Dienstag, 19. Januar 2021

Ein kurzes Vorwort

Bonjour und herz­lich will­kom­men auf meinen Webs­eiten! Was Dolmetscher und Dolmetscherinnen umtreibt und beschäftigt, können Sie hier seit 2007 mitlesen. Derzeit finden allerdings coronabedingt wenig Präsenzveranstaltungen statt. Die Arbeit ändert sich.

Solidaritaet ist mehr als Haendewaschen (Plakat)
Am Maybachufer in Berlin
In Coronazeiten sind wir der­zeit nie mit vielen Kun­den im selben Raum, in Kon­gress­zen­trum oder Ta­gung­shaus oder unterwegs auf De­le­ga­tions­reise, das fällt gerade kom­plett aus. Trotz­dem sind wir wei­ter­hin für unsere Kun­den da. Wir dol­met­schen beim Stan­desa­mt oder im Kran­ken­haus, bei Werks­be­sich­ti­gun­gen, Fortbil­dun­gen und Hin­ter­grund­ge­sprä­chen.

Alles, was in kleinen Formaten mit nur wenig Gästen und unter Berücksichtigung aller Hygienevorschriften stattfindet, ist möglich. Immer öf­ter wird On­line­dol­met­schen nach­ge­fragt, konsekutiv (in Sprechpausen hinein) oder simultan. Weil diese Art der Übertragung für alle an­stren­gen­der ist, kleiner Bildschirm, gestauch­te und damit un­na­tür­liche Tonebene, Rauschen, Echos oder Zeit­ver­zö­ge­run­gen, dauern diese Einheiten meistens nicht so lang.

Wir bieten keine Bü­ro­sprech­stun­den an, haben allerdings neulich, als es ein­mal un­um­gänglich war sich zu treffen, mal eben eine Kurzbesprechung mit ex­ter­nen Gäs­ten in den Hofgarten ver­legt. Wie dem auch sei: Wir freuen uns auf Ihre An­fra­ge!

Und da wir nicht nur Spracharbeiterinnen und Spracharbeiter sind, sondern auch Menschen, die beobachten und ihre Zeit dokumentieren, in der wir leben, finden Sie auf den folgenden Seiten mein COVIDiary.

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Foto: C.E.

COVIDiary (246)

Mit­ten in ei­nen Blog aus der Dol­met­scherwelt sind Sie hinein­ge­ra­ten: Bon­jour und herz­lich will­kom­men! Meine Arbeitssprachen sind Französisch, Deutsch und Eng­lisch. Ich habe Ka­pa­zitäten frei, Corona macht's möglich. Norma­ler­weise würde ich mich jetzt auf die Ber­li­na­le vor­be­rei­ten. Ach, Kino ...

Bei über­lan­gen Auto­fahrten oder Flug­reisen stellt sich bei vie­len eine Art Selbst­aufgabe ein, ein hohes Maß an Gleich­gül­tig­keit, was das Errei­chen des Ziels an­geht, denn durchs Sind-wir-bald-dahaa?-Fragen wird die Sache auch nicht schnel­ler. Also eine Form der egobe­freiten Ver­lo­renheit, des Sich-Ein­las­sens auf das Unausweichliche.

So geht es mir seit Ende Dezember 2018, als ich mich mit einer aty­pischen Virus­grippe aus der Welt zurück­ge­zo­gen und mir fast die Lunge aus dem Leib gehustet habe. So geht es uns kol­lek­tiv seit Mitte März, seit dem ersten Shutdown.

Ach, wenn nur selbstvergessenes Ignorien Dinge ungeschehen machen könnte! Das zum Beispiel: Gestern ist in Paris mit noch nicht einmal 70 Jahren der Schau­spieler und Dreh­buch­autor Jean-Pierre Bacri gestorben, der immer die Grantler gegeben hat, eine wenig glamouröse Größe des französischen Film- und Theater­schaffens, der be­son­ders Antihelden mit Tiefgang grandios verkörpert hat. "Lust auf anderes" an der Seite von Agnès Jaoui ist in Deutschland vielleicht sein bekann­tester Film. Die beiden hat ein wunderbarer Humor und eine hohe Sensibilität in der Be­ob­ach­tung von All­täglichem verbunden. Er wird fehlen.

Für Sprach­fans wie mich ist natürlich eine besondere Szene in bester Erinnerung, es geht um den Versuch, Eng­lisch zu sprechen. Die Film­wis­sen­schaft­lerin in mir sagt: Diese Szene ist eine stille Wür­digung von Truf­fauts "Sie küssten und sie schlu­gen ihn" (Les 400 coups), ich sage nur Schule, Lehrer und Where is the father?


 

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Filme:
Le goût des autres (Bacri/Jaoui),
Les 400 coups (Truffaut)

Montag, 18. Januar 2021

COVIDiary (245)

Herzlich will­kom­men! Hier bloggt ei­ne Dol­met­sche­rin. Was Konferenzdolmetscher und Übersetzer machen, wie sie arbeiten, wie sie leben, ist hier seit 2007 re­gel­mä­ßig Thema. Außerdem denke ich über die Sprach nach. Der Corona­virus hat aus dem Arbeits­ta­ge­buch ein subjekti­ves COVIDiary gemacht.

Blaue Stunde in Kreuzberg

Heute könnte der "Blaue Montag" sein. Der Begriff heißt auf Englisch Blue Monday und gilt als der deprimierendste Tag des Jahres.

Begriff und Datumswahl gehen auf Dr. Cliff Arnall zurück, einen Forscher am Center for Lifelong Learning der Universität Cardiff. Der Tag wird nach folgenden Faktoren be­stimmt: Wetter, Schuldenstand, Zeit seit Weihnachten, Zeit seit dem Scheitern der Neujahrsvorsätze, geringe Motivation sowie das drängende Gefühl, etwas ändern zu müssen. 

Dieses Wort und anderen Input erhalte ich mit einer täglichen Vo­ka­bel­mail vom Urban Dictionnary. Dies ist ein Lerntipp. Die Be­grif­fe schrei­be ich in Vo­ka­bel­hef­te für die Man­tel­­tasche.

Mein Blue Monday-Gefühl macht das hier aus: 27 Prozent der Ar­beit­neh­mer/innen haben im April letzten Jah­res von Zu­hau­se aus gear­beitet, nur noch 15 Prozent im No­vember. Die Wis­sen­schaft hat errech­net, dass 56 Prozent vom "Home Office" aus arbei­ten könnten. Ohne Zwang scheint derzeit in Deutsch­land wenig zu laufen. Depres­sing.

Und ich mache heute blau. Naja, nicht wirklich. Nur ein biss­chen, der Sprache wegen.

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Foto:
C.E. (Archiv)

Sonntag, 17. Januar 2021

COVIDiary (244)

Bon­jour & hel­lo! Aus dem Ar­beits­le­ben der Über­set­zer und Dol­met­scher kön­nen Sie hier einiges erfahren. Ich ar­beite mit den Sprachen Französisch, Deutsch und Eng­lisch. Durch Corona reise ich räumlich derzeit weniger durch den Raum, dafür durch die Zeit und die Kulturen, außerdem durch die privaten Räume. Mein Sonn­tags­bild.

Symbole zur Atemschutzmaske in einem Spielzeugladen
Die Maske, ein Kinderspiel
Heu­te sol­len an die 200 Men­schen in Ber­lin-Wedding einen Gottesdienst ge­fei­ert haben, oh­ne Mund­schutz und Abstand, gestern wurde nicht weit davon entfernt eine Hochzeitsparty mit 60 Leu­ten von der Po­li­zei hochgenommen, vor einigen Tagen ein Kin­der­ge­burt­stag von an die 30 Eltern und Kindern und sogar eine Betriebs­feier. Als da die Polizei an­kam, hät­ten sich Gäs­te im Bade­zim­mer und in Schrän­ken ver­steckt. Der Chef soll unter dem Tisch ge­kau­ert haben.

Das ist natürlich eine Filmszene für da­nach. Jetzt ist es noch nicht witzig.

Was bitte ist an den Vorsichtsmaßnahmen so schwer zu verstehen?

Wie kann es sein, dass Leug­ner ihre Ehe­frauen auslachen, wenn sie sich, mit dem Co­ro­na­virus infiziert, aus dem Alltag verabschieden? In den USA soll ein Leugner noch auf dem Weg in die In­ten­siv­station abge­stritten haben, an Covid-19 erkrankt zu sein.

Schneeleute, Schneemann, Schneemänner
Einer lacht, einer motzt
Ein schlechtes Filmbild ist das.

Sonntagsspaziergänge in Neu­kölln und Kreuz­berg bedeuten Sla­lom­lau­fen oder Gänge durch die Stra­ßen, wobei wir nur kurz die Park­ge­bie­te streifen. In un­se­ren Be­zir­ken haben wir zu wenig Parks. Die Tro­pen­som­mer sowie die Co­ro­na­spa­zier­gän­ge verändern bei den durch­schnitt­li­chen Spa­zier­gän­gen den Blick auf Frei­­räume wie das Tem­pel­ho­fer Feld, das wichtiger ist denn je. 

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Fotos:
Friederike & Caroline E. 

Samstag, 16. Januar 2021

­COVIDiary (243)

Will­kom­men bei mei­nem Blog aus der Ar­beit­swelt. Wie Dol­metscher und Über­set­zer ar­beiten, ist oft nicht gut be­kannt. Seit die Pan­demie aus­ge­brochen ist, fin­den kaum noch Konferenzen statt (normalerweise arbeite ich mit den Sprachen Französisch und Englisch). Das ist keine einfache Sache. 

Als Nach­trag hier mein Link der Woche. Frei­be­rufler haben es in der aktuellen Co­ro­na­la­ge schwer, unterstützt zu werden. Viele Dol­metscher/innen kommen nur knapp durch die Krise, gehen an Bauspar­verträge oder Renten­rücklagen oder neh­men Kredite auf, um zu überleben oder um ihren Arbeitsplatz zu digitalisieren, was wichtig ist, um wett­bewerbs­fähig zu bleiben. In einem Netzwerkumfeld habe ich neulich die Kolleginnen und Kol­legen nach den Krisenfolgen gefragt, weil ich mehr erfah­ren wollte über die allge­meine Lage als das, was ich von meinem Netz­werk weiß.

Tagelang kam keine Antwort. Und kaum eine andere Reaktion. Dann, nach meinem pro­vo­kanten: "Dann geht es allen gut?" kam schüchtern ein: " ... es gibt andere, de­nen geht es schlechter." Das ist ein eindrucksvolles Beispiel für unsere Branche. Unsere Arbeit besteht ja zentral darin, uns in andere hineinzuversetzen. Dass wir damit täglich die Empathie trainieren, ist logisch.

kaputte Puppe
Gesehen in Neukölln
Kinder aus Familien mit wenig Geld und vielen Geschwistern leiden mehr, wo der eigene Computer zum Lernen bzw. der Rückzugsort fehlen, Men­schen ohne Zu­ver­dienst­mög­­lich­­kei­­ten bei von der Po­li­tik zu tief angesetzten So­zial­gel­dern, denn diese orien­tie­ren sich an den Aus­ga­ben älterer Menschen, die aus dem Vor­han­de­nen wirtschaften. Oder denken wir an Menschen ohne Wohnung ...

Meiner Meinung nach soll­te aber auch un­sere Bran­che über unsere Situ­ation offen kom­mu­nizieren. Aus den Wirtschaftshilfen bezahlt manches Unternehmen alte Rech­nun­gen, die zu Beginn der Krise nicht hono­riert worden sind. Viele Firmen aus der Medien- und Kul­tur­bran­che finanzieren die laufenden Kosten aus den Vorschüs­sen für das Nach­fol­gende, jong­lie­ren mit Zahlungs­fristen, dadurch entstehen schon mal Zeit­ver­zö­ge­run­gen. Wenn die Kette abreißt, sitzen andere im Nassen. Es hängt halt alles mit allem zusammen. Ich freue mich über jede Firma, die ihrer Pflicht nach­kom­mt, Ver­ant­wor­tung übernimmt. Andere sind einfach in Konkurs ge­gan­gen.

Die Übernahme von Verant­wortung scheint allerdings in der Krisenlage auch be­straft zu werden. Zu viele Behörden arbeiten die Paragraphen buchstabengetreu ab, bzw. die Politik scheint verpasst zu haben, ihnen neue Durch­füh­rungs­be­stim­mun­gen für die Pandemie­zeit an die Hand zu geben. Mein Link der Woche ist ein Artikel über das Gebahren der KSK, die Künstler­so­zial­kas­se, die Versi­cherte dann, wenn sie sich verantwortlich zeigen und weg­gefallene Gagen durch Neben­jobs auf­fan­gen, mit Ausschluss bestraft. Hätte der Staat hier sein Versprechen gehalten, niemand werde zurück­gelassen, wie es andere Länder wie Groß­bri­tan­nien gemacht haben, hätten die Be­trof­fe­nen ausreichende Kom­pen­sa­tions­zah­lungen erhalten für die Zeit, in der sie nicht vor Pub­likum spielen, lesen oder ausstellen können ... und es würde das KSK-Problem derzeit nicht geben.

Gesehen irgendwo in Berlin
Hier zum Artikel der Berliner Zeitung "Tagesspiegel": "Wenn der Staat dich in der Kri­se nicht mehr als Kul­tur­schaf­fen­de akzep­tiert | Die Künst­ler­sozial­kasse ist für freie Kreative unent­behr­lich. Weil sie nicht ar­beiten können, droht in der Pan­de­mie vielen der Verlust der Absi­cherung" von Hannes Soltau.

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Fotos:
C.E.

COVIDiary (242)

Herz­lich will­kom­men! Hier bloggt ei­ne Dol­met­sche­rin. Meine Sprachkenntnisse (Französisch, Englisch) trainiere ich täglich, auch an Tagen, an denen ich (wie in den Corona-Jahren) nur wenig Einsätze habe.

In Frankreich gilt landesweit ab heute eine Ausgangssperre ab 18.00 Uhr und bis in den Morgen hinein.

Apfel-Nuss-Kuchen
Apfel-Nuss-Kuchen
Die Fran­zo­sen nen­nen das couvre-feu, was ein we­nig nach Krieg* riecht als Wort, ei­ne Maß­nahme, die mindestens zwei Wo­chen dauern wird. Ich habe gestern beim Ko­chen und Backen die französische Re­gie­rungs­pres­se­kon­ferenz von vorgestern wei­ter­ge­hört. Mir ist aufgefallen, dass ich die Fran­zo­sen als ebenso schwach im Ver­mit­teln der Not­wen­digkeit des Seu­chen­schut­zes em­pfin­de wie die Deut­schen, es man­gelt am "Über­set­zen" der Regeln in den Alltag. Es ist zu befürchten, dass die Aus­gangs­sper­ren an den Nach­mit­tagen zu länge­ren Schlan­gen und damit zu po­ten­tiell mehr Be­geg­nun­gen in den Ge­­schäften füh­ren. Um die Ein­kaufs­gän­ge zu ent­zer­ren, soll künf­tig al­ler­dings auch am Sonn­tag ge­öff­net sein.

Diese Gedanken hatte ich, als ich nach dem zweiten Hirndurchlüften des Tages, dieses Mal zusammen mit einem Dolmetschkollegen, der auch noch Nachbar ist, in einen Laden geeilt bin, der in den Abendstunden schön leer ist. Auf dem Weg war mir aufgefallen, dass es jetzt auf 200 Metern in zwei angrenzenden Straßen meiner Nachbarschaft drei leerstehende Restaurants gibt. Die Berliner Straßen sind dunk­ler, vie­le Ladengeschäfte sparen sich die Abend­beleuchtung, subjektiv leuchtet so­gar die Stra­ßen­be­leuchtung weniger hell. Dafür sind die Nächte schon spürbar kür­zer geworden.

Als der Kuchen im Backofen ist, notiere ich fran­zösische Begriffe für meine Co­ro­na­-Lexik mit. Derzeit gibt es täglich 16.000 Anste­ckungen in Frankreich, 16.000 contaminations par jour en France, das ist weniger als in Deutschland, man ver­fü­ge über verbesserte Kennt­nis­se, was das Virus angeht, das sich aktiv auf dem Ter­ri­torium verbreitet, heißt es, des connaissances affinées du virus qui circule ac­ti­ve­ment sur notre territoire. Neue, infektiösere Stämme des Virus hätten sich aus­ge­brei­tet, nouvelles souches plus contamineuses ont été disséminées, die jetzt zu verfolgen seien, qu'il faut traquer maintenant.

Die Mutationen des Virus wurden als bei Kindern anstecken­der beschrieben, les nouveaux variants du virus sont plus contagieux chez les enfants, der neue Virus­stamm, la souche du virus, sowie neue Ausbrüche machten auch eine verstärkte Überwa­chung der Grenzen notwendig, demande une surveillance renforcée, no­tam­ment un contrôle renforcé aux frontières.

Käsespätzle
Käsespätzle

Frankreich ist weiterhin in der Kon­takt­­ver­fol­gung aktiv, um mögliche Cluster zu ent­decken, le tra­çage des cas contact / le con­tact tra­cing, afin de détecter des clusters, allge­mein nötige die gesund­heitli­che Lage alle dazu, die Zahl der Tests zu erhöhen, elle nous enjoint à augmenter le dépistage [enjoindre aufer­legen, auf­tra­gen, vor­schrei­ben].  

Die Zunahme an Intensivpa­tien­ten sei ein zwingender Grund dafür, le motif impérieux est que nous avons de plus en plus de pa­tients en réanimation. Le Monde be­rich­tet Freitagabend, dass die Über­sterb­lich­keit 2020 in Frankreich bei neun Prozent lag, la France a connu 9 % d’excédent de mortalité en 2020.

Weitere Wortbe­standteile, die ich zu Übungs­zwecken später noch zu Sätzen ver­baue, sind: protocoles sanitaires spécifiques, niveau d'incidence supérieur à / pré­sen­ter un taux d'incidence de, l'efficacité sanitaire, réactions graduées et pro­por­tion­nées, déploiement des tests an­ti­gé­niques, les personnes vulnérables, le frei­nage de la propagation du virus, l'écouvillon.

Der "Spiegel" schrieb gestern Abend in seinem Abend­brie­fing: "Kann Deutschland die Mutanten stoppen?" Das klingt ziemlich nach Science Fiction, oder?

Das Ende der Pres­sekon­ferenz muss ich noch anhören, wo es 1. um Kultur und 2. um die Absicherung der Einzelper­so­nen­un­ternehmen in Frankreich geht.


(*) Die Stunde des couvre-feu: Glocken, Trompeten oder Signalhörner gaben das Zeichen dafür, dass sich alle nach Hause zu begeben hatten und Feuer und Licht zu löschen waren, wörtlich: "Feuer bedecken". Wird je nach Kontext mit "Ausgangs­sperre" oder "Abendglocke" übertragen.
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Fotos:
C.E.

Freitag, 15. Januar 2021

COVIDiary (241)

Will­kom­men im digi­talen Arbeits­ta­ge­buch aus der Welt der Über­setzer und Dol­met­scher. Täglich arbeite ich meine Spra­chen, lese, schreibe, höre, denke auf Deutsch, Franzö­sisch und Englisch. Dabei fallen mir immer wieder Begriffe auf.

Perrückenkopf mit Headset
Ede, sehr ernst, bei der Arbeit
Heute 100 Mi­nu­ten ei­ne Bau­be­spre­chung online kon­sekutiv verdol­metscht, der Kopf läuft heiß! Wunderbar ist immer die erste halbe Stunde danach! Ent­spannung, Musik an, ich tanze durch die Woh­nung und singe schallend mit, wenn ich einen Titel kenne. Dann Nach­richten hören.

Heute verlängere ich die Liste der poli­ti­schen Wortlügen und Ungenauig­keiten, das sind meist bewusst gewählte Begriffe, die keine Auf­merk­sam­keit (und Aufruhr) erzeu­gen sollen. Altbekannt ist der "Entsor­gungs­park", wo Müll vergra­ben wird. Ein Park ist doch schön, oder?
Wenn krisen­bedingt Menschen entlas­sen wer­den, spricht die Politik von der "Frei­set­zung von Arbeits­kräften". 

Es lebe die Freiheit! Derzeit befindet sich unsere Volks­wirtschaft in einem "Ne­ga­tiv­wachs­tum", Corona oblige. Das Wort "Schrumpfung" wird ver­mieden, klingt zu böse.

"Voll­ziehbar ausreisepflichtig" be­deutet, dass Men­schen aus anderen Ländern, die sich auf dem deut­schen Boden auf­halten, abge­schoben werden, wenn sie nicht von al­leine gehen. Laut einer EU-Novelle können Länder, die Menschen kein Asyl an­bie­ten, sogenannte "Abschiebe­pa­tenschaften" für Aus­reise­pflichtige aus anderen Län­dern übernehmen, also die Kosten für deren Abschie­bung tragen. Aber eine Pa­ten­­schaft ist wie Coaching doch positiv besetzt, jemand kümmert sich um das Wohl des Paten­kindes oder Coachees, auch hier wird der positive Gedanke als Ver­schlei­er­ungs­be­griff verwendet.

Der Sprach­müll vernebelt die Gehirne. "Überster­blichkeit in Deutschland weiterhin deutlich über dem Durchschnitt", titelt eine Zeitung. Die über­durch­schnitt­li­chen Zahlen liegen über dem Durch­schnitt, ja klar.

Für uns Dolmet­scherinnen sind die Beispiele einfach nur Vokabeln. Wenn ein Po­li­ti­ker oder eine Politikerin eine solche Wolke ablässt, reprodu­­zieren wir sie in der an­de­ren Sprache. Das ist unser Job. Nach Feier­abend denken wir wieder selbst. Und tanzen durch die Woh­nung. Und/oder schreiben Blogartikel.

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Foto:
C.E.

Donnerstag, 14. Januar 2021

COVIDiary (240)

Willkommen beim Blog aus der Arbeitswelt. Wie Dolmet­scher und Übersetzer ar­beiten, ist oft nicht gut bekannt. Seit die Pan­demie aus­ge­brochen ist, hat sich unsere Arbeit stark verändert.

Warum ein zweiter Monitor, hat mich eine Kundin gefragt. Sie meint das Bild von gestern.

Die Sache ist schnell erklärt. Wir haben hier auf einer Konferenz­seite gear­beitet, die nicht von den Bedürf­nissen von uns Sprach­arbeiterinnen her gedacht worden ist. Die Kunden grei­fen in der Regel auf Seiten zurück, die sie kennen, die be­kann­teste ist wohl Zoom. Bei dieser Seite gibt es keine Funk­tion zur Stafet­ten­übergabe, also den Wechsel zwischen uns Dolmet­scher/innen, wir hören dort auch nicht, was die Kollegin/der Kol­lege sagt, wenn sie oder er dol­metscht. Und das Mit­hören dort ist wichtig. Darüber später mehr.

In einer Kabine geschieht der Wechsel mit Blicken und Hand­zeichen, jetzt sitzen wir aber meistens an verschie­denen Orten. Das macht die Arbeit kompli­zierter.

Wir melden uns einmal als Dolmetscher/in zu den Veran­staltungen an, ein zweites Mal als Teil des Publikums: Auf dem Rechner habe ich dann die Veran­staltung mit den "Kacheln", auf denen ich so groß es irgend geht die Redner/innen sehe, hier schalte ich mich als Dolmet­scherin zu, und über das an­de­re Gerät höre ich meine Kollegin der digita­len Kabine. Es ist wichtig, dass ich das zweite Mikro­fon auf "stumm" stelle, sonst gibt es einen bösen Echo­effekt.

Was für Hinweise und Tipps gibt es noch aus der Praxis? Für alle Teil­nehmenden ist es wichtig, vor jedem Ein­satz die Software zu aktu­alisieren, bei einem mehr­tä­gi­gen Event am besten täglich, denn die Software wird ständig verbessert. Sonst kann passieren, dass die angebotene Dolmetsch­funktion aus Sicht des Pub­li­kums, eine Weltkugel, über die die gesuchte Sprachversion ausgewählt wer­den kann, bei veralteter Soft­ware nicht angezeigt wird.

Links (sehr klein) das Handy als zweiter Monitor

Auch kann ich aus Erfah­rung empfehlen, vor Beginn einer Fern­dol­metsch­sit­zung den Rechner neu zu star­ten, denn nicht alle Programme kündigen vorab an, wenn sie auf die Sound­kar­te zugreifen. 

Und um die volle Leistung der Sound­karte und der In­ter­net­band­brei­te zu ver­fü­gen, öffne ich an­schlie­ßend auch nur die Fenster, die ich für die Arbeit wirk­lich brauche. 

Für Präsentationen, Vokabel­listen und zum raschen Nach­schlagen habe ich letztes Jahr sogar ein drittes Gerät verwendet. Ein Technik­dienst­leister hatte die Ka­bi­nen in einer Halle aufgebaut und uns statt nor­ma­ler Dolmet­scherpulte Com­pu­ter hin­ge­stellt, daneben einen kleinen Monitor für die Stand­leitung zur Kol­le­gin, die in einer ei­ge­nen Bos saß. Dann kam noch der eigene Rech­ner fürs Ma­te­rial hinzu und schon war die Sache ein wenig |eng| unübersichtlich.

Bei externen Einsätzen finde ich es übrigens positiv vorab zu klären, ob und wel­che Tech­­nik genau vor Ort angeboten wird, PC oder angebissen' Obst, weil sie nicht die gleichen "Shortcuts" haben (Tasten­kom­bi­na­tionen für Sonderzeichen und be­son­de­re Funktionen). Beim Dolmet­schen machen meine Hände ihre Arbeit au­to­ma­tisch: Vorlagen oder Wörter suchen, irgendwo einloggen, Multitasking halt. Da hab ich kein Neuronen­fitzelchen frei um mir zu überlegen, wie dies oder das bei "den an­de­ren" nochmal war.

Lustig ist, dass eine Firma wie Zoom derart weit entfernt ist von der Spracharbeit, dass sich ein Überset­zungsfehler in der Software jetzt über Monate hält. Wenn der Host der Veranstaltung unser­einen zu Dolmetsch­personen erklärt hat, ploppt auf unserer Seite ein Fensterchen auf: "Ihnen wurde ein Dolmetscher zugewiesen." Das ist die korrekte (automatische) Übersetzung eines fehlerhaften Satzes, der ei­gent­lich heißen müsste: You have been assigned as interpreter, Sie sind als Dol­met­scher eingeteilt (und nicht an).

Insge­samt müssen wir bei Ferndolmetschen eine höhere Frustra­tions­toleranz ha­ben. Wir sehen nur einen Teil der Kunden, die Zusammenarbeit ist nicht so eng auf besonderen Dolmetscherseiten oder vor Ort, wir bekommen kaum Feedback. Es ist ein wenig wie in einen leeren Raum hineinzufunken.

Jetzt muss ich noch den oben angekün­digten Gedanken zuende bringen: Dol­met­schen ist grund­sätzlich Teamarbeit, wir schreiben füreinander auch Begriffe, Da­ten und Zahlen auf. Das fällt bei Ferndolmetschen, bei dem die Doppelkabine räum­lich getrennt ist, bislang auch weg. Daher sollte bald eine Ta­blet­funk­tion kom­men, wo wir mit einem Stift etwas auf den Monitor (noch einen!) schrei­ben können, was dann nahezu zeit­gleich auf dem Tablet der Kol­legin/des Kol­legen zu sehen sein wür­de. Mit einem Finger­tippen ließe sich die Notiz aus der Hand­schrift heraus schließ­lich als getipptes Wort in eine Vokabelliste einfügen, die sich am besten von alleine alpha­betisch auf­steigend sor­tiert.

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Foto:
C.E.

Mittwoch, 13. Januar 2021

COVIDiary (239)

Will­kom­men auf mei­nen Blog­seiten. Wie Dol­metscher und Übersetzer leben und arbeiten, beschreibe ich hier in loser Folge. Als Dol­metscherin arbeite ich mit fol­gen­den Sprachen: Französisch und Englisch; als Überset­zerin ist meine Ziel­sprache Deutsch. Co­ro­na hat alles ver­ändert, aus dem vir­tu­el­len Ar­beits­ta­ge­buch wurde das COVIDiary.

Ferndolmetschen mit zwei Monitoren

Dass wir als Kon­fe­renz­dol­met­scher im "Home Office" auch simul­tan dol­met­schen, ist seit einem hal­ben Jahr die Regel. Das war vor einem Jahr noch un­vor­stell­bar.
Zum Glück sind einige Tech­nik­an­bie­ter, die schon vor der Co­ro­na­pan­de­mie von "Re­mote In­ter­pre­ting" ge­spro­chen haben, im Jahr 2020 so weit ge­we­sen, dass diese neue Tech­no­­lo­gie einem mas­si­ven Be­las­tungs­test un­ter­wor­fen werden konnte.

Norma­ler­weise sehen wir unsere Kunden und Auftraggeber persönlich, bevor es mit dem Einsatz losgeht, können nach fehlenden Materialien fragen oder missver­ständ­liche Teile einer Präsen­tation ansprechen. Wer wie ich regel­mä­ßig als Begleit­dol­met­scherin unterwegs war, hatte ohnehin den Arbeitsschwerpunkt in Be­triebs­stät­ten, Be­spre­chungs­räu­men, Neu­bau­ten, auf Äckern und im Forschungslabor.

Und jetzt also ganz aus der Ferne. Am besten klappt das, haben wir in den letzten Monaten festge­stellt, wenn sich zumindest ein Teil der Betei­ligten kennen und auch das Thema einiger­maßen vertraut ist. Das ist nicht immer der Fall. Damit wird der Teil, der auf die Vorberei­tung entfällt, umso wichtiger. Hier hän­gen wir von der Zu­ar­beit der Kun­den und der Zuverfügungstellung von Hin­ter­grund­ma­terial ab.

Ede hält in den Pausen die Kopfhörer
In den Fotos mein aktueller Dol­metsch­­ar­­beits­platz noch ohne feste Schall­iso­­lie­rung. Das, was wir letztes Jahr versucht haben, war leider nicht viel­ver­spre­chend genug.

Bis vor wenigen Tagen war die Woh­nung neben meiner nicht be­wohnt und die Straße ruhig, so dass ich mit einem recht stillen Umfeld gut zu­ran­de kam. Das än­dert sich ge­ra­de, ich muss re­agie­ren.

Nach einem Jahr mit Corona und Dolmet­schen aus der Ferne kann ich sagen, dass meine Kunden konsekutives Dolmet­schen bevorzugen. Aber auch mit simultanem Dolmet­schen sind wir inzwischen erfahren, kennen die Vor- und Nachteile der ver­schiedenen Webseiten, auf die wir uns einmieten können. Wir beraten sehr gerne.

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Foto:
C.E. (mit Einwilligung des Portraitierten)

Montag, 11. Januar 2021

COVIDiary (237)

Mit­ten in ei­nen Blog aus der Dol­met­scherwelt sind Sie rein­ge­ra­ten: Bon­jour und herz­lich will­kom­men! Hier stehen kurze (anonymisierte) Episoden aus meinem Berufsalltag, Gedanken zu Kultur und Sprache sowie Hin­weise zu meinen Ar­beits­fel­dern. Ich habe Kapazitäten frei.

Berliner Arbeitszimmer
Derzeit auf dem Schreibtisch:
⊗ Fragen der Überschuldung von Ländern, Schuldenschnitt;
⊗ Filmförderungen, regional und grenzüberschreitend;
⊗ Stipendiumsantrag;
⊗ Steuern und Finanzen; 
⊗ Änderung der Kostenvoran­schläge für hybride Events von Anfang 2021 auf Prä­senz­ver­an­stal­tun­gen im Frühsommer.
Filmexport aus Frankreich und TerpSummit (als Fort­bil­dung)

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Foto:
C.E. (Archiv)

Sonntag, 10. Januar 2021

COVIDiary (236)

Bon­jour & hel­lo! Aus dem Ar­beits­le­ben der Über­set­zer und Dol­met­scher können Sie hier einiges erfahren. Ich arbeite mit den Sprachen Französisch, Deutsch und Englisch. Durch Corona reise ich räumlich derzeit weniger durch den Raum, dafür durch die Zeit und die Kulturen, außerdem durch die privaten Räume. Mein Sonn­tags­bild als Rückblick.

Kleine Erinnerung an meinen Balkonvogel, der leider nicht mehr bei uns ist. 

Einmal, ich kam gerade von einem Dolmetscheinsatz, habe ich einen alten Mann an einem S-Bahnhof mit Mühen den Bahnsteig entlanggehen gesehen. Er steuerte auf eine Rolltreppe zu. Vor der Roll­trep­pe ein Blumen­händler. Sein besorgter Blick kreuzte meinen. Ich hinterher, auf die Roll­trep­pe, und als ich kurz hinter dem Mann ankomme, fängt dieser an zu schwanken und droht, das Gleichgewicht zu verlieren. 

Ich habe ihn sicher hochgebracht, wo seine Tochter auf ihn gewar­tet hat. Als ich wie­der runterkam, hat der Blumen­händler mir diesen Vogel geschenkt. Ein Flügel konnte sich im Wind bewe­gen, der andere war mit Draht repariert. Nach fünf Jah­ren war er so durch­gerostet, dass er nicht mehr repariert werden konnte. Er ist dann für immer davongeflogen.

Berlin im Januar (2016)
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Fotocollage:
C.E.

Sonntag, 3. Januar 2021

COVIDiary (233)

Was und wie Über­set­zer und Dol­met­scher arbeiten, können Sie hier mitlesen. Die meis­ten von uns sind selb­stän­dig, sie ar­beiten selbst und ständig. Sonn­tags ist alles an­ders, unter Corona erst recht.

Dann gibt es auch die schönen Sei­ten des Winters, die rein gar nichts mit dem Be­ruf oder Co­ro­na zu tun haben, Mittags Schnee­schwein, zum Tee Apfel­kuchen:

Winter­freuden
 
Ab morgen geht die Arbeit wieder los, erstmal auf der Basis halber Tage. Einige Über­set­zun­gen war­ten und ich habe sie ganz bewusst warten lassen. Erho­lung ist wichtig, sogar in Zeiten pan­de­mischer Un­ter­be­schäf­ti­gung.

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Fotos: C.E.

Freitag, 1. Januar 2021

COVIDiary (231)

Will­kom­men bei mei­nem Blog aus der Ar­beit­swelt. Wie Dol­metscher und Über­setzer ar­beiten, ist oft nicht gut be­kannt. Seit die Pan­demie aus­ge­brochen ist, finden kaum noch Konferenzen statt (normalerweise arbeite ich mit den Sprachen Französisch und Englisch). Zum Glück arbeite ich auch für die Industrie, so dass ich einigermaßen klarkomme.

Das Wesenentliche
Alles Gute für das zweite Coronajahr wünsche ich: Glück, Gelassenheit und vi­ele, vie­le glückliche Mo­me­nte! Außerdem So­li­da­ri­tät, Bildungs­op­ti­mis­mus und Demut. 

Bei mir domi­niert derzeit lei­der der Sarkas­mus. Merry crisis and a happy new fear! stammt von 2008 und stimmt leider wieder. Dabei rufen alle derzeit nach Soli­darität.

Trotzdem sind nicht alle solidarisch, sonst wären die In­fek­tions­zah­len nicht auf ei­nem so hohen Niveau. Die grausamste un­so­li­da­ri­sche Ent­wick­lung ist die Art und Weise, wie wir an den Rändern Europas Men­schen in Zel­ten, Dreck und Kälte sich selbst überlassen. Das ist beschämend. Europa sollte den Friedens­no­belpreis zu­rück­ge­ben.

Wir haben in unseren Ländern ein massives Empathie- und Bildungsproblem. Wie­der­holt habe ich mit Maskenverweigerern und "Coronagegnern" diskutiert (ich bin übrigens auch gegen Corona, nur anders), und mir ist aufgefallen, dass eine große Menge Trotz aus ihnen spricht. Nein, nein, ich esse meine Suppe nicht, schrie der Suppenkasper, und stampfte mit dem Fuß auf den Boden. 

Auf den Trotz­impuls folgt ein kruder Misch­masch aus Halbwahrheiten und Selbst­be­ob­ach­te­tem, aus impliziter Anschuldigung, man werde mit seinen Wahrne­hmungen nicht beachtet — "Ich komm' gut rum und kenne keinen, der mehr als zwei Tage Schnup­fen hatte" —, aus Verdrängung und Ausblendung und Umdichtung — "ja, die Oma im Nachbar­haus, sie war aber schon alt" —, woran auch dann noch fest­ge­hal­ten wird, wenn sich auf Nach­fragen herausstellt, dass die Oma erst letztes Jahr in Rente gegangen ist. (Im Neben­satz: "der Staat schleppt so viele Alte rum, Corona er­leich­tert ja die Renten­kassen, wobei die Oma im Hinterhaus erst letztes ...")

Informationen fehlen bis in die höchsten Kreise. Eine ältere Bekannte neulich im Skype-Chat zu mir: "Ihr hab's doch gut, habt gerade ein Jahr Urlaub hinter euch, seid abgesichert, der Staat hilft doch allen!"

Das zumindest sagen die Medien, Bazooka und so, "viel Geld in die Hand ge­nom­men" und dann wieder in den Safe gelegt für später, für die Tourismuskonzerne beispielsweise. Viele Freiberufler, Unter­nehmer, Künstler leben weiterhin von der Hand in den Mund, auf Pump, von den fürs Alter zurückgelegten Geldern. Ja, die Kanzlerin hat recht, dass in diesen Branchen Existenzangst herrscht

Dass diese Personengruppen in der ganz unverschuldeten Notlage nicht allein ge­las­sen worden seien, ist überall zu hören. Wer genau hinsieht, stellt fest, dass die staatliche Unterstützung oft dort nicht ankommt, weil die An­trags­be­din­gungen zu eng gefasst, wiederholt im Nach­­hinein verändert und nicht auf die Bedürfnisse der Grup­pen zugeschnitten worden sind, für die sie gedacht waren. Wenn derlei an­fangs einige Monate lang stotternd läuft, bucht das jeder gern als An­lauf­schwie­rig­keiten ab. In Deutsch­land ist es hingegen ein Grund­prinzip. Und am Ende werden letztlich vor allem die Steuer­berater und Anwälte profitieren.

Dabei braucht unsere Land Kunst und Kultur genauso wie die Wirtschaft hoch­spe­zia­li­sierte Freiberufler braucht, um voranzukommen. Auch der föderale Flicken­teppich ist hier ein Bremsklotz und verzerrt den Wett­bewerb (ich übersetze: die Überlebenschancen von Selbständigen): Die Digitalisie­rungsprämie, die in NRW letztes Jahr bereits Einzel­personen bean­tragen konnten, wird in Berlin wohl nicht einen Dolmetscher erreichen. Wir sind Einzelper­so­nen­un­ter­n­ehmen. Beantrags­be­rech­tigt sind in meinem Bundes­land Firmen ab zwei Personen. Es gilt der Stich­tag.

Ein Blick nach Österreich: Dort wird entgangener Gewinn plus betrieblicher Auf­wand erstat­tet, problemlos, schnell. Es geht also. Hier wünsche ich mir im Jahr 2021, dass die Verant­wort­­lichen vom hohen Ross ab­steigen und auf die Hinweise und Gesprächs­an­gebote der Branchen eingehen. Es könnte so leicht sein.

Edit: Die taz schreibt von Solidaritätskollaps.

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C.E.