Mittwoch, 28. Oktober 2020

Ein kurzes Vorwort

Bonjour und herz­­lich will­­kom­men auf meinen Webs­eiten! Was Dolmetscher und Dolmetscherinnen umtreibt und beschäftigt, können Sie hier seit 2007 mitlesen. Derzeit finden allerdings coronabedingt wenig Präsenzveranstaltungen statt. Die Arbeit ändert sich.

Solidaritaet ist mehr als Haendewaschen (Plakat)
Am Maybachufer in Berlin
In Coronazeiten sind wir der­zeit nie mit vielen Kun­den im selben Raum, in Kon­gress­zen­trum oder Ta­gung­shaus oder unterwegs auf De­le­ga­tions­reise, das fällt gerade kom­plett aus. Trotz­dem sind wir wei­ter­hin für unsere Kun­den da. Wir dol­met­schen beim Stan­desa­mt oder im Kran­ken­haus, bei Werks­be­sich­ti­gun­gen, Fortbil­dun­gen und Hin­ter­grund­ge­sprä­chen.

Alles, was in kleinen Formaten mit nur wenig Gästen und unter Berücksichtigung aller Hygienevorschriften stattfindet, ist möglich. Immer öf­ter wird On­line­dol­met­schen nach­ge­fragt, konsekutiv (in Sprechpausen hinein) oder simultan. Weil diese Art der Übertragung für alle an­stren­gen­der ist, kleiner Bildschirm, gestauch­te und damit un­na­tür­liche Tonebene, Rauschen, Echos oder Zeit­ver­zö­ge­run­gen, dauern diese Einheiten meistens nicht so lang.

Wir bieten keine Bü­ro­sprech­stun­den an, haben allerdings neulich, als es ein­mal un­um­gänglich war sich zu treffen, mal eben eine Kurzbesprechung mit ex­ter­nen Gäs­ten in den Hofgarten ver­legt. Wie dem auch sei: Wir freuen uns auf Ihre An­fra­ge!

Und da wir nicht nur Spracharbeiterinnen und Spracharbeiter sind, sondern auch Menschen, die beobachten und ihre Zeit dokumentieren, in der wir leben, finden Sie auf den folgenden Seiten mein COVIDiary.

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Foto: C.E.

Sonntag, 4. Oktober 2020

COVIDiary (172)

Herzlich will­kom­men! Hier bloggt ei­ne Dol­met­sche­rin. Meine Sprachkenntnisse (Französisch, Englisch) trainiere ich täglich. Sonst wird das heute ein typischer Coronasonntag: Vormittags an die Luft, nachmittags, wenn die Wege voll sind, Lesen und Textarbeit. Daher ist mein Sonntagsbild heute unspektakulär.

Heute Früh in den Medien (DLF): Die Ständige Impfkommission (STIKO) rechnet damit, dass die ak­tu­el­le Kri­se noch 1,5 bis zwei Jah­re andauern wird, denn selbst wenn es eines Tages einen Impfstoff geben sollte, wird Zeit ins Land gehen, bis genügend Dosen produziert und Menschen geimpft sein werden.

Mutation oder Übergangsphase?

Das habe ich schon mal gehört. Mein Vater ging davon aus, dass die Überwindung der sa­ni­tä­ren Krise zwei Jahre dauern, und wei­tere zwei Jahre, bis sich wieder Alltag eingestellt haben werde. Für ihn war klar, dass  dieser anders sein müsse als zuvor, nach­hal­ti­ger und von einem Pa­ra­dig­men­wech­sel in Richtung einer so­zia­len, bil­dungs­op­ti­mis­ti­schen Ge­mein­wohl­öko­no­mie geprägt sein müsse.

Darüber haben wir oft gesprochen. Mein Interesse für Zu­kunfts­tech­no­lo­gien, die im Land­wirt­schafts­bereich oft bei dem ansetzen, was traditionell gemacht wurde, hat er geteilt. Nun ist jetzt schon fast drei Monate tot.

Andere Me­dien­nach­richt: In der Schweiz wurden nach ei­ner län­ge­ren Pau­se wie­der Wild­schwei­ne auf Ra­dio­ak­ti­vi­tät getestet, Ergebnis: 40 Prozent der Tiere sind über­mäßig verstrahlt. Tschernobyl liegt jetzt 34 Jahre zurück und das radioaktive Caesium-137 ist erst zur Hälfte zerfallen. 

Gibt es eigentlich Forschungen, was Ra­dio­ak­ti­vi­tät mit Knochendichte anstellt? Mein Vater hatte Osteo­po­rose, er wohnte jahrelang über einer Arztpraxis mit ei­nem Rönt­gen­gerät, ver­brachte Kriegs­nächte im Kel­ler in einem Gebiet mit viel Radon, und er war begeisterter Wildesser. (Sonst sind keine Os­teo­po­ro­se­fälle in der Familie bekannt.)

Im Garten haben wir Zwiebeln von Frühlingsblühern vergraben, darunter auch Kugel­köp­fi­gen Lauch. Das hätte unseren Vater gefreut. 

Und was ist mit dem Efeu los? Ich habe einen Steck­ling heran­gezogen von hellem Efeu, der al­ler­dings dunkel nachwächst. Mist, kann Papa nicht mehr fragen.

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Foto:
C.E.

Donnerstag, 24. September 2020

COVIDiary (163)

Willkommen auf den Sei­ten des ers­ten deut­schen Dol­met­scher­blogs aus dem In­ne­ren der Dol­metscherkabine. Gerade schreibe ich coro­na­bedingt vom Büro aus. Wir Konferenz­dolmetscher ohne Konferenz sind wie Fische ohne Was­ser, und wer Was­ser sagt, meint flüssig. Heute wird's erst nass, dann tierisch, zuletzt muss der Motorenvergleich herhalten.

Trees don't panic * WE ARE ONE
Men­schen sollten auch nicht paniken
Mit dem Flüs­sigen haben es viele Frei­berufler der­zeit nicht so, manche(r) erlebt sogar Not. Die großen Tie­re wissen das, also die Re­gie­rung weiß es, es sind in den letz­ten Mo­na­ten so viele Pe­titionen, Stu­dien, Gruß­adressen, Zeitungs­artikel und trä­nen­reivche Repor­tagen produ­ziert, gedruckt und dann ver­sen­det worden, dass es wirk­lich auf kei­ne Kuhhaut geht.

Wer "versendet" sagt, meint, dass es eigentlich niemand merkt. Im TV-Jargon ist "Das versendet sich" ein Synomym für "Das läuft über den Äther und niemand wird's mitkriegen."

Versendet wie versandet. Wir Selbständigen müssen diese Krise sehr oft ohne aus­rei­chen­de Hilfen meistern, obwohl wir den Schlamassel genausowenig verursacht haben wie Beamte, Angstellte oder Arbeitnehmer/innen in Kurzarbeit.

Hier, was das Magazin "Plusminus" gestern gebracht hat: "Überbrückungshilfe: Staat­li­che Unterstützung kommt bei Unternehmen nicht an."  

Von den zur Verfügung gestellten 25 Milliarden Euro Überbrückungshilfe wurden nur knapp 1,1 Milliarden Euro von Frei­beruflern und kleinen Firmen beantragt. Das ist ein noch kleinerer Prozen­tsatz als beim Nicht-Ausschöpfungsgrad im Frühjahr. Zeitgleich droht vie­len Firmen und Freiberuflern die Insolvenz.

Sagen wir's mal so, die Wirtschafts­politik liebt Rösser ja so sehr: Da stehen Pferde im Stall Deutschland, aber die Heunetze wurden weit oberhalb ihrer Köpfe an­ge­bracht, so dass nur ganz wenige der Vier­bei­ner überhaupt drankommen. Und dann sagt der Pferdewirt: "Seht Ihr, die Pferde haben gar keinen Hunger, die brauchen nichts!" Das ist im Höchstmaß töricht, vor allem dann, wenn der Pferdewirt auch noch dabei zusieht, wie die Rösser langsam verschmachten, während er nicht mü­de wird, sich für sein reich­haltiges Heufüt­terprogramm selbst zu feiern.

So viel Tacheles lesen Sie übrigens bei den auf diversen diploma­tischen Parketts geschulten Dolmet­­scherinnen selten. Sie dürfen den Tag in ihrem Kalender an­strei­chen. Grund dafür ist die Stellungnahme des Bundeswirtschaftsministeriums zum Thema: "Die Inanspruch­nahme der Überbrückungs­hilfe ist verhaltener an­ge­lau­fen als ursprüng­lich angenommen. Grund ist, dass die Corona-bedingten Schließungen und Auflagen schneller zurückge­nommen werden konnten als (…) erwartet."

Die Veran­staltungs- und Kongress­wirt­schaft soll der sechstgrößte Wirtschaftszweig Deutschlands sein und geht derzeit vor die Hunde. Absurd: Die Poli­tik tut so, als wären diese Verluste leicht zu verschmerzen. Ich sehe das Ganze als einen großen Motor. Die Politik hat in ihrer unendlichen Weisheit ent­schieden, nur einen Teil des Motos zu ölen. Den anderen lässt sie ungeölt. Keine Pointe.

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Foto: C.E.
(gesehen in Kreuzberg)

Mittwoch, 23. September 2020

COVIDiary (161)

Willkommen beim Blog aus der Arbeitswelt. Wie Dolmetscher und Übersetzer ar­beiten, ist oft nicht gut bekannt. Seit die Pan­demie aus­ge­brochen ist, hat sich unsere Arbeit verändert. Konferenzdolmetscher ohne Konferenz sind wie Fische ohne Wasser. Zum Glück bleibt die Übersetzerarbeit.

Pürierturbine

Sage mir noch einer, dass die Arbeit für die Industrie fern von Komik sei. Quatsch!



Ich suche das französische Wort für Pas­sier- und Pü­rier­tur­bine. Das ist eine Art Kran mit Rühr­werk dran und das Endstück passt bestens zu den großen Koch­töpfen, in denen man Drillinge oder mehr Gören auf einen Schlag baden könnte.

Die erste Recherche ergibt robot-coupe ... klingt wie "Robo-Cops". Aber als ich das vermeintliche Begriffspaar per Fotosuche eingebe, gibt es kaum Überschneidungen.

Eine erste Fundstelle
Oha, Robot-coupe ist ein Fir­men­name! Ja, nee, dann doch nicht. Übersetzen und Dolmetschen ist oft Puzzlearbeit, und wer nicht fast detektivisch mit dem Internet umgehen kann, ist verloren.

Vor fast einem Jahr ... Robocobs in Paris

Ich suche mit der Bilder-Inverssuche von Dr. Gargoyle, dem digitalen Datenspeier. Der spuckt mir den spanischen Begriff jirafa de cocina industrial aus. Und eine wei­te­re Vokabel­suche später habe ich den mixeur girafe industriel oder girafe mixeur plongeant gefunden, den Giraffentauchmixer, oder mixeur girafe. Viele Bildernachweisstellen ergibt das zwar nicht, aber verstanden dürfte es werden.
Ich liefere den Alltagsausdruck nach.

Also keine Robocobs, sondern ne Giraffe. Bleibt witzig. Und dann entdecke ich in der Liste die "Planetenrührmaschine".

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Illustration:
C.E.

Dienstag, 22. September 2020

COVIDiariy (160)

Herzlich will­kom­men! Hier bloggt ei­ne Dol­met­sche­rin. Was Konferenzdolmetscher und Übersetzer machen, wie sie arbeiten, wie sie leben, ist hier seit 2007 re­gel­mä­ßig Thema. Corona hat auch in meiner Branche alles bös durch­ein­an­der­ge­wir­belt und auch sonst einiges verbockt. Dem Jahr 2020 bleiben noch einige Monate zur Rehabilitation.

Corona is a bitch!, stand neulich auf eine Hauswand gesprayt, ein Miststück also. So lässt sich das auch sehen. Hier bringt sie erneut einiges in Bewegung. Die eine Mit­be­wohnerin zieht aus meiner Wohnung aus, die nächste kündigt sich an, sie wird mit ihrem Mann kommen, Frank­reich geht, England kommt. Und nein, ich wusste das nicht seit Monaten, mein re­gel­mä­ßi­ges Hören von BBC4 ist alleine der Tat­sache geschuldet, dass ich meine dritte Spra­che pflegen muss.

Eine frühere Studien­freundin und geschätzte Übersetzer­kollegin lebt seit vielen Jahren mit ihrem britischen Ehemann in England. 

Die hübsche Nachbarin (Pareidolie)
Leider ist sie vor einiger Zeit schwer er­krankt, es ist nicht ganz klar, ob sie Co­ro­na hatte oder Bor­re­lio­se oder etwas ganz anderes. Die Hei­lung geht langsam, Chro­ni­fi­zie­rung droht. 

Ihre Lage spitzt sich derzeit durch die Krise des Gesundheitssystems NHS, die auf­flam­men­de Seuche und den Brexit dramatisch zu.

Die beiden leben in London in­mitten eines Viertels, in dem streng­re­li­giöse Juden sehr traditionell wohnen und viele Familien kinder­reich sind. Dort hat, ähnlich wie in anderen in sich geschlos­senen Gruppen, die Kunde von der Prävention nicht unbedingt alle erreicht.

Der aktuelle Lockdown in Israel sowie über­proportional hohe Opferzahlen in allen irgendwie abgeschotteten Gruppen sprechen ihre eigene Sprache. Für ihre aus Deutschland stam­mende und zur Risikogruppe zäh­len­de Nach­barin wurde leider so das risiko­freihe Einkaufen­gehen zu einem from­men Wunsch, der schwer ein­zu­hal­ten­den Corona­abstände wegen.

Jetzt dürfen wir Freunde zusammentrommeln, ein Team bilden, dann darf ich bei mir am Ufer den Auszug der Mitbe­woh­ne­rin unterstützen und das Un­ter­miet­zim­mer so herrichten, dass es später im Jahr ein Ort der Ruhe und Genesung sein kann.

Dann gilt es Geld aufzutreiben (Notfallfonds der VG Wort? Verbände? Konsulat? Crowd­funding?), ein kompetentes medi­zinisches Team zu finden, dann Auto, Fah­rer, Quarantänewohnung in Frankreich, schließlich Transfer nach Berlin.

Nebenbei sorgt mein Diktierprogramm für unverhoffte Komik. Ein Klassiker: Wir Menschen reagieren auf hochdramatische Momente häufig belustigt, müssen grinsen oder sogar lachen. Die Verhaltensforschung nennt dies eine Über­sprungs­hand­lung. Jetzt reagiert der Rechner derart menschlich, mein Anthro­po­mor­phis­mus am Vormittag. Illustrieren werde ich den Blogpost mit etwas Pareidolie

Aber es ist schon schräg, wenn der kleine Drache* mit Bits und Bytes statt "chassidisches Wohnviertel" ein "rassistisches Wohn­viertel" schreibt. Später macht er aus "Prob­le­men mit Borrelien" "Prob­le­men mit Bordel­len".

Nein, nicht witzig. So, Liste schreiben, Energie sammeln und weitergeben. Corona, der Krisenmodus des Jahres hört nicht auf. Machen wir das Beste draus.

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Foto:
C.E. (gesehen in Neukölln)
(*)
Diktierprogramm ist Dragon

Sonntag, 20. September 2020

COVIDiary (158)

Bonjour und guten Tag! Hier bloggt ei­ne Dol­met­sche­rin. Was Kon­fe­renz­dol­met­scher und Über­setzer machen, und na­tür­lich auch wir Frau­en im Be­ruf, wie sie bzw. wir arbeiten, ist hier seit 2007 re­gel­mä­ßig Gegen­stand in Form von kleinen Epi­soden aus dem Alltag. Am Sonntag zeige ich hier gerne ein Sonntagsbild. Heute ist es ein Lieblingsbild der Woche.

Was Corona verändert hat: Der Wochen­markt erstreckt sich jetzt auch in eine Nachbarstraße hinein. Alle ist luftiger und, wie ich finde, schöner. Mir gefällt hier das zeitlose Moment. So, wie dieser Stand aussieht, könnte er auch vor Jahr­zehn­ten ausgesehen haben.

Ganz plastikfrei ist der Markt noch nicht (die Blumenfrau ist auf gutem Wege)

Was Corona nicht verändert hat: Die Berliner Schnauze.

Kunde fragt Bäckerin: "Ist das Brot von heute?"
Bäckerin: "Nee, det ha' ick letztes Jahr zu Weihnachten jebacken!" 

Ab und zu teste ich, was Online"übersetzer" so bringen. Zu meinem Erstaunen klappt das mit dem Berlinisch überraschend gut. Doch gibt es Kritik an der maschinellen Übelsetzung.

Auf Französisch wird es zu: "Das Brot, ist es heute?" Das Wörtchen de, von, fehlt. Gefragt wird in der Übertragung ein männlicher Bäcker, seine Frau indes liefert die Antwort. Das geschieht es wohlgemerkt nur in der franzö­sischen Fassung, die englische ist soweit unfa­llfrei. Was beide gemein haben: Es wurde "für Weih­nach­ten" gebacken. Dass "zu Weihnachten" auch eine Zeit­angabe sein kann,  fällt hin­ten runter.


 

 

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Foto: C.E.
(der Blumenstand vis-à-vis)
MT:
www.Deepl.com

Mittwoch, 16. September 2020

COVIDiary (156)

Was Dol­met­scher und Über­setzer umtreibt (und Dol­met­sche­rin­nen und Über­set­ze­rin­nen), können Sie hier mitlesen. Dabei beschreibe ich auch, wie Corona unseren Alltag verändert. Die Pandemie legt unsere Stärken und Schwächen offen und wirkt grundsätzlich für alle Phänomene als Verstärker.

Besser ohne Apostroph
Und heute dann so: Doku­men­ten­über­set­zung (doch mal aus­nahms­weise), das W-Lahm der letzten Tage ist wieder zum W-Lan geworden, daher Buch­haltung, Schreib­arbeiten in Richtung Sach­buch (Über­setzung, Neuzu­schnitt der deut­schen Fassung), Termin­planung von fast ehren­amtlichen Ein­sätzen abstimmen (Kino­mo­deration), Planung der Un­ter­titelung eines Films: Die eng­lische Unter­titeldatei an­fordern, einlesen in Begleit­material, Film nochmal sehen.

Wem dieser Tage der Hals kratzt, zieht sich zurück, jedenfalls in meinem Umfeld. Selbstgewählte Quarantaine, es gibt tat­säch­lich Schlimmeres.

Doch plötzlich mutiere ich zu der Besser­wisserin, vor denen mich meine Eltern immer gewarnt hatten. Mein Vater: "Ich kenne einen Lek­tor, der korrigiert sogar die ein­gehende Post!" Ich setze dem eins drauf und schreibe in der Antwort auf einer Mail von 2873 Anschlägen (natürlich nur als Teil meiner Antwort): "Kleines Lektorat Ihrer Mail: für’s ist falsch, bei der Verschmelzungen von Präpo­sition und Artikel wird kein Apostroph gesetzt. Das Apostroph zeigt an, dass ein E oder etwas mit einem E ausgefallen ist — oder aber eine Auslas­sungen im Wortinneren (Bei­spiel: Ku’damm)." [Es hat sich um eine Lektorats­anfrage gehandelt, lieber Papa im Jenseits, da darf ich das.]

Eine Anfrage, die ich am Ende leider absagen muss, weil's die falsche Zielsprache ist. Die Antwort folgt auf dem Fuße: "Danke fürs (nicht für’s) Ansehen!"

So mag ich das. Doch die Chose wird noch besser: Ich reiche die Anfrage weiter. Der Auf­trag ist leider-leider-leider-leider coronabedingt sehr schlecht dotiert. Ein künstle­risches Projekt, das lobenswert ist und ohne Förderung auskommt. Ich gebe ihn an eine junge, sehr talentierte Kollegin weiter, bei der ich auch eine künst­lerische Begabung sehe. Die Antwort kommt rasch. Sie schreibt: "Das Honorar war ja nicht der Rede wert. Ich habe verhandelt, dass er mir seine Ferien­wohnung in Meck­lenburg ausleiht, anstatt mich zu bezahlen. ;-)"

Leben in Zeiten von Corona. Und mit dem Wissen ist es wie mit der Liebe: Derlei vermehrt sich, wenn wir es teilen!

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Foto: C.E.

Dienstag, 15. September 2020

COVIDiary (155)

Bon­jour, gu­ten Tag & hel­lo auf den Sei­ten des ers­ten deut­schen Dol­met­scher­blogs aus dem Inneren der Dol­metscherkabine. Die Sprachen, das Sprechen und die Tech­nik zu beobachten, ist eine der Grundlagen unserer Arbeit.

Diana Rigg als Agentin Emma Peel  (Mit Schirm, Charme und Melone)
ALS OB! — Hommage an Diana Rigg
Ein abendliches Treffen mit einer Studien­freun­din zum Eis­essen an einem der letzten lauschigen Sommerabende: Wir sehen uns ab uns zu, seit Coro­na häufiger, denn die Pan­demie macht unser direktes Lebens­umfeld wich­ti­ger. Sie wohnt eine Straße von mir entfernt, hat Rus­sisch und Englisch studiert (und arbeitet hauptsächlich mit Russisch), so dass wir nur in Theorie­se­mi­na­ren zu­sam­men­sa­ßen und uns die letzten Jahrzehnte nicht so oft gesehen haben.
Bei den Euro-Betriebsräten, Festivals, De­le­ga­tions­reisen und Konferenzen, die ich üb­li­cher­weise dolmetsche, kommt Russisch nur selten vor. Sie arbeitet öfter beim Eu­ro­päischen Rat, der Russisch­kollegen be­schäf­tigt, und ist auch sonst viel auf Achse.

Vielmehr: Sie war es. Dann kam Corona.

Ich habe Lust auf Ausgehen. Ich ziehe ein Lieblings­kleid an, dazu trage ich eine Ko­rallen­kette und ein rotes Arm­band aus Feuer­bohnen, elegante Hackenschuhe, die Haare frisch gewaschen, den Lippenstift aus den Untiefen der Tasche her­vor­ge­kramt.

Beschwingt komme ich zum Treffpunkt. "Hui!", sagt meine Bekannte, und fragt: "Wie lange hast Du Zeit?" Ich sage ihr, dass ich so viel Zeit mitgebracht hätte, wie wir brauchen. Sie schaut misstrauisch.

Ich ahne, was sie meint, gehe aber erstmal nicht drauf ein. Am Ende des Abends, sie: "Jetzt kannst Du mir's aber verraten: Hast Du eine neue Flamme? Mit wem bist Du gleich noch verabredet?"

Nein, ich wollte einfach mal in Coronazeiten auch privat mal so rumlaufen, als wür­de ich gleich neben Claude Chabrol auf die Ber­li­nale­bühne treten. Sonst frem­de­le ich später dieser öffentlichen Person ge­gen­über, die das (fast) lampen­fie­ber­frei kann, was die Privatfrau nie, nie, wirklich nie könnte.

Kom­munikation besteht nur aus einem geringen Teil aus Wörtern. Wie ich dastehe oder -sitze, wie ich die Kör­per­hal­tung ändere, die Art, wie ich die Hän­de be­nutze, die Finger, Gestik und Mimik ein­set­ze, au­ßer­dem Kleidung, Gesagtes und Auslas­sungen, das alles macht einen Subtext aus, mit dem nicht selten mehr vermittelt wird als mit direkt Aus­ge­spro­che­nem.

By the way ist dieser Subtext genau das, was Compu­ter nicht übertragen können, weshalb Computer­über­set­zungen nie akkurat sein werden. Sie sehen nicht, sie kön­nen nichts einschätzen oder be­werten, denn Computer arbeiten mit Einsen und Nullen. Nullen haben keine Gefühle. Das weiß jedes Kind.

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Foto: C.E.

Freitag, 11. September 2020

COVIDiary (153)

Die künstlerische Arbeit an Texten und Filmen konnte ich jahrelang mit dem Dol­metsch­business querfinanzieren. Das Ferndolmetschen ist eine Option für die Lebensgrundlage der kommenden Monate, indes: Es gibt nur eine geringe Nach­frage. Es ist auch umständlicher, anstrengender. Manchmal ist indes es ganz leicht, sich die neue Arbeitsweise vertraut zu machen.

Fenster, Leiter zum Hochbett, Spiegel, schmales Fenster, Tisch und Stuhl, Computer mit Kopfhörer, rechts angeschnitten der Ärmel einer Anzugjacke
Eingerahmt zwischen Hochbettleiter und Anzugjacke
Fast ein normaler Arbeitstag: Am Morgen dolmetsche ich eine kurze Videokon­ferenz im Kon­se­ku­tiv­mo­dus. Hier dis­ku­tie­ren zwei Herren aus dem Bereich Werks­küchen und Gas­trono­mie über neu­e Pro­jek­te miteinander. Wäh­rend ich in der Kleider­kam­mer in Berlin auf einem höl­zernen Kino­klapp­stuhl sit­ze, sind die bei­den in ihren Bü­ros in Dres­den und in Reims.

Das sind zwei Städte, die mir von Kindesbeinen an vertraut sind, anfangs nur dem Klang der Städtenamen nach. Meine Vorfahren aus der sächsischen Garn­dy­nas­tie waren regelmäßig an beiden Orten, wir haben alte Fotografien, Postkarten und Briefe aus den Städten im Archiv, in der Verwandte auch Gebäude hinterlassen haben, waren immer wieder vor Ort. Auch das macht mir das Setting irgendwie vertraut.

Ich bin froh, dass ich als Studentin in meiner année de mise à niveau, dem Vor­kur­sen in französischer Sprache und Landeskunde während des erstens Studienjahrs, auch einige Seminare "Französisch für Wirtschaft und Handel" absolviert zu ha­ben. Die Grundbegriffe sind mir so vertraut, dass sich fast ein wohliges Gefühl einstellt, als hätte ich als Kind im Kontor meiner Ahnen in der Ecke gesessen und ihnen beim Spielen zugehört. Das hab ich in der Tat nur im unwahrscheinlichen Fall, wenn ich eine Zeitreisende sein sollte. Doch Zeitreisenden fehlt bekanntlich ein Teil des Gedächtnisses, wie schon jedes Kind weiß, so dass ich es nicht be­stä­ti­gen kann.

Epigenetik mal wieder. Das gleiche Gefühl stellt sich ein, wenn ich alte Stoffe von höchster Qualität in der Hand habe. Oder im Garten zugange bin. Oder abends Pflanzen bestimme, die sich im Hofgärtchen selbst ausgesät haben.

Inzwischen ist mir auch das Onlinedolmetschen sehr vertraut, voraus­gesetzt, ich kenne die Beteiligten. Die beiden Herren durfte ich schon am Anfang ihrer Zu­sam­men­arbeit vertonen, als ich noch keinen von ihnen persönlich kannte. Dabei war die Stim­mung eher un­ent­spannt, ein Stres­sor für mich als Dolmetscherin. Ich habe damals versucht, so cool wie möglich zu sein, mich wenig emotional darauf ein­zu­las­sen. Dolmetschen, das Vorwegnehmen dessen, was kommt, wenn das deutscher Verb wieder mal auf sich warten lässt, funktioniert aber mit Iden­ti­fi­ka­tion, mit "Einschmiegen" und Spie­gel­neu­ronen. Ich sehe hier einen Wi­der­spruch. Hinzu kommt beim Fern­dol­met­schen die Sorge um die Technik, das Jong­lieren mit ver­schluck­ten Silben und Echo.

Jetzt, nachdem wir im Hochsommer zwei Tage gemeinsam auf Dienst­reise waren, ist das völ­lig anders, alle mögen sich, die Arbeit fällt mir leicht. Ich sitze heute in meiner Kleiderkammer mit Hochbett, auf dem regel­mäßig Gäste näch­ti­gen. Dort ist ein Arbeitsplätzchen eingerichtet, an dem sich ruhig sitzen lässt. Zur Straße hin ist es heute zu laut, die einfache Sprecherbox reicht nicht aus, um ener­vier­te Hu­pen und die Rangier­geräusche vor dem Haus wegzu­filtern. Die Me­ga­kreu­zung am Staßenende wird seit wenigen Tagen umgebaut, ist komplett ge­sperrt. Und freitags ist ja immer Wo­chen­markt ... (Wo sind die Ein­bahn­stra­ßen­schilder?!)
 
Später geht es an den nächsten Arbeitsplatz. Dort schreiben, korrigieren und for­mu­lieren eine Nachbarin und ich, suchen Fotos aus, lektorieren. Über den Hof hö­ren wir die Stimme von A., meiner Mitgärtnerin, die jetzt ihre Telko hat. Plötz­lich ist un­ser Haus ein Großraumbüro! Das hätte die alte Eigentümerschaft, als sie un­ser Mietshaus zu Sommeranfang an einen Immobilienkonzern verscherbelt hat, sicher nicht im Sinn, dass wir jetzt alle noch näher aneinanderrücken.

Happy drücken wir lange vor der Einreichungsfrist auf den Sendeknopf. Wir nehmen an einer Aus­schreibung um Corona-Stipendien des Berliner Senats teil. Künstlerinnen und Künstler in Berlin sind wie andre Solo-Selbständige in Coronazeiten auf "Hartz IV mit abgesenkter Zugangsschwelle" verwiesen worden.

In den Regelungen zur Grundsicherung sind allerdings Aktien- oder andere An­la­ge­for­men fürs Alter gegenüber z.B. der Riesterrente schlechtergestellt, denn nur be­rufs­­stän­­dische Vor­sor­ge­program­me (die meine Bran­che nicht kennt) und Spar­pläne wie Riester gelten als "echte" Rücklage fürs Alter, während die anderen Rücklagen vor Antragstellung bitteschön erstmal aufzubrauchen sind, was nicht nur Altersarmut pro­gram­miert, sondern grund­sätz­lich altersrassistisch ist, haben junge Leute doch meistens erst geringere Summen zurückgelegt. Und nochmal, weil in den Kom­men­tar­spal­ten der Gazetten besonders viel Häme gegen uns Freiberufler ausgeschüttet wird: Eine solche Pandemie war weder für Selb­ständige und Künstler versicherbar, noch kommt unsereins in die Arbeitslo­senversicherung rein. Wir ha­ben an der Ge­samt­lage genauso wenig schuld wie Kurzarbeiter oder einige Be­am­te, die zwar aktuell keine Arbeit, dafür aber Einkommen haben. Aus Steu­er­ein­kom­men, das wir mitfinanzieren. (Die Kassen der Arbeitsanstalt sollen leer sein, ist zu hören.)

Auf den Sozialstaat kann man sich verlassen. Nur Selbständige leider nicht.

Meine wirtschaftliche Grundlage war immer ein Mix aus Konferenzdolmetschen und künstlerischer Übersetzertätigkeit. Auf Letztere bin ich jetzt zurückgeworfen, An­fang der Woche habe ich in meinen Kalendern der letzten drei Jahre ausgezählt, wieviel Zeit ich normaler­weise mit Business (Dolmetschen) zubringe und wieviel Zeit mit künstlerischem Übersetzen.

Die kreative Arbeit entspricht über 60 Pro­zent der Tage, aber nur knapp 30 Pro­zent der Ein­nahmen. Die künstlerische Existenz ist derzeit meine Hauptein­nah­me­quelle. Daher der Antrag. Die Stipen­dien sind für alle profes­sionellen künst­le­ri­schen Beschäf­ti­gungen ausgelobt worden, auch für literarisches Über­setzen und Untertiteln. Die Nachbarin und ich haben uns also mit guter Laune vollgepumpt und unsere Portfolios erstellt. Die Begünstigten werden per Los­ver­fah­ren er­mit­telt.

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Textillustration: Bund (modifiziert)
Foto: C.E.

Dienstag, 8. September 2020

COVIDiary (151)

Bon­jour, gu­ten Tag & hel­lo auf den Sei­ten des ers­ten deut­schen Dol­met­scher­blogs aus dem Inneren der Dol­metscherkabine. Gerade schreibe ich vom Büro aus, das seuchenbedingt deutlich ruhiger ist als sonst üblich. Grundlagen erkläre ich trotzdem immer wieder gerne.




Alte Telefone aus den Anfangsjahren der Fernkommunikation
Arbeitsgerät des Zwischenhandels
"Sind Ihre Dolmetscher alle festangestellt?", wollte eine Kundin neulich wissen.
Nein, "meine" Dolmetscher sind Freiberufler, wir ar­bei­ten im Netzwerk zusammen. Die meisten Dol­met­sche­rin­nen und Dol­metscher sind Freiberufler, nur wenige Kol­legin­nen und Kollegen sind bei öffentl­ichen Ein­rich­tun­gen wie Ministerien fest­an­gestellt.

Diese Arbeitgeber kön­nen einander bei Extra­bedarf untereinander über die so­ge­nann­te Amts­hilfe regelmäßig Arbeits­kräfte zur Verfügung stellen. Ist der Bedarf größer kommen wir Freien ins Gespräch, die wir aber auch für Kunden aus Wirt­schaft und Handel, aus der Kultur, der Veranstaltungs­industrie und für Privat­kunden tätig sind. (Also normalerweise, ohne Corona.)

Wir sind ähnlich wie Fachärzte oder Fach­anwälte spezialisiert, erweitern aber ständig unsere Bereiche. Andere arbeiten als Gerichts­dolmetscher und im me­di­zi­ni­schen Bereich. Darüber schreibe ich ein an­deres Mal.

Aus dem Dolmetschen wird dann ein Gewerbe, wenn sich jemand entschließt, eine Agentur zu gründen, also eine Firma. Der Begriff "Agentur" ist irreführend. Bei ei­ner Schauspiel­agentur kümmert sich ein Büro um eine feste Gruppe von Schau­spie­ler­in­nen und Schau­spielerin, vertritt sie, versucht, sie für sie Aufträge zu den für die Darsteller bestmöglichen Konditionen heranzuziehen und bekommt einen fes­ten Prozentsatz dafür.

Im Bereich Sprache arbeiten Agenturen allerdings nicht wie Agenten, sondern eher wie Makler: Billig einkaufen, teuer verkaufen. Sie ahnen, welche Abgründe diese Logik birgt. Dolmetsche­rinnen und Dolmetscher sind hier per se nicht fest­an­ge­stellt, nur die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die die Bürotätigkeit erledigen.

Eine größere Struktur ist nicht unbedingt schlagkräftiger, besser, professioneller und der bessere Dienstleister, nur weil sie sich mit einer großen Firma einer an­de­ren Branche ver­glei­chen lässt. Aus der Perspektive von uns Freiberuflern, die von diesen Struk­tu­ren angefragt werden, ist meistens sogar das Gegenteil der Fall. Re­prä­sen­ta­ti­ve Büroräume, viele Mitarbeiter, IHK-­ und Gewer­be­steuerbeiträge und dann die oben­stehende Definition macht die Zusam­menarbeit mit diesen Firmen nicht unbedingt lukrativ.

Wer erfahren und gut im Geschäft ist, wird sich darauf eher nicht einlassen. Leider ist dieses Wissen in der Allgemeinheit nicht weit verbreitet. Wir haben sogar schon Gewerkschaften und Firmen der Sozial­wirtschaft erlebt, die über die Makler mit den ... allerschicksten Adressen gegangen sind, um die Chose di­plo­ma­tisch aus­zu­drücken. 

Dabei ist die Sache logisch: Wenn der Zwischenhandel eine Ware nicht teurer macht, wird wohl der Lieferant die Zeche zahlen müssen. Oder die Lieferantin.

Und mit Statussymbolen ist es es mit dem Wohnen: Wohn­wert­entscheidend ist letzten Endes nicht das Marmor­waschbecken nebst güldenem Wasserhahn, sondern die richtige Lage, ein guter Schnitt, solide Architektur, gerne etwas Gartengrün, freundliche Nachbarn, die Kosten sowie eine zuver­lässige, effiziente Verwaltung. Da kann einem ein Makler sonstwas erzählen!

Außerdem arbeiten wir schon lange mit Computern und anderen Gegenständen, die bis vor kurzer Zeit noch für manche Menschen "Neuland" waren; wir dol­met­schen jetzt manchmal sogar online und arbeiten eben nicht überwiegend mit der Technologie vergangener Zeiten wie Telefonie, Fax oder Brieftaube.

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Foto:
C.E.

Montag, 7. September 2020

COVIDiary (150): Hinweise zum guten Ton

Herzlich will­kom­men! Hier bloggt ei­ne Dol­met­sche­rin. Was Konferenzdolmetscher und Übersetzer machen, wie sie arbeiten, wie sie leben, ist hier seit 2007 re­gel­mä­ßig Thema. Haben Sie schon mal mit Dolmetschern zusammengearbeitet?

Dolmetschen wirkt auf Nichtdolmetscher oft wie Zauberei, geheimnisvoll und un­klar. "Wie geht das: zuhören und gleichzeitig sprechen?", ist daher wohl die am häufigsten gehörte Frage, ergänzt durch ein: "... das muss doch sauschwer sein!" Naja, geht so. Wir haben es halt gelernt. Und wir wissen selbst nicht so genau, wie wir das machen.

SOSO, Jahr 2020!
Unser Beruf ist aller­dings von außen kom­pli­ziert geworden. Von uns unverschuldet. Plötzlich ergeht es den meisten, die sonst rege Nachfrage verzeichnen konn­ten, wie vie­len Schau­spie­ler­in­nen und Schau­spie­lern: Ohne Re­gis­seu­rin oder Re­gis­seur, ohne Publikum oder Kamera kön­nen diese nicht arbeiten, nur im stillen Käm­mer­lein Rollen studieren. Das machen wir auch, denn 80 Prozent un­se­rer Arbeit liegt in der Vorbereitung. Aber die 20 Pro­zent fehlen, die Bü­hne, der Einsatz.
Fast alle großen Konfe­renzen wurden vi­rus­be­dingt auf 2021 verschoben. Online-Kurzfor­mate sind selten, denn nicht nur der Auf­wand ist höher als sonst, sie sind für alle Be­tei­lig­ten anstren­gender.

Es hilft nichts, wir müssen da alle durch. Ge­mein­sam. Die Anstrengungen kennen Sie aus den letzten Monaten, von Zoom- oder Microsoft-Meeting-Sessions (oder mit welcher Technik Sie auch Erfahrungen gemacht haben): Die Konzen­tration fällt schwer, da meist der Ton schlecht ist, es hallt, Teil­nehmer oder Red­ner­in­nen gehen verloren.

Außerdem ist es schon etwas anderes, ob wir alleine zuhause oder zusammen mit anderen in einem Raum oder Kongress­zen­trum sitzen. Der nonverbale Anteil der Kom­mu­nikation fehlt, Blicke, Verab­redungen für Nach­fragen während der Kaf­fee­pause, Infomaterial zum Durch­blättern — und bei Kongressen mit Besichti­gungs­anteil eben auch die unterwegs im Team gemachten Erfahrungen und Be­ob­­ach­tun­gen.

Nach vielen einsprachigen "Videocalls" beginnt diesen Spätsom­mer die Zeit, in der sich mehr­spra­chi­ge On­line­­events häu­fen werden. Auch für uns Dolmet­­scherinnen und Dol­metscher sind die anstren­gender und schwieriger als die Arbeit früher. Das geht mit der Vorbe­reitung los: Wir haben mitunter Mühe, im Vorfeld an alle wich­ti­gen Informationen he­r­an­­zu­­kom­­men. Es entfällt die Erin­ne­rung an den Re­de­text "vor Ort", denn es gibt keinen ge­mein­sa­men Ort, oder die kurze Nach­frage zu ei­nem schwer ver­ständ­­lichen Absatz, in den sich vielleicht ein Fehler ein­ge­schli­chen hat. Wir sind auch die "ersten Lese­rinnen"* und konnten schon manches im Vorfeld auszu­bügeln helfen.

Nicht ausbügeln können wir leider diese Soundschwierigkeiten, die sich sogar auf unsere Dolmetschleistung auswirken können. Dar Grund dürf­te sich Ih­nen schnell er­schlie­ßen, denn es ist fast wie beim Kinderspiel "Stille Post": Wenn ich etwas nicht akkurat verstehe, kann ich es auch nicht akkurat weitergeben.

Was viele nicht wissen: Zur allgemeinen Soundqualität kann jede Einzelne, jeder Einzelne beitragen. Das ist auch der Grund, weshalb wir un­se­ren Teil­neh­men­den gerne folgen­de Liste ans Herz legen. Unsere Bitten:

— Setzen Sie sich zu Videocalls in den ruhigsten Raum, der Ihnen zur Verfügung steht;
— Handelt es sich dabei um einen Raum mit viel Raumhall (z.B. durch kahle Be­ton­wän­de, große Glas­flächen), wählen Sie bitte den zweit­ru­higsten Raum oder schließen Sie die Vorhänge und sprechen Sie bei Gelegen­heit eine In­nen­ar­chi­tek­tin* an. Die Verbesserung der Raum­akustik wird Ihnen auch nach Corona die Ge­sprächs­at­mos­phäre erleichtern;
— Besorgen Sie sich ein Headsets mit USB-Anschluss und gutem Mikrofon (Kauf­em­pfeh­lung gerne auf Anfrage);
— Setzen Sie sich nicht weit entfernt vom Monitor (und der Monitorkamera) hin, sondern in Monitornähe. Sie helfen uns damit, denn wir Dolmetscher/innen lesen einen Teil des Gesagten vom Mundbild ab;
— Schließen Sie Ihren Rechner mit einem Lan-Kabel an, das erhöht die Ge­samt­qua­li­tät der Übertragung;
— Schließen Sie andere Browserfenster und ar­beits­spei­cher­fressende An­wen­dun­gen, stellen Sie Tele­fone und andere po­­ten­tiel­le Stör­quellen stumm;
— Wenn Sie nicht sprechen, klicken Sie auf das Mikrofonsymbol und stellen es da­mit aus (seien Sie dabei bitte freundlich zu Kindern und Haustieren);
— Bei großen Veranstaltungen: Sagen Sie immer vorab Ihren Namen (mit dem Sie sich bitte auch im Konferenzsystem anmelden), damit wir die vor dem Event ge­le­se­nen Informationen auch mit Gesichtern und der Ge­sprächs­si­tua­tion verknüpfen können.

Und wenn Sie Dolmetscherinnen und Dolmetscher bestellen, wenden Sie sich bitte an Freiberuflerinnen und Freiberufler, die meistens gut per Mail erreichbar sind, und bitten Sie um einen telefonischen Beratungstermin.

Maklerfirmen, die (fast) alle Sprachen (beinahe) rund um die Uhr anbieten und an renommierter Adresse ein Sekretariat beschäftigen, investieren einen größeren An­teil der von Ihnen gezahlten Honorare in Repräsentations- und Werbekosten. Diese Firmen haben keine Kolleginnen und Kollegen festangestellt, sie su­chen an­schlie­ßend unter den freiberuflich Tätigen nach jenen, die für das rest­li­che Geld wil­lens und hof­fentlich auch in der Lage sind, zu arbeiten.

Viele gestandene Kolleginnen und Kollegen mit besten Referenzen und lang­jäh­riger Erfahrung sind dazu eher nicht be­reit. Wa­rum soll ich ei­nem Mit­tels­mann* 30, 40 oder 50 Pro­zent mei­nes Hono­rars für einige Telefonate über­las­sen, wenn er mir da­r­ü­ber­­hin­­aus noch den Kontakt zu den End­kunden er­schwert, der für den rei­bungs­­lo­­sen Informationsfluss im Vorfeld un­ab­dingbar ist? Wie gesagt, Dolmet­schen ist zu 80 Prozent Vorbereitung ...

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Illustration: Pracownia N22 (in Neukölln)
(*) oder Leser / Innenarchitekten / Mittlerin

Freitag, 4. September 2020

COVIDiary (147)

Was Dol­met­scher und Über­setzer umtreibt (und Dol­met­sche­rin­nen und Über­set­ze­rin­nen), können Sie hier mitlesen. Die meisten von uns sind Freiberufler. Nach ei­nem ersten Megaprogramm scheinen wir Selbständigen in Deutschland die Ver­ges­senen aller Corona-Rettungspläne zu sein.

Von Luft und Liebe und Speisewasser leben
Schon das Megaprogramm hatte erheblich Schlagseite, durften doch mit den So­fort­hil­fe­gel­dern vor allem die laufenden Be­triebs­kos­ten wie ge­werb­liche Mie­ten, Kredit- und Lea­sing­­ra­ten be­gli­chen wer­den. Während die Büros nun gerettet scheinen, dar­ben nicht wenige Menschen, die darin tätig sind, denn Hilfe zum Lebens­un­terhalt erhal­ten viele nicht.

Das Problem verschiebt sich: Wer Rücklagen fürs Alter hat, darf erst die ver­knus­pern, bevor ihm oder ihr geholfen wird. (Hier wird Altersarmut programmiert. Das Problem muss die Regierung lösen.)

Einschub: Jetzt folgt ein kleines Sherlock-Holmes-Wortspiel aus mei­ner zwei­ten Hei­mat. Der Super­detektiv belehrt oft seinen normalbegabten Weg­­be­­glei­­ter und Hausarzt, Dr. Watson, indem er sagt: Elementary, my dear Watson! "Das ist von grundlegender Bedeutung!" Franzo­sen machen daraus gerne mal ein C'est ali­men­tai­re, mon cher Watson! Auf Deutsch: "Das ist Teil der Ernäh­rung, mein lieber Watson!" Und so gehört meine Arbeit für ver­schiedene Betriebs-, Groß- und Schul­küchen seit ge­rau­mer Zeit zur ele­men­ta­ren Nahrungs­grundlage in Zeiten von Corona.

Diese Küchen reichen jetzt via Onlinedolmetschen bis in mein Büro hinein: Ge­flies­te Wände, immer mal wieder läuft jemand mit Haube und Mund­schutz durchs Bild, die Köche tragen weiße Kittel und moderne Kopfmützen. Nur der Koch der einen Betriebs­küche sitzt zuhause, denn seine Tochter hat Covid-19 von der Schule oder vom Sport nachhause gebracht.

Es geht um Saucen­herstellung, um das Binden von Saucen und wie diese im Falle des Vor­kochens vielleicht sogar den Tiefkühl­prozess überstehen. Hier wird nach den richtigen Zutaten gesucht. Denn die Klebe­bindung von normaler Stärke aus Getreidemehl wird von den Säuren und Enzymen, die in der Zube­reitung enthalten sind, nach einigen Tagen zersetzt.

Trikolore in der Großküche (Energiezentrale)
Daher werden in verschie­de­nen Küchen dazu Alter­na­ti­ven ausprobiert, und Fran­zo­sen und Deutsche tau­schen sich unter­ein­ander aus. Am Ende überlegen wir einen Termin für die Nach­be­spre­chung.

Der Koch in Quarantäne meint, das ginge für ihn lei­der erst wieder in einigen Wochen. Als ich ihn frage, ob sein Home­office nicht auch eine Home­kü­che habe, lacht er schallend und meint, dass es beim Kochen im­mer auch um Mengen gehe.

Und ich dachte immer, Groß­küchen würden alles nur "skalieren", einfach die Grö­ßen­ord­nung ändern. Kochen ist ein faszi­nierender und auch ein etwas geheim­nis­um­witterterer Prozess. Ich habe mich nie gefragt, ob ich bei der Soßen­her­stel­lung eine (heiße) Ein­brenne oder Mehl­schwitze (le roux) mit kaltem oder heißem Fond ablösche. (Kalt wird hier empfohlen. Immer über Kreuz: Ist der Fond heiß, sollte die Mehl­schwitze abgekühlt sein). Soßen lassen sich auch anders bin­den (lier). Eine Soße mit etwas Stärke und Flüssigkeit anbinden, lier une sauce avec un peu d'ami­don et de liquide, heißt auf Französisch travailler à blanc, weiß arbeiten.

Das kam vor meiner Zeit an die Tür
Die Körnung einer Mehl­bin­dung, la gra­nu­lo­mé­trie, hängt wie der Ge­schmack auch vom Kochvorgang ab. Mehl muss immer ein wenig mitkochen, damit es auf­ge­spal­tet wird und sich mit anderen So­ßen­be­stand­tei­len verbindet. Das klingt nach Chemielabor. Nach dem Ein­satz schnappe ich mir in der Küche mein Lieb­lings­koch­buch.

Das ist der Kochbrevier* des Küchenchemieerklärers Hervé This (in Deutschland als Hervé This-Benckhard bekannt), in dem so kuriose Hinweise stehen wie der da: "Flößen Sie zunächst dem Fasan ein Glas Schnaps ein."

Vokabeln
eine Soße andicken — épaissir une sauce 
glutenfreies Maismehl — fleur de maïs sans gluten
Kartoffelstärke — fécule
Wir können beobachten, wie die Soße zerfällt. — On peut oberserver la dissocation de la sauce.
Stärke — amidon
ausgeprägte ↔ leichte Verdickung — épaississement léger ↔ notable de la sauce
Fette setzen sich ab — les graisses se délient
Klümpchenbildung ist zu vermeiden — on évitera les grumeaux
Suppengemüse — bouquet garni (Parallelbegriff: la garniture) 

Als ich beim Dolmetschen mal kurz das Wort "Schöpfgerichte" nachschlagen will, wer­den mir "Schöffengerichte" angeboten oder tribunaux de la créativité, Ge­rich­te, in denen über die Kreativität Recht gesprochen wird. Na klar ... Also erkläre ich: ein mit einem Schöpflöffel serviertes Gericht ist ein plat, servi à la louche, auf Englisch bowl food.

Nebenbei gelernt: Köche können am Geschmack erkennen, ob es sich bei einer Soße um eine weiße oder eine braune Soße handelt. Es sind eben doch Zauberer, c'est élémentaire, Watson!

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Fotos: C.E.
(*) Rätsel und Geheimnisse der Kochkunst: natur-
wissenschaftlich erklärt,  München / Zürich 2014

Donnerstag, 3. September 2020

COVIDiary (146)

Gu­ten Tag & hello auf mei­nen Blog­seiten. Ich ar­bei­te seit 2005 in Pa­ris und Ber­lin als Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin, früher auch oft als Über­set­ze­rin. (Für die bes­se­re Un­­ter­schei­dung der Begriffe: siehe oben.) Heute wieder: Sprachschatz!

Dass das Home Office im Vereinigten Königreich von England unserem In­nen­mi­nis­te­rium entspricht, habe ich hier im Frühjahr schon mal geschrieben.

Neuerdings kursiert in Deutschland auch "HO" als Abkürzung fürs Heimbüro "Home­office", al­ler­dings habe ich das nur von jüngeren Menschen gehört. Lustig, diese vielen Schich­ten von Kürzeln, die das Leben da so auf­ein­an­der­packt. Als DDR-Kennerin lese ich HO natürlich als "Handelsorganisation", HO hie­ßen dort viele Lebensmittelläden, während für meinen Vater, den lang­jäh­ri­gen Cheflektor dieses Blogs, als kleiner Junge seine geliebte Spiel­zeug­ei­sen­bahn so ähnlich aussah, H0, ge­spro­chen: Ha-Null, das bezeichnet die Spurweite.

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Foto: wird nachgereicht

Dienstag, 1. September 2020

COVIDiary (145)

Bon­jour, gu­ten Tag & hel­lo auf den Sei­ten des ers­ten deut­schen Dol­met­scher­blogs aus dem Inneren der Dol­metscherkabine. Gerade schreibe ich vom Büro aus, das seuchenbedingt brachliegt. So persönlich wie dieses Jahr war dieser Blog noch nie. Durch Corona verändert sich auch mein Radius.

Blumen im Bleiglaserkerfenster
Gesehen in Luxemburg
Es klingelt an der Tür. Mein Büro hat kei­nen Pub­li­kums­verkehr, außer Kolleginnen vielleicht, die zum Lernen, Tex­te­tau­schen oder auch zum Fern­dol­metschen kom­men, denn wir arbeiten ja neuer­dings immer öf­ter von anderen Orten aus als jenen, an denen die Kunden sitzen.

Vor der Tür steht Claude, ein junger Fa­mi­lien­vater, der Doku­mente übersetzt haben möchte. Das mache ich nicht. Der Staat hat vor einigen Jahren bei seiner Gebüh­ren­­ta­belle die obersten Ho­no­rar­sät­ze weg­ge­schnit­­ten, die Stun­densätze ent­spre­chen nicht immer dem Auf­wand. In die­sem Kon­text haben viele Kollegen ihre Beglau­bi­gungs­stempel zurückgegeben.
 
Die Dokumente hat er trotzdem vor mir foto­grafiert, ich hatte sie in der Hand, ha­be sie gegen das Licht gehalten, sieht alles nach Originalen aus. Jetzt bekommt eine Kol­legin den Kunden zugeschickt. So hat die Begutachtung statt­ge­funden und sie kann von einem anderen Ort aus die Über­setzung machen.
 
Vor dem Haus ist Wochenmarkt. Ein Trom­peter pustet nicht immer die richtigen Töne in die Luft, versucht sich an Jazz und an Pippi Langstrumpf, "... ich mach mir die Welt, ... wie sie mir gefällt!" (Leider muss ich jetzt an eine frühere SPD-Vor­sitzende denken und auch an eine De­mons­trantin, die am Samstag in der Ber­li­ner Stadt­mit­te Frem­de ab­ge­knutscht hat.)

Vor Corona habe ich Respekt und ja, ich kannte Menschen, die daran gestorben sind und ja, es könnte sein, dass ich es im Januar hatte, einen derart bö­sen Hus­ten hatte ich noch nie wie "damals", als drei Wo­chen lang ein Baby­ele­fant auf mei­nem Brust­korb gewohnt hat. Abstand­halten ist inzwischen Alltag geworden. Neu­lich habe ich von über­großer Nähe geträumt und war er­schrocken. Aber rich­tige Coro­na­alpträume wie am An­fang habe ich nicht mehr.

Heute schreibe ich eine etwas detaillier­tere Be­schreibung zu Fern­dol­metschen für die Kunden, die meiner Bitte nach Headsets und dem An- und Ausschalten von Mi­kro­fo­nen einmal nachkamen, es beim nächsten Mal aber schon wieder vergessen hatten. Diese Menschen bekommen jetzt Gründe erzählt! Außerdem lese ich die Power­Point­Präsentation einer Kol­le­gin zum Fern­dolmetschen gegen.

Neue Anfragen lassen auf sich warten, aber es wird kommen. In der Zwi­schen­zeit zum Auf­fri­schen wieder aus dem Aktenregal gezogen: Empower­ment von Frau­en im ländlichen Raum des globalen Südens. Außerdem trage ich nach: Vo­ka­bu­lar in Sa­chen Neu­bau­planung, mein Kurz­ein­satz von gestern, darunter Begriffe wie Re­vi­sions­schacht, Mehrschicht­ver­bund­rohr, Kondensat­ab­lauf, Werk­planung, Au­ßen­wand­schornstein.
 
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Foto:
C.E.

Montag, 31. August 2020

COVIDiary (144)

Wie Dol­met­scher ar­bei­ten, können Sie hier mitlesen, denn hier bloggt eine Kon­fe­renz­dol­met­scherin. Mein Arbeits­platz ist zu 80 Prozent das eigene Büro oder die Bibliothek. Als Dienst­reisende entdecke ich außerhalb der Kon­fe­renz­kabine re­gel­mä­ßig andere Arbeitsorte. Bereits vor Jahren haben wir als Team zu Themen wie die Veränderung der Arbeitswelt gearbeitet. 

Schwarz-weiß-Büro mit Regalen, Tischen, Büromenschen
Büro à l'ancienne
Bei uns um die Ecke, im eins­ti­gen Umspannwerk Paul-Lin­cke-Ufer, wer­den Um­zugs­­kis­ten gepackt. Dort zieht das ur­sprüng­lich fran­zö­sische Un­ter­neh­men Payfit haus­in­tern um. Es setzt sich um et­was mehr als die Hälfte kleiner.

Die Firma ist nicht etwa ge­schrumpft, nein, ih­re Mitar­bei­te­rin­nen und -ar­bei­ter sind nur nicht stän­dig im Büro.

Der Dienst­leister im Bereich Lohn­buch­haltung ist Vorreiter in flexiblem Arbeiten und nennt das "Work from any­where". Die Berliner Zeitung (Link) zitiert die Per­so­nal­che­fin des Unternehmens: "Jeder und jede soll dort arbeiten können, wo er oder sie sich am produk­tivsten fühlt und wie es zum jeweiligen Lebensstil am besten passt". Der Artikel berichtet weiter, dass der Berliner Büro­mietmarkt zwischen April und Juni um knapp die Hälfte ein­ge­brochen sei.

Das hängt mit Corona zusammen, aber auch mit Verän­derungen in der Bü­ro­ar­beits­­welt, die wir schon lange beobachten. Die Zeitung gibt die Erwartung von Fach­leu­ten wieder, dass in Berlin bald sechs Millionen Quadratmeter Bürofläche unge­nutzt rumstehen würden, ein Drittel der bislang genutzten Räume.

Jahrzehntelang wurden Arbeitsplätze wie Fabrikhallen geplant, wenig ener­gie­ef­fi­zien­te Kuben mit viel Kunst­licht und schnurgeraden Wegen, in denen mitunter Pflanzen eine Ahnung vom wilden, ungezügelten, nicht rechtwinklig normierten Le­ben ver­mittelt haben, das damals draußen mut­maßlich stattfand.

"Damals", also bis zum Januar, sind auch viele noch für einen halbstün­digen Termin quer durch die Republik geflogen oder von Land zu Land, wir Dolmet­scherinnen kön­nen das bezeugen. Die Kurztermine fehlen heute manchmal, das Arbeitsleben im Groß­raumbüro nicht. Ich spreche aus Erfahrung, ein halbes Jahr habe ich vor langem in ei­nem solchen gesessen. Das war einerseits gut, denn ich war stets bestens informiert, was wichtig war für mich als künstlerische Leiterin eines Filmfestivals. Allerdings hat es mich bei Tätigkeiten wie Schreiben, Lektorieren und Lesen gestört und brachte viele Über­stunden mit sich.

Im Lockdown haben viele Menschen am Küchen- oder Wohnzimmertisch ge­ar­beitet. Sie sparten täglich viele Stunden Reisezeit in Bussen, Bahnen und im Auto. Es gab weniger Verkehrs­unfälle und bessere Luft (Link zum Deutschlandfunk). Un­ter­su­chun­gen ergaben, dass die Betreffenden in vielen Ländern im Schnitt eine gute Drei­vier­tel­stun­de länger gearbeitet haben als im Büro (Link zur Washington Post). Die Qualität der Arbeit und wie stark vielleicht der Nachwuchs den Störfaktor "Kollege" ersetzt hat, wurden nicht erhoben.

Eins ist klar: Viele Menschen wünschen sich fortan eine Hybridisierung der Ar­beits­welt. Sie möchten einige Tage die Woche zuhause arbeiten (Gottseidank, die Kids sind wieder in der Schule!), andere fürchten An­steckungen und einen erneuten Lock­down (Haben Lehrer und Bildungsplaner effizient an Entwicklung digitaler Lehr­for­mate gearbeitet und auch die Kinder aus bildungsfernen Schichten mit Technik ausgestattet?), nahezu alle finden Abwechs­lung gut, denn der informelle Austausch von Kol­legen ist auch wichtig (Wir Menschen sind soziale Wesen, zum Glück kann nicht alles optimiert werden).

Bei einem meiner Nachbarn wurde "mobiles Arbeiten" ausgerufen, damit der Ar­beit­ge­ber keinen zweiten Rechner und keinen rücken­freund­lichen Bürostuhl fürs Heimbüro zahlen muss, die andere Nach­barin ist nun komplett im eigenen Ar­beits­raum, nicht mehr im Büro, und stellt fest, dass sie ihre Arbeit in der halben Zeit schafft. Was ihr fehlt ist Platz, eine Tür, die sie zumachen kann, wenn sie die Arbeit hinter sich lassen will.

Auf den einschlägigen Kongressen und Dele­gations­reisen wurde schon vor Jah­ren damit gerechnet, dass sich diese Verän­derungen auch auf den Städtebau auswirken werden. Kurz: Wir brauchen wieder größere Woh­nungen, die zugleich bezahlbar sein müssen, und wir brauchen weniger Büroflächen. Außerdem werden künftig Büroim­mobilien nachhaltiger gebaut werden müssen, sie werden Wohnräumen ähneln, denn sie sind Lebens­orte mit flexiblen Arbeits­plätzen, Teams können sich in wechselnden Bereichen zusam­menfinden, daneben gibt es Stillar­beitsräume und mittendrin das eine oder andere alte Büro "wie früher".

Hermes und Schreibtisch (ca. 1900)
Auf den meisten Flächen wird die Nutzung wird alles andere als statisch sein; Co-Working-Spaces waren schon lang ein Hin­weis auf diesen Trend.
Was werden wir künftig mit den starren Bürobau­ten aus Glas, Beton und Stahl ma­chen? Vor allem in Zeiten, in denen Wohn­raum fehlt ... allerdings werden sie nur schwer in ech­te Le­bens­räume alias Wohn­­räume um­zu­bau­en sein.

Auch auf unser Dolmet­scherinnenleben wird sich das auswirken. Mehr als jedes zwei­te Unterneh­men plant Umfragen zufolge, stärker auf Online­konferenzen zu set­zen und Dienstreisen zu reduzieren. Die Sitzungen werden kürzer, auch die For­ma­te hybrider, seminarartiger. Die Dolmetschwelt richtet sich lang­sam darauf ein.

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Foto: C.E. (eigenes Fotoarchiv)

Sonntag, 30. August 2020

COVIDiary (138)

Herzlich willkommen! Hier be­rich­te ich seit 2007 aus mei­nem Berufs­leben als frei­be­ruf­liche Kon­fe­renz­dol­met­scherin für die franzö­sische Sprache. Der Coronavirus hat nicht nur die Konferenzbranche, sondern auch viele Künstle­rin­nen und Künst­ler hart getroffen.

Dem Kulturförderbericht 2011 des Berliner Senats zufolge leben in der Stadt 6.000 bildende Künstler. Zwischen Havel, Spree, Panke und Land­wehrkanal gibt es 200 Museen und Ausstellungshäuser sowie 400 Galerien und 27 Bühnen — Theater, Oper und Ballett — mit vielen darstel­lenden Künstlerinnen und Künstlern. Die Statistik spricht von etwa 1000 Profi­tän­zerinnen und Choreo­grafen, von denen einige im festen Engage­­ment sind.

Kultur ist ein Wirtschaftsfaktor der Stadt und macht sie attraktiv für Touristen. 

Straßenkunst: Köpfe, die schreien und sich die Hand vor den Mund halten
Die Vielen der Kunst
300 freie Theater­gruppen ha­ben daran ihren An­teil, zu­dem meh­rere hundert freie Darsteller/innen, Bühnen- und Kostümbildner/innen.

Die Stadt fördert sieben Or­chester, die per annum etwa 500.000 Menschen in ihre Aufführungen ziehen. Diese Musiker/innen der gro­ßen Orchester sind fest­an­ge­stellt, viele andere sind es nicht.

Die Musikbranche zählt weiter 500 Firmen, die Musik produzieren, aufnehmen und vermarkten. Neun Millionen Besu­cherinnen und Besucher zählen die öffent­lichen Biblio­thken und Archive, zu deren Bestand 400 Verlage beitragen. Autorinnen und Autoren, literarische Über­setzerinnen und Übersetzer (hier auch Untertitlerinnen und -titler, Dreh­buch­über­set­zerinnen und -übersetzer), Drehbuch­autorinnen und -autoren, Filmregisseurinnen und -regisseure sind ungezählt. Als Zahl fand ich nur, dass es in Berlin weiterhin an die 100 Kinos gibt.

Für diese Kreativen hat der Senat jetzt ein Stipendien-Sonderprogramm aufgelegt. Wer in diesen Bereichen als Einzel­person kreativ oder kura­tierend tätig ist, darf sich um eines der 2.000 Stipendien bewerben. Ausge­lobt werden jeweils ingesamt 9.000 Euro, die über den Zeitraum von einem halben Jahr ausgezahlt werden.

Nicht auf dem Schirm hatte ich in der obigen Liste Illustra­toren, Comiczeichner, Perfor­mance­künstlerinnen und Künstler, Puppenspie­lerinnen und -spieler, Fo­to­gra­fin­nen und Fotografen, um nur eine kleine Aus­wahl wiederzugeben.

Ich schätze mal, dass es unter dem Strich gut und gerne 100.000 Menschen sind. Oder doch 200.000? Ganz großartig! Nein, kein Auf­schrei und auch keine Kritik. Ich könnte auch iro­nisch antworten: Die Gewinn­quote ist ja deutlich besser als beim Lotto­spiel!

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Foto: C.E. (gesehen in Kreuzberg)

COVIDiary (137)

Bon­jour, gu­ten Tag & hel­lo auf den Sei­ten des ers­ten deut­schen Dol­met­scher­blogs aus dem Inneren der Dol­metscherkabine. Sprachen zu beobachten ist eine der Grundlagen unserer Arbeit.

Wie sich das Hinterland eines Wortes verändert, können wir gerade am Beispiel des Wortes "querdenken" beobachten. Als "Querdenker" bezeichnen sich die Herr­schaf­ten, die dieses Wochenende in Berlin "gegen Corona" demonstrieren.

Ich mochte das Wort immer. Jetzt nicht mehr. 

Wandkritzelei: "Wirr ist das Volk!"
Gesehen in Kreuzberg
Querbeet sich durch Themen zu lesen, ist eine Spezialität aufgeweckter Zeitgenossen. Etwas gegen den Strich zu bürsten, von der Seite her zu betrachten, von Zeit zu Zeit einen größeren Pers­pek­tiv­wech­sel vor­zu­neh­men ist sehr wichtig, um sich selbst von etwas ein umfas­sendes Bild zu machen. Auf Eng­lisch heißt es get the big picture, das große Bild bekom­men.

Wir Dolmet­sche­rinnen machen das regelmäßig, wir klopfen die Themen, zu denen wir arbeiten, auf Widersprüche, weitere Begriffe und angrenzende Theorien ab. Wir werden es weiterhin machen, nur eben anders nennen.

Denn jetzt sind es diese Menschen, die den Begriff okkupieren, die querschießen mit kruden Theorien und mangeln­der Solidarität, denen Fähigkeiten zwischen Abs­trak­tions­ver­mögen, Empathie und Zuversicht auf bedauerliche Weise ab­han­den­gekommen zu sein scheinen, die Quer­köpfe sind im Sinn von Wirrköpfe.

Das Wort "Querdenker" wird für längere Zeit verbrannt sein.

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Foto: C.E.

COVIDiary (136)

Hier bloggt seit Feb­ruar 2007 eine Dol­met­scherin. Ich ar­beite mit den Spra­chen Fran­zö­sisch und Eng­lisch. Hier meine Sonntagsbilder aus Berlin-Neukölln.

Reine versus unreine Seite
So ein licht­ar­mer Ber­li­ner Spät­som­mer­sonn­tag mit an­gekün­digtem Regen kann sehr ereig­nisarm ver­­lau­fen und das ist klas­se so! Vor allem nach einer er­eig­nis­rei­chen Reise, nach knapp 2200 Ki­lo­me­tern mit drei un­ter­schied­li­chen Ho­tel­bet­ten und vier Profi­küchen und vier langen Ta­gen.
Meine Alter­na­tive dazu lautet Kiezbummel.

Von François Rossier (Neukölln)
So fo­to­gra­fie­re ich erst ein Schild auf dem Floh­markt, das wie ein Echo auf die von uns besich­tigten Großküchen wirkt, wo es "Weißbereich" und "Schwarz­be­reich" gibt, zone souillée und zone propre; dann eine Lampe, die aussieht wie meine aus dem Badezimmer (die ich verkaufen möchte), hier als Kopflicht im Up­cy­cling­la­den; last but not least etwas Kü­chen­ge­rät­schaften für den eigenen Koch­bereich er­worben bei ei­ner Ge­schäfts­auf­lö­sung (nicht we­gen Co­ro­na); jetzt habe ich eigene GN-Behälter (bacs gastro) für den ei­ge­nen Lie­fer­ser­vice zum Film­ver­leih­büro des nächsten Mit­men­schen, sowie ein Nu­del­sieb für die Spül­uten­si­lien.

Kurz kommt sogar die Sonne durch
Dann lesen, zwischendurch Haus­halt und dabei "Mil­le­nium 3" hören (France Cul­tu­re) abends Heim­kino. Meine Em­pfeh­lungen: Lee Miller, die Fo­to­gra­fin, die sich in Hitlers Badewanne selbst auf­ge­nom­men hat sowie die Re­por­ta­ge In­ter­net.Macht.Zu­kunft — Wie die Ver­net­zung die Mo­bi­li­tät revolutioniert.
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Fotos: C.E. (Mitte: upcycling.mobi)

Donnerstag, 27. August 2020

COVIDiary (140)

Bon­jour, gu­ten Tag & hel­lo auf dem ersten Dolmetschweblog Deutschlands. Gerade schreibe ich von einer Dienst­rei­se aus, der ersten in diesem Jahr. Heute ist coronabedingt auch erst mein zehn­ter Hono­rar­tag dieses Jahres. Norma­ler­weise wäre der im Februar dran­ge­wesen. 
 
Aus einem alten Französischlehrbuch
Zwei Bildnachträge zur Reise, eine Fundsache aus einem alten Lehrwerk, sowie Col­mar. Zum Glück ist mit dem Auto nichts passiert. Hurtig geht's weiter zur nächsten Werksküche. Das Vokabular geht mir flott von der Zunge, in dieser Branche dol­metsche ich jetzt im zwei­ten Jahr. Am Ende der Reise werde ich meine Groß­küchen sechs bis neun besichtigt ha­ben.

Colmar: Buntblatt mit Blumen
Mein Job ist es, den Informa­tionsfluss in beide Richtungen sicher­zu­stellen. Hier treffen Men­schen aus ein- und derselben Branche auf­ein­an­der, die ich ein wenig auf­ein­an­der­zu­mo­de­riere mit meiner Arbeit. Die Chemie muss stimmen, on trouve et on cherche des atomes crochus, um die sich an­bah­nen­de Zusammen­arbeit zu erleichtern.
Dabei geht es immer auch um allge­meine Dinge, wich­tig sind auch die in Frankreich wichtigen Es­sens­pau­sen. Ich flechte Erläuterungen ein, spiele ver­ba­les Pingpong, lasse meine Arbeit federleicht wirken. Am Ende solcher Tage weiß ich nie, was ich gegessen habe. Nicht einmal, ob. Oft nehme ich später eine Extramahlzeit ein.

Überall Hinweisschilder
Beim Stadtbummel fällt mir auf, dass hier viele Menschen auch auf der Straße Masken tragen. Auch in den Ge­schäf­ten und im städtischen Um­feld gibt es viel mehr Hin­wei­se als in Berlin, ge­druck­te, in Plas­tik einge­schweiß­te Hin­wei­se, die wie für die Ewig­­keit ge­macht wirken.
Widersprüchlich wirkt: hier tragen alle Pa­pier­mas­ken.


Sie fallen wie Herbstlaub
In Frankreich dominiert die meist in China ge­fer­tig­te sehr luftige Chirurgenmaske, die kurzlebig ist und jetzt häu­fig als Müll auf der Straße zu sehen sind. In Deutsch­land tragen mehr Men­schen handgenähte Alltagsmasken.

Dabei hat Frank­reich schon vor langer Zeit mit die besten Nähan­leitungen veröffent­licht (Link zur AFNOR hier). Meine vier­la­gi­gen, sichersten Mas­ken stammen von einer Freun­­din, die sonst in der Co­mé­die Fran­çaise Kos­tü­me gestaltet.

Am Abend geht es weiter nach Luxemburg.

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Fotos: C.E.

Mittwoch, 26. August 2020

COVIDiary (139)

Buntes Schild
Essenspause im Kurpark
Herzlich willkommen! Hier be­rich­te ich seit 2007 aus mei­nem Berufs­leben als frei­be­ruf­liche Kon­fe­renz­dol­met­scherin für die franzö­sische Sprache. Diese Woche bin ich auf Dienstreise. 

Aus dem Zug steige ich um in ein Auto. So ein Jahreswagen mit Fahrassistenzsystem ist leicht ge­wöh­nungs­be­dürf­tig, der Stil meines Chauffeurs auch. Ab und zu erinnere ich mich daran, dass sich einst meine kleine Oma bei 100 Stun­den­ki­lo­me­tern immer ziemlich krampfhaft am Griff in der Wagentür festgehalten hat. Ich darf grinsen und lasse locker.


Zwei Männer vor Bauplan
Baustellenbegehung (eigentlich zu nah, die Herren)
Der Fahrer hat Kinder, er wird uns schon nicht ins Abseits kutschieren.

Vier Tage werden wir nun eine "Atemluftgemeinschaft" bilden. Wir hatten uns vorab gesagt, dass wir jeweils ziem­lich zurückhaltend sind mit Kontakten. Auch hier hof­fe ich das Beste. Und stelle mir vor, ich führe in den Urlaub.


Colmar: Eine Häuserzeile in der Spielgelung
Wasserspiele und gelbes Laub
Fernsehbild
Abendnachrichten
Kleine Essenspausen genieße ich sehr. Der Auto­fah­rer erweist sich als gewitzter, lebens­kluger Zeit­genosse. Langweilig wird es uns jedenfalls nicht.
Nach einem Baustel­len­besuch im Hessi­schen geht's rüber nach Frankreich, in Colmar dann ins Hotel. Ich entdecke das Örtchen und bin be­geis­tert, nicht nur von der interessanten Bepflanzung der stadt­ei­ge­nen Blumen­tröge. Abends im Hotel dann Fern­seh­nach­­rich­­ten. Wichtiges Thema: Bekommen die Schüler kostenlose Masken, wenn in einer Woche, am 1. September, traditions­ge­mäß die Schulen wieder aufmachen?

Wie immer sind die ersten drei, vier Themen der Sen­dung frank­reich­be­zogen, dann kommen erst die Welt­nach­rich­ten. Ich sehe News noch immer so wie die, zu der ich mal ausgebildet wurde: Als Journalistin, die eigentlich Aus­lands­kor­res­pon­den­tin wer­den wollte. Entspre­chend darf ich mei­nem  Rei­­se­­ge­­fähr­­ten abends französische Besonderheiten erläutern.

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Fotos: C.E.

Dienstag, 25. August 2020

COVIDiary (138)

Bon­jour, gu­ten Tag & hel­lo auf den Sei­ten des ers­ten deut­schen Dol­met­scher­blogs aus dem Inneren der Dol­metscherkabine. Corona hat uns monatelang im Büro fest­ge­setzt. Diese Woche darf ich endlich mal wieder reisen.

Beim Groß­un­ter­nehmen "Die Bahn" (im Verbund mit anderen europäischen Bahnen) scheint die Kunde von Covid-19 noch nicht an­ge­kom­men zu sein.

Zeitschrift "Meridian"
Lektüre der ersten Klasse
Wer 1. Klasse reist, bekommt mehr oder weniger automatisch einen reservierten Sitzplatz verpasst. In meinem Su­per­früh­zug Richtung Süden hocken die Menschen brav eng auf eng auf den vor­ge­ge­be­nen Plätzen und füllen so das erste Fünf­tel oder Sechs­tel des Groß­raum­wa­gens. Ich lasse meine Reser­vierung Reservierung sein und setze mich in den nahezu leeren Teil. Dort reist mit mir am Ende noch eine Person.
Nach dem Hände­­waschen laufe ich aus Versehen in die falsche Rich­tung und stol­pe­re in ein leeres Groß­raum­ab­teil. Es bleibt nicht lange leer: We­ni­ge Minuten später sitze ich mit­ten drin und be­wun­de­re den Son­nen­auf­gang. Und nur ich.

Eine Freundin sendet mir einen Link zum Sommer aus den "Vier Jahreszeiten" von Vi­val­di, eingespielt von der Ne­der­land­se Bach­ver­eniging. Ich drehe die Musik auf, höre auf dem Computer für die maximale Laut­stärke. Leider lassen sich bei den Zügen die Fenster nicht mehr öffnen, etwas Fahrt­wind und Geräusche von draußen wären jetzt toll. Die zarten Farben der vor­bei­fliegenden Landschaft entschädigen mich. (Und der Zug fährt eigentlich auch zu schnell.)

Kommt die Schaffnerin rein, sagt, ich müsse leiser stellen. Unfassbar. Ich: "Wenn jemand reinkommt, mache ich es sofort aus!" Sie: "Das stört!" Ich: "Wen stört das? Sie? Aber Sie sind ja hier gleich wieder raus!" Sie: "Wenn jemand reinkommt, ma­chen Sie es sofort aus!"

Moment. Was für Probleme mit dem Zuhören hat die Dame? Ich höre weiter meine Musik, allein mit Vivaldi im modernen Großraumwagen, und lese später etwas über 100 Jahre Spejbl und Hurvinek, die Marionettenhelden meiner Kindheit. Auch das ist Leben in Zeiten des Coronavirus.



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Foto: C.E.

Montag, 24. August 2020

COVIDiary (137)

Gu­ten Tag & hello auf mei­nen Blog­seiten. Ich ar­bei­te seit 2005 in Pa­ris und Ber­lin als Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin, früher auch oft als Über­set­ze­rin. (Für die bes­se­re Un­­ter­schei­dung der Begriffe: siehe oben.) Derzeit schreibe ich coronabedingt vom Büro aus. In dieser Woche scheint das alte Leben zurückzukehren.

Packtaschen aus "Fliegerseide"
2020 sind die Aufträge rar. Jetzt ballt es sich: Die be­zahl­ten Arbeits­tage zehn, elf und zwölf stehen an. Ich dolmet­sche normalerweise für For­schungs­gruppen, das Aus­wärtige Amt und andere Ministe­rien und Bot­schaften sowie Medien und Festivals — und für die Industrie.
Es geht er­neut um ei­nen Groß­kü­chen­neu­bau.

Ein großes Täschchen mit Schmuck, Döschen für Cremes, Ohropax, Täschchen für Kopfhörer, Nageletui, Schlafmaske
Schmuck, Cremes, Kopfhörer, Nageletui
Wie können wir in Co­ro­na­zei­ten am sichers­ten reisen? Im Auto!  Ich war in letzter Zeit oft in Fa­mi­lien­sa­chen mit vier Rädern unter­wegs. Zu­nächst neh­me ich aber den Zug, fah­re 1. Klas­se, weil dort nie­mand eng auf eng sitzt. Erst geht's zum Treff­punkt au­ßer­halb Ber­lins, dann weiter in einem Auto auf Stu­dien­reise nach Frank­reich. Ich reise ab jetzt jetzt mit Chauf­feur.

Fächer, Schlafmasken und Ohropax auch fürs Handgepäck
Kofferpacken für eine Dienst­reise: Lange war das nicht nötig, end­lich darf ich das mal wieder machen. Es geht mir flott von der Hand. Ich packe leichtes Gepäck, habe meine vorgepackten Rei­se­etuis mit kleinen Ge­fäß­chen im Kul­tur­beu­tel, das Deo als kleinen Natron-, Kokos­fett- und Wachs­klum­pen (ohne Plastik­hülle drumherum), einen kleinen, hand­ge­sägten Kamm.

Kurz: Ich habe vieles miniaturisiert, leichte und praktische Kleidung ausgewählt, kreuz und quer kom­binierbar, bei Kälte­einbruch nach dem Prinzip der Zwiebel. Das Packen dauert nur 15 Minuten. Ich nutze kleine Pack­taschen, die stets mit dem Gleichen befüllt werden und die mir auch am Zielort die Orientierung leicht ma­chen.

Nur eine Flüsteranlage, einen Koffer mit Sendemikrofon und Kopfhörern wie im Foto ganz oben, nehme ich dieses Mal nicht mit. Ich werde vor Ort maximal für drei, vier Menschen gleichzeitig dolmetschen. Das geht ohne technische Ver­stär­kung. Stattdessen reise ich mit zehn Alltagsmasken. Mal sehen, was sonst noch anders sein wird.

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Fotos: C.E. (Alles Archiv, daher Überschneidungen)