Dienstag, 21. November 2017

Rund

Hier bloggt im elften Jahr eine Übersetzerin und Dolmetscherin über ihren Be­rufs­all­tag, und das sogar schon im elften Jahr.

Salzglas, Teetasse, Serviettenring, Teller, Untersetzer, Marmeladenglas: alles rund
Küchentisch in Neukölln
Eine runde Sache - une af­fai­re qui tourne rond, breakfast at home, finally. Wie schön! Und gleich geht's wieder rund. Müde Gedanken beim Aufwachen.

Und sogar die Tischplatte ist rund, wie hier unlängst zu sehen war: klick. And I'm now entering the second round of the month. Naja, fast.

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Foto: C.E.

Montag, 20. November 2017

Bahnkram

Hello, bonjour, guten Tag! Hier bloggt eine Übersetzerin und Dolmetscherin. Während der Mitbewohner in Berlin die Pflanzen gießt, bin ich schon wieder auf Kurzreise.

Jeder zweite Zug, mit dem ich in den letzten Monaten gefahren bin, war ver­spä­tet. Einige sind überhaupt nicht gefahren, gerne nach stürmischen Winden.

Bahnhofausfahrt mit diversen Neubauten im Gegenlicht
Essen am Wegesrand
Daher war der Zug neulich, der mit Verfrühung in einen Bahnhof eingelaufen ist, auch so ein kleines Wunder. Denn es kann vorkommen, dass ich zwei Züge früher fahre, um pünktlich zu sein, neulich sogar drei, um ein­en Film­re­gis­seur, der über 90 ist, vom Flughafen abzuholen. Und so schlendere ich schon wieder über den Bahnhof und warte auf einen Zug.

Dieses Mal ist er schon bei der Abfahrt zu spät dran. Zufällig treffe ich am Bahn­hof eine Kollegin, die wie ich nach "Westdeutschland" fährt, wie West­berliner und West­deut­sche ab Mitte 40 die "alten" Bundesländer nennen. Ihr Wunschzug war al­ler­dings schon eine halbe Stunde vor der geplanten Abfahrtszeit abgefahren. Auf ihre Beschwerde hin erfuhr sie, dass man sich als Reisender jedes Mal aufs Neue im Vorfeld von der unveränderten Abfahrtszeit des gewählten Schienenfahrzeugs zu überzeugen habe. Es herrsche Mitwirkungspflicht, so jedenfalls ein Bahn­mensch.

Meistens sind diese turbulenten Momente auf Unwetter zu­rück­zu­füh­ren. Ich er­in­ne­re mich an Zeiten, in denen die Bahn geworben hat mit Sätzen wie: "Alle reden vom Wetter, wir nicht." Seit "Die Bahn" das "deutsche" und das "Bun­des-" ab­ge­legt hat, ist das alles perdü. (Der weltbeste Ziehpatensohn wür­de sich jetzt mög­li­cher­wei­se selbst zitieren, wenn er das hören könnte: "Ha­ben damals ei­gent­lich noch Dinosaurierer gelebt?")

In der Schweiz sind die Ränder der Bahnlinien übrigens nicht so dicht baum­be­stan­den wie hierzulande. Daher funktionieren dort die Anschlüsse auch sehr viel bes­ser und weitere Bevölkerungsschichten nutzen dieses Fort­be­we­gungs­mit­tel in­ten­siv.

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Foto: C.E.

Freitag, 17. November 2017

Schlagfertigkeit

Guten Tag oder guten Abend! Sie sind mit­ten in ein Ar­beits­ta­ge­buch hinein­ge­ra­ten, in dem sich al­les um Spra­che, Dol­met­schen, Über­setzen und Kult­uren dreht. Als frei­be­ruf­li­che Sprach­mitt­lerin ar­bei­te ich in Pa­ris, Berlin, Versailles, Potsdam und dort, wo man mich braucht. 

Schlagfertigkeit lässt sich lernen. Und andere zu überzeugen auch.

Blick aus dem Autofenster auf ein Hotel, Regen auf der Glasscheibe
Am Potsdamer Platz
Kundin A fragt eine Dol­met­sche­rin für zwei Stunden In­ter­views in einem Lu­xus­ho­tel an. Der Zeitraum: Mitten in der Hochsaison. Da es kaum eine Nebensaison gibt, müs­sen wir normalerweise 80 % unseres jähr­li­chen Dol­­metsch­­um­sat­zes in fünf­ein­halb, sechs Mo­na­ten ge­ne­rie­ren. Außerdem steht und fällt unsere Arbeit mit der Vor­be­rei­tung.

Ich rufe also den normalen Satz auf. Kundin A: "Der Interviewte ist kein in­tel­lek­tu­el­ler Überflieger, das wird ganz einfach." Ich: "Macht nichts. Einem Arzt bezahlen Sie für dessen Zeit auch nicht deshalb weniger, nur weil der Patient nicht so schwer erkrankt ist."

P.S.: Den Job hab ich gekriegt. (Und es sind Presseinterviews mit Pausen, etwas, das ich alleine machen kann.)

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Foto: C.E.

Mittwoch, 15. November 2017

Das Internetz

Fenster: In einem Flügel hängt am Kabel eine Internetbox und baumelt in der Luft
Gesehen in Berlin-Neukölln
Bien­ve­nue auf Blog­sei­ten aus der Welt der Idiome. Über­set­ze­rin­nen, Über­­set­­zer, Dol­met­sche­rin­nen und Dol­met­scher nehmen Sprache gerne mal wörtlich. Und wir pfle­gen auf­op­fe­rungs­voll manch al­ten oder seltenen Begriff.

"Das Internetz" nannte meine Tante einst das Weltweite, das hat wie aus der Zeit der Intershops herübergeklungen. Vorgestern im Hof: Das Internet hat sich aufgehängt. Endlich verstehe ich das Bild mal.


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Foto: C.E.

Dienstag, 14. November 2017

Die drei W von der Typo

Hier bloggt im 11. Jahr eine Spracharbeiterin. Als Dolmetscherin und Übersetzerin hege ich gewisse Vorlieben für Buchstaben, Typografie und Satz.

In Buchstaben auf dem Tisch: REIM
Morgens in Neukölln
Witwen und Waisen bringen mich zuverlässig zum Schmun­zeln, aber nur im Druck­be­reich. Zumal dieses Feld be­griffs­tech­nisch durch­aus deut­­li­­che Stei­ge­rungs­mög­lich­kei­ten bietet, als da wären: Hurenkinder und die harm­lo­ser klin­gen­den Schus­ter­jun­gen.
Diese Ménage à trois ergänzt aufs Schöns­te der Wal­zen­kö­nig.

Wie kamen Typographen auf derart komische Begriffe? Das weiß ich auch nicht. Ich kenne nur die Bedeutungen der Termini. Die ersten in der Reihe bezeichnen laut Wikipedia "verwandte Typen von Satzfehlern, die den Le­se­rhyth­mus stören und unästhetisch sind".

Das Wort "Witwe" setzt sich in der jüngsten Zeit durch die Globalisierung durch, denn im englischsprachigen Raum wird widow genannt, wenn eine letzte Zeile ohne erkennbaren Zusammenhang frei auf einer Seite steht, wodurch die letzte Zeile eines Absatzes zugleich die erste Zeile auf einer neuen Seite oder einer neuen Spalte ist. (Die sonst auch verwandten Begriffe "Hurenkind", "Hurensohn" und "Hundesohn" geraten daher langsam in Vergessenheit.)

Ein anderer Sprung im Satzspiegel ist die "Waise". Witwen und Waisen sind doppelt verwandt, auch hier gibt es einen mit den Jahren stärker werdenden englischen Begriff, the orphan. Er bezeichnet die erste Zeile eines neu­en Absatzes, die am Ende einer Seite oder Spalte steht und auf der nächsten Seite oder in der nächsten Spalte fort­ge­setzt wird. (Dieses Phänomen heißt auch Schusterjunge. In Berlin wird sonst eine Bröt­chen­art so genannt.)

Das dritte W: "Walzenkönig" heißt ein Papierbogen, der in der Druckerpresse hän­gen­ge­blie­ben ist.

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Foto: C.E.

Montag, 13. November 2017

A life in limbo

Was Dol­me­tscher und Über­setzer umtreibt, nein, was mich um­treibt in die­sem Be­ruf, kön­nen Sie hier mitlesen. Ich arbeite aus dem Französischen und ins Franz­ösi­sche sowie aus dem Englischen. Mit der Spracharbeit sind viele Reisen ver­bun­den. Wenn die Wortverwirrung, die nach dem Dolmetschen zuverlässig ein­tritt, abklingt, passieren mir manchmal etwas andere Texte.

Ich wohne hier und ich wohne da. Und mitunter
Bin ich auch dort noch zuhause. "Ach, auch mal
Wieder im Lande", sagt der Antiquar, "ich habe
Bücher für dich zurückgelegt. Sieh mal,
Müssten dir gefallen."

Und das geht an mehreren Orten so. Ich bin immer
Auf der Hinfahrt. Die Rückfahrten lasse ich ausfallen.
Bequem im Sessel lebe ich zwischen den Stühlen,
Sitze im Dazwischen; das Hier- oder Dort-
Sein ist nichts als Illusion.

Die Gespräche mit den Lieben gehen auf Anschluss.
Ständiges Anknüpfen. Was in meiner Abwesenheit
Geschah, darf ich mir denken. Lesen aus dem, was
Da schwebt. In die Kunstausstellung geht's
Wie immer am letzten Tag.

Und plötzlich sind die Kinder groß. Plötzlich sind die
Bäume kahl. Diese Wand braucht schon wieder neue
Farbe. In welcher Stadt hängt jenes Gemälde nochmal?
Zuhause bin ich dort, wo mein Kopfkissen ist.
Und in den Sprachen.

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Foto: folgt

Freitag, 10. November 2017

Grenzregion

Hier bloggt eine Dol­met­sche­rin für die französische Sprache (und aus dem Eng­li­schen). Ich arbeite in Toulouse, Paris, Marseille, Berlin, Köln, München, Düs­sel­dorf und auch dort, wo Sie mich brauchen.

Gestern war die Mauer so lange "weg", wie sie einst gestanden hat. Wobei: Von ei­nem Tag ging weder das eine, das mein Vater in Berlin erlebt hat, noch das ande­re, das ich vor Ort erlebt habe.

Arbeitsplätze mit hinten offenen Kabinen für vier Dolmetscherinnen
Doppelt akkurat: Die Kaffeebar war nicht weit
Wir begingen den Tag mit Nor­ma­li­tät. Wir haben für eine Firma gedolmetscht, die Nie­der­las­sun­gen dies- und jenseits der früheren Staats­gren­ze hatte, in Hessen an der Grenze zu Thüringen. Von Ostnähe war nichts zu spü­ren, mit einer Ausnahme: Die Ka­bi­nen.
Sie kamen mit einem Dienst­leis­ter aus der tsche­chi­schen Re­pu­blik.

Einigen Franzosen, die dieses Adjektiv zum Lachen brachte, durften wir nach die­ser Information beibringen, "tschechisches Streichholzschächtelchen" zu sagen. Und der mitreisende Techniker aus Prag war sehr überrascht, dass die Wort­le­ge­bat­te­rien kein Standard in Deutschland sind. Wir haben das übrigens mit "Dol­met­scher­bat­te­rien­hal­tung" übersetzt, élevage d'interprètes en batterie.

Das Teil wird auch bocal genannt, Fischglas, oder "Halbkabine". Vorteil: Die Luft ist hier besser als im vollständig geschlossenen "anaeroben Schrank". Der Nachteil: Die beiden Sprachen, Tschechisch und Französisch, sitzen zu eng beeinander.

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Foto: C.E.

Donnerstag, 9. November 2017

Effizienz

Bon­jour, hel­lo und gu­ten Tag! Hier schreibt eine Über­set­ze­rin und Dol­met­sche­rin im elften Jahr. Dieses Jahr ist besonders hektisch — und da ich viel mit dem klei­nen Gerät reise und es noch nicht geschafft habe, von dort aus auch mit Fotos zu blog­gen, ist es hier gerade mal etwas stiller. Ich hole in den nächsten Tagen ein wenig nach ...

Nach manchem Filmfestival, auf dem ich moderiert habe, könnte ich Kritiken ver­fas­sen. Allerdings sind das unterschiedliche Berufe, die sich nur schwer ver­bin­den lassen. Und da ich schon genügend Aufgaben erfülle ...

Kino in einem nissehüttenähnlichen Behelfsbau mit Dolmetscherkabine drin
Vor einer Reise mit dem sel­te­ner ge­nutz­ten Riesenkoffer fallen mir alte Mo­de­ra­tions­kärt­chen in die Hand. Aus dem Zu­sam­men­hang ge­ris­se­ne Wörter und Ausdrücke finden sich auf den Rückseiten der Kärtchen wieder. "Stuhl hat Beine, wie lernt er laufen?", ist so ein Satz. Auch das Résumé eines Filmgesprächs fällt mir auf.

Das hier war die Antwort auf eine in einem Filmgespräch gestellte Frage: "Die Dreh­buch­be­spre­chung erfüllt schon mal den Tatbestand der Nötigung." Ich weiß, warum ich mich langsam von dieser Branche entferne ... be­zie­hungs­wei­se in der Fes­ti­val­mo­de­ra­tion und als Dolmetscherin erst mal eine privilegierte Be­ob­ach­tungs­po­si­tion ein­ge­nom­men habe.

Und dann gibt es diese wunderbaren Momente (weshalb es gut war, die Kärtchen nicht sofort ins Altpapier zu tun): Einen Film, den ich ich im Mai beim Film­kunst­fest Schwerin gesehen habe, darf ich im Oktober beim Rügen International Film Festival simultan von den englischen Untertiteln her einsprechen. Auch durch die Kärtchen bin ich sofort wieder drin. Ich gewinne Zeit in der Vorbereitung, weil ich gleich mit dem zweiten Durchgang anfangen kann.

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Foto: C.E. (Campingplatzkino Göhren)
Gruß nach Mecklenburg-Vorpommern!