Mittwoch, 30. Dezember 2020

COVIDiary (131)

Bonjour und guten Tag! Hier bloggt ei­ne Dol­met­sche­rin. Was Kon­fe­renz­dol­met­scher und Über­setzer machen, und na­tür­lich auch wir Frau­en im Be­ruf, wie sie bzw. wir arbeiten, ist hier seit Mitte der Nuller Jahre re­gel­mä­ßig Gegen­stand in Form von kleinen Epi­soden aus dem Alltag.

Kamerafahrt, die Dolmetscherin geht, einen Bücherstapel unter dem Arm, lesend den Gehweg einer Straße mit durchschnittlich erhaltenen Gründerzeithäusern ent­lang. Sie kommt von einer Freundin, der sie Bücher gebracht hat.

Neuköllner Pflaster

Tausch statt Neukauf lautet in diesen Tagen die Parole. An den Sockeln der Gebäude, den Tü­ren und Jalousien fällt die ex­plo­­sions­ar­ti­ge Zunahme an viel­far­bi­gen "Tags" auf, Buch­sta­­ben­fol­gen ohne Sinn, flüchtiger als die ge­ritz­ten Initialen an Mo­nu­men­ten.
Am Straßen­rand parken viele äl­te­re Autos, zwi­schen­durch auch das eine oder andere Ge­fährt, dem man den hohen Preis erst auf den zweiten Blick an­sieht. 

Hier haben die Autos früher eng auf eng gestanden, die Hälfte ist an der einen Seite übriggeblieben, dort sind vielleicht 60 Prozent. Cornona­virus plus Feiertage, lässt sich hier ablesen. Einige Schritte weiter liegt ein Haufen wild entsorgte Klei­dung, etwas weiter stehen Ab­raum­­mul­den mit Bauschutt, da drüben Paletten. Es ist einer der letzten Tage des Jahres. Der Him­mel strahlt mit dem Wider­schein der Sonne auf den Dach­firs­ten um die Wette. Im Winter steht die Sonne tief, seit Mitte Dezember trifft mit einem Einfallwinkel von 14 Grad auf die kalte Stadt. Die engen Berliner Stra­ßen erreicht außer an Plät­zen und Kreu­zun­gen nur dort ein Son­nen­strahl, wo ge­gen­über ein früheres Ruinen­grundstück zum Spielplatz wurde. 

Vor einem Kiosk liegen auf den Paletten weitere Paletten, und auf ihnen hockt mit großen Abstän­­den zueinander eine Gruppe junger, dick eingemum­melter Frauen mit Papp­bechern in der Hand, aus denen sie dampfen­den Kaffee nippen. Andere haben Thermos­­kannen und Becher dabei. Sie wieder­holen medizi­­nischen Prü­fungs­­stoff.

Im Fenster einer Ladenwohnung

Vor einem Haus, die Schau­fens­ter im Erd­ge­­schoss sind mit Zei­tun­gen zugeklebt, stehen vier Männer, alle irgendwas zwi­schen Mitte 30 und Mitte vier­zig, casual look in Jeans und Parka, einer trägt Jackett und Schal, sie sind eher groß, kräf­tig, straßen­kö­ter­blond bis dun­kel­haarig, nur ein Semmel­blon­der ist schlank und zart.
Sie halten den Abstand muster­gül­tig ein.

"Den Hand­schlag lassen wir jetzt mal sein, Corona, aber einig sind wir uns. Das is'n guter Preis. Und drei Monate mietfrei, dann geht's wieder los! Is' 'ne kommende Lage hier."

Die Dolmetscherin geht weiter. Sogar ihr, für die Autos nur Blechkisten mit Rädern und Motor sind, fällt auf, dass in der Straße die Mittelklasselimousinen fehlen, die Autos mit Münchener und Wiesbadener Kennzeichen, die Mietwagenflotte. Hinter einem abgestellten, alten Wohnwagen sitzt in einer Parklücke ein alter Mann im Smoking auf einem Campingstuhl an einem Campingtisch und isst in Zeitlupe Ku­chen. Er sieht aus, als hätte ihn nicht erst das Jahr 2020 ziemlich durch­ge­schüt­telt. Zu seinen Füßen liegt ein Rucksack, bei dem nicht zu erkennen ist, ob einst eine Färbung oder später der Staub den Stoff schlamm­grau gemacht hat. Da­ne­ben eine Ab­raum­mul­de mit altem Hausrat.

Termine nur mit dem Holzhändler
Zwischen den Jahren ist eine schwebende Zeit, im ersten Co­ro­na­jahr nochmal mehr. Ein Alp lastet auf den Zeitgenos­sen, wir stecken mitten im Umbruch, das Alte ist noch da, das Neue lässt sich schon erahnen, und wer zu flüch­tig hinsieht, er­kennt die Zeichen nicht. Ob später noch Holz für den Kamin zu bekommen ist? Aha, in Shut­down­­zei­ten ist ein Termin auch der Zeit­punkt, zu dem Holz ge­kauft wer­den kann.

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C.E.

Dienstag, 29. Dezember 2020

COVIDiary (230)

Wie Dol­met­scher und Über­setzer arbeiten (und Dol­met­sche­rin­nen und Über­set­ze­rin­nen), können Sie hier erfahren. Derzeit sind die meisten von uns allerdings ohne Kurzarbeitergeld in Kurzarbeit. Ich arbeite mit den Sprachen Französisch und Englisch. Aus Paris kam einst auch der Modemacher, um den es heute geht.

Pierre Cardin (2008)

Eben kam die Meldung vom Tode Pietro Cardinis, er verstarb im 99. Lebensjahr. 

Gute Reise, Pierre Cardin! 

Ich durfte ihn vor vielen Jahren dolmetschen, die Situation bringt mich noch heute zum Grinsen. Hier mein Bericht über den berühmten Herrenschneider.

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Donnerstag, 24. Dezember 2020

COVIDiary (228)

Herzlich will­kom­men! Hier bloggt ei­ne Dol­met­sche­rin. Was Konferenzdolmetscher und Übersetzer machen, wie sie arbeiten, wie sie leben, ist hier seit 2007 re­gel­mä­ßig Thema. Der Co­ro­na­vi­rus machte aus dem Ar­beits­ta­ge­buch mein COVIDiary. Neben der Spra­che liebe ich al­te Fo­to­gra­fie und Fil­me.

Diese zweite Dezem­ber­hälfte ist von Familien­festen geprägt. Ich wünsche allen ruhige Tage im Kreise der wenigen Lieben, auf die wir uns seu­chen­be­dingt be­schrän­ken müssen. Ein gutes Jahres­ende allerseits!

Drei Fehler in einem Bild!

Welche Fehler sehen Sie/siehst Du? Zumindest, was das Ende des ersten Coronajah­res angeht ... Die Kom­men­tar­spal­te ist geöffnet!

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Mittwoch, 9. Dezember 2020

COVIDiary (217)

Herzlich will­kom­men! Hier bloggt ei­ne Dol­met­sche­rin. Was Konferenzdolmetscher und Übersetzer machen, wie sie arbeiten, wie sie leben, ist hier seit 2007 re­gel­mä­ßig Thema. Meine Sprachkenntnisse (Französisch, Englisch) trainiere ich je­den Tag, auch wenn die Honorareinsätze seuchenbedingt selten geworden sind.

Täglich frische Walnüsse

Heute: Solo-Selbst­stän­di­ge in der Co­ro­na­kri­se, dazu Sascha Lobo im "Spie­gel". Er hat sau­ber ar­gu­men­tiert, ein we­nig mä­andert in der Ab­ar­bei­tung der Ar­gu­men­te, aber er trifft meine Erfahrungen zu 100 Prozent: Corona-Hilfen | Der deutsche Staat ver­ach­tet Selbst­stän­di­ge und Krea­tive; dazu gehört auch, dass in Deutsch­land die Fest­an­stel­lung ei­ner Er­satz­re­li­gion gleich­kommt.

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C.E.

Dienstag, 8. Dezember 2020

COVIDiary (216)

Herzlich will­kom­men! Hier bloggt ei­ne Dol­met­sche­rin. Meine Sprachkenntnisse (Französisch, Englisch) trainiere ich täglich. Hier beobachte ich auch die Sprache.

Impfverschwörer (26.5.20)

Implizit greifen die Briten in der größten Krise seit dem 2. Weltkrieg eine Kriegs­me­ta­pher auf: Heute um 6.31 Uhr ist die erste Frau regulär geimpft worden, die 90-Jährige Margaret Keenan known as Maggie. Die BBC vermeldet den "V-day", the vaccine day, dann kommt ein Musik-und-Soundmix, die heutige Variante von Fanfaren.

Der Begriff spielt auf den "D-Day" an, den 6. Juni 1944, die größte Invasion aller Zeiten über den Wasserweg, als Ame­ri­ka­ner, Briten, Kanadier und Franzosen in der Normandie anlandeten. Diese Ver­kür­zung bezeich­net eigent­lich irgen­dein noch un­be­kann­tes Datum; auf Deutsch ist das der Tag X, auf Französisch le jour J.

We have to still hold our nerve ... heißt es dann im Radio. Das ist gut verständlich, das Singular ist indes gewöhnungs­bedürftig. Ich bin gespannt, wann die Ver­schwö­rungs­theo­retiker mit neuen Ideen um die Ecke kommen. Denn es ist schon komisch, dass ausgerechnet eine alte Dame für die erste Dosis ausgewählt wurde, die Mag­gie heißt, als wolle man eine andere Maggie aufwerten ...

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C.E.

Montag, 7. Dezember 2020

COVIDiary (215)

Will­kom­men auf mei­nen Blog­seiten. Wie Dolmetscher und Übersetzer leben und arbeiten, beschreibe ich hier in loser Folge. Als Dolmetscherin arbeite ich mit fol­gen­den Sprachen: Französisch und Englisch; als Überset­zerin ist meine Ziel­sprache Deutsch. Co­ro­na hat alles ver­ändert, aus dem vir­tu­el­len Ar­beits­ta­ge­buch wurde das COVIDiary.

Auf dem Schreibtisch liegen derzeit höchst unterschiedliche Aufgaben:

Im Gartenzimmer
⊗ Steuern und Finanzen, Abrechnung der Soforthilfen aus dem Frühjahr (weder Pandemie noch Engpässe sind vorbei); 
⊗ Bauplanung eines Kunden;
⊗ Webseite eines Filmfestivals (Über­set­zer für die englische Sprache vermittelt);
⊗ Dokumente aus dem Bereich Erin­ne­rungs­kultur, 2. Weltkrieg (Über­setze­rin für die franz­ösi­sche Sprache ver­mit­telt);
⊗ Technikverbesserung für Fern­dol­met­schen (Mi­kro­fon­test­rei­he);
⊗ Kostenvoran­schläge für hybride Events in Ja­nu­ar und Feb­ruar sowie für Prä­senz­ver­an­stal­tun­gen im September 2021.


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C.E.

Sonntag, 6. Dezember 2020

COVIDiary (214)

Was und wie Über­setzer und Dol­met­scher arbeiten, können Sie hier mitlesen. Die meis­ten von uns sind selb­stän­dig. Co­ro­na stellt auch un­sere Exis­tenzen auf tö­ner­ne Füße. Kleine Aufmerk­sam­keiten und Dank­sa­gungen ma­chen die persön­li­che Anwesenheit nicht immer nötig.

Bei uns im Haus war er auch

Je länger wir halbherzige Maß­nahmen verordnet bekommen, desto länger wird der Spuk dau­ern, desto länger werden Men­schen unter der Isolation leiden, desto länger wird Frei­be­ruf­ler/innen wie uns Kon­fe­renz­dol­met­schern das Gros der Lebens­grundlage ent­zo­gen bleiben. Die Som­­mer­­fe­rien­rei­sen haben das Virus ebenso hübsch verteilt wie die Coronaleugnerdemos Sach­sen dunkel­rot gefärbt haben.

Die aktuelle Lage ist desolat. Partei­po­li­ti­sches Kalkül hier, Verschnupftheiten der Länderchefs dort helfen nie­man­dem weiter. Während sich das Virus weiter ver­brei­tet, wir haben kein Plateau, sondern nur langsamer steigende Zah­len, krallt sich Deutschland an Zu­stän­dig­kei­ten, Eitel­keiten und Traditio­nen.

Mein Vorschlag: Die christlich-jüdischen Lichterfeste und Neujahr feiern alle im al­ler­engs­ten Kreise; die Feste im größeren Familien- und Freundes­kreis (inklusive Geschenke) sollten wir um drei Monate verschie­ben, auf den Wechsel von Winter zu Frühjahr.

... und er kam nicht allein!

Und in der Zwi­schen­zeit bitte die Ge­sund­heits­äm­ter weiter digitalisieren, ebenso die Schule zur Erst­vermittlung von Einheiten, zusätzlich kleine Lern­gruppen in leer­ste­hen­de Hotelkon­fe­renz­räume ein­quar­tieren, begleitet von Lernpaten, je eine Frei­be­ruf­lerin und einen Lehramts­studenten, beide erhalten dafür gu­te Ho­no­ra­re und Leis­tungs­­na­ch­weise für die prak­ti­sche Arbeit. 

Die tägliche Hin- und Her­fah­re­rei er­le­di­gen zeitlich gestaffelt Fahrdienste und Bus­un­ter­nehmen, die ihre Firmen dann nicht mehr mit dem Transport von Corona­leugnern zu Demos zu retten versuchen müssen.

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C.E.

Samstag, 5. Dezember 2020

COVIDiary (213)

Will­kom­men im digi­talen Arbeits­ta­ge­buch aus der Welt der Über­setzer und Dol­met­scher. Die meis­ten von uns sind selb­stän­dig, sie ar­beiten selbst und ständig. In der Co­ro­na­zeit ist alles anders.

Optische Täuschung

Heute blicke ich ausnahms­weise auf das Gu­te an Corona, denn Seelen­hygiene ist wich­tig: Voraus­gesetzt, ich mache so weiter, werde ich Anfang August 2021 die stolze Zahl von 1872 Kilo­meter binnen Jahresfrist zu Fuß gegangen sein. Das ist mehr als die Strecke von meiner Wohnung ans andere Ende Frankreichs, in den Badeort Saint-Jean-de-Luz an der Atlantik­küste, kurz vor der iberischen Halbinsel. (Bis dahin sind es nur 1700 Kilometer.)

Mein corona­warn­app­taug­li­ches Bürohandy informiert mich täglich über die zu Fuß zurückgelegten Kilometer (inklusive Anzahl der erklommenen Stockwerke). Für viele We­ge hätte ich früher die öffentlichen Ver­kehrs­mit­tel genutzt. 

Jetzt plane ich Besorgungen anders. Oft wandere ich aus Lichtgründen in der Mitte des Tages, selten am Abend. Und ich habe festgestellt, dass die sieben bis zwölf Kilometer, die ich zweimal die Woche als kleine Trainings­höhe­punkte zu­rück­le­ge, mich inzwischen kaum noch ermüden.

Kreuzberg im Abendlicht
Meistens walke ich, manchmal spaziere und gelegentlich jogge ich. Dabei höre ich oft Podcasts auf Englisch und Franzö­sisch. Und bei manchem Blick in den Hinterhof habe ich spontan das Gefühl, in Paris zu sein.

Abends, und dies ist mein Link der Woche, auf Arte "Vom Schreiben und Denken. Die Saga der Schrift" gesehen. Wunderbar! Vor allem für uns Sprach­menschen, die wir (als Dolmet­scherinnen) viel mit Symbolen zu tun haben: Wie Hiero­glyphen erst als ein Rebus benutzt wurden und wie ihre Verkürzung als Beitrag von Mi­granten, die nach ihrer Ankunft langsam die Lan­des­­sprache lernen mussten, die Er­fin­dung der Buch­staben war, das ist ultraspannend!

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Fotos: C.E.

Freitag, 4. Dezember 2020

COVIDiary (212)

Will­kom­men bei mei­nem Blog aus der Ar­beit­swelt. Wie Dol­metscher und Über­setzer ar­beiten, ist oft nicht gut be­kannt. Seit die Pan­demie aus­ge­brochen ist, hat sich unsere Arbeit verändert. Dolmetscherkabinen waren gestern.

Dolmetscharbeitsplatz mit Catering

Beim Onlinedolmetschen hat sich inzwischen einiges an Rou­tine eingestellt. Wir ar­bei­ten wei­ter an der Verbes­serung der Akus­tik, testen unterschiedliche Mikrofone und Kopf­hörer, auch für das tech­ni­sche Daten­blatt, das wir un­se­ren Kundin­nen und Kunden zur Verfügung stellen. Ein Sprung nach vorn kam be­reits durch die An­bin­dung des Rechners ans Inter­net durch ein Ether­net-Ka­bel.
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Schönen guten Tag zurück im Zeital­ter der Stolper­fallen! Vielleicht gibt es eine Mö­glich­keit, wie das Kabel auf dem Boden zu fixieren ist, ohne was aufs Parkett kleben zu müs­sen. Noch ein Punkt auf der To-Do-Liste.

Es gibt Technikfirmen, die Kon­fe­renz­interfaces anbieten, die expressis verbis für uns Dol­met­sche­rin­nen gemacht sind. Sie bieten extra Chat­fenster für unsereinen, für die An­bahnung und Durch­führung der Staffel­stab­über­gabe beispielsweise, zum Rein­hö­ren, was die Kollegin macht: Vor allem muss ich sicher sein, dass es bei ihr tech­nisch klappt, sonst werde ich nervös! Aber auch für die Konsistenz des Outputs ist dieses Rein­hören wichtig, damit sich niemand irritiert zeigen muss, weil zum Beispiel, wenn verschiedene Synony­me zur Auswahl stehen, ständig die Be­griff­lich­keit wechselt. (Die männlichen Kollegen sind in diesem Absatz mitgemeint.)

Wichtig ist bei längeren Events auch, eine Springerin/einen Sprin­ger dabei zu ha­ben. Immer wieder mal wackelt eine Leitung. Kollegin Selma war aus Istanbul besser zu hören, als aus Kreuzberg (sagt eine, die in Neukölln in Blick­weite lebt). Am Morgen war ihre Stim­me ungetrübt glockenhell, gegen Mittag traten Artefakte auf. Die Tagung ging schon in die Ziel­gerade, wir hatten gerade im 15-Minuten-Turnus gewech­selt, da gab's kein Zögern: "Gib' her das Mikro, Kollegin, ich mach länger!"

Ihr Mikroknistern war aller­dings nichts im Gegensatz zur vortragenden Denk­mal­pfle­ge­rin, die schon ein­gangs gesagt hatte: "Um 11.45 Uhr kommt der Klavier­stimmer! Als wir den Termin ausgemacht haben, war die Sitzung doch noch als Präsenz­ver­an­staltung geplant."

Der Klavier­stimmer ist pünktlich. Unangekündigt steht dann auch der Geiger des Grauens unter mei­nem Fenster, der Mann, der in drei Takten von La vie en rose zu The Sounds of Silence kom­men kann. Mit seinem schrägen Lächeln macht er trotz erwie­sener Talentlo­sigkeit jeden Markttag einen offenbar zu großen Um­satz, als dass er darauf verzich­ten möchte. Was für eine Kako­pho­nie in meinen Ohren! Und ist der Wech­sel für die geneigte Zuhörer­schaft jetzt wirklich eine Ver­bes­se­rung? Die Kollegin kann ich nicht fra­gen, die dürfte sich geis­tig schon aus­ge­klinkt haben, vor allem müss­te ich parallel zum Dol­met­schen einen komplexeren Sach­verhalt erklären. Ist mein Mikrofon gut genug, dass es die Fiedelei nicht mitnimmt? Schnell ziehe ich ins Garten­zimmer um ... wäh­rend ich dolmetsche. Dort höre ich das pene­trante Quietschen eines Schlagbohrers! Zurück ins Arbeits­zimmer!

Projekt für 2021: Endlich die Dolmetsch­box bauen, die eigene Dolmetscher­kabine, deren Bau im Früh­­jahr schon geplant wurde, was allerdings mangels Mittel ver­scho­­ben werden musste. (Die Bundes­po­li­tik und ihre so­ge­nann­ten Hilfen für uns Selb­stän­dige, ein Trauerspiel!)

Später, ich höre Radio: Warum greifen Ge­heim­dienste via Hacker die La­bore an, die Impf­stoffe gegen die ollen Coro­na­viren entwickeln? Könnte mir das bitte mal jemand erklären?

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Foto: C.E.

Montag, 30. November 2020

COVIDiary (209)

Herzlich will­kom­men! Hier bloggt ei­ne Dol­met­sche­rin. Was Konferenzdolmetscher und Übersetzer machen, wie sie arbeiten, wie sie leben, ist hier seit 2007 re­gel­mä­ßig Thema. Dabei beobachte auch ich die Sprache sehr genau. Ich bin damit nicht allein.

Im Eingangsbereich des Marktes

Das ist das Wort des Jah­res, keine Überraschung: "Corona-Pandemie". Noch nie soll ein Be­griff die Auswahl in einem sol­chen Ausmaß dominiert ha­ben, heißt es. 

Zweit- und Drittplatziert sind "Lockdown" und "Ver­schwö­rungs­er­zäh­lung". Die Ge­sell­schaft für deutsche Spra­che bildet die jeweiligen Zeit­läufte ab. Mich würde interessieren, auf wel­chem Platz "Maske" lag.

Zum Jah­re­sende gibt es im Büro noch etwas zu tun. Das beru­higt mich sehr, nicht alle Mo­na­te waren dieses Jahr so. Auf dem Schreib­tisch: Schulden­krise und Gesell­schaf­ter­ver­trag (Über­setzungen), Jugend­arbeit (Dol­metsch­vor­be­rei­tung). Wir ar­bei­ten! Es steht nur wenig an, aber wir sind aktiv, gesund und munter.

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Foto: C.E.

Sonntag, 29. November 2020

COVIDiary (208)

Was Dol­met­scher und Über­setzer umtreibt (und Dol­met­sche­rin­nen und Über­set­ze­rin­nen), können Sie hier mitlesen. 

Müde Frau mit Maske im Laden einer Bäckereikette
Beim Bäcker: Licht am Horizont
Dabei beschreibe ich auch, wie Corona un­se­ren Alltag verändert. Hier kommt das rasche Sonn­tags­bild.

Täglich gehe oder jogge ich im Schnitt fünf Kilometer. Auch das hilft mir durch die Kri­se. Hiermit lassen sich bequem Strecken messen (Link).

Bewegung hilft auch gegen Co­ro­na­mü­dig­keit, Maskenmüdigkeit, Pan­de­mie­müdigkeit. Alles neue Wörter, die wir vor einigen Jah­ren noch nicht kannten. Durchhalten, lautet die Parole.


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C.E.

Samstag, 28. November 2020

COVIDiary (207)

Bonjour und guten Tag! Hier bloggt ei­ne Dol­met­sche­rin. Was Kon­fe­renz­dol­met­scher und Über­setzer machen, und na­tür­lich auch wir Frau­en im Be­ruf, wie sie bzw. wir arbeiten, ist hier seit Mitte der Nuller Jahre re­gel­mä­ßig Gegen­stand in Form von kleinen Epi­soden aus dem Alltag. Derzeit ist alles im Umbruch.

Einer von drei Biedermeierstühlen
Erbgestühl (derzeit in der Werkstatt)
"Tetris für Erwachsene" sagt einer meiner Brüder zum gekonnten Einräumen einer Spülmaschine. Wir spielen das jetzt on a large scale, in großem Maßstab, in der Wohnung. 

Einige Jahre lang gab es im hinteren Zim­mer eine stille Mitbewohnerin, Claire, die ihre Sachen für sechs Monate bei mir ein­ge­lagert hatte und anschließend ihren Hausstand reduzieren wollte. Bei einem Stipendium, ein Austauschprogramm für Berufstätige, lernte sie am letzten Tag, ge­nauer: bei ihrem "Ausstand" in einem Bü­ro­ge­bäu­de mit vielen Aus­lands­kor­res­pon­den­ten, ihren Liebsten kennen. Sie lebt inzwischen mit ihm und drei Kindern in Washington. 

Ihre Schwester Laurence kam anschließend regelmäßig vorbei. Sie hat den Raum wie ein Hotelzimner genutzt. (Bett, Stuhl, Tisch, Ablage waren aufgebaut und funktionstüchtig.) Wichtige Dinge aus dem Besitz ihrer Schwester hat sie dabei peu à peu mitgenommen. Mit ihr wollten wir 2020 die letzten Sachen aussortieren. Dann kam Corona. "Die letzten Sachen" ist noch eine ganze Menge. Es ist hohe Zeit, dass aus dieser Bude wieder ein gemütliches Zimmer wird.

Stehlampe (musste gehen)
Mein Vater ist letzten Sommer gestorben, jetzt habe ich einige Biedermeiermöbel mehr, die noch in der Werkstatt stehen und bald kommen. Um Platz zu schaffen, habe ich bereits das eine und das andere aus meinem in Jahr­zehn­ten angesammelten Bestand verkauft. Dazu habe ich die Vorzüge von Ebay-Kleinanzeigen kennengelernt. (In Zeiten pandemieverringerter Umsätze ist das eine gute Sache.)

Die Wohnung neben meiner stand länger leer, da wird bald Mary mit ihrer Tochter Emily einziehen, zwei Bereits-schon-Nach­ba­rin­nen, die bislang Sabines Wohnung im Hinterhaus bewohnt haben, die ih­rer­seits nach vier Jahren aus der Schweiz zu­rück­kehrt. 

Für die Grafikerin Mary, die aus Australien stammt, war es wichtig, im Kiez zu bleiben, denn sie kümmert sich in gemeinsamer Elternschaft mit Emilys Vater Tom um das Kind. Er wohnt auch in der Gegend.

Echte Neuankömmlinge werden John und Barbara sein. Sie sollen am "Boxing day" herkommen, das ist der 2. Weihnachtstag. Die beiden Übersetzerkollegen fliehen vor dem Brexit und der schlechten medizinischen Versorgung in London.

Claire grüßt aus Washington und schreibt: "Verschenke, was Du nicht brauchen kannst." Mary, die künftige Wohnungsnachbarin, ist seit vielen Jahren in Deutsch­land. Sie hat immer möbliert gewohnt. Soviel zum Tetris. Was meine Aussie-Ladies (die Australierinnen) von Claires Sachen fürs Erste oder dauerhaft gebrauchen kön­nen, wird schlappe 30 Meter weiterziehen. Mich freut das sehr, es ist so prak­tisch!

Das waren jetzt viele Namen! Wer das gelesen hat, darf jetzt ohne im Text zu­rück­zu­springen aus der Erinnnerung auf die Frage antworten: Wie hieß mein Vater mit Vornamen? Die Auflösung kommt am Ende.

Das Prinzip des Erhaltens und Ziehenlassens ist wie das Wachsen und Vergehen im Jahreslauf ein Grundprinzip des Lebens. Ich bin die Älteste einer kinderreichen Fa­milie, mich tröstet dieses Setting. Wer heute ganz allein lebt, hat es schwerer als an­dere, ebenso Menschen, die in konfliktreichen Beziehungen zu jenen stehen, mit denen sie Raum und Zeit teilen. Für meine Zeitgenossen bin ich dankbar. Un­ser Mö­bel­te­tris in Zeiten der Pandemie ist auch eine Chiffre für die Sterblichkeit der Menschen. Die Gegenstände überleben uns alle. Sie gehören uns nicht, wir ge­hö­ren vielleicht ihnen ... et encore ... nicht einmal das ist sicher.

Und den Namen meines Vaters hatte ich oben gerade gar nicht genannt. Im Fa­mi­lien­kreis nannten wir ihn in der Kurzform für Heinrich: Heiner.

Klappsekretär (musste gehen)

Weitere Quellen für Gebrauchtmöbel: BSR-Tausch- und Verschenkmarkt. Eher trashig ist der Hallentrödel in der Arena, in der sich manchmal aber auch gute Schnäppchen machen lassen.

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Fotos:
C.E.
Die meisten Namen habe ich geändert.

Freitag, 27. November 2020

COVIDiary (206)

Herzlich will­kom­men! Hier bloggt ei­ne Dol­met­sche­rin. Was Konferenzdolmetscher und Übersetzer machen, wie sie arbeiten, wie sie leben, ist hier seit 2007 re­gel­mä­ßig Thema. Corona hat auch in meiner Branche alles bös durch­ein­an­der­ge­wir­belt, das Jahr 2020 auch sonst einiges verbockt. Mit viel En­ga­ge­ment und Phan­tasie halte ich dagegen.

Links grün, rechts rot, in der Mitte gefaltet: Beide Hälften sind zeitgleich mit wenigen Strichen entstanden
"Simultanzeichnung"

In unserer Krisenzeit ist es ne­ben einer festen Ta­ges­struk­tur wichtig, sich regel­mäßig etwas Gutes zu tun, feste Ter­mine mit sich selbst fest­zu­le­gen, bei de­nen es oft auch nur um Ge­nuss­vol­les geht. 

Ich ge­nie­­ße das Lesen von Bü­chern, ich mag Kunst, Autoren­le­sun­gen, gute Filme, aber auch Se­mi­nare, an denen ich teil­neh­me und die mich vor neue Her­aus­­for­derungen stellen.

Damit meine Bildschirmzeit nicht durch die Decke geht, entzerre ich die Arbeits- und Freizeittermine online. Auch gemütliches Zusammensitzen mit Freunden und Familie wird in den nächsten Monaten zum Großteil mit Interface stattfinden müs­sen. Ich besetze also die sonst mit "Beruf" belegten Känäle positiv, nutze jetzt mein privates Tablet nun auch für Onlineevents.

Gestern Abend durfte ich meinen Namen in Spiegelschrift schreiben, dann auf dem Kopf stehend, dann die Spiegelschrift auf dem Kopf stehend, dann habe ich ge­klebt, geschnitten, geschoben, beobachtet und skizziert.

Das Berliner Bauhaus-Archiv veranstaltet derzeit seine museumspädagogischen Events und etliches mehr online. Das Team war für Corona bestens gerüstet, denn aufgrund von Bauarbeiten war der Schritt ins Netz schon länger geplant. Gestern hatte ich das Ver­gnügen und die Ehre, an einer dreistün­digen Einfüh­rung zum Vor­kurs im Bau­haus Weimar (später Dessau) teilnehmen zu dürfen.

Farbkreis
Entwickelt 1921
Mit dem Bau­haus habe ich mich schon als Ju­gend­­li­che auseinandergesetzt, ein zwie­späl­tiger Kunstl­ehrer (fachlich toll, menschlich höchst frag­würdig) hat früh Grund­lagen ge­legt. Johannes Itten und seine Farb­ku­gel zum Beispiel war genauso Stoff wie eine wunderbar kritische Einfüh­rung in Ar­chi­tek­tur­ge­schich­te, die bis in die Ge­gen­wart führte. 

Mein Vater hatte damals von einer Dienstreise einen Reprint einer Publikation über den Vorkurs mitgebracht, so dass ich in meiner kargen Frei­zeit etliche Übungen dieser künstleri­schen Grund­la­gen­ar­beit gemacht habe.
Gestern abend habe ich mein Gehirn erneut herausgefordert, und zwar, das lässt sich ahnen, mit Farben.

Das Frauenbild oben entstand simultan mit zwei Buntstiften. Ich hab wieder mal vergessen, dass die Augen ten­denziell in der Mitte des Kopfes sitzen, durch die Haare über­sehen wir das meistens. Mehr Vorschläge siehe Bauhaus-Werkblätter sowie das letztes Jahr erschienene Übungs­buch original bau­haus (Hg. Nina Wie­de­meyer, Friederike Holländer, Link hier). Jetzt noch etwas bauhaus yoga, dann darf ich einen Aufsatz übersetzen.

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Illustration:
C.E. und Johannes Itten (Commons)

Dienstag, 24. November 2020

COVIDiary (205)

Herzlich will­kom­men! Hier bloggt ei­ne Dol­met­sche­rin. Meine Sprachkenntnisse (Französisch, Englisch) trainiere ich täglich, sogar während der Coronapandemie, in der ich Zeit fürs Auf- und Umräumen habe. Dabei berge ich Schätze.

Bei der groben Durchsicht eines alten Notizblocks, auf dem noch einige Seiten frei waren, ich fand ihn in einer selten genutzten Hand­tasche, fallen mir die al­ler­ers­ten Notizen ins Auge. Ich hatte sie gemacht, als ich in einem Münchener Luxus­ho­tel auf einen Einsatz gewartet habe. Das war vor anderthalb Jahren — in einem an­de­ren Lebens­ab­schnitt.

Beim Dolmetschen ist Systematik nützlich
Ich weiß noch wie gestern, wie ich damals der Begleit­person eines VIP erklärt habe, wie wir arbeiten. Wir müssten, sagte ich damals, hochkon­zentriert sein und gleich­zei­tig locker­lassen. Das Gegen­über strahlte und meine, dass dies als Rezept für gelin­gendes Leben taugen würde. Darauf­hin habe ich mir die Formulierung auf­ge­schrie­ben, wohl wissend, dass ich sie nach dem an­ste­hen­den Dolmetsch­ein­satz vergessen haben würde.
Genauso geschah es dann, daher heute die­ser Nachtrag. Und ja, ich sehe mein "Alt­pa­pier" durch. Das Wichtige kringele ich ein und markiere die Seite mit einem fet­ten Eselsohr, meist um für später sel­te­ne Vo­ka­beln oder Über­setzungs­trou­vail­len zu si­chern.

Nach dem Einsatz ist vor dem Einsatz. Sogar in Zeiten von Corona.

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Foto: C.E.

Samstag, 14. November 2020

COVIDiary (198)

Will­kom­men auf den Sei­ten ei­nes vir­­tu­­el­­len Ar­beits­­ta­­ge­buchs aus der Spra­chen­welt. Ich bin Französischdolmetscherin und -übersetzerin. Hier denke ich über unsere Berufswelt nach und berichte von besonderen Momenten. Es ist Samstag: Link der Woche! 

Wer schreibt, bleibt
Die eine Kundin kennt den französischen Begriff vi­sio­con­fé­ren­ce für Vi­deo­kon­fe­renz, sogar die Abkürzung la visio, faire une visio. Dann bemüht sie sich um ein­fa­che­re Sprache, jagt den Text durch www.DeepL.com und sendet es wie immer dem anderen Kun­den. Wir hatten schon schöne Miss­ver­ständ­nis­se damit. Seitdem verfolge ich auf­merk­sam das Mail­post­ge­sche­hen der Firmen.

Gestern schrieb sie den Satz, in dem sie eine "Visio" vorschlägt, in einer Mail. Sie verwandte den französischen Begriff. In einem deutschen Satz machte das System allerdings faire une visite daraus, einen Besuch ab­stat­ten. Der Angesprochene da­rauf­hin, pikiert: sie wisse doch, dass derlei mit Corona nicht möglich sei ...

Oder der da: Etwas war unklar, der Franzose schreibt als Antwort, da müsse man im PC nach­se­hen. Gegenstand ist ein Bau­vor­haben, er verweist auf den permis de construire, den Bauantrag. Sie liest PC wie Computer, denkt, der andere würde wohl das In­ter­net meinen und schreibt enerviert etwas wie: "Das steht nun gerade nicht im Internet. Wenn ich es per Suchmaschine finden würde, hätte ich nicht gefragt!"

Seitdem lese ich alles mit und sende dann weiter per Fwd [relu CE]: darauf folgt der Betreff, oder [CE korr]. Für sowas ist DeepL durch­aus brauch­bar. Es ist ein Werk­zeug und das sagt schon alles: Das Werkzeug allein macht die Arbeit nicht, es braucht einen Men­schen, der/die damit umzugehen versteht.

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Foto:
C.E.

Freitag, 13. November 2020

COVIDiary (198)

Wie Dol­met­scher ar­bei­ten, können Sie hier mitlesen, denn hier bloggt eine Kon­fe­renz­dol­met­scherin. Mein Arbeits­platz war früher zu 80 Prozent das eigene Büro oder die Bibliothek, jetzt bin ich bei 98 Prozent. Der Weg in die Betriebsküche ist nicht weit.

Thema Lernposter. Die Küche hat einen Neuzugang: Ein Poster zu Vitaminen, Mi­ne­ra­lien in Obst und Gemüse, das perfekt unter den Schrank neben dem Herd passt. Ich liebe sol­che Lern­pos­ter und bedauere fast, dass es nicht auf Englisch ist.

Altbauküche ohne Normmöbel
Nicht, dass ich in dem Feld Anfän­gerin wäre, ich esse seit meinem 12. Lebens­jahr nur sel­ten bis kein Fleisch. Aber dieses Pla­kat hier hebt sogar auf vegane Er­nährung ab. Ich fin­de es hübsch. Ich esse nicht streng vegan, nur ei­ni­ge meiner re­gel­mä­ßi­gen Lo­gier­gäste, vor al­lem die Studen­ten aus Frankfurt und Essen, der Sohn von Freu­nden und seine Sü­ße. Intuitiv las­se ich seit einiger Zeit immer öf­ter Milch­produkte weg oder esse sie nur zwei Tage in der Woche oder so (bei Kä­se ma­che ich eine Ausnahme).
Ich möchte nicht erleben, wie es einer Verwandten von mir er­ging, im hohen Alter eine Lac­to­se­al­ler­gie entwickeln. (Wir Men­schen sind si­cher nicht geboren zum regel­mäßigen Ver­zehr von Produkten aus Drü­sen­se­kre­ten der Wie­der­käu­er.)

Wer seinen Lieben zum Jahres­ende etwas schicken möchte, bedenke: Unsere Re­gie­rung hilft vielen Menschen, die in der Pandemie nicht regelmäßig Geld ver­die­nen können. Dieses Geld stammt aus Steuern. Meine Kauf­empfehlung daher ist, die Big Player, die sich vor den Steuer­verpflich­tungen drücken, zu vermeiden. Also: Buy local.

Und dann finde ich im Webshop aus meiner Nachbarschaft, der mein Lernposter und andere Plakate mit den schönen Namen "Lebens­wurzeln" vertreibt, es gibt auch welche zu saiso­nalem Gemüse, Yoga, Meditation etc., eine englische Version meines Mineralienposters. Vorfreude!

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Foto:
C.E. (Die Lichtinstallation ist provisorisch)

Mittwoch, 11. November 2020

COVIDiary (197)

Bon­jour, gu­ten Tag & hel­lo auf den Sei­ten des ers­ten deut­schen Dol­met­scher­blogs aus dem Inneren der Dol­metscherkabine, allerdings derzeit aus dem eigenen Büro.

November: Monat mit viel elektrisch Licht

Manchmal verschlägt mir der­zeit die grassierende Dumm­heit in der Welt die Spra­che, und das will was heißen bei einer Dolmetscherin. Auch strengt an, dass immer wie­der Menschen Regeln er­fin­den, ohne Rück­spra­che mit den Betroffenen zu nehmen.

Derzeit habe ich zwar Licht auf dem Tisch, al­ler­dings keine Geis­tes­blitze. Tröstlich: Die Dankbarkeit für das Schöne. 

Ich bin dankbar für Arrangements wie dem hier, freue mich über die sexiness of the mix von Dingen, die unsereiner bei der Spracharbeit mal hier, mal dort ein­sam­melt. Da landen dann Farbpigmente aus der Wüste Sahara im kind­ge­töp­fer­ten Schälchen aus Berlin, die Schere in Eiffelturmform aus Ostfrankreich im Stiftköcher aus Kanada (dessen Punkte die gleiche Farbe haben wie die Schale), der Kopf (ursprünglich aus England) neben dem Tacker aus der DDR in der Nach­wen­de­zeit, wobei: Der Tacker erweist sich bei näherem Hinsehen "made in Germany". Ein besonderes Westprodukt ist das Lineal.

Statt als Dolmetscherin mit Delegationen durch die Gegend zu ziehen, reise ich weiterhin durch meine Wohnung. Vieles ist/wird/bleibt abgesagt.

Vier historische Events in einem Bild
Vieles ist/wird/bleibt abgesagt. Das schmerzt. Es kann sein, dass ich nicht einmal die Novemberhilfe bekomme. Die Regierung hat sich schon schwer da­für feiern lassen, dass sie endlich auch den Solo-Selbständigen helfen möchte. Es scheinen indes wohl nur Firmen ge­meint, die aktuell schlie­ßen mussten — sowie deren Zu­lie­fe­rer.
Ich arbeite ja für viele, die offiziell gar nicht geschlossen sind, re­gie­rungs­amt­li­che Stellen, Einrichtungen des di­plo­ma­ti­schen und wis­sen­schaft­li­chen Lebens. Da kann ich überhaupt nicht nach­wei­sen, dass meine Un­ter­be­schäf­ti­gung zu 80 Prozent auf "Schließungen" zurück­zu­füh­ren ist. Und ja, die Durch­füh­rungs­be­auf­trag­ten neh­men die Re­ge­lun­gen re­gel­mä­ßig wörtlich.

Wenn dann noch Politiker von "Lockdown light" sprechen und die Schließungen mit den Worten anpreisen, man solle doch die "Entschleunigung" bitteschön genießen, als würden sie 14 Tage Gratisaufenhalt in einem Kurhotel anpreisen, dann em­pfin­de ich das nach längerem Nachdenken freundlich gesprochen bestenfalls als Hohn. Für alles weitere fehlen mir die Worte.

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Fotos: C.E.

Dienstag, 10. November 2020

COVIDiary (196)

Herzlich willkommen! Hier be­rich­te ich normalerweise aus mei­nem Berufsleben als frei­be­ruf­liche Konferenzdolmetscherin für die französische Sprache. Das Ar­beits­ta­ge­buch wurde zum COVIDiary.

Holzköpfe von Hut- oder Perrückenmachern
Kopfhörer, Mikrofon, No­tiz­block und Wör­ter­buch werden oft sym­bol­haft für un­se­ren Beruf ge­nutzt. Das Co­rona­vi­rus hat zwei wei­te­re Kopf­hörer in mei­nen Haus­halt ge­bracht, und nun staut sich da, wo sonst der ein pri­vat ge­nutz­ter Kopf­hörer lag, Ma­terie mit Kabe­lage und lässt es unor­dentlich aus­sehen.

Wie also sowas aufräumen? Die Illustration hier oben nimmt die Lösung vor­weg. 

Beruflich nutze ich zwei Kopfhörer: Einen mit leichten Ohrpolstern und Mikrofon, der auch zu auswärtigen Kabineneinsätzen in einem sogenannten Dol­metsch­zen­trum mitdarf; er hat eine schön feste Hülle, die stoßempfindlich ist. Die gehörte ursprünglich dem Kopfhörer zur Rauschreduzierung mit dicken, die Ohrmuscheln umschließenden Polstern, den ich für meine kompletten akustischen Ausstiege und Ausflüge in die Welt des Sounds und der Kunstkofpsterofonie nutze, in der Regel auf Englisch und Französisch, denn nur der volle Klang taugt für uns Sprach­ar­bei­te­rin­nen wirklich.

In meiner Nachbarschaft hat bis Anfang dieses Jahres eine großartige Modistin ihr Geschäft gehabt. (Leider ist auch sie verstorben.) Als ich neulich an ihrem Ge­schäft vor­bei­ging, hatte ich den Aufräumgeistesblitz für die Kopfhörer. Und schon durfte ich ein neues französisches Wort lernen. Die "Marotte" der Hut­macher, la marotte de perruquier, wird in manchen geschnitzen Formen in­zwi­schen als Volks­kunst betrachtet und hoch gehandelt, wie die beiden Köpfe mit Gesicht links unten bei der Collage.

Die Marotte ist sonst auch einfach nur der Kopf einer bespielbaren Puppe, Ma­rio­net­te genannt. Aber auch kunstvoll gefertigte Pappmachéköpfchen, die als Pe­rückenhalter gedient haben, wurden so genannt (Link).

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Collage:
C.E. (mit Netzfunden)

Sonntag, 4. Oktober 2020

COVIDiary (172)

Herzlich will­kom­men! Hier bloggt ei­ne Dol­met­sche­rin. Meine Sprachkenntnisse (Französisch, Englisch) trainiere ich täglich. Sonst wird das heute ein typischer Coronasonntag: Vormittags an die Luft, nachmittags, wenn die Wege voll sind, Lesen und Textarbeit. Daher ist mein Sonntagsbild heute unspektakulär.

Heute Früh in den Medien (DLF): Die Ständige Impfkommission (STIKO) rechnet damit, dass die ak­tu­el­le Kri­se noch 1,5 bis zwei Jah­re andauern wird, denn selbst wenn es eines Tages einen Impfstoff geben sollte, wird Zeit ins Land gehen, bis genügend Dosen produziert und Menschen geimpft sein werden.

Mutation oder Übergangsphase?

Das habe ich schon mal gehört. Mein Vater ging davon aus, dass die Überwindung der sa­ni­tä­ren Krise zwei Jahre dauern, und wei­tere zwei Jahre, bis sich wieder Alltag eingestellt haben werde. Für ihn war klar, dass  dieser anders sein müsse als zuvor, nach­hal­ti­ger und von einem Pa­ra­dig­men­wech­sel in Richtung einer so­zia­len, bil­dungs­op­ti­mis­ti­schen Ge­mein­wohl­öko­no­mie geprägt sein müsse.

Darüber haben wir oft gesprochen. Mein Interesse für Zu­kunfts­tech­no­lo­gien, die im Land­wirt­schafts­bereich oft bei dem ansetzen, was traditionell gemacht wurde, hat er geteilt. Nun ist jetzt schon fast drei Monate tot.

Andere Me­dien­nach­richt: In der Schweiz wurden nach ei­ner län­ge­ren Pau­se wie­der Wild­schwei­ne auf Ra­dio­ak­ti­vi­tät getestet, Ergebnis: 40 Prozent der Tiere sind über­mäßig verstrahlt. Tschernobyl liegt jetzt 34 Jahre zurück und das radioaktive Caesium-137 ist erst zur Hälfte zerfallen. 

Gibt es eigentlich Forschungen, was Ra­dio­ak­ti­vi­tät mit Knochendichte anstellt? Mein Vater hatte Osteo­po­rose, er wohnte jahrelang über einer Arztpraxis mit ei­nem Rönt­gen­gerät, ver­brachte Kriegs­nächte im Kel­ler in einem Gebiet mit viel Radon, und er war begeisterter Wildesser. (Sonst sind keine Os­teo­po­ro­se­fälle in der Familie bekannt.)

Im Garten haben wir Zwiebeln von Frühlingsblühern vergraben, darunter auch Kugel­köp­fi­gen Lauch. Das hätte unseren Vater gefreut. 

Und was ist mit dem Efeu los? Ich habe einen Steck­ling heran­gezogen von hellem Efeu, der al­ler­dings dunkel nachwächst. Mist, kann Papa nicht mehr fragen.

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Foto:
C.E.

Donnerstag, 24. September 2020

COVIDiary (163)

Willkommen auf den Sei­ten des ers­ten deut­schen Dol­met­scher­blogs aus dem In­ne­ren der Dol­metscherkabine. Gerade schreibe ich coro­na­bedingt vom Büro aus. Wir Konferenz­dolmetscher ohne Konferenz sind wie Fische ohne Was­ser, und wer Was­ser sagt, meint flüssig. Heute wird's erst nass, dann tierisch, zuletzt muss der Motorenvergleich herhalten.

Trees don't panic * WE ARE ONE
Men­schen sollten auch nicht paniken
Mit dem Flüs­sigen haben es viele Frei­berufler der­zeit nicht so, manche(r) erlebt sogar Not. Die großen Tie­re wissen das, also die Re­gie­rung weiß es, es sind in den letz­ten Mo­na­ten so viele Pe­titionen, Stu­dien, Gruß­adressen, Zeitungs­artikel und trä­nen­reivche Repor­tagen produ­ziert, gedruckt und dann ver­sen­det worden, dass es wirk­lich auf kei­ne Kuhhaut geht.

Wer "versendet" sagt, meint, dass es eigentlich niemand merkt. Im TV-Jargon ist "Das versendet sich" ein Synomym für "Das läuft über den Äther und niemand wird's mitkriegen."

Versendet wie versandet. Wir Selbständigen müssen diese Krise sehr oft ohne aus­rei­chen­de Hilfen meistern, obwohl wir den Schlamassel genausowenig verursacht haben wie Beamte, Angstellte oder Arbeitnehmer/innen in Kurzarbeit.

Hier, was das Magazin "Plusminus" gestern gebracht hat: "Überbrückungshilfe: Staat­li­che Unterstützung kommt bei Unternehmen nicht an."  

Von den zur Verfügung gestellten 25 Milliarden Euro Überbrückungshilfe wurden nur knapp 1,1 Milliarden Euro von Frei­beruflern und kleinen Firmen beantragt. Das ist ein noch kleinerer Prozen­tsatz als beim Nicht-Ausschöpfungsgrad im Frühjahr. Zeitgleich droht vie­len Firmen und Freiberuflern die Insolvenz.

Sagen wir's mal so, die Wirtschafts­politik liebt Rösser ja so sehr: Da stehen Pferde im Stall Deutschland, aber die Heunetze wurden weit oberhalb ihrer Köpfe an­ge­bracht, so dass nur ganz wenige der Vier­bei­ner überhaupt drankommen. Und dann sagt der Pferdewirt: "Seht Ihr, die Pferde haben gar keinen Hunger, die brauchen nichts!" Das ist im Höchstmaß töricht, vor allem dann, wenn der Pferdewirt auch noch dabei zusieht, wie die Rösser langsam verschmachten, während er nicht mü­de wird, sich für sein reich­haltiges Heufüt­terprogramm selbst zu feiern.

So viel Tacheles lesen Sie übrigens bei den auf diversen diploma­tischen Parketts geschulten Dolmet­­scherinnen selten. Sie dürfen den Tag in ihrem Kalender an­strei­chen. Grund dafür ist die Stellungnahme des Bundeswirtschaftsministeriums zum Thema: "Die Inanspruch­nahme der Überbrückungs­hilfe ist verhaltener an­ge­lau­fen als ursprüng­lich angenommen. Grund ist, dass die Corona-bedingten Schließungen und Auflagen schneller zurückge­nommen werden konnten als (…) erwartet."

Die Veran­staltungs- und Kongress­wirt­schaft soll der sechstgrößte Wirtschaftszweig Deutschlands sein und geht derzeit vor die Hunde. Absurd: Die Poli­tik tut so, als wären diese Verluste leicht zu verschmerzen. Ich sehe das Ganze als einen großen Motor. Die Politik hat in ihrer unendlichen Weisheit ent­schieden, nur einen Teil des Motos zu ölen. Den anderen lässt sie ungeölt. Keine Pointe.

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Foto: C.E.
(gesehen in Kreuzberg)

Mittwoch, 23. September 2020

COVIDiary (161)

Willkommen beim Blog aus der Arbeitswelt. Wie Dolmetscher und Übersetzer ar­beiten, ist oft nicht gut bekannt. Seit die Pan­demie aus­ge­brochen ist, hat sich unsere Arbeit verändert. Konferenzdolmetscher ohne Konferenz sind wie Fische ohne Wasser. Zum Glück bleibt die Übersetzerarbeit.

Pürierturbine

Sage mir noch einer, dass die Arbeit für die Industrie fern von Komik sei. Quatsch!



Ich suche das französische Wort für Pas­sier- und Pü­rier­tur­bine. Das ist eine Art Kran mit Rühr­werk dran und das Endstück passt bestens zu den großen Koch­töpfen, in denen man Drillinge oder mehr Gören auf einen Schlag baden könnte.

Die erste Recherche ergibt robot-coupe ... klingt wie "Robo-Cops". Aber als ich das vermeintliche Begriffspaar per Fotosuche eingebe, gibt es kaum Überschneidungen.

Eine erste Fundstelle
Oha, Robot-coupe ist ein Fir­men­name! Ja, nee, dann doch nicht. Übersetzen und Dolmetschen ist oft Puzzlearbeit, und wer nicht fast detektivisch mit dem Internet umgehen kann, ist verloren.

Vor fast einem Jahr ... Robocobs in Paris

Ich suche mit der Bilder-Inverssuche von Dr. Gargoyle, dem digitalen Datenspeier. Der spuckt mir den spanischen Begriff jirafa de cocina industrial aus. Und eine wei­te­re Vokabel­suche später habe ich den mixeur girafe industriel oder girafe mixeur plongeant gefunden, den Giraffentauchmixer, oder mixeur girafe. Viele Bildernachweisstellen ergibt das zwar nicht, aber verstanden dürfte es werden.
Ich liefere den Alltagsausdruck nach.

Also keine Robocobs, sondern ne Giraffe. Bleibt witzig. Und dann entdecke ich in der Liste die "Planetenrührmaschine", später wird von "Planetenrührwerk" die Rede sein.

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Illustration:
C.E.

Dienstag, 22. September 2020

COVIDiariy (160)

Herzlich will­kom­men! Hier bloggt ei­ne Dol­met­sche­rin. Was Konferenzdolmetscher und Übersetzer machen, wie sie arbeiten, wie sie leben, ist hier seit 2007 re­gel­mä­ßig Thema. Corona hat auch in meiner Branche alles bös durch­ein­an­der­ge­wir­belt und auch sonst einiges verbockt. Dem Jahr 2020 bleiben noch einige Monate zur Rehabilitation.

Corona is a bitch!, stand neulich auf eine Hauswand gesprayt, ein Miststück also. So lässt sich das auch sehen. Hier bringt sie erneut einiges in Bewegung. Die eine Mit­be­wohnerin zieht aus meiner Wohnung aus, die nächste kündigt sich an, sie wird mit ihrem Mann kommen, Frank­reich geht, England kommt. Und nein, ich wusste das nicht seit Monaten, mein re­gel­mä­ßi­ges Hören von BBC4 ist alleine der Tat­sache geschuldet, dass ich meine dritte Spra­che pflegen muss.

Eine frühere Studien­freundin und geschätzte Übersetzer­kollegin lebt seit vielen Jahren mit ihrem britischen Ehemann in England. 

Die hübsche Nachbarin (Pareidolie)
Leider ist sie vor einiger Zeit schwer er­krankt, es ist nicht ganz klar, ob sie Co­ro­na hatte oder Bor­re­lio­se oder etwas ganz anderes. Die Hei­lung geht langsam, Chro­ni­fi­zie­rung droht. 

Ihre Lage spitzt sich derzeit durch die Krise des Gesundheitssystems NHS, die auf­flam­men­de Seuche und den Brexit dramatisch zu.

Die beiden leben in London in­mitten eines Viertels, in dem streng­re­li­giöse Juden sehr traditionell wohnen und viele Familien kinder­reich sind. Dort hat, ähnlich wie in anderen in sich geschlos­senen Gruppen, die Kunde von der Prävention nicht unbedingt alle erreicht.

Der aktuelle Lockdown in Israel sowie über­proportional hohe Opferzahlen in allen irgendwie abgeschotteten Gruppen sprechen ihre eigene Sprache. Für ihre aus Deutschland stam­mende und zur Risikogruppe zäh­len­de Nach­barin wurde leider so das risiko­freihe Einkaufen­gehen zu einem from­men Wunsch, der schwer ein­zu­hal­ten­den Corona­abstände wegen.

Jetzt dürfen wir Freunde zusammentrommeln, ein Team bilden, dann darf ich bei mir am Ufer den Auszug der Mitbe­woh­ne­rin unterstützen und das Un­ter­miet­zim­mer so herrichten, dass es später im Jahr ein Ort der Ruhe und Genesung sein kann.

Dann gilt es Geld aufzutreiben (Notfallfonds der VG Wort? Verbände? Konsulat? Crowd­funding?), ein kompetentes medi­zinisches Team zu finden, dann Auto, Fah­rer, Quarantänewohnung in Frankreich, schließlich Transfer nach Berlin.

Nebenbei sorgt mein Diktierprogramm für unverhoffte Komik. Ein Klassiker: Wir Menschen reagieren auf hochdramatische Momente häufig belustigt, müssen grinsen oder sogar lachen. Die Verhaltensforschung nennt dies eine Über­sprungs­hand­lung. Jetzt reagiert der Rechner derart menschlich, mein Anthro­po­mor­phis­mus am Vormittag. Illustrieren werde ich den Blogpost mit etwas Pareidolie

Aber es ist schon schräg, wenn der kleine Drache* mit Bits und Bytes statt "chassidisches Wohnviertel" ein "rassistisches Wohn­viertel" schreibt. Später macht er aus "Prob­le­men mit Borrelien" "Prob­le­men mit Bordel­len".

Nein, nicht witzig. So, Liste schreiben, Energie sammeln und weitergeben. Corona, der Krisenmodus des Jahres hört nicht auf. Machen wir das Beste draus.

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Foto:
C.E. (gesehen in Neukölln)
(*)
Diktierprogramm ist Dragon

Sonntag, 20. September 2020

COVIDiary (158)

Bonjour und guten Tag! Hier bloggt ei­ne Dol­met­sche­rin. Was Kon­fe­renz­dol­met­scher und Über­setzer machen, und na­tür­lich auch wir Frau­en im Be­ruf, wie sie bzw. wir arbeiten, ist hier seit 2007 re­gel­mä­ßig Gegen­stand in Form von kleinen Epi­soden aus dem Alltag. Am Sonntag zeige ich hier gerne ein Sonntagsbild. Heute ist es ein Lieblingsbild der Woche.

Was Corona verändert hat: Der Wochen­markt erstreckt sich jetzt auch in eine Nachbarstraße hinein. Alle ist luftiger und, wie ich finde, schöner. Mir gefällt hier das zeitlose Moment. So, wie dieser Stand aussieht, könnte er auch vor Jahr­zehn­ten ausgesehen haben.

Ganz plastikfrei ist der Markt noch nicht (die Blumenfrau ist auf gutem Wege)

Was Corona nicht verändert hat: Die Berliner Schnauze.

Kunde fragt Bäckerin: "Ist das Brot von heute?"
Bäckerin: "Nee, det ha' ick letztes Jahr zu Weihnachten jebacken!" 

Ab und zu teste ich, was Online"übersetzer" so bringen. Zu meinem Erstaunen klappt das mit dem Berlinisch überraschend gut. Doch gibt es Kritik an der maschinellen Übelsetzung.

Auf Französisch wird es zu: "Das Brot, ist es heute?" Das Wörtchen de, von, fehlt. Gefragt wird in der Übertragung ein männlicher Bäcker, seine Frau indes liefert die Antwort. Das geschieht es wohlgemerkt nur in der franzö­sischen Fassung, die englische ist soweit unfa­llfrei. Was beide gemein haben: Es wurde "für Weih­nach­ten" gebacken. Dass "zu Weihnachten" auch eine Zeit­angabe sein kann,  fällt hin­ten runter.


 

 

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Foto: C.E.
(der Blumenstand vis-à-vis)
MT:
www.Deepl.com

Mittwoch, 16. September 2020

COVIDiary (156)

Was Dol­met­scher und Über­setzer umtreibt (und Dol­met­sche­rin­nen und Über­set­ze­rin­nen), können Sie hier mitlesen. Dabei beschreibe ich auch, wie Corona unseren Alltag verändert. Die Pandemie legt unsere Stärken und Schwächen offen und wirkt grundsätzlich für alle Phänomene als Verstärker.

Besser ohne Apostroph
Und heute dann so: Doku­men­ten­über­set­zung (doch mal aus­nahms­weise), das W-Lahm der letzten Tage ist wieder zum W-Lan geworden, daher Buch­haltung, Schreib­arbeiten in Richtung Sach­buch (Über­setzung, Neuzu­schnitt der deut­schen Fassung), Termin­planung von fast ehren­amtlichen Ein­sätzen abstimmen (Kino­mo­deration), Planung der Un­ter­titelung eines Films: Die eng­lische Unter­titeldatei an­fordern, einlesen in Begleit­material, Film nochmal sehen.

Wem dieser Tage der Hals kratzt, zieht sich zurück, jedenfalls in meinem Umfeld. Selbstgewählte Quarantaine, es gibt tat­säch­lich Schlimmeres.

Doch plötzlich mutiere ich zu der Besser­wisserin, vor denen mich meine Eltern immer gewarnt hatten. Mein Vater: "Ich kenne einen Lek­tor, der korrigiert sogar die ein­gehende Post!" Ich setze dem eins drauf und schreibe in der Antwort auf einer Mail von 2873 Anschlägen (natürlich nur als Teil meiner Antwort): "Kleines Lektorat Ihrer Mail: für’s ist falsch, bei der Verschmelzungen von Präpo­sition und Artikel wird kein Apostroph gesetzt. Das Apostroph zeigt an, dass ein E oder etwas mit einem E ausgefallen ist — oder aber eine Auslas­sungen im Wortinneren (Bei­spiel: Ku’damm)." [Es hat sich um eine Lektorats­anfrage gehandelt, lieber Papa im Jenseits, da darf ich das.]

Eine Anfrage, die ich am Ende leider absagen muss, weil's die falsche Zielsprache ist. Die Antwort folgt auf dem Fuße: "Danke fürs (nicht für’s) Ansehen!"

So mag ich das. Doch die Chose wird noch besser: Ich reiche die Anfrage weiter. Der Auf­trag ist leider-leider-leider-leider coronabedingt sehr schlecht dotiert. Ein künstle­risches Projekt, das lobenswert ist und ohne Förderung auskommt. Ich gebe ihn an eine junge, sehr talentierte Kollegin weiter, bei der ich auch eine künst­lerische Begabung sehe. Die Antwort kommt rasch. Sie schreibt: "Das Honorar war ja nicht der Rede wert. Ich habe verhandelt, dass er mir seine Ferien­wohnung in Meck­lenburg ausleiht, anstatt mich zu bezahlen. ;-)"

Leben in Zeiten von Corona. Und mit dem Wissen ist es wie mit der Liebe: Derlei vermehrt sich, wenn wir es teilen!

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Foto: C.E.

Dienstag, 15. September 2020

COVIDiary (155)

Bon­jour, gu­ten Tag & hel­lo auf den Sei­ten des ers­ten deut­schen Dol­met­scher­blogs aus dem Inneren der Dol­metscherkabine. Die Sprachen, das Sprechen und die Tech­nik zu beobachten, ist eine der Grundlagen unserer Arbeit.

Diana Rigg als Agentin Emma Peel  (Mit Schirm, Charme und Melone)
ALS OB! — Hommage an Diana Rigg
Ein abendliches Treffen mit einer Studien­freun­din zum Eis­essen an einem der letzten lauschigen Sommerabende: Wir sehen uns ab uns zu, seit Coro­na häufiger, denn die Pan­demie macht unser direktes Lebens­umfeld wich­ti­ger. Sie wohnt eine Straße von mir entfernt, hat Rus­sisch und Englisch studiert (und arbeitet hauptsächlich mit Russisch), so dass wir nur in Theorie­se­mi­na­ren zu­sam­men­sa­ßen und uns die letzten Jahrzehnte nicht so oft gesehen haben.
Bei den Euro-Betriebsräten, Festivals, De­le­ga­tions­reisen und Konferenzen, die ich üb­li­cher­weise dolmetsche, kommt Russisch nur selten vor. Sie arbeitet öfter beim Eu­ro­päischen Rat, der Russisch­kollegen be­schäf­tigt, und ist auch sonst viel auf Achse.

Vielmehr: Sie war es. Dann kam Corona.

Ich habe Lust auf Ausgehen. Ich ziehe ein Lieblings­kleid an, dazu trage ich eine Ko­rallen­kette und ein rotes Arm­band aus Feuer­bohnen, elegante Hackenschuhe, die Haare frisch gewaschen, den Lippenstift aus den Untiefen der Tasche her­vor­ge­kramt.

Beschwingt komme ich zum Treffpunkt. "Hui!", sagt meine Bekannte, und fragt: "Wie lange hast Du Zeit?" Ich sage ihr, dass ich so viel Zeit mitgebracht hätte, wie wir brauchen. Sie schaut misstrauisch.

Ich ahne, was sie meint, gehe aber erstmal nicht drauf ein. Am Ende des Abends, sie: "Jetzt kannst Du mir's aber verraten: Hast Du eine neue Flamme? Mit wem bist Du gleich noch verabredet?"

Nein, ich wollte einfach mal in Coronazeiten auch privat mal so rumlaufen, als wür­de ich gleich neben Claude Chabrol auf die Ber­li­nale­bühne treten. Sonst frem­de­le ich später dieser öffentlichen Person ge­gen­über, die das (fast) lampen­fie­ber­frei kann, was die Privatfrau nie, nie, wirklich nie könnte.

Kom­munikation besteht nur aus einem geringen Teil aus Wörtern. Wie ich dastehe oder -sitze, wie ich die Kör­per­hal­tung ändere, die Art, wie ich die Hän­de be­nutze, die Finger, Gestik und Mimik ein­set­ze, au­ßer­dem Kleidung, Gesagtes und Auslas­sungen, das alles macht einen Subtext aus, mit dem nicht selten mehr vermittelt wird als mit direkt Aus­ge­spro­che­nem.

By the way ist dieser Subtext genau das, was Compu­ter nicht übertragen können, weshalb Computer­über­set­zungen nie akkurat sein werden. Sie sehen nicht, sie kön­nen nichts einschätzen oder be­werten, denn Computer arbeiten mit Einsen und Nullen. Nullen haben keine Gefühle. Das weiß jedes Kind.

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Foto: C.E.

Freitag, 11. September 2020

COVIDiary (153)

Die künstlerische Arbeit an Texten und Filmen konnte ich jahrelang mit dem Dol­metsch­business querfinanzieren. Das Ferndolmetschen ist eine Option für die Lebensgrundlage der kommenden Monate, indes: Es gibt nur eine geringe Nach­frage. Es ist auch umständlicher, anstrengender. Manchmal ist indes es ganz leicht, sich die neue Arbeitsweise vertraut zu machen.

Fenster, Leiter zum Hochbett, Spiegel, schmales Fenster, Tisch und Stuhl, Computer mit Kopfhörer, rechts angeschnitten der Ärmel einer Anzugjacke
Eingerahmt zwischen Hochbettleiter und Anzugjacke
Fast ein normaler Arbeitstag: Am Morgen dolmetsche ich eine kurze Videokon­ferenz im Kon­se­ku­tiv­mo­dus. Hier dis­ku­tie­ren zwei Herren aus dem Bereich Werks­küchen und Gas­trono­mie über neu­e Pro­jek­te miteinander. Wäh­rend ich in der Kleider­kam­mer in Berlin auf einem höl­zernen Kino­klapp­stuhl sit­ze, sind die bei­den in ihren Bü­ros in Dres­den und in Reims.

Das sind zwei Städte, die mir von Kindesbeinen an vertraut sind, anfangs nur dem Klang der Städtenamen nach. Meine Vorfahren aus der sächsischen Garn­dy­nas­tie waren regelmäßig an beiden Orten, wir haben alte Fotografien, Postkarten und Briefe aus den Städten im Archiv, in der Verwandte auch Gebäude hinterlassen haben, waren immer wieder vor Ort. Auch das macht mir das Setting irgendwie vertraut.

Ich bin froh, dass ich als Studentin in meiner année de mise à niveau, dem Vor­kur­sen in französischer Sprache und Landeskunde während des erstens Studienjahrs, auch einige Seminare "Französisch für Wirtschaft und Handel" absolviert zu ha­ben. Die Grundbegriffe sind mir so vertraut, dass sich fast ein wohliges Gefühl einstellt, als hätte ich als Kind im Kontor meiner Ahnen in der Ecke gesessen und ihnen beim Spielen zugehört. Das hab ich in der Tat nur im unwahrscheinlichen Fall, wenn ich eine Zeitreisende sein sollte. Doch Zeitreisenden fehlt bekanntlich ein Teil des Gedächtnisses, wie schon jedes Kind weiß, so dass ich es nicht be­stä­ti­gen kann.

Epigenetik mal wieder. Das gleiche Gefühl stellt sich ein, wenn ich alte Stoffe von höchster Qualität in der Hand habe. Oder im Garten zugange bin. Oder abends Pflanzen bestimme, die sich im Hofgärtchen selbst ausgesät haben.

Inzwischen ist mir auch das Onlinedolmetschen sehr vertraut, voraus­gesetzt, ich kenne die Beteiligten. Die beiden Herren durfte ich schon am Anfang ihrer Zu­sam­men­arbeit vertonen, als ich noch keinen von ihnen persönlich kannte. Dabei war die Stim­mung eher un­ent­spannt, ein Stres­sor für mich als Dolmetscherin. Ich habe damals versucht, so cool wie möglich zu sein, mich wenig emotional darauf ein­zu­las­sen. Dolmetschen, das Vorwegnehmen dessen, was kommt, wenn das deutscher Verb wieder mal auf sich warten lässt, funktioniert aber mit Iden­ti­fi­ka­tion, mit "Einschmiegen" und Spie­gel­neu­ronen. Ich sehe hier einen Wi­der­spruch. Hinzu kommt beim Fern­dol­met­schen die Sorge um die Technik, das Jong­lieren mit ver­schluck­ten Silben und Echo.

Jetzt, nachdem wir im Hochsommer zwei Tage gemeinsam auf Dienst­reise waren, ist das völ­lig anders, alle mögen sich, die Arbeit fällt mir leicht. Ich sitze heute in meiner Kleiderkammer mit Hochbett, auf dem regel­mäßig Gäste näch­ti­gen. Dort ist ein Arbeitsplätzchen eingerichtet, an dem sich ruhig sitzen lässt. Zur Straße hin ist es heute zu laut, die einfache Sprecherbox reicht nicht aus, um ener­vier­te Hu­pen und die Rangier­geräusche vor dem Haus wegzu­filtern. Die Me­ga­kreu­zung am Staßenende wird seit wenigen Tagen umgebaut, ist komplett ge­sperrt. Und freitags ist ja immer Wo­chen­markt ... (Wo sind die Ein­bahn­stra­ßen­schilder?!)
 
Später geht es an den nächsten Arbeitsplatz. Dort schreiben, korrigieren und for­mu­lieren eine Nachbarin und ich, suchen Fotos aus, lektorieren. Über den Hof hö­ren wir die Stimme von A., meiner Mitgärtnerin, die jetzt ihre Telko hat. Plötz­lich ist un­ser Haus ein Großraumbüro! Das hätte die alte Eigentümerschaft, als sie un­ser Mietshaus zu Sommeranfang an einen Immobilienkonzern verscherbelt hat, sicher nicht im Sinn, dass wir jetzt alle noch näher aneinanderrücken.

Happy drücken wir lange vor der Einreichungsfrist auf den Sendeknopf. Wir nehmen an einer Aus­schreibung um Corona-Stipendien des Berliner Senats teil. Künstlerinnen und Künstler in Berlin sind wie andre Solo-Selbständige in Coronazeiten auf "Hartz IV mit abgesenkter Zugangsschwelle" verwiesen worden.

In den Regelungen zur Grundsicherung sind allerdings Aktien- oder andere An­la­ge­for­men fürs Alter gegenüber z.B. der Riesterrente schlechtergestellt, denn nur be­rufs­­stän­­dische Vor­sor­ge­program­me (die meine Bran­che nicht kennt) und Spar­pläne wie Riester gelten als "echte" Rücklage fürs Alter, während die anderen Rücklagen vor Antragstellung bitteschön erstmal aufzubrauchen sind, was nicht nur Altersarmut pro­gram­miert, sondern grund­sätz­lich altersrassistisch ist, haben junge Leute doch meistens erst geringere Summen zurückgelegt. Und nochmal, weil in den Kom­men­tar­spal­ten der Gazetten besonders viel Häme gegen uns Freiberufler ausgeschüttet wird: Eine solche Pandemie war weder für Selb­ständige und Künstler versicherbar, noch kommt unsereins in die Arbeitslo­senversicherung rein. Wir ha­ben an der Ge­samt­lage genauso wenig schuld wie Kurzarbeiter oder einige Be­am­te, die zwar aktuell keine Arbeit, dafür aber Einkommen haben. Aus Steu­er­ein­kom­men, das wir mitfinanzieren. (Die Kassen der Arbeitsanstalt sollen leer sein, ist zu hören.)

Auf den Sozialstaat kann man sich verlassen. Nur Selbständige leider nicht.

Meine wirtschaftliche Grundlage war immer ein Mix aus Konferenzdolmetschen und künstlerischer Übersetzertätigkeit. Auf Letztere bin ich jetzt zurückgeworfen, An­fang der Woche habe ich in meinen Kalendern der letzten drei Jahre ausgezählt, wieviel Zeit ich normaler­weise mit Business (Dolmetschen) zubringe und wieviel Zeit mit künstlerischem Übersetzen.

Die kreative Arbeit entspricht über 60 Pro­zent der Tage, aber nur knapp 30 Pro­zent der Ein­nahmen. Die künstlerische Existenz ist derzeit meine Hauptein­nah­me­quelle. Daher der Antrag. Die Stipen­dien sind für alle profes­sionellen künst­le­ri­schen Beschäf­ti­gungen ausgelobt worden, auch für literarisches Über­setzen und Untertiteln. Die Nachbarin und ich haben uns also mit guter Laune vollgepumpt und unsere Portfolios erstellt. Die Begünstigten werden per Los­ver­fah­ren er­mit­telt.

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Textillustration: Bund (modifiziert)
Foto: C.E.

Dienstag, 8. September 2020

COVIDiary (151)

Bon­jour, gu­ten Tag & hel­lo auf den Sei­ten des ers­ten deut­schen Dol­met­scher­blogs aus dem Inneren der Dol­metscherkabine. Gerade schreibe ich vom Büro aus, das seuchenbedingt deutlich ruhiger ist als sonst üblich. Grundlagen erkläre ich trotzdem immer wieder gerne.




Alte Telefone aus den Anfangsjahren der Fernkommunikation
Arbeitsgerät des Zwischenhandels
"Sind Ihre Dolmetscher alle festangestellt?", wollte eine Kundin neulich wissen.
Nein, "meine" Dolmetscher sind Freiberufler, wir ar­bei­ten im Netzwerk zusammen. Die meisten Dol­met­sche­rin­nen und Dol­metscher sind Freiberufler, nur wenige Kol­legin­nen und Kollegen sind bei öffentl­ichen Ein­rich­tun­gen wie Ministerien fest­an­gestellt.

Diese Arbeitgeber kön­nen einander bei Extra­bedarf untereinander über die so­ge­nann­te Amts­hilfe regelmäßig Arbeits­kräfte zur Verfügung stellen. Ist der Bedarf größer kommen wir Freien ins Gespräch, die wir aber auch für Kunden aus Wirt­schaft und Handel, aus der Kultur, der Veranstaltungs­industrie und für Privat­kunden tätig sind. (Also normalerweise, ohne Corona.)

Wir sind ähnlich wie Fachärzte oder Fach­anwälte spezialisiert, erweitern aber ständig unsere Bereiche. Andere arbeiten als Gerichts­dolmetscher und im me­di­zi­ni­schen Bereich. Darüber schreibe ich ein an­deres Mal.

Aus dem Dolmetschen wird dann ein Gewerbe, wenn sich jemand entschließt, eine Agentur zu gründen, also eine Firma. Der Begriff "Agentur" ist irreführend. Bei ei­ner Schauspiel­agentur kümmert sich ein Büro um eine feste Gruppe von Schau­spie­ler­in­nen und Schau­spielerin, vertritt sie, versucht, sie für sie Aufträge zu den für die Darsteller bestmöglichen Konditionen heranzuziehen und bekommt einen fes­ten Prozentsatz dafür.

Im Bereich Sprache arbeiten Agenturen allerdings nicht wie Agenten, sondern eher wie Makler: Billig einkaufen, teuer verkaufen. Sie ahnen, welche Abgründe diese Logik birgt. Dolmetsche­rinnen und Dolmetscher sind hier per se nicht fest­an­ge­stellt, nur die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die die Bürotätigkeit erledigen.

Eine größere Struktur ist nicht unbedingt schlagkräftiger, besser, professioneller und der bessere Dienstleister, nur weil sie sich mit einer großen Firma einer an­de­ren Branche ver­glei­chen lässt. Aus der Perspektive von uns Freiberuflern, die von diesen Struk­tu­ren angefragt werden, ist meistens sogar das Gegenteil der Fall. Re­prä­sen­ta­ti­ve Büroräume, viele Mitarbeiter, IHK-­ und Gewer­be­steuerbeiträge und dann die oben­stehende Definition macht die Zusam­menarbeit mit diesen Firmen nicht unbedingt lukrativ.

Wer erfahren und gut im Geschäft ist, wird sich darauf eher nicht einlassen. Leider ist dieses Wissen in der Allgemeinheit nicht weit verbreitet. Wir haben sogar schon Gewerkschaften und Firmen der Sozial­wirtschaft erlebt, die über die Makler mit den ... allerschicksten Adressen gegangen sind, um die Chose di­plo­ma­tisch aus­zu­drücken. 

Dabei ist die Sache logisch: Wenn der Zwischenhandel eine Ware nicht teurer macht, wird wohl der Lieferant die Zeche zahlen müssen. Oder die Lieferantin.

Und mit Statussymbolen ist es es mit dem Wohnen: Wohn­wert­entscheidend ist letzten Endes nicht das Marmor­waschbecken nebst güldenem Wasserhahn, sondern die richtige Lage, ein guter Schnitt, solide Architektur, gerne etwas Gartengrün, freundliche Nachbarn, die Kosten sowie eine zuver­lässige, effiziente Verwaltung. Da kann einem ein Makler sonstwas erzählen!

Außerdem arbeiten wir schon lange mit Computern und anderen Gegenständen, die bis vor kurzer Zeit noch für manche Menschen "Neuland" waren; wir dol­met­schen jetzt manchmal sogar online und arbeiten eben nicht überwiegend mit der Technologie vergangener Zeiten wie Telefonie, Fax oder Brieftaube.

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Foto:
C.E.