Montag, 31. Dezember 2018

Jahresende, elefantös

Wel­come, gu­ten Tag, bon­jour ... auf den Blog­­seiten, die in der Dol­­­­met­­­­scher­­­ka­bi­ne und am Übersetzer­­schreibtisch entstehen. Ich arbeite in den Be­rei­chen Po­li­tik, Kul­tur, Wirt­­­schaft und So­ziales. Meine Arbeits­­sprachen sind Deutsch, Fran­zö­sisch (Ausgangs- und Ziel­­­spra­che) und Englisch (über­wiegend Aus­­gangs­­­spra­che).

Hölzerner Elefant
Spaziergang
Neulich, in der Über­set­zer­werk­statt: Natürlich kennt das Diktier­pro­gramm vie­le Wörter nicht, die eher dem Alltag zu­zu­ordnen sind. Aber bei einer Film­über­setzung, in der es um einen Zirkus geht, schreibt der kleine Schreib­­drache stän­dig "Brüssel" statt "Rüs­­sel". Na klar, "Dragon Na­tu­ral­ly Spea­king" wurde zu­nächst für Ju­ris­ten und Ärzte ent­wickelt.

OK, lass ich erstmal so, weil ich die Anleitung zum Trai­nieren der Soft­ware nicht auf meiner Rei­se da­bei habe. Am Ende macht copy & paste aus Brüs­sel wieder einen Rüs­sel.

10.000 new tricks
Werbung der Zeit
Zu Weih­nach­ten gab es "un­ka­putt­ba­res Spiel­zeug von der Jahr­­hun­dert­wende. Mit sol­chen "Humpty Dumpty"-Holz­tie­ren des ameri­ka­ni­schen Spiel­zeug­kla­­vier­­her­­stel­lers Schoenhut hat einst einer meiner Groß­­vä­ter gespielt und mein Vater dann spät­er auch. Diese Zirkus­fi­gu­ren, die Ge­lenke haben und damit als das erste be­weg­­li­che Spiel­zeug sei­ner Art gel­ten, sind im Zweiten Welt­krieg ver­­lo­­ren­­ge­­gan­gen. Im welt­­wei­ten Netz fand sich indes solch ein Dickhäuter an.

Ver­lo­ren­ge­gan­gen ist auch einer der äl­tes­ten Ani­­mations­­filme, wenn nicht sogar DER älteste. Das Bild unten könnte ein Stand­bild davon sein.

Der Film "The Hump­ty Dump­ty Cir­cus" aus dem Jahr 1897 oder 98 wurde per Stop-Motion-Anima­tion rea­li­siert. Hier werden Hunderte von Fotos von Objekten oder Gra­fik­bestand­tei­len ge­macht, die immer wieder ein wenig bewegt werden. (Mit Grafik­ele­men­ten heißt das dann 'Le­ge­trick­ani­ma­tion'.) Als Film montiert wirken die Aufnahmen so, als wären die Objekte lebendig. Pro­duk­tion und Regie: J. Stuart Black­ton und Albert E. Smith, des­sen Toch­ter für den Dreh monatelang auf ihr Spiel­zeug ver­zich­ten muss­te.

Zirkuszelt mit Holztieren und -clowns
Frühes veränderbares Kinderspielzeug der Firma Schoenhut
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Fotos: C.E., Schoenhut, Wikimedia (von mir
bearbeitet. Ja, ich weiß, falsche Perfo...)

Freitag, 28. Dezember 2018

Plus tard!

Wie Dol­met­scher leben und ar­beiten, be­schrei­be ich hier. Wir Sprach­ar­bei­te­rin­nen und Sprach­ar­bei­ter müs­sen stets voraus­denken, dabei auch gerne um die Ecke. Und wer auf sich hält, hat auch pri­vat mit baby­lo­ni­scher Sprach­ver­wir­rung zu tun. 

Topfdeckel aus Glas im Licht
Stilleben in der Küche
Das kann amüsant werden. Hier eine Notiz dazu.

Inter­kul­tu­relles Paar beim Geschirrspülen:
— Plus tard, ist das nicht auch ein Schimpf­wort?
— Du meinst putain?
— Wie auf Spa­nisch de puta madre ( = "geil")?
— Nee, nicht ganz ...  putain de merde, ver­dammte Hacke oder mit K anstatt H!

Persian woman with hookah (qalyan)
Persian woman with hookah (qalyan),
1900, Iran, by Antoin Sevruguin

Zur Ver­voll­komm­nung des Dialogs fällt uns sogar noch eine eng­li­sche Va­riante dieser Antwort ein: Damn hit … or with an S in front of it!
— OK, und putain ohne alles?
— Auf Eng­lisch ist es a hooker.
— Hookah wie Shisha?

Plus tard heißt üb­ri­gens "später".


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Fotos: C.E. /Wikimedia Com­mons/Public Domain

Montag, 24. Dezember 2018

Schöne Feiertage und auf ein gutes Neues!

Seit fast zwölf Jahren ver­su­che ich hier, meinen Alltag zu beschreiben. Ich bin Kon­fe­renz­dol­metscherin und Übersetzerin, arbeite mit der fran­zö­sischen Sprache (und aus dem Englischen).

Allen Leserin­nen und Lesern, die dieser Ta­ge eine Pau­se vom Al­ltags­trubel ein­le­gen, wün­sche ich schöne Tage im Krei­se von Fa­mi­lie und Freun­den. Das Jahr 2018 neigt sich dem Ende ent­ge­gen: Auf ein gutes Neues!

Schwarz-Weiß-Bild mit Weihnachtsbaum und Wohnzimmer
Licht!
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Foto: C.E. (Archiv)

Samstag, 22. Dezember 2018

Donnerwetter, die Eisenbahn!

Was Dol­met­scher und Über­setzer so er­le­ben, be­schrei­be ich hier in loser Folge. Ich arbeite mit den Sprachen Deutsch, Französisch (Ausgangs- und Ziel­spra­che) und Engl­isch (nur Ausgangssprache) in München, Berlin, Paris und dort, wo meine Kunden mich brauchen. Zu Jah­re­sen­de sind et­li­che Rei­sen privat mo­ti­viert. So auch an die­sem Re­gen­tag ...

Reisender mit Maske im Zug
Alle schlafen, eine darf noch lektorieren
Lan­ge vor der Stun­de des Auf­ste­hens legt der Zug in Stutt­gart ab. Nach jedem Halt wird der Fahr­plan run­ter­­ge­­rat­tert. Dann folgt der Hin­weis auf Nicht­gül­tig­keit von DB-Tickets, denn wir sind in ei­nem "Pri­vat­zug". Vor jeder Station werden die Reisen­den über­schwäng­lich ver­­ab­­schie­det. Dann kommt jeweils die An­sa­ge, an wel­cher Seite des Zuges der Ausstieg ist.

Das ist viel zu viel, viel zu oft, viel zu laut, viel zu wach. Und das ist wirk­lich rein gar nichts für die Art von Reisenden, die der Privat­zug befördert: Stu­den­ten, junge Leute, Berufstätige, Familien. Ich habe Bau­­ar­bei­­ter­ohr­stöpsel in den Lauschern und bekom­me trotz­dem alles wörtlich mit. Die gro­ßen Städte werden dann auch noch zwei­spra­chig angesagt.

"Next stop/nächs­­ter Halt: Frankfurt/Main" würde kom­plett aus­reichen. Wundervoller Minimalismus.

Kind schläft im Zug
Müder kleiner Reisender
Als jemand, die ihre Ohren zur Arbeit nutzt, bin ich akus­tisch hoch­em­pfind­lich. Aber auch für Normalhörer ist das hier anstrengend: Am Bahn­hof pfeift der Zug sehr laut und hoch. Folgen­de Va­ri­an­te ist in Zeiten des Feier­tags­rei­sens ex­trem ner­vig: Mit einem akus­tisch eben­so em­pfind­sa­men Klei­nkind einen Platz zu suchen und durch Pfeifzonen hin­durch­zu­müs­sen.

Und wohin mit dem trop­fen­den Schirm? Da fehlt der Be­gleit­person der Dritt- und Viert-, Fünft-, Sechst- und Siebt­arm: Schirm, Kindes- und eigene Ohren zu­hal­ten, Kin­der­wa­gen kutschieren, Koffer hinter­her­schlei­fen, Ver­bin­dungs­tü­ren mit zwei Händen aufreißen, denn der Privat­zug ist ja ein ausrangiertes Modell der eins­ti­gen Bundes­bahn und entsprechend hartgängig ...)

Solche Reisen sind echt kein Spaß. Und dann an jedem Halt gehen die An­sa­gen von vorne los. Wieso tu ich mir das an? Die Bahn hat schlicht eine falsche Preis­po­litik. Nicht das Flug­zeug, für dass ich drei Mo­na­te vor Abflug günsti­ger Ti­ckets be­kom­men kann, ist ihr direkter Kon­kurrent, sondern das Privat-, Car­sha­ring- oder Miet­auto. Ganz zu schweigen von den ewigen Verspätungen, die keine gute Werbung sind!

"Alle reden vom Wetter. Wir nicht." (*)
OK, Ver­spä­tun­gen kennt die Straße auch, die Stau­zo­nen mehren sich. Neuer­dings gibt es eben auch diese Pri­vat­­zü­ge als Kon­kur­renz, deren teu­ers­tes Ticket oft die Hälf­te des­sen kostet, was der deut­­sche Kon­zern normalerweise ver­langt. An­ge­sichts der Rolle für die Umwelt, die das Staats­un­ter­neh­men spie­len müss­te, ist das eine Un­ver­ant­wort­lich­keit. Das war jetzt mein Don­ner­wet­ter.

Und das Wort "Eisenbahn" hat immer meine Oma gesagt. Im allgemeinen Sprach­ge­brauch ging das "Eisen" verloren.
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Foto: C.E. (Archiv)
(*) historischer Werbeslogan der Bahn

Donnerstag, 20. Dezember 2018

Ach, ach, Bach!

Bon­jour, hel­lo und gu­ten Tag! Was Sprach­arbeiter wie Dol­met­scher und Über­setzer so umtreibt, können Sie hier mitlesen, im Frühjahr und Herbst nor­ma­ler­wei­se in meh­reren Bei­trägen pro Woche, der­zeit aber weniger, weil so viel los ist. Ich ar­bei­te neben Deutsch mit der fran­­zö­­si­­schen und der eng­li­schen Sprache.

Pariser Fassade
Haus, Mansarden und Himmel in Paris
In einem französischen Ton­studio, ein Film wird ver­tont. Die Dol­metscherin, die mit­un­ter als Sprecherin ar­beitet, also ich, war­tet auf ihren Einsatz.
Dann erwähnt der Filmkom­men­tar einem der größ­ten deut­schen Kom­po­nis­ten. Zum Glück bin ich geistes­ge­gen­wärtig genug, den fol­gen­den Austausch auf­zu­schrei­ben. Denn es gibt ein Problem.

Bei dem, was folgt, schaue ich zwischen­durch immer wieder die Regis­seurin an, die auch zurückieht. Zur Einstim­mung: Es ist dunkel, alle sprechen nur über Mi­kro­fon miteinander (mit den üblichen Ver­zer­rungen) und die Schaum­stoff­schall­iso­lie­rung müffelt auch noch in diesem nicht mehr ganz neuen Studio. Zu­rück zur Barock­mu­sik.

Der Sprecher spricht ei­nen Namen aus, den ich ihn hier mit Jean-Sébastien BASCH transkribiere [Vornamen auf FR, Nachnamen auf DE].
Die Regisseurin sagt (übersetzt): Das heißt Joann-Sébastien BACK!
Sprecher: Bist Du sicher?
Regisseurin: Beim BACK auf jeden Fall, wie man die Vor­namen auf Deutsch aus­spricht, da bin ich mir nicht so sicher.
Die Ton­in­ge­nieurin: Die Deutschen sagen BARRRRR.
Regisseurin: Aber wenn wir nicht BACK sagen, ver­steht es in Frank­reich nie­mand.

Die Regisseurin ist während der Aufnahme nicht auf die Idee gekommen, mich mal kurz zu fragen. Komisch, ich darf heute doch Zitate auf Französisch UND auf Deutsch sprechen. Ich frage mich bei solchen An­lässen, in welchem (hof­fentlich nicht allzu fernen) Jahr­zehnt ich ein­greifen darf.

Buchauslage im Schaufenster
"Die Wissenschaft vor dem Unbekannten" (Fensterauslage)
Zum Glück musste ich keinen deut­schen Eigen- oder Orts­namen aus­sprechen. Ich hätte ver­mut­lich auf der deutschen Aus­spra­che be­stan­den. Und dann fiel mir ein, dass man in Deutsch­land ja auch PariS sagt und nicht wie die Fran­zosen "Parih" oder aber Mai­land nicht Milano.
Gar nicht so ein­fach, dieses Interkulturelle als Haupt­ge­schäfts­feld!

P.S.: In der Kaffeepause wird es immerhin zum Gesprächsthema. L'interculturel comme fonds de commerce ...

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Fotos: C.E.

Sonntag, 16. Dezember 2018

Dunkle Jahreszeit

Bonjour, hello, guten Tag. Hier bloggt im 12. Jahr eine Dol­met­sche­rin, übli­­cher­­wei­se mehr­mals die Woche. Gegen Ende der Herbst­sai­son sind wir noch viel unter­wegs, unter an­de­rem in Stutt­gart, Pa­ris, Ham­burg und Dres­den. Zum Schrei­ben kom­me ich nicht oft, daher ab und zu eine kurze Zwischenmeldung.

Einer der letzten Ein­sätze des Jahres brachte mich nach Dresden. Nach dem Dol­metsch­ter­min hatte ich noch einen halben Tag für Touris­mus. Ich kenne die Stadt seit Kindertagen, durfte daher auf einen Weih­nachts­floh­markt gehen. Dort habe ich schöne glä­serne Kugeln aus der So­wjet­union entdeckt. Sie waren beim Ab­zug der Trup­pen in den 1990-er Jahren in "Elbflorenz" geblieben und in Privatbesitz gelangt. Und so landeten sie einige Jahrzehnte später wieder auf dem Markt ... und in meinem Gepäck zurück nach "Spreeathen".

Mich er­reichen reli­giöse Themen eher nicht. Aber ich feiere gerne Feste, die von den Kul­turen, mit denen ich lebe, angeboten werden. Also gibt es einen Ad­vents­tee ... mit russischen Glas­ku­geln aus der Nach­kriegs­zeit, so jedenfalls der Floh­markt­ver­käufer, ergänzt durch Be­stands­kugeln aus der Jahr­hun­dert­wen­de.

Nicht Religio­nen erreichen mich, ich bin eher eine Kan­di­da­tin für eine Winter­de­pre­ssion, genannt SAD, Sea­so­nal Af­fec­tive Dis­order, eine jahres­zeit­lich be­ding­te emotio­na­le Stö­rung, weshalb mir die gesamten Lichter­feste der dunklen Mo­na­te buch­stäblich ein­leuch­ten. Dazu passt der hölzerne Weih­nachts­baum, der niemals nadeln wird, aufs Aller­schönste. Das ist mein heutiges Sonntagsfoto! Und vielen Dank an Tim aus Dresden für die Kekse und an Elke aus Berlin für die Scho­ko­trüf­fel.

Kerzenleuchter, Holzbaum mit Glaskugeln, Tee, Naschereien etc.
Schönes Licht!

Gegen SAD hilft auch "hoch­pro­zentiges" elektri­sches Licht. Mein bewusster Umgang mit Hellig­keit hat übri­gens dazu geführt, dass ich meine Lichtlampe nur noch sel­ten ver­wen­de, weil ich gerne mittags spa­zieren­gehe. Und es ist gut, sie ein­satz­be­reit in der Kam­mer zu wissen. Über diese Lampe habe ich hier ge­schrieben: Link zu "mehr Licht".

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Foto: C.E.

Mittwoch, 5. Dezember 2018

Er ist on air

Guten Tag oder guten Abend! Sie sind mit­ten in ein Ar­beits­­ta­­ge­buch hinein­­ge­ra­ten, in dem sich al­les um Spra­che, Dol­met­­schen, Über­­setzen und Kult­uren dreht. Als frei­be­ruf­li­che Sprach­­mitt­lerin ar­bei­te ich in Pa­ris, Berlin, München, Cannes und dort, wo Sie mich brauchen.

Der Redner hat uns keinen Text vorab gegeben, wir kennen nur den An­kün­di­gungs­text seines Bei­trags auf einer internen Tagung. Et­liches war direkt auf Eng­lisch disku­tiert worden sein, vieles aber auch auf Deutsch. Es gibt zwei Kabi­nen, die die Sprachen DE, FR und EN bedienen.

"On Air" als Schild bei einem Tonstudio, "er" von einem Ladenschild
Zwei Sprachen, ein Klang (*): air/er
Der Sprecher ist Deutsch-Mut­ter­sprach­ler. Immer wieder rutscht er ins Englische ab, weil er sich zwi­schen­durch auf Eng­lisch mit ei­ni­gen Kollegin­nen und Kollegen unter­halten hat und diese direkt anspricht. Allerdings ist sein Eng­lisch nicht wirk­lich mut­ter­sprach­lich und wir dürfen um die Ecke denken, um mögliche falsche Be­grif­fe in der Ziel­sprache nicht zu verwenden. Manch­mal wissen wir es aber auch nicht sofort, müssen länger zuhören.
Obwohl er mit zwei Sprachen jong­liert, macht er uns nicht die Freu­de, wenigstens langsam zu spre­chen.

Das erhöht den Schwierigkeitsgrad für uns. Wir müssen also immer erst hinhören, welche Sprache er gerade spricht, bevor wir beim deutschen Englisch eigentlich drei Grammatiken parallel denken müssen. Gelegentlich baut er ein Wort aus der anderen Sprache in seine Sätze ein, weil ihm das Gesuchte nicht gleich einfällt.

Das Fotobeispiel ist hingegen vermeintlich einfach: Wir können schlichte Wörter sehen, Einsilber, die wir rasch erfassen, weil sie bekannt sind. Das scheint so schwer nicht zu sein. Wir müs­sen aber kom­plexe Sach­ver­halte rein akus­tisch erfas­sen.

Am Ende sind wir so müde wie nach fünf Rednern. Hier die Gründe:
1. Der Inhalt war für uns free style ohne Vorbereitungsmaterial zu verdolmetschen (unsere Arbeit besteht zum Großteil aus Vorbereitung). Sowas fühlt sich gerne mal wie Arbeitsverhinderung an;
2. Hohes Sprechtempo plus Stolperer plus Nuschelei;
3. Normales Dolmetschen ist ermüdend genug;
4. Die dritte Sprache und Grammatik;
5. Das Ärgern über die Missachtung unserer Arbeit, die wir nicht zulassen dürfen, die wir währenddessen verdrängen müssen, weil wir sonst nicht dolmetschen könnten.

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Foto: C.E.
(*) ... wenn ein Deutscher spricht ;-)

Dienstag, 4. Dezember 2018

Bewaffneter Beton

Hallo! Ab­sicht­lich oder zu­fäl­lig ha­ben Sie die Sei­ten einer Kon­fe­renz­dol­metscherin an­ge­steu­ert. Hier schreibe ich über meinen vielseitigen Alltag. Ich dol­met­sche (münd­liche Über­tra­gung) und übersetze (schrift­liche Über­tragung) vor allem Fran­­zö­­sisch und aus dem Eng­lischen. Heute folgt ein Praxisbeispiel für AT, automatic trans­lation, computer­ge­ne­rierte Über­setzung.

Betonwand mit Zahlen und Zeichen
Notizen auf Beton
"Nur mit dem Füller und mit dem ein­spra­chi­gen Wörter­buch bewaffnet, ging er in die Klausur." Solche Sätze gibt es im Leben der Menschen, sogar auf Fran­zö­sisch, wo das être armé de quelque chose im gleichen Sinn verwendet wird. Ist di­gi­ta­le Übersetzung schon für diverse Be­waff­nungen ... ge­wapp­net?

Zum Beispiel hier: Eine Stahl­beton­­mauer konnte nicht ge­gen die Bande junger, be­waff­neter Gangs­ter schützen.

Der Satz stammt von einer Kollegin. Im Französischen Original war zu lesen: Un mur de béton armé n'a pas pu protéger contre le gang armé de jeunes gangsters.

Die "Übersetzungs"software hat daraus gemacht: "Eine bewaffnete Betonwand konnte sich nicht vor der mit jungen Gangstern bewaffneten Bande schützen."

(Stahl)armierter Beton heißt Stahlbeton auf Französisch. OK, und ich bewaffne mich demnächst mit jungen Gangstern gegen diese Agenturen, die uns solche Texte zum "Korrekturlesen" für Bruchteile der eigentlichen Übersetzungsbudgets zusenden. Das ist schon kriminell.

95 % der Agenturen in unserer Branche sind wie Discounter im Lebensmittelhandel: Die drücken die Lieferanten im Preis, reißen Kartons auf, investieren in Werbung, mieten Raum an und bezahlen die Kassiererinnen schlecht.

Der Premiummarkt sind wir, die erfahrenen Freiberufler mit Direktkunden.
 
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Foto: C.E.

Sonntag, 2. Dezember 2018

Wasser marsch!

Was Über­set­zer und Dol­metscher be­schäf­tigt, können Sie hier mit­lesen. Seit vie­len Jahren be­richte ich über den Beruf und meinen sprach­be­tonten Alltag. Sonn- und feiertags wer­de ich privat: Sonntags­fotos!

Gemaltes Wasser mit Lichtreflexen und Pflanzenschatten
Lichtspiele in Öl und Fensterglas
Am Sonn­abend war es son­nig, am Sonn­tag­abend dafür nicht schon wieder nur werk­tags­grau, sondern nass. Es reg­net in Ber­lin in diesen Ta­gen im­mer wieder. In ande­ren Jahr­zehn­ten hätte das kei­nen Nach­rich­ten­wert gehabt. Aber wir hatten sowas seit Mo­na­ten nicht mehr. Wie schnell man sich an ein bei­na­he regen­loses Le­ben ge­wöh­nen kann. Wo wurden die Re­gen­schir­me gleich noch hin­ge­räumt?

So, das war jetzt mal eine lang­wei­li­ge Ein­lei­tung. Ich habe eine Wet­te verloren, hier­mit ist der dafür zu zahlende Preis ent­richtet. Da­mit Sie mir bei der Stan­ge bleiben, liefere ich alsdann und subito die span­nen­de Ein­lei­tung nach.

Heute geht es um Kör­per­flüs­sig­keiten. Ja, Sex sells! Und um eine Fest­stel­lung: Die Berliner, arm und sexy, sind in der Regel nicht auf den Mund gefallen. Kostet ja die gleiche Miete. Wieso sich lang­wei­len im Leben, wenn es auch unter­halt­sam geht.

Einen Sinn für geist­volle Antwor­ten haben sie hier auch, la répartie auf Fran­zö­sisch, und das färbt ab. Aber auch nur in Gren­zen, was ich gleich be­wei­sen werde.

Regen war das Stich­wort. Im Sprüh­regen stehe ich Sonntag­abend an einer Berliner Am­pel und nie­se. Ein Frem­der: “Ge­sund­heit, junge Frau!” Ich: “Danke! Danke! Er: “Einmal be­dankt reicht oooch!” Ich: “Ein­mal war fürs Ge­sund­heit­sa­gen, einmal für die junge Frau!” Er: „Ich dacht schon, sie bedanken sich fürs Wetta!“, sagt er und grinst mich an. Ich schütt­le mich kurz. Er: „Aba det Wet­ta is doch wun­der­baaa!“ Ja, endlich Regen, denke ich, und schiele durch die Bril­le: „Mit Schei­ben­wi­scher auf den Glä­sern hätte ich mehr davon!“ Er: „Dafür ist der Re­jen wat janz be­son­de­ret! Det is nämlich Engels­schweiß! Schön‘n Abend noch!“

Die Ampel springt auf Grün, er geht vor­aus. Wer das letzte Wort hat, hat in diesem Spiel gewonnen.

Gemalte Figuren auf einem Berliner Stromkasten
Berliner am Wegesrand
Mir fällt darauf nichts mehr ein. Schach­matt schlurfe ich hin­ter­her. Mit meiner Ant­wort würde er nicht viel an­fan­gen können: Dieser reg­ne­ri­sche „Engelsschweiß“ heißt auf Französisch le crachin. Klingt wie cracher, ‚spucken‘. Ist al­so Spuck­regen. Und sein En­gels­schweiß würde über­setzt zu la sueur des anges. Klingt wie­de­rum nach la part des anges.

So heißt der Teil des Weins, der beim Aus­bau im Ei­chen­fass ver­duns­tet. Und so rat­tert mein Hirn und ich kann dem Mann, der sich kurz um­dreht und jo­vial winkt, nichts mehr ent­ge­gen­schleu­dern. Pech ge­habt. Meine Schlag­fer­tig­keit ha­ben die fremd­spra­chi­gen Assoziationen gekapert.

Und wie heißt dieser Re­gen auf Englisch? Um­gangs­­sprach­­lich wohl sprink­ling, miz­zle und mists, me­teo­ro­lo­gisch drizzle, spray, fine rain und spit! Ha, da ha­­ben wir ihn wie­der, den Spuck­­re­gen, denn to spit heißt ja auch spucken. So viele Wör­­ter für eine Sa­­che, das er­zählt seine ei­gene (Wet­ter-)Ge­­schich­te.

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Fotos: C.E./Moritz