Mittwoch, 8. Juni 2022

Schwierig, schwierig ...

Herz­lich will­kom­men! Hier bloggt ei­ne Dol­met­sche­rin. Was Kon­fe­renz­dol­met­scher und Über­setzer machen, und na­tür­lich auch wir Frau­en im Be­ruf, wie sie bzw. wir ma­chen, ist hier seit 2007 re­gel­mä­ßig Thema. Wir ar­bei­ten oft nah am Kun­den und der Kun­din, was un­se­ren Alltag nicht er­leich­tert.

Kunden aus der Höl­le, die kein Mensch braucht, sollte diese kleine Por­trait über­schrie­ben sein. Es ist beschämend — bis hin zur eigenen Scham.

Kinder der 70-er kennen diese Nerven­säge
jemand an und braucht eine Über­setzung. Das ist erstmal nicht unge­wöhnlich für ein Büro, in dem Über­set­zun­gen ent­ste­hen. Nur, dass es hier um of­fi­ziell beglaubigte Über­set­zun­gen geht. Was ich nicht an­bi­ete.

Warum biete ich das nicht an? Warum hatte ich einen Hinweis dazu ein Jahrzehnt lang auch im Google-Firmen­hinweis stehen?

Dem Gesetzgeber ist vor vielen Jahren in seiner un­ver­gleich­lich weisen Art ein­ge­fal­len, die Honorare der be­ei­dig­ten Übersetzer:innen für of­fi­ziel­le Dokumente zu kürzen. Sie haben richtig ge­le­sen, zu kürzen.

Einige Sätze wurden erhöht und zugleich wurde die Kategorie, die am meisten Ar­beit macht und die gefühlt 95 Prozent der Fälle ausmacht, einfach abge­schafft, der höchste Satz für die Über­setzung von "nicht editier­baren Doku­menten". Sprich: Das ist nichts, was sich per Copy and Paste mit "aus dem Original exzerpieren und die For­ma­tie­rung überneh­men" lässt, sondern es sind Dokumente auf Papier, oft noch hand­schrift­lich, auf verbli­chenem, hadernhaltigen Papier und mit vielen Stem­peln. Hier ist alles zu übersetzen, von der Anschrift der Behörde bis hin zur unleser­lichen Unter­schrift. Kärrnerarbeit.

Abgeschafft, gestri­chen, ersatzlos. Durch die Presse ging: "Honorarsätze wurden erhöht." In Wirklich­keit ist der Rückfall auf den zweit­höchsten Satz auch nach des­sen Erhöhung eine Honorar­kürzung. Viele Kol­leg:in­nen haben anschlie­ßend aus Pro­test die Stempel zurückgegeben.

Der Bedarf bleibt gleich. Das Telefon klingelt bei mir täglich zwei Mal zu diesem Thema. Bislang habe ich 'nein' gesagt und für Freun­de dann doch übersetzt, Kol­le­gin­nen haben be­glaubigt.

Dann traf ich eine Kollegin im einstigen Ostd­eutschland. Sie macht den Job weiter gerne. Sie muss keine über­höhte Ber­liner Miete zahlen. Wir tüteten eine Ko­ope­ra­ti­on ein. Die Sachen gehen nur über meinen Schreib­tisch, ich werfe einen Blick auf die Original­do­kumente, sehe, dass sie nicht gefälscht sind (soweit ich das be­ur­tei­len kann), dazu verpflich­tet unser­einen zurecht der Gesetz­geber, denn es ent­steht mit der beglaubigten Übersetzung ja ein neues Original. Der Rest ist die Sache der Kollegin. Mir verlangt es einige Termin­zusagen ab, that's all. Keine große Sache, no big deal.

Ab und zu komme ich dann doch an meine Grenzen. Da ist der Kunde, der, obwohl ihm wiederholt gesagt worden ist, die Original­do­ku­mente mitzubringen, ohne sie vor der Tür steht. Und dann anfängt, mich zu beschimpfen. Er sei extra vom an­de­ren Ende der Stadt angereist und was ich mir raus­neh­men würde. Ich solle aber subito mit ihm ins Auto steigen, wir würden zu ihm nach­hause fahren, dort könne er mir das Original zeigen.

Es gibt Menschen, die explo­dieren von jetzt auf gleich. Die sind nicht nur jäh­zor­nig, sondern auch körper­lich dominant. Ich war froh, ihn vor der Tür ab­zu­fer­ti­gen. Eigentlich hatte ich ihm die Anwei­sung gegeben, im Hofgarten auf mich zu waren. Aber er liest nicht nur nicht, er hört auch nicht.

Im Hof hätte es zur Not mehr Men­schen gegeben, die eingeschritten wären, als nur auf dem Treppen­absatz.

Ein Mann ohne Empa­thie und Mitdenken, ohne Interesse an den anderen, ohne Höf­lich­keit, Freund­lichkeit, Respekt, Zuhören. Dabei ist meine Rolle hier die einer Dienst­­leis­te­rin an der dokumen­ten­armen Mensch­heit und der Kollegin, das war's. Damit verdiene ich nicht meine Bröt­chen. Selbst, als ich ihm das sage, bleibt er bei seinem Text.

Zwischen­durch hatte er schon x-fach dasselbe gefragt, nach 22.00 Uhr angerufen (macht mensch einfach nicht), hatte uns mit Mails bombar­diert und war schließlich zur Abholung ohne meine Adresse los­ge­gan­gen und alles mög­liche andere, was sich unser­einer so vorstellen kann ... und noch viel mehr, denn meine Phan­tasie in Sa­chen Schief­lauf­po­ten­tial war begrenzt. 

Ich schaffe es an besagtem Tag, ihn |rauszu­schmeißen| hin­aus­zu­kom­pli­men­tie­ren, bin aber kurz davor, die ge­sam­te Nachbarschaft her­bei­zu­brüllen. [BRÜLLEN. Ich? Wir Dolmetschpersonen sind derart in Diplo­matie gewalkt, dass wir eher zu den Leise­tretern zählen.]

Zwei Tage später kommt er wieder vorbei, pünktlich, bleibt brav auf der Straße, bedankt sich (ein erster Schritt) und hört sich sogar den Hinweis geduldig an, dass es für Zuge­wanderte exzel­len­te Deutsch­kurse an den Volks­hoch­schulen ge­be, dass die All­ge­­mein­­heit diese auch finan­ziere, und für jene, die mit der lateinischen Schrift Probleme hätten, sogar Lese- und Schreibkurse. 

Denn irgendwann ist meiner Kollegin und mir eingefallen, dass dieses Pracht­ex­em­plars eines HB-Männchens vielleicht ein Analphabet sein könnte. Und nun sind wir doppelt peinlich berührt.

Ein Tag im Leben des HB-Männchens

______________________________
Foto: HB und YouTube

Dienstag, 7. Juni 2022

Auf dem Schreibtisch (LXIV)

Über den Arbeits­alltag einer Dol­met­scherin können Sie auf diesen Seiten einiges er­fah­ren. Meine Muttersprache ist Deutsch, ich arbei­te über­wie­gend mit Fran­zö­sisch und Eng­lisch. Wenn ich nicht ge­ra­de Kon­fe­renzen ver­tone, sitze ich am Über­set­zer­schreib­tisch.

Das Außenbüro hat wieder geöffnet. Hier steht an:
Beispielbild aus Neukölln

⊗ Schei­dungs­ur­teil (hat die Kol­legin über­setzt, ich prüfe und über­rei­che nur)
⊗ Unter­ti­te­lung eines So­cial-media-Wer­be­kurz­films
⊗ Ver­ein­ba­rung von Bank­ter­minen für einen Kun­den
⊗ Ver­ein­ba­rung von No­tar­ter­minen für einen Kun­den
⊗ Te­le­fon­kon­fe­renz­ter­min zur Be­triebs­küche
⊗ Kol­le­gin­nen­suche für einen Ein­satz im Juli

Erin­ne­rung: Beim Dolmet­schen wird das Gesag­te münd­lich über­tra­gen, beim Übersetzen schrift­lich, siehe die oben­ste­he­nde "Logline". 

______________________________
Foto:C.E. (Archiv)

Montag, 6. Juni 2022

Instantbuchung

Hal­lo, gu­ten Mor­gen und einen schö­nen Tag! Sie le­sen gerade im Blog einer Kon­fe­renz­dolmet­sche­rin. Ich ar­beite seit der zwei­ten Hälf­te der Nul­ler Jah­re als Dol­met­scherin in Ber­lin. Unser Be­ruf ist oft sehr in­ten­siv. Und er for­dert uns mit­un­ter von einer Mi­nu­te zur an­de­ren.

Bäume, Wasser, Himmel, Spiegelungen
Loh­müh­leninsel und Trep­tower Brücke (rechts)
Die schnells­te Bu­chung aller Zei­ten: Ich schlen­de­re nichts­ah­nend einen Spazier­weg ent­lang, als vor mir ein Mann in Zeit­lupe erst schräg geht, dann kippt und zu Bo­den geht. Wenige Se­kun­den später bin ich bei ihm. Er ist an­spre­chbar, spricht ver­nu­schelt und stot­te­rig, eine Ge­sichts­hälf­te hängt auf­fäl­lig.

Dann sackt er weg. Ein an­de­rer Pas­sant hilft, wir posi­tio­nie­ren ihn in die stabile Sei­ten­la­ge. 

Ich schaue hin: Er ist um die 60, weder über­ge­wich­tig noch sonst irgendwie auf­fäl­lig. Ich schaue, während der Mann die Ret­tung anruft, in der Innen­tasche seines Jacketts nach Infor­ma­tionen. Finde eine Auf­stel­lung der Me­di­kamente, die er nimmt, einen Or­gan­spen­der­ausweis, einen Reise­pass. Der Mann ist Franzose, was meinen Ein­druck bestätigt, dass die Silben Franzö­sisch waren.

Der Anrufer hält mir kurz das auf laut ge­stell­te Handy hin: "Sie haben mit ihm ge­spro­chen!" Ich erkläre kurz die Lage, sage, dass es für mich als Nicht­me­di­zi­nerin nach Schlag­anfall aus­sieht.

Schnitt: Im Ret­tungs­wa­gen geht es ins Kran­ken­haus. Mich hat man gleich mitge­nom­men, zu­nächst für die Ehe­frau ge­hal­ten, weil der Pa­tient und ich auch als er wieder bei Be­wusst­sein war Fran­zö­sisch mit­ein­an­der ge­spro­chen haben, aber "an Sonn- und Feier­tagen sind Sprach­mitt­ler schwer zu er­reichen" gefolgt vom Satz: "In Berlin um­zu­kip­pen und eine Dol­met­scherin ist schon vor Ort, das nen­ne ich mal Glück im Un­glück."

Schnitt: Der Mann ist stabi­li­siert. Wir rasen zum Kranken­haus. Der Not­fall­sani­tä­ter: "Verdacht auf Apo­ple­xie". Die Dolmet­sche­rin nickt.

Entwurzelter Baum
Plötzlich umgefallen
Schnitt: Im Kranken­haus dann alle mög­li­chen Unter­su­chungen, Gesprä­che, Anruf der (echten) Ehe­frau, Erklä­rung der Behand­lung, ruhig, langsam, mit vielen Wie­der­ho­­lun­gen. Und ja, wir hatten leider recht, zum Glück ist es ein min­der­schwe­­rer Fall.

Schnitt: Stun­den später der Arzt zu mir: "Sie waren sein Schutz­en­gel."

Vokabelnotizen
Bildung von Blutgerinnsel — formation des caillots
Blutverdünner — anticoagulant, fluidifiant sanguin
Schlaganfall — AVC (accident vasculaire cérébral)
Sauerstoffunterversorgung im Gehirn — apport déficitaire en oxygène au cerveau
______________________________
Foto:
C.E.

Freitag, 3. Juni 2022

Höhen und Tiefen

Ein­blicke in den Berufs­all­tag von Über­setzer:in­nen und Dol­met­scher:in­nen be­kom­men Sie hier. Die meis­ten von uns sind selb­stän­dig. Die Co­ro­napandemie hat die wirt­schaft­li­chen Grundlagen der meis­ten von uns er­schüt­tert, die Arbeit an­stren­gen­der ge­macht. Und es hört und hört nicht auf ...

Der netteste Moment dieser Berliner Arbeitswoche: In der sonnigen Pause auf ei­nem Mäuerchen der Spree sitzen, das Metall­tab­lett von der indischen Garküche vor und ei­nen fran­zö­si­schen Industrie­manager (Kunde) neben mir und infolge einer ex­zel­len­ten Frage begreifen, dass vor 28 Jahren exakt fünf Mi­nu­ten über meine beruf­liche Zukunft entschie­den haben. Und dann um­ge­hend vom Ma­na­ger geduzt werden. (Diese Story erzähle ich später mal.)

Sinnbild für eine Online-Reise nach Marokko
Der traurigste Moment der Ar­beits­wo­che: Der CO2-Auditor, mit dem ich nächste Wo­che nach Marokko reisen sollte, hat Covid-19. Das Auditing soll jetzt on­line statt­fin­den. Nun wird meine Vergütung aufgrund in­terner Regeln beim Kunden so berechnet, dass ich nur durch die Zu­la­ge für den Auslands­einsatz auf meinen üb­li­chen Tages­satz komme. Und durch den Wech­sel zu einem rei­nen Online-Termin entfallen die Be­triebs­füh­run­gen vor Ort, die für mich beim Ein­ar­beiten in ein neues The­ma wichtig sind. Die zu­nächst ge­plan­te "Be­suchs­kern­zeit" bleibt un­ver­än­dert, was zur Ver­dich­tung des Programms führt, das jetzt so aus­sieht, als ob es bes­ser von ei­nem Dol­met­scher­team und nicht von einer Ein­zel­dol­met­sche­rin be­treut werden sollte.

Die Be­rech­nungs­grund­lage meiner Zu­sa­ge hat Covid-19 also kom­plett verändert.

Der Hin­ter­grund der be­son­de­ren Hono­rar­be­rech­nung, die mich mög­li­cherweise den Job kosten wird, weil der Kunde mit Verständnis für mei­ne Lage reagiert, aber of­fen­bar an den Ber­ech­nungs­grund­sätzen fest­hält, ist wohl der, dass Auditoren auf Hono­rar­basis weniger ver­lan­gen als wir Dolmet­scher:innen. Nun haben Fach­in­ge­nieu­r:innen in der Regel nicht maxi­mal 70 bezahlte Arbeits­tagen per annum in vorcoronösen Zeiten wie ich (und die in Pandemie­zei­ten groß­ar­ti­ge Zahl von ca. 30 vol­len Ta­gen im drit­ten Corona­jahr), sondern mehr. Ein kurz befragter Kunde, Bau­sach­ver­stän­diger aus Berlin, kommt auf 190 bis 200 (von 250 möglichen) Ar­beits­ta­gen; das Corona­virus habe ihn kaum be­ein­träch­tigt.

Wir Dolmet­scherinnen haben ein sehr hohes Berufsethos. Wenn wir ein­mal zu­ge­sagt haben, bleiben wir in der Regel dabei. Wie an­stren­gend unser Beruf ist, er­ah­nen viele Men­schen nicht. Wir Dol­met­scher:innen müssen häufig viel frisch An­ge­­lern­tes durchs Hirn schleu­sen und das lässt es schneller heiß­laufen wie Alt­be­kann­tes. Das führt zu größerer Ermü­dung und Qua­li­täts­ver­lusten, wenn Pau­sen fehlen. Ver­gleich­bar ist das mit einem Computer, der entweder von der Festplatte arbeitet (= Altbekanntes) oder eine Riesen­menge Tabs und Programme parallel ge­öff­net hat. Daher brau­chen wir immer mehr Zeit: Zur Vorbe­rei­tung und zur Er­ho­lung nach stres­sigen Einsätzen.

Also Gespräche, Nach­denken, Zögern ... und ich bereite mich weiter­hin parallel dazu vor. Man weiß ja nie.

______________________________ 
Foto:
C.E. (der deutsche doppelkammrige
Teebeutel mit einem Hauch von Marokko)

Montag, 30. Mai 2022

Meditative Katze

Wie Über­setzer:in­nen und Dol­met­scher:in­nen ar­bei­ten, erfahren Sie hier. Co­ro­na hat die Le­bens­grund­la­gen vie­ler von uns durch­ein­an­der­ge­bracht und die Müh­sal der Arbeit er­höht. Denn Online­dol­met­schen ist an­stren­gen­der. Dann kom­men unre­alis­tische Vor­stel­lun­gen von Kund:­in­nen im Ar­beits­feld Über­set­zen hin­zu. Heu­te folgt ein klei­ner Brehm, von Kat­ze bis Af­fe.

Katze, auf eine Fassade gesprayt
Türhüterin
"Die KI kann alles!", scheinen manche Men­schen zu glauben. Aber die Künst­liche In­tel­ligenz kann über­haupt nicht alles. Vor allem ist sie ein kal­tes Me­dium, kennt weder Vor­ge­schich­te der Zeilen noch Hin­terland der Wörter.

Nur ein winziges Beispiel: Die KI kann nicht zwi­schen „betrach­ten" und „beob­achten" un­ter­schei­den. Für sie handelt es sich hier um zwei Sy­no­nyme. Die Begriffe sind für die KI also frei aus­tausch­bar.

Ich hat­te mal Er­geb­nis­se von so einem au­to­ma­ti­schen Durchlauf à la "Die Katze be­trach­tet die Maus.“ Nun ja, hat ei­gent­lich schon ein­mal je­mand an­ge­sichts einer M-A-U-S eine kon­tem­pla­tive Katze ge­se­hen!?

An­dere "Lösung": "Ich beob­achte das Ge­mäl­de.“ Mist aber auch, bei die­sem Ge­mäl­de tut sich auch beim besten Willen nach lan­gem Hin­sehen nichts, aber wirk­lich auch gar nichts!

Kurz: Programme wie DeepL, die mit KI arbeiten, hei­ßen nicht zufällig tools, Hand­werks­zeug. Sie sind wie ein Grif­fel oder die Tasta­tur für die Hän­de von Men­schen und keine eigen­ständige Ar­beits­kraft.

Die KI greift auf kalte Maschi­nen zurück; sie kennt weder Gefühle noch weiß sie, wie Lebe­wesen ticken. Erst recht fehlt ihr Verständnis für die eigenen Grenzen. Ich zitiere den Kol­legen Ralf Lemster: "Der Hori­zont der gängigen Über­set­zungs­sys­te­me ist der Satz und endet mit dem Punkt. Ein Mensch weiß, was drei Sätze zu­vor stand und kann einen Zu­sam­men­hang herstel­len.“

Die KI liefert immer ein Ergebnis, selbst dann, wenn sie überfordert ist. Und oft sehen die Ergebnis­se auf den ersten Blick so gut aus, dass die Fallstricke nicht so­fort auf­fal­len. Genau das macht die Sache hoch­komplex. Unsereiner muss sehr scharf hinsehen. Ver­gli­chen mit dem Auf­wand ohne KI ent­fällt ein wenig Tipp­ar­beit, auf jeden Fall kommt die glei­che Denk­arbeit hinzu, an vie­len Stel­len sogar mehr: Sich von vermeintlich guten Lösun­gen zu trennen, die da schick schwarz auf weiß ste­hen, verändert das Über­se­t­zen, frisst mehr Ener­gie, so meine Erfahrung. Und für 100 Prozent krea­ti­ve Tex­te ist die KI erst recht zu 100 Pro­zent un­taug­lich.

Heute kam eine Über­set­zungs­an­fr­age rein: "Überar­beitung von Deepl-Überset­zun­gen (Französisch → Deutsch) … Un­se­re Web­seite mit ca. 100 Sei­ten wird aktu­ell dank automa­tischer Deepl-Über­setzung neben Franzö­sisch auch auf Deutsch an­ge­zeigt. Wir hatten uns zum Start quick & dirty dafür ent­scheiden. Jetzt benötigen wir eine profes­sionelle Überarbeitung, die direkt in Word­press erfolgt. Vor­kennt­nis­se sind empfehlens­wert. Es geht uns nicht nur um richtige Gram­ma­tik, sondern auch um deut­li­che Ver­bes­serung des Lese­flus­ses und dass die SEO-Be­grif­fe oft ge­nug ver­wen­det werden. Wir haben eine Preis­vor­stel­lung von 5,00 € je Norm­sei­te (1.800 Zeichen inkl. Leer­zeichen)."

Ja, nee, die Herr­schaf­ten wollen halt Geld sparen. "Die KI kann alles!" Wer's glaubt.

Werb­li­che Web­sei­ten müs­sen nicht nur übersetzt werden, hier sind oft Tex­ter­kennt­nisse nötig, und da kostet eine Norm­seite je Schwie­rig­keits­grad bei mir derzeit zwischen 50 und sagen wir mal 150 Euro (nach oben offen). Je mehr Wer­be­texten dabei ist, desto ...

Nehmen wir mal an, dass es nicht so rasend kom­pli­ziert ist: Hier möchten die Herrschaften also ein Zehntel des Min­dest­prei­ses bezahlen und die Zu­satz­arbeit, alles adrett in die Web­sei­te ein­zu­pflegen plus Kennt­nisse im Be­reich Such­ma­schi­nen­opti­mierung (SEO), gratis ein­sacken. Könn­ter knicken. Für diese lum­pi­gen Nicht-mal-Pea­nuts bekommt ihr weder Pro­fis noch Affen.

______________________________
Foto: C.E.

Dienstag, 24. Mai 2022

Optik und Akustik

Herz­lich will­kom­men! Hier bloggt ei­ne Dol­met­sche­rin. Was Kon­fe­renz­dol­met­scher und Über­setzer machen, und na­tür­lich auch wir Frau­en im Be­ruf, wie sie bzw. wir ar­beiten, ist hier seit 2007 re­gel­mä­ßig Thema. Dabei schrei­be ich auch über Be­son­der­hei­ten im All­tag.

Auch ich zähle zu den Men­schen, die wissen, was Schlaf­probleme sind. Beson­ders dann, wenn es un­er­wartet laut ist. Ein wenig liegt es si­cher am Beruf, da Akustik für unser­einen so wichtig ist.
Vorhang 'in the making' — und auch noch grafisch schön

Und Lärm nervt ver­mut­lich die meisten Leu­te.
Zum Beispiel sowas: Die Im­mo­bi­lien­spe­ku­lation hat uns ein zum Teil un­be­wohn­tes Nach­bar­haus ein­ge­bracht.

Doch manch' Ein­heit wird als Fe­rien­woh­nung ver­mie­tet, also nur ab und zu, und die Rei­sen­den fei­ern gerne mal. Da wird's dann laut. Das strengt im­mer al­le an.

Ja, ich habe Ver­ständ­nis mit Men­schen, die irritiert auf un­er­war­tete Ge­räusche reagieren. So meine neue Nach­barin. Sie nutzt den Raum neben meinem Ar­beits­zim­mer auch als Schlaf­zimmer, und in mei­nem Ar­beits­raum lo­giert ab und zu ein Über­nach­tungs­gast. 

Im Ar­beits­zimmer habe ich ein Stahl­seil zwischen die Wän­de ge­spannt, an dem die Vor­hang­schals hän­gen. Und of­fen­bar macht es dann nachts nach dem Lüften im Schlaf­zimmer der Nach­barin noch lauter "Rrrrraaaaatsch", als dass bei mir schon der Fall ist.

Die tatsächliche Lautstärke ist mir offen gesagt "wumpe", wie es in Ber­lin heißt. Die sub­jek­ti­ve Wahr­neh­mung zählt. An den Metall­klem­men der Gar­dine hängt mein Herz nicht.

Oh­ne groß nach ei­nem neu­en Vor­hangs­ystem zu sor­gen, besah ich mir die Schals kurz ge­nauer. Und kauf­te im Vor­bei­gehen auf dem Wo­chen­markt vier Me­ter Naht­band zu je 30 cm. Ergebnis: Der Vor­hang an der Balkon­tür ist jetzt leise; hier hab' ich gekno­tet. Für den zwei­ten suche ich noch nach gro­ßen, schwarzen Si­cher­heits­na­deln. Mit de­nen ich auch den ers­ten "nach­rüs­ten" werde.

Warum steht das im Dol­metscher­web­log? Neben der Er­ziehung, ein freundlicher Mit­mensch zu sein, ist der erste Grund die ei­gene schon benannte akus­ti­sche Em­pfind­sam­keit. Der zwei­te ist der geringe Auf­wand einer schnel­len, guten Lö­sung. Wer den gan­zen Tag sprach­liche Lö­sun­gen findet, ist auf kreati­ven Um­gang mit Prob­le­men ge­eicht. Und das mag ich.

______________________________
Foto: C.E.

Auf dem Schreibtisch (LXIII)

Bonjour & hel­lo! Sie sind auf den Sei­ten eines digitalen Ta­ge­buchs aus der Welt der Sprachen ge­landet. Seit 2007 blog­ge ich hier über das Be­rufsle­ben der Über­set­zer und Dol­met­scher. Seit März 2020 hat sich un­se­re Ar­beit stark ver­än­dert. Im "in­ter­me­diate Post-Co­ro­na" ackern wir ge­ra­de sehr, ha­ben aber auch noch Zeit für an­de­re Kun­d:innen.

Sechs Wo­chen und ei­nen Tag mit vollen Auf­trags­bü­chern spä­ter atme ich durch und schaue mal wie­der auf mei­nen Schreib­tisch.

Deutsch & Français & English
Dort steht an:

⊗ Be­hör­den­ter­mine für einen Kun­den machen
⊗ Kor­rek­to­rat einer Über­set­zung (Werbe­flyer)
⊗ Be­ra­tung eines Kol­le­gen in Sa­chen Dreh­buch­über­setzung
⊗ Rech­nun­gen und Mah­nun­gen schrei­ben
⊗ Kos­ten­voranschläge für zwei Termine im Sep­tem­ber
⊗ Buch­hal­tung

⊗ Alte Vo­ka­bel­listen ab­hef­ten (das Körb­chen mit den Le­xi­ken quillt über)
⊗ Nachb­ereitung Bau­stel­len­dol­met­schen DE<>FR

______________________________
Foto:
C.E. (Archiv)

Dienstag, 17. Mai 2022

Quicklebendig

Hel­lo, bon­jour, gu­ten Tag! Ein­blicke in das Le­ben einer Sprach­ar­bei­terin können Sie hier erhalten. Ich bin Dol­met­sche­rin für die fran­zö­sische Spra­che mit Deutsch als Mut­ter­spra­che, und ich über­set­ze auch aus dem En­g­li­schen, al­les hoch­le­ben­di­ge Idiome!
Sprachberufe (gesehen in Heidelberg)

Für eine bezahlte Anzeige hat eine Kol­legin irgend­wo in Eu­ro­pa in einer mir be­kann­ten eu­ro­pä­ischen Sprache ge­tex­tet: "Ich bin Dol­­met­scherin und ar­beite mit den Spra­chen Eng­lisch, Spa­nisch, Fran­zösisch, Alt­griechisch und La­tein." 
Ich zögere. Wer braucht einen Dol­met­scher oder eine Dol­met­scherin für La­tein? Wird in Va­ti­kan­­stadt wei­ter­hin Latein ge­spro­chen? Und haben die nicht fes­tes Per­so­nal?

Dann folgt ein Ein­schub mit Be­rufs­er­fah­rungen. Später geht es weiter: "Dane­ben über­setze ich auch." Ja, so ma­chen die toten Sprachen Sinn.

Note to self: Obacht bei nach­träg­li­chen Text­än­de­run­gen. Das kann un­frei­wil­lig ko­misch werden.

Die Kol­legin habe ich kurz angeschrieben. Ehren­sache. Und hof­fe im Ge­gen­zug auf meine Le­se­rin­nen und Leser, Kolleginnen und Kollegen, falls da mal ...

______________________________
Foto: C.E. (Archiv)

Dienstag, 10. Mai 2022

Berufsbedarf

Ob zu­fäl­lig oder ge­plant: Sie sind hier auf Sei­ten eines digi­talen Tage­buchs aus der Ar­beits­welt gelan­det. Ich bin Dol­met­scherin für die fran­zösische Sprache (und aus dem Eng­li­schen) und berichte aus dem All­tag.

S
eit Jah­ren treibe ich mich in be­son­de­ren Ge­mäuern he­rum, in Mu­seen, alten Ge­bäu­den und Stein­hau­fen, zwi­schen Ru­inen und Neu­em, aber auch in Ar­chi­tek­tur­büros und in Häu­sern, die re­no­viert wurden.

Erdbeeren in der Pappschale
Visuell schöner als Schuhe

Jetzt begleite ich als Dol­met­scherin meine erste echte Bau­stelle von der Grund­stücks­be­sich­ti­gung bis zur Eröff­nung. Irgend­wann wur­den die Arbeiten klein­teiliger, sprich: Es ging los mit dem Mon­tie­ren von Bau­teilen, es ka­men Schrau­ben und Me­tall­ab­schnit­te hin­zu. Die Ar­beits­sicherheit war nicht mehr gewähr­leis­tet ohne Bau­stel­len­schu­he. Da­her ging ich ins Fach­ge­schäft, zur Firma "Kokott" in Neukölln.

Jetzt habe ich ein Paar klobiger Treter mit dicker Sohle und ich ge­den­ke, den teuren Kauf von der Steuer ab­­zu­setzen, ge­nau­so wie den Kauf des klei­nen Kof­fers für die Ta­ges­tou­ren mit Über­nach­tung, in denen die Bau­stel­len­schuhe den Rest der Zeit wohnen. Das Glei­che gilt für die Mas­ken. 

Für die Roma­nis­tin, die ich bin, ist der Einkauf bei ei­ner Fir­ma na­mens "Kokott" üb­ri­gens lus­tig, vor al­lem in Zusam­men­hang mit Be­rufs­klei­dung. Da denken wir näm­lich an ganz an­dere "Be­rufs­klei­dung", an Schüh­chen, Kleid­chen, Hüt­chen, Täsch­chen, an Feder­boas, Wim­pern­tu­sche und Fächer. La co­cotte ist der ver­al­te­te Be­griff für Prosti­tu­ier­te. Zweit­be­deu­tung: der Bräter. Auch fast in Ver­ges­sen­heit ge­ra­ten ist la co­cotte mi­nute, der Schnell­koch­topf, dem ich in der Energie­kri­se ein Revival vor­her­sage! Und ja, bei Ko­kott gibt es mehr als Koch­mützen! Aber eher Klo­bi­ges als hohe Ab­sätze. (A pro­pos ho­her Ab­satz, hier geht es zu ei­nem al­ten Text von mir: "Ich ste­he berg­ab", leider in­zwi­schen hin­ter einer Be­zahl­schran­ke ver­schwun­den. Ich könn­te Ih­nen bei In­ter­es­se ger­ne in meine Text­fas­sung Ein­blick ge­ben.)

Nach einem verlän­ger­ten Wo­chen­en­de er­wache ich lang­sam aus dem Über­mü­dungs­­schlaf und dem brain fog in wachem Zu­stand, dem Hirn­ne­bel, in den ich nach der letz­ten Arbeits­woche ge­ra­ten war.

Was steht im Büro an? Be­le­ge sor­tie­ren, Zah­lungs­ein­gänge prü­fen, Über­set­zungen kor­rek­tur­lesen, die ersten Erd­bee­ren des Jahres pro­bie­ren, die nächsten Wochen planen, den Bal­kon weiter her­rich­ten, die Vokabel­lis­ten der letz­ten Zeit ver­voll­stän­di­gen. Denn nach dem Ein­satz ist im­mer vor dem Ein­satz.

______________________________
Foto:
C.E.

Montag, 9. Mai 2022

Montagsstoßseufzer

Was und wie Über­setzer und Dol­met­scher arbeiten, können Sie hier mitlesen. Die meis­ten von uns sind selb­stän­dig. Co­ro­na stellt noch immer viele un­serer Exis­tenzen auf tö­ner­ne Füße. Heu­te, nach dem grü­nen Dau­men, folgt ein grü­nes Ge­tränk.

Die Phase, die wir gerade erleben, ist die des "Inter­mediate post corona", ein "vor­läu­fi­ges Nach-Corona", wie ich es letzte Wo­che ge­lernt habe. Ich schaue zu­rück auf vier vol­le Wo­chen mit Bu­chungen als Über­setzerin und Dolmet­scherin — und blicke er­neut in ein Loch. Ja, es gibt da einige An­fra­gen für die nächs­te Zeit, aber es ist schlag­ar­tig deut­lich ru­hi­ger ge­wor­den. 

Vor der Pan­de­mie und vor dem Krieg wuss­ten wir im­mer drei bis acht Mo­na­te im Vor­aus, was uns er­war­tet. Die späteste An­fra­ge, die ich dieses Jahr habe, geht bis zum Frei­tag, dem 30. Sep­tem­ber (und ist noch nicht be­stä­tigt).

Gesehen in Kreuzberg
Gut, dann wen­de ich mich dem Bal­kon zu, sor­tiere auch wei­ter am Schreib­tisch Fach­be­grif­fe, schrei­be Rech­nun­gen, plane den nächs­ten Ein­satz. Arbeit zu ha­ben empfinde ich nach den ar­beits­ar­men Co­ro­na­jah­ren als Gnade, und in Zei­ten die­ses ver­rückten Krie­ges erst recht. Die Ar­beit hilft zu ver­ges­sen, was für gräss­li­che Din­ge drau­ßen pas­sie­ren.

EDIT: Heu­te sind, mit 12 Ta­gen Ver­spätung, in Berlin die Mauer­seg­ler (Apus apus) an­ge­kom­men. Sie blei­ben bis zum Hi­ro­shi­ma­tag in der deut­schen Haupt­stadt. Auch Ihre Ru­fe trös­ten.

______________________________
Foto:
C.E. (nicht mein Bal­kon)

Sonntag, 8. Mai 2022

Schichtenweise Alex am 8. Mai

Will­kom­men auf den Seiten des digi­talen Arbeits­ta­ge­buchs aus der Welt einer Dol­met­scherin und Über­setzerin. Was ich im Be­ruf so erfahre und wie mein Le­ben auch meine Sicht­wei­se ver­än­dert, davon berichte ich hier. Sonn­tags­bild!

Wir sind im Herzen der Stadt, am "Alex": Auf der rechten Seite außerhalb des Aussschnitts (hier ein Link, dann su­chen nach Jung'sche Apo­the­ke) stand bis in die Mit­te der 1920-er Jah­re die Apo­the­ke "Zum schwar­zen Adler", in der ab Herbst 1847 Theo­dor Fon­tane für ar­me Ar­bei­ter­kinder Große Mengen Leber­trans in Fla­schen ge­füllt hat, von dem sehr viel in Tran­fun­zeln ge­lan­det sein muss. Frühe Ener­gie­pro­ble­me! 1848 hat Fontane hier den März­auf­stand mit­er­lebt und wie aus dem Fun­dus des be­nach­bar­ten König­städti­schen The­aters die Re­qui­si­ten­säbel und an­dere Theater­de­ko für den Auf­stand ge­maust wor­den sind. Das Thea­ter wur­de dann in der 2. Hälfte der 1920er ab­ge­ris­sen, ein früher Tribut an den ent­ste­hen­den Mas­sen­ver­kehr, genauer: den U-Bahn-Bau.

Auch die Apo­the­ke ver­schwand im Rah­men dieser Platz­neu­ge­stal­tung. Das moder­ne Ge­bäude rechts vom an­ge­schnit­te­nen Erd­ge­schoss ist das Bero­lina­haus des Ar­chi­tek­ten Pe­ter Beh­rens, eines der Zwil­lings­häu­ser im Stil der Neuen Sach­lich­keit aus die­ser Zeit, die zum Glück in der DDR wie­der­auf­ge­baut worden sind. Das zwei­te, das win­kel­för­mige Ale­xan­der­haus, liegt im blinden Fleck hin­ter der Haus ganz links.

Die Seit­en­be­bau­ung links hat eben­so­wenig den Krieg über­dau­ert wie das Kaufhaus Tietz in der Bild­mit­te, das die Nazis zu "Hertie" ge­macht haben, 1933, in der so­ge­nann­ten "Ari­sie­rung". Ich erin­ne­re mich mit Grau­sen daran, wie mit extrem wenig Fin­ger­spit­zen­ge­fühl die Hertie­ket­te (sowie an­de­re frü­her jüdische Kauf­häu­ser) in der West­re­publik mit vi­su­el­lem Ge­tö­se das 55. Fir­men­ju­bi­läum gefei­ert hat — bei kom­plet­ter Aus­blen­dung der Grün­dungs­ge­schichte. Ich weiß nicht, ob die Kauf­häu­ser das da­mals durch­ge­zo­gen oder ab­ge­bro­chen haben. Ich habe 1988 in Paris stu­diert, die Anfän­ge des Jubi­läums­jahrs nur in Form ei­ner Plas­tik­­tü­­te aus Deutsch­land ge­se­­hen. 

Heu­te ge­denke ich des Frie­dens. Heute vor 77 Jah­ren wur­de Nazi­deutsch­land be­freit, auch ge­mein­sam von rus­si­schen und ukrai­ni­schen Sol­daten. Und ich schrei­be über Bau­ge­schich­te, weil mir zu aktu­ellen Kriegs­themen die Stimme ver­sagt.

Ruinen und Schutt
Der Berliner Alexanderplatz im Mai 1945

Zu DDR-Zeiten stand hier wieder ein Kaufhaus, das "Centrum Warenhaus" mit einer Waben­fas­sade, die den west­deut­schen Nach­kriegs-Wa­ben­fas­sa­den der Nieder­las­sun­gen einer ge­wis­sen "Hor­ten AG", "gegrün­det" 1936, in Nichts nach­stand; heute ist dort eine Filiale der Galeria Kaufhof.

Sehr weit links vom Foto, außer­halb des Frames, lag das Polizeipräsidium, in das ich im Geis­te in den letzten drei Mo­na­te ein- und aus­ge­gangen bin, als ich nämlich endlich die Kri­mi­nal­ro­mane um Volker Kut­schers Er­mitt­ler Gere­on Rath (*) gele­sen habe, eine "Zwing­burg" aus roten Ziegel­stei­nen. Rot ist auch das Ge­stein, aus dem das der An­zahl der Läden zu­fol­ge größ­te Ein­kaufs­zen­trum Berlins ge­baut worden ist, das an die­ser Stelle seit 2007 die Kunden erfreut. (Men­schen, die eher vi­su­ell un­ter­wegs sind und die noch dazu die Ge­schich­te des Ortes im Hin­ter­kopf haben, er­freut so ein Trumm, das zudem die ewig­glei­chen Ket­ten be­her­bergt, indes gar nicht.) Und in der Nähe der eins­ti­gen Apo­the­ke hat 2009 ein Me­dien- und Elek­tro­nik­kauf­haus auf­ge­macht.

Sehr le­ben­dig ist der einst quirligste Platz der Stadt heute nicht mehr, eher eine tote Einkaufsmeile, kul­tur­voll auch nicht. Wo­bei: Ein Hort der Kul­tur war der Alex ab den spä­ten 1920-er Jah­ren ver­mut­lich nicht mehr, aber er hatte eine andere Aura und hat nicht zufäl­lig dem Roman "Berlin Alexan­der­platz" von Alfred Döblin seinen Na­men gegeben.

Sehr viel früher war der Alexan­der­platz der zen­tra­le Viehmarkt vor den Toren der Stadt gewesen. Viele weitere Bilder und Episoden zum Ort finden sich bei Jo­han­nes und Alex­an­der Glint­schert bzw. "An­de­res.Ber­lin", einer ech­ten Fund­grube. Das Foto der Zer­stö­rung da oben aus einem rus­si­schen Pres­se­ar­chiv sieht ir­ri­tie­rend aktu­ell aus, wenn ich es mit den Bil­dern ver­glei­che, die wir der­zeit aus der Ukra­ine er­hal­ten.

______________________________
Foto:
ITAR-TASS (koloriert)
(*) die Romanvorlage zu "Babylon Berlin"

Samstag, 7. Mai 2022

Intensität (6)

Herz­lich will­kom­men! Hier bloggt ei­ne Dol­met­sche­rin. Was Kon­fe­renz­dol­met­scher und Über­setzer machen, und na­tür­lich auch wir Frau­en im Be­ruf, wie sie bzw. wir ar­beiten, ist hier seit 2007 re­gel­mä­ßig Thema. Der große Ein­bruch kam März '20. Heute ein CO­VIDiary-Nach­trag, denn lang­sam nor­ma­li­siert es sich und ist al­les an­deres als nor­mal. Die sams­täg­li­chen Lieb-Links der Wo­che fol­gen mor­gen.

Die Woche war wie er­war­tet be­son­ders: Es war die vier­te vol­le Ar­beits­wo­che seit Be­ginn der Pan­de­mie.

Wir können immer nur eine Seite nutzen

Als wir ab März 2020 Um­satz­ein­brüche um phasenweise 90, 100 Prozent zu verzeich­nen hat­ten, wussten ganz be­son­ders schlaue Menschen in alt­vä­ter­li­cher oder altmüt­ter­li­cher Manier längst be­scheid: "Ach, da wird es nach Co­ro­na doch Nach­hol­ef­fekte geben!"

(Und dann hieß es weiter: "Nein, Ihr braucht keine wirk­lich sub­stan­ziel­len Corona-Wirt­schafts­hil­fen!")

Die Zeit "nach Co­ro­na" lässt weiter auf sich warten, aber trot­zdem kann ich eine viel­leicht auch etwas späte Ant­wort geben: Nein, das Ar­gu­ment mit dem Auf­holen stimmt nicht.

Ende April 2022 geht nach 26 Monaten na­he­zu ohne echte Kon­fe­ren­zen, Stu­dien- und De­lega­tions­rei­sen das wirk­liche Berufs­leben der Kon­ferenz­dol­met­scher:innen (vor­läu­fig) wei­ter. Nor­ma­ler­weise arbeiten wir ma­xi­mal zwei oder drei Ta­ge die Woche direkt bei den Kun­den, der Rest der Woche ist für die Vor­be­rei­tung re­ser­viert und, nicht ganz unwichtig, für die Er­ho­lung.

POV der berichtenden Dolmetscherin kurz vor der Übergabe
Dieser Tage bekommen wir An­fragen für zehn Tage die Woche rein. DAS sieht nach Nach­hol­ef­fekt aus und ist nur bedingt einer, denn wir müssen wei­ter­ge­ben oder ab­sa­gen. Im End­ef­fekt sagen die meisten von uns an vier Tagen der Woche zu. Man­che Kund:in­nen ver­ta­gen sich auf den Sep­tem­ber. Ab Oktober gähnt üb­ri­gens wieder Leere im Kalender.

Bei den Zusagen bremsen wir uns selbst, denn Mutter Natur hat uns Grenzen auf­er­legt, an die wir lange nicht mehr den­ken mussten.

Indes, die Ver­an­stal­ter:innen kennen einen Trick: Um mög­lichst viele zu­frie­den­zu­stellen, haben sie die Pro­gramme verdichtet. Früher ging die Sache so: Stu­dien­rei­se nach Berlin, drei Tage im Kon­fe­renz­­raum oder bei Firmen, For­schungs­zen­tren etc. als Teil des Be­suchs­pro­gramms sowie ein Tag Au­ßen­ak­ti­vi­täten, Stadt­füh­rung, Team building und in Eigenregie. Jetzt lautet die For­mel der Studienreise nach Berlin eher so: zwei Tage im Kon­fe­renz­raum, zwei Tage Au­ßen­ak­ti­vi­täten.

Ich kürze ab und nenne als Bei­spiel das Pro­gramm von Dienstag: Zwei Kol­le­ginnen dol­metschen von 8.00 Uhr im hoteleigenen Kon­fe­renenz­raum, ein weiteres Zwei­er­team übernimmt den Nach­mit­tag, der bis in den Abend reicht. Einmal ging diese Woche der letzte Termin um 19.00 Uhr los. Das war am zweiten Stu­dien­rei­se­tag einer Gruppe. Am Vortag waren die Herr­schaf­ten in Paris um fünf Uhr auf­ge­stan­den, um recht­zeitig zum Flieger zu kommen, und hat­ten dann am Abend eine der Berliner rus­ti­ka­len Schank­wirt­schaf­ten auf­ge­sucht. Keine Über­raschung: Es gab nach diesem Vortrag nur eine ein­zige Fra­ge aus dem Publikum.

Und un­ser­eine(r) er­kennt sich selbst nicht mehr. Wegen der langen Tage (und des hohen Adre­na­lin­pe­gels) fällt abends das Ein­schla­fen schwer. Morg­ens wachen wir schwer und spät auf (wegen des späten Ein­schla­fens). Seit vielen, vielen Jah­ren habe ich an einem Sams­tag in gesun­dem Zustand nicht mehr bis nach 12.00 Uhr geschlafen! Und dann aus­ge­rech­net heu­te, wo ich um 10.00 Uhr ei­nen Buch­ab­hol­termin gehabt hätte. (Ich über­neh­me einiges Second hand, seit ich nicht mehr in Frankreich lebe.) Statt Freu­de über die er­folg­reich ge­meis­ter­te Woche also mit­täg­li­che Zer­knir­schung.

______________________________
Foto:
C.E.

Freitag, 6. Mai 2022

Intensität (5)

Hal­lo, gu­ten Mor­gen und einen schö­nen Tag! Sie le­sen gerade im Blog einer Kon­fe­renz­dolmet­sche­rin. Ich ar­beite seit der zwei­ten Hälf­te der Nul­ler Jah­re als Dol­met­scherin in Ber­lin. Unser Be­ruf ist oft sehr in­ten­siv. Und er spricht alle Sinne an. Hier veröf­fent­liche ich kleine No­ti­zen über Dinge, die wir wäh­rend un­serer Arbeit am We­ges­rand ge­funden haben.

Blick ins Rohr
Was ich vom heu­tigen Ein­satz sicher nie ver­ges­sen werde: Den gro­ßen Pla­nungs­feh­ler der Klima- und Lüf­tungs­an­la­gen­in­dus­trie. Die hatte nämlich nie im Le­ben damit ge­rech­net, dass ihre Rohre irgend­wann auch mal ge­rei­nigt werden müss­ten. Die Raum­pfle­ger:innen haben im­mer nur brav Staub von den Lüf­tungs­git­tern gewischt, bis schließ­lich einer von ihnen mal dahin­ter geschaut hat.

Inz­wischen gibt es Fir­men, die auf diese Rei­ni­gung spe­zia­li­siert sind. Sie kom­men mit Diamant­frä­sen und schnei­den ers­tmal ein Loch für die Re­vi­sions­klap­pe in die Schäch­te.

Der Rohr­staub­sauger

Nein, ich wer­de Ih­nen nicht er­zäh­len, was sie hinter den Ein­lass­git­tern ge­fun­den haben! Das will wirk­lich nie­mand wissen!  

Hin­weis für zarte Ge­müt­er: Es war un­ap­pe­tit­lich.

Hier geht's zur fran­zö­si­schen Ver­sion, la VF du pré­sent texte, la voilà !

______________________________
Fotos: C.E. (Danke an die Firma Niederberger)

Donnerstag, 5. Mai 2022

Intensität (4)

Herz­lich will­kom­men! Hier bloggt ei­ne Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin. Zwischen März 2020 und ir­gend­wann im April 2022 hatten die meisten Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin­nen sehr we­nig Arbeit. Ei­gent­lich sogar schon ab Mit­te De­zem­ber des Vor­jah­res, denn dann setzt im­mer die Win­ter­pause ein. Nun ist end­lich wie­der mehr los.

De­le­ga­tions­rei­sen mit End­kund:innen zu ver­schie­de­nen Orten, das gehört zu un­se­rer Arbeit dazu. Also: Inter­preter out of the box, nicht in der Ka­bi­ne, dieses Mal wie­der im So­lo-Einsatz. Wir fahren zu Unter­nehmen, Arbeits­kol­legen aus ei­nem an­deren Land, für die jeweilige Bran­che wich­tigen Orten. Dabei ver­wen­den wir Dol­met­scher:in­nen eine so­ge­nann­te Per­so­nen­füh­rungs­an­lage, PFA, mit einem Mikro­fon und Head­sets, um den Gäs­ten aus Frank­reich alles in ihrer Spra­che zuzuflüstern.
Dolmetschtechnik in der gerade noch tragbaren Transportkiste


Diese Kis­ten sind seit Jahren ein Prob­lem. Einst­mals in Form eines Akten­kof­fers ge­lie­fert, nimmt das Ge­häu­se seit eini­ger Zeit im­mer un­hand­li­chere Formen an. OK, ich gebe zu, ich vergleiche hier gera­de Äpfel mit Birnen. Ins attaché-case, wie der Ak­ten­koffer, der auf Franzö­sisch nach Ober­schule und ir­gend­wel­chen männ­lichen Mode­hei­nis klingt, die schon mit 17 in eine liberale Partei einge­tre­ten sind, pass­ten da­mals nur 20 Köpf­hö­rer. 

Lieber trage ich zwei Köf­fer­chen, links einen, rechts einen, als dass ich mir ständig so eine höl­lisch schwe­re Box vor den Unter­schen­kel knalle, da der Mas­se­mit­tel­punkt der Kis­te nicht zur Län­ge und zur Form meiner Beine passt, eigentlich zu nie­­man­­des Bei­ne, wes­halb mir ständig Materie im Weg ist. Harte Materie.

Historischer Rückblick: Vom "Aktenkoffer" zu "Babysarg"



Zwi­schen­durch ging die Dol­metsch­kis­ten­evo­lu­tion sogar in Rich­tung "Baby­sarg", wie die Tei­le bei uns hie­ßen. Warum müs­sen die Kopf­hö­rer auch un­bedingt auf­recht ste­hen? So ge­se­hen ist das Trumm da oben auf den geo­met­ri­schen Stein­bö­den eine Ent­wick­lung (zu­rück) in die rich­ti­ge Rich­tung.

______________________________
Fotos aus zwei Jahrzehnten:
C.E.


Mittwoch, 4. Mai 2022

Intensität (3)

Was und wie Über­setzer und Dol­met­scher arbeiten, können Sie hier mitlesen. Die meis­ten von uns sind selb­stän­dig. Die Co­ro­napandemie hat die wirt­schaft­li­chen Grundlagen der meis­ten von uns durch­ein­an­der­ge­bracht und die Mühsal der Arbeit erhöht.

Mit der Zeit haben wir uns ein­ge­rich­tet mit der Arbeit per Videokonferenz aus dem haus­ei­genen Arbeits­zim­mer oder dem externen Dol­metsch-Hub. Aus der Fer­ne zu ar­beiten ist fast schon Routine ge­wor­den.

Noch vor Jah­ren ha­ben wir die ersten Ent­wick­lungen von RSI (Re­mote Simul­taneous In­ter­pre­ting) be­lächelt, manche Firma hat­te damit schon lange vor der Pan­demie be­gon­nen. Aus der Ferne dol­metschen, wie soll das ge­hen ohne Kun­den­kontakt, ohne Nach­fra­ge­mög­lich­keit, ohne die Nähe zur Kol­le­gin oder zum Kol­le­gen? Unser Be­ruf ist schon intensiv genug, wir brau­chen da keine weitere Erschwernis!
Tür zum Kon­fe­renz­raum

Inzwi­schen ist das Alltag und sogar dann Be­rei­che­rung, wenn hy­bri­de Veranstal­tungen den Kreis der Teil­neh­men­den er­wei­tern. Oft arbeiten wir aus ei­nem soge­nann­ten Dol­metsch-Hub heraus, sitzen da in Ka­bi­nen, die bei den Dienst­leis­ter:innen stehen, die Teil­neh­menden und wir sind über spe­zia­li­sierte Platt­formen ver­linkt, über ge­trennte Ton­ka­nä­le sind Original- und Dol­metsch­sound zu em­pfan­gen.

Manche Ein­sätze biete ich auch vom ei­genen Dolmetsch­studio aus an, zu dem das eigene Ar­beits­zimmer geworden ist. Und natürlich gibt es wei­ter­hin Termine vor Ort, in echten Kon­fe­renz­räumen, mit echten Men­schen und hinter verschlossenen Türen. Und wie er­hol­sam ist es, wenn ich mich als Dol­met­scherin nur auf die Sprache kon­zen­trieren muss! Und wie einfach das Dol­met­schen an sich! (Das ich einen der­ar­tigen Satz ein­mal wür­de schrei­ben müssen ...!)

______________________________
Foto:
C.E.

Dienstag, 3. Mai 2022

Intensität (2)

Bonjour und guten Tag! Hier bloggt ei­ne Dol­met­sche­rin. Was Kon­fe­renz­dol­met­scher und Über­setzer machen, na­tür­lich auch die ":innen" im Be­ruf, also wie wir ar­beiten, ist hier, in mei­nem di­gi­ta­len Ar­beits­ta­ge­buch, seit 2007 Gegen­stand in Form kur­zer Epi­soden.

Nur wenig Tageslicht

Die Woche droht besonders zu werden. Es ist die vierte volle Arbeits­woche seit Beginn der Pandemie. An vier Tagen bin ich bei Kund:innen. Manche De­le­ga­tions­rei­se­gruppe betreuen wir jetzt nicht mehr im Dol­met­scher:in­nen­duo, son­dern allein, weil es nicht aus­rei­chen Fach­kräf­te gibt. 

Dabei dol­met­­schen wir immer 30, 40 Mi­nuten solo, dann folgt eine Viertel­stunde Pause.

Die Pause nutzen die Gäste zum Gespräch unter sich und fin­den neue Fragen. An­schlie­ßend folgen nochmal 30 Mi­nuten Dol­met­schen z.B. bei einer Werks­führung, bei Hinter­grund­gespräch oder Schu­lung als Simultan­ein­satz mit Flüs­ter­an­lage. Am Tag gibt es zwei bis vier Be­su­che bei Firmen, Fabri­ken oder For­schungs­zen­tren, die Fahrt­zeiten die­nen meiner Er­holung. (Fin­den mehr Mee­tings statt, sind die Termine je­weils kür­zer.)

Die berichtende Dolmetscherin im Einsatz

Wir fahren durch Berlin, ich er­klä­re im Vorbei­fahren ein wenig die Stadt. Das mache ich gerne. Ich stamme aus einem His­to­ri­ker­haus­halt, habe auch selbst phi­­lo­­lo­gi­sche Fächer studiert, viel für Stadt­so­zio­lo­gen, Urba­nisten und Archi­tekten ge­ar­bei­tet und viel da­bei ge­lernt. 

Auf diese Art und Weise kann ich die Stadt anders er­kenn­bar wer­den las­sen, als es Stadt­füh­rer:innen übli­cher­­weise ma­chen. 

Ich bin dabei keine Zahlen-Daten-Fakten­schleuder und kenne auch die üblichen Witz­chen der Reise­leiter:innen nicht, sondern bringe mein Wis­sen in den Berei­chen Ge­schichte, Stadtgeschichte Berlins, ihrer Gebäude und Einwohner, zu Archi­tektur, Literatur, Film usw. mit­ein­ander in Verbindung.

Corona-Abstand

Da ich lange in Paris gelebt habe und erst dann  Berlin gut kennen­lernen durfte, kann ich von einem franzö­sischen Blick auf die deutsche Haupt­stadt ausgehen. Ich weiß, wie Zeit­ge­nossen, die die französische Capitale kennen, Berlin wahr­neh­men. Und ich setze genau dort an. Bei den Fahr­ten bin ich vor allem in der Pause. Wir sind oft 40 bis 60 Minuten lang un­ter­wegs. Zwischen­durch zei­ge und er­klä­re ich ein wenig.

Wenn es durch die Stadtmitte geht, spre­che ich etwas mehr, auf einer an­de­ren Tour etwas weniger und be­ant­wor­te Fragen.

Durchatmen nach getaner Arbeit
Hier, was franzö­sische Gäste wis­sen möch­ten: "Wa­rum wurde die Mau­er gebaut?" "Wie wurde die Mau­er gebaut?" "Konn­ten die Men­schen aus dem Osten die Men­schen im Westen be­su­chen?"

Ich an­tworte erst mit Fach­wis­sen, dann als Zeitzeugin, auf Fran­zö­sisch témoin historique. 

Der letzte Begriff macht mich nicht wirklich jün­ger.

______________________________
Fotos:
C.E.

Montag, 2. Mai 2022

Intensität

Will­kom­men auf den Seiten meines digi­talen Arbeits­ta­ge­buchs aus der Welt der Über­setzer und Dol­met­scher (und der Über­set­ze­rin­nen und Dol­met­sche­rin­nen). Täg­lich ar­beite ich mit meinen Spra­chen, lese, schrei­be, hö­re, denke auf Deutsch, Fran­zö­sisch und Eng­lisch — und be­ob­achte da­bei, was das mit mei­nem Kopf macht.

Begriffe aus der psychosozialen Versorgung alter und behinderter Menschen
Der Trick beim Lernen: Wiederholung!
Probleme einer le­se­nden Dol­met­scherin: Der Tag, an dem du eine leich­te De­pres­sion in dir be­merkst, weil 'ges­tern' der Held der Ro­man­se­rie, die du ge­ra­de liest, ge­stor­ben ist, d.h. in der 'Buch­hand­lung' 1937, und dann auch noch (streng ge­nom­men) beim Ehe­bruch.

(Er­höh­te Intro­spek­tion nach dem Dol­met­schen für Psy­cho­lo­gen. Und jetzt mag ich nichts mehr ergänzen.)






­______________________________
Foto:
C.E.

Sonntag, 1. Mai 2022

Arbeitsplätze

Hel­lo, bon­jour, gu­ten Tag! Ein­blicke in das Le­ben einer Sprach­ar­bei­terin können Sie hier ­ erhalten. Ich bin Dol­met­scherin für die fran­zö­sische Sprache, und ich über­set­ze auch aus dem En­g­li­schen. Am Sonntag heißt es: Sonntagsbilder!

Der einen Frei­zeit ist der an­de­ren Ar­beit: Mein erstes Bild zum Tag der Ar­beit zeigt beides, da ich selbst oft an der Gren­ze von Ar­beit zu frei­erer Zeit tätig bin. (Aus meiner Pers­pek­tive ist For­tbil­dung ein großer An­lass zur Freude und liegt daher im Grenz­be­reich.)

Und Team­buil­ding liegt auch irgend­wie zwischen Arbeit und Frei­zeit. Unser Wohn­viertel in Berlin ist recht bunt, und der Wasserweg vor der Haus­tür wird vielfältig genutzt. So kann ich schon mal eine Arbeits­pause in hei­mi­schen Gefil­den ein­legen, weil eine Sport­trai­nerin übernimmt. 

Unterschiedliche Arbeitsplätze



Das nächs­te Bild vom Tag der Ar­beit zeigt einen Foto­grafen und einen Ma­ler im Ar­beits­um­feld so­wie einen Hand­werker. Das sind, da ich als Dol­met­scherin im Ein­satz die Auf­nah­men ge­macht habe, alles die Ar­beits­plätze von meh­re­ren Men­schen zu­gleich.

______________________________
Fotos:
C.E.

Dienstag, 26. April 2022

Atypisches Frühjahr

Was und wie Kon­fe­renz­dol­metscher und Übersetzer (und Dol­met­sche­rin­nen und Über­set­ze­rin­nen) ar­beiten, da­rum geht es hier. 2007 wur­de auf der Ber­linale dieser Weblog ge­bo­ren. In den letz­ten Ta­gen ha­be ich in drei­vier­tel vol­len Ki­nos Film­ge­sprä­che beim Ach­tung Ber­lin-Fes­tival moderiert (und auch spontan ge­dol­metscht).


wie Deutschland, Ende April 2022, im 3. Pandemie­jahr: Warum viele Kul­tur­orte derzeit so wenig Be­sucher hät­ten, fra­gen ge­ra­de man­che Me­dien, und sie mut­ma­ßen, dass es an der Pande­mie lie­gen könne. Ja, wo­ran denn sonst? An der Jupiter- und Saturn­kon­stel­la­tion viel­leicht? Oder (nur) am ex­trem trocke­nen und küh­len Früh­ling?

Wäh­rend die Infek­tions­zah­len seit einigen Tagen wieder stei­gen, zeichnet sich die deutsch-­deutsche Gren­ze in der Pand­e­mie­über­sicht des Maga­zins "Der Spie­gel" lan­gsam wieder ab, sie­he oben, ei­ne Gren­ze, die zwi­schen­durch ver­schwun­den war, die­ses Mal indes mit um­ge­kehr­ten Vor­zei­chen.

Schlagzeile vom letzten Wochen­ende

Die hier be­rich­ten­de Dol­met­sche­rin er­lebt derzeit ihre dritte normale Arbeits­wo­che seit Be­ginn der Pan­de­mie. Das ist be­mer­kenswert. Oft war mo­na­te­lang fast nichts zu tun.

Wir Dol­metscher:innen ar­beiten oft 'nah am Menschen', bei Se­mi­naren und De­le­gations­rei­sen, Studien­program­men und For­schungs­grup­pen, Parlamen­ta­rieraus­tausch und De­bat­ten der po­li­ti­schen Mei­nungs­bildung. Das sieht dann so aus wie vor fünf Jahren, bei Vor­be­rei­tungs­tref­fen von Ar­beits­grup­pen im Vor­feld des G20-Gipfels, hier ein Link, es ging um Landwirtschaft.

West­af­ri­ka­nisch-deutscher The­men­tag
Derzeit sehen solche Treffen eher so aus wie links. Und ich weiß wirklich nicht, wie das Wo­chen­blatt DIE ZEIT auf die Idee kommt, die Pan­demie sei vor­über. Ab­gesehen von den gut ge­buchten Wo­chen um Ostern weist mein Ka­len­der dieses Früh­jahr nur we­ni­ge Ter­mine aus.

Den meisten Kol­leg:innen, mit denen ich ge­spro­chen habe, geht es kaum anders. Hier ein In­terview zum Thema Kunst, dort ein Vor­trag zum Thema Au­tis­mus, einige Prob­leme auf der Bau­stelle, die zu lösen sind, ein wenig Sahel, der fünf­te Teil, op­tio­niert für in ei­ni­gen Mo­na­ten. (Der Ver­an­stalter des letzt­ge­nann­ten Events war in den Jahren üb­ri­gens der ein­zi­ge, der Aus­fall­ho­no­rar gezah­lt hat.)

Die Wirt­schafts- und For­schungs­bran­chen ha­ben sich in ihrer Ter­min­pla­nung wie­der­holt als zu­ver­läs­sige In­di­ka­to­ren erwie­sen. Wir müssen uns alle weiter in Ge­duld üben und weiter Kärr­ner­ar­beit leisten. Meine Ge­dan­ken gel­ten den rus­sisch- und ukrai­nisch­spra­chigen Kol­leg­:in­nen in der Ge­flüch­te­ten­hilfe.

______________________________ 
Illustrationen:
wie angegeben + Archiv
(Die Bilder können, in ein zweites Fenster
geladen, vergrößert werden.)

Montag, 25. April 2022

Blaues Auge

Hello, bonjour und Guten Tag! Hier bloggt ei­ne Dol­met­sche­rin. Was Kon­fe­renz­dol­met­scher und Über­setzer machen, und na­tür­lich auch wir Frau­en im Be­ruf, wie sie bzw. wir arbeiten, ist hier seit Mitte der Nuller Jahre re­gel­mä­ßig Thema. Gestern war ein wichtiger Tag.

Paris, blaue Stunde — l'heure bleue à Paris

Mir ist ges­tern ein Stein vom Her­zen gefallen. Ich habe mir im­mer wieder die Folgen für Frank­reich, für Europa, für Deutsch­land und die Kom­mu­ni­kation zwischen den Län­dern aus­ge­malt, wenn Marine Le Pen die Wahl gewon­nen hätte.
Da ich immer Original­texte suche, finde und lese, können mich Wölfe im Schafs­pelz wie die Fa­mi­lie Le Pen nicht täu­schen. Wir sind mit ei­nem blau­en Auge da­von­ge­kom­men.

Ich weiß nicht, ob es das in vielen Bran­chen jenseits der Be­rufs­po­li­tik gibt, aber eines hat mich ges­tern auch bedrängt: Der Gedanke, dass die ei­gene Be­rufs­tä­tig­keit zu gro­ßen Tei­len vom Aus­gang von Wahlen abhängen kann.

Jetzt müssen progressive Kräfte in Frankreich dafür sorgen, dass das Land sozialer, (aus)­bil­dungs­op­ti­mis­ti­scher, nach­hal­tiger und um­welt­schüt­zender wird. Zum Glück kommen aus dem Elysée-Palast schon erste Signale. Der nächs­te wich­tige Termin sind die Parlamentswahlen im Juni; das ist auch der Mo­ment, in dem das Wahl­sys­tem eher die plu­ra­lis­tische Gesell­schaft abbildet, als die letzte Wahl.

In einer großen Wo­chen­zei­tung wird der Wahl­aus­gang analy­siert. Mir fiel einiges auf. "Das kleine Volk hat sich mit dieser Wahl einen Bären­dienst er­wie­sen" — ge­meint sind "die klei­nen Leute", le pe­tit peuple oder les pe­tites gens. Oder aber "Der Anteil derer, die (...) "weiß" wähl­ten, was einer Ent­hal­tung gleich­kommt" — voter blanc heißt einfach 'sich enthalten' …

Und nein, knapp die Hälf­te der Franzo­sen sind keine Nazis, auch wenn das der­zeit überall zu lesen steht. Ein Drit­tel etwa ging über­haupt nicht zur Wahl, ein anderer Prozentsatz hat sich, obwohl wahl­be­rech­tigt, nie auf die Wäh­ler­lis­ten ein­tragen lassen. Das müs­sen die Men­schen dort leider aktiv machen. Dann gab es noch die oben erwähn­ten Enthal­tungen. Am Mitt­woch kommen die of­fi­ziel­len Zahlen raus.

______________________________
Foto:
C.E.

Sonntag, 24. April 2022

Wahlsonntag

Bonjour und guten Tag! Hier bloggt ei­ne Dol­met­sche­rin. Was Kon­fe­renz­dol­met­scher und Über­setzer machen, und na­tür­lich auch wir Frau­en im Be­ruf, wie sie bzw. wir ar­beiten, ist hier seit 2007 re­gel­mä­ßig Thema. Der­zeit sitze ich an einer Über­setzung und blicke zerstreut immer wieder nach Frankreich.

I
m Hause meiner Vor­fahren wurde früher imm­er auch Fran­zö­sisch gespro­chen, mit der Gou­ver­nan­te, bei Tisch, im Kontor.

In Frank­reich hatten meh­re­re Generationen ihre Luftwurzeln aus­ge­prägt, andere Zweige der Fami­lie lebten in England und Italien.

Mein Urahn Arthur Emil Los­sow zum Bei­spiel, er wurde 1849 geboren, hat­te das letzte Jahr seiner kaufmän­ni­schen Lauf­bahn bei Marteau frères in Reims verbracht. Als dann der Krieg aus­brach, ich spreche vom Krieg von 1870/71, wurde er als Dol­met­scher und Quartiersmacher oft vorausgeschickt.

In diesem noch nicht in­dustriali­sier­ten Krieg ging er immer wieder offiziell und inoffiziell durch die Front­linie hindurch.

Seine franzö­sische und engli­sche Biblio­thek, die ich geerbt habe, ebenso wie die sei­nes Vaters, Bruders und Sohns, haben ei­nen Anteil daran, dass ich in Frank­reich studiert habe und heute als Dol­met­scherin und Übersetzerin arbeite.

Heute denke ich an Frankreich und hoffe, dass das Land den faschistischen, populistischen Versuchungen einer Wölfin im Schafspelz widersteht.

Mein Herz klopft heute in bangem Takt die Marseillaise.
#présidentielle2022

______________________________
Foto: Archiv (sächsisches Kontor, 1910,
zum Vergrößern in ein zweites Fenster laden)

Mittwoch, 13. April 2022

Aegisub

Was Dol­met­scher:in­nen und an­dere Sprach­ar­beiter:in­nen be­schäf­tigt, können Sie hier mit­lesen. Seit 2007 be­ric­hte ich über den Beruf und meinen sprachbe­tonten Alltag. Wir beschäf­ti­gen uns nicht nur mit Spra­che, son­dern oft genug auch mit Technik.

Dieser Tage habe ich die zwei­te vol­le Arbeits­wo­che seit Pan­de­mie­beginn, da­her kom­me ich kaum zum Pos­ten von Bei­trä­gen.

Ich kann aber kurz mal ein Lob­lied anstimmen. Ich durf­te einige Pro­gram­me zum Un­ter­ti­teln vergleichen, denn für die Ver­leih­ar­beit war ein Interview zu über­set­zen.

Ich habe lei­der ziem­lich schlech­te Augen. (Viel­leicht sind des­halb meine Ohren so gut und meine Sprach­kennt­nis­se so weit ent­wickelt, wer weiß das schon.) Da­her habe ich etwas län­ger nach der Soft­ware ge­sucht und mich dann für Aegisub ent­schie­den, weil ich mir da al­les in der ge­wünsch­ten Größe zurecht­zupfen kann. Wer sich Aegi­sub, ein Open-Source-Pro­gramm, über­sichts­hal­ber per Such­ma­schine an­schaut, fin­det ver­schie­dens­te Bei­spiel­bil­der von Be­nut­zer­ober­flä­chen mit klei­ne­rer Schrift, als ich es ver­wen­det habe.

Aus Kun­den­dis­kre­tions­gründen habe ich hier den Screen­shot eines kur­zen Film­chens aus dem ei­ge­nen Hof­gar­ten­be­stand als Bild­bei­spiel hoch­ge­la­den. Was mir an Aegi­sub gut ge­fällt, ist die in­tui­ti­ve Be­die­nung. Nach einem kur­zen Tu­to­rial war ich schon start­klar. Die Echt­zeit-Video­vor­schau ist sehr prak­tisch fürs Ti­ming. Das Trim­ming ist frame­ge­nau. Es gibt allerlei Warn­fens­ter und eine über­sicht­li­che Ge­stal­tung. Und si­cher auch nicht zu ver­achten für Ge­le­gen­heits­un­ter­tit­le­rin­nen wie mich, die nicht im­mer am Schnittplatz die Ti­tel setzen möch­ten: Das Pro­gramm ist kos­tenlos.
Arbeitsoberfläche mit großen Buchstaben und SymbolenUntertitelsoftware für Menschen mit schlechten Augen

______________________________
Illustration: Aegisub

Dienstag, 12. April 2022

Grenzen

Wie wir Sprach­ar­bei­ter:in­nen ar­beiten, genauer Konferenz­dol­met­scherin­nen und Über­set­zer, bes­chreibe ich hier. Wir erprobten in­ter­na­tio­nal tä­ti­gen Si­mul­tandol­met­sche­rin­nen sind nor­ma­ler­wei­se gut aus­ge­lastet. Durch Co­ro­na ist das anders. Und ja, trotzdem sage ich eine An­fra­ge ab.

Heute muss ich ein Nein los­wer­den, laut und deut­lich. Auch ge­wis­se popu­lis­ti­sche Krei­se kon­zer­tieren sich. Dazu be­rau­men sie Tref­fen mit Gleich­ge­sinn­ten an­derer Län­der an, dazu brau­chen sie Dol­met­scher:innen. Und sie su­chen und su­chen und bie­ten er­staun­­liche Sum­men und fin­den ... nicht. Gut so.

Zu Risiken und Nebenwirkungen von Rechtspopulisten lesen Sie ein Geschichtsbuch oder fragen Sie Ihre Großeltern.
Tabakspruch für die (a)sozialen Netzwerke

Wir Dolmetscher:innen sind wie Ärzte, wir behan­deln sie alle, ob rot, blau, schwarz, weiß, kariert, mit Rau­ten oder quer­gestreift, links, rechts, oben oder unten. Und zwar dann, wenn ein Not­fall ein­tritt, wenn Ge­fahr für Leib und Leben herrscht.
So ge­se­hen üben wir Dol­met­scher:in­nen auf jeden Fall einen so­zia­len Beruf aus.

Aber dann gibt es eben auch die An­fra­gen, bei de­nen ich mich ent­schei­den kann, wo kein Not­fall ein­ge­tre­ten ist, wo nicht von jetzt auf gleich al­les fallen­ge­lassen und gehol­fen werden muss.

Dolmetschen be­deutet, dass die Ge­dan­ken, die Stim­me, ja fast der Atem der Spre­chenden durch einen hin­durch müs­sen, nein, durch mich hin­durch müssen. Vor ei­nem Ein­satz lese ich viel, denke mich in die Per­son(en) ein, ja, ich schrau­be mich fast in sie hinein. Am En­de werde ich, so genau ha­be ich dann alles ver­stoff­wech­selt, wenn das Verb im Deut­schen mal wie­der ganz am En­de kommt, sel­bi­ges vor­ge­wusst und den Satz vor der spre­chenden Per­son zu sei­nem guten Ende ge­bracht haben.

Aber hier sehe ich kein gu­tes Ende, sehe we­der guten An­fang noch gute Mit­te. Es gibt The­men und Mei­nun­gen, DIE will ich nicht verstoff­wechseln, mit de­nen möch­te ich mich auch nicht für sehr gu­tes Geld länger befas­sen müssen. 

Die Gren­ze liegt bei mir da, dass ich für Men­schen­fein­de nicht dol­met­schen kann. Geht ein­fach nicht. Schluss, fertig. Diese An­sage ist eine Ab­sage. Oder, um es mit ei­nem be­rühm­ten Zitat zu sa­gen: "Ich habe Bes­seres zu tun!" Auch wenn das Geld schmerz­lich fehlen wird.

______________________________
Foto:
Netzfund

Montag, 11. April 2022

45 Jahre!

Herz­lich will­kom­men! Hier bloggt ei­ne Dol­met­sche­rin. Was Kon­fe­renz­dol­met­scher und Über­setzer machen, und na­tür­lich auch wir Frau­en im Be­ruf, wie sie bzw. wir ar­beiten, ist hier seit 2007 re­gel­mä­ßig Thema. Was ver­bin­det wohl die meis­ten Dol­met­scher:innen mit Ärzt:in­nen und ähn­li­chen so­zialen Be­ru­fen? Wir sind so gut wie ver­hei­ra­tet mit un­se­rem Beruf, der stark den Alltag be­stimmt.

Das Cover ist et­was ver­zerrt (gibt kaum Quel­len)

Voilà une fa­mille. C'est la fa­mille Leroc. So ging die erste Schul­buch­lek­tion meines da­mals "wirk­li­chen" Fran­zö­sisch­ler­nens los. Die zwei­te Lek­tion war mit Une Visite über­schrie­ben, das war der Anfang: La fa­mille Le­roc est sur le bal­con. On sonne. Und hier die ers­ten Zei­len ei­ner an­de­ren Lek­tion: Il pleut. La rue est grise et triste. Mon­sieur Leroc porte son im­per­mé­able. Ma­dame Le­roc porte son para­pluie. Mo­ni­que re­garde les vi­trines d'un ma­ga­sin de meub­les. Daniel re­garde une voiture jaune.


Wei­ter weiß ich nicht mehr. Alte Schul­bücher finden sich lei­der nicht als Scan im In­ternet.

Bis heu­te fühle ich die "Ele­fan­ten­haut", mit der ich die Bücher die­ser Reihe ein­ge­schla­gen habe, als hiel­te ich die Bücher noch immer in den Hän­den. Und an die Vor­freu­de, wenn wieder Fran­zö­sisch­un­ter­richt an­ge­stan­den hat und die ele­gan­te und schö­ne Ma­dame Jä­ger am Ende des Gan­ges auf­ge­taucht ist.

Die Schul­buch­aben­teuer um die Fa­mille Leroc und ihre Freunde waren höchst überschaubar bis stink­lang­wei­lig: Die Kin­der haben Musik vom Ton­band ge­hört, das Ge­rät ging ka­putt, Papa lag mit Grip­pe im Bett und hat dabei Zi­garetten geraucht. Die Texte hat der Ver­lag auch auf Ton­band und auf -cas­set­te für den Pri­vat­ge­brauch ver­trie­ben.

Das Ton­band kam im Sprach­labor zum Ein­satz. Wann wur­den eigent­lich in den Bil­dungs­ein­rich­tungen die Sprach­labore ab­ge­schafft? Mein letz­tes habe ich tat­säch­lich noch an der Uni­ver­sität gesehen und ich er­in­ne­re mich dank­bar daran.

Rück­sprung zu den An­fän­gen: Die Cas­set­ten, die für den Haus­ge­brauch ver­kauft wur­den, ha­ben mei­ne bes­te Freun­din An­net­te und ich mit­ge­sprochen, ei­ne Art Sprach­la­bor für zuhause, und hat­ten viel Spaß damit, die Stim­men per­fekt zu imi­tie­ren. Ihre Mut­ter war Fran­zö­sisch­leh­re­rin, ih­re Groß­el­tern lebten zu­nächst noch in Brüs­sel, dann auch in Mar­burg. In­di­rekt habe ich von dieser Oma Kar­dos also mehr mit­bekom­men als das per­fek­te Rezept für Unga­ri­sches Gu­lasch.

______________________________ 
Illustration:
Klett Verlag

Sonntag, 10. April 2022

Grüner Drink

Was und wie Über­setzer und Dol­met­scher arbeiten, können Sie hier mitlesen. Die meis­ten von uns sind selb­stän­dig. Co­ro­na stellt noch immer viele un­serer Exis­tenzen auf tö­ner­ne Füße. Heu­te, nach dem grü­nen Dau­men, folgt ein grü­nes Ge­tränk.

🎼 "Grün, grün, grün ist al­les was ich habe ..." 🎶
April­wet­ter­sonn­tag. Es ist kalt, in den letz­ten Tagen gab es bei der Fa­mi­lie in Süd­deutsch­land Schnee, ei­si­ger Wind be­herrscht Berlin.
Für beste Fit­ness, die wir Dol­met­scherin­nen brau­chen, ist bestes Es­sen aus­schlag­gebend. Heute gibt es ein Smoo­thie aus Apfel, Ba­na­ne, etwas Zi­tronen­saft, einem Schnipp­chen Zi­tro­nen­schale (un­ge­spritzt), Wal­nuss und Blät­ter vom Bio-Kohl­rabi, die ges­tern vom Ofen­ge­müse übrig­ge­blie­ben sind.
Der Kohl­ra­bi stammt di­rekt vom Ge­mü­se­stand auf dem Bio­markt, hatte Sams­tag­mor­gen noch in der Er­de ge­steckt. Die Blät­ter haben wie gemalt aus­ge­sehen oder wie aus dem Bio­lo­gie­leh­rbuch. Sie lie­fern Vi­ta­mi­ne und Mi­ne­ral­stof­fe und sind schlicht zu scha­de für den |Bio­müll|Kom­post­hau­fen.

Das war sehr lecker! Mal se­hen, welche Far­be mein nächs­tes Sonn­tags­bild do­mi­nieren wird.

______________________________
Foto: C.E.