Sonntag, 18. Oktober 2026

Frankreich in Aufruhr

Will­kom­men auf mei­nen Blog­sei­ten! Ich hei­ße Ca­ro­li­ne Eli­as und ar­bei­te seit mehr als 20 Jah­ren als frei­be­ruf­li­che Kon­fe­renz­dol­met­scher­in für Fran­zö­sisch, Deutsch und Eng­lisch in Ber­lin. Ge­mein­sam mit Netz­werk­kolleg­­nen be­glei­te ich Kon­fe­ren­zen, De­le­ga­ti­ons­rei­sen, Fach­ge­sprä­che und in­ter­na­tio­na­le Be­geg­nun­gen. Da­bei ha­be ich im­mer ein Au­ge auf mei­ne ver­schie­de­nen Län­der.

Wer die Bil­der der ver­gan­ge­nen Ta­ge aus Frank­reich sieht, wird sich fra­gen, was die Men­schen, die dort ran­da­liert ha­ben, ei­gent­lich er­rei­chen woll­ten: Ein­ge­schla­ge­ne Schau­fens­ter, ge­plün­der­te Ge­schäf­te, aus­ge­brann­te Au­tos, ver­wüs­te­te öf­fent­li­che Ge­bäu­de — es ist ein Trau­er­spiel.

Eine schwarze Wand kasernierter Polizei
Ei­ne harm­lo­se­re An­sicht von 2019: Po­li­zei­prä­senz
Zu­nächst hat­ten sich an die­sem Sams­tag un­ter­schied­li­che ge­sell­schaft­li­che Grup­pen zu ei­nem ge­mein­sa­men Pro­test ver­ab­re­det, und zwar lan­des­weit zu Hun­der­ten von De­mons­tra­tio­nen, de­nen min­des­tens 800 000 Men­schen ge­folgt sind. Auf­ge­ru­fen ha­ben auch Ge­werk­schaf­ten, vie­le Stu­die­ren­de, Leh­rer und Profs so­wie El­tern, manch­mal so­gar die Groß­el­tern so­wie Grup­pen der gi­lets jau­nes. 

Die so­ge­nann­ten Gelb­wes­ten 
hat­ten vor Jah­ren lan­des­weit pro­tes­tiert; ihr Treff­punkt war oft auf den In­seln der Kreis­ver­keh­re, der ronds-points.

Die meis­ten, die ges­tern aus manch­mal un­ter­schied­li­chen Grün­den de­mons­trie­ren gin­gen, sind ver­zwei­felt, dass sie (und ih­re Kin­der) mit ih­ren An­lie­gen seit Jah­ren nicht ge­hört wer­den. Sie ver­bin­det in der Re­gel, dass auch in Frank­reich die Mie­ten ex­plo­diert sind und es im­mer mehr Men­schen schwer­fällt, ei­ni­ger­ma­ßen über die Run­den zu kom­men.

Ei­ne mei­ner Be­kann­ten schreibt aus Bor­deaux. Sie ist Leh­re­rin und Mut­ter von drei Kin­dern:

„Wir wa­ren noch nicht ein­mal am of­fi­zi­el­len Treff­punkt zur of­fi­zi­el­len Uhr­zeit ein­ge­trof­fen, die bei der Prä­fek­tur an­ge­mel­det und ge­neh­migt wor­den war, da fin­gen die CRS [ka­ser­nier­te Ord­nungs­kräf­te] da­mit an, Trä­nen­gas in die Men­ge zu sprü­hen. Dann ka­men die be­reit­ste­hen­den Was­ser­wer­fer zum Ein­satz, wäh­rend von hin­ten noch Men­schen nach­rück­ten, die zu Tau­sen­den fried­lich zum Treff­punkt ström­ten.

Sol­che Ent­schei­dun­gen wie die der Ord­nungs­kräf­te sind un­ver­ant­wort­lich. Es ge­schieht lei­der nicht zum ers­ten Mal. Das war dann auch die Ur­sa­che für die dar­auf fol­gen­de Es­ka­la­ti­on.

Die Re­gie­rung muss drin­gend ih­re Ver­ant­wor­tung über­neh­men (auf FR:
as­su­mer) und auf das re­agie­ren, was die Men­schen um­treibt: Stei­gen­de Ge­win­ne der gro­ßen Han­dels­ket­ten, ex­plo­die­ren­de Mie­ten und Kraft­stoff­prei­se, um­welt­schäd­li­che Pro­jek­te, man­geln­de Steu­er­ge­rech­tig­keit und die Ver­nach­läs­si­gung der öf­fent­li­chen In­fra­struk­tu­ren und Dienst­leis­tun­gen, dar­un­ter Ge­sund­heit und na­tür­lich Bil­dung. Denn nur dann, wenn un­se­re Kin­der gut auf­wach­sen und ler­nen kön­nen, ist dem Land ei­ne Zu­kunft ga­ran­tiert.“

Die Pro­tes­te schlu­gen auch an­de­ren­orts um. In man­chen Rat­häu­sern wur­de das Sym­bol der Re­pu­blik, die Ma­ri­an­ne, vom So­ckel ge­stürzt oder Fah­nen vom Mast ge­holt. Man­cher­orts ver­such­ten die cas­seurs, Schu­len in Brand zu ste­cken. Der Tief­punkt ist die vor­sätz­li­che Zer­stö­rung des his­to­ri­schen Rat­hau­ses von Li­mo­ges. Ein Trau­er­spiel.

Ei­ne mei­ner frü­he­ren Stu­den­tin­nen sitzt als jun­ge Mut­ter mit Kin­der­gar­ten­kin­dern zu Hau­se in Pa­ris und traut sich nicht mehr raus. Die Nach­bar­kin­der und das Teil­zeit-Au Pair, ei­ne Stu­den­tin, sind ver­zwei­felt, weil ihr Pro­test ge­ka­pert wur­de. Und die 68er-Groß­el­tern der Klei­nen stel­len fest, dass sie noch nie im Le­ben so et­was ge­se­hen hät­ten.

Wir al­le wis­sen: Ge­walt ist kein Er­satz für Ar­gu­men­te, Zer­stö­rung kein po­li­ti­sches Pro­gramm. Jetzt ist die ge­sam­te Auf­merk­sam­keit auf die Zer­stö­run­gen ge­rich­tet und nicht mehr auf die be­rech­tig­ter­wei­se kri­ti­sier­ten Miss­stän­de.

Da­bei scheint es ein­fach, sämt­li­che Be­tei­lig­ten über ei­nen Kamm zu sche­ren. Ge­nau das plant die fran­zö­si­sche Re­gie­rung der­zeit mit ei­nem Ge­setz: Al­le, die an Pro­tes­ten teil­neh­men, könn­ten dann am En­de für mög­li­che Zer­stö­run­gen ver­ant­wort­lich ge­macht wer­den, so der Ent­wurf. Soll­ten die El­tern nicht zah­len kön­nen, wür­den Kin­der­geld und so­gar staat­li­che Hil­fen zum Be­glei­chen der Mie­te ein­be­hal­ten wer­den. 

Wo­rauf das bei den meis­ten hin­aus­lau­fen wür­de, ist klar. El­tern wür­den mit al­len Mit­teln el­ter­li­cher Ge­walt die Teil­nah­me an De­mons­tra­tio­nen zu ver­hin­dern ver­su­chen. Das Recht auf De­mons­tra­ti­on wä­re da­mit ei­ne Fra­ge des Ver­mö­gens, der Ver­si­che­run­gen und der Fra­ge, ob sich ei­ne Fa­mi­lie gu­te An­wäl­te leis­ten kann.

An­statt sol­cher, die Grund­rech­te un­ter­gra­ben­den Ge­set­ze (die hof­fent­lich am fran­zö­si­schen Ver­fas­sungs­ge­richt schei­tern wer­den, la cour con­sti­tu­ti­on­nel­le), wä­re ei­ne fun­dier­te Ana­ly­se der so­zia­len Ver­hält­nis­se und der Le­bens­be­din­gun­gen jun­ger Men­schen nö­tig, ih­rer Er­fah­run­gen mit staat­li­chen In­sti­tu­tio­nen und der Dy­na­mi­ken, die aus Pro­test Es­ka­la­ti­on wer­den las­sen. Da­für braucht es So­zi­al­wis­sen­schaf­ten, an­thro­po­lo­gi­sche For­schung und sorg­fäl­ti­ge Un­ter­su­chun­gen vor Ort. Nicht als aka­de­mi­sche Fin­ger­übung, son­dern als Grund­la­ge für po­li­ti­sche Ent­schei­dun­gen, die da­zu füh­ren sol­len, dass künf­ti­ge Es­ka­la­tio­nen nicht ge­sche­hen kön­nen.

Aber auch der An­teil des Staa­tes, der Si­cher­heits­kräf­te und ei­ni­ger agents pro­vo­ca­teurs, die be­ob­ach­tet wor­den sind, so­wie des „Be­stecks“ wä­re zu er­for­schen. In Frank­reich gibt es seit ei­ni­ger Zeit mit den gre­na­des des dé­sen­cer­cle­ment, die noch so neu sind, dass die KI sie mit „Gra­nat­äp­feln“ über­trägt, ge­se­hen bei ak­tu­el­len Streams ges­tern, die au­to­ma­tisch ins Eng­li­sche über­tra­gen wur­den: Es sind Gra­na­ten, die ei­nen Kes­sel auf­bre­chen sol­len, al­so ei­ne Men­schen­grup­pe, die an­ders nicht aus­ein­an­der­zu­trei­ben ist. 

Es sind Waf­fen, die nur als letz­te Not­lö­sung ge­neh­migt wor­den sind. Sie wur­den nach­weis­lich von Ver­mumm­ten in De­mons­tra­ti­ons­zü­ge ge­wor­fen; in ei­nem Fall wur­de ein Ab­ge­ord­ne­ter zum Zeu­gen und stell­te den Be­trof­fe­nen vor lau­fen­der Han­dy­ka­me­ra bloß.

Et­li­che Pro­tes­tie­ren­de, die durch die Ge­walt zu er­heb­li­chen kör­per­li­chen Schä­den ge­kom­men sind, kla­gen. Noch nie hat ein eu­ro­päi­scher Staat in we­ni­ger als zwei Wo­chen so vie­le Min­der­jäh­ri­ge und jun­ge Er­wach­se­ne fest­ge­nom­men wie der­zeit Frank­reich. Bis zum 15.10. wa­ren es knapp 8000 jun­ge Men­schen, schreibt Le Dauphiné und zi­tiert da­bei Zah­len des fran­zö­si­schen Jus­tiz­mi­nis­te­ri­ums.
Es lau­fen vie­le Er­mitt­lun­gen ge­gen Po­li­zis­ten durch die in­ne­re Po­li­zei (
la po­li­ce des po­li­ces).

Ei­ne Ge­sell­schaft, die sich rein auf die Wie­der­her­stel­lung der Ord­nung kon­zen­triert, oh­ne die Ur­sa­chen der Es­ka­la­ti­on zu un­ter­su­chen, wird im­mer wie­der vor den­sel­ben Fra­gen ste­hen. Ver­hält­nis­se, in de­nen sich Wut, Aus­gren­zung und Per­spek­tiv­lo­sig­keit ver­fes­ti­gen, sind kein gu­tes Mi­lieu für De­mo­kra­ti­en. Der­zeit ru­fen po­li­tisch kurz­sich­ti­ge Bür­ger:in­nen nach ra­di­ka­len Lö­sun­gen: Die Rechts­ex­tre­men wüss­ten schon, wie mit dem Mob um­zu­ge­hen sei: mit dem Pan­zer rein­fah­ren und fer­tig.

Es ist nicht das ers­te Mal, dass un­se­re Zeit ei­nen Bei­ge­schmack der Wen­de von 1989/90 be­kommt.

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