Montag, 18. Dezember 2017

Museum der Wörter 20

Hallo, hier bloggt ei­ne Sprach­ar­bei­te­rin. Ich über­set­ze und dol­met­sche. Ar­beits­spra­chen: Fran­zö­sisch (aktiv und passiv) und Englisch (nur Aus­gangs­spra­che). Heute im Wörtermuseum: Politik!

Einem gewissen Amerikaner ist eingefallen, bestimmte Wörter auf den Index setzen zu lassen mit der Empfehlung, sie seltener zu verwenden.

Denkende Menschen machen das Gegenteil.
       
                                V
ulnerable, entitlement,
                                diversity, transgender,
                                fetus, evidence-based,
                                science based

   

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Idee: H.F.

Sonntag, 17. Dezember 2017

Wintergrün ...

Bienvenue auf den Seiten einer Sprachar­bei­te­rin. Wie Übersetzerinnen, Über­set­zer, Dolmetscherinnen und Dolmetscher arbeiten, können Sie hier mitlesen. Meine Arbeitssprachen sind (neben Deutsch) Französisch und Englisch (das Idiom Shakes­peares nur als Ausgangssprache). Heute: Sonntagsbild!

Kieferzweige, geschmückt
Mit selbstgebastelter Aufhängung
"Wintergrün" ver­kauft ein tür­ki­scher Blu­men­la­den. Das ist politisch hoch­kor­rekt. Das Grün tut den Augen gut und duftet schön. Im Strauß hängen al­te Glas­ku­geln und Elfenbeinfigürchen, u.a. die dicke Bud­dha­fi­gur mit En­gels­flü­geln, weib­li­chen Brüsten und ei­nem ve­ri­ta­blen Bauch­na­bel.
Ein in­ter­kul­tu­relles Advents­ge­steck in Neu­kölln ...

Und für die Auf­hän­gung ha­be ich in mei­ne Schub­la­den für die Schmuck­ge­stal­tung ge­grif­fen und et­was Neu­es er­fun­den.

Außerdem ist das eine heidnische Tradition: Grünpflanze auswählen und so de­ko­rie­ren, dass sich möglichst viel Licht darin spie­gelt. Ich wünsche allseits schöne, geruh- und erholsame Frühwintertage!

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Foto: C.E.

Freitag, 15. Dezember 2017

Generalbass

Bonjour und guten Tag, hier bloggt eine Dolmetscherin und Übersetzerin. Heute, was gestern Abend geschah.

Sprechende Hände, kariertes Tischtuch, Gläser, Flaschen
Sprechende Hände
Wir sitzen an zwei zu­sam­men­ge­scho­be­nen länglichen Tischen, vier Dis­ku­tan­ten, eine Moderatorin und ich als Dolmetscherin, hinter uns ei­ne Leinwand mit den ge­beam­­ten Lo­gos der Ver­an­stal­ter. Die Diskussion findet in Räu­men einer Hochschule statt, also warten wir eine Vier­tel­stu­nde, denn im deut­schen aka­de­mi­schen Be­trieb schla­gen die meisten c.t. auf.

Dieses Viertelstündchen später war für Franzosen und für mich, die ich in Frank­reich studiert hatte, übrigens anfangs neu. Aber alles ist eine Frage der Übung. Genauso, wie sich im labyrinthischen Hauptgebäude der Freien Universität zu Ber­lin zurechtzufinden. Wir warten also. Ich denke an das, was ich liegenlassen musste, um genügend Zeit fürs Raumfinden zu haben. Andere schienen auch das eine oder andere aufgeschoben zu haben. Letzte SMS werden verschickt.

Dann legt die Moderatorin los. Sie begrüßt alle, stellt das Panel vor. Gleich kommt mein Einsatz, ich dolmetsche nur die französische Ge­sprächs­teil­neh­me­rin ins Deut­sche. Plötzlich höre ich Stereo. Indes, es sind nicht die gleichen In­for­ma­tio­nen. Von links die sopranhelle Stimme der Moderatorin, von rechts ein Ge­ne­ral­bass — Magengrummeln! Wir tauschen Blicke im Dreieck, Moderatorin, Diskutantin und Dolmetscherin. Leider habe ich nichts mehr in der Tasche, ges­tern auf der Rück­fahrt im Regionalzug musste die eiserne Reserve dran glauben (eine Frucht­schnit­te).

Später dann die rettende Mahlzeit beim Italiener, allerdings war das dann mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der nächsten Diskussionsrunde, zu der ich ge­eilt bin, um eine Kollegin bei Bedarf zu entlasten. In der Diskussion in der Uni ha­ben wir alle übrigens den Grundton irgendwie weggefiltert, genauso wie das Grund­sur­ren des Beamers, beides fiel irgendwann nicht mehr auf.

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Foto: C.E.

Dienstag, 12. Dezember 2017

Kühner Strich

Fortsetzung zu vorgestern, allerdings um 4.13 Uhr ...

Der Traum malt, setzt mit kühnen Pinselstrichen große Farbflächen auf die Lein­wand, die Dolmetscherin dolmetscht, sieht genauer hin, kichert und wacht auf.

"Vom Schlaf 'gezeichnet'" hab ich mir immer anders vorstellt, nämlich mit Kis­sen­mar­ken auf der Backe.

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Bild: folgt

Montag, 11. Dezember 2017

Goldnuggets

Wie Dol­met­scher und Über­set­zer ar­bei­ten, kön­nen Sie hier mit­lesen. Also wie ich als Französischdolmetscherin und -übersetzerin arbeite und lebe, aber ich glau­be, ich führe ein ziemlich durchschnittliches, halbwegs aufregendes Sprach­ar­bei­te­rin­nen­le­ben. Was uns alle eint: Wir schauen den Leuten aufs Maul. In Berlin-Neukölln explodieren die Immobilienpreise. Aufgeschnappt:

"Ihr Immofuzzis glaubt wohl, dass in Neukölln jeder dahergelaufene Straßenköter Goldnuggets scheißt!“ Die Hauswartsfrau, nicht mehr ganz jung an Jahren und mit ausreichend körperlichem Aplomb versehen, droht wütend mit dem Besen, als sie zwei jüngere Männer, Anzug, Krawatte, teuere Budapester-Schuhe und viel Gel im Haar, vom Hof jagt.

Später sagt sie zu einer Nachbarin: „Die ham ausjesehen wie die Zeugen Jehovas. Ich jloob, die Sektenheinis war’n mir lieber!“

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Foto: wird nachgeliefert

Sonntag, 10. Dezember 2017

Zeichnen üben ...

Wir Dolmetscher und Übersetzer erarbeiten uns regelmäßig neue Themenfelder. Dieser Tage ist es mal wieder Kunstgeschichte. Ich habe irgendwie keine Lust nur auf Theorie. 

... und Vokabeln wie Schraffur, gepunktete Linie, Vordergrund, Hintergrund und ach so viele mehr wiederholen oder lernen, am besten mit einem kleinen On­line­kurs in Sachen Portraitzeichnen, um Handgelenk und Hirn zu lockern. Hier mein erster Versuch, mal eben so aus der "Lamäng", wie die Berliner sagen.

Bleistiftzeichnung: Mann und Mädchen
Drei, vier Regeln lernen, dann kann jede und jeder so zeichnen
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Illustration: C.E.

Samstag, 9. Dezember 2017

Film mit Dolmetscherinnen

Seit mehr als zehn Jah­ren ver­öf­fent­li­che ich hier in lo­ser Fol­ge klei­ne Mo­men­te aus dem Über­set­zer- und Dolmetscheralltag. Die Anfänge meines Berufslebens lie­gen in der Medien- und Filmarbeit. Heute bin ich auch in der Politik, für Wirt­schaft, Wissenschaft und Privatkunden tätig.

Bravo, Maria Schrader! Heute Abend wurden in Berlin die Europäischen Filmpreise verliehen. Der diesjährige Publikumspreis für den besten Europäischen Film ging an ihren Film "Vor der Morgenröte" über Stefan Zweig.

Eine winzige Kleinigkeit, unseren Berufsstand betreffend, am Rande: In diesem Film sind einige Dol­met­sche­rin­nen live und in Farbe zu sehen. Dem Vernehmen nach handelt es sich dabei nicht um Schauspielerinnen. Auch sonst ging Ma­ria Schrader, die vom Schauspiel zur Regie kam, in dieser Arbeit auffällig sen­si­bel mit Sprache um.

Maria Schrader zu ihrem Film: "Wir mussten lange darum kämpfen, diesen Film ma­chen zu dür­fen und ihn fi­nan­ziert zu bekommen, denn es hieß immer: 'Das Pub­li­kum hasst Untertitel'. Vielen Dank, Publikum, für diesen Preis!"

Filmbild: Interview
Flüsterdolmetscherinnen bei einem Interview
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Foto: X-Verleih (Screenshot)

Freitag, 8. Dezember 2017

Schwurbular

Den subjektiven Arbeitsalltag in der Dolmetscherkabine beschreibe ich hier im 11. Jahr. Vor dem Einsatz bereiten wir uns intensiv vor. Dabei sind Fach­wör­ter­lis­ten zu erstellen und Redeweisen zu beachten. Das klingt nach viel Arbeit. Aber es gibt Rettung.

Was mir diese Woche akut wieder eingefallen ist: Die Studie, nach der das Mathe­hirn im Fuß steckt. Es geht um die Korrelation, dass Menschen mit Schuh­grö­ße 29 selten gut rechnen können.

Biedermeierfräulein
Biedermeierfräulein
Ansonsten hatten wir wieder es erneut mit viel Schwur­bu­lar zu tun. Unter dem Be­griff sammele ich Schwurbelbegriffe wie "Tendenz zu", "neigt", "legt die Ver­mu­tung nahe", "die Studie erlaubt die In­ter­pre­ta­tion, dass ...". Solche Ausdrücke muss un­ser­ein­er in der Übersetzung pau­ken. Ich mag derlei nicht, aber es ist leider Be­rufs­all­tag.
Dazu sagt ein Bekannter "Konkunktivitis", weil es dann immer schön im Konjunktiv weitergeht. Ehe ich mir hier jetzt von derlei Hässlichkeiten noch eine Au­gen­ent­zün­dung hole, denke ich lachend an die Feststellung, dass Menschen, die in der Nase bohren, ihre Hände häufiger in der Nähe ihres Gesichtes haben.

Und ich erhole mir die Augen beim Betrachten eines schöner Bilder. Die Parole lautet: "Mehr Kunst!"

Am Abend sendet mir eine Nonne einen Vortragstext zu einem Künstler. Sie lässt uns an ihrem "Work in Progress" teilhaben, wird drei Fassungen senden, damit wir Zeit haben, uns vorzubereiten. Ich nenne das charmant.

Die kunstgeschichtliche Tagung nächste Woche, die letzte Konferenz des Jahres, wird frei sein von Schwur­bu­lar. Bis dahin heißt es: Das Gegenteil davon, nämlich Fachvokabular pauken. Sich weiterbilden. Die Stadt und unsere Zeit mit anderen Augen sehen.

Tipps dazu für dieses Wochenende:
Jüdisches Museum zu Berlin, Sonntag letzter Öffnungstag vor Umgestaltung der ständigen Ausstellung. Das Museum lebt ja von der Spannung zwischen Ar­chi­va­lien, den vielen Kulturzeugnissen jüdischen Lebens in Berlin, und der Architektur, die derzeit hinter den Exponaten stark in den Hintergrund tritt. Das soll nach der Neuausrichtung anders sein.
Gaslaternenweihnachtsmarkt der Vereine, Verbände und Kunsthandwerker in Rixdorf (Berlin-Neukölln).
⊗ British Pathé hat einige hundert Filme online gestellt, breit durch den Ge­mü­se­gar­ten: Filmerbe, News, bunte und vermischte Nachrichten vergangener Tage. Zu finden sind sie auf YouTube, sie stammen aus den Jahren von 1896 bis 1976 und sind thematisch sortiert. Ich bin über Claude Monet auf diese Goldmine gestoßen.

Heiner_Mueller_Denn_das_Schoene_bedeutet_das_moegliche_Ende_der_Schrecken
Von der Pinnwand

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Fotos: C.E.