Dienstag, 6. Oktober 2026

Gedenktage

Bon­jour, hel­lo, herz­lich will­kom­men! Mein Na­me ist Ca­ro­li­ne Eli­as, ich bin Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin, sit­ze meis­tens in der Fran­zö­sisch­ka­bi­ne oder bin auf Reisen, so wie jetzt gerade. In mei­nem Le­ben mischt sich das Pri­va­te manch­mal mit dem His­to­ri­schen. Und das ist ge­ra­de jetzt be­son­ders schwer.

Der Leh­rer reicht mir das Mi­kro­fon: „Mach Du wei­ter!“ Ich: „Wie in Frank­reich?“ Er: „Wie in Frank­reich!“

Ich ste­he an ei­nem KZ-Fried­hof in Süd­deutsch­land. Es ist ein klei­nes Au­ßen­la­ger von Natz­wei­ler am Ge­denk­tag der Be­frei­ung. Et­li­che Gäs­te aus Frank­reich sind da und be­rich­ten über die­sen Tag. Ich dol­met­sche zum allerersten Mal in meinem Leben. Ich bin 17 Jah­re alt und ah­ne nicht, dass ich das ein­mal be­ruf­lich ma­chen wür­de.

Ei­ni­ge Mo­na­te zu­vor, auf ei­ner Rei­se beim Schü­ler­aus­tausch: Wir ste­hen in ei­ner Ho­nig­ku­chen­fa­brik, er­hal­ten ei­ne Füh­rung. Ne­ben der Se­kre­tä­rin des Werks steht der La­tein­leh­rer, der, wie ich spä­ter er­fah­re, auch Fran­zö­sisch un­ter­rich­tet hat. Er hat uns auf der Rei­se be­glei­tet, weil er sei­ne Frau mit­neh­men konn­te, ei­ne Leh­re­rin in der Fa­mi­li­en­pau­se. So gab es wie ge­for­dert je ei­ne männ­li­che und ei­ne weib­li­che Be­gleit­per­son; so hat nur ein ak­ti­ver Leh­rer an der Schu­le ge­fehlt, Leh­rer­man­gel schon da­mals.

Der La­tein­leh­rer, des­sen Fran­zö­sisch­un­ter­richt ähn­lich wie der ei­ner to­ten Spra­che ab­ge­lau­fen sein soll, über­trägt für uns die Er­klä­run­gen der Chef­se­kre­tä­rin. Er ringt nach Wor­ten. Ich er­bar­me mich sei­ner und flüs­te­re ihm ab und zu ei­nen Vor­schlag vor, den er dank­bar an­nimmmt. Plötz­lich ver­schluckt er sich, ringt nach Luft, geht aus dem Raum, um sich frei­zu­hus­ten. Sei­ne Frau bit­tet mich, wei­ter­zu­ma­chen. Als er zu­rück­kehrt, ist die Rol­len­ver­tei­lung klar: Ich dol­met­sche wei­ter und er souf­fliert Vo­ka­beln.

Lili Keller-Roseberg / Et nous sommes revenus seuls
Buch von Lili Keller-Roseberg 
Wie in Frank­reich ste­he ich al­so vorn. Ne­ben mir die Über­le­ben­den, auf den Stüh­len die Ho­no­ra­tio­ren, die Pres­se und die Gäs­te der Stadt. Wer­de am En­de kurz ge­lobt. Nie­man­dem ist der Rol­len­tausch ne­ga­tiv auf­ge­fal­len, das ist ja schon mal was, so mein Ge­dan­ke da­mals. Und nie­mand sagt: „Das könn­test du be­ruf­lich ma­chen.“

Da­mals ha­be ich noch nicht ge­ahnt, dass Dol­met­schen weit mehr als Tech­nik und Vo­ka­bel­wis­sen ist. Es geht um his­to­ri­sches Wis­sen, um Prä­zi­si­on und auch um ein emo­tio­na­les Fin­ger­spit­zen­ge­fühl, das in kei­nem Wör­ter­buch steht.

 Zen­tral ist auch das rich­ti­ge Sprach­ni­veau.

Und in der Ana­ly­se kommt jetzt mein El­tern­haus ins Spiel, bei­de His­to­ri­ker und Ger­ma­nis­ten, stets be­dacht da­rauf, dass wir Kin­der uns gut aus­drüc­ken, de­tail­reich und vie­le Wörter ler­nen. Dan­ke!

Mich hat das „Drit­te Reich“ jahr­zehn­te­lang im­mer wie­der be­schäf­tigt, auch die­ser Ta­ge in Wei­mar. Ei­ne äl­te­re Da­me, die als Kind im KZ war, be­rich­tet vor Ju­gend­li­chen. Hier ist ei­ne be­son­ders fein­füh­li­ge Spra­che wich­tig. Al­les ist prä­zi­se zu über­tra­gen: das Grau­en und ih­re gro­ße Men­schen­lie­be, ih­re De­mut und ih­ren fei­nen Hu­mor, der dann und wann auf­blitzt. Je­des Wort, je­de Nu­an­ce zäh­len.

Und nun, an die­sem Diens­tag, als ich die Zeit­zeu­gin in ei­nem Hin­ter­zim­mer des be­rühm­ten Ho­tels Ele­fant in Wei­mar zu ei­nem Ge­spräch mit den Ho­no­ra­tio­ren des Lan­des und der Stadt be­glei­ten darf, kommt die Nach­richt, dass in Sach­sen-An­halt zum ers­ten Mal seit 1945 in Deutsch­land ein rechts­ex­tre­mer Par­la­ments­prä­si­dent ge­wählt wur­de. Es schnürt mir den Hals zu. Es war zu er­war­ten. Es ist trotz­dem er­schüt­ternd. Er hat vier Stim­men mehr er­hal­ten, als sei­ne Par­tei und das BSW, ei­ne Ab­spal­tung ei­ner lin­ken Par­tei, im Par­la­ment ha­ben.

Es ist wie vor bald 100 Jah­ren: man­geln­de Bil­dung, das in Tei­len be­rech­tig­te Ge­fühl, zu­rück­ge­setzt und be­nach­tei­ligt zu sein, Rat­ten­fän­ger, die sich neu­er Me­di­en be­die­nen, cha­ris­ma­ti­sche Per­so­nen, die kom­plett vom Par­tei­pro­gramm ab­wei­chen und das Blaue vom Him­mel ver­spre­chen in der Hoff­nung, dass die Men­schen nicht in den Quel­len le­sen.

Die­ses Stu­di­um der Quel­len, das kri­ti­sche Le­sen, ist in Zei­ten des In­ter­nets und der KI wich­ti­ger denn je, und es wur­de, ob­wohl wir ja nicht erst seit ges­tern mit neu­en Tech­no­lo­gi­en le­ben, ver­nach­läs­sigt. Ich er­gän­ze auf mei­ner Lis­te: Ein ver­sa­gen­des Schul­sys­tem, das nicht oder zu we­nig an die Her­aus­for­de­run­gen der Zeit an­ge­passt wur­de.

Un­ser Grund­ge­setz ist an­ti­fa­schis­tisch, das hat Hape Ker­ke­ling erst letz­te Wo­che so vor dem Thü­rin­ger Land­tag per­fekt zu­sam­men­ge­fasst. Es ent­stand aus dem Schock dar­über, was Men­schen vom ter­ro­ris­ti­schen NS-Re­gime an­ge­tan wur­de. Ich ver­ste­he das Zö­gern nicht. So­gar die CDU-na­he Kon­rad-Ade­nau­er-Stif­tung hat gut­ach­ter­lich fest­ge­stellt, dass die rechts­ex­tre­me Par­tei ver­fas­sungs­feind­lich ist.

Das Schlimms­te für mich heu­te ist es aber, un­se­rer Zeit­zeu­gin und ih­rer Toch­ter von den Ent­wick­lun­gen in Deutsch­land zu be­rich­ten. Später, am Abendessenstisch, wer­den wir sit­zen­blei­ben und über his­to­ri­sche Par­al­le­len spre­chen, aber auch über die Ent­wick­lun­gen in Frank­reich und den ins To­ta­li­tä­re ab­drif­ten­den USA. Es ist der Vor­abend ei­nes Jah­res­tages, dem 7. Ok­to­ber, mit den bar­ba­ri­schen Mor­den, den Gei­sel­nah­men, un­säg­li­chem Leid ...

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Fo­to: C.E.

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