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Dienstag, 24. März 2026

Wortmuseum (45)

Will­kom­men bei mei­nem di­gi­ta­len Ar­beits­ta­ge­buch aus der Welt der Spra­chen. Ich bin Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin und bin oft bei Kon­fe­ren­zen, auf Mes­sen und be­glei­te De­le­ga­ti­ons­rei­sen. Hier schrei­be ich über Spra­che und Wör­ter so­wie über das, was zwi­schen den Zei­len liegt. Der Feh­ler bei blog­spot.com, über den ich Frei­tag ge­schrie­ben habe, ist er­le­digt. Heu­te: Wort­mu­se­um.

              
                            
 Le cla­vier
Aus ei­nem Dreh­buch, es geht um ei­ne Frau, ei­ne Rück­blen­de: Elle s’ap­pro­cha du pia­no droit et pro­me­na les mains sur le cla­vier. Wer kein Fran­zö­sisch kann, hat hier ein be­kann­tes Wort ent­deckt, le cla­vier. Und ja, un­se­re Film­hel­din hat sich ans Kla­vier ge­setzt und spielt. Aber le cla­vier be­deu­tet auf Fran­zö­sisch ein klein we­nig et­was an­de­res, als an­ge­nom­men. Wenn ein deutscher Aus­tausch­schü­ler sagt: je joue le cla­vier und „Ich spie­le Kla­vier“ meint, ist das ein ‚Fal­scher Freund‘ und ein Gram­ma­tik­feh­ler.

Ich fan­ge von hin­ten an: Auf Fran­zö­sisch sa­gen wir: jouer d'un in­stru­ment, al­so je joue de la flûte, ich spie­le Flö­te. Der Dreh­buch­satz lau­tet auf DE: „Sie ging zum Kla­vier und ließ ih­re Hän­de über die Tas­ten glei­ten.“ Le cla­vier sind al­so die Tas­ten, die­ser Feh­ler heißt ‚Fal­scher Freund‘. Und wenn ich wie hier am Com­pu­ter „in die Tas­ten haue“, dann be­we­ge ich mei­ne Fin­ger auch über ein cla­vier.

Made in France
By the way, der­art ein­fa­che Sät­ze wie den Bei­spiel­satz da oben über­trägt die KI meist spie­lend. Trotz­dem ver­lan­gen wir Pro­fis für die Über­set­zung von Tex­ten das glei­che Ho­no­rar wie frü­her, denn das Kor­rek­tur­le­sen ist auf­wän­di­ger.

Und bei krea­ti­ven Tex­ten, wo es auf Nu­an­cen an­kommt, auf kul­tu­rel­le An­spie­lun­gen, auf die Mu­si­ka­li­tät ei­nes Tex­tes, ist die KI kom­plett über­for­dert.

Et voi­là ! (Aus­spra­che­hil­fen: [e vwaˈla] und Link)

Sol­che Aus­spra­che­hil­fen sind wich­tig. Ich är­ge­re mich je­des Mal, wenn pro­fes­sio­nel­le Spre­cher Be­grif­fe nicht nach­schla­gen und dann Ej, Vio­la! sa­gen. Erst neu­lich in ei­nem Hör­buch ei­ner deut­schen Au­to­rin, das in Pa­ris spielt, ge­hört; da­zu wur­den 90 Pro­zent al­ler fran­zö­si­schen Ei­gen- und Orts­na­men falsch aus­ge­spro­chen. Wo wa­ren da: Re­gie, Re­dak­ti­on, Her­stel­lungs­lei­tung, Ver­lags­mit­ar­bei­ter, Au­to­rin? Wo­für be­kom­men die ihr Geld? Wo liegt hier jetzt bit­te­schön der Mehr­wert?)

P.S.: Ich kann auch als Spre­che­rin ge­bucht wer­den, der so­was nicht pas­siert.

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Gra­fik: Netz­fund

Donnerstag, 22. Mai 2025

Biodiversität

Erneut sor­gen dra­ma­tische Hoch­was­ser­mel­dun­gen für Schlag­zei­len, dies­mal aus Aus­tra­li­en. Bin­nen zwei­er Tage fiel dort so viel Re­gen, wie sonst in vier Mo­na­ten.

Bonjour auf den Sei­ten ei­ner Kon­fe­renz­dol­met­scher­in für Fran­zö­sisch, die re­gel­mä­ßig zu Um­welt- und Na­tur­schutz­the­men ar­bei­tet. Der Be­ruf macht, dass ich Nach­rich­ten nie oh­ne Hin­ter­ge­dan­ken höre.

Ex­trem­wet­ter nimmt welt­weit zu. Das Wet­ter bleibt län­ger gleich, statt wie frü­her häu­fi­ger zu wech­seln. So kön­nen gro­ße Re­gen­men­gen auf ein­mal fal­len. Tro­cke­ne, har­te Bö­den kön­nen nichts auf­neh­men, brau­nes Was­ser wird in die Flüs­se ge­spült, Hu­mus und Ern­ten ver­nich­tet.

Heu­te ist Tag der bio­lo­gi­schen Viel­falt in Er­in­ne­rung an den 22. Mai 1992, als das Übe­rein­kom­men zur Er­hal­tung der Bio­di­ver­si­tät (CBD) in Kraft trat. Über 47.000 bedrohte Ar­ten ste­hen auf der Ro­ten Lis­te. Die Na­tur funk­tio­niert nicht wie ei­ne Rei­he Do­mi­no­stei­ne, son­dern wie ein la­by­rin­thi­scher Bau aus die­sen Stei­nen. Wenn ei­ner kippt, löst das Ket­ten­re­ak­tio­nen aus, bei de­nen wir nicht wis­sen, wel­che "Ne­ben­wand" noch be­trof­fen sein wird.

Und nein, wir ha­ben kei­ne Zeit, die Stei­ne wie­der auf­zu­stel­len. Hier ist viel ir­re­ver­si­bel. In Flo­ra und Fau­na ist vie­les von­ei­nan­der ab­hän­gig, in letz­ter Kon­se­quenz ist es auch uns­re Exis­tenz.

Doch der­zeit er­le­ben wir ein Mas­sen­ster­ben von Ar­ten. Das letz­te die­ser Art liegt 65 Mil­lio­nen Jah­re zu­rück, das war die­se Sa­che mit dem As­te­ro­i­den­ein­schlag und den Di­nos. Dies­mal hat der „As­te­ro­id“ zwei Bei­ne, zwei Ar­me und ein gut ent­wi­ckel­tes Ge­hirn.

Über mei­nem zwei­ten Schreib­tisch
Of­fen­bar reicht das Ge­hirn nicht aus, um recht­zei­tig zu brem­sen.
Da­bei gibt es Lö­sun­gen. Bra­chen, Re­na­tu­rie­rung von Flüs­sen, Blüh­strei­fen, Bü­sche und Bäu­me an Acker­rän­dern, so wie frü­her, z.B. in Nord­deutsch­land mit dem „Knick“ lan­ge Tra­di­ti­on: Die Pflan­zen hal­ten Was­ser im Bo­den, lie­fern Schat­ten, för­dern mi­kro­bi­el­le Viel­falt und wir­ken als CO₂-Sen­ke.

Agro­forst­sys­te­me kön­nen zu­sätz­li­ches Ein­kom­men brin­gen, denn Bäu­me wer­den re­gel­mä­ßig er­neu­ert. Ei­ne In­i­ti­a­ti­ve for­dert nun 100.000 Ki­lo­me­ter He­cken und 100 Mil­lio­nen Bäu­me in Deutsch­land zu set­zen, das wür­de rund drei Mil­lio­nen Hek­tar Agrar­flä­che bes­ser schüt­zen.

Frank­reich geht vor­an: Seit 2024 flie­ßen 110 Mio. Euro in die Pfle­ge von 50.000 Ki­lo­me­tern He­cke, es ist der pacte en faveur de la haie. Noch gibt es dort et­wa 750.000 Ki­lo­me­ter He­cken, doch Flur­be­rei­ni­gung (le re­mem­bre­ment) und Groß­ge­rä­te ha­ben viel zer­stört. Der He­cken­be­stand ist oft ge­schwächt.

Bei solchen Projekten ist un­ser Fö­de­ra­lis­mus viel­leicht nicht ganz op­ti­mal. In Frank­reich funk­tio­niert das mit sei­nem Zen­tra­lis­mus als gro­ßes Netz­werk: Baum­schu­len, Heiz­holz­pro­duk­ti­on, Land­wirt­schafts­kam­mern, Be­rufs­ver­bän­de, al­le sind ein­ge­bun­den. Auch beim Bo­den­schutz ist Frank­reich wei­ter. Das Wort ar­ti­fi­cia­li­sa­tion des ter­res be­schreibt die 'Ent­frem­dung von Na­tur­flä­chen' durch Be­bau­ung, auf Deutsch "Flä­chen­neu­in­an­spruch­nah­me". Dass im­mer ­mehr Flä­chen ver­sie­gel­t werden, ist heu­te ein Pro­blem, wo der Kli­ma­wan­del längst zur Kli­ma­ka­ta­stro­phe ge­wor­den ist.

He­cken und Blüh­strei­fen sind Rück­zugs­or­te für In­sek­ten und an­de­re Ar­ten, dar­un­ter Be­stäu­ber, vor allem schaf­fen sie ein grü­nes Netz, sind nicht nur na­tur­na­he step­ping sto­nes (Tritt­ste­ine). Frank­reich gibt der He­cke der­zeit auch recht­lich Rück­halt.

Men­schen schüt­zen nur, was sie ken­nen. Hier auf dem Land lösen solche He­cken­of­fen­si­ven nur Schimpf­ti­ra­den aus. Lie­be Fach­mi­nis­te­ri­en: Wir hät­ten da De­le­ga­tions­rei­se­be­darf.

Ei­ne ak­tu­el­le Pe­ti­ti­on pro Hecke und Baum läuft auf weact: klick!

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Foto: C.E.

Freitag, 18. Oktober 2024

Jahrhundert der Unwetter

Rück­blick: Im Ahr­tal sind 2021 in­ner­halb kür­zes­ter Zeit zwi­schen 100 und 160 Li­ter vom Him­mel ge­kom­men. In man­chen Re­gio­nen Frank­reichs hat es in den letz­ten Ta­gen mehr als das Fünf­fa­che ge­reg­net. Das ent­spricht der Jah­res­men­ge man­cher deut­scher Ge­mein­den.

Hier be­rich­tet eine Sprach­ar­bei­te­rin über ih­ren Be­rufs­all­tag. Als Dol­met­scher und Dol­met­scher­in­nen schlüp­fen wir im­mer wie­der ge­dan­k­lich in die Schu­he un­se­rer Kun­din­nen und Kun­den, dür­fen im Vor­feld ver­ste­hen, was sie um­treibt, wie sie den­ken, um sie an­schlie­ßend mög­lichst gut in der an­de­ren Spra­che ver­to­nen zu kön­nen. Da­raus ent­stehe eine Nä­he, die nur eine ver­meint­li­che sol­che ist, ei­nen aber nicht von jetzt auf gleich wie­der los­lässt.

Hoch­was­ser in Neu­wied, 1920, Men­schen fah­ren auf ei­nem Boot durch die Stra­ße
Hoch­was­ser in Neu­wied (1920)
In die­ser Sai­son durf­te ich un­ter an­de­rem für Ma­rie 
dol­met­schen, eine sport­li­che, ele­gan­te Mitt­fünf­zi­ge­rin mit Pfef­fer-und-Salz-Kurz­haar­fri­sur. Stolz hat sie mir beim Mit­tag­essen auf dem Han­dy die Fo­tos von zwei fast er­wach­se­nen Kin­dern, ih­rem Mann und der strup­pi­gen Dog­ge ge­zeigt. Der Sohn be­rei­te sich ge­ra­de dar­auf vor, vom Va­ter den Hof zu über­neh­men, auf dem schon Groß­va­ter und Ur­groß­va­ter tä­tig wa­ren, er­zählt sie stolz.

Ma­rie kam mit ei­ner Han­dels­de­le­ga­ti­on aus Frank­reich nach Ber­lin, es ging um ein ganz an­de­res The­ma als Land­wirt­schaft, denn sie fängt mit ihrer Fest­an­stel­lung in der Re­gio­nal­ver­wal­tung be­reits die Aufs und Abs des Fa­mi­lien­ein­kom­mens ab. Sie hilft nur ge­le­gent­lich im Hof aus.

Irgend­wann kom­men wir auf die Kli­ma­ka­ta­stro­phe zu spre­chen und auf die Aus­wir­kun­gen des Kli­ma­wan­dels auf Bio­di­ver­si­tät und Na­tur  — ein The­ma, das in die­sen Zei­ten im­mer drän­gen­der wird. Ma­rie wird plötz­lich still. Ihr Mann hat erst letz­tes Jahr Vieh ver­lo­ren, das plötz­lich auf of­fe­ner Wei­de er­sof­fen war.

Und wie das manch­mal so ist, spre­chen wir auch über die Re­no­vie­rung al­ter Ge­bäu­de, die Wei­ter­ga­be von kul­tu­rel­lem Er­be, und ehe ich's mich ver­se­he sind wir auf ei­ner die­sen "so­zia­len Netz­werk­sei­ten", wie Face­book, In­sta­gram und Co. ge­nannt wer­den, als Freun­din­nen ver­bun­den.

Gestern Abend zeigt sie mir von dort er­schre­cken­de Bil­der von Wei­den un­ter Was­ser, von ei­nem rei­ßen­den Strom, der quer über den Hof führt und der das Aus­trag­häus­chen, das sie ge­ra­de ne­ben­bei re­no­viert, in sei­ner Stand­fes­tig­keit be­droht. Au­ßer­ge­wöhn­li­che Re­gen­fäl­le ha­ben ges­tern den mitt­le­ren Os­ten, den Süd­os­ten und an­gren­zen­de Ge­bie­te des Lan­des heim­ge­sucht. In den Me­di­en sehe ich Bil­der von dra­ma­ti­schen Ret­tungs­ak­ti­o­nen, wie mehr als tau­send Men­schen mit Hub­schrau­bern in Si­cher­heit ge­bracht wer­den.

Die ex­tre­me Wet­ter­la­ge in Frank­reich hat sich über Stun­den ver­schärft.

In man­chen Ge­bie­ten der Ar­dè­che fal­len stel­len­wei­se bis zu 700 Li­ter Re­gen. An so viel Was­ser in kur­zer Zeit kann sich dort kei­ne Mensch­en­see­le er­in­nern. Feu­er­wehr und Ret­tungs­diens­te sind rund um die Uhr im Ein­satz, vie­le Stra­ßen, Zug­li­ni­en und Au­to­bah­nen wer­den ge­sperrt, Be­woh­ner flie­hen vor ei­nem dro­hen­den Deich­bruch. Auch in der Haupt­stadt reg­net es mehr als sonst. In Pa­ris stürzt ein Baum auf ei­ne Fa­mi­lie, wo­bei der Va­ter ums Le­ben kommt.

Die Mi­nis­te­rin für öko­lo­gi­schen Wan­del, Ag­nès Pan­nier-Ru­na­cher, nann­te die Si­tu­a­ti­on als "von ei­ner Ge­walt, wie wir das noch nicht er­lebt ha­ben", und stuft das Hoch­was­ser­er­eig­nis als Na­tur­ka­ta­stro­phe ein. Öf­fent­lich ver­weist sie auf die Kli­ma­er­wär­mung als Ur­sa­che und un­ter­streicht, wie sehr An­stren­gun­gen al­ler eu­ro­pä­i­scher Län­der nö­tig sind, um sol­chen Kli­ma­kri­sen in Zu­kunft bes­ser zu be­geg­nen.

Denn die öko­no­mi­schen Schä­den sol­cher Ex­trem­wet­ter­er­eig­nis­se sind im­mens, und sie wer­den in den kom­men­den Jah­ren wei­ter zu­neh­men. Die Fra­ge, wer für die ent­ste­hen­den Schä­den auf­kom­men wird, stellt sich im­mer drin­gen­der, ins­be­son­de­re bei der an­ste­hen­den Kli­ma­kon­fe­renz in Aser­bai­dschan. Är­me­re Län­der for­dern ver­stärkt Un­ter­stüt­zung von den In­dus­trie­staa­ten ein, die in den letz­ten 1,5 Jahr­hun­der­ten ei­nen Groß­teil der glo­ba­len Treib­haus­gas­emis­sio­nen ver­ur­sacht ha­ben.

Da­bei wird der Fi­nanz­be­darf auf bis zu ei­ner Bil­li­on Dol­lar pro Jahr ge­schätzt, um den glo­ba­len Über­gang zu ei­ner kli­ma­neu­tra­len Welt­wirt­schaft zu fi­nan­zie­ren und gleich­zei­tig die von ex­trem­en Wet­ter­er­eig­nis­sen be­trof­fe­nen Län­der zu un­ter­stüt­zen.

Zu­rück zu Ma­rie, der Bau­ers­frau aus Frank­reich. Ihr Sohn ist bei der frei­wil­li­gen Feu­er­wehr en­ga­giert und ist der­zeit ak­tiv an der Ret­tung be­tei­ligt. Er ha­be sich jetzt ent­schie­den, den Hof der Fa­mi­lie doch nicht zu über­neh­men. Er möch­te im Be­reich der Um­welt­bil­dung ar­bei­ten, schreibt sie mir, die ak­tu­el­le Not­la­ge ha­be den Ent­schluss nur be­schleu­nigt. Ob Ma­rie das klei­ne Aus­trag­häus­chen, tra­di­tio­nell das Haus für das Alt­bau­ern­paar, ret­ten kann und re­no­vie­ren wird, ist un­klar.

Auch in Deutsch­land spricht der Ern­te­be­richt Bän­de: Link zum BMEL. Noch ist die Ver­sor­gungs­si­cher­heit nicht di­rekt be­trof­fen.

Und hier noch ein wich­ti­ger Link: "Er­der­wär­mung und Wet­ter­ex­tre­me: Die wich­tigs­ten Da­ten und Zu­sam­men­hän­ge" von Ste­fan Rahms­torf, Fach­ge­spräch "Be­völ­ke­rungs­schutz bei Wet­ter­ex­tre­men" am 7. Ok­to­ber 2024 im Paul-Lö­be-Haus des Deut­schen Bun­des­tags."

Er­gän­zung durch ChatGPT: Wirt­schafts­wis­sen­schaft­le­rinn­en und Wis­sen­schaft­ler der OCDE (or­ga­ni­sa­ti­on für öko­no­mi­sche Ko­o­pe­ra­ti­on und Ent­wick­lung) sehen die La­ge in den Eu­ro­pä­i­schen Land­wirt­schafts­re­gio­nen be­reits als ein Prob­lem für die Nah­rungs­mit­tel­si­cher­heit.

Vo­ka­bel­no­ti­zen (vom Zei­tung­le­sen heu­te)
la crue — das Hoch­was­ser
plu­vio­mé­trie moyenne — mitt­le­re Nie­der­schlags­men­ge
pluies cévenol­les — Ce­ven­nen­re­gen be­trifft vor al­lem die Ce­ven­nen und das Ce­ven­nen­vor­land in Süd­frank­reich und führt oft zu schwe­ren Über­schwem­mun­gen.

Grund­sätz­lich wird in Frank­reich der Nie­der­schlag in der Hö­he ei­ner ge­dach­ten Was­ser­säu­le in Mil­li­me­tern wie­der­ge­ge­ben, in Deutsch­land do­mi­niert die An­ga­be "Re­gen­li­ter pro Qua­drat­me­ter". Da­bei ent­spricht ein Mil­li­me­ter Nie­der­schlags­hö­he im Re­gen­mes­ser ei­nem Li­ter Re­gen pro Qua­drat­me­ter. Der Be­trach­tungs­zeit­raum liegt, so­fern nichts an­de­res an­ge­ge­ben, bei 24 Stun­den.

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Il­lus­tra­ti­on: W. Lang, Wi­ki­com­mons

Freitag, 28. Juni 2024

Gewitter am Horizont

Gu­ten Tag oder gu­ten Abend! Sie le­sen in ei­nem Ar­beits­ta­ge­buch, das den The­men Spra­che, Dol­met­schen, Über­set­zen und Kul­tu­ren ge­wid­met ist. Als frei­be­ruf­li­che Sprach­mitt­le­rin ar­bei­te ich in Pa­ris, Ber­lin, Mar­burg und dort, wo ich ge­braucht wer­de, oft in der Dol­met­sch­ka­bi­ne, oft vor Ort. Mein Be­ruf ist mei­ne Pas­si­on. Aber jetzt? Ganz ehr­lich? Die ak­tu­el­le po­li­ti­sche La­ge macht mir gro­ße Angst.

"Made in France"
Frankreich steu­ert auf schwe­re Zei­ten zu. Die recht­sext­re­me Par­tei RN könn­te im Par­la­ment die Mehr­heit be­kom­men. Sie plant in al­len wich­ti­gen Ent­schei­dun­gen Fran­zo­sen ge­gen­über Zu­ge­wan­der­ten vor­zu­zie­hen, die so­ge­nann­te pré­fé­ren­ce na­tio­na­le. Auch an­de­re Pro­jek­te deu­ten auf ei­ne öko­no­mi­sche Ab­schot­tung Frank­reichs und auf Kon­fron­ta­ti­ons­kurs ge­gen­über der EU. Wirt­schaft­li­che Kon­tro­ver­sen schei­nen da­mit pro­gram­miert zu sein. Ein an­de­rer mög­li­cher Wahl­aus­gang: Un­kla­re Mehr­hei­ten und sich wie­der­ho­len­de Patt­si­tua­tio­nen.

Die sa­ti­ri­sche Wo­chen­zei­tung Le Ca­nard en­chaî­né, die schon mal mit dem Slo­gan "Die Pres­se­frei­heit nutzt sich nur ab, wenn sie nicht ge­nutzt wird" wirbt, be­rich­tet über die Plä­ne der recht­sext­re­men Par­tei RN, die, soll­te sie an die Macht ge­lan­gen, aus­län­di­schen Stu­den­ten die Bei­hil­fen und die Zim­mer in Wohn­hei­men kün­di­gen möch­te.

Der Hin­ter­grund dürf­te sein, dass am Stamm­tisch vie­le aus­län­di­sche Stu­den­ten böswillig in den Ge­ne­ral­ver­dacht ge­bracht wor­den sind, sich ein Vi­sum zu er­schlei­chen, um in Frank­reich schwarz­zu­ar­bei­ten und es sich an­schlie­ßend in der 'so­zia­len Hän­ge­mat­te' ge­müt­lich zu ma­chen. 

Das ist auf meh­re­ren Ebe­nen sehr kurz­sich­tig. Aus­län­di­sche Stu­den­t:in­nen steu­ern je­des Jahr ein Net­to­sal­do von 1,3 Mia. Euro zu den Staats­fi­nan­zen bei. Den aus der Hei­mat nach Frank­reich mit­ge­brach­ten fünf Mia. Euro ste­hen na­tür­lich Aus­ga­ben für Bil­dungs­ein­rich­tun­gen, Men­sen, Wohn­heim­plät­zen und För­der­gel­dern ent­ge­gen. Aus dem Ge­samt­um­satz er­ge­ben sich zu­dem Steu­er­ein­nah­men (Quel­le: www.cam­pus­france.org).

Fran­zö­sisch­spre­chen­de im Aus­land sind wich­tig, um die Ex­por­te Frank­reichs am Lau­fen zu hal­ten  vor al­lem in Zei­ten, in de­nen im "He­xa­gon" im­mer we­ni­ger Schü­ler Deutsch ler­nen und des­halb für vie­le of­fe­ne Stel­len, die Deutsch­kennt­nis­se vor­aus­set­zen, kei­ne ge­eig­ne­ten Be­wer­ber:in ­nen mehr zu fin­den sind. Das Image Frank­reichs im Aus­land ver­bes­sert sich durch die aus­län­di­schen Stu­die­ren­den.

Nicht zu­letzt feh­len auch in Frank­reich Per­so­nen, die Me­di­zin, In­ge­nieur­we­sen, In­for­ma­tik oder Er­zie­hungs­wis­sen­schaf­ten stu­diert ha­ben. Kurz: Die "na­tio­na­le Prä­fe­renz" der Iden­ti­tä­ren ist nir­gend­wo ei­ne gu­te Idee.

Und was ma­che ich ab Sonn­tag mit mei­ner so­zia­len Ader, mei­nen Fach­ge­bie­ten und der ei­ge­nen Er­fah­rung, in Frank­reich stu­diert und da­mit mei­ne Exis­tenz­grund­la­gen ge­legt zu ha­ben? Muss ich dann mei­nen Blog hier durch­ge­hen und al­le kri­ti­schen Pos­tings auf "pri­vat" stel­len? Oder soll ich mir gleich ei­nen neu­en Be­ruf su­chen, ei­ne Fest­an­stel­lung, ir­gend­wo, ir­gend­was?

Im Kol­leg:in­nen­kreis je­den­falls ist es ex­trem ru­hig, al­le hal­ten die Luft an.

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Il­lus­tra­tion: Mi­nis­tère de l'Éco­no­mie et des Fi­nan­ces

Montag, 10. Juni 2024

Frankreich tagespolitisch

Bon­jour und will­kom­men! Hier bloggt eine Sprach­arbei­terin. Fran­zösisch in Ber­lin, Deutsch in Frank­reich  das sind re­gel­mä­ßi­ge Rei­se­an­läs­se für mich und an­dere Dol­metscher. Heu­te rei­se ich nur in Ge­dan­ken. Wei­ter geht es mit der Rubrik: "Made in Fra­nce".

"Was ist in Frank­reich los?" Die­se und ähn­liche Fra­gen fin­de ich heu­te in mei­ner Mail­box. Ge­meint ist wohl die neu­este Ent­wick­lung: Auf­lö­sung des Par­la­ments durch Prä­si­dent Ma­cron und Neu­wah­len am Mo­nats­en­de.

"Made in France"
Aus deut­scher Per­spek­tive ist das er­klärungs­be­dürf­tig. An­ders als in Deutsch­land wählt das fran­zö­sische Par­la­ment nicht die Per­son, die das Prä­si­di­al­amt in­ne­hat. Die Prä­sident­schafts­wah­len sind von den Parla­ments­wah­len ge­trennt.

Macron be­fin­det sich im drit­ten Jahr sei­ner fünf­jäh­ri­gen Amts­zeit. Ent­spre­chend den Er­geb­nis­sen der kom­men­den Wah­len wird er dann ei­nen Pre­mier­mi­nis­ter oder eine Pre­mier­mi­nis­te­rin er­nen­nen, die dann "sei­ne" / "ih­re" Re­gie­rung zu­sammen­stellt, al­so die an­deren Mi­nis­ter, vor­schlägt. 

Macron setzt of­fen­bar dar­auf, dass die fran­zö­sische Be­völ­ke­rung die Rechts­extremen zwei Jah­re lang in der Pra­xis er­lebt und da­nach wie­der die bür­ger­lich-de­mo­kra­tischen Par­teien den Präsi­den­ten oder die Präsi­den­tin stel­len wer­den.

Die Lin­ke ist in Frank­reich sehr zer­strit­ten, doch viel­leicht fin­det sie un­ter die­sem gro­ßen Druck zu­sammen. Ma­crons Ent­schei­dung wird in die­sen Krei­sen mit Po­ker­be­grif­fen kri­ti­siert, näm­lich "al­les aufs Spiel set­zen", auf Fran­zö­sisch faire ta­pis.

Die ex­tre­men Rech­ten in Frank­reich be­ste­hen aus der Par­tei von Ma­rine Le Pen, dem "Ras­sem­ble­ment Na­tio­nal" (31,37 % der Stim­men), und ei­ner zwei­ten, noch ra­di­ka­le­ren Par­tei na­mens "La France fière" (wört­lich: "stol­zes Frank­reich"; 5,47 % der Stim­men). Zu­sammen ha­ben fast 37 Pro­zent der Wäh­le­rinnen und Wäh­ler in Frank­reich für ex­trem­is­tische Par­teien ge­stimmt; die Wahl­be­tei­li­gung lag bei 51,49 %. Auch in Frank­reich gibt es bei den Euro­pa­wah­len kei­ne Fünf-Pro­zent-Hür­de.

Der re­la­tiv knap­pe Wah­ler­folg von "La France fière" ist da­her be­deu­tend. Die Spit­zen­kan­di­da­tin die­ser Par­tei heißt Ma­ri­on Ma­ré­chal. Sie trug lan­ge den Na­mens­zu­satz Le Pen, denn sie ist ei­ne En­ke­lin des Grün­ders des ehe­ma­li­gen "Front Na­tio­nal", Jean-Ma­rie Le Pen, so­wie Nich­te von Ma­rine Le Pen, die der um­be­nann­ten Par­tei ih­res Va­ters vor­steht. Tref­fen zur Vor­be­rei­tung mög­licher Ko­a­li­ti­onen sind al­so Fa­mi­lien­tref­fen.

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Il­lus­tra­tion: Mi­nis­tère de l'Éco­no­mie et des Fi­nan­ces

Donnerstag, 15. Februar 2024

Boeckin

Was und wie Kon­fe­renz­dol­met­scher und Über­setzer (und Dol­met­sche­rin­nen und Über­set­ze­rin­nen) ar­bei­ten, da­rü­ber be­rich­te ich auf die­sen Blog­sei­ten. 2007 wur­de auf der Ber­li­nale die­ser Web­log ge­bo­ren. Aber heu­te se­hen wir noch­mal kurz Rich­tung Pa­ris!

Die­ser Blog­post ent­steht dank der Mit­hil­fe von zwei Le­sern und Freun­den. Aus Frank­reich hat mir Jean-Luc, einst­mals Teil­neh­mer an ei­ner De­le­ga­ti­ons­rei­se, wei­te­re In­for­ma­tio­nen und Links zu den Buch­händ­lern vom Sei­ne­ufer und ih­ren "Schmö­kern", les bou­quins, ge­schickt.

"Verlorene Illusionen", Schilder am Ufer, auf dem anderen steht das in der Fotounterschrift übertragene Zitat: Tout ce qui dégrade la culture raccourcit les chemins qui mènent à la servitude (Camus).
Al­les, was die Kul­tur ver­schlech­tert,
ver­kürzt die We­ge zur Knecht­schaft (A. Camus)
Die Pa­ris­fo­tos stammen von Akgün vom An­ti­held Film­ver­leih, für den ich schon Pres­se­dos­siers über­setzt und zum Teil ge­tex­tet und mit dem zu­sam­men ich Un­ter­ti­tel er­stellt ha­be. Dan­ke, die Her­ren! Mer­ci beau­coup, Mes­sieurs! 

Ges­tern schrieb ich über die ei­sen­bahn­wa­g­gon­grü­nen Bü­cher­ki­sten, die nicht nur welt­weit be­kannt sind, son­dern 2019 so­gar auf die Lis­te des im­ma­te­ri­el­len Kul­tur­er­bes Frank­reichs auf­ge­nom­men wor­den sind. Sie las­sen sich bis ins 16. Jahr­hun­dert zu­rück­ver­fol­gen. Ein Er­lass der Stadt er­laub­te 1891 dann das Auf­stel­len der Buch­käs­ten in der heu­ti­gen Form.
Der Be­griff bou­quin, Sch­mö­ker, geht laut Gil­les Mo­ri­no auf das flä­mi­sche Wort boe­ckin (Büch­lein) zu­rück. 

Bücherkisten, der Louvre ist im Hintergrund erkennbar
"Nein zur Räumung der Bouquinistes!"
So wur­den da­mals je­ne Pu­bli­ka­tio­nen ge­nannt, die sich den Über­wa­chungs­vor­schrif­ten der Zen­sur und der Ober­ig­keit ent­zie­hen, die al­so oh­ne kö­nig­li­che Drucker­laub­nis im Aus­land ge­druckt wur­den (sans pri­vi­lège royal). Vie­le der Tex­te hat­ten ero­ti­schen Cha­rak­ter. Pas­ser sous le man­teau, im Ge­hei­men wei­ter­ge­ben, wur­de lan­ge als sy­no­ny­ma­le Re­de­wen­dung da­für ver­wen­det.

Mo­ri­no, selbst einer der Her­ren der Bü­cher­ki­sten, be­rich­tet wei­ter, dass die in Flan­dern ge­druck­ten Wer­ke einst auf dem Fluss­weg nach Pa­ris ka­men. (Hier zu sei­nem In­ter­view auf You­tube: klick!)

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Fotos:
Akgün Akdoğan

Mittwoch, 14. Februar 2024

Les Bouquinistes

Was mei­nen Be­rufs­stand der Dol­met­sche­rin­nen und Dol­met­scher aus­zeich­net, be­schrei­be ich hier seit 2007. Da­bei ge­he ich meis­tens vom sub­jek­ti­ven Blick auf den Ar­beits­all­tag in der Dol­metsch­ka­bine aus. Ich über­set­ze auch ne­ben dem Dol­met­schen; Ar­beits­spra­chen sind die fran­zö­si­sche und die eng­li­sche Sprache, Ziel­spra­che Deutsch. Ge­dol­metscht wird meis­tens hin und zu­rück (bi­la­te­ral FR<>DE).

Mei­ne Ar­beit macht es not­wen­dig, dass ich viel rei­se, um Sprach­ver­än­de­run­gen mit­zu­be­kom­men, über die Ent­wick­lung von The­men auf dem Lau­fen­den zu sein, sprach­lich spon­tan zu blei­ben und um mei­ne grau­en Zel­len gut zu durch­lüf­ten.

Bedroh­te Bücher­bo­xen
Im Hin­ter­grund der Lou­vre

Da­her bringe ich die­ser Ta­ge eini­ges aus Frank­reich.

Im Som­mer fin­den in der fran­zö­si­schen Haupt­stadt und an wei­te­ren Stät­ten die Olym­pi­schen Spie­le statt. Über Mo­na­te droh­te die Ver­wal­tung, für die Er­öff­nung der Spie­le die bou­qui­nis­tes, die be­rühm­ten Buch­händ­ler vom Sei­ne-Ufer, mit­samt ih­ren Kis­ten vom Ufer zu ver­trei­ben, al­ler­dings für die ge­sam­te Zeit, ohne Ent­schä­di­gung. Der kurz­fris­tig ver­kün­de­te Clou der Er­öff­nung der Olym­pi­schen Spie­le soll näm­lich ei­ne gro­ße Fei­er am Sei­ne­ufer sein.
Die Buch­händ­ler hat­ten zu­dem Angst, dass es für sie am En­de schwie­rig wer­den könn­te, an den Tra­di­tions­ort zu­rück­zu­keh­ren.

Bü­cher­bo­x vor blau­em Him­mel, Kund­schaft
Bes­ser wäre der Welt­kul­tur­er­be­sta­tus
Aus der Gen­dar­me­rie war in­des zu ver­neh­men, dass die Zu­schau­er­rän­ge auch mit den (ge­schlos­se­nen) Bü­cher­bo­xen auf­ge­baut wer­den könn­ten. Die Buch­händ­ler­welt hat sich ge­wehrt, die Wel­le der So­li­da­ri­tät wur­de im­mer grö­ßer, kein Wun­der, geht es doch um Kul­tur und pre­kä­re Exis­ten­zen. Last but not least sind die­se of­fe­nen Buch­lä­den stadt­bild­prä­gend.

Über Mo­na­te ha­ben die Bou­qui­nis­ten ge­kämpft, un­ter­stützt von der lie­ben Kund­schaft, mit Pla­ka­ten, Ein­ga­ben und Kam­pa­gnen auf den So­zia­len Me­di­en. Ge­stern kam die dann die gu­te Nach­richt: Sie dür­fen blei­ben. Das Wort bou­qui­nis­te kommt üb­ri­gens vom fran­zö­si­schen Be­griff für Schmö­ker: le bou­quin.

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Fotos: C.E.

Dienstag, 9. Januar 2024

Madame LA Ministre

Hal­lo, hier bloggt seit 2007 eine Über­set­ze­rin und Dol­met­sche­rin. Am Jah­res­an­fang ha­be ich noch viele Ter­mi­ne frei. Ich dol­met­sche aus dem Fran­zö­si­schen und ins Fran­zö­si­sche. Im Break zwi­schen den Jah­ren sind wir nach Frank­reich auf­ge­bro­chen.

Schild mit Olympiawerbung

Letzten Samstag in Paris: Auf dem Rück­weg vom Ro­din-Mu­se­um schlen­dern wir durch die rue de Va­renne. Diese Straße hat auf Fran­zö­sisch einen be­son­de­ren Klang, ge­nau den Klang, den die Ber­li­ner Wil­helm­stra­ße lange hat­te, als Synonym für die Kon­zen­tra­ti­on der Macht. (Heute fas­sen wir hier­zu­lande zu­sam­men und sa­gen schlicht "Re­gie­rungs­vier­tel.") Die Stra­ße im siebenten Pa­ri­ser Ar­ron­dis­se­ment war an ei­ner Stelle ab­ge­sperrt. Mei­ne Be­glei­tung ahn­te nichts. Dann ein Po­li­zei­au­to (auf altem Deutsch eine "grü­ne Min­na", damals trug die Po­li­zei in Deutsch­land noch grün), dann Po­li­zis­ten, ein Tor in einer Mau­er, Ab­sperr­git­ter, ein Schild, das hier ab­ge­bil­det ist. Ich ha­be lie­ber nach­ge­fragt, ob ich das Fo­to ma­chen darf. Nur vom an­de­ren Geh­weg aus, war die Ant­wort.

La Pre­mière Mi­nis­tre, sie­he Fo­to, ist nun auch schon wieder Ge­schichte, sie ist ge­ra­de zu­rück­ge­tre­ten. Staats­prä­si­dent Macron bil­det sein Team um. Es gab in der Re­gie­rung Un­stim­mig­kei­ten we­gen des stark ver­schärf­ten Staats­an­ge­hö­rig­keits- und Ein­­wan­de­rungs­rechts, das in der alten Form zum Rück­grat des Fran­zö­sisch­seins ge­hör­te: Vie­le Men­schen wur­den zu Fran­zo­sen, weil sie oder ihre El­tern sich be­wusst dafür ent­schie­den hat­ten.

Es gibt hun­der­te, tau­sen­de fran­zö­si­scher "Na­tio­nal­hei­li­ger", die an­der­swo noch als Aus­län­der geführt wor­den wä­ren; stell­ver­tre­tend nen­ne ich nur die Mu­si­ker Lu­cien Gins­burg, berühmt ge­wor­den als Serge Gains­bourg, und Sha­hnourh Va­ghi­nag Azna­vou­rian, bes­ser be­kannt als Charles Az­na­vour.

Ma­dame
Eli­sa­beth Borne war die zweite Pre­mier­mi­nis­te­rin Frank­reichs. Die ers­te, die vor Jahr­zehn­ten den Titel trug, wur­de noch Ma­dame LE Mi­nis­tre ge­nannt, Frau Mi­nis­ter, ohne -in. Nun be­wohnt wie­der ein Mann das his­to­ri­sche Ge­bäu­de mit Gar­ten hin­ter die­ser Pfor­te, das Hô­tel Ma­tig­non.

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Foto: C.E.

Freitag, 26. Juli 2019

Vermischtes

Bon­jour, gu­ten Tag! Was uns Sprach­ar­bei­ter so um­treibt, also uns Dol­met­scher und Über­setzer, ist seit mehr als zwölf Jah­ren Ge­gen­stand die­ses Blogs. Ich ar­bei­te mit den Sprachen Französisch und Englisch. Im Frühjahr auf Herbst sind wir meistens auf Kon­fe­ren­zen anzutreffen. Der Som­mer ist anders.

In der Sommerzeit bin ich als Dolmetscherin stand by, weil die Kolleginnen mit ih­ren Schulkindern verreist sind. (Ich urlaube gerne außerhalb der Reisesaison.) Was mich dieser Tage beschäftigt, stünde in jeder besseren Zeitung ganz klassisch auf der Seite "Vermischtes": Eine Nachbarschaftsstreitigkeit mit Messer, ein Schul­kan­ti­nen­neubau, Unterschiede in den Unternehmenskulturen diverser Länder sowie verunreinigte Strände.

Freunde von uns sind ge­ra­de aus Frankreich nach Deutschland zurückgekehrt. Sie hatten sich dort mit anderen zusammen für mehrere Wochen ein Ferien­haus ge­mie­tet. Nein, keine Ortsnamen, irgendwo am Atlantik.

Am zweiten Tag hat sich der Familienvater eine Scherbe eingetreten. Die Fahrt zum Arzt: an die 30 Kilometer. Der Arzt im Ort war ausgefallen und die Praxen in der Nähe nur jeweils zwei Mal die Woche einen oder zwei Nachmittage lang be­setzt. Ja, die Gesundheitsversorgung mag nicht überall auf dem Land gegeben sein, aber wir sprechen von einer durchaus auch bei Urlau­bern beliebten Gegend am Meer. Sie fuhren also dort regelmäßig hin zur Wund­ver­sorgung.

Warnschild: Vaisière dangereuse / gefährliches Watt
Gefährliches Watt
Die Fami­lie hatte von einem Ba­de­­urlaub geträumt, wie ihn die Mutter der Familie vor 40 Jahren erlebt hat. Damals wa­ren schon die ersten Pro­ble­me er­kenn­bar, ha­be ich später on­line nach­gelesen.
Die­ses Jahr waren dort viele Strände an der Küste geschlossen. Grund: Schwer­wie­gen­de Um­weltprobleme. Die Ein­wohner sprechen von der tödlichen Grünalge, die bei ihrer Zer­setzung Schwe­fel­was­ser­stoff freisetzt. Sie wächst und gedeiht im Meer, die Hitze erhöht ihr Aufkom­men ebenso wie Ab­wässer der industriellen Tierzucht und einer Klär­analage, die nicht ganz vor­schrifts­mä­ßig läuft. Größere Mengen von Darm­bakterien waren im Watten­meer nachgewiesen worden.

Seit Jahren kommen immer wieder Hiobs­bot­schaften aus der Gegend: Ein Mensch starb im Watt, ein Pferd und zwei Hunde. Der Touris­mus ist an­ge­schlagen, Ferien­im­mobilien stehen leer, die Kauf­prei­se der Häu­ser sinken, die Zi­vil­ge­sell­schaft wacht lang­sam auf. Mit der marée verte, der grü­nen Flut, zahlen die Küs­ten­be­woh­ner für das jahr­zehn­te­lan­ge Laissez faire der Regierung einen hohen Preis.

Auf der Rückfahrt hatten sie noch versucht, woanders unterzu­kommen. Ich durfte begleitend zu dem Gan­zen einige Tele­fonate führen. Aber alles, was die Familie interes­siert hätte, ist ausge­bucht. So ist sie jetzt in Berlin, die Kinder sind heute im Museum für Verkehr und Tech­nik und morgen geht es an den Liepnitzsee, einem der saubersten Seen Bran­denburgs. Pack die Badehose ein, nimm dein kleines Brü­der­lein ...

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Illustration: Netzfund

Dienstag, 23. Oktober 2018

Biolandbau

Im 12. Jahr bloggt hier eine Fran­zö­sisch­dol­metscherin (die auch aus dem Eng­li­schen arbeitet). Für uns Ex­trem­sportler des Ge­hirns ist es wichtig, was wir essen. Ent­spre­chen­de Nach­rich­ten beob­ach­te ich mit gro­ßer Auf­merk­sam­keit. 

Kartoffel in Herzform, Marillen
Essen mit Herz
Bioladenkunden mit verringertem Krebsrisiko
Am Montag wurden die Er­ge­bnis­se einer fran­zö­si­schen wissenschaftlichen Studie bekannt, nach der Kon­su­men­tin­nen und Kon­su­men­ten, die sich re­gel­mä­ßig mit Bio­le­bens­mit­teln versorgen, im Vergleich zu "Nor­mal­­essern" ein um 25% verringertes Risiko haben, an Krebs zu erkranken.

Die Studie untersuchte über sieben Jahre lang die gesund­heitliche Entwicklung von knapp 70.000 Freiwilligen. Eine Pariser Forschergruppe, die Univer­sität Sorbonne Paris 13 war beteiligt, gab weitere Einzel­heiten bekannt. 68.946 Menschen nahmen an der Studie teil, 78% Frauen, das Durch­schnittsalter lag bei 44 Jahren.

Im Beob­achtungs­zeitraum zwischen Mai 2009 und November 2016 wurden bei den Probanden 1.340 neue Kreb­ser­krankungen dokumentiert. Das verringerte Krebs­ri­si­ko bei Menschen, die regelmäßig Biolebens­mittel konsumieren, war be­­son­­ders auf­fäl­lig bei Brust­krebs von Frauen nach der Menopause, sie wiesen ein um 34 Prozent re­duziertes Risiko auf, sowie bei Lympho­men (Blutkrebs der weißen Blut­kör­per­chen), hier ist das Risiko um 76 Prozent verringert.

Gruppentypische Ausreißer rausgerechnet
Gefragt wurden die Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer danach, wie oft Le­bens­mit­tel von 16 unterschiedlichen Gruppen verzehrt wurden (Obst und Gemüse, Fleisch, Fisch, Eier etc.) und wie oft diese aus dem Biolandbau gestammt haben. Außerdem dokumentierten die Wissenschaftler sozio­de­mo­grafische Angaben ihrer Kohorten, um soziali­sations­bedingte Ver­zer­rungen aus den Ergebnissen he­raus­zu­rech­nen. (Es ist bekannt, das Menschen mit höheren Bil­dungs­­ab­­schlüssen mehr Sport treiben, seltener rauchen und stärker auf ihr Gewicht achten als die Durch­­schnitts­­be­­völ­­kerung. In der Regel verfügt diese Gruppe auch über ein hö­he­res Ein­­kom­men, was ihr den zumeist höherpreisigen Einkauf ihm Bioladen ermöglicht.)

In Interviews wurden die Gründe für diese Er­näh­rungsweise erfragt. Neben ethi­schen Er­wäg­ungen wurde oft genannt, das Lebensmittel aus kon­ven­tio­nel­lem An­bau Rück­stände synthetischer Pflan­zen­schutz- und Dünge­mit­tel aufwiesen. Eine Mitautorin der Studie, Em­ma­nu­elle Kesse-Guyot, wird entsprechend von der Pariser Tageszeitung „Le Monde“ mit der Vermutung zitiert, dass mehr Pes­ti­zid­rück­stän­de in konventionellen Landwirtschaftsprodukten für dieses Ergebnis verantwortlich gemacht werden könnten.

Salat im Sieb
Wildkräutersalat
Parallelen zu Bau­ern­ge­sund­heit
Die gleiche Zeitung zitiert den amerika­nischen Epi­de­mio­­lo­gen Philip Landrigan, der hervohebt, dass "eine der großen Stär­ken" der Stu­die darin bestünde, dass ihre Ergebnisse "weit­ge­hend mit den Er­geb­nis­­sen von For­schungen über Men­schen über­­ein­­stim­­men, die be­ru­lich Pes­ti­­ziden aus­ge­setzt sind“.

Seit ei­ni­gen Jahr­zehn­ten zäh­len Lym­pho­me zu den häufigsten Krebs­­ar­ten bei Bauern in der konventionellen Landwirtschaft.

Zur Gruppe der regel­mäßigen Verbraucher von Bio­le­bens­mit­teln wurden übrigens alle gezählt, die für mehr als 50% ihrer Nahrungs­mittel in den Bioladen gehen.

Weitere Fragen, nächste Studien
In Frankreich berichten dieser Tage alle Medien darüber. Kri­ti­sche Stim­men er­wä­gen die Fra­ge, ob nicht Mikronähr­stoffe, die in Biolebens­mitteln in hö­he­ren Men­gen vor­kom­men, dem menschlichen Organismus möglicherweise dabei helfen, Er­kran­kungen im Früh­stadium erfolgreicher zu bekämpfen. Die Ergebnisse dieser Studie warten nun darauf, durch ähnliche For­schungsar­bei­ten in anderen Län­dern bestätigt zu werden.

Mehr dazu in der Fachzeitschrift „JAMA Internal Medicine“ (Link)

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Foto: folgt

Freitag, 1. September 2017

Auf Diät

Herzlich willkommen auf den Sei­ten des ersten deut­schen Web­logs aus dem In­ne­ren der Dol­met­scher­ka­bi­ne. Hier schreibt ei­ne Fran­zö­sisch­dol­metscherin über ihre Einsätze in Ber­lin, Paris, Cannes und anderswo. Heute: Über die Bedeutung von  Hintergrundwissen. Wer etwas nicht weiß, muss wissen, wo es steht oder wo nachgefragt werden kann.

Wer Frankreich sagt, meint sehr oft Mode, Eleganz und gute Küche. Naja, und viel Meer als Grenzen und Sommerurlaub.

Gelbes Fernlicht
Inzwischen selten: gelbes Fernlicht
Mode und Essen passen nicht immer zusammen. Also meint, wer Frankreich sagt, auch Diät.
Das französische Wort diète bezeichnet nicht unbedingt eine besondere Form der Kasteiung mit dem Ziel der Gewichtsreduktion, sondern allgemeiner zunächst die Ernährungsweise, dann das Reduktionsprogram (als diète stricte).

Eine Kollegin hat neulich einen Blogtext über die genannten Themen übersetzt und darin stand dann: "Ich bin wieder auf Uber-Diät. Den ganzen Tag nur Bonbons und Mineralwasser.“

Uber, ausgesprochen "Über", ist der amerikanische Fahrdienstvermittler zur Ver­mie­tung von Privatautos über eine Mo­bil­te­le­fon­app, al­ler­dings kein Car sharing, sondern Wagen mit Chauffeur, eine Art Privattaxi.

Das mit der Diät sollte witzig gemeint sein. Die Übersetzerkollegin lebt in Deutsch­land. Es war sommerheiß. Ihr Gehirn würde sich zu langsam drehen, schreibt sie, als sie in der Runde des Netzwerks nachfragt, worin der Witz genau besteht.

Was nur weiß, wer mal in einer solchen Karre gesessen hat: In Uber-Autos werden Bonbons und Wasser kostenlos angeboten.

Und mit dem Wort Diät haben wir es hier teilweise mit einem "Falschen Freund" in Serie zu tun. Die Diät, die ein Politiker bekommt, das Wort kommt auf Deutsch dann im Plural vor, die Diäten, heißt auf Französisch indemnité parlementaire. Die deutsche Diät, die Abspecken zum Ziel hat, wird im Nachbarland un régime alimentaire genannt. Das politische Regime bleibt le régime politique. Und um die Verwirrung komplett zu machen, heißt Diätetik auf der anderen Rheinseite la diététique.

Falsche Freunde, faux amis, false friends: Begriffe, die wir zu glauben kennen, die aber in der jeweils anderen Sprache anders verwendet werden.

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Foto: C.E. (Archiv)

Donnerstag, 1. September 2016

La Rentrée (9)

Bonjour, hallo! Hier bloggt eine Spracharbeiterin. Wo immer Sie mich brauchen, ich leihe Ihnen gerne meine Stim­me. Neben Französisch (Aus­gangs- und Ziel­spra­che) ar­bei­te ich aus dem Eng­li­schen. Hier schreibe ich seit 2007 über meinen Alltag.

Schulklasse unter Bismarck
Knabenschule (im Winter)
La Rentrée, die (gefühlte) Neun­te! In Frankreich beginnt heute die Schule, es ist der Auftakt zur 5. Jahreszeit ... oder ist heute doch eher ein zweites Sylvester? In wiefern die Zeit vom 1. September bis Mitte/Ende Oktober un­ter die­sem Be­griff alle politische Le­bens­be­rei­che erfasst hat, habe ich schon oft be­schrie­ben. Hier zum Beispiel, vor sechs Jah­ren.

In Frankreich berichten die Medien über die Kosten, die der Schulanfang auslöst, für Bücher, Schreibzeug, Tuschkasten; das sind Berichte, die sich jedes Jahr aufs Neue sen­den ließen, unverändert, mit Ausnahme der Summen. In Frankreich scheint das eine Frage zu sein, die so politisch ist, wie es einstmals der Brotpreis war.

Die Sommerpause ist vorbei, auch in meinem Büro. Der Sommer dauert allerdings noch bis zum 21., denn die Idee mit dem "Herbstanfang" am 1.9. war ein Einfall der Statistiker und Buchhalter, die vollständige Monate brauchen für ihre Zahlen und Tabellen. Auch das habe ich hier schon mal irgendwo geschrieben. Heute möch­te ich es nochmal betonen, da die in Berlin Gebliebenen den Eindruck haben, dieses Jahr eigentlich bislang nur eine Jahreszeit plus drei halbe Wochen Hitze er­lebt zu haben.

Lauter Unschärfen in der Zeitwahrnehmung! Irgendeine Newsgroup sendet mir heu­te Morgen eine Mail mit dem Titel "Gewinnplan für das zweite Halbjahr". Ja, dem Gefühl nach beginnt jetzt irgendwie die zweite Jahreshälfte. Ich bin auch noch nach Jahrzehnten der bewussten Wahrnehmung immer überrascht, wie lange das erste Halbjahr dauert und wie rasch das zweite vorübergeht. Schuld ist der som­mer­li­che Müßiggang, der irgendwie nicht mitzuzählen scheint. Der Running gag meines Vaters im Sommerurlaub ist immer der Satz um den 24. August herum: "Kinder, in vier Monaten ist schon wieder Weihnachten!"

Das führt mich direkt zu dem Vorschlag, den mir mein Ordnungssinn unterbreitet. Er schlägt eine Drittelung des Jahres vor. In Vier-Monats-Paketen ist das Ganze so viel logischer! Wobei ich wieder in Frankreich bin. Das Schuljahr ist dort nämlich nicht in Halbjahre, sonder in trimestres unterteilt. Und für mich als Deutsche ist der 1. September auch immer das Erinnern an den Wehrmachtseinmarsch in Polen, der Anfang des 2. Weltkriegs. Ist die deutsch-französische Freundschaft, eine See­lenverwandtschaft gar, überhaupt möglich unter Völkern, die so unterschiedlich ticken, zählen und rechnen?

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Foto: privat (Das Bild lässt sich, in ein
anderes Fenster geladen, vergrößern)

Montag, 13. Oktober 2014

Zwischengeschoss

Bonjour und guten Tag! Sie sind geplant oder zufällig auf den Webseiten einer Fran­sisch­über­setzerin und -dolmetscherin gelandet. Hier schreibe ich (ano­ny­mi­siert) über Einsätze, über sprachliche oder landeskundliche Besonderheiten.

Neulich war ich in Paris. Ein Kunde hatte für mich eine Art Ferienwohnung ge­mie­tet, die sich ausnahm wie eine Puppenstube. Ich kenne solche Behausungen aus meiner Studienzeit.

Pariser Miniwohnung
Der Raum war maximal 15 Quadratmeter groß, aber hoch. Er bot Bereiche fürs Kochen, Aus­ru­hen, Essen, Schlafen und die Kör­per­pfle­ge. Die Küche, auf ein Mi­ni­mum reduziert, wurde visuell durch die hochgeschlagene Ar­beits­flä­che zur Seite hin abgeschlossen. Die Platte musste erst run­ter­ge­klappt werden, bevor auf ihr ge­wer­kelt werden konnte. Das hin­te­re Scharnier war aus­klink­bar, vorne hing die Platte an einer Art Scharnier.

Nach dem Kochen ließ sich ihre Funktion weiter verändern. Mit einem Griff konnte sie in den Raum hineingeschwenkt werden,  Klapp­stüh­le machten einen Esstisch für drei Personen daraus. Das ganze stützte ein arretierbares Tischbein.

Trotz der äußerst kargen Küchenausstattung verlief ein Praxistest durchaus er­folg­reich. Nach der Arbeitsvorbereitung haben wir dort Spaghetti mit fertig gekauftem Pesto und Salat fa­bri­ziert, italienische Schnellküche. (Dazu ein alter Kalauer: Fast food is quite handy, aber wo will es nur so schnell hin?)

Die Mitte des Räumchens wurde mehrfach bespielt. Als der Esstisch wieder ein­ge­klappt war, zogen wir an einer Bank, die entlang der Wand zum leicht erhöhten Ba­de­zim­mer stand, nahmen aus ihrem "Bettkasten" noch einige Kissen heraus, fertig war das (auch als Zusatzbett nutzbare) Sofa.

Der einzige Stuhl im Raum, der keine flachzuklappende Sitzgelegenheit war, wur­de, einem ingeniösen Prinzip folgend, auf ein eckiges Gestell reduziert und quer­ge­legt. Sitzfläche und Rückenteil bildeten dabei die Tischplatte des So­fa­tischs. (Aufrecht gestellt war auch die Faltvariation "Trittleiter" möglich, um an die hohen Schrankfächer und den Stauraum über dem Bad heranzukommen.) Die an­de­ren Stühle verschwanden später flachgelegt an Hän­ge­vor­rich­tun­gen an der Rückseite der gepanzerten Eingangstür.

Am nächsten Morgen lernte ich noch ein wenig am Schreibtisch, der aus dem in die Raumtiefe ver­län­ger­ten Fensterbrett bestand; Stellfläche für je Etage sieben Bü­cher oder eine Mini-Steroanlage bot sich zwischen Fenster und Wand; der Winz­schrank befand sich hinter der Ein­gangs­tür: In einem Fach sowie an zwei kur­zen Stan­gen, die nicht längs, sondern quer angebracht waren, ließen sich knapp die Sachen verstauen, die ich für meinen Aufenthalt dabei hatte.

"Duetto". Hersteller: Cooke & Lewis
Kurz vermisst habe ich das Badezimmer. Ich hatte zunächst die wandhoch geflieste Toilette besucht, die mir eine Spur zu groß vorkam. Noch dazu war hier an Sa­ni­tär­ke­ra­mik gespart worden; Spülkasten und Waschbecken fand ich auf kuriose Art ver­eint vor. Bis mein Blick später auf die ab­ge­hängte Zimmerdecke fiel: Von der hing ein Regenduschkopf herab, wie ich ihn aus der Sauna kenne. Eine Duschtasse gab es nicht. Für die Badeutensilien, die sonst nass geworden wären, gab es außen neben der Badezimmerschiebetür eine kleine Nische und Tuchhaken.

Alles in die­ser "Woh­nung" war auf Maß ge­ar­beitet.

Leider hatte ich meinen Fotoapparat zuhause vergessen. Die Behausung mutete wie das Innere eines Caravans an, kein Millimeter war verschenkt. Geschlafen wur­de auf dem hochbettartigen Zwischengeschoss, das den halben Raum einnahm.

Auf Französisch heißt derlei une mezzanine, auf Englisch ist das Substantiv in der gleichen Schreib­wei­se und Bedeutung bekannt, auf Italienisch mezzanino oder ammezzato.

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Illustration: Netzfund, überarbeitet,
und Hersteller

Freitag, 11. April 2014

MwSt/TVA

Bonjour und willkommen! Hier bloggt eine Spracharbeiterin. Französisch in Berlin, Deutsch in Frankreich, das sind regelmäßige Reiseanlässe für mich. Heute starte ich eine neue Rubrik: Made in France.

Aus UNO wird ONU, aus WTO wird OMT, oft drehen sich bei der Reise von Ab­kür­zun­gen aus dem Englischen ins Französischen nur die Reihenfolge der Buchstaben um (inklusive einzelner Zeichen wie das W/M für world/monde). Die Sache ist so lange einfach, wie wir in Deutschland englische Begriffe verwenden.

TVA = VAT
Noch ein Beispiel: VAT und TVA, das Englische value added tax wird auf Fran­zö­sisch TVA, taxe sur la valeur ajoutée. Da wir auf Deutsch mit "Mehrwertsteuer" einen grunddeutschen Begriff ver­wen­den, funktioniert hier der Trick nicht.

MwSt = TVA gehört mit zu den Begriffsdoppeln, die unsereiner einst pauken durfte. Gestern vor 60 Jahren hat Frankreich mit der Erfindung dieser Konsumsteuer ein Modell zur einfachen Be­steuerung seiner Bürger eingeführt. Dieses Modell wurde schnell zur Erfolgsgeschichte à la française: Heute gibt es diese Steuerart nicht nur in ganz Europa, 150 Staaten der Welt haben sie eingeführt.

Davor wurden in Frankreich Herstellung, Verkauf und Gewinn jeweils einzeln be­steu­ert, wogegen etliche kleine Einzelhändler in den frühen 1950-er Jahren auf­be­gehr­ten. Denn daneben gab es weitere produktspezifische Besteuerungen, die durch das einfache Prinzip der Verbrauchssteuer vereinheitlicht wurden. Schon in der Zeit der französischen Revolution wurden Salz, Tabak und Alkohol besteuert. Die Idee, nur den jeweils entstehenden Wertzuwachs zu besteuern, war damals revolutionär.

Erst 1958 wurde die Steuer auf alle Güter und Dienstleistungen ausgeweitet. Mit Inkrafttreten der Römischen Verträge am 11.04.1967 trat auch ein Absatz in Kraft, der die Einführung dieser Steuerart in allen Mitgliedsstaaten der entstehenden Eu­ropäischen Gemeinschaft mit der Begründung vorsah, einen Wettbewerb in der Besteuerung von Verbrauchsgütern innerhalb der Staaten zu vermeiden.

Mit dem, was wir heute wissen, klingt der Satz sehr weise. Zugleich wird die Mehr­wert­steuer bis heute von vielen Menschen als ungerecht empfunden, wird sie doch von allen gezahlt. Menschen mit höheren Einkommen entrichten einen ge­rin­gen Pro­zent­satz bezogen auf diese Einkünfte als Menschen mit kleinen und kleinsten monatlichen Einnahmen, denn bei den Letztgenannten bleibt am Monatsende we­nig oder gar nichts übrig, das gespart werden könnte.
 
In Frankreich gelten übrigens vier Mehrwertsteuersätze. Noch. Es kann sein, dass der neue Premierminister Ma­nu­el Valls, der die derzeitige Krise dazu nutzt, etliche alte Strukturen zu reformieren und zu ver­ein­fachen, auch hier ansetzen wird.

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Illustrationen: Schreibmaschine,
Ministère de l'Économie et des Finances