Ich sitze in der U-Bahn und überfliege vor dem Einsatz meine Notizen. Wohnungskauf in Berlin: Zwischen Deutschland und Frankreich gibt es etliche Unterschiede bei der gesetzlichen Grundlage. Als Konferenzdolmetscherin muss ich diese Nuancen kennen und sprachlich präzise spiegeln. Besonders beim juristischen Dolmetschen im Notariat, wenn Verträge rechtlich bindend werden, zählt jedes Wort.
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| Gesehen in Berlin |
Ich dolmetsche Deutsch ↔ Französisch simultan vom Blatt, habe den von mir minutiös vorbereiteten Vertrag vor mir im Rechner.
Der DeepL-Ausdruck auf dem Tisch
Frühjahr 2024: Ein Vater kauft seiner Tochter in Berlin eine Wohnung, denn sie findet keine Mietwohnung. Die Notarin legt dem französischsprachigen Mandanten eine Übersetzung auf den Platz. Ich bekomme auch einen Ausdruck und mache große Augen.
Die Notarin winkt ab: „Das ist nur eine DeepL-Version, keine beglaubigte Übersetzung.“ OK, meine Variante basiert zwar auch auf Machine Translation, ist aber mit einer eingepflegten Terminologieliste und drei Stunden Handarbeit im Fachlektorat verfeinert worden.
Als ich simultan ausgehend von meiner Fassung dolmetsche, feilt mein Gehirn an vielen Stellen den Text zurecht. Die Notarin blickt gereizt: „Lesen Sie doch einfach ab“, und zeigt auf den KI-Ausdruck. „Das darf ich nicht!“, erwidere ich. (Sie rollt mit den Augen. Na prima. Hier aufzupassen ist ihr Business, nicht meins!)
Der Kunde stutzt wenig später, unterbricht mich und sagt auf Französisch: „Hier steht das aber anders!“ Er weist auf den DeepL-Auswurf. Ich erkläre ihm, dass die KI mit den Unterschieden des deutschen und französischen Immobilienrechts nicht viel anfangen kann. Vor allem der Besitzübergang ist hierzulande völlig anders als bei einer französischen promesse de vente.
Die Notarin versteht kein französisches Recht, ist ungehalten und will schneller fertig werden.
Die Erkenntnis
Zwölf Monate später im selben Raum: Diesmal liegt kein KI-Ausdruck auf dem Tisch. Ich arbeite entspannt, es gibt keine Irritationen bei dem französischen Ehepaar, kein Augenrollen der Notarin.
In der Pause frage ich sie nach ihren Erfahrungen mit DeepL. Ihre Antwort spricht Bände: „Diese Fassungen sind nicht rechtssicher. Fehler, die das System automatisch macht, können ganz schön teuer werden!“ Sie blickt betreten, offenbar eine schmerzhafte Eigenerfahrung.
KI-Erfolge sind laut
Aber Misserfolge, teuere Missverständnisse und verlorene Regressprozesse durch eine hölzerne, fehlerbehaftete Sprache sind leise, sie werden gepflegt verschwiegen.
Wir kennen das aus anderen Kontexten. Uns Dolmetscher:innen helfen peinliche, unsichtbare Missgriffe der KI derzeit eindeutig nicht in der Auftragsakquise.
Neu: Die unsichtbare Gefahr
Das Risiko liegt inzwischen nicht mehr nur in sprachlichen Nuancen. Wer heute einen Vertrag durch KI prüfen lässt, geht stillschweigend davon aus, dass Mensch und Maschine denselben Text sehen. Doch diese Annahme ist fragil. Zwischen der sichtbaren Oberfläche und der maschinenlesbaren Struktur liegt eine technische Schicht, die sich manipulieren lässt. Schriftarten und Kodierungen sind nicht neutral.
In der Sicherheitsforschung wird derzeit diskutiert, dass Texte so gestaltet werden können, dass sie für das menschliche Auge korrekt erscheinen, während digitale Systeme eine völlig andere Zeichenfolge extrahieren. Ein PDF kann visuell einen harmlosen Text anzeigen, während intern eine ganz andere Ebene verarbeitet wird.
Wenn KI-Systeme Verträge, Klauseln oder Beträge automatisiert analysieren, verlassen sich Menschen oft blind auf diese maschinenlesbare Ebene. Wird diese gezielt verfälscht, entsteht eine gefährliche Diskrepanz zwischen dem, was sichtbar ist und dem, was das System verarbeitet. Die Frage verschiebt sich von „Wie gut ist die KI?“ zu „Wie verlässlich ist das Dokument, das sie liest?“
Vertrauen Sie lieber den Menschen!
Ob beim direkten Dolmetschen im Notariat oder bei der automatischen Risikoanalyse: Rein maschinelle Verfahren stoßen an sicherheitsrelevante Grenzen.
Ohne menschliche Expertise bleibt der Geschäftsverkehr ein unkalkulierbares Risiko. Im Berufsalltag haben Dolmetscher:innen und die Menschen in Notariaten davon bereits immer öfter Ahnung. Ein Notariat übernimmt am Ende auch die Verantwortung (die KI nicht).
Fragen Sie nach oder sprechen Sie mit dem Informatiker Ihres Vertrauens darüber (oder der Informatikerin des Vertrauens)!
Weitere Gefahren drohen
Zum Schluss noch ein unappetitlicher Punkt: KI-Systeme sind nicht nur Werkzeuge zur Textverarbeitung, sondern auch potenzielle Einfallstore für manipulierte Inhalte. Über versteckte Strukturen in präparierte Dateien können auch Trojaner eingeschleust werden. Xpert.digital spricht von poisoned PDFs und von Dateien, die wie Waffen eingesetzt werden.
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Foto: C.E. (Archiv)
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