Dienstag, 13. Oktober 2026

Transkodierung

Bon­jour auf den Sei­ten ei­nes Log­buchs aus dem In­neren der Dol­metsch­kabine oder des Über­setzer­arbeits­zimmers. Ich hei­ße Ca­ro­li­ne Eli­as und ar­bei­te seit Jahr­zehn­ten mit der deut­schen und der fran­zö­si­schen Spra­che, über­wie­gend im po­li­ti­schen, wirt­schaft­li­chen und kul­tu­rel­len Kon­text. Heu­te flie­gen die Grau­gän­se über den Dach­first in den Sü­den. Und ich ler­ne und den­ke über Spra­che nach.

Stel­len Sie sich vor, ei­ne fran­zö­si­sche De­le­ga­ti­on be­sucht ei­nen deut­schen Be­trieb. Der Ge­schäfts­füh­rer sagt beim Wech­sel aus der Kan­ti­ne in den klei­nen Spei­se­saal zur Be­grü­ßung: „Na, dann wol­len wir mal Nä­gel mit Köp­fen ma­chen!“  

Gläser in Reihe
Beim Dol­metschen kein Alko­hol!

Wört­lich über­setzt, macht dieser Satz auf Fran­zö­sisch kei­nen Sinn. Auch ei­ne rein sprach­li­che Er­set­zung durch ei­ne ähn­li­che Re­dens­art wird nicht pas­sen. 

Es geht in hier dar­um, dass bei­de Sei­ten ih­re Ent­schei­dun­gen end­lich kon­kret ma­chen. Als Dol­met­sche­rin muss ich nicht nur die Wör­ter ver­ste­hen, son­dern vor al­lem die Ab­sicht, den kul­tu­rel­len Kon­text und die Wir­kung der Äu­ße­rung in der kon­kre­ten Si­tua­ti­on er­fas­sen.

Wir hat­ten in der Kan­ti­ne, dem größ­ten Raum des Un­ter­neh­mens, ge­ra­de den öf­fent­li­chen Teil mit Po­li­tik, Pres­se und Be­leg­schaft ab­sol­viert. Jetzt folg­te die nächs­te Etap­pe.

Kon­kret auf dem Pro­gramm: Mit­tag­es­sen im klei­nen Krei­se, Tisch­re­den und Un­ter­zeich­nung des aus­ver­han­del­ten As­so­zi­ie­rungs­ver­trags. Über­tra­gen ha­be ich das mit: « Bon, nous al­lons en­fin pas­ser à table ! » (Wört­lich: Gut, dann es­sen wir end­lich.) 

Das ist wie­der so ein Mo­ment, den die KI mit ih­ren wört­li­chen, wort­rei­chen Über­tra­gun­gen ver­peilt hät­te.

Was wir Men­schen hier ma­chen, be­schreibt Hans J. Ver­meer:

„Ei­ne Trans­la­ti­on ist nicht die Trans­ko­die­rung von Wör­tern oder Sät­zen aus ei­ner Spra­che in ei­ne an­de­re, son­dern ei­ne kom­ple­xe Hand­lung, in der je­mand un­ter neu­en funk­tio­na­len und kul­tu­rel­len und sprach­li­chen Be­din­gun­gen in ei­ner neu­en Si­tua­ti­on über ei­nen Text (Aus­gangs­sach­ver­halt) be­rich­tet, in­dem er ihn auch for­mal mög­lichst nach­ahmt.“

Quel­le: Ver­meer, Hans J. (1986): „Über­set­zen als kul­tu­rel­ler Trans­fer“. In: Snell-Horn­by, Ma­ry (Hrsg.): *Über­set­zungs­wis­sen­schaft – ei­ne Neu­ori­en­tie­rung. Zur In­te­grie­rung von Theo­rie und Pra­xis.* Tü­bin­gen/Ba­sel: Fran­cke, S. 33.

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Fo­to: C.E. (Ar­chiv)

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