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Samstag, 11. April 2026

Frühlingsgedicht

Bienvenue auf den Seiten einer Sprachar­bei­te­rin. Wie Übersetzerinnen, Über­set­zer, Dolmetscherinnen und Dolmetscher arbeiten, können Sie hier mitlesen. Meine Arbeitssprachen sind (neben Deutsch) Französisch und Englisch (das Idiom Shakes­peares meistens als Ausgangssprache). Und manchmal übersetze ich das, was ich sehe, in Worte. 

Baum, Blätter, blauer Himmel, Häuser
Luft und Himmel
Fadenscheinig
April webt feinen, grünen Schuss
In braune Kette, fadenscheinig
Sieht es aus oder wie eine
Doppelbelichtung: Ich sehe
Den Straßenbaum und auch
Das Haus dahinter. Zeitgleich.

Da wird mir klar:
Das Wichtigste an den Bäumen ist
Die Luft zwischen den Blättern.

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Foto: C.E.

Dienstag, 21. Januar 2025

Konzepte dolmetschen

Bon­jour auf mei­nen Web­log­sei­ten! Ich bin Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin und ar­bei­te haupt­säch­lich mit Fran­zö­sisch und manch­mal auch mit Eng­lisch, wo­bei Deutsch mei­ne Mut­ter­spra­che ist.

Beim Dol­met­schen muss ich im­mer auch das sprach­li­che Hin­ter­land der Be­grif­fe und den kul­tu­rel­len Kon­text im Kopf ha­ben. Das macht Men­schen wie mich auch zu Kul­tur­ver­mitt­lern.

Neu­lich ha­be ich in Ber­lin bei ei­ner Kaf­fee­pau­se auf ei­ner Re­no­vie­rungs­bau­stelle laut über ei­ne Ver­bes­serung des Um­bau­plans nach fran­zö­si­schem Vor­bild nach­ge­dacht. Die Kun­din, ei­ne mit ei­nem Fran­zo­sen ver­hei­ra­te­te Deut­sche, hat gut hin­ge­hört und dann dem Architekten, der zwi­schen­durch im Ne­ben­zim­mer zum Te­le­fo­nie­ren war, neue Auf­ga­ben ge­ge­ben. Sowas freut mich sehr und bringt mich zum Nach­den­ken über ein Bau­the­ma!

Die etwas an­de­ren Pas­sa­gen

Es heißt, ein Volk spie­ge­le sich in sei­ner Ar­chi­tek­tur wi­der. Wenn das stimmt, dann sind wir Deut­sche ein Volk der Flur­men­schen – ge­ord­ne­te Über­gangs­be­rei­che, wo nichts ver­wei­len darf, au­ßer viel­leicht die ei­ge­ne Un­ge­duld. Als Dol­met­scher­in auf Bau­stel­len, ei­nes mei­ner Fachgebiete, wo Kul­tu­ren und Bau­ge­wohn­hei­ten auf­ein­an­der­pral­len, se­he ich die­ses The­ma oft.

Schon wie­der klin­gelt das Te­le­fon, Bau­pla­nung ei­ner Alt­bau­re­no­vie­rung in Schö­ne­berg. Kurz drauf ste­hen wir im Flur näm­li­cher Be­hau­sung. Wir, das sind ein deut­scher Ar­chi­tekt mit sei­ner Prä­zi­sion, der ame­ri­ka­ni­sche IT-Ma­na­ger mit der Be­geis­te­rung ei­nes Men­schen, für den open con­cept li­ving ei­ne Re­li­gi­on zu sein scheint, die fran­zö­si­sche Raum­aus­stat­te­rin, die un­längst in ei­ner an­ge­sag­ten Wohn­zeit­schrift ei­ne ei­ge­ne Bil­der­strecke hatte und eben ich als Dol­met­sche­rin. Der Flur ist et­was brei­ter und links wur­de ei­ne auf­ge­stän­der­te Wan­d be­reits ab­ge­tra­gen. Ma­dame hat ei­ne Vi­sion: Je vois à gauche et à droite des pla­cards, ca­chés der­rière des boi­se­ries, que nous pro­lon­ge­rons jus­qu'à la salle à manger, qu'en pen­sez-vous ? (Ich kann mir hier links und rechts gut Wand­schränke vor­stel­len, hin­ter Ver­tä­fe­lung ver­steckt, die wir bis zum Esszimmer ver­län­gern, was hal­ten Sie da­von?)

Der deut­sche Flur: Ein Raum oh­ne Iden­ti­tät

Ein nüchterner Flur
Nutzfläche
Be­gin­nen wir bei uns: Der Flur ist in Deutschland zumeist ein lan­ger, meist schma­ler Kor­ri­dor mit Tü­ren rechts und links, zweck­mä­ßig und nüch­tern, als würde er einen auffordern, sich dort bitte nicht über einige Se­kun­den aufzuhalten. Sol­che Flu­re wir­ken wie eine lieblos ge­plan­ter Durchgang einer U-Bahn-Sta­ti­on. Sie ver­bin­den, haben aber kei­nen eigenen Wert.

Ab­stel­len dür­fen wir da höchs­tens irgendwo Schu­he oder Ja­cken, aber wehe, je­mand wür­digt nicht, dass die Schuh­ab­la­gen sym­me­trisch zur Gar­de­ro­be ste­hen! Doch die Architektur lässt oft wenig Spielraum für Experimente.

Und als ich ge­nau das bei der Bau­plan­be­spre­chung an­spreche, legt der deut­sche Ar­chi­tekt seine Stirn kunstvoll in Falten: „Der Flur ge­hört zur deut­schen Wohn­kul­tur. Er gibt Struk­tur. Ori­en­tie­rung!“


USA: Vom Wind­fang oder Veranda di­rekt auf die Couch

An­ders da­ge­gen un­se­re Freun­de in den USA, wo es oft kei­nen Flur gibt. Wir tre­ten ein und ste­hen — zack! — mit­ten im Ge­sche­hen. Eben über die Schwelle getreten, se­he ich auf So­fa und Küche. Als ich das mal einer fran­zö­si­schen Freun­din er­zählt ha­be, mein­te die nur: Ils n’ont pas hon­te?

Und ja, es ist ge­wöh­nungs­be­dürf­tig, und na­tür­lich ha­ben die Amis auch Din­ge zu ver­stecken. Das ers­te Mal, als ich in ein ame­ri­ka­ni­sches Haus kam, nahm mir die Gast­ge­be­rin Man­tel und Ruck­sack ab, die fand ich spä­ter auf dem Bett­überwurf im Schlaf­zim­mer wie­der, und rief jo­vi­al: Make your­self at home! Das ame­ri­ka­ni­sche "Ver­steck­gut" se­he ich spä­ter im Haus­wirt­schafts­raum: Vor­räte für zwei Wo­chen Ein­ge­schneit­sein in­mit­ten von Ka­li­for­nien, und ein Schuh­schrank stand im Durch­gang zur Ga­ra­ge. (An­de­re Din­ge wan­der­ten in be­geh­ba­re Kam­mern, the clo­sets.)

Das Kon­zept des of­fe­nen, flur­lo­sen Woh­nens hat was. Es ver­mit­telt Wär­me. Du bist so­fort will­kom­men. Kei­ne Tren­nung, kei­ne Über­gän­ge, ein­fach rein ins Le­ben.

Frank­reich: Die Wand­schrank-Oase


Und dann Frank­reich, das Hei­mat­land der pla­cards – die­se un­sicht­ba­ren Wand­schrän­ke, die je­den Flur, vie­le Bä­der und Zim­mer zur per­fek­ten Büh­ne ma­chen: Kein Schuh, kei­ne Jacke, weder Ta­sche, Ti­egel oder Wasch­ma­schi­ne stören die Ästhe­tik. Hin­ter den Schrank­türen, die wand­hoch fest mon­tiert sind, sind alle Sie­ben­sa­chen ver­bor­gen. Wun­derbar! Un­sicht­ba­res Cha­os!

Bei ei­ner Be­sich­ti­gung in Paris, es ging ei­gent­lich um ener­gie­ef­fi­zien­te Ar­chi­tek­tur, zeig­te mir ein Bau­lei­ter stolz die 15 Tü­ren ei­ner Wohn­ein­heit. Ich dach­te zu­nächst, ich hät­te mich in einen Show­room für Schrank­tü­ren ver­irrt. Aber nein, Wohn­flur mit Türen im Stil rustikaler Holzvertäfelung, die Küche mit neu­tra­len Tü­ren mit Lo­tus­ef­fekt, Spie­gel­tü­ren an Klei­der­schrän­ken, Ta­fel­far­be auf den Kin­der­zim­mer­tü­ren. C’est beau, c'est pro­pre !, warb er stolz, schön und sau­ber!

Wie an­ders als in Deutsch­land, wo wir für je­den Ge­gen­stand ei­ne an­de­re Lö­sung ha­ben: Gar­de­ro­be, Schuh­re­gal, Schlüs­sel­brett, Schirm­stän­der, Hut­ab­la­ge. Der Flur wird zum Mu­se­um des All­tags. Prak­tisch mag das sein, es ist aber we­der ele­gant noch putz­prak­tisch.

Fa­zit: interkulturelle Flurästhetik


Die Dis­kus­sion auf der Bau­stel­le en­det mit ei­nem Kom­pro­miss: Ein Flur in ame­ri­ka­ni­scher Luf­tig­keit, der durch (we­ni­ge) fran­zö­si­sche Wand­schrän­ke auf­ge­peppt wird, und mit deut­scher Zim­mer­tür: Als der ame­ri­ka­ni­sche Pro­jekt­ma­na­ger vor­schlägt, die Wand zwi­schen Flur, Ess­zim­mer und Wohn­zim­mer raus­zu­rei­ßen, erntet er ent­setz­tes Schwei­gen. Naja, kommt oh­ne­hin nicht in­fra­ge ­... tra­gen­de Wand!

Als Dol­met­scher­in auf dem Feld der kul­tu­rel­len Schnit­tmengen kann ich sa­gen: In den meisten deut­schen Fluren ist noch viel Luft nach oben, was die Gestal­tung an­geht (wenn sie nicht man­gels trocke­ner Kel­ler­räume zu­guns­ten ver­steck­ten Stau­raums für seltener genutzte Habseligkeiten ab­ge­hängt wur­den). Wir dür­fen dank An­re­gun­gen aus an­de­ren Län­dern unseren Nicht­ort Flur neu er­fin­den. Ich füh­le mich wohl als Ver­mitt­le­rin auch bei fas­zi­nie­ren­den ar­chi­tek­to­ni­schen Miss­ver­ständ­nis­sen, beschenkt und bereichert.

Was sagt Ihr? Lie­ben wir den Flur? Has­sen wir ihn? Oder ste­hen wir ein­fach nur drin, oh­ne zu wis­sen, war­um?

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Illustration: pixlr.com

Mittwoch, 25. September 2024

Subtext kennen nur Menschen

Bon­‍jour oder bon­soir auf den Sei­ten ei­‍ner Sprach­‍ar­‍bei­te­‍rin. In die­‍sem di­‍gi­‍ta­‍len Ta­‍ge­‍buch kön­‍nen Sie an ei­ni­gen Ta­‍gen in der Wo­‍che mit­‍le­‍sen, was Dol­met­sche­rin­nen und Über­‍set­‍ze­‍rin­nen, Über­set­zer und Dol­met­scher so ma­‍chen, und das seit 2007, im ers­ten deut­schen Blog aus dem In­neren der Kon­fe­renz­ka­bine.

Monitor (oder so ähnlich), Tastatur (oder so ähnlich), diverse Objekte
"Kreativschreibtisch", der KI zufolge
Was die KI nicht kann, wenn sie vor­gibt, als Dol­met­sche­rin tätig zu sein: un­ter­schied­li­che Kli­en­ten im Kopf ha­ben, zum Teil bei ein- und dem­sel­ben Pa­nel. Wir mensch­li­chen Dol­met­sche­r:in­nen ler­nen in der Vor­be­rei­tung, bei Kaf­fee­pau­se oder Mit­tag­es­sen un­se­re End­kun­d:in­nen ken­nen, je­ne am Pult und auch je­ne im Saal, und wir su­chen ak­tiv ihre Fra­gen. Wir sind da­her im­stan­de, die Sach­ver­hal­te ziel­grup­pen­ori­en­tiert zu über­tra­gen, ei­ni­gen uns un­ter­ein­an­der auf die Fach­be­grif­fe oder die Über­tra­gung der­sel­ben, wenn wir es mit Lai­en zu tun ha­ben, Bei­‍spiel: Gen­‍tri­‍fi­‍zie­‍rung.

Bei man­chen Kon­fe­ren­zen den­ken wir nicht sel­ten an zwei oder drei un­ter­schied­li­che Teil­grup­pen zu­gleich und freu­en uns über Men­schen am Po­di­um, die zwi­schen­durch mal tief durch­at­men, et­was Was­ser trin­ken oder ein­fach nur stumm ihre Hö­rer­schaft an­lä­cheln. 

Wir em­pfeh­len das auch schon mal bei sehr kom­ple­xen The­men und stark aus­ein­an­der­klaff­en­den Rea­li­tä­ten, ma­chen damit un­se­re Ar­beit trans­pa­rent, bit­ten um Mi­ni­pau­sen. Das klappt vor al­lem bei Ar­beits­sit­zun­gen oder se­mi­nar­ar­ti­gen For­ma­ten. So­bald wir dann ei­ne Zimt­schne­cke in die Luft ma­len, geht der Vor­trag wei­ter. Dol­met­schen ist Team­ar­beit. Das Duo Po­dium/Ka­bi­ne kommt in der For­schungs­li­te­ra­tur bis­lang kaum vor, weil wir alle noch dem Dog­ma der Un­sicht­bar­keit ver­fal­len sind. Nicht erst, seit die KI un­se­re Ar­beit be­droht, man­che miss­ver­ste­hen sie aus Geld­gier als Trans­la­tions­ap­pa­rat, müs­sen wir das än­dern.

Und noch­mal: Die KI ist ein Tool für die Hän­de der Pro­fis, oh­ne un­se­ren Ein­griff re­pro­du­ziert sie den Durch­schnitt al­ler be­reits pu­bli­zier­ten Sät­ze in der au­to­ma­ti­schen Wort- oder Satz­ver­voll­stän­di­gung, die Sie ver­mut­lich von Goog­le oder vom Tip­pen von Kurz­nach­rich­ten ken­nen, und sie denkt da­bei we­ni­ger an die Ziel­grup­pen noch dar­an, ob die vor­ge­leg­te Ge­schwin­dig­keit über­haupt von Hu­ma­noi­den er­fasst wer­den kann, wenn sich we­gen ei­nes Tech­nik­pro­blems die Bits und Bytes wie­der mal im Rohr ge­staut ha­ben.

Zu­rück zum Ter­min. Durch die­se Vor­be­rei­tung er­fah­ren oder er­ah­nen wir den Kennt­nis­stand un­se­rer ge­nei­g­ten Hö­rer­schaft, was un­ser Dol­met­schen po­si­tiv be­ein­flusst. In der Ar­beit wird dann ganz kon­kret, wie erst letz­ten Frei­tag­nach­mit­tag ge­sche­hen, aus dem Wort Ahr­tal die­se er­klä­ren­de Ver­dol­met­schung: la crue de l'Ahr qui a fait 150 morts en 2021, auf Deutsch: das Hoch­was­ser der Ahr, das vor drei Jah­ren 150 Men­schen­le­ben ge­for­dert hat.

Oder die be­lieb­te Ganz­tags­schu­le, l'école du matin au soir, ce qui vaut être sou­li­gné car c'est ré­la­ti­ve­ment ré­cent en Al­le­ma­gne. Hier hat­te ich mal mehr Zeit für ei­nen län­ge­ren Satz (oft müs­sen wir uns ja sehr kurz fas­sen). Auf Deutsch: Schu­le von mor­gens bis abends, das ist zu un­ter­strei­chen, denn es ist recht neu in Deutsch­land. 

Nächs­tes Bei­spiel: Ehe­gat­ten­s­plit­ting, le sta­tut fis­cal des cou­ples ma­riés : en Al­le­ma­gne, ces lois en­cou­ra­gent le mi-temps des fem­mes et non pas le temps plein, ins Deut­sche rück­über­setzt: Steu­er­sta­tus von Ehe­paa­ren; in Deutsch­land för­dert das Ge­setz die Halb­tags­ar­beit von Frauen und nicht die Voll­zeit­ar­beit. Stich­wort auch hier: Sub­text mit­über­tra­gen, da er für die De­bat­te re­le­vant ist.

Und ja, das ist al­les schon sehr in­ter­pre­tie­rend, aber wir möch­ten ja, dass die Gäs­te aus dem Aus­land mit­re­den kön­nen. Prompt kommt als ei­ne der nächs­ten Fra­gen aus Frank­reich, man mö­ge das Ehe­gat­ten­s­plit­ting­kon­zept er­läu­tern.

Als ich neu­lich dar­über bei ei­nem so­zia­len Netz­werk ge­schrie­ben ha­be und als Il­lus­tra­ti­on mei­ne Hand auf der Tas­ta­tur ge­zeigt ha­be, wie ich ei­ne Über­set­zung nach­schla­ge und lei­der nur Un­brauch­ba­res er­hal­te, wur­de der Bei­trag we­gen Por­no­gra­fie ge­löscht und ich war drei Wo­chen lang ge­sperrt. (Igitt, ei­ne nack­te Frau­en­hand! Sind wir hier bei den Ta­li­ban?) Auch hier steckt die be­lieb­te KI da­hin­ter. Un­ter uns, und so war dann auch mein Kom­men­tar, als ich wie­der kom­men­tie­ren konn­te: "Tja, fb hat wohl nicht mehr al­le Trink­ge­fä­ße im da­für vor­ge­se­he­nen Mö­bel."

Sol­che Qua­li­fi­zie­run­gen sind KI-si­cher, denn oh­ne Ver­dol­met­schung ver­ste­hen das nur Mut­ter­sprach­le­r:in­nen. Und als Il­lus­tra­ti­on jetzt was an­de­res, aus dem Steh­satz von pixlr! Denn das in­kri­mi­nier­te Bild hat das Sys­tem ge­fres­sen! 

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Il­lus­tra­tion: pixlr.com (Prompt: "cre­ative desk")

Montag, 10. Februar 2020

Am Montag zum Beispiel

Was und wie Kon­fe­renz­dol­metscher und Übersetzer (und Dolmetsche­rin­nen und Über­set­ze­rin­nen) arbeiten, darüber berichte ich auf diesen Blogseiten im 13. Jahr. Noch sind wir vor der Konferenzhochsaison.

Draufsicht auf Holztisch mit Kaffee und Zimtschnecke
Gegen das Grau draußen: Tulpen, Zimtschnecke und Kaffee
Nach meinen Abendeinsätzen der letz­ten Woche bin ich noch im Jetlag — und zwar ganz ohne Flugzeug. Die in­nere Uhr zeigt mir Ortszeit Mon­te­vi­deo an. Eine mor­gend­li­che  Te­le­fon­kon­fe­renz per Video-Chat um 8.00 Uhr ist ... naja, nen­nen wir's "eine sport­li­che Her­aus­for­de­rung". Nach der „Visio“ (la vi­sio­con­fé­ren­ce) ist an Wei­ter­schla­fen nicht zu denken.

Der Nachbar bekommt einen Schrank, irgendjemand im Haus eine neue Wand (so klingt es jedenfalls, die alte muss zuvor raus), Müll wird abgeholt, ein Fla­schen­samm­ler klin­gelt wie je­den Mon­tag ("Gu­ten Mor­gen, ich bin's, der Flaschenmann!"), dann kommt der Gasmann zum Ablesen und Frau Müller aus dem Erdgeschoss bringt der Paketbote mal wieder neue Schuhe.

OK, Termine klären: Ich sitze eine Stunde am Schreibtisch, und ich habe keine Se­kun­de zu früh damit angefangen. Eine Konferenz heute verlängert sich um einen größeren Block, und weil mit der Bahn diesen Mon­tag ja nicht mehr gerechnet wer­­den kann, bekomme ich einen Abendeinsatz von einer Kollegin, muss dafür mor­­gen einen Vormit­tags­einsatz an eine andere Kollegin geben.

Das muss ich jetzt nur noch vermitteln. Ich kom­mu­ni­zie­re mit En­gels­zun­gen in alle Rich­tungen, bis sich alle freuen. Dann noch Angebote rausschicken für April 2021, Mai 2021. Das sind Zahlen, die sich ungewohnt anfühlen, jetzt, wo ich endlich nicht mehr 2019 schreibe.

Inzwischen knurrt der Magen. Die Apfel-und-Wasser-Diät vor der mor­gend­lichen Vi­deo­kon­ferenz war vielleicht doch nicht aus­rei­chend kalorien­haltig. Wir schreiben respek­table 13.00 Uhr, also ab zum Bäcker. Dort lieber nur ein Käffchen, single shot, ich optiere an­schlie­ßend für eine Siesta. Dann weiterlernen für heute Abend. Dieser Abend­einsatz und ein anderer, in einigen Tagen bin ich nochmal abends "auf Sendung", werden meinen "Konfe­renz­dol­met­scher­jetlag" verlängern. Ich werde das Wochenende nutzen, mich wieder auf MEZ einzupegeln.

Sonst auf dem Schreibtisch: Groß­kü­chen­bau­antrag, Frauenrechte im Maghreb, Ur­he­ber­recht, Stadt-und Raumplanung, Filmwirtschaft, neue psychotherapeutische Ansätze.

Aber an diese Themen ist im Café nicht zu denken. Dort sitze ich ein­ge­klemmt zwi­schen So­zio­lo­gie und Krankenhaus­­ma­­na­­ge­­ment. Vier Frauen arbeiten in zwei Sprachen links und rechts von mir beim kleinen Bäcker, wo man sich an die großen Tische ein­­fach hin­zu­setzt. Mein Problem: Das Dol­met­­scher­­hirn hört immer mit. Im­mer. Ich könnte Zu­sam­­men­­fas­­sun­gen schreiben. Der Grund: Das alles könnte ja gleich im Einsatz rele­vant werden, wenn ich gebeten werde, die Ver­dolmet­schung zu über­neh­men. Wir sind schon komisch gepolt. OK, dann ver­suche ich‘s mal mit Kon­zen­tra­tion auf leeres Hirn, Zimtschnecke essen, lieber doch keinen Kaffee, den be­kommt der Kol­le­ge, dann Siesta.

Der Arbeitstag endet schließlich nach netto neun Stunden Arbeitszeit, von denen ich drei Stunden lang im "On" war, je zur Hälfte im Solo und im Duo. Die Ver­gü­tung: zwei ver­kürz­te Tages­sätze. Grund: Rah­men­ver­tragskunde (am Vor­mittag) sowie Kul­tur­bran­che (mit nach­voll­zieh­ba­rem akutem Geldmangel). Morgen bin ich nur einen halben Tag im Büro, dann darf ich (einige Tage lang ohne Ex­tra­ver­gü­tung) zu Diens­tag in einer Woche pauken und mich vor­be­rei­ten, da habe ich wie­der einen Kon­fer­enz­tag, allerdings in einem neuen Wis­sens­ge­biet.

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Foto: C.E.

Donnerstag, 21. November 2019

Ausschreibungsarithmetik

Willkommen beim Blog einer Spracharbeiterin. Über die Welt der Übersetzer und Dolmetscher berichte ich hier. Ich arbeite in den Bereichen Politik-, Kultur- und Modewelt, Industrie und Handwerk. Hier schreibe ich über meinen Alltag.

Kiesel mit weißen Adern
Meditationsobjekte
Aus­schrei­bungen sind in viel­facher Hin­sicht nervig. Meistens kosten sie viel Zeit, in­des sind die Chancen, den Zu­schlag zu be­kom­men, nicht einmal grob ab­schätz­bar. Dabei sind die Regu­larien von Land zu Land unter­schiedlich. In Kanada wird der Zweit­bil­ligste genom­men, in der Schweiz der Mittel­wert aller Ange­bote er­rechnet und dann be­kommt dasjenige den Zu­schlag, das am nächs­ten dran liegt.

So ist diese Aufgabe manch­mal dem Lot­to­spie­len ähnlich. Mit bes­se­ren Ge­winn­chan­cen na­tür­lich. Anstren­gend wird es, wenn wir nicht einmal die po­ten­tiel­len Kun­den be­fra­gen kön­nen, wo­rauf genau in wel­cher Wer­tung ge­ach­tet wird.

Denn die Ent­schei­dungs­fin­dung hand­habt hier­zu­lan­de je­der an­ders. Al­so ha­be ich mal wie­der ei­nen Tag nur mit Aus­schrei­bungen ver­bracht. No risk, no fun. Wobei die Ch­ose ja gar nicht ris­kant ist. Der größ­te Ver­lust, den ich einge­hen kann, ist die ei­ge­ne Zeit.

Zwischen­durch, und das mag ich am Arbeiten im heimi­schen Arbeits­zimmer, habe ich mich Haus­halts­themen gewidmet. Und über Ordnung nach­gedacht. Un­ord­nung ist Ma­terie am falschen Ort, habe ich mal wo gehört. Die wei­ßen Adern dieser Stei­ne zeich­nen eine Li­nie, die keinen geschlossenen Kreis bilden. Das Be­trach­ten von Kie­seln ist mit­un­ter genauso ziel­füh­rend wie die Be­tei­li­gung an Aus­schrei­bun­gen. Auf jeden Fall be­ru­hi­gen­der.

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Foto: C.E.

Mittwoch, 14. August 2019

Sprachspiel

Wie leben, ar­bei­ten und den­ken Dolmetscher? Wie ver­än­dert der Be­ruf ihr bzw. un­ser Leben? Da­rü­ber und über di­ver­se ty­pi­sche Situatio­nen aus der Ar­beit denke ich hier im 13. Jahr nach. Ich zähle zu den Fran­zö­sisch-Dol­met­schern, arbeite aber auch mit Eng­lisch (als Ausgangs­sprache). Tätig werde ich in Paris, Berlin, München, Cannes, Frankfurt, Lyon und dort, wo Sie mich brauchen.

Vertraute Hände
Wie beeinflusst der Be­ruf den Alltag? Wir spie­len mit Wör­tern ... oder die Wör­ter spie­len mit uns. Wir werden zum Me­dium für die Aus­sa­gen an­de­rer, die durch uns hin­durch in die an­de­ren Spra­chen rei­sen. "Wir den­ken mit dem Rücken­mark" beim Dol­met­schen, es pur­zelt direkt aus uns heraus, der Logik der Sprache des Vor­red­ners, des Haupt­red­ners, auf der Spur.

Und ich kann sogar im Halb­schlaf spre­chen. Für Außen­ste­hen­de klingt es so, als wäre ich schon wach. Für das di­rek­te Um­feld ist das in­des kei­ne Über­raschung mehr.

Nach diesen langen Vorreden sind wir endlich unter uns. Im Som­mer so­wie­so, da die halbe Re­pu­blik noch im Ur­laub ist. Daher kann ich mir heute etwas er­lauben, was sonst gar nicht ginge. Ich werde ero­tisch.

Am Morgen sammelt mensch ge­wöhn­lich alle Kör­perteile zusam­men. Das ge­schieht meist wort­los und einsam. Es geht aber auch mit Gegen­über.

Der Mann an meiner Seite hat sich neulich beim Fußball­spiel eine leichte Zerrung zugezogen. Daher kam es heute früh zu folgendem Monolog:
'Was macht das Kreuz, mein Herz?'
... fragt Caro. Das klingt ja
wie ein Kartenspiel.
'... und wie geht's eigentlich
Pik?'
"Du, mein Sprach-Ass!", hätte mein Gegenüber ant­wor­ten können. Hat er aber nicht. Er ist ja kein Dolmet­scher. Dann ging die Kommunikation wortlos weiter.

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Foto: C.E. (Archiv)

Freitag, 10. Mai 2019

Innerer Dialog

Seit mehr als zwölf Jahren beschreibe ich hier meinen sprachbetonten Alltag. Ich bin Kon­fe­renz­dol­metscherin und Übersetzerin, arbeite mit der fran­zö­sischen Spra­che ... und mit Eng­li­sch als Ausgangssprache. Meistens jedenfalls. 

"Fresse!" habe ich gesagt — zu mir selbst. Eine so direkte Ansprache ist sonst nicht meine Art. Dolmetscher sind ohnehin eher zwei Spuren höflicher als andere Zeit­ge­nos­sen. Diesmal aber war alles anders.

Neulich habe ich ins Engli­sche und aus dem Englischen gedolmetscht. Das war sehr interes­sant und eher lustig. Nur tief in mir drin gab es eine Stim­me, die fand das irgend­wie überhaupt nicht gut.

Dazu muss ich erwähnen, dass wir Dolmetscher Sprachen alphabetisch sortieren. "A" steht für die Muttersprache (Deutsch), "B" für die Hauptarbeitssprache (Ziel- und Ausgangssprache, bei mir Französisch) und "C" ist die so­ge­nann­te pas­si­ve Spra­che, die Aus­gangs­spra­che, in meinem Falle Eng­lisch. Hier habe ich Fra­gen ins Eng­li­sche gedol­metscht und die Ant­worten zurück ins Deutsche.

Da vorne bin ich irgendwo :-)
Das Unter­bewusst­sein wollte aber nicht Ru­he ge­ben. Es hat sich immer lauter ge­äu­ßert. Hat sich be­schwert: "Was machst du denn da? Du kannst doch gar kein Eng­lisch!" Mein Be­wusst­sein: "Hör doch hin, das klappt er­staun­lich gut!" Das Unter­bewusst­sein: "Du bist 'ne Hoch­sta­ple­rin." Mein Bewuss­tsein: "Fresse!"

Die Zeit, die es braucht, um an­dert­halb Ant­wor­ten zu dolmetschen, war ich ver­un­si­chert.

Das Ganze geschah mitten auf der Bü­hne des 29. Film­kunst­fests Schwe­rin. Aber ich habe mich schnell wieder gefangen. Ich liebe es, in echten Arbeits­si­tua­tio­nen die C-Sprache trainieren zu dürfen. Dieses Trai­nings­mo­ment war eher dis­kret; für das Pub­li­­kum habe ich die meis­te Zeit ins Deut­sche gedolmetscht. Dieses Jahr war Ir­land das Gast­land. Es gab viel Be­such. Es hat sich ange­fühlt, als wären sie alle nur für mich von der grü­nen Insel an­ge­reist. So schön! Ich liebe mei­nen Beruf. Trotz sol­cher inneren Dia­loge.

[Und ja, auch mit Jahr­zehn­ten Be­rufs­pra­xis auf dem Buckel, das Wort darf in­zwi­schen ins Plu­ral, ken­nen wir ge­le­gent­lich noch Lam­pen­fie­ber, Selbst­zwei­fel und Stress­ge­dan­ken, die die Rou­ti­ne tor­pe­die­ren. Adrenalin hilft uns, so hoch­gradig und dauer­haft auf­merk­sam zu sein, wie wir es müs­sen. Au­ßer­dem ähnelt ja auch die Art un­se­res Ar­bei­tens im­mer wieder Prü­fungs­situa­tio­nen frü­he­rer Zei­ten.]

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Foto: Stefan Koeck

Mittwoch, 9. Januar 2019

Telefonalphabet

Will­kom­men auf den Sei­ten mei­nes di­gi­ta­len Ar­beits­ta­ge­buchs. Hier dreht sich alles um Spra­chen, Kul­tu­ren und das Ver­mit­­teln zwi­schen den­selben. Ich ar­bei­te mit fol­genden Spra­chen: Fran­zö­sisch (Aus­gangs- und Ziel­spra­che) und Eng­lisch (nur Aus­gangs­sprache). Das Leben von Zweisprachigen kann kompliziert sein.

A - Alfa (international) - Anatole (FR) - Anton (DE)
 International — Französisch — Deutsch

Der Linguist aus Frankreich, der zu Zwei­spra­chig­keit forscht: "An Ihrer Aussprache habe ich Sie nicht erkannt, die klingt nach dem 6. Ar­ron­dis­se­ment von Paris, auch nicht an Ihrem Vo­ka­bu­lar und Ihrer Kennt­nis idiomatischer Re­de­wen­dun­gen, die sind wirklich vielfältig. Erkannt habe ich Deutsch als Ihre stär­kere Sprache, als Sie buchsta­biert haben. Nicht beim nor­ma­len Buchsta­bieren, sondern beim tele­fo­ni­schen Al­pha­bet. Sie haben 'A wie An­toine' gesagt und nicht 'A wie Anatole'." Ja, Antoine ist ein fran­zö­si­scher Name. Stimmt, im 6. Ar­ron­dis­se­ment habe ich stu­diert.

Und ich darf ergänzen: Bei Zahlen stolpere (oder zögere) ich auch noch manchmal, vor allem dann, wenn sie ellenlang sind. Die sind ja auch kompliziert auf Französisch!

In Frank­reich oder in Ge­gen­wart französischer Per­so­nen oder wenn ich ge­ra­de etwas auf Fran­zö­sisch gedacht habe, rechne ich auf Französisch, im deutsch­spra­chi­gen Kon­text auf Deutsch. Wenn ich aus Deutschland nach Frankreich te­le­fo­nie­re, geht das so: "Null, Null, Vier, Neun, un, quarante-et-un ..." Also sobald ich mit der Te­le­fon­num­mer über die Grenze bin, geht's auf Franzö­sisch weiter. Und um­ge­kehrt. Irgend­wie logisch.

Schlecht bin ich allerdings bei fran­zö­si­schen Wie­gen­lie­dern, Abzähl­ver­sen sowie bei Schlagern und den Namen von Kinder­sen­dungen im TV. Und wenn ich schlecht sage, dann meine ich wirklich schlecht.

P.S.: Die Buch­sta­bier­ta­bel­le ist übri­gens in ih­rer aktu­el­len Form das Er­geb­nis na­tio­nal­so­zia­lis­ti­scher Sprach­po­li­tik: Sa­muel wur­de 1934 durch Sieg­fri­ed ersetzt, um nur ein Bei­spiel zu nen­nen. Nach dem zwei­ten Welt­krieg wur­de das Te­le­fon­al­pha­bet nicht ent­na­zi­fi­ziert.

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Illustration: Netzfund

Donnerstag, 3. Mai 2018

Großraumbüro mit Zeitreise(n)

Bonjour, hel­lo und gu­ten Tag! Einblicke in das Leben von Spracharbeitern können Sie hier bekommen, vor allem mit­le­sen, wie Fran­zö­sisch­dol­met­scher und -über­setzer ar­bei­ten. Meine Fach­be­rei­che sind Politik, Wirt­schaft, Land­wirt­schaft, So­ziales und Kultur.

Im Groß­raum­bü­ro des Film­kunst­fests sitzen zwi­schen­durch fast alle, hier ist viel Trubel. Die Raum­situation hin­ter den Kulis­sen ist schon immer ähn­lich, nur die Adresse wech­selt ge­le­gent­­lich.

Treppe, die ins Nichts führt. Auf ihr lagert Festivalmaterial.
Treppe mit Regalfunktion
Vor ei­ni­gen Jah­ren waren Technik und Auf­en­thalts­raum im Vor­der­haus des Kinos selbst unter­ge­bracht. Das war legendär: Im Kino gab es im Foyer des ers­ten Stocks eine geheim­nis­volle Tür, durch die wir di­rekt in die Büros ge­lan­gen konnten. Der Gebäu­de­teil wurde danach saniert und meist­bie­tend wei­ter­ver­mie­tet. Diese Zei­ten sind also vorbei.
(Als Kind habe ich mir im­mer von einer solchen Woh­nung ge­träumt: Durch die ge­heime Tür in der Tapete oder der Holz­ver­klei­dung ins Kino­foyer gelangen oder am Fuß­bo­den in Bett­haupt­nä­he eine Klap­pe mit Spie­gel­sys­tem haben, durch die ich mir die Fil­me direkt auf die Zim­mer­decke pro­ji­zieren kann.)

Seit einiger Zeit werden für die Dauer des Festivals leer­ste­hende Büroräume oder Laden­ge­schäfte in der Nach­bar­schaft an­ge­mietet. Manchmal gibt es dann zwei Räume, manch­mal mehrere, aber im größten sitzen die meisten zu­sam­men und arbeiten.

Ich kann in diesem "Backstage-Bereich" ganz gut arbeiten. Das war mal anders, ich war früher kein Fan sol­cher Ar­beits­platz­si­tuatio­nen: Bei den Fran­zö­si­schen Film­ta­gen Tübingen, für die ich 2003 bis 2006 gearbeitet habe (in verschiedenen Rollen, als künstlerische Lei­terin, Kuratorin, Moderatorin, Dol­met­scherin ...), saß ich in zwei Jah­ren etliche Mo­na­te lang eng auf eng mit den an­de­ren und habe ge­lit­ten, weil ich po­ten­tiell über alles in­for­miert sein musste, mich aber lieber punk­tu­ell mit den Fragen be­schäf­tigt hätte. Hier in Schwe­rin habe ich eine klare Aufgabe zu er­fül­len und darf ansonsten die Ohren auf Durch­zug stellen. Bei zu viel Lärm hel­fen Oh­ro­pax.

Lus­tig dieses Jahr die Treppe, die der Vormieter abgehängt hat. Ich fühle mich, als ich diesen Anblick anspreche, zum ersten Mal im Leben alt, denn ich ha­be die Ber­li­ner Mau­er gesehen. Nur wer schon ei­ni­ge Jah­re mehr auf dem Buckel hat, kann sich an die U-Bahn-Linien erinnern, die unter Ost­berlin hin­durch­führ­ten von "West" nach "West" (als po­li­tische Him­mels­richtungen; geografisch war das aus dem Süden in den Norden beispielsweise). Die Zü­ge fuhren im Schritt­tempo durch die still­ge­leg­ten Bahn­höfe hindurch. Die Treppen wa­ren nach oben hin zu­ge­mauert und sa­hen dem Prin­zip nach genauso aus wie auf dem Fo­to hier, na­tür­lich ab­zü­glich des Mar­mors und der Ma­te­rial­hau­fen je Fes­­ti­­val­­sek­­tion. (Als Kind ha­be ich im­mer ge­dacht, dass diese Ber­lin­trep­­pen für Zwer­ge wä­­ren, die mit je­dem Schritt klei­ner wer­den müss­ten.)

Lesetipp: Heinz Knob­loch, Stadt­mit­te um­stei­gen — Ber­li­ner Phan­ta­sien. 1982, vie­le Neu­auf­la­gen bis 2002, Jaron Ver­lag Ber­lin 2002, ISBN 3-89773-042-1.

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Foto: C.E.

Montag, 22. Januar 2018

Großtischler

Hier bloggt eine Französischdolmetscherin. Der zweite Einsatz des Jahres führte mich mal wieder in die Botschaft Frankreichs am Pariser Platz.

großer Tisch, sprechende Hände
Konzentriert, nicht kopflos (man beachte die Steinquader)
In Büros und Arbeitszimmern gibt's die Menschen mit lee­­ren Schreib­ti­schen und die mit vol­len Schreib­ti­schen; Arbeitssoziologen und Auf­räum­­fach­­leute teilen die Welt in "Leer­tisch­ler" und "Voll­tischler" ein. Und jemand meinte sogar, dass Men­schen, die am Schreib­tisch nach der Methode der Plat­ten­tek­to­nik den Überblick be­hal­ten, Genies sein müssen.

Zu den Tischen in Besprechungsräumen gibt es noch keine Theorien. Diplomaten scheinen jedenfalls Großtischler zu sein. Mir fallen angesichts eines besonders mar­kan­ten Modells im Herzen Berlins Worte von sozialer Distanz ein. Dieses Modell signalisiert große räumliche Entfernungen. Unterschiede in Dis­tanz­be­dürf­nis­sen zu anderen sind auf die Zugehörigkeit zu Kasten, Schichten und sozialen Milieus zu­rück­zu­füh­ren, schießt es mir kurz durch den Kopf.

Mit näheren Momenten der Kontaktaufnahme versichern wir uns außerhalb des diplomatischen Parketts der Friedfertigkeit der Zeitgenossen, denen wir be­geg­nen. La bise, der französische Kuss, links und rechts auf die Wänglein gehaucht, ist im Grunde nur die olfaktorische Kontaktaufnahme, mit der wir uns absichern: Riecht der andere nach Angstschweiß oder eher nach Wut? Wird er friedlich bleiben?

Um weitere gemeinsame Grundlagen zu legen, essen und trinken die Menschen oft zusammen. Das klangvolle Anstoßen mit den Trinkgläsern diente einstmals der Prä­ven­tion vor Giftanschlägen: Es wurde üblicherweise mit so viel Schwung an­ge­sto­ßen, dass die Trinkgefäße übergeschwappt sind und dass aus dem Glase des einen Flüssigkeit in das Glas des anderen gelangt es und vice versa. Das war zu Zeiten, als die Mauern der Gebäude noch aus gestampftem Mist oder grob be­hauenen Stein­qua­dern be­­stan­­den haben.

In den Besprechungsräumen der französischen Botschaft kann derlei nicht pas­sie­ren. Viele kleine Fläschchen stehen auf Papierservietten an den jeweiligen Sitz­plätzen. Jede Form der Kontaktaufnahme, die über das Verbale hinausgeht, ist aus­ge­schlos­sen, Distanzlosigkeit ebenso. Der Tisch ist so breit, wie der Esstisch von kinderreichen Familien lang ist. Die große räumliche Entfernung macht es zu Be­ginn schwer, einander die Visitenkarten zukommen zu lassen. Alle beugen sich über die Platte, legen das Kärtchen auf die perfekt gewienerte Oberfläche, geben ihr einen großen Schubs, damit sie wie ein Schlittschuhläufer auf dem Eise an die ge­gen­über­lie­gende Seite segelt. Und meine Stimme muss auch lauter sein, als bei "Flüstereinsätzen" sonst üblich, um quer durch den Raum zu ge­langen.

Nein, keine weiteren Theorien. Ich muss jetzt weiter den Schreibtisch aufräumen. Etwas gegen die Kontinentaldrift tun. Wobei das mit der Genialität der Voll­tisch­ler in der Regel nur vorgetäuscht sei, meinen die Personalchefs.

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Foto: C.E.

Dienstag, 12. Dezember 2017

Kühner Strich

Fortsetzung zu vorgestern, allerdings um 4.13 Uhr ...

Der Traum malt, setzt mit kühnen Pinselstrichen große Farbflächen auf die Lein­wand, die Dolmetscherin dolmetscht, sieht genauer hin, kichert und wacht auf.

"Vom Schlaf 'gezeichnet'" hab ich mir immer anders vorstellt, nämlich mit Kis­sen­mar­ken auf der Backe.

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Bild: folgt

Donnerstag, 7. September 2017

Sommerrückblick in Fotos (4)

Bonjour, guten Tag, hello! Sie lesen im Blog einer Konferenzdolmetscherin für die französische Sprache. Außerdem arbeite ich für Privatkunden und europäische Betriebsratssitzungen, bei Delegations- und Studienreisen, für TV und Radio, im Kino und bei Festivals.

Dreharbeiten aus der Vogelperspektive
"Und bitte!"
Diesen Sommer war ich für den Beruf, im Ehrenamt sowie als Urlaubsreisende mit Fa­mi­lie unterwegs. Meine Rück­blicke bringe ich diese Wo­che.

Die Kamera war zu schwach: Wir sind privat untergebracht und dolmetschen tagsüber. Es ist heiß. Es ist sehr heiß. Ir­gend­ wann schlafe ich vor Er­schöp­fung ein.

Dann träume ich von Dreharbeiten. Ich wache auf, finde nicht mehr in den Schlaf zurück, nestele mir die Ohropax aus den Lauschern.

Und beobachte aus dem Fenster einen Nachwuchsdreh.

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Foto: C.E.

Montag, 24. Juli 2017

Hilfsmittel

Hier bloggt eine Dol­met­sche­rin. Ich arbeite ins Fran­zö­si­sche und Deut­sche. Aus­gangs­spra­chen sind DE, FR und EN. Da­ne­ben über­setze ich auch (mit Deutsch als Ziel­sprache).

Kaputtes Glas
"Hochbrechendes Glas" 2.0
Dolmetscherinnen können arbeiten, auch wenn sie nur wenig sehen. Aber die Ar­beit als Übersetzerin ist ohne gutes Augenlicht oder korrigierte Werte nicht mög­lich. Mei­ne Brille hat mich (vorübergehend) ver­las­sen. Ersatzbeschaffung, Reparatur (Lie­fer­zeit: zwei Wochen) und das Jonglieren mit Zweit­seh­­hil­fen, verschärft durch eine Bin­de­haut­ent­zün­dung, das sind Sommer­ereig­nisse in Kaskade, wie ich sie gerne aus­ge­las­sen hätte. Denn die Kontakt­linsen fielen durch die Ent­zün­dung zu­nächst als Ersatz aus.

Ohne Hilfsmittel sehe ich exakt acht Zen­ti­me­ter weit scharf. Das entspricht Wer­ten im knapp zwei­stel­li­gen Mi­nus­be­reich.

Die schlechten Augen sind erblich. Das bedeutet zugleich Glück im Unglück: Nach Auf­bringung von etwas Geduld habe ich nach einer Reise jetzt gebrauchte Er­satz­glä­ser |in der Hand| auf der Nase, die mich we­nigs­tens für einige Stunden am Tag die wichtigsten Dinge des Tages selbst­stän­dig er­le­di­gen lassen, denn sie kommen meinen schlechten Werten einigermaßen nahe. Anstrengender ist der Alltag trotz­dem noch. Und der Rechner zu­hau­se hat eine Diktier­funktion. Damit muss ich "nur" Korrekturlesen.

Was gibt's Neues in der Branche? Die Berliner Schüler haben Sommerferien, viele Menschen sind verreist. Nur wenige Dol­met­sche­rin­nen sind in der Hauptstadt ge­blie­ben und kümmern sich um Notfälle. Ich hoffe nach dem eigenen Stress auf ruhige Tage.

ZDF enterprises sucht Werk­stu­denten für die (ich nehme stark an überwiegend ein­spra­chige) "Untertitelung von Spiel- und Dokumentarfilmen, Shows und Serien so­wie Social-Media-Clips", das "Kürzen und Redigieren von Texten für die Un­ter­ti­te­lung für deutsche, österreichische und inter­nationale Kunden", dem "ge­wis­­sen­haf­te Re­cherche von Fakten und Schreibweisen vorausgehen" sollte (Ausschreibungstext in Anführungszeichen).

Früher war Untertitler ein Beruf für zumeist fertigstudierte Menschen, die mit ih­rem Einkommen Kinder ernähren, ein Haus bauen und Geld fürs Alter zu­rück­le­gen konnten. Heute werden von den Sendern Studenten angesprochen, andere, die in der Futter­kette weiter unten stehen, greifen auf Hausfrauen und Schüler zurück.

Darum sind die Titel oft so, wie sie sind. Professionelle Arbeit setzt Wissen, Bil­dung und Erfahrung sowie Lektoren voraus. Ausnahmen, wo der Nach­wuchs früh­voll­en­det groß­ar­tig ar­bei­tet, sind Glücks­fälle, aber eben nicht die Re­gel.

Drei Köpfe, sechs Brillengläser ...
Modell "Heinz Ehrhardt" (links), Modell "Heiner Müller" (rechts)
Ich finde barrierefreie Me­dien wirklich großartig und wünschte mir, dass die Ar­beit daran auch an­ge­mes­sen bezahlt wird. Mögen die Ver­ant­wort­li­chen bitte mal ganz genau hinsehen!
Mit oder ohne visuelle Hilfs­mit­tel.

Und mit meinen schlechten Augen habe ich die Hörfassungen mancher Filme zu schätzen gelernt.

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Fotos: C.E.

Freitag, 12. Mai 2017

Kopfkino (1)

Ob geplant oder zufällig, Sie sind auf den Weblogseiten einer Wortarbeiterin ge­lan­det. Ich dolmetsche und übersetze für Wirtschaft, Politik und Industrie, da­run­ter auch für die Filmindustrie. Arbeitssprachen sind DE, FR und EN. Heute startet eine neue Reihe, mal schauen, ob ich die etabliert bekomme: Kopfkino.

Schlechte Kalauer scheinen unter deutschen Frisören besonders groß in Mode zu sein. Wann hat das bei denen eigentlich angefangen?

Wandmalerei: Kopfkino
Gesehen in Berlin-Kreuzberg
Ihre Boutiquen nennen sie "Chronicle head crash", "Abschnitt", "Haupt-Sache" (in Ge­richts­nähe), "Cre­Haar­tiv", "Kai­ser­schnitt" (am Krankenhaus), "Schnipp & ab", "Vier Haareszeiten", "Kamm in", "Hair­zi­lein", "Um Haaresbreite", "Haarem", "Schnitt­stel­le", "Hairlich", "Hair­schafts­zei­ten" und was derart Sprachgrausamkeiten mehr sind.

In meiner Kindheit und Jugend haben wir uns wenigstens noch in den Räumen von "Haarmoden Retzer", der lag in Sachsen, da brachten wir das eigene Handtuch mit, oder im "Salon Bella", bei "Barbara's Bar­ber's" oder "Pfaff's Haarstudio" ein­sei­fen und beschnippeln lassen, wie sich's ge­hört mit Dep­pen­apostroph.

Simon Coiffeur de famille, Audebert Coiffure, La Bottega del Coiffeur heißen die entsprechenden Läden in Paris. Das geht alles in Richtung der guten altdeutschen "Haar­ins­ti­tu­te". Franzosen gehen ja gemeinhin zum Coiffeur, wo sie sich eine neue coiffure verpassen oder nur die Spitzen nachschneiden lassen. Der deutsche Be­griff "Fri­seur", ein echter "falscher Freund", klingt für französische Ohren lustig, heißt er doch übersetzt "Lockenmacher".

Wennschon, dennschon. Jetzt kommt die Filmidee. Ich bin für "Brainwash": Der La­den, irgendwo im Norden Neukölln, so stelle ich ihn mir vor, ist hin­ten Wasch­sa­lon für Wäsche, vorne Salon für Haare und Teesalon für alle anderen. Das Eta­blis­se­mang liegt in einem Hin­ter­hof­ne­ben­ge­bäu­de aus roten Ziegeln und hält aus­schließ­lich politische Zeitungen und LETTRE, außerdem werden Hennafärbungen der Hän­de angeboten, denn direkt daneben liegt eine Bauchtanzschule.

Schriftzug auf Papier: Frühling eingetroffen
Heute war es endlich mal warm
Sobald es wärmer wird, sitzen viele draußen im Hof, dann dringt die Musik nicht nur durch die Wände.

Bis vor einigen Jahren war "Brainwash" im Bezirk Prenz­lau­er Berg ansässig, aber dort be­sitzen in­zwi­schen alle ihre ei­ge­nen Wasch­ma­schi­nen und die Edelcoiffeure haben seit langem den Wett­kampf für sich ent­schie­den.

Das Vorbild für den Laden habe ich vor vielen Jahren mal in San Francisco besucht, dort gibt's im Brainwash Cafe & Laundromat die Kombi Kaffee und Wäsche.

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Foto: C.E.