Freitag, 5. Juni 2026

Toxische Männlichkeit

Bon­jour ! Mein Na­me ist Ca­ro­li­ne Eli­as, ich bin Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin sit­ze meis­tens in der Fran­zö­sisch­ka­bi­ne, wenn ich keine De­le­ga­tio­nen oder auch Kund­schaft in­di­vi­du­ell be­glei­te. Heute eine Kurz­no­tiz zum All­tag in Deutsch­land.
 
In den USA sind's die Knar­ren, in Deutsch­land die Kar­ren: alles sakro­sankt. Und die Pri­vi­le­gien der Män­ner so­wie­so. Das ist zum Kot­zen!

Es gibt Mo­men­te, in de­nen ich froh bin, (noch) keine Ge­richts­dol­met­sche­rin zu sein. (Das Ge­richts­dol­met­schen ist mein Plan D, soll­ten die Tech-Nerds, meis­tens männ­lich, wei­ter un­seren Kun­den, meis­tens männ­lich, Mär­chen über die tol­le KI er­zäh­len, wo­durch wir der­zeit vie­le Auf­trä­ge ver­lie­ren.) Denn im schlimms­ten Fall müs­sen die Wor­te von Tä­tern durch mich hin­durch.

Ich ha­be nicht durch­ge­hend in Neu­kölln gelebt. In an­de­ren Wohn­ge­bie­ten wa­ren vor Jahr­zehn­ten die Schu­len bes­ser. Aber da­mals hat­ten wir es ein-, zwei­mal die Wo­che mit Au­to­ren­nen in ei­nem Wohn­ge­biet zu tun. Das ist lan­ge her.

Hände
Ge­schlech­ter­ge­rech­tig­keit geht auch an­ders!
Doch schon vor 20 Jah­ren be­stand kei­ne Not­wen­dig­keit für die­se (meis­tens) Jung­män­ner, ihr und das Le­ben an­de­rer bei die­sen Ren­nen zu ris­kie­ren.
Meis­tens ken­nen das nur Müt­ter (aus an­de­ren Grün­den), wie es ist, näch­te­lang im­mer wie­der aus dem Schlaf ge­ris­sen zu wer­den.
Sol­che Ra­se­rei­en sind in Ber­lin in vie­len Kie­zen bit­te­rer All­tag. Die Me­dien be­rich­ten, wenn der Ir­rsinn Men­schen­le­ben for­dert.

Das ge­schah wie­der­holt, am Kur­fürs­ten­damm, aber auch in der Neu­köll­ner Her­manns­tra­ße.

Nun wur­de der Au­to­fah­rer, der vor ei­ni­gen Jah­ren mit fast 100 km/h über die­se Haupt­stra­ße Neu­kölln ge­rast ist und Fah­rer­flucht be­ging, nach­dem er ei­nen Fuß­gän­ger tot­ge­fah­ren hat, vom Amts­ge­richt zu ei­ner Be­wäh­rungs­stra­fe von 22 Mo­na­ten und Füh­rer­schein­ent­zug von zwei­ein­halb Jah­ren ver­ur­teilt. Ich kann es nicht fas­sen, dass das fort­ge­setzt als Zi­vil­ver­fah­ren ver­folgt wird.

Ra­se­rei­en in der In­nen­stadt sind po­ten­tiel­ler Tot­schlag oder Mord. Wer so rast, weiß, was er macht. (Ich schrei­be hier ER, weil es ist kein Fall be­kannt, bei dem eine Frau be­tei­ligt wä­re.) In an­dern Län­dern wür­de der Mensch jetzt län­ger im Ge­fäng­nis sit­zen.

In Deutsch­land wird so­was be­straft, als sei es ein Ka­va­liers­de­likt. Mit „Frei­heit“ hat das nichts zu tun.

Und das ist nur ein Bei­spiel für to­xi­sche Männ­lich­keit in Deutsch­land. Mei­ne Kar­rie­re als Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin er­lebt nicht nur jetzt, sie­he oben, eine Aus­brem­sung durch Männ­er­bün­de.

Da­vor habe ich in den Me­dien ge­ar­bei­tet. Hier bin ich an der „Be­set­zungs­couch“ ge­schei­tert. In an­de­ren Wor­ten: Ich bin stark ge­blie­ben (und ha­be Ohr­fei­gen ver­teilt). Später wur­de mir als Jour­na­lis­tin und in der Öf­fent­lich­keits­ar­beit, als es um ei­ne Fest­an­stel­lung ging, ein Mann vor­ge­zo­gen, ob­wohl mein Ver­trag bis ins De­tail aus­ge­han­delt und die Far­be des neu­en Büro­stuhls von mir fest­ge­legt wa­ren.

Grund: Als Frischver­hei­ra­te­te wür­de ich si­cher bald „aus­fal­len“ und der Mann muss­te so­wie­so die ei­gene Fa­mi­lie er­näh­ren ... Das war in den 1990ern, und es ist heu­te noch ge­nau­so mög­lich, denn au­ßer dem Jus­ti­zi­ar und mir gab es kei­ne Zeu­gen.

So wur­de ich Dol­met­sche­rin, denn auch hier hat­te ich mich aka­de­misch aus­bil­den las­sen (ohne je­doch die Ab­sicht zu ha­ben, spä­ter haupt­be­ruf­lich in der Kon­fe­renz­dol­metsch­ka­bi­ne zu sit­zen).

Und heu­te dann der näch­ste Pau­ken­schlag der to­xi­schen Männ­lich­keit: Die Re­gie­rung will die Ren­ten­punk­te für pfle­gen­de An­ge­hö­ri­ge kür­zen. 87 Pro­zent der Pfle­ge­be­dürf­ti­gen wer­den zu Hau­se ge­pflegt. Be­trof­fen sind vor al­lem Frau­en. (Und ich schon wie­der als Pfle­gen­de in Teil­zeit.) Na toll.

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Foto: C.E. (Ar­chiv)

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