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Donnerstag, 28. August 2025

Angestrengt aufwärts!

Hal­lo! Wie auch im­mer Sie hier ge­lan­det sind, Sie le­sen auf den Sei­ten mei­nes vir­tu­el­len Ar­beits­ta­ge­buchs. Ich bin Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin und ar­bei­te mit den Spra­chen Fran­zö­sisch und Eng­lisch. Deutsch ist mei­ne Mut­ter­spra­che. Heu­te ei­ne No­tiz zu mei­nem All­tag.

Das An­stren­gungs­pa­ra­do­xon: Da­mit et­was mü­he­los wirkt, müs­sen wir uns um­so mehr an­stren­gen. Hin­ter Ele­ganz und Ein­fach­heit stecken Ar­beit, viel Ar­beit! Pro­fis ha­ben lan­ge stu­diert, dann fol­gen Übung, Flei­ß, Wie­der­ho­lung. Am En­de soll die Ar­beit aus­sehen, als sei es leicht, fast selbst­ver­ständ­lich. Die Ita­lie­ner ha­ben da­für ein schö­nes Wort: Sprez­za­tura.

Bal­das­sare Cas­ti­glione be­schrieb die­sen Be­griff schon 1528 in sei­nem Cor­te­gia­no. Er meint ei­ne Art stu­dier­te Un­be­küm­mert­heit, bei der die Müh­e da­hin­ter un­sicht­bar bleibt. Ei­ne Kunst der an­trai­nier­ten Läss­ig­keit, die al­les wir­ken lässt, als sei es na­tür­lich ent­stan­den, oh­ne An­stren­gung.

Ge­nau das brau­chen wir Über­set­zer:in­nen, Dreh­buch­lek­to­ren, Un­ter­titel­ma­cher:in­nen – und na­tür­lich auch Dol­met­scher:in­nen. Beim Schluss­lek­to­rat von Un­ter­titeln geht es häu­fig um Kür­zen, Zu­sam­men­fas­sen, Ver­ein­fa­chen. Heu­te war das mein Job.

„Die Ar­beit ist nur dann sicht­bar, wenn sie nicht gut ge­macht ist.“ — das ha­be ich mir ein­mal no­tiert. Es stimmt: Kun­d:in­nen se­hen das Er­geb­nis, aber nicht die Ar­beits­schrit­te da­hin­ter. Ho­nor­are wir­ken des­halb oft schwer ein­schätz­bar. Ich rech­ne nach Stun­den ab.

Wie Tie­re nei­gen wir Men­schen da­zu, An­stren­gung zu ver­mei­den, und wir mi­ni­mie­ren auch den Auf­wand, den an­de­re be­trei­ben (... ob aus Em­pa­thie oder aus Geld­gier, weil sie die Kund:in­nen sind, sei da­hin­ge­stellt).

Aus einem Frühstücksbrettchen gebastelte Halterung für eine Papierrolle für die Einkaufslisten
2023 restauriert
Ei­ge­ne An­stren­gungen wer­den da­ge­gen oft über­schätzt. Als Bei­spiel da­für wird ger­ne der IKEA-Ef­fekt ge­nannt: Men­schen brin­gen Mö­beln, die sie selbst zu­sam­men­ge­schraubt ha­ben, spon­tan mehr Wert­schät­zung ent­ge­gen als wirk­lich wert­vol­lem Mo­bi­liar. (Das gilt, ich schaue mir selbst über die Schul­tern, auch für meine Up­cyc­ling-Ob­jek­te oder ge­ret­te­te Mö­bel.)

Der Ge­sell­schaft ist zu em­pfeh­len, um­zu­ler­nen, wie wer­tvoll An­stren­gun­gen sind. Beim Ler­nen und bei geis­ti­gen Mü­hen wer­den die glei­chen Hirn­re­gio­nen ak­ti­viert wie beim Sex. In einem Um­feld, das Wis­sen und An­stren­gun­gen po­si­tiv be­setzt und Fort­schritt wahr­nimmt, kann zu einer Auf­wärts­spi­ra­le füh­ren, un cercle ver­tu­eux.

Er­folg reiht sich oft an Er­folg, wenn sich Men­schen be­wusst für an­spruchs­vol­le­re Auf­ga­ben ent­schei­den. Hand­rei­chun­gen und Un­ter­stüt­zung sind dabei wich­tig! Und durch die Er­fah­rung der Selbst­wirk­sam­keit schüt­tet der Körper Se­ro­to­ni­ne aus. Glücks­ge­füh­le!

Heu­te blei­ben mei­ne Müh­e wei­ter im Ver­bor­ge­nen. Die Leich­tig­keit darf glän­zen. Also un­an­ge­strengt auf­wärts!

Vo­ka­belnotiz
cercle vi­cieux — Ab­wärts­spi­ra­le
cercle ver­tu­eux — Auf­wärts­spi­ra­le

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Fo­to: C.E. / mein Ge­burts­tags­ge­schenk
für mei­ne Mum, als ich sie­ben war

Dienstag, 13. Mai 2025

Internationaler Tag der Pflege

Mei­ne Haupt­ar­beits­spra­che beim Dol­met­schen ist Fran­zö­sisch, denn ich dol­met­sche in bei­de Rich­tun­gen (oder aus dem Eng­li­schen ins Fran­zö­si­sche). Deutsch ist mei­ne Mut­ter­spra­che und schrift­lich die wich­tigs­te Ziel­spra­che.
Die Bü­ro­kol­le­gin über­setzt ins Eng­li­sche. Aber es gibt ja nicht nur den Be­ruf.


Ein schö­nes Erb­stück
Ges­tern war der in­ter­natio­na­le Tag der Pfle­ge. In Deutsch­land wer­den An­ge­hö­ri­ge in neun von zehn Fäl­len zu­hau­se ge­pflegt. Und die meis­ten An­ge­hö­ri­gen, die das ma­chen, sind er­schöpft und füh­len sich al­lein­ge­las­sen.

Was am meis­ten ätzt, ist ne­ben der stän­di­gen Über­for­de­rung die mit der Pfle­ge ver­bun­de­ne Bü­ro­kra­tie, ein ve­ri­ta­bles Pa­ra­gra­fen­di­ckicht, durch das schon Pro­fis nur schwer durch­stei­gen.

Die An­ge­bo­te sind schlicht so über­kom­plex, dass vie­le An­sprü­che ver­fal­len, weil kaum je­mand da­zu kommt, sich ver­tieft ein­zu­le­sen. Es gibt auch zu vie­le In­for­ma­tio­nen, die ei­nem mal hier, mal dort um die Oh­ren ge­knallt wer­den. Sor­tie­ren muss mensch al­lei­ne.

Bes­ser wä­re, al­les ein­fach zu struk­tu­rie­ren, die An­spruchs­ar­ten und An­sprech­stel­len zu­sam­men­zu­füh­ren, die In­fos hier­ar­chisch auf­zu­bau­en, vie­le Er­stat­tun­gen zu au­to­ma­ti­sie­ren, auch bei Pri­vat­ver­sicher­ten. Wo­bei: Bes­ser als die Zwei­klas­sen­me­di­zin fän­de ich ei­ne gu­te, ver­läss­li­che Kas­sen­ver­sor­gung für al­le, al­so ei­ne groß­ar­tige Ge­sund­heits­kas­se, die viel­leicht in zwei, drei fi­nan­ziell trag­fä­hi­ge und aus­ge­gli­che­ne Groß­re­gio­nen un­ter­teilt sein könn­te, auf dass die be­rühm­te Kon­kurrenz ent­ste­hen mö­ge, die an­geb­lich das Ge­schäft be­lebt.

Ich ver­ste­he nicht, wie 300 Kran­ken­kassen­vor­stän­de, 300 Kran­ken­kassen­vor­stands­vor­zim­mer und 300 Kran­ken­kassen­vor­stands­li­mou­si­nen­fah­rer die me­di­zi­nische Ver­sor­gung in un­se­rem Lan­de ver­bess­ern sol­len. Fürs Haut­krebss­cree­ning war­te ich als Fuß­volk sechs Mo­na­te, mei­ne Mut­ter, sie war mal Leh­re­rin, sechs Stun­den.

Erin­ne­rung an Graal-Mü­ritz (1920-er Jah­re)
Bei fast je­dem Te­le­fo­nat ist für mich das The­ma Pri­vat­ver­siche­rung ein Schlag ins Kon­tor, ei­ner De­mo­kra­tie un­wür­dig. Und dann ist da noch die­se Pra­xis oh­ne Kas­sen­sitz: "Wir neh­men nur Pri­vat­ver­sicher­te als Pa­tien­tin­nen an." Ich freue mich über den schnel­len Ter­min für Mut­tern.
Und ich fra­ge mich: Hat die be­trof­fe­ne Fach­kraft ei­gent­lich schon der Staats­kasse die Kos­ten ih­res Stu­di­um zu­rück­ge­zahlt?

Als vor lan­ger Zeit je­mand vom Me­di­zi­ni­schen Dienst (MD) we­gen der Pfle­ge­ein­stu­fung zu uns kam und auch al­le an­de­ren Da­ten auf­nahm, wir sind zwei Haupt­pfle­gen­de, die aus Ber­lin in ei­ne an­de­re Stadt pen­deln, mein­te die Da­me: "Zwei Men­schen, die nicht orts­an­säs­sig sind, sind hier ver­ant­wort­lich? Das ist nicht glaub­wür­dig! Gut wä­re noch der Na­me ei­ner orts­an­säs­si­gen Per­son!" Ge­sagt, ge­tan. Ta­ge spä­ter war ich zu­fäl­lig als Dol­met­sche­rin in der zu­stän­di­gen Be­hör­de und ha­be nach­ge­fragt. Ant­wort: Ren­ten­punk­te für die Pfle­ge kön­nen sich ma­xi­mal zwei Men­schen tei­len, sonst ver­fal­len die An­sprü­che. (Wir ha­ben da na­tür­lich so­fort kor­res­pon­diert.)

Fra­ge: War­um macht ei­ne MD-Da­me so et­was? Be­kommt sie Pro­zen­te?

Und wenn ich das rich­tig ver­stan­den ha­be, er­hal­te ich als Frei­be­ruf­le­rin zwar die­se Ren­ten­punk­te für mei­nen Fa­mi­li­en­ein­satz gut­ge­schrie­ben, aber nie aus­be­zahlt bzw. erst dann, wenn ich min­des­tens fünf Jah­re in das Sys­tem ein­ge­zahlt ha­be. Ei­nen an­spruchs­vol­len Be­ruf zu wup­pen, da­ne­ben noch An­ge­hö­ri­ge zu um­sor­gen und dem Vor­schlag des fest­an­ge­stell­ten Lei­ters zu fol­gen, der mir bei dem Ter­min riet: "Su­chen Sie sich doch ei­nen 450-Eu­ro-Job" fin­de ich, ge­lin­de ge­sagt, ei­ne Un­ver­schämt­heit. Nachts schla­fe ich. Oder was stellt sich der Herr da so vor? Soll ich leicht be­lei­det in ei­nem Nacht­club an­fan­gen, oder was?

Bei ei­nem an­de­ren Ein­satz zum The­ma der Ka­rie­re­ver­hin­de­rung von Frau­en ler­ne ich den Aus­druck le trou dans la raquette. Da­bei be­zeich­net la ra­quette den Ten­nis­schlä­ger. Die Re­de­wen­dung wird, wie ich spä­ter ler­ne, meis­tens im Plu­ral ver­wen­det, es sind al­so Lö­cher im Ge­flecht des Ten­nis­schlä­gers. Sie kommt aus dem Eng­li­schen holes in the ra­cket, und soll dar­auf hin­wei­sen, dass ein Ge­setz oder ei­ne Vor­schrift zu un­ge­nau ist, um al­le Per­so­nen oder Grup­pen zu er­fas­sen, für die Ge­setz oder Vor­schrift ei­gent­lich be­stimmt sind.

Die Aca­dé­mie fran­çaise er­klärt die Re­de­wen­dung und schlägt an­stel­le des oben­ste­hen­den Neo­lo­gis­mus pas­ser entre les mailles du fi­let vor, wört­lich: „durch die Ma­schen des Net­zes schlüp­fen“, auf Deutsch: „durchs Netz fal­len“.

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Foto: C.E., Fort­set­zung von
ges­tern, Tur­ban­schnecke

Montag, 14. April 2025

Montagsschreibtisch (86)

Den Ar­beits­all­tag ei­ner Dol­met­scherin fin­den Sie auf die­sen Sei­ten skiz­ziert. Mei­ne Mut­ter­spra­che ist Deutsch, ich ar­bei­te über­wie­gend mit Fran­zö­sisch und Eng­lisch, die Bü­ro­kol­le­gin über­setzt in die eng­li­sche Spra­che.

Nebenschreibtisch mit Flieder
Auf dem Schreib­tisch die­se Wo­che:
⊗ Pres­se­über­sicht Par­tei­en­fi­nan­zie­rung in Frank­reich und Deutsch­land
⊗ Kor­rek­to­rat Kun­den­web­sei­te
⊗ Tex­ten für ei­ne ei­ge­ne of­fi­ziel­le Web­sei­te
⊗ Bau und Ener­gie

Neue Wo­che, neu­es Glück im Rou­lette des Le­bens! Je­de neue Wo­che ist ein po­ten­zi­el­ler Neu­an­fang, je­des Wo­chen­en­de ein klei­ner Tod (pun in­ten­ded). Auf dem Markt der Ei­tel­kei­ten und der Ta­len­te zei­gen wir uns er­neut.

Et voilà ! Frisch er­holt von ei­ner acht­stün­di­gen Rei­se im Zug (Gleis­bruch, wir stan­den ir­gend­wo in der Pam­pa rum), neh­me ich mich ger­ne Ih­rer neu­en Vor­ha­ben an.

In der Pipe­line: Wei­te­re Kos­ten­vor­an­schlä­ge und Über­set­zun­gen, Re­wri­ting und Dol­met­schen für Kon­fe­ren­zen, eine Buch­vor­stel­lung, einVer­trags­ab­schluss.

Über­all dort, wo meh­re­re Spra­chen UND Nu­an­cen wich­tig sind, kom­men wir ins Spiel, als Fach­frau­en, die sich selbst Ih­res Auf­trags an­neh­men (und nicht an die/den Bil­lig­ste/n wei­ter­ver­mit­teln) ... oder durch kom­pe­ten­te Be­ra­tung mit Emp­feh­lun­gen wei­ter­hel­fen.

Häu­fig er­rei­cht mich die Fra­ge al­ler Fra­gen: "Was un­ter­schei­det ei­gent­lich Dol­met­schen von Über­set­zen?" Das ist ei­gent­lich ein­fach.

Soll­te Ih­nen die Un­ter­zei­le die­ses Blogs nicht so­fort ein­leuch­ten, hier mehr De­tails. Beim Dol­met­schen bin ich an­we­send, vor Ort oder am Com­pu­ter, live und in Far­be, in Kon­fe­ren­zen, auf der Mes­se, beim Hin­ter­grund­ge­spräch in klei­ner Run­de oder vor gro­ßem Pu­bli­kum. Ich hö­re zu, brin­ge auf den Punkt, hal­te den Ge­sprächs­fluss auf­recht. Die Wör­ter flie­gen ei­lig hin und her. Ich spie­le dann Ping­pong mit den Spra­chen.

Ganz an­ders das Über­set­zen, da neh­me ich mir Zeit, ich le­se, über­tra­ge, prü­fe ein­mal, bei Be­darf auch dop­pelt und drei­fach, als wä­re ich ei­ne Jour­na­lis­tin. Erst wird über­setzt, dann re­di­giert und ge­stri­chen: Kein Wort zu viel, kei­nes zu we­nig. Bei krea­ti­ven Tex­ten sind manch­mal meh­re­re Durch­läu­fe nö­tig. Am En­de bleibt der Ton er­hal­ten und es klingt plötz­lich so ver­traut, als wä­re der Text in der Ziel­spra­che ge­schrie­ben wor­den.

Beim Dol­met­schen sind mei­ne Spra­chen Deutsch und Fran­zö­sisch, in bei­de Rich­tun­gen, und je nach Kon­text ar­bei­te ich aus dem Eng­li­schen. Text­ar­beit, sie­he oben, al­so Über­set­zun­gen bie­te ich über­wie­gend in mei­ne Mut­ter­spra­che an, das Deut­sche.

Wer mit mir ar­bei­tet, weiß: Ich hö­re mit, den­ke mit — und ich blei­be dran, bis al­les ge­sagt ist.

Falls Sie er­wä­gen, die Auf­trä­ge an die KI zu de­le­gie­ren, ei­ne War­nung vor­ab: Sie wer­den es wahr­schein­lich be­dau­ern!
Hier ha­be ich dar­über ge­schrie­ben: Was die KI nicht kann.

Die KI ist ein Werk­zeug, für die ei­gen­stän­di­ge Ab­wick­lung von Auf­trä­gen zu al­ler Zu­frie­den­heit fehlt ihr eins: Das Mensch­sein. Wir al­lein ha­ben Stär­ken und Schwä­chen, Wis­sen und Er­fah­rung und na­tür­lich auch Fin­ger­spit­zen­ge­fühl. Die KI hat we­der Fin­ger, Fin­ger­spit­zen noch Ge­fühl.

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Fo­to: C.E.

Freitag, 19. Juli 2024

KI-Murks (3)

Ein­‍blicke in den Ar­‍beits­‍all­‍tag ei­‍ner Dol­‍met­‍sche­‍rin kön­nen Sie hier neh­men. Mei­‍ne Mut­ter­‍spra­‍che ist Deutsch, ich ar­‍bei­te mit Fran­‍zö­‍sich und Eng­‍lisch; die Büro­‍kol­le­‍gin über­‍setzt in die Spra­‍che Shakes­‍peares. Na­tür­‍lich be­‍ob­‍ach­‍ten wir auch im Som­‍mer un­‍ser Ar­‍beits­‍ma­te­‍ri­‍al, die Spra­‍chen.

High-‍Tech-‍Fa­‍ser mal an­‍ders
Die Über­‍set­‍zer:‍in­nen­‍welt freut sich, wenn die KI z.B. aus dem bü­‍gel­‍lo­‍sen BH ei­‍nen draht­‍lo­‍sen BH macht, der dann in der "Übel­‍set­‍zung" zum ka­‍bel­‍lo­‍sen BH mu­‍tiert. Des­‍sous mit Funk­‍ver­‍bin­‍dung, très chic!
An­‍de­‍res Be­‍spiel: Mens­‍tru­‍a­ti­‍ons­‍un­ter­‍wä­‍sche, auf ei­‍ner Mo­‍de­‍web­‍sei­‍te ein­‍so­‍rtiert un­ter Män­‍ner­‍klei­‍dung. Der Grund da­‍für ist ein­‍fach. Die KI hat nur die ers­‍ten drei Buch­‍sta­‍ben "ge­‍le­‍sen", and it's a men's world.

Die all­‍seits be­‍lieb­‍ten "to­‍ten Ta­‍schen" (KI-Schreib­‍wei­‍se) wer­den ger­‍ne von den To­‍te-‍Ho­‍sen-‍Fans ge­‍tra­gen. Ich bin kei­‍ne Fa­‍shio­‍nis­ta und ler­ne: Die "To­‍te Bag" (weil DIE Ta­‍sche), Lang­‍fas­‍sung 'To­‍te Bag Shop­‍per', wird über der Schul­‍ter, am Arm oder als Um­‍hän­‍ge­ta­‍sche ge­‍tra­gen."

Nur die KI zu bas­‍hen ist mir zu lang­‍wei­‍lig. Ich spin­ne das The­‍ma wei­‍ter. Auf Fran­‍zö­‍sisch hieß ei­‍ne grö­‍ßere Hand­‍ta­‍sche einst­‍mals bai­‍sen­‍vil­le.
20 Jah­‍re als Dol­‍met­‍sche­‍rin in der di­‍plo­‍ma­‍ti­‍schen Welt ha­‍ben Spu­‍ren hin­‍ter­‍las­‍sen. Ich ha­‍be Mü­‍he, den Be­‍griff wört­‍lich zu über­‍tra­gen ... aber es wird gleich deut­‍lich.

Es geht al­‍so um das et­‍was grö­‍ße­‍re Ta­‍ges­ge­‍päck, die et­‍was klei­‍ne­‍re Rei­‍se­‍ta­‍sche. Ich habe bai­‍sen­‍vil­le aus der Li­‍te­‍ra­‍tur als ein Uni­‍sex-‍Ac­‍ces­‍soi­re in Er­‍in­‍ne­‍rung, Sei­‍tensprün­ge sind ja nicht vom Ge­‍schlecht ab­‍hän­‍gig, ich habe das Wort ein einziges Mal gehört, das war im Se­‍mi­‍nar an der Uni, viel­‍leicht wur­‍den die ech­‍ten Fran­‍zö­‍sin­‍nen und Franzo­‍sen im Raum aus den glei­‍chen Grün­‍den wie ich oben nicht deut­‍lich. Denn das Netz be­‍steht dar­‍auf, dass es ei­‍ne Män­‍ner­‍ta­‍sche oder ein klei­‍nes Köf­‍fer­‍chen sei, und heu­‍te ein Re­‍vi­‍val er­‍le­‍be.

Le Bai­‍sen­‍vil­le oder le bai­‍se-‍en-‍vil­le, das un­‍ver­‍än­‍der­‍li­‍che männ­‍li­‍che No­‍men geht der Quel­‍le zu­‍fol­ge auf das Jahr 1934 zu­‍rück und sei sehr um­‍gangs­‍spra­‍chlich. Das Ge­‍päck sol­‍le ac­‍cueil­‍lir le strict né­‍ces­‍sai­‍re pour pas­‍ser une nuit hors du foy­‍er, heißt es, al­‍so das Mi­‍ni­‍mum des­‍sen auf­‍neh­‍men kön­‍nen, was für ei­‍ne Nacht au­‍ßer­‍halb nö­‍tig ist (oder si­‍cher auch für ein klei­‍nes "5 à 7", sie­‍he un­‍ten, Links fol­‍gen).

Die Zeit um 1934 in Fran­‍k­reich wird im Netz in fol­‍gen­‍den Kon­‍text ge­‍stellt: C'était une épo­‍que d’o­‍pu­‍len­‍ce qui voit éclore la so­‍cié­‍té de con­‍som­‍ma­‍ti­‍on et avec une nou­‍vel­le ma­niè­‍re de vi­‍vre où il est ques­‍tion de pro­‍fi­‍ter de la vie ! Le cli­‍mat est lé­‍ger et le ba­‍di­‍na­‍ge amou­‍reux, for­‍cé­‍ment de mi­‍se ! Le bai­‍sen­‍vil­le est donc à pren­‍dre au pied de la let­‍tre, il con­‍tient le kit de sur­‍vie né­‍ces­‍sai­‍re à une soi­‍rée de dé­‍couch­‍a­‍ge. Un pas­‍sé sul­‍fu­‍reux très bien as­‍su­‍mé par ces nou­‍veaux por­‍teurs, qui l'ap­‍pré­‍cient pour son as­‍pect mo­‍de mais éga­‍le­‍ment pour son his­‍toire qui en fait sou­‍ri­‍re plus d'un.

Rasch von Hand über­‍tra­gen: "Es wa­‍ren Jah­‍re des Über­‍schw­‍angs und der Fül­‍le, in der die Kon­‍sum­ge­‍sell­‍schaft ent­‍steht und mit ihr ei­‍ne neue Le­‍bens­‍wei­‍se, und zwar das Le­‍ben in vol­‍len Zü­‍gen zu ge­‍nie­‍ßen. Die Stim­‍mung ist leicht und amou­‍rö­‍ses Ge­‍plän­‍kel ge­‍hört ein­‍fach da­‍zu! Die "Bai­‍sen­‍vil­le" ist al­‍so wört­‍lich zu ver­‍ste­‍hen, es ent­‍hält das Über­‍le­‍bens­‍not­‍wen­‍di­‍ge für die lust­‍voll aus­‍häu­‍sig ver­‍brach­‍te Nacht. Über das er­‍neut in Mo­‍de ge­‍kom­‍me­‍ne Ac­‍ces­‍soi­re und die schlüp­‍fri­‍ge Ge­‍schich­‍te, die da­‍bei mit­‍schwingt, wird heu­‍te­‍zu­‍ta­‍ge wis­‍send ge­‍schmun­‍zelt."

Das frag­‍li­‍che Ge­‍päck­‍stück könn­‍ten wir ein Tech­‍tel­‍mech­‍tel­‍täsch­‍chen nen­‍nen. Ich ha­‍be mich für die kur­‍ze Über­‍set­‍zung ein we­‍nig auf dem da­‍zu­ge­‍hö­‍ren­‍den Wort­‍feld um­ge­‍se­‍hen. Wä­‍re das hier ein Über­‍set­‍zungs­‍auf­‍trag, wür­‍de ich Groß­‍stadt­‍ro­‍ma­‍ne der da­‍ma­‍li­‍gen Zeit zur Hand neh­‍men, zum Bei­‍spiel "Das kunst­‍sei­de­‍ne Mäd­‍chen" von Irm­‍gard Keun. Aus den Hirn­‍win­‍dun­‍gen kra­‍me ich ne­‍ben dem Tech­‍tel­‍mech­‍tel noch das Rum­‍pous­‍sie­‍ren her­‍vor. Aber ein Wort für ein ent­‍spre­‍chen­‍des Hand­ge­‍päck ist mir auf Deutsch nicht be­‍kannt.

Okay, Ma­‍da­‍me nimmt al­‍so die to­‍te Ta­‍sche mit zum Stell­‍di­‍chein, sie­‍he den ein­‍gangs rap­‍por­‍tier­‍ten Über­‍tra­‍gungs­‍feh­‍ler durch die KI, und ich sie­‍de­le das Gan­‍ze in Mün­‍chen an und bas­‍te­le ihr ein Gspu­‍si­‍da­‍scherl, Mon­‍sieur kommt mit der Bai­‍sen­‍vil­le, das bi­na­‍tio­‍na­‍le Ren­‍dez-‍vous mit vui Gfui kann be­‍gin­‍nen. So­‍lan­‍ge der Wlan-‍BH dann nicht den Stand­‍ort funkt ...

Ver­‍bun­‍de­‍ne Ein­‍trä­‍ge (z.T. im Netz ver­‍schwun­‍den, Re­‍cher­‍che läuft!)
— Du 5 à sec: Link folgt
— Le lit na­tio­‍nal: 1. Link (ak­‍tiv), 2. Link (folgt)
— Das Ren­‍dez-‍Vous: 1. Link (ak­‍tiv), 2. Link (folgt)

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Fo­‍tos: Netz­‍fun­‍de (be­‍ar­‍bei­‍tet)

Dienstag, 16. Juli 2024

Schnack-Snack (4)

Wie Über­set­zerin­nen und Dol­met­scherin­nen ar­bei­ten, aber auch Über­set­zer und Dol­met­scher, er­fah­ren Sie auf die­sen Sei­ten. Als Deutsch-Mut­ter­sprach­le­rin mit Zweit­spra­che Fran­zö­sisch bin ich Teil ei­nes in­ter­na­tio­na­len Netz­werks. Mei­ne Bü­ro­kol­le­gin über­setzt ins Eng­li­sche. Als Sprach­wis­sen­schaft­le­rin ha­be ich im­mer ein Au­ge auf Wör­ter und Schreib­wei­sen.

Mit "Dep­pen-Apostroph"
Kurz­nach­rich­ten­dia­log am Mo­bil­te­le­fon mit ei­ner Mit­ku­ren­den, als ich an der See war:

 Ich geh ein kau­fen, brauchs­te was?
— Was gehst du kau­fen? Wo?
— Wie im­mer.
— Ver­steh' ich nicht.
— Obst + Voll­korn­ Brot, wie im­mer und noch Ken's Ei's. Soll ich dir eins mit ­brin­gen?

Nein, bloß nicht! Ich will kein Ei von Ken! Im Ernst, sie mein­te ei­ne Eis­die­le bzw. den Eis­wa­gen. Die zwang­haf­te ge trennt Schrei­bung nervt.

Die letz­te Recht­schreib­re­form hat uns die­se all­ge­mei­ne Ver­un­si­che­rung ein­ge­brockt. Die Da­me hat stu­diert und zwei Kin­der durch die Grund­schu­le be­glei­tet.

Dan­ke, ich ha­be kei­ne Fra­gen mehr.

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Il­lus­tra­ti­on: Dall:e, im Stil von Henri Ma­tis­se

Mittwoch, 29. Mai 2024

Mittelmäßigkeit und alte Zöpfe

Sie le­sen hier in ei­nem Blog aus der Ar­beits­welt, ge­nau­er: aus dem All­tag ei­ner Dol­met­sche­rin. Mei­ne Mut­ter­spra­che ist Deutsch, ich ar­bei­te über­wie­gend mit Fran­zö­si­sch und Eng­lisch, die Bü­ro­kol­le­gin über­setzt in die eng­li­sche Spra­che. Heu­te geht es wei­ter mit Hin­ter­grund zu un­se­rem Be­ruf, der für vie­le akut vom Ver­schwin­den be­droht scheint.

Men­schen, die am Te­le­fon ver­nünf­tig und auch dif­fe­ren­ziert klin­gen, emp­feh­le ich, wenn sie mich bit­ten, au­to­ma­tisch über­setz­te Tex­te "mal eben kurz" zu lek­to­rie­ren (für 'n Ap­fel und 'n Peanut), sie möch­ten doch bit­te ger­ne mal die Funk­ti­on "au­to­ma­ti­sches Schrei­ben" tes­ten, also ei­ni­ge Be­grif­fe zu ei­nem The­ma, das sie gut ken­nen, ein­fü­gen und dann als Prompt z.B. schrei­ben: "Bit­te lie­fe­re mir ei­nen per­sön­li­chen, ori­gi­nel­len und über­zeu­gen­den Text zum The­ma für meine Web­sei­te."

Herren, die im Zimmer rauchen, die einzige Dame hängt als Aktbild an der Wand
Aus­schnei­den, zu­sam­men­knül­len, weg­wer­fen
Sehr oft reicht das als Hin­weis, dass bei au­to­ma­ti­schen Über­tra­gun­gen die Er­geb­nis­se ähn­lich durch­schnitt­lich, höl­zern, stel­len­wei­se schräg und nach gaaanz al­ten Ma­cho­zei­ten klin­gen, in de­nen es noch Wähl­schei­ben­te­le­fo­ne gab.

Ei­ne Kun­din, sie ar­bei­tet im Ver­trieb von Koch­ge­rät­schaf­ten, hat nicht nur die KI-Text­funk­ti­on aus­pro­biert, son­dern auch ei­ge­ne Web­sei­te hin- und wie­der zu­rück­über­tra­gen las­sen. Ihr fiel auf, dass aus Re­de­wen­dungen wie "wenn Sie Ihre Liebs­ten ver­wöh­nen möch­ten" sys­te­ma­tisch et­was wur­de à la "wenn Sie Ih­ren Mann ver­wöh­nen möch­ten". Al­les, was mit Ko­chen, Kü­che und Haus­halt zu tun hat­te, wur­de auf Fran­zö­sisch so wie­der­ge­ge­ben, dass Frau­en die Han­deln­den wa­ren. (Im Fran­zö­si­schen se­hen wir das un­ter Um­stän­den am Verb, das manch­mal an­ge­gli­chen wird.)

Und der Out­put hät­te höl­zern und steif ge­klun­gen. Na­ja, es ist im­mer der Quer­schnitt des­sen, was sich an­ders­wo fin­det, und da­von dann die ma­the­ma­tisch er­reich­te Wahr­schein­lich­keit. Dop­pel­ter Durch­schnitt al­so.

Die Kun­din war übri­gens bei der "Sprach­rei­se" Ih­res Mus­ter­tex­tes über DeepL noch über Spa­nisch und Por­tu­gie­sisch ge­gan­gen und hat vie­le Be­grif­fe der Spra­chen, die sie aus dem Ur­laub ein we­nig kennt, dann als "Blind­darm" in der ver­meint­lich fran­zö­si­schen rück­über­setz­ten Form ent­deckt, da­bei wa­ren die Wör­ter un­ver­än­dert.

Ihr Zi­tat: "Wenn ich ei­ne Ziel­spra­che nicht be­herr­sche, darf ich mich kei­nes­falls dar­auf ver­las­sen, dass das KI-Er­geb­nis reif zur Ver­öf­fent­li­chung ist. Da müs­sen wei­ter­hin Pro­fis ran."

Ein Bei­spiel ge­fällig? Für "klei­nes Töpf­chen" wur­de in der letz­ten "Übel­set­zung" ein Wort ver­wen­det, das das weib­li­che Ge­schlechts­or­gan be­zeich­net, denn aus con­cha, wört­lich "Mu­schel" oder eben "klei­ner Topf", wur­de con.

P.S.: Spä­ter kommt her­aus, dass das Bei­spiel einer KI-"Übel­set­zung" aus ei­nem Text stammt, den eine "Über­set­zungs­agen­tur" der Kun­din für viel Geld ver­kauft hat. Die­se "Firma" hat eine Brief­kas­ten­adres­se in Frank­reich, sit­zt aber in In­dien. Die Rück­for­de­rung des schon be­zahl­ten Gel­des scheint we­ni­g aus­sichts­reich. Das Er­geb­nis un­se­res Ge­sprächs ist nun der be­zahl­te Auf­trag ei­ner ech­ten Über­set­zung.

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Foto: "Alt­herr­lich­keit" aus dem Lehr­buch
En français, s'il vous plaît, Grenz u.a., 1982

Freitag, 15. November 2019

Schlagfertig (1)

Was Kon­fe­renz­dol­metscher und Übersetzer (und Dolmetsche­rin­nen und Über­set­ze­rin­nen) so umtreibt, davon können Sie hier einen kleinen Eindruck er­hal­ten. Im 13. Jahr blogge ich über meinen höchst sprachbetonten All­tag. 

Gestern, am Rande meines Einsatzes in einem Fünf-Sterne-Hotel, als ich eine hoch­ran­gige Persön­lichkeit gedolmetscht habe, fragt doch ein deutscher In­dus­tri­el­ler: „Was kostet denn so ein Abend­essen mit Dol­metscherin?“ Ich: „Von 800 Euro an aufwärts.“ Er: „Das ist ja teu­rer als mit einem Escort-Girl!“ Ich: „Dafür gibt‘s hier mehr Auf und Ab — und mehr Zun­gen­fertigkeit!“ Er: „Und mehr Schlag­fer­tig­keit!“ Ich: „Sie sagen es.“

Abgedroschen heißt das "eine Luxusherberge"
Oder hätte ich andere Schlag­fer­tig­keit be­weisen und den Herrn ohr­feigen sollen? Auf jeden Fall ist es schade, dass man­che Menschen nichts aus den Me too-Debatten gelernt zu haben scheinen. Und die Ver­­samm­­lung war ins­ge­samt so, dass ich die Ansprache: "Meine Da­­men und Herren" ruhig als "Mei­ne Her­ren" hätte dol­met­­schen können.

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Bild: Wikicommons, Unbekannter Grafiker,
Central-Hotel, Friedrichstraße, Berlin.

Montag, 26. August 2019

Rufzeichen!

Was Kon­fe­renz­dol­metscher und Übersetzer so umtreibt, davon können Sie sich hier einen kleinen Eindruck verschaffen. Im 13. Jahr blogge ich über meinen höchst sprachbetonten All­tag. 

Heute ist der letzte Au­gust­mon­tag: schnell, schnell: Bald geht das ge­sell­schaft­li­che Le­ben wieder los und ich kann mir hier keine Un­an­stän­dig­kei­ten mehr leisten, weil dann wieder mehr Menschen mitlesen.

Der Fund der Woche, getätigt von Be­kannten in Sachen Machine Translation, ist der da:

Abspritzen der Maschine verboten! - Cumshot of the machine prohibited!


Beim Überprüfen fiel mir auf, dass die Sinn­ent­stel­lung durch das Aus­ru­fe­zei­chen kommt.

Abspritzen der Maschine verboten - Spraying the machine prohibited



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Illustration: Gargoyle "translate"

Mittwoch, 14. August 2019

Sprachspiel

Wie leben, ar­bei­ten und den­ken Dolmetscher? Wie ver­än­dert der Be­ruf ihr bzw. un­ser Leben? Da­rü­ber und über di­ver­se ty­pi­sche Situatio­nen aus der Ar­beit denke ich hier im 13. Jahr nach. Ich zähle zu den Fran­zö­sisch-Dol­met­schern, arbeite aber auch mit Eng­lisch (als Ausgangs­sprache). Tätig werde ich in Paris, Berlin, München, Cannes, Frankfurt, Lyon und dort, wo Sie mich brauchen.

Vertraute Hände
Wie beeinflusst der Be­ruf den Alltag? Wir spie­len mit Wör­tern ... oder die Wör­ter spie­len mit uns. Wir werden zum Me­dium für die Aus­sa­gen an­de­rer, die durch uns hin­durch in die an­de­ren Spra­chen rei­sen. "Wir den­ken mit dem Rücken­mark" beim Dol­met­schen, es pur­zelt direkt aus uns heraus, der Logik der Sprache des Vor­red­ners, des Haupt­red­ners, auf der Spur.

Und ich kann sogar im Halb­schlaf spre­chen. Für Außen­ste­hen­de klingt es so, als wäre ich schon wach. Für das di­rek­te Um­feld ist das in­des kei­ne Über­raschung mehr.

Nach diesen langen Vorreden sind wir endlich unter uns. Im Som­mer so­wie­so, da die halbe Re­pu­blik noch im Ur­laub ist. Daher kann ich mir heute etwas er­lauben, was sonst gar nicht ginge. Ich werde ero­tisch.

Am Morgen sammelt mensch ge­wöhn­lich alle Kör­perteile zusam­men. Das ge­schieht meist wort­los und einsam. Es geht aber auch mit Gegen­über.

Der Mann an meiner Seite hat sich neulich beim Fußball­spiel eine leichte Zerrung zugezogen. Daher kam es heute früh zu folgendem Monolog:
'Was macht das Kreuz, mein Herz?'
... fragt Caro. Das klingt ja
wie ein Kartenspiel.
'... und wie geht's eigentlich
Pik?'
"Du, mein Sprach-Ass!", hätte mein Gegenüber ant­wor­ten können. Hat er aber nicht. Er ist ja kein Dolmet­scher. Dann ging die Kommunikation wortlos weiter.

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Foto: C.E. (Archiv)

Freitag, 9. Februar 2018

Winterspiele

Randnotizen aus dem Alltag einer Konferenzdolmetscherin und Fran­zö­sisch­über­set­ze­rin können Sie hier mitlesen, manchmal ist auch Zeit für einen längeren Text.

Testbild in Schräglage
Totale Mattscheibe
Ja, nee, das ist ja wirklich total überraschend, dass je­mand in seinem Land die ei­ge­ne Mut­ter­spra­che spricht. TV-Kom­men­tar bei der Er­öff­nung der Olym­pi­schen Spiele im Ers­ten: "Liebe Zuschauer, wir waren nicht darauf vor­be­rei­tet, dass diese Rede auf Koreanisch ge­hal­ten wird und können Ihnen leider die Rede nicht auf Deutsch liefern."

Und ja, der Beruf "Dolmetscher" ist schon erfunden, er gilt als das zweitälteste Ge­wer­be der Welt.

Und ich dachte, nur die Berlinale kann das ... stets und ständig auf BSE setzen, Basic Simplified English.

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Illustration: Archiv

Mittwoch, 30. August 2017

Renditebau

Grußformel: Bonjour, hello, guten Tag. Wer spricht: Spracharbeiterin. Was? Fran­zö­sisch, Deutsch, Englisch (passiv). Wo: Dort, wo mei­ne Kunden mich brau­chen.

Manche Texte hier kommen kaum über die Konzeptform hinaus. Vor allem dann, wenn die Zeit knapp ist. Mein Blog = Ort des Nachdenkens über Sprache.

Aus der Baugeschichte, Stichwort Paris, Baron Haussmann, kenne ich das Wort mai­son de rap­port oder immeuble de rapport für Mietshaus. Auf Französisch steht allerdings der "Ertrag" etwas mehr im Vordergrund, ein My mehr als im Deutschen ([myː], altgriechisches Neutrum μῦ für Millionstel). Und dieses Haus, la maison, oder das Gebäude, l'immeuble, ist eher ein kühler Bau, aufs Wesentliche re­du­ziert. Ich fand "Renditebau" und war's zufrieden.

Hausfassade mit Balkon.
"Gläsernes Haus"
Dumm nur, dass neu­lich je­mand, der es ganz genau zu wissen meinte, aus maison de rapport ein Bordell gemacht hat ... wegen der Nähe zu rap­ports sexuels, wie die Begegnungen der Ge­schlech­ter auch genannt werden.
Es war auf einer in­ter­na­tio­na­len Konferenz. Mehr sag ich nicht, keine Zeit, das hier ist nur das Konzept eines Blog­ein­trags.

Und eher lustig denn traurig, dass mir dieser Fehler schon zum zweitem Mal be­geg­net ist: klick.

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Foto: C.E. (Filmstudio Babelsberg)

Montag, 28. August 2017

Stereotypen

Bienvenue! Absichtlich oder zufällig blättern Sie in meinem digitalen Arbeits­jour­nal. Hier berichte ich aus dem Alltag meiner Beschäftigung mit Sprachen. Ich dol­metsche aus dem Französischen und Englischen sowie in die französische Sprache.

Eine alte Dame aus der Nachbarschaft hat mich neulich zu sich reingebeten. Wir haben ein Nick-Grußver­hältnis, ich kannte ihren Namen nicht. Wir kamen zeit­gleich vom Markt zurück, und für den Folgetag war ich dann prompt zum Kaf­fee ver­ab­re­det. Ich brachte Blumen mit. Sie müsse mir etwas zeigen, hatte sie noch gesagt.

Woher sie weiß, dass ich mit Sprachen arbeite, weiß ich nicht. Als ich ankam, war der Tisch mit weißem Damast gedeckt, und eine Vase stand schon bereit. Neben dem einen Kuchenteller lag ein Stapel Bücher: fremdsprachige Werke, Sprach­kur­se und Reclam-Heftchen. Die Bücher seien von ihrem Gatten, sagt sie, und dass ich mitnehmen dürfe, was ich möchte. Der Nachmittag war über die Bücher hinaus auch spannend.

Der Englischsprachkurs liest sich wie ein Sitten­gemälde. Mir fielen vor allem das unironisch vorgetragene Geschlechterverhältnis auf. Eher einseitig, diese Ste­re­o­­typen; heute nicht mehr politisch korrekt. Naja, heute werden Fuß­ball­spiele ja auch nicht mehr monoral übertragen.

– Robert! – Yes, darling. – Must you listen that match? – Yes, I must, because I have ... – No, you needn't. Turn it off. – But it's interesting, isn't it? – No, it is not. Not for us. We are women.

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Illustration: TR-Verlagsunion, Name des Ur-
hebers nicht genannt, grafisch aufgearbeitet

Freitag, 28. Juli 2017

Scharmützel

Bonjour, hello, guten Tag! Hier bloggt eine Übersetzerin und Dolmetscherin. Morgendliches Zeitunglesen mit den Fingern auf der Tastatur.

Wäre ich Spracharbeiterin mit dem Schwerpunkt Englisch geworden und im Bereich aktuelle Politik gelandet, ich würde mir jetzt ein anderes Arbeitsfeld suchen. Sprach­unterricht ist ja eine schöne Sache. Oder das Übersetzen von Büchern.

Amerikanisches Englisch ist das Stichwort. Auch der neue Pressesprecher des Wei­ßen Hauses, Anthony Scaramucci, unterläuft zuverlässig die Standards. Das ken­nen wir von dieser Regierung schon. Aber wie las­sen sich solche Aussagen halb­wegs an­stän­dig übertragen, ohne selbst in den Ver­dacht der Obs­zö­ni­tät zu gelangen? Gar nicht. Denn so manches ist derzeit in der Politik unglaublich. In einem Interview mit dem New Yorker sagte dieser: I’m not Steve Bannon, I’m not trying to suck my own cock.

Nomen est omen. Der Name Scaramuccio stammt aus dem italienischen Volks­the­ater Commedia dell'Arte und geht auf das Wort scaramuccia zurück, "Schar­müt­zel". Hier sind verbale Scharmützel gemeint, Wortgefechte, er sich mit den an­de­ren Fi­gu­ren liefert. Ebenso wird der Name auf den Fakt zurück­geführt, dass Sca­ra­muc­cio am Ende der Stücke regelmäßig vom Harlekin verdroschen wird.

Scaramuccio
Scaramuccio
Vielleicht sucht der/die Übersetzerin mittels einer Suchmaschine nach einer halbwegs taug­li­chen Übertragung. Wobei wir Sprach­ar­beiter ohnehin nicht "klassifiziert" werden können durch unsere ständigen komischen Wort­suchen. Vor einigen Wochen hatte ich Doku­mente einer Straf­sache auf meinem Tisch. Was ich da an Be­grif­fen nachschlagen durfte, war auch höchst abenteuerlich. Aber eben Rot­licht­mi­lieu.

Was die Suchmaschinenbetreiber wohl von un­ser­ei­nem denken? Kurz darauf lag ein Arztbrief auf meinem  Tisch, dann Auszüge aus ei­nem Scheidungsurteil. Ich bin froh über mei­nen Ad-Blocker und tant pis, sei's drum, dass ich damit nicht frei surfen kann. Werbung nervt ohnehin.

Vor allem bekomme ich nicht automatisch irgendwelche "meinen In­te­res­sen" ent­spre­chen­de Werbung an­gezeigt.

"Stil ist alles", sagte James Joyce einst. Der Glückliche, er kannte die modernen Algo­rithmen noch nicht.

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Illustration: Maurice Sand, Masques et bouffons
(
Wikicommons)

Samstag, 20. Mai 2017

POV: Ohne Wände

Hier bloggt eine Dolmetscherin für die französische Sprache, die auch übersetzt. Heute POV: Der nur knapp kommentierte sub­jekti­ve Blick aus der Spracharbeit und dem, was damit zusammenhängt. Jetzt gerade in der Kabine ...

Abgespeckte Dolmetscherkabine
... fehlt die Schallisolation. Wir sitzen hinten im Raum. Wir haben hier die übli­chen Kopfhörer, in denen der Ton des Podiums und die Fragen aus dem Publikum erstklassig ankommen, unsere Mikros, zwei Tisch­lich­ter, unsere Rech­ner und W-lan. Also alles wie in der Kabine, nur die Wände fehlen.
Das Publikum hört uns als Gemurmel im Hintergrund.

Für eine kleine wissenschaftliche Konferenz, die einen Dreivierteltag dauert, stellt diese Möglichkeit eine erhebliche finanzielle Ersparnis dar im Verglich zur Box. Bei spannenden Themen sind wir zu derlei gerne bereit.

Inhaltliche Notiz: Gewalt gegen Frauen ist in Frankreich nur deshalb nahezu aus­schließ­lich und höchst aus­dif­fe­ren­ziert sta­tis­tisch für mi­gran­tische und arme Be­völ­ke­rungs­an­tei­le in den ban­lieues, den Vor­städten, belegt, weil es derlei Un­ter­su­chun­gen und Statistiken in den Städten und Quar­tie­ren der Wohl­ha­ben­den schlicht und ergreifend nicht gibt.

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Foto: C.E.

Donnerstag, 6. April 2017

PFA die Erste

Ob ge­plant oder zu­fäl­lig, Sie lesen hier auf den Sei­ten einer Sprach­ar­bei­ter­in. Was Dol­met­scher für Fran­zö­sisch (und Über­setzer) so machen, darüber schreibe ich hier seit mehr als zehn Jahren, derzeit wieder aus Berlin. Weiter geht's mit der Reihe POV, Point of view. Kurzer Kommentar zu subjektiven Erfahrungen bei der Spracharbeit und dem, was damit zusammenhängt.

Tschechisches und kamerunisches Deutsch > FR (simultan)

Heute wieder ein POV-Bei­trag, der rasche Text zum Bild. Wir besuchen dieser Ta­ge mit einer aus­län­di­schen Delegation sehr un­ter­schied­li­che Konferenzräume. Dabei benutzen wir eine mobile An­la­ge. Die Redner fragen vorab (drei Redner, un­ter­schied­li­che Or­te):
— Soll ich durchreden?
— Darf ich reinquatschen?
— Geh ich über Sie drüber?

Die Technik ist ein Koffer mit Mikrofon und Kopfhörern und nennt sich Per­so­nen­füh­rungs­an­la­ge (PFA). Wenn wir in der Kabine sitzen, werden solche Fragen nicht ge­stellt, weil wir nicht "sichtbar" sind.

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Foto: C.E.

Dienstag, 21. Februar 2017

Sie da!

Bon­jour, hello, guten Tag! Hier bloggt seit mehr als zehn Jah­ren eine Über­set­ze­rin und Dol­met­sche­rin. Die Vielfalt meiner Arbeit ist immer wieder schön.

Ein Paar in der U-Bahn
In der Berliner U-Bahn
Treat­ment­über­set­zungs­ge­dan­ke (End­spurt!), durch den Schleier der Post­ber­li­na­le­mü­­dig­­keit hindurch: die Fran­zo­sen sie­zen ihren lieben Gott, so, wie manche Menschen aus man­chen groß­bür­ger­li­chen und hö­he­ren Krei­sen auch ihre nächsten Mitmenschen, also die eigenen Erzeuger und nächsten Verwandten bis hin zur Partnerin/zum Partner siezen.

Darüber nachdenken, ob es Verbindungen gibt, die ich bislang nicht sehe. Es geht hier überwiegend wohl um den Katholizismus.

Und ob es bekannte französische Filmsequenzen gibt, so diese Sss-tellen ohne viele Worte, aber dominierender Tonspur, wo die normale Untertitlerin die Film­fi­gu­ren ein­an­der längst du­zen lassen würde, wo aber mitunter in höchsten Kreisen hart­näckig wei­ter­ge­siezt wird. Wie das klingt, so ein schweinischer Satz mit "Sie". Und wie das wiederum irgendwie als Lokalkolorit in einen englischsprachigen Untertitel einzubringen wäre, wo dieses Idiom doch allenfalls noch ein Shakespearesches "Sie" kennt.

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Foto: C.E. (Archiv)

Mittwoch, 15. Februar 2017

Berlinalewohnen

Im zehnten Jahr führe ich hier mein öffentliches Arbeitstagebuch als Dol­met­scherin und Über­setzerin. Als frei­be­ruf­li­che Sprach­mitt­lerin ar­bei­te ich in Paris, Berlin, Heidelberg und Marseille — und (fast) überall dort, wo Sie mich brauchen.­

Gerade klinge ich älter als meine "Omma" aus Unna, denn die hat sowas nie ge­sagt. Oder klinge ich ähnlich jung wie das Käthchen von Schluppen­burg, die einst mit gerade mal acht Lenzen, du haut de ses huit ans, gerne ihre Frau Groß­ma­ma nach­ge­macht hat, und das auch noch in bestem Bayrisch: Frrrühah, ja, frrrühah, da woa ois bessah! (Gerne folgte darauf eine Einlage rustikalen Schenkelklopfens.)

Hände, zwei Computer, ein Tablet, Wassergläser, Teebecher, Pfeffermühle, Salz, Kerze, Vitamine, Visitenkarten, Stühle (angeschnitten), Kataloge auf Bank und Boden
Vogel- oder Küchenlampenperspektive
Noch nie hatte ich bei ei­ner Ber­li­nale so viele Ver­gan­gen­heits­be­züge wie dieses Mal. Das liegt an den vielen Ver­än­de­run­gen, die mir plötzlich ins Auge stechen, denn so ein Zehn­jäh­riges ver­lei­tet na­tür­lich zum Bi­lanz­zie­hen. Man­ches, das seit Jahren schon anders ist, fällt erst jetzt auf, siehe frühere Posts. Und ich bin's leid, Verschlech­terungen fest­stel­len zu müssen.

Denn auch schöne Konstanten gibt es in diesen Jahren. Die Berlinale-WG ist eine davon. In Zeiten, in denen ich 30 bis 50 Einsätze pro Filmfestival hatte, war ich abends ein­fach durch. Extreme Müdigkeit wirkt sich auf den Bewusstseins­zu­stand wie Al­ko­hol­kon­sum aus, also war es der Job der Mitbewohner von Rhein und Ruhr, mich vom letzten "Gig" abzuholen und heil wie­der nach Hause zu ge­lei­ten. Au­ßer­dem erfuhr ich von ihnen, was ich in der Einsamkeit der Dol­met­scher­ka­bi­ne sonst nicht erfahren hätte: Wer, was, wie, wo, warum und wann.

Jetzt, wo die Berlinaleleitung auf Globish setzt und sehr viele Dolmetscher nichts mehr zu tun haben, ist meine Berlinale weitaus entspannter: Es gibt weniger Ein­sätze, die dafür besser bezahlt werden. (Wo es drauf ankommt, ist plötzlich wie­der Geld da.) Der nächt­li­che Escort-Service entfällt damit.

Nach dem Nachhausekommen, jeder disponiert selbst, sitzen wir nachts meist noch in unseren WG-ei­ge­nen Programmkonferenz zusammen, die Abteilungen und Fachrichtungen Filmton, -mi­schung, Aus­bil­dung, Jazz, Fes­ti­val­lei­tung, Programm­ma­nagement, Saalleitung, Sprache (und zunehmend auch Dramaturgie), IT und stra­te­gi­sche Planung, Ver­zah­nung von Geistes- zu Natur­wissen­schaften. Viele Ge­wer­ke und Gebiete, dabei sind wir nur zu viert, gendermäßig einigermaßen pa­ri­tä­tisch besetzt — und ge­ne­ra­tio­nen­über­grei­fend so­wie­so, denn zwischen dem Jüngsten und dem Ältesten liegen vier Jahrzehnte.

In der zweiten Berlinalehälfte wird es ruhiger. Die Kölner Tonkollegin ist schon wie­der abgereist, Moonboots und "Plümmoh", wie sie ihre daunengefüllte Jacke freund­lich nennt, sind am frühlings­haften Rhein, wo es dem Vernehmen nach heu­te 16° C. warm war, wieder im Schrank verstaut. Auch in Berlin ist der Frühling schon zu spüren. Der Winter (und auch die Zukunft) waren früher auch besser! (Danke, Karl Valentin.) So, ab mit mir ins Kino!

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Foto: C.E.

Mittwoch, 11. Januar 2017

Der Designierte

Bon­jour, hello, guten Tag! Hier bloggt seit fast zehn Jah­ren eine Über­set­ze­rin und Dol­met­sche­rin. Jeden Tag sind Wortfelder die Grundlage unserer Arbeit.

Mittags bringt der Nachrichtensprecher eine Meldung über Amerika und sagt "der künftige US-Präsident". Das, was dann folgt, ein angebliches Goldwatergate, lässt mich an der Wortwahl zweifeln. Liebe Medienleute, für diesen Umstand gibt es das Wörtchen "designiert". Und noch ein Wort wird ge­ra­de wich­tig: kom­pro­mat. So heißt kom­pro­mit­tie­ren­des Ma­te­rial auf Rus­sisch. Der rus­si­sche Ge­heim­dienst hat na­tür­lich de­men­tiert, über der­lei zu ver­fü­gen.

Gewisse Begriffe und sexuelle Praktiken wollte ich gar nicht zur Kenntnis nehmen, wenn beim Austausch von Körperflüssigkeiten, der normalerweise dem re­pro­duk­ti­ven Geschäft oder der Lust dient, plötzlich andere Körperflüssigkeiten im Mit­tel­punkt stehen, wegen der Farbe gold water genannt. Interessanter sind die anderen Details der im Netz auffindbaren Intelligence Al­le­ga­tions, deren Echtheit nicht be­stä­tigt ist. Trotzdem fand ich sie spannend und wortschatzerweiternd, als ich am späten Vormittag in ihnen gelesen habe.

Stehpultaufsatz (Biedermeier)
Denn nach dem Übersetzen in den Mor­gen­stun­den steht Wei­­ter­bil­dung auf dem Pro­gramm. Diese findet bei Sprach­­ar­­bei­tern täglich statt. Wir neh­men die Zeitung nicht ohne Stift in der Hand zur Kennt­nis, ver­schlag­wor­ten z.B. Artikel und Hör­funk­bei­trä­ge fürs digitale Archiv, füttern Wör­ter­lis­ten ("Le­xi­ken") und schauen auch ältere Texte mal wieder an.

Es gilt, den Kopf zu füttern und ständig auf dem Lau­fen­den zu bleiben. So kommt es, dass wir Texte zu ein- und demselben Thema mitunter dreifach lesen ... in un­ter­schied­li­chen Sprachen eben.

Visitenkarten, Vokabelkarteien, Kladden, Federmäppchen, Aufnahmegerät, Ladegeräte/Kabel, Locher, Briefumschläge
Ich liebe meine verschiedenen Schreibtische
Weiter geht's auf Englisch, aber über Europa und Frank­reich. Unsereiner muss sich auch auf  verschiedene Ak­zen­te einhören.
Auf dem Programm steht, was ein fran­zö­si­scher Prä­si­dent­schafts­kan­di­dat gestern beim Forum Constitutionis Europae in der Humboldt-Universität gesagt hat: Link ab der 36. Minute bzw. Macron ab der 47. Minute.

Später räume ich weiter das Arbeitszimmer auf bereite ich mich auf einen Abend­ein­satz vor, auch durch einen Mittagsschlaf. So unspektakulär verläuft ein normaler Lese- und Wörtersammeltag mit drei Stunden hochkonzentrierter Buchübersetzung als Auf­takt. Und zwischendurch verfolge ich die News zum Thema gewählter und de­sig­nier­ter Präsident.

Voc
to divest from his/her business interests — Vermögenswerte veräußern, sich von ihnen trennen, ↔ to invest

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Fotos: C.E.
Gemälde: Detlev Baltrock

Donnerstag, 20. Oktober 2016

Gehaltsspreizung, die

In ei­nen Blog aus der Ar­beits­welt sind Sie he­rein­ge­ra­ten: Bon­jour und herz­lich will­kom­men! Hier hinterlässt eine Dolmetscherin ihre Rand­be­mer­kun­gen aus einem sprachbetonten Arbeitsalltag. Heute: Wörterbuch des Alltags, mein Vokabellernen im Kontext.

Vor vielen Jahren, es war kurz nach dem Börsenkrach, habe ich mal einen Banker im Ruhestand gedolmetscht, der mir in der Mittagspause ganz klar gesagt hat, was er von der Ent­wick­lung des Finanzsystems und der Gehälter hält: gar nichts.

Alte Kasse
Zahlen, bitte!
Im Gegenteil. In den 50er, 60er Jahren wäre eine Firma kreditunwürdig gewesen, wenn die Gehaltsspreizung bei über Faktor 20 oder 30 gelegen hätte. Ich schrieb mir damals das Wort Ge­halts­sprei­zung auf, wie ich alles Neue notiere, er präzisierte: „Wenn die Managervergütung mehr als das 30fache der un­ters­ten Gehaltsgruppe in der gleichen Firma aus­macht.“

"Damals hätten wir gedacht, der Manager würde nur auf kurzfristige Effekte setzen und hätte vor, seine Stelle unter Mitnahme möglichst hoher Sondervergütungen schnell wieder zu verlassen."

Damit hat er ziemlich genau den heutigen Status Quo beschrieben. Wie es dazu gekommen sei, will ich wissen, dass das NO GO zum überall propagierten Modell geworden zu sein scheint?

"Ach, gutes Kind", meinte er in altväterlicher Manier, "es waren ja selten die hells­ten Kerzen auf dem Kuchen, die VWL und BWL studiert haben, mancher ist ein autistisches Zahlengenie, die meisten sind allerdings nur unterer Durchschnitt. In der Schule kamen sie bei den Mädchen nicht gut an ... " erzählte er, und ich habe einfach nur zugehört.

"Das sind Menschen, deren seelisch kriegsverstümmelte Eltern sie darauf getrimmt haben, dass Geld aufhäufen eine Tugend sei und dass alles optimiert werden müs­se ..." Ich schwieg. Ich wollte nicht nachfragen, weil mir nicht klar war, in wieweit diese Er­kennt­nis auch ein Lebensgeständnis war.

Nach einer kurzen Pause legte er nach: "Und dann ist noch viel Rache dabei ... die hellsten Köpfe und die schönsten und klügsten Frauen haben ja Philosophie, Li­te­ra­tur, Kunst und Sprachen studiert ... und wurden damit noch weniger er­reich­bar. Und genau die fehlen heute in der Wirtschaft!"

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Foto: C.E. (Archiv)

Donnerstag, 8. September 2016

Weltbildungstag

Bonjour, hier liest, denkt und schreibt eine Spracharbeiterin, Fran­zö­sisch­über­set­ze­rin und -dol­met­sche­rin. In der Herbstsaison habe ich noch einige Termine frei.

An der Oberbaumbrücke
"Wissen vermehrt sich, wenn man es teilt." Das ist eines mei­ner Motti. Ihm zufolge hät­te ich Lehrerin werden können. Oder an der Uni blei­ben und dauerhaft die Pult­sei­te wechseln. (Aber An­fang der Nuller Jahre hat mich der Umbau der Uni­ver­si­tä­ten nach­hal­tig ab­ge­schreckt.)

Heute ist der internationale Weltbildungstag.

Am Morgen haben eine Kollegin und ich einer jungen Autorin etwas beige­bracht. Die wollte nämlich ihren Erst­ling übersetzen lassen, oder ein Teil davon. Es han­del­te sich dabei um erotisch unterlegte Memoiren, 120.000 Zeichen roundabout, Leer­zei­chen inklusive.

Leseprobe gefällig? Ich übersetze aus dem Gedächtnis, aber die Art des Texts wer­de ich schon treffen: "Er zog sie noch ein Stück näher zu sich heran. Das Tief ihrer Augen hinter ihren elegant geschwun­genen, langen Wimpern war heute wieder über­wält­ig­end. Der Duft ihrer Haut war mit nichts vergleichbar, oder vielleicht doch, eine Mischung aus dem Duft von Milch, Honig, sonnenbeschienenem Un­ter­holz und einer Frühlingswiese. Und in diese Frühlingswiese würde er gleich etwas pflanzen ..."

Sorry, ich hab die Sache fast noch aufgebessert, aber die Chose las sich wie die un­frei­wil­li­ge Parodie auf einen Bahnhofsroman. Und dann noch das Werk einer Frau.

Also |Honorar| Schmerzensgeld veranschlagt, den üblichen Preis von 1,60 je Über­set­zer­norm­zei­le (55 Anschläge), eigentlich dafür viel zu wenig, und schon mal im Kalender rumgezählt, wann ich etwa fertig sein könnte wegen erster an­ste­hen­der Auswärtstage. Ich komme auf knapp 3.5 netto, nun denn. Die Antwort kam post­wen­dend. Sie habe mit einigen 100 Euro gerechnet, lautete die ehrliche Ant­wort, aber sicher unter 1000. Hätte ich mir gleich denken können.

Puppenstube mit Kronleuchter und vielen Büchern: home is where your bookstore is
Werbepuppenstube der Buchhandlung ebertundweber
Wobei ... ich erinnere mich da an den Konzernchef im Ruhestand von neulich mit seiner Autobiografie. Er schrieb auch nicht so ganz wischecht. Viele Stellen pro­vo­zier­ten Tränen, nicht der Rührung, sondern der un­frei­wil­li­gen Komik wegen. Es war alles gut gemeint, nichts aber gut gemacht. Also die Samt­hand­schu­he über­ge­streift und beraten.

Ergebnis: Die Arbeit, die anfiel, hat zwei Kolleginnen glücklich gemacht, die eine hat es aufgrund der Vorlage beim Übersetzen umgetextet und stel­len­wei­se nach Rücksprache neu geschrieben, die andere in die Muttersprache des Kunden rück­über­setzt. Der hat nun 500 bereits gedruckte Bücher seiner fran­zö­si­schen Erst­fas­sung eingestampft.

Tag der Weltbildung, Gedanke zwei, vom Banalen zum Erhabenen. Wir müssen weg von der Haltung, dass unser Wirtschaftssystem auf Wissenszurückhaltung beruht und auf der Herstellung minderwertiger Ware. Wir müssen Wissen teilen. Und wir müssen weg von diesem Wirtschaftskrieg, in dem etliche Schrott produzieren, min­der­wer­ti­ge Kopien dessen, was eigentlich gebraucht wird, andere ihren Mit­men­schen Dinge aufschwatzen, die sie nicht brauchen, und wieder andere ihre Zeit­ge­nos­sen nur überaus faktenreich (prüfbar) ausbilden, anstatt sie im Erwerb von Methoden und Arbeitsweisen sowie dem Wachhalten von Kreativität zu be­glei­ten.

Die Aufgaben, die auf den Nägeln brennen, sind zahlreich genug. Ich weiß zwar nicht im Detail, wie das gehen soll bei so vielen konkurrierenden Ideen, Firmen und Personen. Wikipedia oder Open source-Programme für die Textverarbeitung sind oft ein spannendes Vorbild, bei dem viele Hand in Hand arbeiten. Und wo das Ergebnis im Fo­cus steht, nicht das Ego.

Vermutlich sollte man schon mal dringendst in der Schule anfangen und den Kids das Zusammenarbeiten stärker beibringen, wie eine Gruppe eine Lösung finden kann, dass mit den jeweilen Stärken gearbeitet werden soll und das Aufspüren von singulären Begabungen erleichtert wird. Die Chose dann begleiten, damit die Kids uns, die Alten beraten können. Wir verwalten die Welt ja nur für sie und für ihre Kinder.

Mauer (Westseite) mit Kriegstrümmerfoto
East side Gallery (West), Ausstellung bis 25.9.16
Dabei werden so viele Kleine grausam vom Lernen abgehalten, weil sie das falsche Geschlecht haben, im fal­schen Land geboren oder im fal­schen Flucht­land gelandet sind. Und zu den Kriegen höre ich von den Youngsters die glei­chen Sätze wie jene, die ich als Kind selbst gesagt habe: "Ihr Er­wach­se­nen sagt uns doch immer, dass wir uns ver­tra­gen sollen, warum macht ihr es denn selbst nicht?"

Buch zur Zeit: "Die Konferenz der Tiere" von Erich Kästner.

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Fotos: C.E.