Mittwoch, 3. Juni 2026

Der Schein trügt

Als Kon­fe­renz­dol­metscher­in ist Fran­zö­sisch meine Haupt­ar­beits­spra­che, ich dol­met­sche in beide Rich­tun­gen (oder, sel­te­ner, aus dem Eng­li­schen ins Fran­zö­si­sche). Deutsch ist meine Mut­ter­spra­che und daher bei Text­ar­beit die häu­figs­te Ziel­spra­che. Die Bü­ro­kol­le­gin über­setzt ins Eng­li­sche. Auch was die Tech­nik an­geht, müs­sen wir stän­dig hin­zu­ler­nen. Heu­te: KI-Mitt­woch.

Ich sit­ze in der U-Bahn und über­flie­ge vor dem Ein­satz mei­ne No­ti­zen. Woh­nungs­kauf in Ber­lin: Zwi­schen Deutsch­land und Frank­reich gibt es et­li­che Un­ter­schie­de bei der ge­setz­li­chen Grund­la­ge. Als Kon­ferenz­dol­met­scherin muss ich die­se Nu­an­cen ken­nen und sprach­lich prä­zi­se spie­geln. Be­son­ders beim ju­ris­ti­schen Dol­met­schen im No­ta­riat, wenn Ver­trä­ge recht­lich bin­dend wer­den, zählt je­des Wort.

Gesehen in Berlin
Doch im Be­rufs­all­tag ma­che ich im­mer wie­der wi­der­sprüch­li­che Er­fah­run­gen mit der Künst­li­chen In­tel­li­genz. Ein- und der­sel­be Ort, zwei glei­che Ter­mi­ne, ein Jahr Zeit­ab­stand. Das The­ma: Woh­nungs­ver­kauf.

Ich dol­met­sche Deutsch ↔ Fran­zö­sisch si­mul­ta­n vom Blatt, ha­be den von mir mi­nu­tiös vor­be­rei­te­ten Ver­trag vor mir im Rech­ner.

Der DeepL-Aus­druck auf dem Tisch


Früh­jahr 2024: Ein Vater kauft sei­ner Toch­ter in Ber­lin eine Woh­nung, denn sie fin­det kei­ne Miet­woh­nung. Die No­ta­rin legt dem fran­zö­sisch­spra­chi­gen Man­dan­ten eine Über­set­zung auf den Platz. Ich be­kom­me auch ei­nen Aus­druck und ma­che gro­ße Au­gen.

Die No­ta­rin winkt ab: „Das ist nur eine DeepL-Ver­si­on, keine be­glau­big­te Über­set­zung.“ OK, mei­ne Va­ri­an­te ba­siert zwar auch auf Ma­chi­ne Trans­la­ti­on, ist aber mit ei­ner ein­ge­pfleg­ten Ter­mi­no­lo­gie­lis­te und drei Stun­den Hand­ar­beit im Fach­lek­to­rat ver­fei­nert wor­den.

Als ich si­mul­ta­n aus­ge­hend von mei­ner Fas­sung dol­met­sche, feilt mein Ge­hirn an vielen Stel­len den Text zurecht. Die No­ta­rin blickt ge­reizt: „Le­sen Sie doch ein­fach ab“, und zeigt auf den KI-Aus­druck. „Das darf ich nicht!“, er­wi­de­re ich. (Sie rollt mit den Au­gen. Na pri­ma. Hier auf­zu­pas­sen ist ihr Bu­si­ness, nicht meins!)

Der Kun­de stutzt we­nig spä­ter, un­ter­bricht mich und sagt auf Fran­zö­sisch: „Hier steht das aber an­ders!“ Er weist auf den DeepL-Aus­wurf. Ich er­klä­re ihm, dass die KI mit den Un­ter­schie­den des deut­schen und fran­zö­si­schen Im­mo­bi­li­en­rechts nicht viel an­fan­gen kann. Vor al­lem der Be­sitz­über­gang ist hier­zu­lan­de völ­lig an­ders als bei ei­ner fran­zö­si­schen pro­mes­se de ven­te.

Die No­ta­rin ver­steht kein fran­zö­si­sches Recht, ist un­ge­hal­ten und will schnel­ler fer­tig wer­den.

Die Er­kennt­nis

Zwölf Mo­na­te spä­ter im sel­ben Raum: Dies­mal liegt kein KI-Aus­druck auf dem Tisch. Ich ar­bei­te ent­spannt, es gibt keine Ir­ri­ta­tio­nen bei dem fran­zö­si­schen Ehe­paar, kein Au­gen­rol­len der No­ta­rin.

In der Pau­se fra­ge ich sie nach ih­ren Er­fah­run­gen mit DeepL. Ihre Ant­wort spricht Bän­de: „Die­se Fas­sun­gen sind nicht rechts­si­cher. Feh­ler, die das Sys­tem au­to­ma­tisch macht, kön­nen ganz schön teu­er wer­den!“ Sie blickt be­tre­ten, of­fen­bar eine schmerz­haf­te Ei­gen­er­fah­rung.

KI-Er­fol­ge sind laut


Aber Miss­er­fol­ge, teu­e­re Miss­ver­ständnis­se und ver­lo­re­ne Re­gress­pro­zes­se durch eine höl­zer­ne, fehlerbehaftete Sprache sind lei­se, sie wer­den ge­pflegt ver­schwie­gen.

Wir kennen das aus anderen Kontexten. Uns Dolmetscher:innen helfen peinliche, unsichtbare Missgriffe der KI derzeit eindeutig nicht in der Auftragsakquise.

Neu: Die un­sicht­ba­re Ge­fahr

Das Ri­si­ko liegt in­zwi­schen nicht mehr nur in sprach­li­chen Nu­an­cen. Wer heu­te einen Ver­trag durch KI prü­fen lässt, geht still­schwei­gend da­von aus, dass Mensch und Ma­schi­ne den­sel­ben Text se­hen. Doch die­se An­nah­me ist fra­gil. Zwi­schen der sicht­ba­ren Ober­flä­che und der ma­schi­nen­les­ba­ren Struk­tur liegt eine tech­ni­sche Schicht, die sich ma­ni­pu­lie­ren lässt. Schrift­ar­ten und Ko­die­run­gen sind nicht neu­tral.

In der Si­cher­heits­for­schung wird der­zeit dis­ku­tiert, dass Texte so ge­stal­tet wer­den kön­nen, dass sie für das mensch­li­che Auge kor­rekt er­schei­nen, wäh­rend di­gi­ta­le Sys­te­me eine völ­lig an­de­re Zei­chen­fol­ge ex­tra­hie­ren. Ein PDF kann vi­su­ell einen har­mlo­sen Text an­zei­gen, wäh­rend in­tern eine ganz an­de­re Ebe­ne ver­ar­bei­tet wird.

Wenn KI-Sys­te­me Ver­trä­ge, Klau­seln oder Be­trä­ge au­to­ma­ti­siert ana­ly­sie­ren, ver­las­sen sich Men­schen oft blind auf die­se ma­schi­nen­les­ba­re Ebene. Wird die­se ge­zielt ver­fälscht, ent­steht eine ge­fähr­li­che Dis­kre­panz zwi­schen dem, was sicht­bar ist und dem, was das Sys­tem ver­ar­bei­tet. Die Frage ver­schiebt sich von „Wie gut ist die KI?“ zu „Wie ver­läss­lich ist das Do­ku­ment, das sie liest?“

Ver­trau­en Sie lie­ber den Men­schen!


Ob beim di­rek­ten Dol­met­schen im No­ta­riat oder bei der au­to­ma­ti­schen Ri­si­ko­ana­ly­se: Rein ma­schi­nel­le Ver­fah­ren sto­ßen an si­cher­heits­re­le­van­te Gren­zen.

Ohne mensch­li­che Ex­per­ti­se bleibt der Ge­schäfts­ver­kehr ein un­kal­ku­lier­ba­res Ri­si­ko. Im Be­rufs­alltag ha­ben Dol­met­scher:in­nen und die Men­schen in No­ta­ria­ten da­von be­reits im­mer öf­ter Ah­nung. Ein No­ta­riat über­nimmt am En­de auch die Ver­ant­wor­tung (die KI nicht).

Fra­gen Sie nach oder spre­chen Sie mit dem In­for­ma­ti­ker Ih­res Ver­trau­ens da­rü­ber (oder der In­for­ma­ti­ke­rin des Ver­trau­ens)!

Wei­te­re Ge­fah­ren dro­hen

Zum Schluss noch ein un­ap­pe­tit­li­cher Punkt: KI-Sys­te­me sind nicht nur Werk­zeu­ge zur Text­ver­ar­bei­tung, son­dern auch po­ten­zi­el­le Ein­falls­to­re für ma­ni­pu­lier­te In­hal­te. Über ver­steck­te Struk­tu­ren in prä­pa­rier­te Da­tei­en kön­nen auch Tro­ja­ner ein­ge­schleust wer­den. Xpert.digital spricht von poi­soned PDFs und von Da­tei­en, die wie Waf­fen ein­ge­setzt wer­den.

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Fo­to: C.E. (Archiv)

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