Freitag, 29. Mai 2026

It's hot, baby!

Im 20. Jahr füh­re ich hier mein vir­tu­el­les Ta­ge­buch aus der Dol­metsch­welt. Meis­tens Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin für Französisch Deutsch, über­set­ze ich auch Texte ins Deut­sche (auch aus dem Eng­li­schen). Zwi­schen si­mul­ta­nen (in der Ka­bi­ne) und kon­se­ku­ti­ven Ein­sät­zen (oft auf der Büh­ne) den­ke ich hier auch über Sprache nach. In Frank­reich prägt der Be­griff la pas­soire ther­mique in­zwi­schen die po­li­ti­sche De­bat­te über Klima­wan­del und Woh­nen. Man­cher Fach­be­griff hat sein ganz ei­ge­nes Hin­ter­land.

Als ich Kind war, galt Wet­ter wie das, was wir der­zeit ha­ben, als „Hoch­som­mer. Heute dol­met­sche ich bei po­li­ti­schen Ver­an­stal­tungen, Fach­kon­fe­ren­zen und in­ter­na­tio­na­len Be­geg­nun­gen auch zu Kli­ma- und Land­wirt­schafts­the­men.

Die ers­te Hit­ze­wel­le hat die­ses Jahr im Mai zu­ge­schla­gen und in Deutsch­land fast al­le Tro­cken­heits­re­kor­de ge­ris­sen. Das macht mir Sor­gen. Auf den Äckern wächst der­zeit, was uns mor­gen er­näh­ren soll.

Hit­ze­wel­le in Frank­reich


So vie­le Hoch­som­mer­ta­ge im Mai gab es noch nie seit Be­ginn der Wet­ter­auf­zeich­nung. In Frank­reich wer­den sämt­li­che Hit­ze­re­kor­de ge­ris­sen. Acht dé­par­te­ments ha­ben die Warn­stu­fe „Oran­ge" aus­ge­ru­fen, ein No­vum für den Früh­lings­mo­nat Mai. Ges­tern dann der vor­läu­fi­ge Hö­he­punkt die­ser Hit­ze­wel­le mit Tem­pe­ra­tu­ren von bis zu 37,8 Grad bei Bor­deaux. Normalerweise wäre es etwa 15 Grad kühler. Im Frühling also Hochsommer, auf Französisch la ca­ni­cu­le.

La ca­ni­cule

…lei­tet sich ety­mo­lo­gisch vom la­tei­ni­schen canicula („klei­ner Hund“) ab und be­zieht sich auf das Stern­bild Canis Major (Gro­ßer Hund) und des­sen hells­ten Stern, Si­ri­us. Im Hoch­som­mer (den so­ge­nann­ten „Hunds­ta­gen“) geht die­ser Stern gleich­zei­tig mit der Son­ne auf.

In­fol­ge der Ne­ben­ef­fek­te der Kli­ma­ka­ta­stro­phe bleibt die­se Wet­ter­la­ge über Ta­ge, ja Wo­chen un­ver­än­dert wie im Him­mel fest­ge­tac­kert. In süd­li­che­ren eu­ro­pä­i­schen Län­dern wer­den heu­te Tem­pe­ra­tu­ren über 40 Grad er­war­tet, Wald­brän­de dro­hen. Auch bei uns herrscht ei­ne Wald­brand­ge­fahr wie sonst eher im Ju­li.


Pas­soire ther­mique: Über­set­zungs­prob­lem


Europa leidet derzeit gemeinsam unter der Hitze. Das Wort „leiden“ ist wörtlich zu nehmen.

Fran­zö­si­schen Re­gie­rungs­an­ga­ben zufolge hat die Ex­trem­wet­ter­la­ge im Land be­reits sie­ben Men­schen­le­ben ge­for­dert. Die An­zahl der in schlecht iso­lier­ten Woh­nun­gen auf­grund der Hit­ze vor­fris­tig Ver­stor­be­nen wird nicht er­fasst (oder ist noch nicht pu­bli­ziert).

Allerdings gibt es einen Be­griff für die­se Be­hau­sun­gen, die be­son­ders häu­fig im so­zia­len Woh­nungs­bau zu fin­den sind: les pas­soi­res ther­mi­ques, im Win­ter teu­er zu hei­zen, im Som­mer mög­li­che Hit­ze(to­des)­fal­len. Auch Al­ten­hei­me und Schu­len gel­ten (im wahrs­ten Wort­sinn) als Brenn­punk­te, die nur we­nig Be­ach­tung fin­den. Men­schen, die drau­ßen ar­bei­ten, zäh­len eben­falls zu den Ver­ges­se­nen.

Po­li­ti­sche Groß­wet­ter­lage


In­des: Kli­ma­schutz scheint aus der Sicht man­cher Par­tei­en in bei­den Län­dern ein The­ma zu sein, das zu­rück­ste­hen muss in der all­ge­mei­nen Po­li­tik- und Wirt­schafts­kri­se. Da­bei ist die Kli­ma­kri­se ein Teil der Wirt­schafts­kri­se. 

Nö­tig: Mehr In­ves­ti­tio­nen in In­fra­struk­tur
Es wird über Tech­no­lo­gie­of­fen­heit fa­bu­liert, wäh­rend Chi­na in ei­nem Jahr so viel So­lar­ener­gie in­stal­liert, wie der Rest der Welt seit Be­ginn der Tech­no­lo­gie ins­ge­samt. 
Das war 2025. Ein Jahr der Hit­ze­re­kor­de, die „Jahr­hun­dert­wet­ter" ge­nannt wer­den, trotz des re­gen­rei­chen Som­mers.

Und 2026 wer­den die­se „Re­kor­de" er­neut ge­schla­gen, als wä­ren es Er­run­gen­schaf­ten auf Olym­pi­a­den. Zu­gleich ver­leug­nen im­mer mehr vor al­lem rechts­ex­trem ge­präg­te Re­gie­run­gen den men­schen­ge­mach­ten Kli­ma­wan­del und wol­len ins fos­sile Zeit­al­ter zu­rück­keh­ren.

Was­ser­man­gel


Auch in Deutsch­land ist die La­ge kri­sen­haft: Noch be­vor der Som­mer über­haupt be­gon­nen hat, bit­ten ers­te Kom­mu­nen in Nord­rhein-West­fa­len die Ein­woh­ner­schaft, bitte Trink­was­ser zu spa­ren. Der Grund­was­ser­pe­gel liegt der­zeit deut­lich un­ter dem Durch­schnitt. Noch sieht es ei­ni­ger­ma­ßen grün aus da drau­ßen, aber tief im Bo­den wer­den die Was­ser­re­ser­ven knapp.

Die Bö­den selbst spei­chern Was­ser: bis in zwei Me­ter Tie­fe kann der Nie­der­schlag ei­nes hal­ben Jah­res ste­cken. Die Vor­aus­set­zung da­für ist, dass er re­gel­mä­ßig fällt. Wenn es ab dem Wo­chen­en­de reg­nen wird, wird viel ein­fach nur „durch­lau­fen" oder, schlim­mer, kost­ba­ren Hu­mus weg­spü­len. Wir al­le ken­nen das, wenn wir nach ei­nem Ur­laub die Bal­kon­käs­ten das ers­te Mal wie­der gie­ßen: Erst­mal läuft's durch. Die Acker­bö­den trock­nen wei­ter aus, was ei­ne Ge­fahr für un­se­re Le­bens­mit­tel­ver­sor­gung dar­stellt.

Die Land­wirt­schaft wird sich um­stel­len müs­sen. Wir sind längst in ei­ner an­de­ren Kli­ma­zo­ne an­ge­kom­men mit ei­ner an­de­ren Ver­tei­lung der Nie­der­schlä­ge über das Jahr. Tro­cke­ne Som­mer be­gin­nen im Früh­jahr. Die sonst feuch­ten Win­ter sind in Sum­me auch tro­cke­ner und hel­fen nicht mehr, die Was­ser­spei­cher auf­zu­fül­len. Durch hö­he­re Tem­pe­ra­tu­ren steigt zu­dem die Ver­duns­tung an.

War­me Luft kann we­sent­lich mehr Was­ser­dampf auf­neh­men als kal­te Luft.Faust­re­gel: Pro Grad Tem­pe­ra­tur­an­stieg sind es rund sie­ben Pro­zent mehr Feuch­tig­keit. Die über­aus sta­bi­len Wet­ter­la­gen füh­ren am En­de zu mehr Ak­ku­mu­la­ti­on von Was­ser in den Wol­ken, was wie­de­rum Stark­re­gen­er­eig­nis­se wahr­schein­li­cher macht.
 

Fazit


Kli­ma­schutz ist nicht die Kir­sche auf der Tor­te, son­dern ist Tor­ten­bo­den und die Tor­te selbst mit ih­ren Schich­ten. Wir müs­sen als Ge­sell­schaft end­lich ler­nen, ei­ne Ah­nung von den In­ter­de­pen­den­zen zu be­kom­men, mit de­nen wir es zu tun ha­ben.

Kli­ma­schutz ist ein Kon­junk­tur­pro­gramm, denn ei­ne re­si­li­en­te Um­welt, ei­ne re­si­li­en­te In­fra­struk­tur sind schlicht die Grund­vor­aus­set­zung des Wirt­schaf­tens.

Vo­ka­bel­no­tiz


Der fran­zö­si­sche Be­griff la pas­soi­re ther­mi­que, wört­lich: ein ther­mi­sches Sieb (das al­les durch­lässt), wirft ei­ne Über­set­zungs­fra­ge auf. „Schlecht iso­lier­te Woh­nung" wä­re die neut­rals­te Um­schrei­bung, „Wär­me­schleu­der" die Be­schrei­bung aus Win­ter­per­spek­ti­ve, „Hit­ze­fal­le" nimmt den Som­mer zum Aus­gangs­punkt. Bei „ener­ge­ti­sche Bruch­bu­de" steckt schon ein deut­li­ches Maß Po­le­mik in der Aus­drucks­wei­se.

Was ist Ihr/Dein Fa­vo­rit? Gibt es bes­se­re Vor­schlä­ge?

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Gra­fik: Lot­te Rei­nin­ger, Prinz Ach­med

Mittwoch, 27. Mai 2026

Sicht­bar­keit und Qualität

Will­kom­men bei mei­nem Blog aus der Ar­beits­welt der Spra­chen. Ich bin Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin für die fran­zö­si­sche Spra­che. Wie wir Dol­met­sche­rin­nen und Über­set­zer ar­bei­ten, ist oft nicht so ge­nau be­kannt. Über den Be­ruf ver­öf­fent­li­che ich hier im 20. Jahr Tex­te. Die Künst­li­che In­tel­li­genz (KI) ver­zerrt der­zeit in mehr­fa­cher Hin­sicht den Markt.

Heute fasse ich meh­rere As­pek­te zu­sam­men, denn die be­rühm­ten Hal­lu­zi­na­tio­nen sind bei wei­tem nicht das ein­zige Pro­blem der Tech­nik.

Das Pa­ra­dox der glat­ten Stim­men

Der­zeit durch­le­ben viele frei­be­ruf­li­che Dol­met­sche­rin­nen und Dol­met­scher eine Krise. Da sind zu­nächst man­che Tech­nik­an­bie­ter:innen, die vor­ge­ben, die KI könne in­zwi­schen so gut oder fast so gut wie Men­schen dol­met­schen. Das ist ge­lo­gen, und die­se Fir­men wis­sen das.

Die Tech­nik kommt so­gar bei op­ti­ma­len La­bor­be­din­gun­gen nicht ein­mal so weit, dass sie den Ein­gangs­test der Fach­aus­bil­dung an der Hoch­schule be­ste­hen würde. Ihr Out­put klingt stel­len­weise gut, strotzt aber vor Feh­lern, Aus­las­sun­gen und Er­fin­dun­gen. 

Frau in der Kabine, vor ihr das Schreckgespenst KI
Kommentar der KI selbst
Die Ma­schine, die eher hal­lu­zi­niert als zu­zu­ge­ben, dass Hin­ter­grund­wis­sen fehlt oder ein an­de­rer Feh­ler vor­liegt, setzt Fehl­in­for­ma­tio­nen in die Welt. Das kos­tet am Ende oft mehr, als an Aus­ga­ben ge­spart wurde. Dann ist da noch die aal­glat­te Stim­me oh­ne Em­pa­thie, dafür mit et­li­chen Be­to­nungs­feh­lern, denn sie weiß nicht, was sie da­her­plap­pert.

Ak­tu­el­le For­schun­gen haben er­ge­ben, dass die In­hal­te, die von ei­ner künst­li­chen Stim­me ver­mit­telt wer­den, in der Be­hal­tens­kurve der Zu­hö­rer­schaft weit hin­ter dem zu­rück­blei­ben, was eine echte mensch­li­che Stimme ver­mit­teln kann. Hier wird Ver­mitt­lung nur si­mu­liert. (Da­zu mehr, so­bald al­les ver­öf­fent­licht ist.)

Qua­li­tät ist schwer zu fin­den

Et­li­che un­se­rer Kund:innen, die uns als Dol­met­sche­rin­nen und Dol­met­scher su­chen, star­ten mit einer On­line-Re­cherche. Such­ma­schi­nen zei­gen Agen­tu­ren, Ver­zeich­nisse und stark op­ti­mierte Web­sites ak­tu­ell sehr weit oben an.

Das mag prak­tisch sein, kann aber ge­nauso eine Fal­le sein wie die Su­che mit der KI. Daher sa­gen die Sucher­geb­nisse der­zeit meist nur ein­ge­schränkt etwas über die Qua­li­tät der sprach­li­chen Ar­beit aus.


Dis­kre­tion ist zen­tral

Im Be­reich des Kon­fe­renz- und Ver­hand­lungs­dol­met­schens funk­tio­niert der Markt in vie­ler­lei Hin­sicht an­ders als es auf den ers­ten Blick ver­mu­tet wird. Viele sehr er­fah­rene Dol­met­sche­rin­nen und Dol­met­scher ar­bei­ten seit Jah­ren für Mi­nis­te­rien, Bot­schaf­ten, in­ter­na­tio­nale In­sti­tu­tio­nen, Kul­tur­ein­rich­tun­gen oder Un­ter­neh­men, dis­kret und oft über per­sön­li­che Emp­feh­lun­gen. Auch die­ser Blog hier nennt nur sel­ten Na­men, und zwar aus­schließ­lich dann, wenn die Ar­beit öf­fent­lich oder halb­öf­fent­lich war, z.B. bei Pres­se­kon­fe­ren­zen.

Die meis­ten Ein­sätze sind ver­trau­lich. In sen­si­blen oder po­li­ti­schen Zu­sam­men­hän­gen ge­hört Zu­rück­hal­tung zur Grund­lage. Denn nicht jede Kon­fe­renz, nicht jedes Hin­ter­grund­ge­spräch und nicht jede De­le­ga­ti­ons­reise eig­nen sich für öf­fent­li­ches Re­fe­renz­mar­ke­ting. Wir sind viele, die sich als Sprach­pro­fis blei­ben des­halb on­line be­wusst zu­rück­hal­ten bzw. nur win­zige Aus­schnitte zei­gen, et­wa dann, wenn ein neuer Be­griff ge­sucht wird.


Un­schär­fen, von der KI ge­spie­gelt

Noch einen Feh­ler macht die KI häu­fig. Sie ver­wech­selt die Be­griffe "Über­set­zen" und "Dol­met­schen" bzw. setzt diese gleich. Hier spie­gelt der vir­tu­elle Su­per­com­pu­ter, dass auch im All­tag die Men­schen außer­halb der Bran­che die Be­griffe sehr oft nicht un­ter­schei­den kön­nen.

Bei ei­ni­gen schnel­len Stich­pro­ben (noch vor der Hit­ze­welle, im März, ich will ja nicht den Druck aufs Was­ser nicht noch mehr er­hö­hen), wur­den auch Kolleg:innen an­ge­zeigt, die gar nicht mehr ak­tiv sind. Das Sys­tem be­lohnt gutes SEO, auch dann, wenn es lange zu­rück­liegt, sowie das Alter der Web­seiten.

Nächs­ter Feh­ler: Die KI setzt oft eine ge­richt­li­che „Be­ei­di­gung“ vor­aus, um Kolleg:innen an­zu­zei­gen. Auch hier spie­gelt sie die Un­klar­heit der meis­ten Men­schen dar­über, was eine „Be­ei­di­gung“ be­deu­tet. Die ge­richt­li­che Be­ei­di­gung ist eine for­male Qua­li­fi­ka­tion für Ge­richts-, No­ta­riats- oder Be­hör­den­ein­sätze. Für die Qua­li­tät im Kon­fe­renz-, Kul­tur-, Me­dien- oder Wirt­schafts­dol­met­schen ist sie aber nicht aus­schlag­ge­bend. 


Au­gen­arzt ist nicht gleich Kin­der­arzt

Die An­for­de­run­gen un­ter­schei­den sich: Si­mul­tan­dol­met­schen bei in­ter­na­tio­na­len Ver­an­stal­tun­gen oder di­plo­ma­ti­schen Be­geg­nun­gen ver­langt neben sprach­li­cher Prä­zi­sion auch hohe Fle­xi­bi­li­tät, was die Si­tua­tio­nen an­geht, in­halt­li­che Viel­sei­tig­keit, kul­tu­rel­les Fin­ger­spit­zen­ge­fühl und oft jah­re­lange Er­fah­rung in kom­ple­xen Kom­mu­ni­ka­tions­si­tua­tio­nen.

Ei­nige der eben er­wähn­ten Punkte müs­sen auch Ge­richts­dol­met­scher:innen mit­brin­gen, die al­ler­dings eine starke Spe­zia­li­sie­rung auf Jura mit­brin­gen. Über das Thema schreibe ich dem­nächst mal ge­son­dert. Die Un­ter­schiede las­sen sich durch­aus mit fach­ärzt­li­chen Aus­rich­tun­gen ver­glei­chen. Wenn Menschen zur Kin­der­ärz­tin gehen möch­ten, ma­chen sie keinen Ter­min mit der Au­gen­ärz­tin aus. Die KI ver­mischt hier also Äpfel und Bir­nen.

Große Fir­men be­vor­zugt 

Die KI be­vor­zugt außer­dem Agen­tu­ren, echte oder sol­che, die nur aus Bau­kas­ten­text, Brief­kas­ten­adresse und Stock­fotos be­ste­hen und ei­gent­lich in Asien be­hei­ma­tet sind oder per Fran­chi­sing auf re­gio­nale An­säs­sig­keit set­zen, wo­bei die Büro­lei­tung nicht sel­ten fach­fremd ist und in ei­ni­gen Fäl­len aus Stu­den­ten im Mi­ni­job be­steht. 

Echte Agen­tu­ren erfül­len wich­tige Funk­tio­nen, wenn sie Groß­pro­jekte koor­di­nie­ren, Teams zu­sam­men­stel­len, Tech­nik or­ga­ni­sie­ren und ad­mi­nis­tra­tive Ab­läufe steu­ern. Diese ma­chen ihren ei­ge­nen Auf­wand in der Regel deut­lich und schla­gen eine Gebühr für diese Ar­beit auf. Hier trennt sich Spreu vom Wei­zen. (Im Zwei­fels­fall fra­gen Sie nach die­ser Gebühr bzw. bit­ten um De­tails zur Ho­no­rar­auf­tei­lung.)


"Si­mu­lierte" Si­mul­tan­dol­metsch­fir­men

Jene, die ich Pseu­do-Agen­tu­ren nenne, haben sich nicht auf die Kun­den­zu­frie­den­heit ver­stän­digt, son­dern sind zual­ler­erst an ihrem ei­ge­nen Ge­winn in­ter­es­siert. Et­li­che be­hal­ten so­gar für ein­fachste Ein­sätze ohne gro­ßen Ver­mitt­lungs­auf­wand Agen­tur­auf­wand-"Ge­bühren" von bis zu 50 Pro­zent ein, die von un­se­rem Ho­no­rar ab­ge­hen. (Wir "Senior In­ter­pre­ter" spie­len da meis­tens nicht mit.)

Für Auf­trag­ge­be­rinnen und Auf­trag­ge­ber ist die di­rekte Be­auf­tra­gung der beste Weg, auch bei grö­ße­ren Ver­an­stal­tun­gen. Jede/r von uns hat auch schon ein­mal "nur" or­ga­ni­siert. Es ist also wich­tig, wenn Kund:in­nen sich ge­nau un­sere in­di­vi­du­el­len Er­fah­run­gen, Spe­zia­li­sie­run­gen und Ar­beits­wei­sen an­schau­en. Dar­über äu­ßern wir Dol­met­scher:innen uns durch­aus.

Fa­zit

Gute Dol­met­sch­leis­tung lässt sich also kaum an der Sicht­bar­keit im Netz ab­le­sen. Wir ar­bei­ten meis­tens außer­halb der Bild­aus­schnitte, die Ka­me­ra­ob­jek­tive ein­fan­gen. Wir ste­hen oder sit­zen im Hin­ter­grund oder in der Dol­metsch­ka­bine. Für uns ist die Zu­frie­den­heit der Endkund:innen zentral. Dann fol­gen lang­fris­tige Be­zie­hun­gen zur Auf­trag­ge­ber­schaft. In der Ar­beit ste­hen Prä­zi­sion, Ver­läss­lich­keit, Dis­kre­tion und die Fä­hig­keit im Fo­kus, selbst an­spruchs­volle Ge­sprä­che sprach­lich sou­ve­rän zu be­glei­ten.

Das be­son­dere Plus

Mensch­li­ches Dol­met­schen ist also auch immer ein Zei­chen von Wert­schät­zung, den End­kund:in­nen und dem Red­ner­pult ge­gen­über. Hier geht es um Ge­nau­ig­keit, um Fein­hei­ten und um die Kunst der Kom­mu­ni­ka­tion.

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Gra­fik: ChatGPT (als ich neu­lich nach Ideen
für eine Gra­fik frag­te und mit Text rech­ne­te)

Dienstag, 26. Mai 2026

Montagsschreibtisch (141)

Bon­jour ! Mein Na­me ist Ca­ro­li­ne Eli­as, ich sit­ze meis­tens in der Fran­zö­sisch­ka­bi­ne bei Kon­fe­ren­zen oder be­glei­te De­le­ga­tio­nen oder auch Kund­schaft in­di­vi­du­ell. Was liegt die­se Wo­che auf dem Schreib­tisch? Mein Mon­tags­schreib­tisch mal wie­der am Diens­tag!

Was Dol­met­sche­rin­nen und Dol­met­scher ma­chen, wie wir ar­bei­ten, da­von er­hal­ten Sie seit 2007 auf die­sen Sei­ten ei­nen Ein­druck. Ich bin Dol­met­sche­rin für Fran­zö­sisch. Mei­ne Mut­ter­spra­che ist Deutsch, die Dritt­spra­che Eng­lisch. Mei­ne Bü­ro­kol­le­gin über­setzt in die eng­li­sche Spra­che, ge­mein­sam ar­bei­ten wir ins Deut­sche. Ei­ne mei­ner Spe­zia­li­sie­run­gen als Si­mul­tan­dol­met­sche­rin ist Film und Me­dien (Link): Dreh­buch und Dreh­ar­bei­ten, Pro­duk­tion, Mar­ke­ting, Fes­ti­val. 

Stifte und Pinsel und ein Souvenir
In Can­nes war ich die­ses Jahr schon wie­der nicht. Erst Jah­re mit ei­nem klei­nen Kind, dann die Pan­de­mie, mein ei­ge­nes (über­stan­de­nes) Long Co­vid, dann An­ge­hö­ri­gen­pfle­ge, auch bei uns gibt es gro­ße Her­aus­for­de­run­gen zu meis­tern, die Lis­te der Grün­de ist lang.

Noch ein Grund, der mich der­zeit stark be­las­tet: ge­wis­se KI-Nerds, die vor­ge­ben, die­se Tech­nik kön­ne ganz al­lein und oh­ne Men­schen dol­met­schen. Die­se Herr­schaf­ten ha­ben nicht mir seit Mo­na­ten zu viel Um­satz ge­stoh­len. An­ders als Dieb­stahl kann ich es nicht be­zeich­nen.

Die End­kund­schaft be­kommt Fake-Dol­met­schen, auch KI-Bull­shit ge­nannt: Stre­cken­wei­se gut, al­so satz­wei­se, dann Pau­sen, dann Über­schall­ge­schwin­dig­keits­wort­sa­lat, dann er­fun­de­ne Ver­ben, dann Sil­ben­sa­lat (hier: Link).

Man­cher Ver­an­stal­ter spricht am En­de von „kei­nen oder we­ni­gen Be­schwer­den“, da­bei reicht es doch selbst, mal rein­zu­hören oder die Au­gen auf­zu­ma­chen, wenn die „Über­tra­gung“ per Un­ter­ti­tel ge­schieht. Es ist auch ein Pro­blem Mann-Frau. Die Ent­schei­der sind sehr oft Män­ner. Sie wa­ren in der Sprach­ar­beit schon im­mer von ei­nem Be­rufs­stand ab­hän­gig, in dem haupt­säch­lich Frau­en ar­bei­ten. Am En­de ge­ben sich die Ker­le High-five und üben sich in Schul­ter­klo­pfen: „Wir sind Pio­nie­re, die Tech­nik wird schon!“

Wird sie nicht. Die Tech­nik ist zu ein­deu­tig, ver­gli­chen mit dem Cha­os mensch­li­cher Kom­mu­ni­ka­ti­on, die sie dau­er­haft über­for­dert, auch mit „selbst­ler­nen­der KI“. (Und noch ein Link.)

War­um gibt es so we­nig Be­schwer­den? Das ist wich­tig: Die Leu­te ha­ben das Ge­fühl, dass sie die Sprach­ar­beit gra­tis be­kom­men ... und ei­nem ge­schenk­ten Gaul ... Naja. Oder aber sie la­chen die Tech­nik im Grun­de aus und ver­su­chen es oh­ne oder mit den gro­ben An­halts­punk­ten zum In­halt, die sie lie­fert. Dass es hier zu öko­no­mi­schen Schä­den kommt, dass die End­kund­schaft ein An­recht auf gu­te Sprach­ar­beit hat, z.B. wenn sie ho­he Ein­tritts­prei­se für ei­ne Mes­se ent­rich­tet, däm­mert den Ers­ten.

So, nun zum Pro­gramm der Wo­che:
✗ Zwei Buch­ti­tel prü­fen, ob ich sie über­set­zen mag (Rech­te wer­den der­zeit ver­han­delt)
✗ Frau­en, Wis­sen­schaft, Kunst
✗ Kos­ten­vor­an­schlä­ge

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Fo­to:
C.E.

Montag, 18. Mai 2026

Montagsschreibtisch (140)

Ei­nen Ein­blick in den Ar­beits­all­tag ei­ner Dol­met­sche­rin kön­nen Sie auf die­sen Sei­ten er­hal­ten. Mei­ne Mut­ter­spra­che ist Deutsch, ich ar­bei­te über­wie­gend mit Fran­zö­sisch und Eng­lisch. 

Gemütlicher Leseplatz

Die Büro­kol­le­gin über­setzt in die eng­li­sche Spra­che. Von Zeit zu Zeit be­ar­bei­ten wir im Team in grö­ße­rem Um­fang ge­mein­sam Tex­te.

Sprach­ar­beit er­for­dert gro­ße geis­ti­ge und kör­per­li­che Fle­xi­bi­li­tät. Das Wo­chen­pro­gramm ist wie­der recht bunt.

Auf dem Schreib­tisch lie­gen:
❦ Frau­en in der In­for­ma­tik
❦ Bör­sen­strom­prei­se
❦ Hör­spiel­dra­ma­tur­gie
❦ Kos­ten­vor­an­schlag
❦ Ter­mi­no­lo­gie­lis­te auf­ar­bei­ten

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Bild:
Zu­falls­fund

Samstag, 16. Mai 2026

KI und Grafik

Bon­jour & hel­lo! Her­zlich will­kom­men beim ers­ten deut­schen Dol­met­scher­web­log aus dem In­ne­ren der Dol­met­sch­ka­bi­ne. Ich bin Dol­met­scher­in für die fran­zö­si­sche Spra­che, und ich über­set­ze (auch aus dem Eng­li­schen). Heu­te mein Link der Wo­che. 

Am Don­ners­tag habe ich KI-Gra­fik gelobt, weil es so schnell ging. Ach­tung: Das war kein pau­scha­les Lob. Für die­se Bran­che gilt mit der Ex­trem­di­gi­ta­li­sie­rung, dass wir schon jetzt die oft er­kenn­ba­re „Äs­the­tik“ über haben. Die KI ist nicht in­no­va­tiv, das sind nur Men­schen. Und hier fällt die Ma­xi­mal­tech­ni­sie­rung durch einen mas­si­ven Vor­la­gen­dieb­stahl auf, wie's auch für die Tex­te gilt, für Sti­le wie für In­hal­te.

Draufsicht: Technik, Papier in der Kabine
Ein Dol­metsch­ar­beits­platz
Wir haben es mit mas­si­ven Ur­he­ber­rechts­ver­let­zun­gen, mit Qua­li­täts­ver­lust und dem Schutz von Ar­beits­plät­zen zu tun. Die ethi­schen Be­den­ken wer­den der­zeit kaum ge­hört.
Das ist ein ge­sell­schaft­li­ches Prob­lem.

Denn die Künst­le­rin­nen und De­si­gner, Au­to­rin­nen und Tex­ter wur­den nie um Er­laub­nis ge­fragt ... und sie wur­den erst recht nicht fi­nan­zi­ell ent­lohnt.

Für den Auswurf der krea­ti­vem Ho­mo­ge­ni­sie­rung gibt es einen Be­grif­f. End­lich ha­be ich für das eng­li­sche AI slop auch eine deut­sche Ent­spre­chung ge­fun­den, den „ge­ne­ri­schen Ein­heits­brei“.

Bei KI-Gra­fi­ken ist es wie mit der Sprach­ar­beit: Hier fehlt der emo­tio­na­le oder kul­tu­rel­le Kon­text. Und das spü­ren wir beim Be­trach­ten.

Für die ra­sche Il­lus­tra­ti­on oder das Lö­schen stö­ren­der Ele­men­te taugt die KI. Was ich hier mit der Technik il­lus­trie­re, hät­te nie­mals zu einem Gra­fik­auf­trag ge­führt. Ich hät­te ein Foto aus der Sprach­ar­beit ge­nom­men. Das gilt auch für ra­sches „dee­peln“ eines fremd­spra­chi­gen Tex­tes, um einen gro­ben Über­blick zu be­kom­men.

Das The­ma Ethik und KI muss er­wei­tert wer­den auf die Fra­ge nach der Macht­kon­zen­tra­ti­on durch die Tech­nik: Fin­ger weg von Bild­ge­ne­ra­to­ren (Netz­po­li­tik.org)!

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Fo­to: C.E. (Ar­chiv)

Donnerstag, 14. Mai 2026

KI-Murks (7)

Wie und was Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin­nen ma­chen, natür­lich auch die weni­gen Män­ner im Be­ruf, beschrei­be ich hier in lo­ser Folge im 20. Jahr. Ich arbei­te mit den Spra­chen DE, FR und aus dem Eng­li­schen. Dane­ben über­set­ze ich (schrift­li­che Ar­beit), so wie es die Büro­kol­le­gin macht, nur arbei­tet sie mit As­sis­ten­tin im Spra­chen­paar EN⇔DE.

Papagei auf Schulter des Redners versus verrottende Texte
Schicksal der Rede: Papagei oder Rotte?
Groß­ar­ti­ge KI! Hier als „Über­set­ze­rin“, ein Totalausfall), ist also ironisch gemeint, dort in der Umset­zung mei­nes Prompts, sie­he rechts, ernst ge­mein­tes Lob (außer, dass Frau­en feh­len!)
Es folgt der Aus­gangs­satz: Many non-ex­perts as­sume that in­ter­pre­ters will one day be re­placed by ma­chines be­cause they see in­ter­pre­ting as mere me­cha­ni­cal par­rot­ting.

Dar­aus macht die KI (auf Lind­ked­In): „Vie­le Lai­en ge­hen davon aus, dass Dol­met­scher eines Ta­ges durch Maschi­nen er­setzt wer­den, da die Men­schen Dol­met­schen als mecha­ni­sches Nach­ver­rot­ten ver­ste­hen.“

Der Grund für das Ver­sa­gen war der Tipp­feh­ler in par­ro­ting, ein Wort, das sich nicht mit dop­pel­tem T schreibt. Das Sys­tem hat das Wort des­halb falsch zer­legt, und so lan­de­te es im Or­kus, ir­gend­wo zwi­schen dem Prä­fix „nach-“ und „rot­ten“ (ver­rot­ten).

Das ist sprach­li­che Rot­te, kul­tu­rel­le Entro­pie oder Zom­bie­syn­chro­ni­sa­ti­on und genau die Art Feh­ler, den vie­le Sprach­sys­te­me sehr ger­ne ma­chen: for­mal plau­si­ble deut­sche Wort­bil­dung, se­man­ti­scher To­tal­scha­den.

Noch ein­mal: Der Grund fürs Ver­sa­gen ist ein Tipp­feh­ler von mensch­li­cher Hand. Die KI ver­sagt hier und beim Dol­met­schen so oft, da Kom­mu­ni­ka­ti­on aus Kon­text be­steht, aus Vor­wis­sen, Erfah­rung und Sprech­ab­sich­ten.

Da­rum ist der eng­li­sche Satz trotz des Tipp­feh­lers rich­tig: Dol­met­schen ist mehr als Nach­plap­pern.

Voka­bel­no­tiz
to parrot — gedan­ken­los nach­plap­pern
to rot — ver­rot­ten

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Gra­fik: ChatGPT (ers­ter Ver­such!)

Mittwoch, 13. Mai 2026

Sprache sind keine Daten

Herz­lich will­kom­men auf der Sei­te ei­ner Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin, auf der ich über Spra­che schrei­be und über das, was zwi­schen den Zei­len steht. Ich bin auch Über­set­zerin, denn Krea­ti­ves wie Dreh­bü­cher passt meist nicht zur Ma­schi­ne. Ich schrei­be auch Tex­te um und adap­tie­re sie an die ver­schie­de­nen Be­dürf­nis­se. Im fol­gen­den Text re­flek­tie­re ich die KI aus der dop­pel­ten Per­spek­ti­ve als Dol­met­scherin und Über­set­ze­rin.

„Was macht die KI mit Ih­rer Bran­che?“, wur­de ich ges­tern von mei­ner Au­gen­ärz­tin et­was kul­tur­sen­si­bler ge­fragt als neul­ich von der Da­me im Zug (Be­richt ges­tern). Danke für die Frage! Wir sind ei­ni­ge, die den KI-Nerds und Hei­ße-Luft-Ver­käu­fern den Kampf an­ge­sagt ha­ben.

Versteckt in der Kabine
Das be­deu­tet: Wir sind nicht kom­plett ge­gen die KI, die vie­les kann, zum Bei­spiel lang­wei­li­ge Lis­ten in Win­de­seile er­stel­len (die trotz­dem zu prü­fen sind), gut rech­nen und Tipp­feh­ler fin­den (was im­mer ei­nen mensch­li­chen Durch­gang be­darf), die Feh­ler in Com­pu­ter­codes fin­det oder selbst Codes su­per er­gän­zen kann. Ja, das ist schon toll.

Aber krea­ti­ve Ar­beit kann sie nur si­mu­lie­ren. Wenn es Ar­beit mit Sinn, Stil und Ab­sicht ist, schei­tert sie oft, bei ge­spro­che­ner Spra­che erst recht: 85 Pro­zent Ge­nau­ig­keit wä­ren da in den nächs­ten Jah­ren mög­lich, sag­te neul­ich ei­ner der Tech­nik­ver­käu­fer (ak­tu­ell sind es laut WHO 43 Pro­zent). Das Ziel sieht groß aus, ist es aber nicht. Wür­den Sie in ein Flug­zeug ein­stei­gen, bei dem die Ab­sturz­quo­te bei ei­nem Vier­tel liegt? Wohl nicht.

Auch im Be­reich Text­ar­beit ist Vor­sicht an­ge­ra­ten. Die Tex­te klin­gen glatt, zu glatt, was kein Wun­der ist: Sie spie­geln den Durch­schnitt des schon Ge­schrie­be­nen. Stil ent­steht durch Form­kennt­nis, durch Kul­tur und Nut­zung oder das Bre­chen der Re­geln. Das ist mein Brot-und-But­ter-Ge­schäft: krea­ti­ve Tex­te für Ki­no und TV und in der Me­dien­pro­duk­tion; Sätze, die sit­zen müs­sen.

Al­les, was zu glatt ist, fällt nicht nur bei Men­schen durch. Es wird in­zwi­schen von den Ma­schi­nen, die im Netz bei­spiels­wei­se Ih­re Sei­te be­wer­ten und ein­stu­fen, schlicht nicht mehr wahr­ge­nom­men. Ih­re Sei­te bie­tet jetzt mehr In­for­ma­tio­nen als frü­her an, bringt aber kei­ne an­de­re Sicht­bar­keit? Da wird bei ih­rer Er­stel­lung wohl zu viel KI im Spiel ge­we­sen sein.

In der Schu­le sind wir stän­dig vor der Wie­der­ho­lung von Be­grif­fen ge­warnt wor­den. „Du musst Sy­no­ny­me ein­set­zen“, war da­mals das Man­tra. In der wis­sen­schaft­li­chen Ar­beit ist das falsch, bei vielen Webseiten auch. Für die Sicht­bar­keit im Netz sind Sy­no­ny­me oft Gift, vor al­lem dann, wenn es kei­ne ech­ten sind. Ich ha­be ge­ra­de die Sei­te ei­nes Un­ter­neh­mens le­kto­riert, da wa­ren von acht Sy­no­ny­men sechs falsch und ha­ben den Text ver­wäs­sert und un­sicht­bar wer­den las­sen.

Kei­ne Zi­ta­te, Kun­den­schutz, aber die Be­grif­fe „Dol­met­scher“ und „Über­set­zer“ sind ja auch kei­ne Sy­no­ny­me. Wie er­bit­tert strei­ten man­che Pres­se­leu­te mit uns, dass dem doch so sei, ob­wohl wir als Pro­fis de­nen nach­wei­sen kön­nen, dass sie falsch lie­gen. (Recht­ha­ben ist be­quem ge­wor­den in Zei­ten, in de­nen noch die ku­rio­ses­te In­for­ma­ti­on als „Mei­nung“ un­wi­der­spro­chen im Raum ste­hen blei­ben darf.)

Wenn Ih­nen ag­gres­siv ver­kauft wird, dass heu­te die Ma­schi­nen die bes­se­ren Dol­met­scher:in­nen und Über­set­zer:in­nen sei­en, dann soll­ten Sie dies wis­sen:

KI-Sys­te­me nei­gen da­zu, Wi­der­sprüch­li­ches oder Un­voll­stän­di­ges zu „glät­ten“. Wo wir Men­schen nach­fra­gen, er­fin­det KI häu­fig schein­bar plau­si­ble Ant­wor­ten. Das ist oft ge­fähr­lich: Was pas­siert, wenn ei­ne Über­set­zung zu 85 Pro­zent rich­tig ist, in den üb­ri­gen Stel­len aber gra­vie­ren­de Feh­ler, Haf­tungs­ri­si­ken oder Si­cher­heits­pro­ble­me ent­ste­hen? Ge­ra­de im ju­ris­ti­schen Be­reich sind Ge­set­ze und Rechts­la­gen zwi­schen Län­dern nicht de­ckungs­gleich. Sprach­pro­fis wis­sen das und klä­ren Zwei­fels­fäl­le mit An­wält:in­nen oder No­tar:in­nen ab.

Vie­le KI-Fir­men ste­hen mas­siv un­ter Druck. Die Mil­li­ar­den-In­ves­ti­tio­nen ha­ben nicht zu wirt­schaft­li­chen Er­fol­gen ge­führt. Ven­ture-Ca­pi­tal­ge­ber wer­den un­ru­hig. Zu­gleich wird der Ein­druck ver­mit­telt, KI kön­ne mensch­li­che Sprach­pro­fis schon jetzt oder in Kür­ze voll­stän­dig er­set­zen. Der öko­no­mi­sche Druck ver­zerrt hier die Kom­mu­ni­ka­ti­on, um es di­plo­ma­tisch zu sa­gen.

Auch ge­samt­wirt­schaft­lich macht der Roll­out der­zeit Pro­ble­me. Stu­di­en zei­gen, dass Un­ter­neh­men, die für KI Stel­len ab­ge­baut ha­ben, da­durch nicht au­to­ma­tisch bes­se­re Er­geb­nis­se er­zielt ha­ben. Vie­le Fir­men wür­den der­zeit wie­der Mit­ar­bei­ten­de ein­stel­len, heißt es. Er­folg­rei­cher sind meist je­ne Un­ter­neh­men, die KI als Werk­zeug zur Un­ter­stüt­zung ih­rer Teams nut­zen (und nicht, um Men­schen zu er­set­zen).

Ge­ra­de bei sen­si­blen Tex­ten, bei Web­sei­ten, Ver­trä­gen oder Ver­hand­lun­gen kann KI-"Über­set­zung" schwer­wie­gen­de Feh­ler ein­bau­en. Ju­ris­ti­sche Be­grif­fe, kul­tu­rel­le Nu­an­cen oder sprach­li­che Fein­hei­ten las­sen sich nicht im­mer ein­deu­tig au­to­ma­ti­sie­ren. Feh­ler kön­nen zu Um­satz­ver­lus­ten auf­grund von Miss­ver­ständ­nis­sen, Rechts­strei­tig­kei­ten und Ver­trau­ens­ver­lust füh­ren. Ich ha­be ei­ni­ge Rück­mel­dun­gen die­ser Art von zu­rück­ge­kehr­ten Kun­den.

Auch in der „Echt­zeit-Kom­mu­ni­ka­ti­on“ (von Dol­met­schen wür­de ich nicht spre­chen) ver­tut sich die KI oft in der Ton­la­ge und lässt viel weg oder ver­dreht In­hal­te. Bei Emo­tio­nen, iro­ni­schen Wen­dun­gen und fei­nen Zwi­schen­tö­nen ist sie über­for­dert. In di­plo­ma­ti­schen, me­di­zi­ni­schen oder wirt­schaft­li­chen Ge­sprä­chen ha­ben klei­ne Feh­ler oft gro­ße Fol­gen. Hin­zu kommt ein ge­fähr­li­cher Ef­fekt: Weil die KI-Aus­wür­fe oft sou­ve­rän wir­ken, wird ih­re Ge­nau­ig­keit häu­fig über­schätzt.

Wir aus der Sprach­bran­che se­hen die Zu­kunft des­halb nicht in der Er­set­zung mensch­li­cher Dol­met­scher:in­nen, son­dern in ei­ner ver­ant­wor­tungs­vol­len Zu­sam­men­ar­beit zwi­schen Mensch und KI. Die KI kann uns in der Vor­be­rei­tung un­ter­stüt­zen, kann Red­ner:in­nen mit Leucht­sig­nal­zei­chen zei­gen, wenn sie zu schnell spre­chen: die „Pult-Am­pel“! Bei Über­set­zun­gen ist sie mal hilf­reich, mal nicht. Ech­te krea­ti­ve Tex­te eig­nen sich oft zu null Pro­zent für au­to­ma­ti­sche Be­ar­bei­tung. (Die Prob­le­me se­hen oft nur Pro­fis.)

Kurz: Ur­teils­ver­mö­gen, kul­tu­rel­les Ver­ständ­nis, Ethik und Ver­ant­wor­tung sind mensch­li­che Auf­ga­ben.

Gleich­zei­tig wächst die Kri­tik an der Macht gro­ßer Tech-Kon­zer­ne, die di­gi­ta­le In­fra­struk­tur, Da­ten und KI-Sys­te­me zu­neh­mend kon­trol­lie­ren. Im­mer mehr Stim­men war­nen da­vor, dass hin­ter Schlag­wor­ten wie „Ef­fi­zi­enz“, „Fort­schritt“ oder „In­no­va­ti­on“ oft auch hand­fes­te wirt­schaft­li­che In­ter­es­sen, neue Ab­hän­gig­kei­ten und ei­ne wach­sen­de Kon­trol­le über öf­fent­li­che und ge­sell­schaft­li­che Struk­tu­ren ste­hen.

Rasch noch ei­nen Satz für mei­ne Freun­de in Süd­frank­reich: Heu­te star­tet das Film­fes­ti­val in Can­nes! Ich wün­sche gu­tes Wet­ter und schö­ne Fil­me! Und wenn was mit Fran­zö­sisch-Über­set­zungs- und Dol­met­sch­be­darf da­bei ist, wo es um Nu­an­cen geht, denn am We­sent­li­chen schei­tert die KI so oft, dann ger­ne mich in­for­mie­ren. Bin die­ses Jahr in der An­ge­hö­ri­gen­pfle­ge ... viel­leicht nächs­tes Jahr wie­der in ... naja, Can­nes sein! Have fun! Gruß an die Croi­sette!

(Heu­te kei­ne Links, denn kei­ne Zeit!)
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Fo­to: Mar­co Ur­ban — Fo­to­jour­na­list

Dienstag, 12. Mai 2026

Très chic oder trashig?

Wie auch im­mer Sie hier ge­lan­det sind, Sie le­sen in mei­nem vir­tu­el­len Ar­beits­ta­ge­buch, das es seit 2007 gibt. Ich bin Si­mul­tan­dol­met­sche­rin. Mei­ne Haupt­ein­satz­ge­bie­te sind Kon­fe­ren­zen, Ver­hand­lun­gen, Mes­sen, De­le­ga­ti­ons­rei­sen und öf­fent­li­che Ver­an­stal­tun­gen. Mei­ne Mut­ter­spra­che ist Deutsch, ich ar­bei­te über­wie­gend als Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin mit Fran­zö­sisch und Eng­lisch, die Bü­ro­kol­le­gin über­setzt in die eng­li­sche Spra­che.

Caroline Elias
Die Autorin als Begleitdolmetsche
„Ach, dann müs­sen Sie ja bald aufs Job­cen­ter?", fragt mich vol­ler Mit­ge­fühl die net­te Oma im Zug, als ich ihr sa­ge, was mein Be­ruf ist. Jein. Wer uns der­zeit die Ar­beit klaut, sind Tech­ni­ker, die un­se­ren Kun­den wah­re Wun­der ver­spre­chen, die die KI aber nicht hält, nicht hal­ten kann. Und das liegt vor al­lem an uns Men­schen selbst.

Denn die KI ist oft zu per­fekt für die mensch­li­che Spra­che. Das klingt pa­ra­dox, ist aber ge­nau das Pro­blem. Men­schen spre­chen näm­lich nicht wie Ma­schi­nen. Wir spre­chen un­sau­ber, sprin­gen in Ge­dan­ken, ver­ges­sen Wör­ter, ver­has­peln uns, fan­gen drei Sät­ze gleich­zei­tig an und be­en­den aus­ge­rech­net den zwei­ten.

Je­mand dreht den Kopf vom Mi­kro weg, hustet in den Satz hin­ein oder sucht plötz­lich nach ei­nem Be­griff, der ihm seit vier­zig Jah­ren selbst­ver­ständ­lich war und nun für ei­nen Mo­ment ent­glei­tet. Und trotz­dem funk­tio­niert men­schli­che Kom­mu­ni­ka­ti­on meis­tens er­staun­lich gut. So­lan­ge kei­ne Tech­nik rein­funkt ...

Das liegt dar­an, dass Men­schen eben nicht nur Wör­ter hö­ren. Wir hö­ren Ab­sich­ten, Un­si­cher­hei­ten, Macht­ver­hält­nis­se, Höf­lich­keit, Iro­nie und das, was ge­ra­de nicht ge­sagt wird. Ein Pu­bli­kum merkt oft so­fort, wenn ein Wort plötz­lich fehlt oder er­setzt wird. Wenn aus ei­ner „Kri­se“ nur noch ei­ne „Her­aus­for­de­rung“ wird oder aus ei­nem „An­griff“ ein „Vor­fall“, dann ist das kei­ne sprach­li­che Ne­ben­säch­lich­keit, son­dern oft ei­ne po­li­ti­sche Ent­schei­dung. Ge­nau dort wird es für KI schwie­rig, denn Ma­schi­nen er­ken­nen zwar Mus­ter, aber kei­ne Span­nung im Raum.

Die Aus­wür­fe der Ge­rä­te wir­ken trotz­dem oft be­ein­dru­ckend. Wir lesen ei­nen flüs­si­gen Text, der gram­ma­tisch sau­ber und ge­schmei­dig klingt und In­halt lie­fert. Wir hö­ren ei­ne Stim­me, die ru­hig und sou­ve­rän spricht. Das al­les sug­ge­riert Ver­läss­lich­keit ... bis zum zwei­ten Blick. Dann wird aus „très chic“ plötz­lich „tra­shig“, aus dem „Prä­si­den­ten“ ein „Laut­spre­cher“ (the speaker) und aus ei­ner fei­nen An­spie­lung sprach­li­cher Be­ton. Die KI pro­du­ziert oft ei­ne Ober­flä­che, die rei­bungs­los wirkt, aber ge­nau da­durch den Ein­druck von Prä­zi­si­on er­zeugt, wo in Wirk­lich­keit längst Be­deu­tung ver­lo­ren ge­gan­gen ist.

Das Pro­blem liegt nicht nur in ein­zel­nen Feh­lern. Es liegt tie­fer. Mensch­li­che Spra­che ist näm­lich kein sau­be­res Über­tra­gungs­sys­tem, son­dern ein hoch­gra­dig feh­ler­an­fäl­li­ger Vor­gang, der trotz­dem funk­tio­niert, weil Men­schen per­ma­nent er­gän­zen, re­kon­stru­ie­ren und mit­den­ken. Wir ver­ste­hen oft ei­nen halb ver­schluck­ten Satz, den nie­mand voll­stän­dig aus­ge­spro­chen hat. Wir er­ken­nen am Ton­fall, ob je­mand blufft, sich her­aus­re­det oder kurz da­vor ist, die Ner­ven zu ver­lie­ren. Und wir wis­sen meist in­tui­tiv, wann ei­ne Un­schär­fe ab­sicht­lich ist.

Beim Dol­met­schen kommt noch et­was hin­zu. Dort geht es nicht nur um Spra­che, son­dern um Si­tua­tio­nen, um Räu­me, Men­schen und Kon­flik­te, um Zeit­druck und ein Pu­bli­kum mit Vor­wis­sen. Ein- und der­sel­be Satz kann in Ber­lin, Brüs­sel oder Pa­ris voll­kom­men un­ter­schied­lich wir­ken. Er kann iro­nisch klin­gen oder be­lei­di­gend, di­plo­ma­tisch oder lä­cher­lich. Er kann Span­nung ent­schär­fen oder ei­nen gan­zen Raum kip­pen las­sen. Ge­nau die­se Ebe­nen müs­sen Dol­met­sche­rin­nen und Dol­met­scher in Se­kun­den­bruch­tei­len mit­den­ken.

Und dann gibt es noch die Akus­tik der Wirk­lich­keit: Rascheln, Ne­ben­ge­räu­sche, Halb­sät­ze, Lis­peln und Über­lap­pun­gen. Laut WHO stim­men beim KI-Aus­wurf "Dol­met­schen" im Mit­tel al­ler Spra­chen rund 43 Pro­zent der Wör­ter mit dem Ori­gi­nal über­ein. Al­ler­dings nicht un­be­dingt in der rich­ti­gen Rei­hen­fol­ge und lei­der auch nicht im­mer mit den rich­ti­gen Be­zü­gen. Hier se­hen Sie, wie aus ei­ner flüs­si­gen Si­mu­la­ti­on ei­ne fal­sche Aus­sa­ge wird.

Vie­le Men­schen ver­wech­seln Sprach­glät­te mit Sprach­ver­ständ­nis. Die KI klingt oft sou­ve­rän, weil sie kei­ne Müdig­keit kennt, we­der Angst noch Scham, sie ist oh­ne Kör­per und so­zia­len Druck. Aber ge­nau die­se mensch­li­chen Stö­run­gen ge­hö­ren zur Kom­mu­ni­ka­ti­on da­zu. Wir spre­chen nicht trotz un­se­rer Feh­ler. Wir spre­chen mit ih­nen.

Die KI si­mu­liert Kom­mu­ni­ka­ti­on. Wir Men­schen blei­ben un­er­setz­bar.

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Fo­to: C.E. (Ar­chiv)

Montag, 11. Mai 2026

Montagsschreibtisch (139)

Bon­jour & hel­lo! Her­zlich will­kom­men beim ers­ten deut­schen Dol­met­scher­web­log aus dem In­ne­ren der Dol­met­sch­ka­bi­ne. Ich bin Dol­met­scher­in für die fran­zö­si­sche Spra­che, und ich über­set­ze (auch aus dem Eng­li­schen). 

Eiffelturm (Miniatur), Stiftköcher, Uhr
Time is running
Ge­ra­de kom­me ich von ei­nem Fern­ein­satz zu­rück. Die­se Wo­che ste­hen we­ni­ger Ent­fer­nun­gen an.

Auf dem Schreib­tisch lie­gen:
⊗ Ver­wal­tungs­ein­satz
⊗ Nach­be­rei­tung
⊗ Rech­nungs­we­sen
⊗ Rah­men­be­din­gun­gen in­ter­na­tio­na­ler Zu­sam­men­ar­beit in der Kunst

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Gra­fik:
C.E. (Ar­chiv)

Mittwoch, 6. Mai 2026

Die kaputte Leiter

Will­kom­men bei mei­nem Blog aus der Ar­beits­welt der Spra­chen. Ich bin Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin. Wie wir Dol­met­sche­rin­nen und Über­set­zer ar­bei­ten, ist oft nicht so ge­nau be­kannt. Über die Be­rufs­welt schrei­be ich hier im 20. Jahr. Heu­te: KI-Mitt­woch.

Karriereleiter, die in der Luft hängt. Unten die Jungen, ratlos, oben die Alten bei der Ernte
"Karriereleiter" mit Disruption
Üb­lich war der Be­rufs­ein­stieg mit Sys­tem: Die Jun­gen ler­nen von den Al­ten, die Al­ten von den Jun­gen, denn sie brin­gen fri­sches Wis­sen von den Hoch­schu­len mit, ken­nen ih­re Ge­ne­ra­ti­on gut, ein Ge­ben und Neh­men. So wird Wis­sen nicht nur von Ge­ne­ra­ti­on zu Ge­ne­ra­ti­on wei­ter­ge­ge­ben, son­dern bes­ten­falls wei­ter­ent­wi­ckelt.

Die Neu­lin­ge ha­ben da­bei mit ein­fa­chen Auf­ga­ben be­gon­nen, Er­fah­rung und Rou­ti­ne in der Pra­xis ge­sam­melt. Die un­te­ren Stu­fen der Ka­r­rie­re­lei­ter wa­ren viel­leicht nicht be­son­ders pres­ti­ge­träch­tig, aber sie wa­ren un­ver­zicht­bar.

Und jetzt die Dis­rup­ti­on! Die so­ge­nann­te Künst­li­che In­tel­li­genz (KI) reißt ge­ra­de die­se un­te­ren Stu­fen aus der Lei­ter. Und sie weiß nicht, was sie tut, sie­he Il­lus­tra­ti­on. 

Die KI warnt nicht, sie ver­spricht nur ra­sche Ge­win­ne. Ei­ne Wirt­schaft, die das Wort Nach­hal­tig­keit noch nicht ver­stoff­wech­selt hat, macht dumm mit.

Im­mer mehr Tä­tig­kei­ten, die frü­her klas­si­sche Ein­stiegs­ar­beit wa­ren, wer­den auf die KI aus­ge­la­gert: Da­ten ein­ge­ben, Do­ku­men­te struk­tu­rie­ren, Ent­wür­fe für Stan­dard­fäl­le tex­ten. Das be­trifft Buch­hal­tung, Ju­ra und Ver­wal­tung glei­cher­ma­ßen.

Die Zah­len da­zu sind ein­deu­tig. In Be­ru­fen mit ho­her KI-An­fäl­lig­keit sind Ein­stiegs­stel­len in den letz­ten Jah­ren um rund 13 Pro­zent zu­rück­ge­gan­gen. In der Fi­nanz­bran­che liegt der Rück­gang bei Ju­ni­or­stel­len so­gar bei ca. 24 Pro­zent, bei ein­zel­nen Tä­tig­kei­ten so­gar hö­her. Gleich­zei­tig bleibt die Nach­fra­ge nach er­fah­re­nen Kräf­ten sta­bil oder steigt.

Auf den ers­ten Blick ist das ef­fi­zi­ent. Ein er­fah­re­ner Mit­ar­bei­ter, un­ter­stützt durch die KI, kann heu­te mehr leis­ten als frü­her ein gan­zes Team von Be­rufs­ein­stei­gern.

Aber Ein­stiegs­jobs sind kei­ne über­flüs­si­gen Rou­ti­ne­po­si­tio­nen. Sie sind die Pha­se, in der sich be­ruf­li­ches Ur­teils­ver­mö­gen ent­wi­ckelt. Wer nie Stan­dard­fäl­le be­ar­bei­tet hat, wird spä­ter auch kei­ne kom­ple­xen Fäl­le sou­ve­rän ent­schei­den kön­nen.

Ge­nau hier ent­steht ei­ne Lü­cke. Un­ter­neh­men spa­ren an den un­te­ren Stu­fen und fra­gen noch nicht, wo­her in Zu­kunft die er­fah­re­nen Fach­kräf­te kom­men sol­len. Wir schaf­fen ein neu­es Pro­blem.

Was ge­ra­de als tech­no­lo­gi­scher Fort­schritt ver­kauft wird, hat ei­ne drit­te und vier­te Sei­te, über die we­ni­ger ge­spro­chen wird. Die Ar­beit ver­schwin­det nicht ein­fach. Sie ver­la­gert sich.

Ein gro­ßer Teil lan­det wie­der bei den Er­fah­re­nen, die die Aus­wür­fe der Sys­te­me prü­fen, kor­ri­gie­ren und ein­ord­nen müs­sen. Das ist kei­ne Ent­las­tung, son­dern ei­ne Ver­la­ge­rung von Rou­ti­ne in Kon­troll­ar­beit. (For­de­run­gen nach der Ver­län­ge­rung der täg­li­chen Ar­beits­zeit ha­ben plötz­lich ei­nen Grund.)

Der an­de­re Teil wird in klei­ne Auf­ga­ben zer­teilt und aus­ge­la­gert, meist schlecht be­zahlt, oh­ne Zu­sam­men­hang und oh­ne Rück­mel­dung: Click­work statt Be­rufs­ein­stieg bei gleich­zei­ti­ger Ent­wer­tung von Stu­di­um und Aus­bil­dung.

Das ma­chen dann die­je­ni­gen, die ei­gent­lich in ei­nem Be­rufs­kon­text ler­nen soll­ten. Sie be­ar­bei­ten Ein­zel­tei­le, oh­ne das gro­ße Gan­ze zu se­hen. Sie er­hal­ten kei­ne struk­tu­rier­te An­lei­tung und kei­ne ech­te Feed­back-Schlei­fe. Was frü­her ein ge­steu­er­ter Lern­pro­zess war, wird zu ei­ner Ab­fol­ge iso­lier­ter Mi­ni­auf­ga­ben.

Das ist kein Fort­schritt, sondern Blend­werk. Hier wird Macht miss­braucht, al­te Er­fah­rung ver­braucht und kei­ne neue sys­te­ma­tisch auf­ge­baut. Die Pro­duk­ti­vi­tät steigt kurz­fris­tig auf dem Pa­pier, zu­gleich wer­den die Grund­la­gen für die Zu­kunft zer­stört.


Vo­ka­bel­no­tiz

le court-ter­mis­me — das Quar­tals­den­ken, die Quar­tals­den­ke
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Gra­fik:
pixlr.com (Zu­falls­fund)

Dienstag, 5. Mai 2026

Frontalkortex

Bon­jour ! Hier kön­nen Sie Ein­blick in den Ar­beits­all­tag ei­ner Dol­met­sche­rin bekom­men. Mit der Mut­ter­spra­che Deutsch, ar­bei­te ich über­wie­gend ins Fran­zö­sische und aus dem Eng­lischen. Frisch und schnell ver­bloggt ...

Menschen vor Aufstellern, vorne die Fotograf:innen
Fotopause (point of view of the interpreter)
Ein lan­ger Kon­fe­renz­tag: Vor dem Mit­tag­es­sen wer­den Fo­tos ge­macht. 

Nach dem Mit­tag­es­sen geht's wei­ter. Mein Zi­tat des Ta­ges, eine Teil­ne­hme­rin: "So, ich muss rasch noch mein In­tel­li­genz­ge­hirn auf­set­zen, das seid Ihr bei­de, der Fron­tal­kor­tex."

Ach, schön. Danke!

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Fo­to: C.E.

Montag, 4. Mai 2026

Montagsschreibtisch (138)

Aus­weich­schreib­tisch im Schlaf­zim­mer

Gu­ten Tag oder gu­ten Abend! Sie sind mit­ten in ein Ar­beits­ta­ge­buch hinein­ge­ra­ten, in dem sich al­les um Spra­che, Dol­met­schen, Über­setzen und Kult­uren dreht. Als frei­be­ruf­li­che Sprach­mitt­lerin ar­bei­te ich in Pa­ris, Ber­lin, Mar­seil­le und dort, wo ich ge­braucht wer­de. Heu­te folgt wie­der der Mon­tags­schreib­tisch.

Re­no­vie­rungs­lärm in der Nach­bar­schaft ent­gehe ich am Krea­tiv­schreib­tisch.

Die­se Wo­che steht an:
❦ Mo­de­ra­tions­vor­be­reit­ung
❦ Wort­feld­ar­beit (Nach­be­rei­tung)
❦ Städte­part­ner­schaft
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Foto: C.E. (Ar­chiv)

Sonntag, 3. Mai 2026

Sonntagsausflüge

Bon­jour, hel­lo & gu­ten Tag oder Abend. Hier kön­nen Sie Ein­bli­cke in den Ar­beits­all­tag ei­ner Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin mit Mut­ter­spra­che Deutsch be­kom­men. Ich ar­bei­te über­wie­gend mit Fran­zö­sisch und aus dem Eng­li­schen. Die Bü­ro­kol­le­gin über­setzt in die eng­li­sche Spra­che. Kom­men­tar zum Sonn­tag: Heu­te wird es per­sön­li­cher.

Manch­mal ha­be ich den Ein­druck, dass uns ge­ra­de kol­lek­tiv ge­mach­te Er­fah­run­gen und die Auf­merk­sam­keit für­ein­an­der ent­glei­ten. Empa­thie wirkt wie ein knap­pes Gut. Po­li­ti­sche Maß­nah­men wer­den als „Zu­mu­tun­gen“ be­zeich­net, vie­le Men­schen or­ga­ni­sie­ren sich im All­tag neu, re­du­zie­ren not­ge­drun­gen ihr Au­ßen­le­ben. Die Früh­lings­(pro­ben)­rei­se des kon­zer­tie­ren­den Chors wir­d ab­ge­sagt, weil zu we­ni­ge über die frei­en Mit­tel ver­fü­gen, um den Ei­gen­an­teil zu be­zah­len. Beim Nach­bars­kind fällt die Klas­sen­fahrt flach, di­to.

Men­schen im Über­le­bens­mo­dus ha­ben nur die nächs­te Mahl­zeit, den nächs­ten Tag im Blick. Sie kön­nen we­der die ei­ge­ne La­ge aus der Vo­gel­per­spek­ti­ve be­trach­ten, noch neue Per­spek­ti­ven und Aus­we­ge fin­den. Sie er­star­ren, free­ze or flight. Das über­trägt sich auf die Kin­der. Der Nach­wuchs im Über­le­bens­mo­dus er­lernt die­sen Zu­stand als Le­bens­grund­ge­fühl. Das ist fa­tal. So wird Ar­mut, wer­den Ängs­te ver­erbt. (So­gar Pe­ter Hartz, auf den die ab­ge­speck­te So­zi­al­hil­fe der Nul­ler­jah­re zu­rück­geht, hat das er­kannt und die da­ma­li­ge Ent­schei­dung ei­nen Feh­ler ge­nannt.)

In der Zwi­schen­zeit hat die Not längst die ge­ho­be­ne Mit­tel­schicht er­reicht. Ei­ne Be­kann­te sucht seit acht Mo­na­ten ei­ne Woh­nung, sie wur­de auf Ei­gen­be­darf ver­klagt. Ih­re Fa­mi­lie ist seit Ge­ne­ra­tio­nen in Ber­lin an­säs­sig. Opas Miets­haus über­stand den Krieg nicht, der Las­ten­aus­gleich brach­te ein Sied­lungs­haus, in dem die Fa­mi­lie der Nich­te lebt. Die Su­che­rin und ihr Mann sind oft um­ge­zo­gen. Er war Wis­sen­schaft­ler, die letz­ten Jah­re hat sie ihn ge­pflegt, dann ging es nicht mehr, sie wur­de selbst krank. Jetzt ist er im Heim.

Die Dame war zwei Jahr­zehn­te lang Frei­be­ruf­le­rin. We­gen ih­rer Al­ters­rück­la­gen gilt sie als zu reich für einen Wohn­be­rech­ti­gungs­schein und ist zu­gleich zu arm für Wohn­ei­gen­tum. In Voll­zeit be­wirbt sie sich um ei­ne neue Blei­be. Aber der Markt kennt kei­ne Men­schen, die we­gen der Pfle­ge län­ger nicht ar­bei­ten konn­ten, das Ver­mö­gen scheint nichts wert, die ü50-Be­wer­berin zu alt zu sein. So­gar kirch­li­che Trä­ger win­ken ab. Jetzt hat das Ge­richt ei­ne zwei­mo­na­ti­ge Ver­län­ge­rung der Aus­zugs­frist an­ge­ord­net. Sie stellt sich auf die Ein­la­ge­rung des Haus­rats und ein über­teu­er­tes WG-Zim­mer ein. Und nie­man­den scheint's zu stö­ren, was auch für die Kür­zun­gen bei Men­schen mit Ein­schrän­kun­gen gilt.

An­de­re Ge­schich­ten schaf­fen es in die Abend­nach­rich­ten. Ein in der Ost­see ge­stran­de­ter Bu­ckel­wal be­wegt die Her­zen. Nach ei­nem acht­wö­chi­gen Dra­ma wird er spen­den­fi­nan­ziert ins of­fe­ne Meer ge­schafft. Das zeigt Mit­ge­fühl. In der Zwi­schen­zeit wird aber in un­se­rem Hei­mat­meer der Schweins­wal im­mer sel­te­ner, ist vom Aus­ster­ben be­droht.

Die öko­lo­gi­schen Dra­men ver­lau­fen lei­ser. Wir wis­sen um Kli­ma­ver­än­de­run­gen, Res­sour­cen­druck, Ar­ten- und Hu­mus­ver­lust. Zu­gleich ent­ste­hen Trends, die sich stark auf das In­di­vi­du­um kon­zen­trie­ren, Stich­wor­te sind „Selbst­op­ti­mie­rung“ und „Lon­ge­vi­ty“, die Me­di­en sind über­voll da­von. Vor­sor­ge ist gut, und doch passt das al­les nicht zu­sam­men. Ist es eine Ant­wort auf die Un­si­cher­heit, sich auf das Na­he zu kon­zen­trie­ren und Selbst­wirk­sam­keit zu er­fah­ren, wenn das Gro­ße schwer fass­bar und ver­stö­rend wird?

Die La­ge ist kom­plex, und doch ist sie so viel ein­fa­cher, als es oft dar­ge­stellt wird. Um­so wich­ti­ger bleibt es, im Ei­ge­nen hand­lungs­fä­hig zu blei­ben. Dem die­nen tat­säch­lich gu­tes, ge­sun­des Es­sen, Sport und Er­ho­lung, Freund­schaf­ten und Kul­tur, Din­ge, für die et­was mehr Geld als das Über­le­bens­not­wen­di­ge nö­tig ist. Wir dür­fen das Ge­mein­sa­me nicht aus dem Blick ver­lie­ren. Denn das ist un­se­re Chan­ce: Kräf­te zu bün­deln und sich kon­struk­tiv für das ein­zu­set­zen, was trägt. 

Ein Sonn­tag im Pa­ra­dies!


Wo­chen­end­plai­sir: Ins Jrü­ne fah­ren. Auf der Pfau­en­in­sel war ich vor mehr als ei­nem Jahr­zehnt mit mei­nem Va­ter das letz­te Mal, er hat sie ge­liebt. Das ist ein wun­der­vol­ler Ta­ges­aus­flug­s­tipp! Es gibt auch ei­ne zen­tra­le Pick­nick­wie­se, wo sich K&K zu­kau­fen und auf die To ge­hen lässt. Wun­der­voll!

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Mon­ta­ge:
C.E.