart: Seit dem 1. Ja­nu­ar 2025 gilt in Deutsch­land ei­ne neue Be­wer­tungs­grund­la­ge für Im­mo­bi­li­en­ver­mö­gen. Den­noch ist öf­fent­lich nicht da­von die Re­de, die einst le­dig­lich aus­ge­setz­te Ver­mö­gens­steu­er wie­der zu ak­ti­vie­ren, oder ha­be ich da et­was ver­passt?

Wie hoch dürf­te der fi­nan­zi­el­le Ver­lust für die All­ge­mein­heit in den fast drei Jahr­zehn­ten seit der Aus­set­zung die­ser Steu­er sein? Es ist ho­he Zeit, dass Öko­nom:­in­nen auf Ba­sis der spär­lich ver­füg­ba­ren Da­ten ei­ne Schät­zung wa­gen.

Denn in den öf­fent­li­chen Kas­sen fehlt Geld. Wir müss­ten In­ves­ti­tions­staus über­win­den: Bil­dungs­ein­rich­tun­gen, Stra­ßen, Brü­cken und die Bahn sind ma­ro­de, der so­zia­le Woh­nungs­bau liegt brach, die In­nen­städ­te ster­ben, um nur mit dem Au­gen­schein­li­chen an­zu­fan­gen. Zu die­ser Fest­stel­lung wür­de ich in al­len po­li­ti­schen La­gern Zu­stim­mung er­war­ten. Funk­tio­nie­ren­de Le­bens­grund­la­gen ha­ben kein Par­tei­buch.

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Bild: pixlr.com

Freitag, 19. September 2025

Anstrengender Alltag

Her­zlich will­kom­men! Als Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin für Deutsch und Fran­zö­sisch (so­wie aus dem Eng­li­schen) ar­bei­te ich in­ter­na­tio­nal. Ich be­rich­te von Kon­fe­ren­zen, De­le­ga­tio­nen und Ge­sprä­chen, bei de­nen Spra­che mehr ist als nur Mit­tel zum Zweck. Manch­mal sit­ze ich auch län­ger am Schreib­tisch. Je nach The­ma ist da­bei mo­men­ta­ne Ein­sam­keit gar nicht gut.

Klavier, Tisch (angeschnitten), Lampen, Bilder, alles sehr unscharf auf einer sehr alten Fotografie
Mu­sik­zim­mer (um 1900)
Neu­lich ha­be ich al­te Lis­ten über­setzt, Woh­nungs­in­ven­ta­re, wie sie von den Na­zis er­stellt wur­den im Zu­ge der Ent­rech­tung, Ver­schlep­pung und in­dus­tri­el­len Er­mor­dung von Men­schen, die ih­nen nicht ge­passt ha­ben, von An­ders­den­ken­den und -glau­ben­den. Es war grau­en­voll. Der Ein­satz war un­ab­hän­gig von mei­ner Rei­se nach Wei­mar vor ei­ner Wo­che, hat mir aber er­neut auf­ge­zeigt, wo­hin to­ta­li­tä­re Sys­te­me stre­ben.

Die USA sind in­zwi­schen ein to­ta­li­tä­rer Staat, ob die Mid­term-Wah­len über­haupt statt­fin­den wer­den, steht in den Ster­nen. Rei­sen dort­hin sind, wenn mög­lich, zu ver­schie­ben.

Dort dür­fen in­zwi­schen auch un­ge­straft Men­schen im TV vor­schla­gen, Leu­te, die auf der Stra­ße le­ben, die nicht ar­bei­ten wol­len, die krank sind und Hil­fe ab­leh­nen, mit der Gift­sprit­ze zu er­mor­den. Es ist die lo­gi­sche Kon­se­quenz aus dem Ul­tra­li­be­ra­lis­mus und der Ma­xi­mal­ver­wer­tung von al­lem und je­dem: Der Ge­dan­ke, „un­nüt­ze Mäu­ler“ müs­sten künf­tig nicht mehr ge­füt­tert wer­den. Ein Grund­recht auf Woh­nen ha­ben sie schon jetzt nicht.

Es ist hohe Zeit, dass wir den Auf­trag des Grund­ge­set­zes ernst­neh­men und auf die ex­tre­mis­ti­schen Aus­wüch­se der Po­li­tik ei­ne Ant­wort fin­den.

Die Er­mor­dung von Char­lie Kirk ist tra­gisch: Ei­ne Frau ver­liert ih­ren Mann, Kin­der ver­lie­ren den Va­ter. Doch zu­gleich war sein Tod der An­lass, die po­li­ti­sche La­ge in den USA wei­ter zu ver­gif­ten.

In den Me­dien wur­de Char­lie Kirk jah­re­lang (und diese Wochen auch in Deutschland) ein "kon­ser­va­ti­ver Ak­ti­vist" ge­nannt. Doch sei­ne Rhe­to­rik reich­te weit da­rü­ber hin­aus: Er be­trieb ge­ziel­te Het­ze ge­gen Min­der­hei­ten, schür­te Miss­trau­en ge­gen de­mo­kra­ti­sche In­sti­tu­tio­nen und ver­brei­te­te Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen. Wer das nüch­tern ana­ly­siert, er­kennt: Er war kein Ak­ti­vist, son­dern ein po­li­ti­scher Agi­ta­tor, des­sen Auf­trit­te sys­te­ma­tisch Hass und Spal­tung be­feu­ert ha­ben.

Seit dem Tag des At­ten­tats wird er von Pre­di­gern und Kul­tur­kämp­fern in­stru­men­ta­li­siert und zum „Mär­ty­rer“ sti­li­siert. Mein Herz ver­krampft sich, wenn ich dar­an den­ke, dass es in Eu­ro­pa Ver­tre­ter:in­nen von Volks­par­tei­en gibt, die in die­sel­be Ker­be schla­gen.

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Foto: Pri­vat­ar­chiv Elias Los­sow

Donnerstag, 11. September 2025

Zwischenzeit

Hal­lo und herz­lich will­kom­men! Ich bin Dol­met­sche­rin, über­tra­ge je nach Be­darf si­mu­ltan oder kon­se­ku­tiv, was an Kom­mu­ni­ka­tion an­steht, und zwar mit Mut­ter­spra­che Deutsch und Zweit- und Ziel­sprache Fran­zö­sisch so­wie aus dem Eng­lischen. Hier ge­wäh­re ich ei­nen Blick hin­ter die Ku­lis­sen, denn der Be­ruf ist der gro­ßen Öf­fent­lich­keit kaum be­kannt.

Um als Dol­met­sche­rin ar­bei­ten zu kön­nen, muss ich mich, was die Po­li­tik an­geht, à jour hal­ten. Ich ge­he auch im­mer kom­plett rein. Ich brau­che viel Em­pa­thie, die Spie­gel­neu­ro­nen feu­ern bei der Ar­beit, das Ge­sag­te wan­dert ein­mal durch mich hin­durch und wie­der her­aus, kurz: ich ar­bei­te mit al­len Sin­nen, dem gan­zen Vor­stel­lungs­ver­mö­gen und vol­lem Kör­per­ein­satz.

Heu­te nur kurz und ei­gent­lich kein KI-Mit­t­woch am Don­ners­tag. (Manch­mal tra­ge ich ja Pos­tings nach.) Heu­te feh­len Zeit und Ru­he.

Die Nach­rich­ten sind gräss­lich. Al­le mög­lichen Leu­te spre­chen im Brust­ton der Über­zeu­gung „vom kom­menden Krieg“, als wä­re das si­cher. Man kann Sa­chen auch her­bei­reden. Un­fass­bar.

Für spä­ter hier Le­sende: Ge­stern in den frü­hen Mor­gen­stun­den hat Rus­sland mut­maß­lich 19 Droh­nen auf Po­len ab­ge­­schos­sen, es wur­de min­des­tens ein Wohn­hausdach zer­stört, nur ein Buch­teil wur­de ab­ge­fan­gen. Po­len hat Ar­ti­kel 4 des Nord­at­lan­tik­ver­trags ak­ti­viert.

Wir sind ei­ne so weit ent­wick­elte Spe­zi­es, ha­ben so viel ver­stan­den oder ah­nen zu­min­dest die Zu­sam­men­hänge der Na­tur, wis­sen, wie wir den droh­enden Öko­zid und Kli­ma­zid noch ab­wen­den kön­nen, und was ma­chen die­se kom­ischen Men­schen? Krie­ge über Krie­ge, hei­ße und kal­te, Wirt­schafts­krie­ge, Di­gi­tal­krie­ge, In­for­ma­tions­krie­ge. Sind wir denn noch zu ret­ten?

Wir müs­sen al­les da­ran set­zen, um die Zi­vi­li­sa­tion, die Men­schheit, nicht zu­schan­de zu rei­ten.

Im Süd­os­ten Ber­lin sit­zen die Men­schen seit Ta­gen oh­ne Strom da. Es gab ei­nen An­schlag auf die Strom­ver­sor­gung. In den USA fiel vor ei­nigen Stun­den de­ren Horst Wes­sel ei­nem At­ten­tat zum Opfer. Die sind echt al­le ver­rückt ge­wor­den.

Ich sit­ze im Bü­ro, ler­ne, war­te auf wei­teres In­fo­ma­te­rial, ver­su­che, mich kre­ativ ab­zu­len­ken.

Comichaft: Innenraum eines Supermarkts
So könnte das Setting aussehen
Neu­lich ha­ben wir nach dem Ki­no in ei­nem Spä­ti­su­per­markt schon Scho­ko­niko­läu­se ge­sehen! Da­zu der Strom­aus­fall und po­ten­zi­ell noch hei­ße Ta­ge, prompt fließt ein Kurz­film­skript von 850 Wör­tern aus mir her­aus: SchoNiLas Alptraum. Mal se­hen, ob ich das an die Frau oder an den Mann be­kom­men kann. (Film­hoch­schu­le?)

Oder kön­nte ich das selbst ma­chen mit Fo­tos und ge­zeich­neten Fi­gu­ren als Le­ge­trick­ani­ma­tion? Puh, so­was dau­ert! Oder die KI? 🎬

Die ant­wor­tet: 
Das Script ist klas­se – dich­te Bil­der, kla­re At­mo­sphä­re, sehr fi­lmisch ge­dacht. Für ei­ne KI-Um­set­zung als Ani­ma­tion (ca. 2 Mi­nu­ten) braucht es al­ler­dings ei­ne Re­duk­tion und ei­nen Shot-Plan, sonst kommst du mit der Län­ge und der Tech­nik nicht hin.



Und dann ser­viert mir die KI Emp­feh­lun­gen für meh­rere An­bie­ter und Soft­ware­pro­gram­me, da­zu die ers­ten Prompts:
Prompt-Vor­la­gen „Scho­Ni­Las Alp­traum – Co­mic Noir Style“ / 1. Schwarz­bild mit Brum­men & Flack­ern co­mic noir style, dark black screen with sudden white flashes, flickering neon light, eerie humming atmosphere, cinematic. / 2. Su­per­markt – To­tale co­mic noir supermarket interior, run-down, early morning, flickering ceiling lights, empty sales table in the center, refrigerators left, cash registers right, wide shot.





Ich fra­ge, ob es ei­nen An­bie­ter gibt, der das in Gän­ze um­set­zen kann? Die Ant­wort lau­tet: Nein.

Kurz vor elf holt mich der We­cker mit zar­tem Vo­gel­ge­zwit­scher aus der kre­ativen Ru­he. Ich möch­te nicht vom Sig­nal­ton des Kri­sen­al­arms aus dem Nach­den­ken ge­ris­sen wer­den, der heu­te Schlag elf in Deutsch­land ge­tes­tet wird. Ich bin dann in der Kü­che, ko­che Tee und höre Ra­dio.

Der Kopf setzt Mo­sa­ik­stei­ne zu­sam­men. Das gan­ze Sä­bel­ge­rass­el, die Mul­ti­kri­sen sind, von mir ver­dol­metsch­ten So­zio­lo­gen zu­fol­ge, ein Ab­len­kungs­ma­nö­ver und sol­len uns läh­men, da­mit wir nicht ge­gen schrei­ende Un­ge­rech­tig­keiten auf­ste­hen. Kli­ma- und Bio­di­ver­si­täts­ka­tas­trophe sind ei­ne Sei­te der Me­daille, die an­dere Sei­te ist, dass die Su­per- und Ul­tra­rei­chen im­mer mehr an­häu­fen, und zwar in ei­nem Ma­ße, dass es sich schäd­lich auf den All­tag von 90 Pro­zent der Men­schen und auf das Le­ben auf dem Glo­bus aus­wirkt.

Ich muss mich jetzt wie­der um die in­nere Ru­he küm­mern, um mein See­len­heil, die klei­nen Freu­den. Soll­ten wir al­le ge­zielt ma­chen, denn ers­tens: Wer auf­gibt, hat schon ver­lo­ren und zwei­tens: Nur, wenn wir ge­las­sen und ent­spannt sind, kön­nen wir über­haupt han­deln.

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Foto: C.E. (Ar­chiv) 

Mittwoch, 3. September 2025

KI und digitaler Krieg

Wie Über­set­ze­rin­nen und Übersetzer, Dol­met­sche­rin­nen und Dol­met­scher ar­bei­ten, be­schrei­be ich hier im 19. Jahr. Mei­ne Ar­beits­spra­chen sind Deutsch (Mut­ter­spra­che), Fran­zö­sisch und Eng­lisch; mei­ne Bü­ro­kol­le­gin ar­bei­tet als Über­set­ze­rin, al­so schrift­lich, mit Eng­lisch als Ziel­spra­che. Heu­te: KI-Mitt­woch.

Nicht nur mon­tags zur di­gi­ta­len Tea Time sit­ze ich am Com­pu­ter, ich finde im Netz auch Quel­len, Re­den, Stu­dien und Kon­tak­te in Be­rufs­netz­wer­ken. Wir ver­mit­teln bei Be­darf auch Kol­le­g:in­nen für an­de­re Spra­chen, das ge­schieht nicht blind, son­dern durch Co­op­ta­tion, also Ab­stim­mung und spie­gelt ge­machte Er­fahr­rungen. Aber oh­ne das Netz wä­re das sehr auf­wän­dig.

Manch­mal bin ich auch bei den „a­so­zia­len Me­dien“ un­ter­wegs. Die ha­ben die­sen Be­griff längst mehr als ver­dient, auch wenn mei­ne „Bub­ble“ sehr ver­nünf­tig und ei­gent­lich an­ge­nehm zu le­sen ist.

Es kommt aber vor, dass Freun­de und Be­kann­te dort das Ta­ges­ge­sche­hen kom­men­tie­ren. Sie stel­len dann ir­gend­wel­che Per­so­nen des Zeit­ge­sche­hens in den Mit­tel­punkt ih­res Nach­den­kens. Es ist wun­der­lich, was für ein Stuss so raus­po­saunt und von er­wach­se­nen Zeit­ge­nos­sen ge­glaubt wer­den kann. Da ist vie­les auf dem Le­vel von Orange face, der in der Pan­de­mie öf­fent­lich über die in­tra­ve­nö­se Ga­be von De­sin­fek­ti­ons­mit­tel ge­gen Co­vid-19 fa­bu­liert hat. Ge­sicht und Kör­per­spra­che sei­ner Be­ra­te­rin, ei­ner Ärz­tin, die da­ne­ben­saß, sind un­ver­gesTa­ges­ge­sche­hensen. Da­mals ha­be ich nicht ah­nen kön­nen, dass die­ser An­blick ein Schlag­licht auf die Zu­kunft sein wür­de.

Am Rechner: Mensch mit bedrolicher Robotermaske
Hinter den Bots steckt böse Absicht
Denn im­mer mehr Men­schen tö­nen im ver­meint­li­chen Voll­be­sitz ih­rer geis­ti­gen Kräf­te Din­ge her­aus, die ich freund­lich un­ter Ho­kus­po­kus, me­di­en­wis­sen­schaft­lich un­ter De­sin­for­ma­ti­on und tak­tisch un­ter Pro­pa­gan­da ver­or­ten muss.

Frü­her ha­be ich ger­ne in die Kom­men­tar­spal­te rein­ge­schaut, auf der Su­che nach Vox Po­pu­li. Wir müs­sen in Kon­fe­ren­zen ja auch Dis­kus­sio­nen mit dem Pub­li­kum ver­dol­met­schen, und ich bin im­mer auf Ide­en- und Wör­ter­su­che. 

Sol­che Ein­blic­ke sind heut­zu­ta­ge kom­plett ab­surd. Ge­fühlt 50, 60 Pro­zent der „Stim­men“ dort stam­men von wü­ten­den Bots, die Schwach­köp­fe imi­tie­ren. Sie kü­beln und pö­beln, schie­ßen ein­mal kurz zu­rück … und blei­ben dann stumm. Men­schen wä­ren nach qua­li­fi­zier­ten, di­plo­ma­ti­schen, fein­füh­li­gen Ant­wor­ten ent­we­der 1. über­zeugt oder 2. wei­ter auf­ge­bracht und laut. Aber Schwei­gen im Wal­de?

Ihre „Pro­fi­le“ be­stehen aus zwei, drei Freund:in­nen, da­zu drei Fo­tos von Haus­tie­ren oder tä­to­wier­ten Mus­keln, di­cken zwei­rä­dri­gen Ma­schi­nen und manch­mal auch frag­wür­di­gen Flag­gen. Ich ha­be mich ein­ge­le­sen, die La­ge stich­pro­ben­ar­tig be­ob­ach­tet, als Lin­gu­is­tin die Spra­che der "Mei­nun­gen" ana­ly­siert.

Die Ant­wort ist ein­fach: Of­fen­sicht­lich sind es es kei­ne Men­schen, son­dern KI-ge­steu­er­te Fake­sei­ten, die au­to­ma­ti­siert ih­re Het­ze aus­kot­zen oder blind­wü­tig nur ei­ne ein­zi­ge (blaue) Lö­sung rüh­men. Nur ver­ein­zelt füh­len sich Dumm­dreis­te zum Mit­ma­chen auf­ge­for­dert, was ja das Ziel des Gan­zen ist. Ich spre­che hier auch von Straf­ta­ten, die an­ge­droht wer­den, und von Volks­ver­het­zung. Sie sol­len sich nicht al­lein füh­len, son­dern be­stärkt in ih­rer Mei­nung. So wer­den Men­schen mit Ideo­lo­gie ge­tränkt und auf­ge­hetzt.

Das ist Teil des In­for­ma­ti­ons­krie­ges, Mei­nungs- und Stim­mungs­ma­che aus Russ­land, Chi­na, ei­ner „Par­tei“ und von an­de­ren Grüpp­chen mit wi­der­li­cher Ge­sin­nung.

War­um rö­deln nicht die gan­ze Zeit die „Ge­gen­bots“ und räu­men da auf? War­um wird das lau­fen­ge­las­sen? Ge­gen­wehr, al­so sys­te­ma­ti­sche Ge­gen­bot-Ein­sät­ze, müss­te es längst ge­ben. Tech­nisch dürf­te das kein Pro­blem sein. Wenn die KI das ei­ne kann, so kann sie auch das an­de­re.

Die Ab­we­sen­heit ei­ner gro­ßen ge­sell­schaft­li­chen De­bat­te macht mich stut­zig. Die­ser Punkt ge­hört längst in die Ge­set­ze auf­ge­nom­men. Und da, wo be­stehen­de Ge­set­ze aus­rei­chen — ich sa­ge nur Volks­ver­het­zung, Be­lei­di­gung, An­dro­hung von oder Auf­ruf zum Mord —, müs­sen die Straf­ta­ten ver­folgt wer­den.

Die Ge­set­ze müs­sen nach­ge­schärft und Be­trei­ber sol­cher Sei­ten zum Ein­satz von KI ge­nö­tigt wer­den, um den Spuk zu be­en­den. Der Be­griff passt nicht, es ist mehr als Spuk.

Das Glei­che gilt für Hacking­an­grif­fe auf Un­ter­neh­men und Ins­ti­tu­tio­nen, den Flug­ver­kehr und an­de­re At­ta­cken. Der di­gi­ta­le Krieg ist längst im Gan­ge, und hier feh­len drin­gend nö­ti­ge In­vest­ments.

Das Gan­ze be­droht die Grund­fes­ten un­se­rer Zi­vi­li­sa­ti­on.

EDIT: Oben habe ich den sicht­ba­ren Teil des Di­lem­mas be­schrie­ben. Es gibt noch ei­nen un­sicht­ba­ren, und ich bin si­cher, dass er bis heu­te wirk­sam ist.

Wie ge­nau ma­ni­pu­liert wird, dürf­te den meis­ten von uns im Um­feld des Bre­xit klar­ge­wor­den sein, wo ei­ne Fir­ma na­mens Cam­bridge Ana­ly­ti­ca ge­zielt Men­schen, die Face­book nutz­ten, mit ein­sei­ti­ger, oft fal­scher In­for­ma­ti­on ver­sorgt ha­ben, um sie in ih­rer Ent­schei­dung zu be­ein­flus­sen. Das Fach­wort da­für ist „Mi­cro­tar­ge­ting“, das be­wusst die psy­chi­schen Be­find­lich­kei­ten der Men­schen, ih­re Be­dürf­nis­se und Ängs­te, ins Vi­sier nimmt.

Dem muss na­tür­lich das Sam­meln und Ana­ly­sie­ren von Da­ten vor­aus­ge­gan­gen sein. Die Fir­ma, die es nicht mehr gibt, soll un­recht­mä­ßig Da­ten­sät­ze auch aus ei­nem "Spiel" er­wor­ben ha­ben, bei dem Nut­zer:in­nen frei­wil­lig ih­re Da­ten und wei­te­re In­for­ma­tio­nen preis­ge­ge­ben ha­ben. (Ich for­mu­lie­re das hier vor­sich­tig, weil ich nicht weiß, wie jus­ti­zi­el sol­che Zei­len mög­li­cher­wei­se sind; auf Kon­fe­ren­zen ha­be ich al­ler­dings ge­hört, dass am Vor­gang kein Zwei­fel mehr herr­schen soll.) Ei­ne gu­te Zu­sam­men­fas­sung hier: Main­zer Me­dien­ins­ti­tut.

Der Kern­satz: „Cam­bridge Ana­ly­ti­ca hat da­mit ge­wor­ben, mit­hil­fe von Big Da­ta und psy­cho­me­tri­scher Ana­ly­sen das Wahl­ver­hal­ten von Men­schen be­ein­flus­sen zu kön­nen.“ Das Un­ter­neh­men hat sich re­gel­mä­ßig ge­rühmt, auch für die ers­te Wahl des US-ame­ri­ka­ni­schen XXX [zen­siert] im Jahr 2016 ver­ant­wort­lich ge­we­sen zu sein: (W)ha­te­ver we think this tar­get pro­fi­le would be re­cep­ti­ve to we would cre­ate con­tent on the in­ter­net for them to find — un­til they come to think some­thing dif­fe­rent­ly.

Man­che Men­schen be­zeich­nen die­ses „Werk­zeug zur psy­cho­lo­gi­schen Kriegs­füh­rung“ als Mar­ke­ting. Ich hal­te das für Ab­len­kung. Die In­vest­ments spre­chen ei­ne an­de­re Spra­che.

Auch die deut­sche Exe­ku­ti­ve setzt auf Da­ten­aus­wer­tung. Ers­te Bun­des­län­der ha­ben ein Pro­gramm des rechts­ex­tre­men Pe­ter Thiel für die Nut­zung im Po­li­zei­be­reich ge­kauft und nut­zen es be­reits. Link zu Thiel: Die Thiel-Sto­ry (WDR-Podcast).

Zwei­te Ana­ly­se­e­be­ne: Die deut­schen Be­hör­den öff­nen derzeit frei­wil­lig den Bad Guys aus Über­see Tü­re und To­re, statt da­ten­recht­lich sau­be­r ar­bei­ten­de An­bie­ter aus Eu­ro­pa mit eu­ro­pä­i­schem Geld zu fi­nan­zie­ren, und sie ver­hal­ten sich so, als wür­den sie die Ge­fah­ren des di­gi­ta­len Kriegs nicht se­hen. Zwei Mög­lich­kei­ten: Na­ivi­tät oder Be­rech­nung. Es dürf­te, wie im­mer, ein Drit­tes sein: Ei­ne Mi­schung aus bei­dem.

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Grafik: pixlr.com (Zu­falls­fund)

Montag, 25. August 2025

Montagsschreibtisch (104)

Bien­ve­nue auf den Sei­ten ei­ner Sprach­ar­bei­te­rin. Seit 2007 be­rich­te ich hier in lo­ser Fol­ge über das Ar­beits­le­ben von Über­set­ze­rin­nen, Über­set­zern, Dol­met­scher­in­nen und Dol­met­schern. 

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Heute setzt es Blitz und Donner!
Mei­ne Spra­chen sind Fran­zö­sisch, Eng­lisch und na­tür­lich auch Deutsch, mei­ne Mut­ter­spra­che. Zum Wo­chen­an­fang schaue ich auf den Schreib­tisch. Da liegt ei­gent­lich nur Ter­min­pla­nung. Ei­gent­lich ...

"Warum ar­bei­ten so vie­le Men­schen in Teil­zeit, wo sie doch für 2000 Euro im Mo­nat ar­bei­ten ge­hen könn­ten?", hat un­ser al­ler Bun­des­merz die­ser Ta­ge sinn­ge­mäß zum zwei­ten Mal ge­fragt. Herr Merz, ich hät­te da Ant­wor­ten.

Dem The­ma wid­me ich heu­te den am Mon­tag üb­li­chen Blick auf mei­nen Schreib­tisch.

♠ Die Ver­wal­tung ei­ner pfle­ge­be­dürf­ti­gen Per­son, die einst Be­am­tin war, kos­tet min­des­tens ei­nen, wenn nicht zwei Ta­ge im Mo­nat, viel Pa­pier­kram, vie­le ✉ ✉ ✉. Das macht zum Glück kom­plett ei­ner mei­ner Brü­der.
♠ Ab­si­che­rung im Be­reich §§, Spa­zie­ren­ge­hen, Haus­halt, Es­sen rich­ten an Ta­gen, an de­nen die Haus­häl­te­rin frei hat, macht der an­de­re Bru­der und der ei­ne auch.
♠ An­sprech­part­ne­rin in al­len Not­la­gen, Ab­fe­dern von Kri­sen, Auf­mun­tern durch Be­such mit den En­ke­lin­nen, zur Post lau­fen, wenn der Ku­rier­dienst sein Ta­ges­soll nicht ge­schafft hat (weil's zu viel war), auch schon mal Mit­ko­chen und Es­sen rü­ber­brin­gen, die An­ge­hö­ri­ge stun­den­wei­se über­neh­men: der Part un­se­rer Schwes­ter, die in der Nä­he lebt.
♠ Ab­si­che­rung frei­er Ta­ge der Haus­häl­te­rin ma­chen wir al­le, ich aber auch die Näch­te, küm­me­re mich um Grund­la­gen im Haus­halt, Es­sen be­sor­gen und ko­chen, Be­glei­tung zu Ärz­ten, da­zu ist heu­t­zu­ta­ge viel Zeit am ✆ nö­tig, wir ha­ben Ärz­te­man­gel, Pla­nung von Pfle­ge­be­darf, Be­sor­gun­gen al­ler Ex­tras über den täg­li­chen Be­darf hin­aus, vor­le­sen, ♬ und ▶ [Play-Sym­bol, al­so Fil­me] pla­nen, Ab­si­che­rung von Ta­gen oder Wo­chen, wenn der Wech­sel der Haus­häl­te­rin nicht klappt: mein Part.
♠ Und wir al­le: Mo­bi­li­sie­rung und gu­te Lau­ne ver­brei­ten!

Ich bin von ❤en glück­lich über mein Team Fa­mi­lie. Zur Bun­des­po­li­tik sa­ge ich in die­sem Kon­text: ⇓.

Al­ler­dings kos­tet mich die Pfle­ge­lücke Deutsch­lands je­des Jahr ei­ni­ge tau­send Euro Um­satz. Es kann vier­stel­lig wer­den. Die Ge­schwis­ter stecken in an­de­ren Ar­beits­ver­hält­nis­sen. Da sind Fa­mi­lien­zei­ten kom­pen­sier- und nach­hol­bar. Die Pfle­ge­hei­me ha­ben wir ge­se­hen und fürch­ten, dass die An­ge­hö­ri­ge Per­son dort un­ter­ge­hen wür­de. Wir hel­fen ihr ger­ne bei ei­nem men­schen­wür­di­gen Le­bens­abend. Aber es ist hart, zu­mal die Hälf­te der An­ge­hö­ri­gen mehr als 600 Ki­lo­me­ter mit ei­ner chro­nisch un­zu­ver­läs­si­gen Bahn pen­delt.

Für Haus­halt und All­tags­be­glei­tung an den meis­ten Werk­ta­gen ha­ben wir zum Glück die Mit­hil­fe von Rent­ne­rin­nen aus Ost­eu­ro­pa, die im­mer für ei­ni­ge Mo­na­te bei uns ar­bei­ten, kom­plett ver­steu­ert und ver­si­chert; der Pfle­ge­geld­an­teil, der sonst pfle­gen­den An­ge­hö­ri­gen zu­steht, fließt da na­tür­lich rein.

Und auch an Ta­gen, an de­nen wir nicht vor Ort im Ein­satz sind, ha­ben wir oft geis­tig mit der Al­ten­pfle­ge zu tun, an­ge­fan­gen bei der Ter­min­pla­nung und den Te­le­fo­na­ten, den vie­len Punk­ten, die es zu be­ach­ten geht, der Lis­te der Auf­ga­ben für die Über­ga­be beim Wech­sel, dem Ein­le­sen in Re­gu­la­ri­en oder Tex­ten über die Krank­heit und den Um­gang mit ihr ... Men­tal load heißt das in der Fach­spra­che.

Ich wet­te, dass Po­li­ti­ker:­in­nen, die über un­se­rei­nen wet­tern, dass wir faul sei­en, das selbst NICHT er­lebt ha­ben. Was ich hier schrei­be, gilt noch mehr für Per­so­nen im Ar­beits­al­ter und Rent­ner:­in­nen, die dem Le­bens­men­schen bei­ste­hen, oder An­ge­hö­ri­gen von Men­schen mit Ein­schrän­kun­gen. De­nen fehlt auch noch das Durch­at­men zwi­schen­durch.

Im­mer­hin: Ich darf mich glück­lich schät­zen, Ren­ten­punk­te für den Ein­satz zu be­kom­men. Als Frei­be­ruf­le­rin wer­de ich sie al­ler­dings nie ein­lösen kön­nen, es sei denn, ich su­che mir fünf Jah­re lang ei­nen so­zi­al­ver­si­che­rungs­pflich­ti­gen Job. Am Ran­de ei­ner Kon­fe­renz ha­be ich mal ei­nen Ver­ant­wort­li­chen da­zu be­fragt. Er hat mir das be­stä­tigt und vor­ge­schla­gen, doch ei­nen Mi­ni-Job an­zu­neh­men. 

Ja, wann denn, bit­te­schön? Ich hät­te da noch Zeit zwi­schen drei Uhr mor­gens und neun Uhr mor­gens, wenn die An­ge­hö­ri­ge si­cher schläft, aber ho­ri­zon­tal woll­te ich dann lie­ber nicht ar­bei­ten. So oder so ähn­lich (deut­li­cher!), ha­be ich es dem gu­ten Mann auch ge­ant­wor­tet. Des­sen Au­gen­brau­en dann so: ˆ ˆ .

Und was das gan­ze Jong­lie­ren für ei­ne frei­be­ruf­li­che Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin be­deu­tet, kann sich oh­ne­hin nie­mand vor­stel­len, nicht ein­mal ich selbst. Die Ge­schwis­ter über­neh­men in der Kon­fe­renz­sai­son mehr, ich in den an­de­ren Mo­na­ten.

Und da ich hier grund­sätz­lich schon beim The­ma Ge­sund­heit bin: In mei­ner Fa­mi­lie wür­de es mehr hel­fen­de Hän­de ge­ben (und künf­ti­ge Steu­er­zah­ler), wenn das Ge­sund­heits­sys­tem nicht jahr­zehn­te­lang Frau­en ver­nach­läs­sigt hät­te. In un­se­rer Fa­mi­lie gibt es et­li­che ∗∗∗-en­kinder. Und die Ge­samt­la­ge der gan­zen Ge­sell­schaft wür­de sich bes­ser dar­stel­len, wenn ge­sund­heit­li­che Auf­klä­rung als zen­tra­le Auf­ga­be von Re­gie­run­gen ernst­er ge­nom­men wor­den wä­re. Aber die Ren­di­ten der Fir­men wa­ren und sind bis heu­te wich­ti­ger ... 

Sor­ry, muss­te mal raus.

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Vi­suel­le Ele­men­te: Die­ses Pos­ting ent­stand 
un­ter Mit­wir­kung von Min­der­jäh­ri­gen