Samstag, 15. Mai 2021

Ein kurzes Vorwort

Bonjour und herz­lich will­kom­men auf meinen Webs­eiten! Was Dolmetscher und Dolmetscherinnen umtreibt und beschäftigt, können Sie hier seit 2007 mitlesen. Derzeit finden allerdings coronabedingt wenig Präsenzveranstaltungen statt. Die Arbeit ändert sich.

Solidaritaet ist mehr als Haendewaschen (Plakat)
Am Maybachufer in Berlin
In Coronazeiten sind wir der­zeit nie mit vielen Kun­den im selben Raum, in Kon­gress­zen­trum oder Ta­gung­shaus oder unterwegs auf De­le­ga­tions­reise, das fällt gerade kom­plett aus. Trotz­dem sind wir wei­ter­hin für unsere Kun­den da. Wir dol­met­schen beim Stan­desa­mt oder im Kran­ken­haus, bei Werks­be­sich­ti­gun­gen, Fortbil­dun­gen und Hin­ter­grund­ge­sprä­chen.

Alles, was in kleinen Formaten mit nur wenig Gästen und unter Berücksichtigung aller Hygienevorschriften stattfindet, ist möglich. Immer öf­ter wird On­line­dol­met­schen nach­ge­fragt, konsekutiv (in Sprechpausen hinein) oder simultan. Weil diese Art der Übertragung für alle an­stren­gen­der ist, kleiner Bildschirm, gestauch­te und damit un­na­tür­liche Tonebene, Rauschen, Echos oder Zeit­ver­zö­ge­run­gen, dauern diese Einheiten meistens nicht so lang.

Wir bieten keine Bü­ro­sprech­stun­den an, haben allerdings neulich, als es ein­mal un­um­gänglich war sich zu treffen, mal eben eine Kurzbesprechung mit ex­ter­nen Gäs­ten in den Hofgarten ver­legt. Wie dem auch sei: Wir freuen uns auf Ihre An­fra­ge!

Und da wir nicht nur Spracharbeiterinnen und Spracharbeiter sind, sondern auch Menschen, die beobachten und ihre Zeit dokumentieren, in der wir leben, finden Sie auf den folgenden Seiten mein COVIDiary.

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Foto: C.E.

Sonntag, 9. Mai 2021

COVIDiary (305)

Was und wie Über­setzer und Dol­met­scher arbeiten, können Sie hier mitlesen. Die meis­ten von uns sind selb­stän­dig. Co­ro­na stellt auch un­sere Exis­tenzen auf tö­ner­ne Füße. Eine Entlastung ist die Freude über die Natur. Sonn­tags­bild!

Als es im März schon mal eine Woche warm war, hock­te ich mal wieder in Qua­ran­tä­ne. Für mich ist heute der erste warme Tag des Jahres. Allerdings strengt ein Tem­pe­ra­tur­sprung von 20 Grad binnen zwei­er Tage ziemlich an. Wet­ter­fühlig mit Mi­grä­ne bin ich leider seit mei­ner Covid-19-Er­kran­kung geworden. Ich hoffe, das ebbt lang­sam ab. Mor­gen sollen es sogar 30 Grad in Berlin wer­den!

Die gute Nach­richt: Die Mauer­seg­ler sind zurück. Oder sie wa­ren schon früher da. In Ber­lin kom­men sie sonst immer am 27. April an. Vielleicht war ihnen auch nur zu kalt, um laut auf In­sek­ten­fang zu gehen.

Frühling am Kanal
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Foto:
C.E. (Gesichter mit Photoshop verändert)

Freitag, 30. April 2021

COVIDiary (299)

Hier bloggt ei­ne Sprach­ar­bei­te­rin. Derzeit leben wir in einer Welt der Umbrüche. Zum ersten Mal dieses Jahr sitze ich wieder in einer Dolmetscherkabine bei an­ge­stamm­ten Kunden aus dem Kultur- und Bildungsbereich. 

Der Kollege kommt im Flugzeug aus Paris zum Einsatz, denn wir sind mal wieder VOR ORT. Unfassbar. Aber auch nur wir sind hier ... und der Techniker.

Interpreter out of the box

Mein Kol­le­ge merkt an, dass das Wort "Flug­zeug" ein verschwun­dener Be­griff sei, es gebe heute nur noch Flie­ger; früher al­ler­dings habe das Wort einen Men­schen be­zeich­net. Dieser Kollege, er ist nicht mehr ganz jung, lebt in Frankreich und hat schon die zwei­te Impfung erhalten. Nein, ich ver­spü­re keinen Impfneid, um das nächste Co­ro­na­wort zu erwähnen. Andere sind grö­ße­ren Gefahren aus­ge­setzt als aus­ge­rech­net ich.

Es wird ein Kurzeinsatz mit fast 50 Prozent Nach­spiel­zeit werden, denn irgend­wie will der ausge­hen­de Ton meines Postens nicht so, wie er soll. Unsere Teil­neh­merinnen und Teil­nehmer am For­schungs­tag hören zwi­schen­durch rein gar nichts.

Die vielen Zoom-Erfah­rungen hatten uns dazu verführt, die Sache auf die leichte Schulter zu nehmen. Und ja, wir hätten vorab alle Funktionen austesten müssen.

Zwischendurch bin ich al­ler­dings gut zu hören. Während der Kollege dran ist, er sitzt in der Box, suchen wir nach der Fehler­quelle. Beim Dolmet­schen mache ich die Kame­ra immer aus, über die das große Gerät verfügt, es müssen nicht alle mei­ne Wort­such­gri­massen sehen. Erst denke ich, dass wenn ich die Kamera aus­stel­le, vielleicht auch der Ton automa­tisch ausge­stellt wird; das teste ich wie­der­holt, dem ist nicht so. Schließlich vermute ich, dass die schwarze Box, an die der Kopf­­­hörer an­ge­schlos­sen wurde, einen Wackelkontakt hat. 

Als ich eine kleine Es­sens­pause einlege, schiebe ich diese Box ein Stückchen weiter nach hin­ten. An­schlie­ßend ist der Ton erneut weg. Beim ersten Feh­ler­such­durch­lauf haben wir auch alle Kabel aus- und wieder einge­steckt. Der Vormit­tag wird am Ende zu kurz sein, um den Fehler zu finden.

Zwischen­durch und um nicht zu viel Zeit ins Land streichen zu lassen, biete ich dem ein­zi­gen Kunden, der eine Verdolmetschung ins Deutsche braucht, an, ihm den Ton über das Mobiltelefon zu liefern. Gesagt, getan. Mit einem Gastzugang logge ich mich ein zwei­tes Mal ein, dieses Mal mit meinem eigenen Rechner, und setze mich an das andere Ende des Raums. (Der Techniker sucht inzwischen nach dem Fehler.) 

Der Ton ist nicht super, er kommt vom Lautsprecher des Geräts, mein eigener Kop­fhörer liegt leider im eigenen Sprachatelier. Die Redner:innen sind etwa brief­mar­kengroß zu sehen, mit Lippenablesen bei Tonstauchungen komme ich da auch nicht weit. Ich schaue kurz auf die visuellen Beispiele, höre dann wieder scharf hin, dol­met­­sche mit größerem Zeit­verzug als sonst. Am Ende bin ich glück­lich: Mein einer Dolmetschkunde ist auch der Bericht­er­statter des Morgens, und er bringt die Er­kennt­nis­­se sehr gut rüber.

In der Pause gibt es neben Butter­broten auch noch Cup cakes, die eine jugend­li­che Nachbarin gebacken hat. Thank you very much, Pearl! They were very tasty!

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Foto:
C.E.

Mittwoch, 28. April 2021

COVIDiary (298)

Im Blog aus der Welt der Spra­chen be­schrei­be ich derzeit, wie die Pan­de­mie un­se­re Arbeit verändert hat. Wir Selb­stän­digen sitzen seit 14 Monaten meistens zu­hau­se. Aus der Dol­met­scher­kü­che nehme ich auch an Kon­fe­ren­zen teil.

Neulich war ich zu Gast "bei" einer Videokon­ferenz, die sechs Stunden ge­dau­ert hat. Die Sache lief natür­lich über das Netz. Ich ken­ne die Kol­le­gin­nen und habe auf deren Bit­te hin ei­ni­ge Minuten lang den "Kabinen­sound" auf­ge­nom­men, wie er bei den Kund:innen ankommt. Wir machen das füreinander mitunter als Qua­li­täts­check. Leider war ein we­nig Ge­ra­schel dabei, das ver­meidbar ge­wesen wäre. Au­ßer­dem wa­ren im Hintergrund andere Töne zu hören, über die ich am Ende noch schreiben werde.

Alle Tassen im Schrank
Die Konferenz wurde von zwei Kollegin­nen ver­dolmetscht. Sechs Stunden ist eigent­lich zu lang angesichts der extrem an­stren­­genden digitalen Arbeit, denn der Ton ist gestaucht, ge­le­gent­lich hängt ein Da­ten­paket, was zu Artefakten wie Echos oder Verzerrungen führt; ge­le­gent­lich hat das weltweite Netz auch Schluck­auf und pro­du­ziert kurze Tonlöcher, in die einige Worte hinein verschwun­den sind. Zudem verwendet nicht jeder und jede da drau­ßen ein Headset, das Um­ge­bungs­ge­räu­sche filtert. So oft hören wir hier die ei­ge­ne Stimme als leises Echo, dort Hun­de­­ge­bell und Kinder­geschrei, oder aber den Klavier­stimmer, der sich nicht mehr ver­schie­ben ließ.

Um mit der Menge der Vorträge klar­zu­kommen, wurden etliche von ihnen im Vor­feld auf­ge­zeich­net und den Dolmetsche­rinnen zugeschickt, zusam­men mit Rede­notizen oder Ma­nus­kript. In einem Fall war ein sehr schnell gespro­chener Bei­trag vom Kunden sogar als Transkript in Auftrag gege­ben worden. Damit konnten die Kollegin­nen schon eine Woche vor der Veranstal­tung eine jeweils andere Sprachen­fassung herstellen. Sie haben die Vorträge wiederholt angehört, Notizen gemacht, vielleicht den einen oder anderen Satz ausgeschrieben und dann alles auf­ge­nom­men und den Ton geschnitten. Der Tontechniker bekam MP3-Da­te­ien zuge­sandt und hat die entsprechenden Sprachenfassungen der Vor­trags­fil­me in den Ta­ges­ab­lauf eingebaut. (Mit Audacity lassen sich die Tonaufnah­men pri­ma schnei­den, das klappt fast intuitiv.)

Das geneigte Publikum konnte übrigens sehr einfach unterscheiden, welche Bei­trä­ge spontan gedolmetscht und welche im Voraus bearbeitet worden waren, und zwar an den Hintergrundgeräuschen. Die Kolleginnen trafen sich am Konferenztag mit dem Techniker und dem Moderatorenteam in einem For­schungs­zen­trum, saßen dort in einem relativ kleinen Raum und befanden, dass die Klimaanlage, die ja in der Regel auch für fri­sche Luft sorgt, muffige Gerüche verströmt hat. Also wurde sie vom Haus­meister abgestellt, statt­dessen die Fenster sperr­an­gel­weit geöffnet.

Fritierkorb für die Spülsachen

Und nun begab es sich in diesem zweiten Coronafrühjahr, dass die heimische Vogelwelt un­ge­stört von rau­chen­den und kaf­fee­­trin­ken­den Mit­­­tags­­päus­­lern und -päusle­rin­nen auf dem Kan­ti­nen­­bal­­kon hatte brüten kön­nen. Die spontan über­tra­ge­nen Vorträge, es waren nur noch einige, sowie sämt­li­che Dis­kus­sio­nen, die aus dem For­schungs­zen­trum übertragen wurden, durchzog früh­lings­­haf­ter Hin­ter­grund­sound!

Wobe mir immer wieder einfällt, dass diese Piepmätze ja Miniflugsaurier sind. Hach, das Leben macht mit Bildung doch einfach mehr Spaß!

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Fotos: C.E.

Sonntag, 25. April 2021

COVIDiary (296)

Bon­jour & hel­lo! Seit 2007 blog­ge ich hier über das Ar­beits­le­ben der Über­set­zer und Dol­met­scher. Meine Ar­beits­spra­chen sind Fran­zö­sisch, Deutsch und Englisch. Durch Corona reise ich seit einem Jahr durch meine ei­ge­ne Wohnung. Der Sonn­tag ge­hört den pri­va­ten Sonn­tags­fo­tos.

Stillleben in der Küche

Seit einigen Wochen gibt es ein neues Wort der Co­ro­na-Pan­de­mie: mü­tend. Ich bin es müde, ich bin wütend, ich bin es aber auch müde, wütend zu sein, vor allem wegen der gras­sie­renden Dummheit. Und Bildung schützt vor Dumm­heit nicht, auch mal wieder ver­standen.

À propos verstehen: "Ein Ver­stand ist wie ein Fall­schirm: Er funktio­niert nicht, wenn er nicht offen ist." (Frank Zappa)

Während­dessen in der Küche neben dem Dolmetsch­büro: Neue Brot­sorten testen und sich erfreuen am neualten Brot­kasten. Demnächst muss auch eine neu­alte Tee­kanne her. Die Läden sind zu, Deutsch­land räumt weiter auf und stellt die drit­te und vier­te Tee­kanne als Klein­anzeige im Internet ein. Ich verbinde das mit Spaziergängen.

Klappe auf, Klappe zu.
Fast alle Bedürf­nisse lassen sich der­zeit so decken. Die Rest­nut­zungs­dauer zu verlän­gern ist über­dies eine öko­lo­gi­sche Le­bens­hal­tung. Alles liegt ir­gend­wo rum, ist schon ge­kauft wor­den, muss nur den Stand­ort wechseln.
Das gilt aber meis­tens nicht für Schnür­senkel, Schuhe und Gür­tel (Danke, A.O.!). Wie ist es mit Hosen? Die Corona­pfun­de haben dafür ge­sorgt, dass mir derzeit noch drei Stück passen.

Eine ist jetzt kaputt­ge­gan­gen. Mal sehen, ob es auch Jeans in meiner Größe in den Kleinan­zeigen gibt. Für die­sen Second-Hand-Coro­na­zeit-Handel kenne ich noch kein neues Wort. Da draußen vielleicht jemand?

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Fotos:
C.E.

Donnerstag, 22. April 2021

COVIDiary (293)

Bon­jour & hel­lo! Aus dem Ar­beits­le­ben der Über­set­zer und Dol­met­scher können Sie hier einiges erfahren. Ich arbeite mit den Sprachen Französisch, Deutsch und Englisch. In den Pan­de­mie­zei­ten ist so vie­les anders. Die einen Kun­den ver­suchen, die Preise zu drücken, die ande­ren freuen sich an meinem breiten Bil­dungs­hin­tergrund.

Gestern Abend ist Marc Ferro gestorben. Das ist ein großer Verlust. Wäre 1. nicht die Mauer gefallen und 2. ich nicht vom TV im wieder­vereinten Deutschland auf­ge­so­gen worden, erst als Redakteurin, dann im Bereich Produktion und Spra­che, er wäre einer meiner zwei Doktor­väter geworden.

Marc Ferro wusste sehr viel über Frankreich zu erzählen, und sein einzigartiger Blick auf Geschichte, bei dem er den Film der Liste historischer Quellen hin­zu­ge­fügt hat, und zwar Spielfilme in der gleichen Art und Weise wie Do­ku­men­ta­ri­sches, hat das Fach dort verändert, wo es über unsere Zeit und das letzte Jahrhundert spricht.

Dabei hat er das, was oft als "Sitten­geschichte" bezeichnet wird, den Umgang mit­ein­an­der, Wörter und ihr begriffliches Hinterland, Alltags­ge­wohnheiten, weit ver­brei­te­te Sichtweisen, kulturell Kon­no­tier­tes, ebenbürtig neben die His­to­rio­gra­phie politischer, wirtschaftlicher, militäri­scher und anderer Ereig­nisse und Ent­wick­lungen gestellt. Seine unterhaltsame, klare und auch witzige Art der Vermitt­lung ist leider in deutschen akade­mischen Welt undenkbar gewesen, weshalb ich dieses Feld, das ich als Historiker­tochter auch für mich erwogen hatte, mit mei­nem Um­zug nach Berlin schnell zum Hobby erklärt habe.

Mich hat Marc Ferro stark beeinflusst. Andere zu langweilen, sei ver­boten, sagte er mal. Wir sollten unterhalten, bilden und Vor­bild sein, so ähnlich hat er es zu­sam­men­gefasst.

France Culture hat Marc Ferro eine wunderbare Rückschau gewidmet: France Culture, Marc Ferro à voix nue.

Im Büro: Absage von heftig unterfinanzierten Untertiteln für ein Berliner Museum aus dem Feld der "kulturellen Leuchttürme", stattdessen Pflege einer aktuellen Bau­lexik. Daneben darf ich über die Fort­enwicklung meiner Küche weiterdenken. Eine mei­ner Referenzen lautet hier Marga­rete Schütte-Lihotzky. Ihr verdan­ken wir mit der "Frankfurter Küche" die Mutter aller Einbauküchen, die 2026 ihren hun­derts­ten Geburtstag feiern wird. 

Aus dem unten verlinkten Film
Schütte-Lihotzky ließ sich damals von der for­dis­ti­schen Analyse der Arbeits­ab­läufe inspirieren, außerdem hat sie Erkennt­nisse eingearbeitet wie dass Blau die ideale Kü­chen­far­be ist (weil Fliegen und anderes Geflügeltes sie nicht mögen, siehe die Dominanz dieser Farbe im südlichen Mit­tel­meer­raum).

 

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Illustration: Schütte-Lihotzky

Freitag, 16. April 2021

COVIDiary (291)

Herz­lich will­kom­men! Hier bloggt ei­ne Dol­met­sche­rin. Meine Sprachkenntnisse (Französisch, Englisch) trainiere ich täglich, auch an Tagen, an denen ich (wie in den Corona-Jahren) nur wenige Einsätze habe. 

His master's voice
Der Himmel ist wie frisch­ge­schrubbt, die Nach­barn er­kennt mein Gehör auf der Treppe am Gang, eine Nach­ba­rin links am Niesen (ich rufe "Gesundheit!" durch die Wand), die unten am Mu­sik­geschmack, und für rechts backe ich nach­her einen Ku­­chen mit.
Im 14. Monat sitze ich nun im eigenen Ar­beits­zim­mer, dol­met­sche und lerne von hier aus.

Gänge zur Bibliothek sind rar, waren zwischendurch immer wieder mög­lich. Die Selbstversorgungsquote mit Mittagessen ging durch die Decke, die Anzahl der zu Fuß zurückgelegten Kilometer bleibt hoch, nichts Neues von 3. Coronawelle aus Berlin.

Meine sechs Monate Schlappitude (auch Fatigue ge­nannt) nach der bö­sen Vi­rus­er­kran­kung habe ich letztes Jahr einigermaßen gut weggesteckt, zum Glück kenne ich den Hirn­nebel nur nach langen Dolmetsch­ein­sätzen und keinen Post-Covid-brain fog.

Dieser Tage leidet meine Stimme unter neuerdings wieder längeren Ein­sätzen. Ich ha­be in letzter Zeit viel übersetzt und die Über­setzungen dabei nicht selten dik­­tiert. Derzeit gibt es Sitzungen zu verdol­metschen, Bie­ter­ge­sprä­che, Planungs­treffen, Seminare. Ich spreche mit Kol­le­gin­nen der Berufsverbände über die Zu­kunft, mit anderen über eigene Projekte. Und Bäng!, ich bin mal wieder heiser.


Heute ist der Welttag der Stimme. Was mache ich für eine gute Stimme? Ich trinke Salbeitee mit Honig in kleinen Schlucken, den ich aus ganzen Blät­tern braue, mei­ne eigene Ernte reicht immer den halben Winter. Eine Freundin empfiehlt mir als Tee Odermen­ningkraut, das gibt es in der Apotheke, und davon einen ziemlich hochpro­zentigen Aufguss. Wichtig ist an solchen Tagen: Schweigen. Und Emser Salz lutschen, isländische Mooskraut­pastillen oder Gelo­Revoice. Mein leises Gekrächze wird dadurch besser.

Flüstern ist dabei zu vermeiden, denn darunter leiden die Stimmbänder, werden nur noch mehr strapaziert. Und was ich auch vermeide, denn es verschleimt die Stimme: Milch- und Käse­produkte, Lein­samen und Nüsse im Müsli, Fruchtsäfte.

Als Profisprecherin werde ich mir auch bald wieder eine Auffrischungsphase bei der Sprech­er­zieherin schenken, der Artiku­lation, Atmung und Stimm­band­pflege wegen. Also sobald es wieder möglich ist.

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Foto:
folgt

Donnerstag, 15. April 2021

COVIDiary (290)

Herzlich will­kom­men! Hier bloggt ei­ne Dol­met­sche­rin. Wie Konferenzdolmetscher und Übersetzer arbeiten und leben, auch die jeweiligen -innen, der Beruf ist über­wie­gend weiblich, ist hier seit 2007 re­gel­mä­ßig Thema. Au­ßer­dem denke ich über die Sprach nach. Der Corona­virus hat aus dem Arbeits­ta­ge­buch ein subjekti­ves COVIDiary gemacht. 

Pandemien und föderale Landesstrukturen passen nicht gut zusammen.

Derzeit steigen die Zahlen, von täglich 30.000 Neuinfektionen und 300 Toten sind wir nicht weit entfernt. Und worüber debattiert das Land? Über Lockerungen und Urlaubsplanung. Vor einem Jahr gab es 300 Neuinfektionen täglich und den harten Lockdown.

Auch Onlinefatigue genannt

Eine Pandemie und förderale Strukturen, die Menschen aus betroffenen Branchen auffangen sollten, (Volks-)Hochschulen, Kunst, Büh­ne, Tourismus, Mes­se- und Kon­gress­­wesen etc., war keine gute Idee, weil nach der ersten Schock­reak­tion die Entscheider anfingen zu warten, zu den Nach­barn und der Su­pra­struk­tur schielten, ob und wie diese aktiv wurden.

Dieses Warten, Beobachten und Nach-oben-Schielen haben wir jetzt im Bereich der Pandemiebekämpfung. Dazu die gesamtpolitische Lage, die Neigung vieler, sich zu profilieren: Pandemie und eine förderale Landesstruktur im Su­per­wahl­jahr passen nicht zusammen. Denn Gesundheits­politik ist aktuell Ländersache und ohne die sich reibenden Regionalfürsten nicht durch­setzbar.

Aber die Woh­nungs­po­litik muss offenbar Bundes­sache sein! (Ironie aus.) Und die Bil­dungs­po­li­tik darf es wiederum nicht. (Ironie aus.) Rück­sprung: Mit 14 Jah­ren habe ich aufgrund eines simplen inner­deut­schen Umzugs ein Schuljahr ver­loren, denn der baden-württembergische Gymnasial­direktor hat bei meinem hes­si­schen Ge­samt­schu­lzeugnis ein­fach jede Note um den Faktor eins verschoben, die Einsen wurden Zweien, die Mathe-Vier zur Mathe-Fünf und ... plötzlich fehlte "mindestens eine Eins" zum Aus­gleich. In seinen Augen war ich sitzengeblieben, er durfte das so entscheiden, weil je­des Bundesland seine eigene Bildungspolitik betreibt.

Damals waren in Baden-Württemberg Legasthenie und Dyskalkulie noch nicht be­kannt, Menschen wie ich fielen in der Regel durch die Raster. (Geblieben von den Einschrän­kungen ist fast nichts, Wörter wie Legasthenie schaue ich alle paar Mo­na­te nach, weil mir im Kopf das H immer wieder verrutscht, das ist alles.)

Andere Fächer habe ich ohne Mühen "aufgesogen", Bio zum Beispiel, und Logik hat mir auch gelegen, ich weiß, was eine exponentielle Kurve ist — und warum asia­ti­sche Länder so eindeutig sind in ihrer Seuchen­bekämpfung. Damit sind wir wie­der im Hier und Heute. Die halbherzigen Maßnahmen, die das Ganze in die Länge zie­hen, nerven nur noch.

Eine Pandemie passt nicht zu Phasen der Meinungs­bildung, der Abstimmung auf ver­schie­de­nen Ebenen, zur demokra­tischen Beschlussfassung unter Be­rück­­sich­­ti­­gung aller divergierenden Interessen. Mit der Schwerkraft verhan­deln wir ja auch nicht.

Diese Woche im französischen Radio (ich glaube am Dienstag, in der Mor­­gen­sen­dung von France Culture, kurz nach sieben): Das französische Hotel- und Gast­stät­ten­ge­werbe rechnet damit, nicht vor März 2022 wieder einigermaßen normal ar­bei­ten zu können. Als Geschäftsreisende in Sachen Sprache übertrage ich das schon beim Hören auf meine Branche. Derzeit haben wir pro Kollgen­duo hier eine, zwei Kon­fe­renz­an­frage(n) für kurze Veranstal­tungen im Quartal statt vor­co­ro­na­tisch einer bis zwei pro Woche. Online-Events kompensieren nicht im Ansatz, was weggefallen ist, was sicher auch an der Onlinefatigue liegt, die sich im Land aus­breitet.

Und in der Zwischenzeit nehmen manche Abgeordnete und Funktionsträger Vor­tei­le aus ihrer Amtsausübung wahr, die eigentlich nicht mit der Amtsaus­übung wahr­genommen werden dürfen, kassieren Geld, Stichwort Masken­affäre(n), sogar der designierte CDU-Kanzlerkandidat hat seine, oder schustern anderen Gewinne in ei­ner Art und Weise zu, die nur noch als schamlos etikettiert werden kann, was natürlich die Wut der Machtlosen, Ausge­grenzten, Berufs­un­tä­tigen und Long-Covid-Berufs­un­­fä­­hi­­gen sowie der Schwurbler aller Couleur weiter erhöht. Da braucht sich ein Cocktail zu­sam­men, der mir Sorgen bereitet.

Heute hat das Bundesverfassungsgericht den Berliner Mietendeckel gekippt. Ich darf mich da gleich einlesen (für einen Journalisten). Wir haben weiterhin Spät­win­ter­wetter, der schwächelnde Golfstrom sorgt für eine gleichbleibende Lage, was angesichts voll­laufender Intensiv­stationen zur Abwechslung mal eine gute Koinzidenz ist.

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Foto: Netzfund, leicht verändert

Donnerstag, 25. Februar 2021

COVIDiary (268)

Will­kom­men bei mei­nem Blog aus der Ar­beit­swelt. Wie wir Dol­metscher*innen und Über­set­zer*innen ar­beiten, ist oft nicht gut be­kannt. Seit die Pan­demie aus­ge­brochen ist, fin­den kaum noch Konferenzen statt (normalerweise arbeite ich mit den Sprachen Französisch und Englisch). Mir fehlen die Konferenzräume dieser Welt.  

Offene Balkontür, dahinter blauer Himmel
Vorfrühling mit ersten Blättchen
Seit vorgestern lebe ich spätestens ab der Mittagszeit mit offenen Fenstern und weit geöffneter Balkontür. Ende Februar habe ich sowas noch nicht erlebt. Und vor nicht einmal zwei Wochen waren es nachts bis zu minus 16 Grad Celsius kalt. Die Kli­ma­ka­tas­tro­phe ist nicht mehr zu über­se­hen, auch wenn ihre Ausprägungen hier derzeit eher schön ist (wie­wohl ers­chreckend).

In die Nachbarwohnung ist eine englische Muttersprachlerin mit ihrer Tochter ein­ge­zo­gen, die natürlich auch zu Hause lernt. Corona­be­dingt sind die Schu­len geschlos­sen. Leider ist die Wand zu meinem Ar­beits­zim­mer sehr dünn. Das ist OK wenn ich lese und übersetze, ich mag die bei­den sehr.

Am Abend sitze ich dort und dolmetsche konsekutiv Französisch ins Deutsche. Neben mir höre ich plötzlich Gemurmel auf Englisch. Es ist fast wie in einer echten Dolmetscherkabine. Was für eine Überraschung, der Coronavirus kann die Batterie von Dolmetscherkabinen am rückwärtigen Ende eines Konferenzraums simulieren!

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Fotos:

Mittwoch, 24. Februar 2021

COVIDiary (267)

Herzlich will­kom­men! Hier bloggt ei­ne Dol­met­sche­rin. Was Kon­fe­renz­dol­metscher und Übersetzer machen, wie sie arbeiten, wie sie leben, ist hier seit 2007 re­gel­mä­ßig Thema. Außerdem denke ich über die Sprach nach. Der Corona­virus hat aus dem Arbeits­ta­ge­buch ein subjekti­ves COVIDiary gemacht.

Der nächste Mit­mensch wieder, unbezahl­bar: Heute kom­men­tierte er meine Arbeit als "physische oder psychische Präsenz".

Wir unter­scheiden derzeit Dolmet­schen vor Ort oder Dolmetschen remote, aus der Ferne, via Inter­net, wie auch immer wir das bezeich­nen möchten.

Auf Fran­zö­sisch kennen wir solche Begrifflichkeiten aus der Bil­dung. Unter for­ma­tion à distance würde zum Beispiel ein Fernstudium fallen versus vor Ort, sur place. Die hässlichen Neologismen aus der Coronazeit dazu sind distanciel und présentiel.

Früher hieß ein Fern­stu­dium übrigens "per Post" oder "per Brief" oder sowas in der Preis­lage, études par cor­res­pon­dance, wurde dann schon in der 2. Hälfte der 1980er Jahre in études à distance umge­ändert, was ich genau weiß, da ich einige Scheine im Fern­stu­dium absolviert habe.

Phy­si­sche Prä­senz versus psychischer, recht hat der Mann. Bei den bis vor Corona üb­lichen Einsätzen war ich aus dem Haus, unter­wegs, voller Energie und Ar­beits­the­men im Kopf. Jetzt bin ich hier, voller Energie, verliere keine Kraft und Zeit mehr fürs Rei­sen und hab immer noch alle Arbeits­the­men im Kopf. Was der al­ler­nächs­te Mit­mensch jetzt mit­be­kommt. Weil es mich anders umtreibt als früher ... physische oder psychische Präsenz halt.

Schön, dass sich das Wetter in diesem Fast-schon-Früh­jahr 2021 wenigs­tens Mühe gibt. Da werde ich bald viele überschüssige Ener­gien ins Gärtnern investieren kön­nen. Oder mal wieder ans Ufer setzen und einfach nur lesen.

Lesende am Ufer, Mitte Februar (2014 und 2021)

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Fotos:
C.E.

Samstag, 23. Januar 2021

COVIDiary (251)

Im Blog aus der Welt der Spra­chen folgt heu­te der Link der Wo­che, dieses Mal ein Hinweis von meiner Kollegin Jacqueline Breuer aus Hameln. Danke, Jackie!

Ein Lob der komplexen deut­schen Mut­ter­spra­che konnten wir in der Mo­nats­mit­te in der Wochen­zei­tung DIE ZEIT lesen — und dankenswerterweise jetzt auch online: Lob der Mut­ter­spra­che. Warum wir uns nicht von der "Angli­sierung über­rol­len lassen" sollten, so der Untertitel des Beitrags, schildert Wolfram Kinzig hier eindrucksvoll an Bei­spielen seines Faches. Die letzten beiden Sätze seines Bei­trags bilden eine Art Zusam­menfassung und damit ein Plai­doyer für sprachliche Vielfalt: "Eine andere Sprache ist eine andere Welt­sicht. Wir sollten weiter­hin aus mög­lichst vielen Rich­tungen auf die Welt blicken."

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Ilustration:
DIE ZEIT

Freitag, 22. Januar 2021

COVIDiary (250)

Will­kom­men im digi­talen Arbeits­ta­ge­buch aus der Welt der Über­setzer und Dol­met­scher. Täglich arbeite ich meine Spra­chen, lese, schreibe, höre, denke auf Deutsch, Franzö­sisch und Englisch. Der Coronavirus hat mir eine Reise durch die eigene Wohnung beschert.

Salzseife etc. auf Jakobsmuscheln
37 Kilo Plastikmüll pro­du­ziert jede(r) in Deutsch­land im Jahr. Mir war das schon lange zu viel. Sehr oft kaufe ich ver­packungsfrei ein, liebe meine Märkte und die ent­spre­chen­den Ge­schäf­te. Na­tür­lich war auch das alles ursprüng­lich mal ver­packt, aber in großen Gebin­den mit Mate­rial, das erst wie­der­ver­wen­det und dann mit einer bes­se­ren Quote als die "gelbe Tonne" recycelt wird.

In Küche und Bad klappt das bei mir besonders gut, darüber habe ich hier schon 2014 berichtet. Von Jakobsmuscheln kannte ich bis vor kurzem nur das Unterteil, in meiner Muschel liegen Ringe. Die Oberteile, die ich im Novem­ber beim Trödler fand, sind ideale Seifen­halter mit Rillen "ab Werk", eine mini­male Wölbung lässt das Wasser ablaufen, auf der rauen Ober­­fläche liegen nasse Seifen rutschfest. 

Mein Shampoo ist eine Haarseife aus schwarzem Kreuz­küm­melöl von Subhany Öle, als Deo nutze ich einen Klumpen mit Natron, in Frankreich gekauft, für Hand und Körper schwöre ich gerade auf Salzseife von Maisoap, der Manu­faktur aus dem Nach­bar­bezirk Friedrichs­hain, die para­doxer­weise bei trockener Haut hilft. Ferner verwende ich kompos­tierbare Zahnseide im Glasspender, der Nachfüll­pack kommt in Papier, die gibt's im oben über den Link bereits erwähnten Unverpacktladen, der auch mini­mal Ver­packtes be­reit­hält.

Deo und Haarwaschmittel
Meine Zahnputztabletten fülle ich dort selbst im Glasfläschchen ab, Kokosöl für den Körper gibt's fertig im Glas, im Tonköcher sowie einem Lederetui in der Tasche habe ich meine handgesägten Kämme aus Horn und Holz und eine Bürste mit Holzstiftchen, das alles schont übrigens die Haare, die so weniger zu Spliss neigen.

Zero Waste heißt die Bewegung, die dahinter steht, und der Slogan dazu heißt: Lieber unperfekt starten als perfekt zu warten. Bewährt hat sich, hier erstmal mit einer oder zwei Sachen anzufangen. Auch hier kam nicht alle über Nacht und etliches kann auch ich noch verbessern.

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Fotos:
C.E.

Donnerstag, 21. Januar 2021

COVIDiary (249)

Bon­jour & hel­lo! Aus dem Ar­beits­le­ben der Über­set­zer und Dol­met­scher können Sie hier einiges erfahren. Ich arbeite mit den Sprachen Französisch, Deutsch und Englisch. Durch Corona reise ich räumlich derzeit weniger durch Deutschland und Europa, dafür durch die Zeit und die Kulturen, außerdem durch die privaten Räume. Ein Foto als Rückblick.

In Vor-Coronazeiten hätte ich diese Woche mit der Grünen Woche zu tun, au­ßer­dem würde ich mich auf die Ber­linale vorbereiten. Stattdessen gibt es in meinem Dolmetsch- und Über­setzungs­bü­ro viel Zeit fürs Selbst­studium und eigene Pro­jek­te, darunter auch kreativer Art.

Kuh, Stall, Weide und die entsprechenden Vokabeln
Viele Kühe machen Mühe
Dabei fiel mir ein Zitat von Co­luche wieder in die Hände, der in etwa gesagt haben soll: "Die Film­welt ist ab­surd. Du musst Er­folg haben, da­mit man Dir eine Chance gibt, um Er­folg zu haben." (Le milieu du cinéma est absurde. Il faut avoir du succès pour qu'on te donne une chance d'avoir du succès.) 

Mal sehen, ob ich mit mei­nen krea­ti­ven Sa­chen noch eine Chance bekomme.

Was ich machen kann und mache: Während der Pan­demie dekoriere ich die Woh­nung um, Cocoo­ning in der Coro­nazeit, also Corooning, davon hab ich ja bereits im März gesprochen. Vor Jahren hatte ich mir mal in einem Baumarkt ein Passe­par­tout für mein Kuhlexik bestellt, Größe: A4-Blatt. Der Angstellte im Laden und ich haben das Teil sorg­fältig ausgemessen. Die Bestel­lung ging los. Kam zu­rück. 

Zuhause dann die Überraschung: Der Zu­schneider hat die Ma­ße ei­gen­mäch­tig ver­än­dert, grrrrr, um einige Millimeter Platz zu lassen, damit das Blatt nirgendwo rausschaut. Ja, ich weiß, ich hätte und werde den Bogen mit säurefreiem Pa­pier­kleb­stoff ein winziges bisschen vergrößern müs­sen, aber das, genau das, hätte der Zuschneider echt meine Sorge sein lassen sollen.

Nach dem Shutdown wird das eine der ersten Sachen sein: Neubestellen und dieses Passe­partout hier nachmessen, dann beim nächsten Lernbild auf ein kleineres For­mat achten und außerdem rasch einen weiteren Rahmen nach­kaufen, solange Rah­men dieser Bau­art noch produziert werden, damit ich eine Serie hängen kann.

Was heute auf dem Schreibtisch lag: Soli-Übersetzung eines Arztbriefs, weiter mit den Ablagen, Rechnung Nr. 2 des Jahres geschrieben, Texte auf EN über die Lage der USA gelesen (Fortbildung) und eine neue Übersetzung angefangen.

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Foto:
C.E.

Mittwoch, 20. Januar 2021

COVIDiary (248)

Herzlich will­kom­men! Hier bloggt ei­ne Dol­met­sche­rin. Meine Sprachkenntnisse (Französisch, Englisch) trainiere ich täglich, auch an Tagen, an denen ich keinen Auftrag habe. Jetzt war wieder mal eine Rechnung zu schreiben.

Nette Zah­lenfolge, aber irgend­wie eine komplett ab­surde Sache, diese Rech­nungs­num­mer eins des zweiten Corona-Jah­res, und prompt auch nur über 100 Euro: ______________________________
Foto:
C.E.

COVIDiary (247)

Hier bloggt eine Spracharbeiterin. Derzeit leben wir in einer Welt der Umbrüche. Und nein, die Bits and Bytes werden uns Dolmetscherinnen und Übersetzer nicht arbeitslos machen.

Hoppla! Was einem so auffallen kann, wenn einem die Finger vom Tippen wehtun. Ich copypaste, das System bietet an:

traduction certifée conforme du francais - beglaubigte Übersetzung aus dem Englischen

traduction certifée conforme du français - beglaubigte Übersetzung aus dem Französischen
Das Spiel mit der Suche des klitzekleinen Unterschieds





 

Nein, dafür habe ich keine Erklärung parat, vielleicht mal einen Informatiker fragen. Français einmal mit Sonderzeichen, einmal ohne ... so viel zum Thema "automatische Übersetzung. Die Seite DeepL, ein Werkzeug, das in die Hände von Profis gehört, arbeitet sonst recht gut, baut aber eben immer wieder diese richtig tückischen Klopper.

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Illustrationen:
DeepL

Dienstag, 19. Januar 2021

COVIDiary (246)

Mit­ten in ei­nen Blog aus der Dol­met­scherwelt sind Sie hinein­ge­ra­ten: Bon­jour und herz­lich will­kom­men! Meine Arbeitssprachen sind Französisch, Deutsch und Eng­lisch. Ich habe Ka­pa­zitäten frei, Corona macht's möglich. Norma­ler­weise würde ich mich jetzt auf die Ber­li­na­le vor­be­rei­ten. Ach, Kino ...

Bei über­lan­gen Auto­fahrten oder Flug­reisen stellt sich bei vie­len eine Art Selbst­aufgabe ein, ein hohes Maß an Gleich­gül­tig­keit, was das Errei­chen des Ziels an­geht, denn durchs Sind-wir-bald-dahaa?-Fragen wird die Sache auch nicht schnel­ler. Also eine Form der egobe­freiten Ver­lo­renheit, des Sich-Ein­las­sens auf das Unausweichliche.

So geht es mir seit Ende Dezember 2018, als ich mich mit einer aty­pischen Virus­grippe aus der Welt zurück­ge­zo­gen und mir fast die Lunge aus dem Leib gehustet habe. So geht es uns kol­lek­tiv seit Mitte März, seit dem ersten Shutdown.

Ach, wenn nur selbstvergessenes Ignorien Dinge ungeschehen machen könnte! Das zum Beispiel: Gestern ist in Paris mit noch nicht einmal 70 Jahren der Schau­spieler und Dreh­buch­autor Jean-Pierre Bacri gestorben, der immer die Grantler gegeben hat, eine wenig glamouröse Größe des französischen Film- und Theater­schaffens, der be­son­ders Antihelden mit Tiefgang grandios verkörpert hat. "Lust auf anderes" an der Seite von Agnès Jaoui ist in Deutschland vielleicht sein bekann­tester Film. Die beiden hat ein wunderbarer Humor und eine hohe Sensibilität in der Be­ob­ach­tung von All­täglichem verbunden. Er wird fehlen.

Für Sprach­fans wie mich ist natürlich eine besondere Szene in bester Erinnerung, es geht um den Versuch, Eng­lisch zu sprechen. Die Film­wis­sen­schaft­lerin in mir sagt: Diese Szene ist eine stille Wür­digung von Truf­fauts "Sie küssten und sie schlu­gen ihn" (Les 400 coups), ich sage nur Schule, Lehrer und Where is the father?


 

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Filme:
Le goût des autres (Bacri/Jaoui),
Les 400 coups (Truffaut)

Montag, 18. Januar 2021

COVIDiary (245)

Herzlich will­kom­men! Hier bloggt ei­ne Dol­met­sche­rin. Was Konferenzdolmetscher und Übersetzer machen, wie sie arbeiten, wie sie leben, ist hier seit 2007 re­gel­mä­ßig Thema. Außerdem denke ich über die Sprach nach. Der Corona­virus hat aus dem Arbeits­ta­ge­buch ein subjekti­ves COVIDiary gemacht.

Blaue Stunde in Kreuzberg

Heute könnte der "Blaue Montag" sein. Der Begriff heißt auf Englisch Blue Monday und gilt als der deprimierendste Tag des Jahres.

Begriff und Datumswahl gehen auf Dr. Cliff Arnall zurück, einen Forscher am Center for Lifelong Learning der Universität Cardiff. Der Tag wird nach folgenden Faktoren be­stimmt: Wetter, Schuldenstand, Zeit seit Weihnachten, Zeit seit dem Scheitern der Neujahrsvorsätze, geringe Motivation sowie das drängende Gefühl, etwas ändern zu müssen. 

Dieses Wort und anderen Input erhalte ich mit einer täglichen Vo­ka­bel­mail vom Urban Dictionnary. Dies ist ein Lerntipp. Die Be­grif­fe schrei­be ich in Vo­ka­bel­hef­te für die Man­tel­­tasche.

Mein Blue Monday-Gefühl macht das hier aus: 27 Prozent der Ar­beit­neh­mer/innen haben im April letzten Jah­res von Zu­hau­se aus gear­beitet, nur noch 15 Prozent im No­vember. Die Wis­sen­schaft hat errech­net, dass 56 Prozent vom "Home Office" aus arbei­ten könnten. Ohne Zwang scheint derzeit in Deutsch­land wenig zu laufen. Depres­sing.

Und ich mache heute blau. Naja, nicht wirklich. Nur ein biss­chen, der Sprache wegen.

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Foto:
C.E. (Archiv)

Sonntag, 17. Januar 2021

COVIDiary (244)

Bon­jour & hel­lo! Aus dem Ar­beits­le­ben der Über­set­zer und Dol­met­scher kön­nen Sie hier einiges erfahren. Ich ar­beite mit den Sprachen Französisch, Deutsch und Eng­lisch. Durch Corona reise ich räumlich derzeit weniger durch Deutschland und Europa, dafür durch die Zeit und die Kulturen, außerdem durch die privaten Räume. Mein Sonn­tags­bild.

Symbole zur Atemschutzmaske in einem Spielzeugladen
Die Maske, ein Kinderspiel
Heu­te sol­len an die 200 Men­schen in Ber­lin-Wedding einen Gottesdienst ge­fei­ert haben, oh­ne Mund­schutz und Abstand, gestern wurde nicht weit davon entfernt eine Hochzeitsparty mit 60 Leu­ten von der Po­li­zei hochgenommen, vor einigen Tagen ein Kin­der­ge­burt­stag von an die 30 Eltern und Kindern und sogar eine Betriebs­feier. Als da die Polizei an­kam, hät­ten sich Gäs­te im Bade­zim­mer und in Schrän­ken ver­steckt. Der Chef soll unter dem Tisch ge­kau­ert haben.

Das ist natürlich eine Filmszene für da­nach. Jetzt ist es noch nicht witzig.

Was bitte ist an den Vorsichtsmaßnahmen so schwer zu verstehen?

Wie kann es sein, dass Leug­ner ihre Ehe­frauen auslachen, wenn sie sich, mit dem Co­ro­na­virus infiziert, aus dem Alltag verabschieden? In den USA soll ein Leugner noch auf dem Weg in die In­ten­siv­station abge­stritten haben, an Covid-19 erkrankt zu sein.

Schneeleute, Schneemann, Schneemänner
Einer lacht, einer motzt
Ein schlechtes Filmbild ist das.

Sonntagsspaziergänge in Neu­kölln und Kreuz­berg bedeuten Sla­lom­lau­fen oder Gänge durch die Stra­ßen, wobei wir nur kurz die Park­ge­bie­te streifen. In un­se­ren Be­zir­ken haben wir zu wenig Parks. Die Tro­pen­som­mer sowie die Co­ro­na­spa­zier­gän­ge verändern bei den durch­schnitt­li­chen Spa­zier­gän­gen den Blick auf Frei­­räume wie das Tem­pel­ho­fer Feld, das wichtiger ist denn je. 

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Fotos:
Friederike & Caroline E. 

Samstag, 16. Januar 2021

­COVIDiary (243)

Will­kom­men bei mei­nem Blog aus der Ar­beit­swelt. Wie Dol­metscher und Über­set­zer ar­beiten, ist oft nicht gut be­kannt. Seit die Pan­demie aus­ge­brochen ist, fin­den kaum noch Konferenzen statt (normalerweise arbeite ich mit den Sprachen Französisch und Englisch). Das ist keine einfache Sache. 

Als Nach­trag hier mein Link der Woche. Frei­be­rufler haben es in der aktuellen Co­ro­na­la­ge schwer, unterstützt zu werden. Viele Dol­metscher/innen kommen nur knapp durch die Krise, gehen an Bauspar­verträge oder Renten­rücklagen oder neh­men Kredite auf, um zu überleben oder um ihren Arbeitsplatz zu digitalisieren, was wichtig ist, um wett­bewerbs­fähig zu bleiben. In einem Netzwerkumfeld habe ich neulich die Kolleginnen und Kol­legen nach den Krisenfolgen gefragt, weil ich mehr erfah­ren wollte über die allge­meine Lage als das, was ich von meinem Netz­werk weiß.

Tagelang kam keine Antwort. Und kaum eine andere Reaktion. Dann, nach meinem pro­vo­kanten: "Dann geht es allen gut?" kam schüchtern ein: " ... es gibt andere, de­nen geht es schlechter." Das ist ein eindrucksvolles Beispiel für unsere Branche. Unsere Arbeit besteht ja zentral darin, uns in andere hineinzuversetzen. Dass wir damit täglich die Empathie trainieren, ist logisch.

kaputte Puppe
Gesehen in Neukölln
Kinder aus Familien mit wenig Geld und vielen Geschwistern leiden mehr, wo der eigene Computer zum Lernen bzw. der Rückzugsort fehlen, Men­schen ohne Zu­ver­dienst­mög­­lich­­kei­­ten bei von der Po­li­tik zu tief angesetzten So­zial­gel­dern, denn diese orien­tie­ren sich an den Aus­ga­ben älterer Menschen, die aus dem Vor­han­de­nen wirtschaften. Oder denken wir an Menschen ohne Wohnung ...

Meiner Meinung nach soll­te aber auch un­sere Bran­che über unsere Situ­ation offen kom­mu­nizieren. Aus den Wirtschaftshilfen bezahlt manches Unternehmen alte Rech­nun­gen, die zu Beginn der Krise nicht hono­riert worden sind. Viele Firmen aus der Medien- und Kul­tur­bran­che finanzieren die laufenden Kosten aus den Vorschüs­sen für das Nach­fol­gende, jong­lie­ren mit Zahlungs­fristen, dadurch entstehen schon mal Zeit­ver­zö­ge­run­gen. Wenn die Kette abreißt, sitzen andere im Nassen. Es hängt halt alles mit allem zusammen. Ich freue mich über jede Firma, die ihrer Pflicht nach­kom­mt, Ver­ant­wor­tung übernimmt. Andere sind einfach in Konkurs ge­gan­gen.

Die Übernahme von Verant­wortung scheint allerdings in der Krisenlage auch be­straft zu werden. Zu viele Behörden arbeiten die Paragraphen buchstabengetreu ab, bzw. die Politik scheint verpasst zu haben, ihnen neue Durch­füh­rungs­be­stim­mun­gen für die Pandemie­zeit an die Hand zu geben. Mein Link der Woche ist ein Artikel über das Gebahren der KSK, die Künstler­so­zial­kas­se, die Versi­cherte dann, wenn sie sich verantwortlich zeigen und weg­gefallene Gagen durch Neben­jobs auf­fan­gen, mit Ausschluss bestraft. Hätte der Staat hier sein Versprechen gehalten, niemand werde zurück­gelassen, wie es andere Länder wie Groß­bri­tan­nien gemacht haben, hätten die Be­trof­fe­nen ausreichende Kom­pen­sa­tions­zah­lungen erhalten für die Zeit, in der sie nicht vor Pub­likum spielen, lesen oder ausstellen können ... und es würde das KSK-Problem derzeit nicht geben.

Gesehen irgendwo in Berlin
Hier zum Artikel der Berliner Zeitung "Tagesspiegel": "Wenn der Staat dich in der Kri­se nicht mehr als Kul­tur­schaf­fen­de akzep­tiert | Die Künst­ler­sozial­kasse ist für freie Kreative unent­behr­lich. Weil sie nicht ar­beiten können, droht in der Pan­de­mie vielen der Verlust der Absi­cherung" von Hannes Soltau.

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Fotos:
C.E.

COVIDiary (242)

Herz­lich will­kom­men! Hier bloggt ei­ne Dol­met­sche­rin. Meine Sprachkenntnisse (Französisch, Englisch) trainiere ich täglich, auch an Tagen, an denen ich (wie in den Corona-Jahren) nur wenig Einsätze habe.

In Frankreich gilt landesweit ab heute eine Ausgangssperre ab 18.00 Uhr und bis in den Morgen hinein.

Apfel-Nuss-Kuchen
Apfel-Nuss-Kuchen
Die Fran­zo­sen nen­nen das couvre-feu, was ein we­nig nach Krieg* riecht als Wort, ei­ne Maß­nahme, die mindestens zwei Wo­chen dauern wird. Ich habe gestern beim Ko­chen und Backen die französische Re­gie­rungs­pres­se­kon­ferenz von vorgestern wei­ter­ge­hört. Mir ist aufgefallen, dass ich die Fran­zo­sen als ebenso schwach im Ver­mit­teln der Not­wen­digkeit des Seu­chen­schut­zes em­pfin­de wie die Deut­schen, es man­gelt am "Über­set­zen" der Regeln in den Alltag. Es ist zu befürchten, dass die Aus­gangs­sper­ren an den Nach­mit­tagen zu länge­ren Schlan­gen und damit zu po­ten­tiell mehr Be­geg­nun­gen in den Ge­­schäften füh­ren. Um die Ein­kaufs­gän­ge zu ent­zer­ren, soll künf­tig al­ler­dings auch am Sonn­tag ge­öff­net sein.

Diese Gedanken hatte ich, als ich nach dem zweiten Hirndurchlüften des Tages, dieses Mal zusammen mit einem Dolmetschkollegen, der auch noch Nachbar ist, in einen Laden geeilt bin, der in den Abendstunden schön leer ist. Auf dem Weg war mir aufgefallen, dass es jetzt auf 200 Metern in zwei angrenzenden Straßen meiner Nachbarschaft drei leerstehende Restaurants gibt. Die Berliner Straßen sind dunk­ler, vie­le Ladengeschäfte sparen sich die Abend­beleuchtung, subjektiv leuchtet so­gar die Stra­ßen­be­leuchtung weniger hell. Dafür sind die Nächte schon spürbar kür­zer geworden.

Als der Kuchen im Backofen ist, notiere ich fran­zösische Begriffe für meine Co­ro­na­-Lexik mit. Derzeit gibt es täglich 16.000 Anste­ckungen in Frankreich, 16.000 contaminations par jour en France, das ist weniger als in Deutschland, man ver­fü­ge über verbesserte Kennt­nis­se, was das Virus angeht, das sich aktiv auf dem Ter­ri­torium verbreitet, heißt es, des connaissances affinées du virus qui circule ac­ti­ve­ment sur notre territoire. Neue, infektiösere Stämme des Virus hätten sich aus­ge­brei­tet, nouvelles souches plus contamineuses ont été disséminées, die jetzt zu verfolgen seien, qu'il faut traquer maintenant.

Die Mutationen des Virus wurden als bei Kindern anstecken­der beschrieben, les nouveaux variants du virus sont plus contagieux chez les enfants, der neue Virus­stamm, la souche du virus, sowie neue Ausbrüche machten auch eine verstärkte Überwa­chung der Grenzen notwendig, demande une surveillance renforcée, no­tam­ment un contrôle renforcé aux frontières.

Käsespätzle
Käsespätzle

Frankreich ist weiterhin in der Kon­takt­­ver­fol­gung aktiv, um mögliche Cluster zu ent­decken, le tra­çage des cas contact / le con­tact tra­cing, afin de détecter des clusters, allge­mein nötige die gesund­heitli­che Lage alle dazu, die Zahl der Tests zu erhöhen, elle nous enjoint à augmenter le dépistage [enjoindre aufer­legen, auf­tra­gen, vor­schrei­ben].  

Die Zunahme an Intensivpa­tien­ten sei ein zwingender Grund dafür, le motif impérieux est que nous avons de plus en plus de pa­tients en réanimation. Le Monde be­rich­tet Freitagabend, dass die Über­sterb­lich­keit 2020 in Frankreich bei neun Prozent lag, la France a connu 9 % d’excédent de mortalité en 2020.

Weitere Wortbe­standteile, die ich zu Übungs­zwecken später noch zu Sätzen ver­baue, sind: protocoles sanitaires spécifiques, niveau d'incidence supérieur à / pré­sen­ter un taux d'incidence de, l'efficacité sanitaire, réactions graduées et pro­por­tion­nées, déploiement des tests an­ti­gé­niques, les personnes vulnérables, le frei­nage de la propagation du virus, l'écouvillon.

Der "Spiegel" schrieb gestern Abend in seinem Abend­brie­fing: "Kann Deutschland die Mutanten stoppen?" Das klingt ziemlich nach Science Fiction, oder?

Das Ende der Pres­sekon­ferenz muss ich noch anhören, wo es 1. um Kultur und 2. um die Absicherung der Einzelper­so­nen­un­ternehmen in Frankreich geht.


(*) Die Stunde des couvre-feu: Glocken, Trompeten oder Signalhörner gaben das Zeichen dafür, dass sich alle nach Hause zu begeben hatten und Feuer und Licht zu löschen waren, wörtlich: "Feuer bedecken". Wird je nach Kontext mit "Ausgangs­sperre" oder "Abendglocke" übertragen.
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Fotos:
C.E.

Freitag, 15. Januar 2021

COVIDiary (241)

Will­kom­men im digi­talen Arbeits­ta­ge­buch aus der Welt der Über­setzer und Dol­met­scher. Täglich arbeite ich meine Spra­chen, lese, schreibe, höre, denke auf Deutsch, Franzö­sisch und Englisch. Dabei fallen mir immer wieder Begriffe auf.

Perrückenkopf mit Headset
Ede, sehr ernst, bei der Arbeit
Heute 100 Mi­nu­ten ei­ne Bau­be­spre­chung online kon­sekutiv verdol­metscht, der Kopf läuft heiß! Wunderbar ist immer die erste halbe Stunde danach! Ent­spannung, Musik an, ich tanze durch die Woh­nung und singe schallend mit, wenn ich einen Titel kenne. Dann Nach­richten hören.

Heute verlängere ich die Liste der poli­ti­schen Wortlügen und Ungenauig­keiten, das sind meist bewusst gewählte Begriffe, die keine Auf­merk­sam­keit (und Aufruhr) erzeu­gen sollen. Altbekannt ist der "Entsor­gungs­park", wo Müll vergra­ben wird. Ein Park ist doch schön, oder?
Wenn krisen­bedingt Menschen entlas­sen wer­den, spricht die Politik von der "Frei­set­zung von Arbeits­kräften". 

Es lebe die Freiheit! Derzeit befindet sich unsere Volks­wirtschaft in einem "Ne­ga­tiv­wachs­tum", Corona oblige. Das Wort "Schrumpfung" wird ver­mieden, klingt zu böse.

"Voll­ziehbar ausreisepflichtig" be­deutet, dass Men­schen aus anderen Ländern, die sich auf dem deut­schen Boden auf­halten, abge­schoben werden, wenn sie nicht von al­leine gehen. Laut einer EU-Novelle können Länder, die Menschen kein Asyl an­bie­ten, sogenannte "Abschiebe­pa­tenschaften" für Aus­reise­pflichtige aus anderen Län­dern übernehmen, also die Kosten für deren Abschie­bung tragen. Aber eine Pa­ten­­schaft ist wie Coaching doch positiv besetzt, jemand kümmert sich um das Wohl des Paten­kindes oder Coachees, auch hier wird der positive Gedanke als Ver­schlei­er­ungs­be­griff verwendet.

Der Sprach­müll vernebelt die Gehirne. "Überster­blichkeit in Deutschland weiterhin deutlich über dem Durchschnitt", titelt eine Zeitung. Die über­durch­schnitt­li­chen Zahlen liegen über dem Durch­schnitt, ja klar.

Für uns Dolmet­scherinnen sind die Beispiele einfach nur Vokabeln. Wenn ein Po­li­ti­ker oder eine Politikerin eine solche Wolke ablässt, reprodu­­zieren wir sie in der an­de­ren Sprache. Das ist unser Job. Nach Feier­abend denken wir wieder selbst. Und tanzen durch die Woh­nung. Und/oder schreiben Blogartikel.

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Foto:
C.E.

Donnerstag, 14. Januar 2021

COVIDiary (240)

Willkommen beim Blog aus der Arbeitswelt. Wie Dolmet­scher und Übersetzer ar­beiten, ist oft nicht gut bekannt. Seit die Pan­demie aus­ge­brochen ist, hat sich unsere Arbeit stark verändert.

Warum ein zweiter Monitor, hat mich eine Kundin gefragt. Sie meint das Bild von gestern.

Die Sache ist schnell erklärt. Wir haben hier auf einer Konferenz­seite gear­beitet, die nicht von den Bedürf­nissen von uns Sprach­arbeiterinnen her gedacht worden ist. Die Kunden grei­fen in der Regel auf Seiten zurück, die sie kennen, die be­kann­teste ist wohl Zoom. Bei dieser Seite gibt es keine Funk­tion zur Stafet­ten­übergabe, also den Wechsel zwischen uns Dolmet­scher/innen, wir hören dort auch nicht, was die Kollegin/der Kol­lege sagt, wenn sie oder er dol­metscht. Und das Mit­hören dort ist wichtig. Darüber später mehr.

In einer Kabine geschieht der Wechsel mit Blicken und Hand­zeichen, jetzt sitzen wir aber meistens an verschie­denen Orten. Das macht die Arbeit kompli­zierter.

Wir melden uns einmal als Dolmetscher/in zu den Veran­staltungen an, ein zweites Mal als Teil des Publikums: Auf dem Rechner habe ich dann die Veran­staltung mit den "Kacheln", auf denen ich so groß es irgend geht die Redner/innen sehe, hier schalte ich mich als Dolmet­scherin zu, und über das an­de­re Gerät höre ich meine Kollegin der digita­len Kabine. Es ist wichtig, dass ich das zweite Mikro­fon auf "stumm" stelle, sonst gibt es einen bösen Echo­effekt.

Was für Hinweise und Tipps gibt es noch aus der Praxis? Für alle Teil­nehmenden ist es wichtig, vor jedem Ein­satz die Software zu aktu­alisieren, bei einem mehr­tä­gi­gen Event am besten täglich, denn die Software wird ständig verbessert. Sonst kann passieren, dass die angebotene Dolmetsch­funktion aus Sicht des Pub­li­kums, eine Weltkugel, über die die gesuchte Sprachversion ausgewählt wer­den kann, bei veralteter Soft­ware nicht angezeigt wird.

Links (sehr klein) das Handy als zweiter Monitor

Auch kann ich aus Erfah­rung empfehlen, vor Beginn einer Fern­dol­metsch­sit­zung den Rechner neu zu star­ten, denn nicht alle Programme kündigen vorab an, wenn sie auf die Sound­kar­te zugreifen. 

Und um die volle Leistung der Sound­karte und der In­ter­net­band­brei­te zu ver­fü­gen, öffne ich an­schlie­ßend auch nur die Fenster, die ich für die Arbeit wirk­lich brauche. 

Für Präsentationen, Vokabel­listen und zum raschen Nach­schlagen habe ich letztes Jahr sogar ein drittes Gerät verwendet. Ein Technik­dienst­leister hatte die Ka­bi­nen in einer Halle aufgebaut und uns statt nor­ma­ler Dolmet­scherpulte Com­pu­ter hin­ge­stellt, daneben einen kleinen Monitor für die Stand­leitung zur Kol­le­gin, die in einer ei­ge­nen Bos saß. Dann kam noch der eigene Rech­ner fürs Ma­te­rial hinzu und schon war die Sache ein wenig |eng| unübersichtlich.

Bei externen Einsätzen finde ich es übrigens positiv vorab zu klären, ob und wel­che Tech­­nik genau vor Ort angeboten wird, PC oder angebissen' Obst, weil sie nicht die gleichen "Shortcuts" haben (Tasten­kom­bi­na­tionen für Sonderzeichen und be­son­de­re Funktionen). Beim Dolmet­schen machen meine Hände ihre Arbeit au­to­ma­tisch: Vorlagen oder Wörter suchen, irgendwo einloggen, Multitasking halt. Da hab ich kein Neuronen­fitzelchen frei um mir zu überlegen, wie dies oder das bei "den an­de­ren" nochmal war.

Lustig ist, dass eine Firma wie Zoom derart weit entfernt ist von der Spracharbeit, dass sich ein Überset­zungsfehler in der Software jetzt über Monate hält. Wenn der Host der Veranstaltung unser­einen zu Dolmetsch­personen erklärt hat, ploppt auf unserer Seite ein Fensterchen auf: "Ihnen wurde ein Dolmetscher zugewiesen." Das ist die korrekte (automatische) Übersetzung eines fehlerhaften Satzes, der ei­gent­lich heißen müsste: You have been assigned as interpreter, Sie sind als Dol­met­scher eingeteilt (und nicht an).

Insge­samt müssen wir bei Ferndolmetschen eine höhere Frustra­tions­toleranz ha­ben. Wir sehen nur einen Teil der Kunden, die Zusammenarbeit ist nicht so eng auf besonderen Dolmetscherseiten oder vor Ort, wir bekommen kaum Feedback. Es ist ein wenig wie in einen leeren Raum hineinzufunken.

Jetzt muss ich noch den oben angekün­digten Gedanken zuende bringen: Dol­met­schen ist grund­sätzlich Teamarbeit, wir schreiben füreinander auch Begriffe, Da­ten und Zahlen auf. Das fällt bei Ferndolmetschen, bei dem die Doppelkabine räum­lich getrennt ist, bislang auch weg. Daher sollte bald eine Ta­blet­funk­tion kom­men, wo wir mit einem Stift etwas auf den Monitor (noch einen!) schrei­ben können, was dann nahezu zeit­gleich auf dem Tablet der Kol­legin/des Kol­legen zu sehen sein wür­de. Mit einem Finger­tippen ließe sich die Notiz aus der Hand­schrift heraus schließ­lich als getipptes Wort in eine Vokabelliste einfügen, die sich am besten von alleine alpha­betisch auf­steigend sor­tiert.

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Foto:
C.E.

Mittwoch, 13. Januar 2021

COVIDiary (239)

Will­kom­men auf mei­nen Blog­seiten. Wie Dol­metscher und Übersetzer leben und arbeiten, beschreibe ich hier in loser Folge. Als Dol­metscherin arbeite ich mit fol­gen­den Sprachen: Französisch und Englisch; als Überset­zerin ist meine Ziel­sprache Deutsch. Co­ro­na hat alles ver­ändert, aus dem vir­tu­el­len Ar­beits­ta­ge­buch wurde das COVIDiary.

Ferndolmetschen mit zwei Monitoren

Dass wir als Kon­fe­renz­dol­met­scher im "Home Office" auch simul­tan dol­met­schen, ist seit einem hal­ben Jahr die Regel. Das war vor einem Jahr noch un­vor­stell­bar.
Zum Glück sind einige Tech­nik­an­bie­ter, die schon vor der Co­ro­na­pan­de­mie von "Re­mote In­ter­pre­ting" ge­spro­chen haben, im Jahr 2020 so weit ge­we­sen, dass diese neue Tech­no­­lo­gie einem mas­si­ven Be­las­tungs­test un­ter­wor­fen werden konnte.

Norma­ler­weise sehen wir unsere Kunden und Auftraggeber persönlich, bevor es mit dem Einsatz losgeht, können nach fehlenden Materialien fragen oder missver­ständ­liche Teile einer Präsen­tation ansprechen. Wer wie ich regel­mä­ßig als Begleit­dol­met­scherin unterwegs war, hatte ohnehin den Arbeitsschwerpunkt in Be­triebs­stät­ten, Be­spre­chungs­räu­men, Neu­bau­ten, auf Äckern und im Forschungslabor.

Und jetzt also ganz aus der Ferne. Am besten klappt das, haben wir in den letzten Monaten festge­stellt, wenn sich zumindest ein Teil der Betei­ligten kennen und auch das Thema einiger­maßen vertraut ist. Das ist nicht immer der Fall. Damit wird der Teil, der auf die Vorberei­tung entfällt, umso wichtiger. Hier hän­gen wir von der Zu­ar­beit der Kun­den und der Zuverfügungstellung von Hin­ter­grund­ma­terial ab.

Ede hält in den Pausen die Kopfhörer
In den Fotos mein aktueller Dol­metsch­­ar­­beits­platz noch ohne feste Schall­iso­­lie­rung. Das, was wir letztes Jahr versucht haben, war leider nicht viel­ver­spre­chend genug.

Bis vor wenigen Tagen war die Woh­nung neben meiner nicht be­wohnt und die Straße ruhig, so dass ich mit einem recht stillen Umfeld gut zu­ran­de kam. Das än­dert sich ge­ra­de, ich muss re­agie­ren.

Nach einem Jahr mit Corona und Dolmet­schen aus der Ferne kann ich sagen, dass meine Kunden konsekutives Dolmet­schen bevorzugen. Aber auch mit simultanem Dolmet­schen sind wir inzwischen erfahren, kennen die Vor- und Nachteile der ver­schiedenen Webseiten, auf die wir uns einmieten können. Wir beraten sehr gerne.

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Foto:
C.E. (mit Einwilligung des Portraitierten)

Montag, 11. Januar 2021

COVIDiary (237)

Mit­ten in ei­nen Blog aus der Dol­met­scherwelt sind Sie rein­ge­ra­ten: Bon­jour und herz­lich will­kom­men! Hier stehen kurze (anonymisierte) Episoden aus meinem Berufsalltag, Gedanken zu Kultur und Sprache sowie Hin­weise zu meinen Ar­beits­fel­dern. Ich habe Kapazitäten frei.

Berliner Arbeitszimmer
Derzeit auf dem Schreibtisch:
⊗ Fragen der Überschuldung von Ländern, Schuldenschnitt;
⊗ Filmförderungen, regional und grenzüberschreitend;
⊗ Stipendiumsantrag;
⊗ Steuern und Finanzen; 
⊗ Änderung der Kostenvoran­schläge für hybride Events von Anfang 2021 auf Prä­senz­ver­an­stal­tun­gen im Frühsommer.
Filmexport aus Frankreich und TerpSummit (als Fort­bil­dung)

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Foto:
C.E. (Archiv)

Sonntag, 10. Januar 2021

COVIDiary (236)

Bon­jour & hel­lo! Aus dem Ar­beits­le­ben der Über­set­zer und Dol­met­scher können Sie hier einiges erfahren. Ich arbeite mit den Sprachen Französisch, Deutsch und Englisch. Durch Corona reise ich räumlich derzeit weniger durch Deutschland und Europa, dafür durch die Zeit und die Kulturen, außerdem durch die privaten Räume. Mein Sonn­tags­bild als Rückblick.

Kleine Erinnerung an meinen Balkonvogel, der leider nicht mehr bei uns ist. 

Einmal, ich kam gerade von einem Dolmetscheinsatz, habe ich einen alten Mann an einem S-Bahnhof mit Mühen den Bahnsteig entlanggehen gesehen. Er steuerte auf eine Rolltreppe zu. Vor der Roll­trep­pe ein Blumen­händler. Sein besorgter Blick kreuzte meinen. Ich hinterher, auf die Roll­trep­pe, und als ich kurz hinter dem Mann ankomme, fängt dieser an zu schwanken und droht, das Gleichgewicht zu verlieren. 

Ich habe ihn sicher hochgebracht, wo seine Tochter auf ihn gewar­tet hat. Als ich wie­der runterkam, hat der Blumen­händler mir diesen Vogel geschenkt. Ein Flügel konnte sich im Wind bewe­gen, der andere war mit Draht repariert. Nach fünf Jah­ren war er so durch­gerostet, dass er nicht mehr repariert werden konnte. Er ist dann für immer davongeflogen.

Berlin im Januar (2016)
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Fotocollage:
C.E.

Sonntag, 3. Januar 2021

COVIDiary (233)

Was und wie Über­set­zer und Dol­met­scher arbeiten, können Sie hier mitlesen. Die meis­ten von uns sind selb­stän­dig, sie ar­beiten selbst und ständig. Sonn­tags ist alles an­ders, unter Corona erst recht.

Dann gibt es auch die schönen Sei­ten des Winters, die rein gar nichts mit dem Be­ruf oder Co­ro­na zu tun haben, Mittags Schnee­schwein, zum Tee Apfel­kuchen:

Winter­freuden
 
Ab morgen geht die Arbeit wieder los, erstmal auf der Basis halber Tage. Einige Über­set­zun­gen war­ten und ich habe sie ganz bewusst warten lassen. Erho­lung ist wichtig, sogar in Zeiten pan­de­mischer Un­ter­be­schäf­ti­gung.

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Fotos: C.E.

Freitag, 1. Januar 2021

COVIDiary (231)

Will­kom­men bei mei­nem Blog aus der Ar­beit­swelt. Wie Dol­metscher und Über­setzer ar­beiten, ist oft nicht gut be­kannt. Seit die Pan­demie aus­ge­brochen ist, finden kaum noch Konferenzen statt (normalerweise arbeite ich mit den Sprachen Französisch und Englisch). Zum Glück arbeite ich auch für die Industrie, so dass ich einigermaßen klarkomme.

Das Wesenentliche
Alles Gute für das zweite Coronajahr wünsche ich: Glück, Gelassenheit und vi­ele, vie­le glückliche Mo­me­nte! Außerdem So­li­da­ri­tät, Bildungs­op­ti­mis­mus und Demut. 

Bei mir domi­niert derzeit lei­der der Sarkas­mus. Merry crisis and a happy new fear! stammt von 2008 und stimmt leider wieder. Dabei rufen alle derzeit nach Soli­darität.

Trotzdem sind nicht alle solidarisch, sonst wären die In­fek­tions­zah­len nicht auf ei­nem so hohen Niveau. Die grausamste un­so­li­da­ri­sche Ent­wick­lung ist die Art und Weise, wie wir an den Rändern Europas Men­schen in Zel­ten, Dreck und Kälte sich selbst überlassen. Das ist beschämend. Europa sollte den Friedens­no­belpreis zu­rück­ge­ben.

Wir haben in unseren Ländern ein massives Empathie- und Bildungsproblem. Wie­der­holt habe ich mit Maskenverweigerern und "Coronagegnern" diskutiert (ich bin übrigens auch gegen Corona, nur anders), und mir ist aufgefallen, dass eine große Menge Trotz aus ihnen spricht. Nein, nein, ich esse meine Suppe nicht, schrie der Suppenkasper, und stampfte mit dem Fuß auf den Boden. 

Auf den Trotz­impuls folgt ein kruder Misch­masch aus Halbwahrheiten und Selbst­be­ob­ach­te­tem, aus impliziter Anschuldigung, man werde mit seinen Wahrne­hmungen nicht beachtet — "Ich komm' gut rum und kenne keinen, der mehr als zwei Tage Schnup­fen hatte" —, aus Verdrängung und Ausblendung und Umdichtung — "ja, die Oma im Nachbar­haus, sie war aber schon alt" —, woran auch dann noch fest­ge­hal­ten wird, wenn sich auf Nach­fragen herausstellt, dass die Oma erst letztes Jahr in Rente gegangen ist. (Im Neben­satz: "der Staat schleppt so viele Alte rum, Corona er­leich­tert ja die Renten­kassen, wobei die Oma im Hinterhaus erst letztes ...")

Informationen fehlen bis in die höchsten Kreise. Eine ältere Bekannte neulich im Skype-Chat zu mir: "Ihr hab's doch gut, habt gerade ein Jahr Urlaub hinter euch, seid abgesichert, der Staat hilft doch allen!"

Das zumindest sagen die Medien, Bazooka und so, "viel Geld in die Hand ge­nom­men" und dann wieder in den Safe gelegt für später, für die Tourismuskonzerne beispielsweise. Viele Freiberufler, Unter­nehmer, Künstler leben weiterhin von der Hand in den Mund, auf Pump, von den fürs Alter zurückgelegten Geldern. Ja, die Kanzlerin hat recht, dass in diesen Branchen Existenzangst herrscht

Dass diese Personengruppen in der ganz unverschuldeten Notlage nicht allein ge­las­sen worden seien, ist überall zu hören. Wer genau hinsieht, stellt fest, dass die staatliche Unterstützung oft dort nicht ankommt, weil die An­trags­be­din­gungen zu eng gefasst, wiederholt im Nach­­hinein verändert und nicht auf die Bedürfnisse der Grup­pen zugeschnitten worden sind, für die sie gedacht waren. Wenn derlei an­fangs einige Monate lang stotternd läuft, bucht das jeder gern als An­lauf­schwie­rig­keiten ab. In Deutsch­land ist es hingegen ein Grund­prinzip. Und am Ende werden letztlich vor allem die Steuer­berater und Anwälte profitieren.

Dabei braucht unsere Land Kunst und Kultur genauso wie die Wirtschaft hoch­spe­zia­li­sierte Freiberufler braucht, um voranzukommen. Auch der föderale Flicken­teppich ist hier ein Bremsklotz und verzerrt den Wett­bewerb (ich übersetze: die Überlebenschancen von Selbständigen): Die Digitalisie­rungsprämie, die in NRW letztes Jahr bereits Einzel­personen bean­tragen konnten, wird in Berlin wohl nicht einen Dolmetscher erreichen. Wir sind Einzelper­so­nen­un­ter­n­ehmen. Beantrags­be­rech­tigt sind in meinem Bundes­land Firmen ab zwei Personen. Es gilt der Stich­tag.

Ein Blick nach Österreich: Dort wird entgangener Gewinn plus betrieblicher Auf­wand erstat­tet, problemlos, schnell. Es geht also. Hier wünsche ich mir im Jahr 2021, dass die Verant­wort­­lichen vom hohen Ross ab­steigen und auf die Hinweise und Gesprächs­an­gebote der Branchen eingehen. Es könnte so leicht sein.

Edit: Die taz schreibt von Solidaritätskollaps.

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Foto:
C.E.