Sonntag, 14. Juni 2026

Haushalten (1)

Bon­jour ! Hier kön­nen Sie Ein­blick in den Ar­beits­all­tag ei­ner Dol­met­sche­rin be­kom­men. Mit der Mut­ter­spra­che Deutsch ar­bei­te ich über­wie­gend ins Fran­zö­si­sche und aus dem Eng­li­schen. Sonn­tags wer­de ich pri­vat. Heu­te: Ei­ne in­ter­kul­tu­rel­le Ver­schie­bung in der Kü­che.

Ich ko­che sehr gern. Ich ba­cke gern, vor al­lem Rühr­ku­chen. Aber zu Tor­ten habe ich kei­ne Mei­nung. Ich ha­be noch nie eine Tor­te ge­macht, da­für tau­sen­de von leich­ten tartes, meis­tens sal­zig. Das deu­tsche Wort „Erd­beer­tor­te“ klingt nach viel Zu­cker, nach Sah­ne und nach Schwei­ne­ge­la­ti­ne. Das mag ich al­les nicht.

Erdbeerkram (in the ma­king)
Und so hab' ich ein Pro­blem, denn eine sol­che hat sich eine Freun­din gar in­nig­lich zum Ge­burts­tag ge­wünscht. Ich hat­te gleich ein mul­mi­ges Ge­fühl. Es ist Som­mer, Erdbeeren zählen zu empfindlichem Obst, das rasch verdirbt.

War­um kann die Gute nicht an ei­nem Sams­tag Ge­burts­tag haben, dann hät­te ich das Obst am glei­chen Tag ver­ar­bei­ten kön­nen?

So brin­ge ich am Sams­tag­mor­gen vom Wo­chen­end­ein­kauf Erd­bee­ren mit, um am Sams­tag­nach­mit­tag fest­zu­stel­len: Die se­hen zu mit­ge­nom­men aus. Es gibt Erd­bee­ren zum Abend­es­sen. An­schlie­ßend ge­he ich nach­kau­fen. Dan­ke, Er­mög­li­cher:in­nen lan­ger Öff­nungs­zei­ten!

Am Sonn­tag­mor­gen be­rei­te ich den Tor­ten­bo­den vor. Er kommt in den Ofen. Als die Back­zeit vor­bei ist, neh­me ich flüs­si­gen Teig in der Form aus dem Ofen­fach. Mist. Der Gas­herd ist aus­ge­gan­gen. Ich ver­su­ch's noch­mal. Geht wie­der aus. Seit Pu­tins Über­fall auf die Ukrai­ne habe ich nichts mehr ge­ba­cken. Wir sparen Gas. Ist eine Dü­se ver­stopft? Hat das Er­satz­gas an­de­re Brenn­wer­te? Frisch ge­rei­nigt war der Ofen, also vor x Jahren, jetzt noch­mal durch­ge­wischt. Oder muss ich da et­was um­stel­len?

Im Netz fin­de ich Re­zep­te für Tor­ten­bö­den oh­ne Ba­cken. Heute, am Sonn­tag, kann ich nichts nach­kau­fen. Ich mi­sche re­zept­ge­treu But­ter mit ge­krü­mel­tem Keks und Zwie­back (was ge­ra­de noch im Haus ist). Das Er­geb­nis ist ein Bo­den aus Crumb­le, der beim schar­fen Hin­se­hen su­bi­to sei­ne Bin­dung ver­liert. OK, dann stre­cke ich den Saft für den „Tor­ten­guss“ mit Agar-Agar eben mit et­was Mar­me­la­de, pla­ne das als ers­te Schicht für die Pud­ding­scha­le ein, dann folgt die Kä­se­ku­chen­mi­schung oh­ne Ei, im Netz fin­de ich un­ter “Erd­beer­ku­chen oh­ne Ba­cken“ Hin­wei­se da­zu. 

Und ich habe Glück. Eine Tü­te zur Her­stel­lung von „Cheese­cake-Cre­me“ fin­det sich in der Vor­rats­kam­mer an. Al­ler­dings las­sen sich Mas­car­po­ne und Frisch­kä­se mit der Zu­be­rei­tung nicht so rich­tig luf­tig auf­schla­gen, auch wenn die Be­schrei­bung das ver­spricht. Noch­mal Glück: Zur Ab­si­che­rung hat­te ich ein Tüt­chen hunds­teu­rer, ro­sa­far­be­ner „Erd­beer­sü­ße“ mit­ge­kauft. Da­mit be­kommt das Gan­ze we­nigs­tens ei­nen hüb­sche Teint. Ob es dem Ge­schmack auch auf­hilft, wird sich er­wei­sen.

Nö­tig wär's. Denn die Erd­bee­ren sind, an­ders als die vom Abend­es­sen, nur so la­la. Das weiß ich, weil ich zwangs­pro­bie­re: „Die Gu­ten ins Töpf­chen, die Schlech­ten ins Kröpf­chen.“ Som­mer halt, rasch ver­derb­li­ches Obst.

Was als Bo­den ge­dacht war, wir zu Sträu­seln er­klärt. Dann baue ich die Eta­gen zu­sam­men. (Mei­ne Wort­wahl ist vom Fran­zö­si­schen be­ein­flusst, ei­ne Tor­te ist eine pièce mon­tée, eine auf­ge­bau­te, auf­ge­türm­te Sa­che.) Der Sträu­sel­bo­den ist jetzt oben. Ei­ne Ge­denk­mi­nu­te gilt der Tarte Tatin, die im Mo­ment ei­nes Miss­ge­schicks ent­wic­kelt wor­den sein soll. Ich hof­fe.

Was fehlt noch? Ba­si­li­kum­blät­ter erst im letz­ten Mo­ment drauf, dazu ge­rös­te­te Man­del­split­ter. Und als Pu­der­zu­cker­er­satz noch et­was von der ro­sa­far­be­nen „Erd­beer­sü­ße“. Am En­de das Gan­ze kurz ins Eis­fach in der Hoff­nung, dass sich die Tei­le am En­de gut von den Ge­fä­ßen lö­sen las­sen.

Auf je­den Fall tau­f' ich's um: Straw­ber­ry crumb­le klingt auch gut, oder?

Mich hat der Tor­ten­back­ver­such et­li­che Stun­den und noch mehr Ner­ven ge­kos­tet, und das an ei­nem Sonn­tag, der ei­gent­lich der Er­ho­lung und der Kul­tur gilt. Eine Erd­beer­tor­te will ich nie wie­der ba­cken müs­sen. Es sei denn, weil es mein ei­ge­ner Wunsch ist.

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Fo­to:
C.E.

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