Dienstag, 20. Oktober 2026

Neues Bauen

Bon­jour, hel­lo, gu­ten Tag! Hier schreibt ei­ne Fran­zösisch­dol­met­sche­rin und Über­set­ze­rin mit für die fran­zö­si­sche Spra­che mehr als 20 Jah­ren Be­rufs­er­fah­rung. Als Teil ei­nes Netz­werks bin ich eu­ro­pa­weit tä­tig zu Wirt­schafts- und Kul­tur­the­men, Kli­ma und Land­wirt­schaft, um nur vier Bei­spie­le zu nen­nen.

Spa­zier­gang nach ei­nem Kran­ken­be­such im Ber­li­ner Wes­ten, da­bei fällt mein Blick auf das gro­ße Schild vor ei­ner Bau­stel­le: Hier ent­steht sie, die neu­es­te Be­lei­di­gung des Bau­haus­ge­dan­kens: his­to­ri­sie­ren­de Be­ton­guss­kis­ten, eng auf eng, mit his­to­ri­sie­ren­dem Zier­rat im an­ge­deu­te­tem Stil­mix. Dazu über­gro­ße, im Som­mer nicht ver­schat­te­te Fens­tern vor Räu­men mit nied­ri­gen Zim­mer­de­cken ... zur Ge­schoss­flä­chen­op­ti­mie­rung des Grund­stücks.

Am En­de soll al­les weiß an­ge­pin­selt wer­den, nur die Fens­ter aus schwar­zem Alu­mi­ni­um sein. Das Gan­ze wird mit ei­nem gro­ßen Na­men be­wor­ben.

Der Clash der Stile auf einer Bautafel
Ins­pi­riert von ei­ner ech­ten Vor­la­ge
Das ist kul­tu­rel­ler Hoch­ver­rat. Wer so baut, hat das Bau­haus nicht ein­mal im An­satz ver­stan­den. Hier stimmt nur eins mit dem Bau­haus über­ein: die Far­be der Fas­sa­de. Da­mit ver­su­chen sie, ih­re Wa­re weiß­zu­wa­schen.

Es gibt vie­le merk­wür­di­ge Neu­bau­ten in Ber­lin. Ko­pi­en ei­ner Ver­gan­gen­heit, die so nie statt­ge­fun­den hat, pflas­tern die gan­ze Stadt. Da­bei wird hier die Bau­ge­schich­te ver­höhnt.

Hier ist nicht ein­mal die al­ten For­men­spra­che ge­wür­digt. Sti­le wer­den in die­sem oder ähn­li­chen Fäl­len bei Neu­bau­ten im­mer öfter wild ge­mischt.

Meist ist der Bau­kern aus bil­li­gem Ma­te­rial. Dann wer­den His­to­ris­mus oder Klas­si­zis­mus oder was sonst so be­liebt vor­ge­täuscht, in­dem auf die Wär­me­dämm­ver­bund­fas­sa­de schlicht die ent­spre­chen­den Plas­tik­mo­du­le drauf­ge­klatscht wer­den. (Dün­ner Be­ton­guss plus Sty­ro­por­fas­sa­de ist bil­li­ger als Mas­siv­bau. Ver­kauft wird das Er­geb­nis trotz­dem zu Höchst­prei­sen.) Plus Mar­mor­bad, teue­re Kü­che und prot­zi­ge Ar­ma­tu­ren, ver­steht sich, so wirkt es auf den ers­ten Blick hoch­wer­tig.

Kul­tur­his­to­risch stimmt an die­sen Blü­ten der Im­mo­bi­li­en­ent­wick­lung mit Ma­xi­mal­ren­di­te häu­fig gar nichts. Für uns als Kul­tur­men­schen bleibt auf dem Spa­zier­gang nur ge­pfleg­tes Weg­se­hen üb­rig. Was üb­ri­gens auch für rein in­dus­triel­le Ras­ter­for­men gel­ten, die ger­ne mal ein­en hal­ben Häu­ser­block zu­klot­zen. Das ist ei­ne ästhe­ti­sche Be­lei­di­gung für je­de und je­den, der oder die se­hen kann.

Auch bau­phy­si­ka­lisch ist das al­les an­de­re als ein Ruh­mes­blatt. Im Win­ter küh­len sol­che Ge­bäu­de schnel­ler aus als Mas­siv­bau, im Som­mer hilft Sty­ro­por we­nig. Au­ßer­dem feh­len Fens­ter­lä­den oder aus­stell­ba­re Ja­lou­si­en und Dach­über­stän­de als Ver­schat­tungs­ele­men­te. Da­für zie­hen, wenn es hart auf hart kommt, an­de­re Mit­be­woh­ner ein: Schim­mel­kul­tur statt Bau­kul­tur. Und wenn ir­gend­wann Tie­re hin­ter das Sty­ro­por ein­ge­zo­gen sein wer­den, fällt buch­stäb­lich die Fas­sa­de des „schö­nen Scheins“.

Es ist ho­he Zeit für ei­ne Ar­chi­tek­tur, die wie­der nach vorn denkt. Das Bau­haus wür­de heu­te sämt­li­che Ge­wer­ke und Stake­hol­der zu­sam­men­span­nen: Ar­chi­tek­tin­nen und Ar­chi­tek­ten, His­to­ri­ke­rin­nen und His­to­ri­ker, Kli­ma­for­scher und Bio­di­ver­si­täts­fach­leu­te und sol­che für Schwamm­städ­te, Ener­gie­wen­de, Per­ma­kul­tur­gär­ten und Agro­forst­wirt­schaft. Und da­zu Ver­tre­te­rin­nen von Ge­nos­sen­schaf­ten und der Po­li­tik. Wir brau­chen neue Nor­men, bun­des­ein­heit­lich.

Wich­tig: Nicht je­de Dis­zi­plin für sich, son­dern al­le ar­bei­ten ge­mein­sam an ei­ner Fra­ge (in ver­schie­de­nen Ar­beits­etap­pen). Der Ele­fant im Raum un­se­rer Zeit ist da­bei: Wie wol­len, vor al­lem wie kön­nen wir künf­tig le­ben und wie muss das heute zwin­gend das Bau­en ver­än­dern?

Wie kön­nen wir uns auf die ver­schie­de­nen As­pek­te der Kli­ma­ka­ta­stro­phe vor­be­rei­ten? Was lässt sich mo­du­la­ri­sie­ren, wel­che Tricks zu Nor­men wer­den las­sen, oh­ne dass je­mand mit ei­ner Pa­ten­tie­rung sei­ne Hand drauf­hält?

Ent­ste­hen könn­ten nach­hal­ti­ge Ge­bäu­de, die Ener­gie und Le­bens­mit­tel pro­du­zie­ren, Grau­was­ser vor­rei­ni­gen und da­mit den Gar­ten be­wäs­sern oder die Toi­let­ten spü­len, be­vor der Rest in die Ka­na­li­sa­ti­on ge­langt. Ge­bäu­de mit at­men­den Grund­ris­sen rund um ei­nen Ver­sor­gungs­kern, die sich ver­än­der­ten Le­bens­pha­sen an­pas­sen. Da­mit äl­te­re Men­schen dort woh­nen blei­ben kön­nen, wenn die Kin­der aus dem Haus sind, oh­ne dass Wohn­raum un­nö­tig blo­ckiert wird.

Das wä­re für mich Bau­haus: nicht das Bau­haus eins zu eins ko­pie­ren, so schön man­che Ge­bäu­de in Des­sau wirk­lich sind. (Ach, die meis­ter­li­chen Meis­ter­häu­ser!) Auch kei­ne Wie­der­ho­lung his­to­ri­scher For­men mit be­lie­bi­ger Be­nen­nung und dem zu­fäl­li­gen Griff ins Stil­hand­buch, son­dern die ge­mein­sa­me Ent­wick­lung neu­er Lö­sun­gen: Funk­ti­on, Ge­stal­tung, Öko­lo­gie und so­zia­le Be­dürf­nis­se so­wie Leist­bar­keit für die Ein­zel­nen und den Staat ge­hö­ren zu­sam­men. (Dann er­hält auch Neu­bau Di­men­sio­nen zu­rück, die der mensch­li­chen Wahr­neh­mung ent­spre­chen und ge­fal­len kön­nen.)

Soll­te je­mand Ide­en für ei­ne sol­che Werk­statt brau­chen: Ich wä­re ger­ne da­bei! Als Dol­met­scher­in be­fas­se ich mich im­mer wie­der wo­chen­lang mit den ver­schie­de­nen The­men und se­he da­mit Über­schnei­dun­gen und kom­bi­nier­ba­re Lö­sun­gen, die an­de­ren Men­schen viel­leicht gar nicht ins Au­ge fal­len.

Wir Sprach­leu­te be­herr­schen un­se­re Spra­chen her­vor­ra­gend, die Fach­ge­bie­te ken­nen wir im­mer­hin so, dass wir gu­te Fra­gen stel­len kön­nen und die Grund­prin­zi­pi­en ver­ste­hen. Die Vo­gel­per­spek­ti­ve, aus der wir ar­bei­ten, bringt neue Er­kennt­nis­se.

Wir brau­chen end­lich ei­ne neue Bau­haus­ar­chi­tek­tur. Es geht um die Grund­idee: Die Zu­kunft nicht den Ge­wohn­hei­ten, den Ren­di­te­er­war­tun­gen oder dem Zu­fall zu über­las­sen, son­dern sie ge­mein­sam zu ge­stal­ten. Denn die Men­schen, die in den Ge­bäu­den le­ben und ar­bei­ten oder an ihn­en vor­bei­ge­hen wer­den, ha­ben ein Mit­spra­che­recht. Zur Zeit des ech­ten Bau­hau­ses stell­te sich die Fra­ge, wie ei­ne Ge­sell­schaft für das in­dus­triel­le Zeit­al­ter bau­en möch­te. Heu­te müs­sen wir be­ant­wor­ten, wie wir an­ge­sichts der Kli­ma­ka­tas­tro­phe, knap­per Res­sour­cen und ei­ner al­tern­den Be­völ­ke­rung le­ben wol­len. Wer da­rauf kei­ne neu­en Ant­wor­ten sucht, soll­te nicht den Na­men Bau­haus miss­brau­chen.

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Gra­fik: OpenAI (2. Ver­such)

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