Donnerstag, 20. Juni 2019

Berliner Toponomien (1)

Hier bloggt ei­ne Über­set­ze­rin und Dol­met­sche­rin — mal mehr, ar­beits-­ und fa­mi­lien­be­dingt mal weniger. Was ich im Beruf er­le­be, können Sie hier in Ausschnitten verfolgen. Wir ar­bei­ten als Team über­wie­gend in Ber­lin, aber auch in Pa­ris, Mün­chen, Cannes und dort, wo man uns braucht. Sogar ge­le­gent­lich in Brüs­sel ...

Gestern in einer Sitzung mit Dolmetscherin: Demnächst werde sich ja auch in Bran­den­burg etwas tun. Zum Beispiel in Hoppegarten.

Die Autorin mit sieben auf Revel.
(Füße zu tief in den Steigbügeln!)
Der Ortsname war nicht relevant für den Gast aus Frank­reich, ich habe à la lisière est de Berlin ge­dol­metscht, am östlichen Stadt­rand.

In der Pause dann die Er­in­ne­rung und mein Grinsen. Die Berliner be­nen­nen ja komische Dinge gerne mit noch ko­mi­scheren Namen wie Bierpinsel (für ein Be­ton­baum­haus­res­tau­rant an der Autobahn), Tele­spargel (Fernseh­turm) oder Gold­else (naja, für die Goldelse halt).

Als ich nach Berlin gekommen bin, habe ich gewusst, dass es in der Stadt eine Rennbahn gibt, im Osten. Dann hörte ich zum ers­ten Mal "Hop­pe­garten". Abgeleitet von "Hop­pe, hop­pe Reiter, wenn er fällt, dann schreit er" habe ich das für eine weitere berlin­ty­pi­sche Verball­hornung gehalten.

Dabei handelt es sich hier um eine echte Gemeinde, und das "Hoppe..." leitet sich von "Hopfen" ab.

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Foto: Otto-Heinrich Elias

Sonntag, 16. Juni 2019

Vertikalgarten

Was Über­setzer und Dol­met­scher beschäf­tigt, können Sie hier mitlesen. Seit vie­len Jahren be­rich­te ich über diese Berufe und meinen sprach­be­ton­ten Alltag. Sonntags werde ich privat: Sonn­tags­fotos!

Wer beruflich und familien­bedingt oft un­ter­wegs ist, zum Glück über­neh­men hier das Gie­ßen auch an­dere, freut sich über beschauliche Mo­mente zuhause. Es ist Mitte Juni. In Berlin duften dem Ver­neh­men nach seit 14 Tagen die Lin­­den­­blü­ten.

Pflanzen, die unter Wasser stehen; die Brüstung ebenso
Balkonregen
Mein Urlaub auf Bal­ko­nien steht bevor. Die Kongress­sai­son neigt sich schon wie­der dem Ende zu, nach­dem sie gerade erst ein wenig Fahrt aufge­nommen hatte. Bis April waren die Augen aller nach England ge­rich­tet, diese Dis­kus­sionen wurden nicht auf Fran­zö­sisch geführt. Im Mai brach der Europa­wahl­kampf aus. Im Juni haben wir mehr oder we­ni­ger nor­mal gearbeitet.

Für die Sommerpause lasse ich mir den Balkon "aufmotzen". Auf den Mil­li­meter genau passt der Vertikal­garten in eine Nische, an Bücher­regal­stan­gen ein­ge­hängt, damit keine Boh­rung an/an der Fassade erfolgen muss. Derlei ist nämlich gesetz­lich ver­bo­ten.

François Rossier, mein handy man, einer, der schon seit vielen Jahren Up­cyc­ling betreibt, hatte diese und weitere Stangen acht Jahre lang in der Nähe von Vevey (Schweiz) in seinem Kinderzimmer. Einge­hängt waren Bücher­re­gal­ele­men­te, die gleich­zeitig ein Raum­teiler waren.

Vertikalgarten aus verzinktem Blech
Mit den ersten Pflanzen und Pikiertem
Das hier verwendete Vertikalgartensystem wurde zum Teil beim Transport leicht be­schä­digt, das tut seiner Nutzung (bis auf einen Kasten, dessen Träger fast aus­ge­ris­sen sind) aber keinen Ab­bruch. Die Krat­zer wer­den wohl schon bald Pflan­zen bedecken.

Noch schaut's nackt aus. Pflück­salat hatte ich vorher nie, das ist ein No­vum. Sonst ha­be ich vor allem Kü­chen­­kräu­ter und in­­sek­­ten­­­freund­liche Blüh­­pflan­zen. Ganz links: Ei­ne von zwei Yuccas meines Va­ters, die letztes Jahr hin­über schie­nen, haben sich nach län­ge­rer Beden­k­zeit be­rap­­pelt! Die Mut­ter­pflan­ze dazu stammt aus der Vil­la der säch­si­schen Urahnen.

Hummelweide
Nur schief wird der Ver­ti­kal­gar­ten wei­ter­hin ein bizzeli aussehen, denn das Haus ist krumm und schief (Altbau von 1905). Aber das macht nüüt. (Kleine Schweizerismen melden sich im Kopf.)

Ich bin sehr glücklich über diese Lösung. Bald ist der nächste Ein­bau in der Woh­nung dran, Schuh­regal­bretter in einem ver­schlos­se­nen Durch­gang zur Nachbar­wohnung. Wenn man erst­mal einige Jahre an einem Ort lebt, kennt man seine Stär­ken und Schwä­chen und kann An­pas­sun­gen vor­neh­men (lassen). Zitat François: Les so­lu­tions se suc­cè­dent et ne se res­sem­blent pas. "Die Lö­sun­gen fol­gen ein­ander und sind nicht gleich."

Das Foto ganz oben zeigt den Blick das Maybach­ufer runter. Auf der Straße scheint die Sonne, das Pflaster ist trocken, die Sonn­tags­aus­flügler konnen sor­gen­frei ra­deln. Auf dem Balkon regnet es. Das ist immer der (zusätz­li­che und unbeab­sich­tig­te) Gieß­ser­vice mei­ner Nach­ba­rin­nen. Einige Zeit war er aus­ge­blieben, ich hatte mir schon Sorgen gemacht. Jetzt ist er wieder da! Ein Glück!

Vokabelnotiz
bizzeli — ein bisschen, ein wenig
nüüt — nichts

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Fotos: C.E. / Dieser Post wurde durch
www.upcycling.mobi ermöglicht, merci
beaucoup
, und ist kein bezahlter Inhalt.

Mittwoch, 5. Juni 2019

Im Flow

Guten Tag, bonjour & hello! Was Dol­met­scher und Über­setzer so alles er­le­ben, können Sie hier mitlesen. Wir ar­bei­ten als Team über­wie­gend in Ber­lin, aber auch in Pa­ris, Köln, Reims und dort, wo man uns braucht. Wo immer wir tätig sind, das Arbeitszimmer steht immer im Mittelpunkt. Dort sind wir nicht immer allein.

Als ich heute Mittag vom Außen­termin nach Hause komme, sitzt ein Kind bei uns auf der Treppe. Das Mäd­chen hatte hitzefrei und seine Mutter war kurzfristig beim Arzt. Sonst sei es ja ein Schlüsselkind, sagt es, nur heute hätte es den Schlüssel ver­ges­sen. Ich biete ihm den Bespre­chungs­tisch in meinem Arbeits­zimmer an und etwas zu trinken. (Hunger hat es nicht, die Hitze!) Es macht Haus­auf­gaben. Parallel dazu habe ich per Skype ein Vorstel­lungs­gespräch mit ei­nem Kunden, für den ich vielleicht im Herbst als Me­dien­­dol­­met­scherin arbeiten werde.

Castingähnliche Verhältnisse beim Dolmetschen sind neu. Hier geht es vor allem um Stimme und Prosodie. Ich darf probedolmetschen. Die Grundschü­le­rin in mei­nem Rücken schaut auf, beobachtet mich dabei aufmerksam (so sagt es später mein Gegenüber in Frankreich).

Vierjährige mit Teddy sitzt auf dem Esstisch
Zu klein für Schlüsselkind (1929)
Auf dem Monitor vor mir läuft die Auf­nahme einer Red­nerin ab. Da­ne­ben ist eine Vokabel­liste geöffnet. Ich setze mir nur einen Kopf­hörer auf, die Mu­schel des anderen Ohrs er­gänze ich, in dem ich mit der Hand ei­ne Art zweiter Mu­schel bilde, um meine ei­ge­ne Stim­me bes­ser zu hören. Ich ha­be die Red­nerin fest im Blick. Kurz schaue ich eine Vo­ka­bel nach.

Nach eini­gen Minu­ten bin ich "drin", sitze ruhig da, schließe die Augen und tauche tief ein in die Rede. Der Flow stellt sich ein, diese Versunkenheit, in der Spre­che­rin, die Dame vom Monitor, und Nach­spre­che­rin, also ich, wie mit einer Stim­me sprechen.

Dann ist der Test auch schon vorbei. Das Kind macht mit den Haus­auf­gaben weiter, dieses Mal fällt mir die Dy­na­mik­än­derung neben bzw. schräg hinter mir auf. Am Ende fragt mich der Inter­viewer in Frank­reich, ein Kollege, ob ich noch eine Frage hätte. Erstmal nicht.

Wir kom­men auf das Kind zu spre­chen (das uns nicht ver­steht). Der Interviewer, ein Kollege, lobt es für seine Kon­zen­triert­heit. Er hält es für meine Tochter. Ich kläre das Miss­verständ­nis auf und wir suchen ge­mein­sam noch das französische Wort für "Schlüssel­kind". Das gibt es nicht, sowas ist wie die Ganz­tags­schule jen­seits des Rheins nicht der Rede wert.

Als Entspre­chung für den Drei­silber "Schlüsselkind" kommen wir auf die Um­schrei­bung enfant qui a la clef pour rentrer chez lui en l’absence de ses parents. Das sind 18 Silben. In der Dol­met­scherkabine, wo Zeit rar ist, ein Ding der Un­mög­lichkeit.

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Foto: eigenes Archiv

Montag, 3. Juni 2019

Auf dem Schreibtisch (LI)

Über den Arbeitsalltag einer Dolmetscherin können Sie hier einiges lesen. Wenn ich nicht Konferenzen vertone, sitze ich am Über­set­zer­schreib­tisch. Blick auf den Schreibtisch!

Ein Tag mit Hob­by­haar­spal­ter­klein­knü­sel­kram: Ich darf ein Gutachten über ein missglücktes Aufsatz­­über­set­zungs­lek­­torat schreiben. Ich ver­wen­de hier bewusst das Wort "dür­fen" und nicht müs­sen. Das ist kei­ne schö­ne Auf­gabe.

Ein Arbeitszimmer vom Ende des 19. Jahrhunders
Ein Gericht hat mich be­auf­tragt. Hin­ter­grund: Der "Pro­jekt­ma­na­ger" einer "Agen­tur" hat sich wieder mal wie ein kulturloser Im­mo­bi­lien­makler ver­hal­ten. Die Übersetzung war von einer Nach­wuchs­­kraft er­stellt wor­den, das "Lek­to­rat" stammt von einem Haus­mann und früheren Lehr­amts­stu­den­ten. Es ist un­brauch­bar, voller Wi­der­sprü­che und Un­ge­reimt­hei­ten.

Nichts gegen Lehrer. Ich verdanke meinen Leh­rer­in­nen und Lehrern sehr viel und war ja selbst jahrelang Hoch­schul­lehrerin, aber das hier haut hinten und vorne nicht hin.

Außerdem steht ein größerer Kosten­­vor­anschlag an: Drei Stunden Präsenz, davon zwei Stunden Dol­­metschen zum Zeitpunkt, zu dem die Saison ausklingt ... nicht einfach, da den an­ge­mes­senen Preis zu finden.

Was hier sonst noch über den Tisch geht: Texte zum Thema kulturelles Miteinander und Res­pekt in unseren sich verän­dernden Gesell­schaften, SPD-Krise ... und die Themen der letzten Woche be­schäf­ti­gen mich weiter.

Endlich konnte ich das Wort Hob­­by­­haar­­spal­­ter­­klein­­knü­­sel­­kram einmal in ei­nem Blogpost un­ter­bringen. Nein, dieses Mal habe ich keine Wette verloren!

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Foto: eigenes Archiv

Sonntag, 2. Juni 2019

Ein Tag am Wasser

Bonjour, hello, guten Tag. Seit zwölf Jahren bloggt hier eine Dol­met­sche­rin, übli­­cher­­wei­se mehr­mals die Woche. Die Frühjahrssaison, kaum angefangen, neigt sich schon wieder ihrem Ende engegen. Zeit für die Rückkehr zu eigenen Schreib­ar­bei­ten und fürs Aus­span­nen.
  
Kinder am Wasser, Ball, Bäume, Segelboot
Am Wannsee
Ein Tag am Wasser kann sehr erfri­schend sein. Berlin ist eine der wasser­reichsten Großstädte Europas. Und in der Natur wird auch deut­lich, dass diese Stadt in­zwi­schen eine Weltstadt ist, so viele Sprachen wer­den hier gesprochen.

Was ich sehe wirkt zeitlos: der Ball des Kindes, das Segel­schiff, die Bäume. Allein die Bade­mode könnte könnte einen Hin­weis darstel­len. Nun leben wir zum Glück wieder in Zeiten, in denen Mode nicht so wichtig ist, zumindest in Berlin.

Liegeplatz mit Grenzlinie
Das gilt für die Post­ma­teriellen jeden Alters, be­son­ders aber für junge Leute in Stu­dium oder Aus­bil­dung sowie für Jugendliche, die die Ernsthaf­tigkeit der Klimakrise verstanden haben. Also sind unter­schiedlich geschnittene Badehosen, -anzüge und Bikinis gleichzeitig zu sehen.

Wer weiter rausfährt, braucht sogar an vielen Stellen gar keine Bade­textilien mehr. Hier sind sich die Deut­schen aus Ost und West sehr eing.

Es wird gesegelt, mit Booten gefahren, es werden Sand­burgen und -frauen in den mär­ki­schen Sand gegraben, die einstige "Streu­sand­büchse Preußens".

Abends wird es kühl, die Schatten werden länger. Men­schen nehmen das Aus­flugs­schiff, um den Son­nen­tag zu verlängern.
Umkleidehäuschen
Am Morgen noch geschlossen
Menschen auf dem Ausflugsdampfer, Bild aus den 1920-er Jahren
Herrschaften, alle mal hersehen!

Sie haben es gemerkt, ich habe hier Bilder ver­schie­de­ner Epochen durch­ein­an­dergeworfen. Manch­mal ist es schö­ner, ohne Ka­mera los­zu­ziehen und die Ein­drücke nur auf die Bildplatte der Erinnerungen zu brennen.

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Fotos: C.E. (Bild 2. und 3) und eigenes Archiv