Mittwoch, 14. Oktober 2026

Untertiteldrama

Kon­fe­renz­dol­met­schen ist hier im 20. Jahr Ge­gen­stand. Als Deutsch-Mut­ter­sprach­le­rin ar­bei­te ich als Si­mul­tan­dol­met­sche­rin über­wie­gend ins Fran­zö­si­sche und aus dem Eng­li­schen. Mei­ne Bü­ro­kol­le­gin schenkt Ge­schrie­be­nem ihr wun­der­vol­les Eng­lisch. Heu­te eine Mail aus der Pra­xis, wie ich sie ein­mal ge­schrie­ben und drei­mal ver­wen­det habe. KI-Mittwoch.

S
ehr ge­ehr­tes Pub­li­kum! Fra­gen Sie sich manch­mal, war­um heut­zu­ta­ge Un­ter­ti­tel oft so schlecht sind? Hier kommt die Ant­wort. Die Qua­li­tät der Untertitel, kurz: UT, wird von der KI be­ein­flusst, aber nicht nur. Das Dra­ma ist äl­ter. Es hat mit der Ver­ach­tung von Sprach­ar­bei­ter­in­nen zu tun. Hier eine Mail aus mei­nem Post­fach.

Lie­be Leu­te von der Film­pro­duk­ti­on XYZ,

für Euch habe ich ge­ra­de eine Un­ter­tit­le­rin oder einen Un­ter­tit­ler für Eng­lisch ge­sucht, sie­ben Leu­te an­ge­fragt, zwei hät­ten Zeit, die an­de­ren sind aus­ge­bucht, Ein­rei­chun­gen für die Ber­li­na­le, die Frist läuft En­de Ok­to­ber ab.

Die Ver­ga­be soll­te über mich lau­fen, denn ich brau­che einen Über­blick über die Prei­se in ih­rer Band­brei­te. Ich bin bei Film­un­ter­ti­teln oft nur noch dann Kor­rek­to­rin, wenn das Kind in den Brun­nen ge­fal­len ist. Und als Gut­ach­te­rin bei Ge­richt hö­re ich re­gel­mä­ßig die Fra­ge, wie denn die Sprei­zung der Ho­no­ra­re sei. Das zu mei­nem En­ga­ge­ment in die­sem Film­er­netz­werk, aus­ge­hend vom Wunsch, zu hel­fen.

Dann gibt es den As­pekt des Schut­zes. Man­che/r Un­ter­tit­ler:in kann nicht gut ver­han­deln und lässt sich schnell zu Kon­di­ti­o­nen breit­schla­gen, die un­fair sind.

Ich weiß, dass we­nig Geld in der Bran­che ist. Nicht nur dort. Ihr wisst auch, dass Men­schen ge­mein­hin ei­nem Brot­er­werb nach­ge­hen, auch um teu­re Mie­ten und die ak­tuell ver­dop­pel­ten Gas­rech­nun­gen zu zah­len (in Ber­lin wer­den ge­fühlt 80 Pro­zent der Woh­nun­gen mit Gas be­heizt).

Nun zum Ar­gu­ment, das kom­men wird: Wir wis­sen nicht, ob wir über­haupt auf dem Fes­ti­val lau­fen, „macht's doch ein­fach mal schnell, muss nicht so ge­nau sein!" Auch das Ar­gu­ment ken­nen wir. Sag doch mal einem Arzt: „Impf' mich mal schnell, muss nicht so ge­nau sein." Oder: „Ope­rie­re mich mal schnell, muss nicht so ge­nau sein." Sag einem Chauf­feur: „Fahr mich nach Pa­ris, mach's in zwei Stun­den statt in zehn, muss nicht so ge­nau sein."

UT: Warum kommst du hier? statt: Warum kommst du her?
Ge­lau­fe­ne UTs (nicht das ak­tu­el­le Bei­spiel)

Ich hof­fe, Ihr ver­zeiht mir die Iro­nie. 
Im Gespräch folgt oft ein „Nehmt doch die KI!“... Sie kann, wie neu­lich ge­zeigt, hel­fen, muss aber nicht. Bei in­di­vi­du­el­len Aus­drucks­wei­sen ver­sagt die Tech­nik oft, vor al­lem bei Nu­an­cen, An­spie­lun­gen, Iro­nie. Das hat ja auch die Her­stel­ler­fir­ma ei­ner Flag­schiff­pro­duk­ti­on, be­kann­te Se­rie, erst neu­lich er­lebt (Link). 

Die fal­schen Ti­tel flim­mern bis heute über den Sen­der, ob­wohl ich al­le Be­tei­lig­ten an­ge­mailt ha­be.

Die KI zeigt uns schwarz auf weiß ei­nen Vor­schlag. Mit Buch­sta­ben, die schwarz auf weiß ge­druckt sind, wur­den wir so­zia­li­siert. Wir glau­ben Ih­nen eher als Buch­sta­ben, die von Hand ge­krit­zelt wur­den. Sich da­von wie­der zu lö­sen, et­was Neu­es zu fin­den, im­mer wie­der auf das Ori­gi­nal zu schau­en, nach­dem man auf eine ver­meint­li­che Über­set­zung ge­schaut hat, be­deu­tet, dass wir dop­pelt so viel le­sen wie vor­her und dop­pelt so viel geis­tig ver­ar­bei­ten müs­sen.

Ihr ahnt es: Die Ar­beit mit der KI ver­lang­samt mög­li­cher­wei­se er­heb­lich die Pro­zes­se. Und wer husch-husch ar­bei­tet, lie­fert schlech­te Qua­li­tät, husch-pfusch
eben.

Ein Ar­gu­ment aus mei­ner Ar­beit in der Fes­ti­val­film­aus­wahl: So oft wur­den vom Sichtungsteam Fil­me ab­ge­bro­chen, weil ab­surd un­ter­ti­telt, weil nicht in den ers­ten Mi­nu­ten mit einer Bild­ge­walt oder Äs­the­tik prä­sent, die ih­res­glei­chen sucht! Das tut sprach­ba­sier­ten Fil­men un­recht. Wie oft hab ich mich als Ku­ra­to­rin dann al­lei­ne durch Un­ter­ti­tel­wüs­ten ge­käm­pft und Sinn ge­fun­den, dann noch­mal dem Team vorgeführt und der Film war beim Fes­ti­val mit brand­neu­en UTs ein ganz an­de­rer ...

Letz­tes Ar­gu­ment aus mei­ner Ar­beit als Un­ter­tit­le­rin: Die Leu­te, die eine Grob­fas­sung er­hal­ten, kom­men sel­ten zu­rück. Am En­de, auf Nach­fra­ge, hat es su­per schnell ge­hen müs­sen und die Prak­ti­kan­tin, die ein Jahr im Aus­land war, durf­­te noch­mal ran. Oder so­was in der Art. Die Fes­ti­vals ha­ben ih­re UT-Re­dak­ti­o­nen ab­ge­schafft, vom Fes­ti­val kommt des­halb sel­ten Kri­tik. Und am En­de fehlt im­mer Geld. Ach, die Ho­tels sind so teu­er und die Ti­ckets erst!

Zu­sam­men­fas­sung: Qua­li­tät hat ih­ren Wert und ih­ren Preis. Die Un­ter­ti­tel sind die Vi­si­ten­kar­te des Films. Ein Si­cher­heits­netz für Qua­li­tät sei­tens der Fes­ti­vals fehlt heu­te. 

Ich ha­be auf der Ber­li­na­le­lein­wand schon zwei Mal mei­ne Prüf­mar­ke ge­se­hen: ^prüf^. Ich hat­te sie der Pro­duk­ti­ons­fir­ma er­klärt. Ein­mal wa­ren In­for­ma­ti­o­nen wi­der­sprüch­lich, die in einer Ein­blen­dung vor­ka­men.

Es ist zum Heu­len. Sor­ry für die Län­ge.

Herz­lich,
Ca­ro­li­ne


P.S.: Ich un­ter­ti­tle nur noch we­nig. Aber für Kino­nutzung wird in Frank­reich oft noch der dop­pel­te Satz ge­zahlt wie vor 30 Jah­ren in Deutsch­land (in­fla­tions­be­rei­nigt).

* * * * *

Ei­ner der Kol­le­gen hat mir ge­schrie­ben: Vie­le Filme­ma­cher fra­gen sich of­fen­sicht­lich nicht, wie wir die Mie­te zah­len sol­len, selbst wenn sie Fil­me über Ar­mut und Un­gleich­heit dre­hen.

Rück­sprung: 1995 be­kam ich ca. 2000 DM für einen lan­gen Film mit 1000 Unterti­teln, al­so 2 DM für die Über­set­zung pro UT. Wer es konn­te, hat den Satz ver­dop­pelt, denn wei­te­re 2 DM wur­den pro Titel für das so­ge­nann­te Spot­ting ge­zahlt, das Festlegen der Ein­blen­de- und Aus­blen­de­zei­ten. Heute wirft die KI-ge­stütz­te Schnittsoft­ware deutsch­spra­chi­ge Ti­tel in­klu­si­ve des Spot­tings aus. Die­se Ti­tel ent­spre­chen stellenweise nicht dem Rhyth­mus des Films, sind re­dun­dant, oft ge­nug falsch, ge­hen über Schnit­te usw.
 
Wie al­les im Film folgen auch Un­ter­ti­tel dra­ma­tur­gi­schen Re­geln. Ich muss al­so, wenn ich die­se KI-ge­ne­rier­ten Ti­tel be­ar­bei­te, einen Teil mei­ner Ar­beits­kraft hier ins Re­pa­rie­ren und An­pas­sen in­ves­tie­ren, auch des­halb, weil je­de Spra­che ih­ren ei­ge­nen Zeit- und Raum­be­darf hat. Man­che sind knap­per, Eng­lisch zum Bei­spiel, und Fran­zö­si­sch braucht ger­ne mehr Sil­ben. Das be­deu­tet, dass der Ein­stiegs­punkt der Un­ter­ti­tel öf­ter mal stimmt, der Aus­stiegs­punkt aber fast nie.

Ja, die Soft­ware von heu­te ist leich­ter zu be­die­nen. Wir be­zah­len seit je­her un­sere Ar­beits­mit­tel selbst. Trotzdem ist es Zusatzarbeit.

Berücksichtigen wir auch die Auf­merk­sam­keits­en­er­gie, ist der Ver­gleichs­wert von da­mals fair­er­wei­se hö­her an­zu­set­zen, näm­lich bei 3,00 DM. Auf der Ba­sis von 1995 er­gibt sich ein Satz von 1,53 Eu­ro pro Un­ter­ti­tel (UT). Durch den Kauf­kraft­ver­lust von da­mals zu heu­te würden in­fla­ti­ons­be­rei­nigt ca. 2,68 Eu­ro pro UT dar­aus.

Der ent­spre­chend dem Auf­wand ge­recht um­ge­‚rubelte‘ Wert von 1995 liegt dem­nach heute bei 2,68 Eu­ro pro UT. Ak­tu­el­le An­ge­bo­te in Deutschland lau­ten in­des 1,00 bis 1,35 Eu­ro pro UT. (So­eben kommt ei­ne An­fra­ge für 0,50 Eu­ro rein.)

Wir ha­ben es hier al­so mit ei­ner sys­te­ma­ti­schen Ho­no­rar­kür­zung von 49,63 bis 62,69 Pro­zent zu tun. (Bei der neu­en An­fra­ge soll ich ge­ra­de mal für lä­cher­li­che 18,66 Pro­zent des­sen ar­bei­ten, was ich 1995 um­ge­setzt habe.)

Wir spre­chen hier von Unter­ti­teln für Ki­no und Fes­ti­val, für die auch Ur­he­ber­rechts­ver­gü­tungen aus­ge­schüt­tet wer­den (in Sum­me nicht viel, aber im­mer­hin). Für den bru­ta­len frei­en Rest des Markts, der oft über Platt­for­men läuft, die mit­ver­die­nen, be­kom­men UT-Au­to­ren oft nur noch we­ni­ger als vier Pro­zent des­sen raus, was 1995 üb­lich war, und zwar für das Re­pa­rie­ren von KI-Aus­wurf. Das ist eine Kür­zung von über 96 Pro­zent und mehr, da oh­ne Na­mens­nen­nung. So wird ein Hohn­o­rar da­raus.

Zu­rück zur Fes­ti­val­ar­beit. Wäh­rend un­se­re UT-Ho­no­ra­re für Ki­no in 30 Jahren al­so um mehr als die Hälf­te ge­kürzt wur­den und sich im frei­en Fall be­fin­den, hat der Ber­li­ner Miet­markt im glei­chen Zeit­raum einen ex­plo­si­ven An­stieg von weit über 200 Pro­zent ver­zeich­net, in man­chen Kie­zen bei Neu­ver­trä­gen so­gar 300 bis 400 Pro­zent. Un­ter die­sem bru­ta­len Druck ste­hen wir nicht al­lein: Auch frei­e Jour­na­lis­tin­nen, frei­e Hoch­schul­leh­rer, Men­schen in Krea­tiv­be­ru­fen und der Lo­gis­tik er­lei­den seit Jahr­zehn­ten ei­nen Lohn­ab­sturz bei stei­gen­den Le­bens­hal­tungs­kos­ten.

„AI real time translation“, darunter: - „Minister benutzt hat.“ - „Stage“ - „Der.“ - „Stage“ - „Es war ein trauriges Lied.“ - „Stage“ - „Ist für Toiletten nicht Fake?“; ganz unten EGY von STRATEGY
Die KI ist keine passende "STRATEGY"
In den Neun­zi­gern ließ sich vom Un­ter­ti­teln gut le­ben. Bei Kon­fe­ren­zen wa­ren Un­ter­tit­ler:in­nen ge­stan­de­ne Leu­te, die Kin­der hat­ten, die stu­dier­ten und die ein Haus ab­zah­len konn­ten. Zehn Jah­re spä­ter sa­ßen nur noch Be­rufs­an­fän­ger:in­nen im Raum. 2015 fand das Pa­nel noch statt, aber es gab kaum noch In­ter­es­sier­te. Das Gros der Un­ter­ti­tel wur­de längst im Ne­ben- oder Mini­job er­stellt, von El­tern, Stu­die­ren­den und Schü­ler:in­nen, die nicht auf Kon­fe­ren­zen gin­gen. Als ich das letz­te Mal auf das Pro­gramm die­ser re­gel­mä­ßig statt­fin­den­den Kon­fe­renz ge­schaut habe, hat das UT-The­ma kom­plett ge­fehlt. 

Die ge­samte Bran­che hat­te es schlicht nicht mehr auf dem Schirm.

Und weil der glei­che Ab­wer­tungs­sch*iß mit mie­ser Qua­li­tät jetzt mit „KI-Dol­met­schen“ los­geht (noch grot­ti­ger als bei schlech­ten UTs), bin ich wirk­lich sauer. Ich habe ein Déjà vu. Mit der be­son­de­ren Aus­prä­gung, dass KI-„Dol­met­schen“ und UTs hy­b­rid ge­kreuzt wer­den, sie­he Fo­to von ei­ner Ver­an­stal­tung, wo wir Dol­met­sche:rin­nen „ein­ge­spart“ wur­den, weil die KI ja so su­per ist. *Sar­kas­mus aus*

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Fo­tos: C.E. und Dan­ke an Do­rin Po­pa!

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