Der Lehrer reicht mir das Mikrofon: „Mach Du weiter!“ Ich: „Wie in Frankreich?“ Er: „Wie in Frankreich!“
Ich stehe an einem KZ-Friedhof in Süddeutschland. Es ist ein kleines Außenlager von Natzweiler am Gedenktag der Befreiung. Etliche Gäste aus Frankreich sind da und berichten über diesen Tag. Ich dolmetsche zum allerersten Mal in meinem Leben. Ich bin 17 Jahre alt und ahne nicht, dass ich das einmal beruflich machen würde.
Einige Monate zuvor, auf einer Reise beim Schüleraustausch: Wir stehen in einer Honigkuchenfabrik, erhalten eine Führung. Neben der Sekretärin des Werks steht der Lateinlehrer, der, wie ich später erfahre, auch Französisch unterrichtet hat. Er hat uns auf der Reise begleitet, weil er seine Frau mitnehmen konnte, eine Lehrerin in der Familienpause. So gab es wie gefordert je eine männliche und eine weibliche Begleitperson; so hat nur ein aktiver Lehrer an der Schule gefehlt, Lehrermangel schon damals.
Der Lateinlehrer, dessen Französischunterricht ähnlich wie der einer toten Sprache abgelaufen sein soll, überträgt für uns die Erklärungen der Chefsekretärin. Er ringt nach Worten. Ich erbarme mich seiner und flüstere ihm ab und zu einen Vorschlag vor, den er dankbar annimmmt. Plötzlich verschluckt er sich, ringt nach Luft, geht aus dem Raum, um sich freizuhusten. Seine Frau bittet mich, weiterzumachen. Als er zurückkehrt, ist die Rollenverteilung klar: Ich dolmetsche weiter und er souffliert Vokabeln.
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Damals habe ich noch nicht geahnt, dass Dolmetschen weit mehr als Technik und Vokabelwissen ist. Es geht um historisches Wissen, um Präzision und auch um ein emotionales Fingerspitzengefühl, das in keinem Wörterbuch steht.
Zentral ist auch das richtige Sprachniveau.
Und in der Analyse kommt jetzt mein Elternhaus ins Spiel, beide Historiker und Germanisten, stets bedacht darauf, dass wir Kinder uns gut ausdrücken, detailreich und viele Wörter lernen. Danke!
Mich hat das „Dritte Reich“ jahrzehntelang immer wieder beschäftigt, auch dieser Tage in Weimar. Eine ältere Dame, die als Kind im KZ war, berichtet vor Jugendlichen. Hier ist eine besonders feinfühlige Sprache wichtig. Alles ist präzise zu übertragen: das Grauen und ihre große Menschenliebe, ihre Demut und ihren feinen Humor, der dann und wann aufblitzt. Jedes Wort, jede Nuance zählen.
Und nun, an diesem Dienstag, als ich die Zeitzeugin in einem Hinterzimmer des berühmten Hotels Elefant in Weimar zu einem Gespräch mit den Honoratioren des Landes und der Stadt begleiten darf, kommt die Nachricht, dass in Sachsen-Anhalt zum ersten Mal seit 1945 in Deutschland ein rechtsextremer Parlamentspräsident gewählt wurde. Es schnürt mir den Hals zu. Es war zu erwarten. Es ist trotzdem erschütternd. Er hat vier Stimmen mehr erhalten, als seine Partei und das BSW, eine Abspaltung einer linken Partei, im Parlament haben.
Es ist wie vor bald 100 Jahren: mangelnde Bildung, das in Teilen berechtigte Gefühl, zurückgesetzt und benachteiligt zu sein, Rattenfänger, die sich neuer Medien bedienen, charismatische Personen, die komplett vom Parteiprogramm abweichen und das Blaue vom Himmel versprechen in der Hoffnung, dass die Menschen nicht in den Quellen lesen.
Dieses Studium der Quellen, das kritische Lesen, ist in Zeiten des Internets und der KI wichtiger denn je, und es wurde, obwohl wir ja nicht erst seit gestern mit neuen Technologien leben, vernachlässigt. Ich ergänze auf meiner Liste: Ein versagendes Schulsystem, das nicht oder zu wenig an die Herausforderungen der Zeit angepasst wurde.
Unser Grundgesetz ist antifaschistisch, das hat Hape Kerkeling erst letzte Woche so vor dem Thüringer Landtag perfekt zusammengefasst. Es entstand aus dem Schock darüber, was Menschen vom terroristischen NS-Regime angetan wurde. Ich verstehe das Zögern nicht. Sogar die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung hat gutachterlich festgestellt, dass die rechtsextreme Partei verfassungsfeindlich ist.
Das Schlimmste für mich heute ist es aber, unserer Zeitzeugin und ihrer Tochter von den Entwicklungen in Deutschland zu berichten. Später, am Abendessenstisch, werden wir sitzenbleiben und über historische Parallelen sprechen, aber auch über die Entwicklungen in Frankreich und den ins Totalitäre abdriftenden USA. Es ist der Vorabend eines Jahrestages, dem 7. Oktober, mit den barbarischen Morden, den Geiselnahmen, unsäglichem Leid ...
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Foto: C.E.

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