Mittwoch, 6. April 2022

Nächstes oder kommendes?

Guten Tag oder guten Abend! Sie sind mit­ten in ein Ar­beits­ta­ge­buch hinein­ge­ra­ten, in dem sich al­les um Spra­che, Dol­met­schen, Über­setzen und Kult­uren dreht. Als frei­be­ruf­li­che Sprach­mitt­lerin denke ich jeden Tag über meine Arbeits­mit­tel nach. Jeden, aber auch jeden Tag, ob ich will oder nicht.

"Wann ist noch­mal Ostern?", fragt der nächste Mit­­mensch beiläufig. Ich bin sofort hellwach, denn mit Zeitan­gaben habe ich mit­un­ter Schwie­rig­keiten.  

Kalender, Zifferblatt, Kreisel in Drehung und liegend
Alles eine Frage der Perspektive

Das geht schon mit der Uhrzeit los. Bei "es ist drei­viertel fünf" höre und sehe ich die Ziffer 5, dazu ¾, schön. Nur was jetzt bitte in welcher Reihen­fol­ge. Oder cinq heures et demie, da ist auch die Ziffer 5, dann ½. Ein­facher ist das cinq heures moins le quart, fünf Uhr weniger ¼, das sehe ich so­fort bildlich vor Augen, hier ist plötz­lich das moins stark genug.
Bei Uhr­zeit­an­sagen muss ich mir im­mer kurz über­le­gen, in wel­chem Idiom ich gerade denke oder spre­che. Denn die Spra­chen haben ihre je­weils ei­ge­ne Logik: Bei "dreiviertel Fünf" sind schon drei Vier­tel­­stun­den von der fünf­ten Stun­de vergangen, ok, damit ist es viertel vor fünf, während bei cinq heures et demie die halbe Stunde zur fünften hin­zu­kommt.

Als Schü­lerin hatte ich eine Dyskalkulie, Zah­len waren für mich sehr lange nicht mit Wer­ten verbunden, die Sechs und die Neun sahen irgendwie gleich aus, 6 / 9, ist ja nur gespie­gelt und Ähn­­li­­ches, die Drei und das Schreibschrift-E zum Beispiel. Wann im­mer Zah­len ins Gespräch kamen, setzte bei mir für eine Schreck­se­kun­de lang das Gehirn aus. Meine Dolmetsch­kol­le­gin­nen in der Ka­bi­ne muss­ten mir immer die Zahlen aufschreiben. 

Das mache ich jetzt see­len­ruhig selbst, wo wir pan­de­mie­bedingt oft allein in der Bütt sitzen. Zum Glück hat dieser Über­gang geklappt. Ich habe ja jetzt auch lange genug mit Zah­len zu tun gehabt.

Und dann die Frage: "Wann ist nochmal Ostern?" Der Kopf rotiert: Nächste Wo­che, kom­men­de Woche? Für mich klingen die Begriffe wie Sy­no­ny­me. Hier muss eine (irgendwie hin­kende) Ge­dan­ken­brücke her! Das "nächste" ist mit "aller­nächs­te" steigerbar, ergibt ein zu­sam­men­hän­gen­des Wort — und das ist dann nicht ein- und dasselbe. Beim komm­en­den Wo­chen­ende ist es das JETZT kommende Wo­chen­en­de, das gemeint ist, dafür brauche ich ein zweites, ein anderes Wort, also ist das kom­men­de Wo­chen­en­de wirk­lich dasjenige, das jetzt als al­ler­nächs­tes ansteht.

Irgendwie hilft das manchmal. Ich antworte, weil ich gewisse Begriffe vermeide: "Karfreitag ist am 15!" Darauf der nächste Mitmensch: "Ach so ... und ich dachte, es wäre schon dieses Wochenende!" (Ich darauf: leicht verwirrt.)

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Collage:
C.E.

Dienstag, 5. April 2022

Fortbildung (1)

Will­kom­men auf den Seiten meines digi­talen Arbeits­ta­ge­buchs aus der Welt der Über­setzer und Dol­met­scher. Täg­lich ar­beite ich in mei­nen Spra­chen, le­se, höre, schreibe und denke auf Deutsch, Franzö­sisch und Eng­lisch — und auf einen be­zahlten Tag kom­men immer auch unbezahlte Tage.
Echtzeitreaktionen auf der Konferenz

S
o ein Dol­metsch­tag sei ganz schön teuer, meinte neulich jemand. Wir antworten darauf: Überlegen Sie doch mal, was Ihr Anwalt kostet! Die Ho­no­ra­re von spe­zia­li­sier­ten Fach­kräf­ten hän­gen von Aus­bil­dungs­zei­ten ab — und von der Art der Berufstätigkeit.

Die meis­ten von uns Dol­met­scher:in­nen haben nicht nur ein Stu­dium ab­sol­viert, son­dern vom Auf­wand her zwei bis drei. Wir verb­rin­gen viele Jah­re im Aus­land, auch bis die Spra­chen na­tür­lich ge­wor­den sind, z.T. ar­bei­ten wir da als Sprach­as­sis­tent:in­nen in Schulen oder als Lek­tor:in­nen, wo we­nig be­zahlt und nichts bis kaum et­was fürs Alter an­ge­spart wird.

Die wenigstens von uns sind fest­an­ge­stellt. Die meis­ten ar­bei­ten wir auf eigene Rech­nung und kom­men für Bü­ro­kos­ten, Kran­kengeld, Weih­nachts­geld etc. selbst auf. Ei­nen 13. oder gar 14. Monat ken­nen wir nicht.
Konferenzen online

Auch die Fort­bil­dun­gen or­ga­nisie­ren wir selbst, und wir setzen dafür un­be­zahl­te Ar­beits­zeit ein. Und wir finden nicht nur bei der Ar­beit, son­dern auch hier Ideen für die Ver­bes­se­rung in­ter­ak­ti­ven Kon­fe­renz­sof­tware. Wer sol­che Syste­me ent­wickelt, ver­bes­sern möch­te und eine Stim­me aus der Praxis sucht: gerne!
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Ilustrationen: Hope! 2022  // Und weiß jemand, warum
hier die Bildunterschriften so nach unten gerutscht sind?

Montag, 4. April 2022

Reisetipps

Bonjour und guten Tag! Hier bloggt ei­ne Dol­met­sche­rin. Was Kon­fe­renz­dol­met­scher und Über­setzer machen, na­tür­lich auch die ":innen" im Be­ruf, also wie wir ar­beiten, ist hier, in mei­nem di­gi­ta­len Ar­beits­ta­ge­buch, seit 2007 Gegen­stand in Form kur­zer Epi­soden und immer mit einem schar­fen Blick auf die Sprache(n).

Eigent­lich wollte ich diesen Blog­post "Reise­tipps vom Profi" überschreiben. Da "vom Profi" streng genommen einen Mann bezeichnet, habe ich das weggelassen.

Heute, in der Mail eines französischen Produzenten auf die Frage, ob er eine Dreh­buchüber­set­zung ge­gen­dert ha­ben möchte: "Könnten Sie dazu bitte etwas mehr schreiben, ich verstehe die Frage nicht."

Techniktasche: Adapter, externe Festplatte, Ladekabel, Speicherstick, Aspirin etc.
Technikbeutel mit Aspirin

Beim Thema Gendern bin ich hin- und her­gerissen. Ich bin irritiert, wenn man von mir in der männ­lichen Form spricht: "Der Dolmetscher in der Ka­bi­ne braucht Ihr Manus­kript auch noch." OK, das Glas­fens­ter spie­gelt, Ihr seht nicht, dass ich eine Frau bin. Aber Gen­dern soll uns sicht­bar machen, vor Dis­kri­mi­nie­rung schützen. Doch es gibt so­gar Dis­kri­mi­nie­run­gen von Frauen durch Frauen. Bei­spiel: Ein Frau­en­team fühlt sich durch einen Mann "aufgewertet" und stellt einen Mann fest ein.

Große Techniktasche plus zwei kleine Täschchen für Kopfhörer, Tampons, Handcremedöschen
Plus Minibeutelchen, auch für Ersatzkopfhörer
In den Dol­­metsch­kabinen sitzen zu 95 Pro­zent Frauen, er war der ein­zi­ge Mann im Ver­fah­ren und "hat be­son­ders her­­aus­ge­stochen aus den Be­wer­bern", wie spä­ter zu hören war. (Ich kenne die Be­hör­de, in der das pas­siert ist, zu­fäl­lig gut, da­her die Ori­gi­nal­zi­ta­te.) Fest­an­stel­­lungen sind in un­se­rem Beruf sel­ten, in Pan­de­mie­zei­ten be­son­ders wert­voll. Das Frauen­team hat den Mann ausgewählt, "weil er ja eine Familie zu er­näh­ren hat." Mo­ment, Frauen etwa nicht? Und al­lein­stehende Frau­en (oder Män­ner) gibt es nicht?

Die Epi­sode beweist: Frauen sind nicht per se besser, was ja grund­sätz­lich eine ziem­lich dum­me Be­mer­kung ist. Auch gegen solche "ge­wohn­heits­mä­ßi­ge Dis­kri­mi­nie­rung" könnte die Gen­de­rei lang­fristig hel­fen. In Dreh­­bü­­chern und literarischen Texten finde ich sie indes höchst mühsam zu lesen. Sie tut mir auch ein wenig in den Fingern weh. Ist einfach mehr zu tip­­pen, macht lan­ge Tex­te noch länger. Oder ist es nur eine Frage der Gewöhnung?

Festes Deo, Nagelknipser, Haargummi, Zahnputztabletten
Nicht abgebildet: Standard-Hautcreme

Dass es in der Welt draußen von Frau­en­dis­kri­mi­nie­rung wim­melt, sollte man/Mann inzwischen mit­­be­kom­men haben. Die Me­dizin forscht und verschreibt für den white cau­casian man of 160 pounds, der weiße Mit­tel­eu­ro­päer von 80 Kilo ist überall Norm. Wo bleiben Frauen und Kin­der und alte Menschen mit Ko­mor­bi­di­täten?

Fehl­an­zeige.
Endome­triosen zählen zu den am we­nigs­ten erforschten Volks­krank­hei­ten, be­trifft ja nur ma­xi­mal die Hälf­te der Be­völ­kerung. 

Die Be­han­d­lung von Li­pö­de­men wird erst dann von den Kas­sen übernom­men, wenn die Pa­tien­tin­nen schwerstens ein­ge­schränkt sind, um nur zwei Bei­spie­le zu nennen.

Diskri­mi­nie­rung gibt es auch da, wo niemand damit rech­net: Bei Online-Berufs­­netz­­wer­ken, wo mo­nat­lich ein gewisser Obolus fällig ist, über den Frei­be­ruf­ler:in­nen auf sich aufmerksam machen können. Da hab ich jahre­lang viel Geld ge­las­sen, nie ist da­rüber auch nur eine Anfrage rein­ge­kom­men. Die wenigen männ­li­chen Kol­le­gen konn­ten sich in der Zwischenzeit vor Zuspruch kaum retten. Später habe ich her­ausgefunden, dass Profile, die weib­lich be­zeich­net waren, schlicht nicht an­ge­zeigt worden sind von der internen Suchmaschine. Ich stand da natürlich als Dol­met­scherin und nicht als Dolmetscher.

Festes Deo, Bambuszahnbürste, Creme, Haargummi, Nagelknipser, Nagelfeile, Zahnputztabletten
Das ist alles (die Kappe für die Bürste fehlt)
Und ja, wir wissen alle, wo das alles her­kommt. Lese­hinweis: Der Mensch ist männ­lich, Spek­trum, von Esther Megbel, veröf­fent­licht am 2.4.22.

Jetzt bin ich ganz von mei­nem The­ma ab­ge­kom­men. Hier rasch noch vier Fotos. Wenn ich reise, reise ich leicht. An­ge­fan­­gen hat es da­mit, dass ich zweimal bei un­ter­schied­li­chen Teilen der Fa­mi­lie mei­nen Kul­tur­beutel und den Kul­tur­beu­tel­er­satz ver­ges­sen habe. Die Mi­nia­tu­ri­sie­rung hat zur Fol­ge, dass ich den ech­ten Beu­tel nur noch in den Ur­­laub mit­neh­me.

Mi­ni­ma­lis­mus in der Reise­tasche kann ich, nach­hal­tig und leicht. Und in Sa­chen Spra­che: Wir werden uns um­ge­wöh­nen und teilweise auch anders schre­iben. Spra­che, er­leich­tert von Dingen, die sich überlebt haben. So, wie heu­te schon man­che Begrif­fe nicht mehr ver­wen­det wurden. Nein, keine Bei­spie­le.


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Fotos: C.E. (Wenn Sie mit dem Cursor auf die Bil-
der gehen, können Sie lesen, was abgebildet ist.)

Freitag, 1. April 2022

Wir Wortakrobatinnen

... und -akrobaten! Bonjour, hier bloggt ei­ne Dol­met­sche­rin. Was Kon­fe­renz­dol­met­scher und Über­setzer machen, und na­tür­lich auch wir Frau­en im Be­ruf, wie sie bzw. wir arbeiten, ist hier seit Mitte der Nuller Jahre re­gel­mä­ßig Gegen­stand in Form von kleinen Epi­soden aus dem Alltag.

Portait, Lampe, Möbel, Kalender, Füller
Ausschnitt aus dem Arbeitszimmer

Im ersten Augenblick denke ich an einen Aprilscherz: "Wir su­chen jemanden, der nicht so pro­fes­sio­nell ist wie Sie!"
Es geht um eine po­ten­tiel­le Bu­chung. "Pro­fes­sio­nell" ist hier gleich­be­deu­tend zu verstehen mit "teuer", eine weitere il­lus­tre Absage, wie sie wohl nur Linguist:innen ken­nen.
Ich nehme solche Sätze ungern ernst. Beim nächsten Mal werde ich un­ge­niert laut ins Telefon lachen. 

Denn zu schreiben traut sich der­lei zum Glück kaum noch jemand. Stellen wir uns vor, sowas bekäme eine Opera­teurin zu hören: "Wir suchen für die Ope­ration des Bein­bruchs jemanden, der nicht so pro­fes­sio­nell ist!" Oder ein Lehrer: "Wir suchen für den Matheun­terricht unseres Kindes jeman­den, der nicht so pro­fes­sio­nell ist!" Noch einer gefäl­lig? "Wir suchen für das Steuern des Flug­zeuges jemanden, der nicht so pro­fes­sio­nell ist!"

Dann doch lieber Nach­richten wie diese hier, die mir ein Kol­lege heute wei­ter­ge­leitet hat: "Ich zögere keine Sekunde, nach­dem ich das Profil von Frau E. gelesen habe, wir bestä­ti­gen Ihr Ange­bot mit großer Freude. " Frau E., das bin ich. Und stolz wie Bolle. Und voller Vor­freu­de auf den Ein­satz. Und dankbar, dem Kol­le­gen gegenüber.

Hinter­grund dieser Bu­chung: Wir selbständigen Dolmet­scher:innen finden, wenn wir selbst nicht können, für un­se­re Kund­schaft inner­halb unseres Netz­werks die pas­sen­den Kolleg:innen, ohne dass wir uns einen beträchtlichen Teil deren Ho­no­ra­re ab­schnei­den, wie es viele Makler oder Agentu­ren machen.

Bei uns Dolmet­scher:innen ist der Anteil für die Vermitt­lung, den Agenturen für sich be­an­spru­chen kön­nen, leider nicht gesetzlich ge­re­gelt. Bei Schau­spiel­agen­tu­ren ist das an­ders. In Paragraf 301 des Sozial­ge­setzbuchs (SGB III) steht, dass eine Ver­ord­nungs­er­mäch­ti­gung die Provi­sionen regelt, und das ist bei ei­nem kur­zen Ar­beits­ein­satz, bis zu sieben Arbeitstage, 18 Prozent, und dau­ert er länger als zwölf Monate, 14 Prozent.

Diese Rege­lung gilt für Künst­lerinnen und Artisten, Foto­modelle, Werbe­typen, Man­ne­quins, Dressmen, Doppel­gänger:innen, Stuntmen und -women, Disc­jockeys und Berufs­sport­lerinnen. Jetzt mal nachdenken: Wir sind Doppel­sprecher:innen, sehen grund­sätz­lich imm­er hervor­ragend aus (uns sieht ja ohne­hin nie­mand in der Box) und wir ge­hen künstle­risch mit Spra­che um, als Sprach­jongleur:innen sogar ar­tis­tisch.

Wir sollten hier mal eine Erwei­terung der Ziel­gruppe vor­schlagen. Oder die Agen­tu­ren davon über­zeu­gen, sich das Manage­ment separat bezah­len zu lassen.

Und warum vermit­teln wir freiberuflichen Senior Interpreters ohne Extra­kosten Ein­sätze an Kolleg:in­nen? Weil wir damit der werten Kund­schaft einen Dienst er­wei­sen, diese uns dann später wieder bucht und sich alle im Team mit Retour­kut­schen dank­bar zeigen. Win-win-win!

Wenn aber ein Auftrag einen erhöhten Or­ga­ni­sa­tions­auf­wand dar­stellt, weisen wir das in unseren Kosten­vor­an­schlägen aus, das steht dann unter "bera­tende(r) Kon­fe­renz­dol­met­scher:in" im Angebot. Tout tra­vail mé­rite sa­laire, jede Arbeit ver­dient eine Bezahlung. Und wenn es eine zusätz­liche Arbeit ist, wird diese auch zu­sätz­lich berech­net. So einfach ist das.

Und teuer sind wir nicht, wir haben nur un­se­ren Preis: Langes Stu­dium, Selb­stän­dig­keit, von kei­ner Seite kom­men Sozial­leis­tun­gen. Gerade in der Pan­demie wurde klar, dass wir oh­ne Netz und dop­pel­ten Boden un­ter­wegs sind.

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Foto: C.E.

Mittwoch, 30. März 2022

Pfarreien

Zufäl­lig oder ge­plant: Sie sind hier auf Sei­ten eines digi­talen Tage­buchs aus der Ar­beits­welt gelandet. Ich bin Dol­met­scherin für die fran­zösische Sprache (und aus dem Eng­li­schen) und berichte aus dem All­tag.

Beim Com­pu­ter­auf­räumen finde ich folgenden automatisch übertragenen Mail­aus­tausch, den ich in Ko­pie er­hal­ten hat­te. Unten steht das Ori­gi­nal, oben die "Übel­set­zung".

Zur Erinnerung: Wir haben dieses Detail bei einem früheren Treffen gemeinsam gesehen. | Sie mussten mir eine Lösung für die 2 Pfarreien anbieten. | Wir können nächsten Donnerstag reparieren. | herzliches Element.


Als Dol­metscherin, die bei früheren Tref­fen mit vor Ort war, konnte ich sinngemäß übertragen. "Zur Erin­nerung: Wir haben dieses Bau­teil bei einer früheren Begeh­ung gemeinsam in Augen­schein ge­nommen.
Sie sollten mir dann eine Lösung für die zwei Wände anbie­ten.
Wir können nächsten Don­ners­tag nochmal darüber spre­chen.
Mit freundlichen Grüßen ..."

An den Kunden in Frank­reich ging dann diese Rück­über­set­zung der Rück­über­set­zung:
Je retra­duis ce que DeepL en a fait en Allemand : "Vous avez dû me pro­poser une solution pour les deux pa­roisses [ ≠ parois]. Nous pou­vons réparer [≠ reparler] jeudi pro­chain.
Aus parois, Wand, hat das System paroisse gemacht, Pfar­rei, aus reparler, erneut bes­prechen, wurde ein réparer, reparie­ren.

Das sind phone­tische Fehler, die ich nicht erklären kann. Einige andere DeepL-Fails hier: Gesetzesvorhaben, Schuld auf sich nehmen, Flächen­neu­in­an­spruch­nah­me.

Die meis­ten Fehler im Be­reich KI-Anwen­dung auf Sprach­dienst­leis­tun­gen sind übri­gens menschliche Fehler, schlechter Stil, un­zu­rei­chende Sprach-, Gram­matik- und da­run­ter vor al­lem In­ter­punk­tions­kennt­nis­se. Da der Mensch als Nutzer:in von Tech­nik gleichermaßen Quelle wie Ziel­grup­pe ist, werden wir Sprach­ar­bei­ter:innen auch künftig immer viel zu tun ha­ben.

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Illustration: DeepL

Dienstag, 29. März 2022

Dynamikwechsel

Wie wir Sprach­ar­bei­ter:in­nen ar­beiten, genauer Konferenz­dol­met­scherin­nen und Über­set­zer, bes­chreibe ich hier. Wir erprobten in­ter­na­tio­nal tä­ti­gen Simultandol­met­sche­rin­nen sind nor­ma­ler­wei­se gut ausgelastet. Durch Co­ro­na ist das anders. Letzte Woche habe ich voll ge­ar­bei­tet, diese Woche ist wieder Fü­ße­still­hal­ten angesagt.

Ede muss ran (wenn ich pau­siere)
Sind wir Dol­met­scherin­nen Adre­na­lin­junkies? Ich glau­be schon. Viele von uns sind mit ih­rem Beruf ver­hei­ratet, brau­chen regel­mä­ßig die intel­lek­tu­elle He­raus­for­de­rung. Die Dy­na­mik­wech­sel von Über­hol- auf Kriech­spur, nein, schlimmer: von Voll­dampf auf Still­stand, sind nicht einfach zu be­wäl­ti­gen. Unse­re Lebens­ge­fährt:in­nen können ein Lied davon singen.

Auf dem Schreibtisch

⊗ Un­ter­ti­tel­lek­torat EN ma­na­gen (macht eine Kol­legin)
⊗ Do­ku­men­ten­übersetzung > FR ma­na­gen (andere Kollegin)
⊗ Kosten­voranschlag Drehbuch > DE mit Über­länge er­stel­len
⊗ Nachb­ereitung ver­glei­chen­endes Insolvenzrecht DE<>FR
⊗ Nachb­ereitung Bau­stel­len­dol­metschen DE<>FR

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Foto:
C.E.

Montag, 28. März 2022

Museum der Wörter (28)

Bien­ve­nue auf den Sei­ten einer Sprachar­bei­te­rin. Wir Über­setzerin­nen, Über­set­zer, Dol­metscherinnen und Dolmetscher ar­beiten seit Beginn der Pan­demie we­ni­ger als zu­vor, al­ler­dings ist die Ar­beit for­dern­der als frü­her. Und wir mussten neue Begriffe lernen. Heute mal wieder das Wörtermuseum:

                      

                  Draußenveranstaltung

                  Hybridevent

                  Hygienekosten

Die Co­ro­na­zeit hat weitere neue Vo­ka­beln mitgebracht. Zwischendurch war kein Hinterherkommen. Was wird bleiben?

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Idee: H.F.

Sonntag, 27. März 2022

Grüner Daumen

Was Dol­met­scherinnen und Über­setze­rin­nen tag­ein, tagaus be­schäf­tigt, natürlich auch Dol­met­scher und Über­set­zer, können Sie hier mitlesen. Es ist Sonn­tag, Zeit für eine Pause!

In Deutsch­land ken­nen wir den "grünen Daumen", in Frankreich ist es die grü­ne Hand, la main verte.

Egal ob Fin­ger oder Hand, sowas in der Art haben meine Mit­gärt­ne­rin­nen garan­tiert. Manchmal leiden wir trotzdem unter Buchs­baum­zünzlern, haben Läu­se und Schnecken, ich darf dann immer nach natur­ver­träg­li­chen Lö­sun­gen su­chen, aber sonst gelingt uns alles.

Unser Hofgarten im Frühling



Vor allem haben wir Regen­würmer, Spring­schwänze, Asseln, Pilze und viel Getier mehr, das den Kompost­haufen bevöl­kert, was vor allem mein Bereich ist. Ich bin hier die Bo­den­qua­li­täts­beauftragte, da ich vieles von den Erkennt­nissen in die Pra­xis umsetze, die ich beim Dolmetschen lerne, aus Dossiers wie Ökolandbau, Per­ma­kul­tur, Agro­forst­wirt­schaft, Boden­gesundheit, Boden­reha­bi­li­tation, Wasser­spei­che­rung in der Erde — über­all spielt Kompos­tie­rung eine gro­ße Rolle.

Und ich liebe es, nach anstren­genden Dolmetsch­ein­sätzen erstmal die Run­de durch unser Hof­gärt­chen zu machen, nach­sehen, ob alles in Ord­nung ist. Das erdet mich im wahrs­ten Sinne des Wortes.

Und ja, ich per­sön­lich wür­de mehr auf Wild­pflan­zen setzen, aber unser Gar­ten ist eine de­mo­kra­tische Ver­an­staltung. Und ich hab hier noch einen Bil­dungs­auf­trag.

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Foto: C.E.

Freitag, 25. März 2022

Power Naps

Herz­lich will­kom­men! Hier bloggt ei­ne Dol­met­sche­rin. Was Kon­fe­renz­dol­met­scher und Über­setzer machen, und na­tür­lich auch wir Frau­en im Be­ruf, wie sie bzw. wir ar­beiten, ist hier seit 2007 re­gel­mä­ßig Thema. Seit Beginn der Covonakrise hatte ich keine einzige normale Ar­beits­woche — bis jetzt. Ver­melde: KW 12 (2022) war wieder "mit bran­chen­üblicher Aus­las­tung". Und die kom­mende Woche: erneut gäh­nen­de Leere im Ka­len­der. 

Es heißt, unser Beruf sei einer der stres­sig­sten Berufe der Welt. Gut, dass ich mein Kissen für ein kurzes Pau­sen­schläf­chen bei einer Kon­ferenz an einem sehr son­ni­gen Frühling­stag ir­gend­wo in Eu­ropa dabei habe. 

Und auf dem Rück­flug ist das gute Stück im Hand­ge­päck, ich schla­fe weiter. (Dass ich flie­gen has­se, hab ich sicher hier schon mal ir­gend­wo ge­sagt. Bügeln üb­ri­gens auch! So un­nütz, beson­ders bei Bett­­sachen. Sieht ja nie­mand!)

Ver­glei­chen­des In­sol­venz­recht und die Um­set­zung der ent­spre­chen­den europäi­schen Richt­linie zu seiner Ver­ein­heit­li­chung ist kein Spa­zier­gang; dazu waren die Herr­schaften recht in­tensiv, sprachen schnell und tausch­ten ausgiebig ihre Er­fah­rungen miteinander aus.

Das, was ich inhalt­lich zum Thema sagen darf als Zu­sam­men­fas­sung, folgt vor­aus­sicht­lich Mitte kom­men­der Woche. Bis dahin stehen Er­holung, Film­ver­leih- und er­wei­ter­te Fa­milien­ar­beit auf dem Pro­gramm.

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Fotos: Virginie Varlet und N.N.

Donnerstag, 24. März 2022

Hasenbrot

Was und wie Kon­fe­renz­dol­metscher und Über­setzer (und Dol­metsche­rin­nen und Über­set­ze­rin­nen) arbei­ten, hier berichte ich auf die­sen Blogseiten seit 2007, da­bei denke ich auch über meine Spra­chen nach.

Das Wort doggy bag habe ich irgend­wann in den 1980er Jahren zum ersten Mal ge­hört, vermutlich in einem Film von Woody Allen, und es als einen typis­chen Begriff aus New York verstoff­wech­selt. Die "Tüte für den Hund" sind die Essens­reste aus dem Speise­lokal, über das am Folge­tag sich Frau­chen oder Herr­chen selbst her­macht, oft auch mangels Hund.

Ein Vor­fahre dieses Doggybags in indirekter Linie ist das gute alte Hasen­brot. Um die­se Verbin­dung herzustellen, habe ich Jahrzehnte gebraucht. Diese Woche rie­selte mir die­se Erkenn­t­nis so gemächlich durch das Hirn, wie die Sonnen­flecken durch ein Bäum­chen mit Knos­pen und ersten sprie­ßenden Blätt­­chen und Blüten zu Boden tan­zen.

Draufsicht auf Tisch mit Kaffee, Brot, Obst und Paprikaschnitzchen, dazu Käsebrötchen
Frühstückstisch mit Hasenbroten
Diese Woche: Dol­metsch­ein­satz mit ech­ten Men­schen, mit ech­tem Buf­fet in einem Ta­gungs­haus. (Was vor­pan­de­misch All­tag war, ist nun das Be­son­dere!) Nach der Ver­an­stal­tung stehen noch einige Tab­­letts mit über­zäh­li­gen Käse­brötchen un­ser­viert in der Kü­chen­durch­rei­che. Ich ha­be im­mer meine Brot­box dabei, befülle sie mir nach Zu­stim­mung der Küchen­dame. Ich schaf­fe auf der län­geren Rück­reise nicht alles.

Mit­ge­­brach­te Brote sind "Ha­sen­bro­te" ... Was heute der Hund ist, waren vor­mals die Hasen: "Für die Hasen neh­me ich das gerne mit." Und wir müm­meln nicht an diesen Broten am nächsten Morgen, son­dern strei­chen beim Früh­stück auch auf das Brötchen­ober­teil noch etwas Butter vor dem genussvollen Ver­zehr.

Gereiste Brote fand ich als Kind üb­ri­gens immer besser als frisch Zu­be­rei­te­tes. So schön or­dent­lich durchge­zogen, mariniert in den eigenen Aro­men, lecker!

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Foto:
C.E.

Mittwoch, 23. März 2022

Neues Dolmetschsymbol

Was und wie Kon­fe­renz­dol­metscher und Übersetzer (und Dolmetsche­rin­nen und Über­set­ze­rin­nen) arbeiten, darüber berichte ich auf diesen Blog­sei­ten. Dolmet­schen ist kein Beruf, es ist eine Le­bens­wei­se. Hier erfah­ren Sie, warum.

Dolmetschen ist ein Kampfsport, saust mir manch­mal im Kopf herum, l'interpré­ta­riat est un sport de com­bat, die Quel­le habe ich ver­ges­sen. Der Satz stimmt. Dol­met­schen ist eine Kom­bi­nation aus Sprint und Mara­thon: Wir lau­fen Mara­thon, und immer wieder müs­sen wir zwi­schen­durch hef­tige Sprints einlegen.

Wer Sport sagt, schließt sport­li­chen Lebens­wan­del mit ein. Gut zu schlafen ist wich­tig, ge­sund zu essen, sich regel­mä­ßig zu bewe­gen, Stress im sons­ti­gen Alltag zu ver­mei­den: Kurz, alle Regler sind so zu schieben, dass es der großen Leis­tung zuträglich ist.

Auf die "Mara­sprints" in der Dol­met­scher­ka­bine be­rei­te ich mich mit Wal­king vor (so ähnlich, wie Trab­renn­pfer­de im Galopp trainiert wer­den, nur eben an­ders­herum). Ich gehe, schlendere, eile, bummle, haste, spaziere was das Zeug hält.

Die Acht für un­end­lich plus ein ♡
Dy­na­mik­wechsel sind schön und gut, richtig wichtig scheinen aber die vielen Kilo­meter zu sein, die meine Lauf­schuhe am Abend auf dem Tacho haben (bzw. das Mo­bil­te­le­fon).

Und aus den Augen­winkeln sehe ich vieles, womit ich hier meinen Dol­metsch­web­log il­lus­triere, Grafitti, Schab­lo­nen­ma­lerei, Aufge­klebtes, Ange­hängtes, Kreide­zeich­nungen, kunstvoll bemalte Scherben.

Zum Bei­spiel dieses hier: ein neues Symbol für die sprach­un­ge­bundene Sym­bol­schrift von uns Dol­met­scher:innen bei kon­se­ku­ti­ver Ar­beit (in Pausen hin­ein). Proud­ly presents: infi­nite love, un­end­liche Liebe, als neues Symbol.

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Foto:
C.E.

Montag, 21. März 2022

Gemütliches Küchendolmetschen

Bien­ve­nue auf den Sei­ten einer Sprach­ar­bei­te­rin. Seit 2007 berichte ich hier in loser Folge über das Ar­beits­le­ben von Über­setzerin­nen, Über­set­zern, Dol­met­scherinnen und Dol­met­schern. Unser Beruf kann sogar auch mal gemütlich sein.

Für Handys gibt's kaum stabile Stative
Bei einer Euro-Be­triebs­­rats­sit­zung wird gemeinsam ein Text for­mu­liert. Die Schrei­benden sitzen auf mehrere Länder verteilt: Zypern, Grie­chen­land, Frank­reich, Belgien, die tschech­ische Re­publik und in Deutsch­land. Wir Dol­met­scherin­nen und ein Dol­met­scher sind per Kon­fe­renz­soft­ware pandemiebedingt aus den ei­ge­nen Büros zu­­ge­­schal­tet.

Die Sitzung dauert drei Stunden. Vier oder fünf län­gere Gesprächs­phasen gibt es, in der Zwi­schen­zeit wird for­mu­liert, um Ver­ben gerun­gen, werden Kom­mata ge­setzt, Neben­sätze ge­löscht. Dann ge­hen al­le in eine kurze Pau­se. Da habe ich Zeit, in die Küche zu flüch­ten, weil neben dem Büro Türen abge­schlif­fen wer­den. 

Damit ich gut mit­lesen kann, lege ich mir den Text auf den Klapp­rechner und die Kon­fe­renz aufs Handy, Stich­wort se­cond screen, denn das Tablet ist in der Repa­ratur.

Alle haben zeit­gleich ihre Hände auf den Tastaturen. Das gesprochene Wort tritt hinter dem Ge­schrie­be­nen zurück. Was für eine Erholung, ver­gli­chen mit man­chen Kon­ferenztagen, an denen uns über­mo­ti­vier­te Pro­mo­ven­d:in­nen ihre ganze Dis­ser­ta­tion auf 20 Minuten redu­ziert zumuten! Das sind Menschen, die noch so wenig Abstand zur eigenen Arbeit haben, dass sie alle Aspekte der eigenen Forschung in die kurze Redezeit hin­ein­pres­sen möchten. 

Das klappt natürlich nicht, weil sie, statt wohl­for­mu­lierte Sätze zu sprechen, mit verbalen MG-Salven um sich feuern. Sie reden so schnell, dass sogar Mut­ter­sprach­ler in der Ausgangssprache nicht mit­kom­men, und sie überziehen gerne ihre Vor­trags­zeit. Wie sollen wir Dol­metscher:innen das leis­ten, zumal wir in solchen Fäl­len vor­ab oft we­der eine In­halts­­zu­sam­­men­fas­sung noch das Ma­nu­s­kript er­hal­ten haben? Da stoßen wir an die Gren­zen unserer Kunst und brauchen eine Erholung.

Gut, wenn dann Mo­de­ra­to­ren wie beim letzten Vor­fall die­ser Art sa­gen: "Jetzt ist nach drei fünf­mi­nü­tigen Vorträgen eine gute Stunde vergangen, und nach ihrem sportlichen Ein­satz haben unsere Dolmetscherinnen eine Pause verdient."

Anders heute: Wir haben viel Schweigen verdolmetscht und Nachdenk­pau­sen. In der Zwi­schen­zeit ließen sich Glossare vervoll­stän­digen. Eine bezahl­te Atem­pause für uns. Wun­derbar.

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Foto:
C.E.

Sonntag, 20. März 2022

Zeitreise

Bonjour und guten Tag! Hier bloggt ei­ne Dol­met­sche­rin. Was Kon­fe­renz­dol­met­scher und Über­setzer machen, na­tür­lich auch die ":innen" im Be­ruf, also wie wir ar­beiten, ist hier, in mei­nem di­gi­ta­len Ar­beits­ta­ge­buch, seit 2007 Gegen­stand in Form kur­zer Epi­soden. Sonn­tags werde ich hier pri­vat mit mei­nem Foto der Wo­che.

Im Vorbei­rennen gesehen, dass der Wochen­markt vor der Haus­tür auch mal so aus­se­hen kann, wie er das vor Ewig­keiten ver­mut­lich getan hat, siehe unten an einem win­di­gen Tag. Die Wahl, das Bild schwarz-weiß wie­der­zu­ge­ben, ver­stärkt na­tür­lich den Ein­druck. Die­ses Bild wirkt zeit­los auf mich.

So sah es hier aus, als die Ge­binde noch von Hanfseilen zu­sam­men­ge­hal­ten wurden und nicht von Klar­sicht­folie von der Rolle, die Wa­ren kamen in Holz­kisten und Rupfen- oder Jute­säcken, die Waa­gen waren me­chanisch und hiel­ten länger als ein Krämerleben lang; die heutigen Teile sind, den Klagen der Marktleute zufolge, oft schon nach wenigen Jahren ir­re­pa­rab­ler Di­gi­tal­schrott. Und ja, das Leben war mühseliger, langsamer als heute. Aber mit dem Wirt­schaf­ten heute ra­sen wir auf den Öko­zid zu, mit Voll­kraft in den Abgrund, on ren­tre di­rec­te­ment dans le mur, auf Fran­zö­sisch fah­ren wir "direkte­mang" in die Wand hin­ein.

Vieles war schle­ch­ter, aber nicht alles; vor allem war vieles nach­haltig, bevor es den Be­griff über­haupt gab. Unser All­tag muss auf den Prüf­stand, ob die Sachen zu­kunfts­fest sind oder, aus der Pers­pek­ti­ve äl­terer In­ves­toren zu sprechen, die ich neu­lich dol­metschen durfte, en­kel­fähig.

Stände am Maybachufermarkt (dienstags und freitags)

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Foto:
C.E.

Freitag, 18. März 2022

Hybrid und zweisprachig

Bien­ve­nue auf den Sei­ten einer Sprach­ar­bei­te­rin. Seit 2007 berichte ich hier in loser Folge über das Ar­beits­le­ben von Über­setzerin­nen, Über­set­zern, Dol­met­scherinnen und Dol­met­schern. Heute: eine Tech­nik­frage!

Übersicht: Schule, Aula, Wohnhäuser. Der Dolmetschton wird in der Aula verteilt, geht aber auch nach draußen
Hybride Veranstaltung dolmetschen
Mitunter erreichen mich An­fra­gen, die auf meine tech­ni­schen Kennt­nisse abzielen und nicht auf die Sprach­dienst­leis­tung selbst. Derzeit in der Be­ra­tung: Ein zwei­spra­chi­ger und hybrid ange­botener In­for­ma­tions­abend an einer Schule.
Dabei wird ein Teil der Teil­neh­menden nicht vor Ort sein, in Qua­ran­täne oder krank, dieser Teil soll mittels einer einfa­chen Konfe­renz­software zuge­schaltet werden, die selbst keinen geson­derten Dolmetsch­kanal an­bietet. (Jene, die mit meh­reren Kanälen arbeiten, sind alle kosten­pflich­tig.) Eine Dolmet­scherin soll vor Ort alles dolmet­schen, was dann über eine zweite Ver­bin­­dung über­tragen werden wird. Dabei wird ein kleiner Teil der fremd­spra­chigen Ziel­gruppe mit in der Aula sitzen.

Gesucht wird nun eine Soft­ware für den Dolmeschton, der live nur in eine Rich­tung raus­gehen soll und bei der zudem Kameras und Sen­de­ton bei allen ander­en mit we­ni­gen Maus­klicks ab­stell­bar sind. Über diesen holen sich die fremd­spra­chigen Gäste au­ßer­halb der Aula ihre In­for­ma­tionen rein, aber wie ge­sagt auch jene vor Ort. Prob­lem: Wenn sich in ein- und derselben Aula lo­gi­scher­weise mehrere Mobil­te­le­fone gleich­zei­tig ein- und dieselbe Band­breite teilen sollen, könnte es zu technischen Prob­le­men kommen. 

Solche Hy­brid­ver­an­stal­tungen in zwei Spra­chen dürfte es künf­tig häu­fi­ger ge­ben, daher mache ich hier die Fragestellung öf­fent­lich in der Hoff­nung auf wei­ter­füh­ren­de Ant­wor­ten. Ich bin näm­lich über­fragt.

Welches Con­fe­ren­cing Sys­tem erlaubt es, den „Sende­ton“ einer simul­ta­nen Ver­dol­met­schung gleichermaßen nach draußen wie auch im Raum selbst zu über­tragen? In der Grafik ist das Setting übersichtlich dar­ge­stellt. Die Vor-Ort-Em­pfän­ger sind hier als Personen 1 bis 3 be­zeich­net, die Gesamt­zahl dieser Teil­neh­­men­­den (TN) dabei noch un­be­kannt.

Aus Datenschutzgründen fällt eine WhatsApp-Gruppe aus, Jitsi Meet hat im Test leider ver­sagt — und jetzt wird Live-Pod­cas­ting erwo­gen. Davon habe ich noch keine Ah­nung. 

Wenn bei der In­for­ma­tions­ver­an­stal­tung in der Schul­aula Fra­gen kom­men, wird dies konse­kutiv übertragen. Sämtliche TN stellen ihre Fra­gen als ein­­fache Text­nach­rich­ten, die vor Ort ge­sam­melt und mode­riert gestellt werden.

Wie ist das mit dem Da­ten­vo­lu­men, wenn sich vor Ort so viele Men­schen sich in ein- und dieselbe Fre­quenz zur Ver­fol­gung des Dolmetsch­tons einwählen? Außerdem sollte grund­sätzlich niemand aus einem „Warte­bereich" "rein­ge­lassen" wer­den müssen, gewünscht wird ei­gen­stän­di­ges Zu­schalten per Link/QR-Code.

Zusam­men­fassung der Frage: Welches Konferenzsystem bietet dies?
⊗ TN können sich ei­gen­ständig zu­wählen
⊗ Kame­ra und TN-Sendeton zentral aus­stell­bar
⊗ Soft­ware nutzt störungsfrei geringe Band­breite, auch wenn viele Leute in ein- und dem­sel­ben Raum sind

Die Frage wäre wohl bei der pro­fes­sio­nel­len Ver­an­stal­tungs­tech­nik besser aufge­ho­ben, für die sie Frage aber zu un­pro­fes­sio­nell ist. Diese Firmen haben großes Be­steck im Ange­bot, was eine Schule in ei­nem wenig begüterten Wohn­gebiet indes nicht leisten kann.

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Illustration:
C.E.

Donnerstag, 17. März 2022

Beine machen

Hel­lo, bon­jour, gu­ten Tag! Ein­blicke in das Le­ben einer Sprach­ar­bei­terin können Sie hier ­ erhalten. Ich bin Dol­met­scherin für die fran­zö­sische Sprache, und ich über­set­ze auch aus dem En­g­li­schen. Seit Beginn der Pandemie arbeite ich meistens von zuhause aus.

Tage wie heute, an denen ich nur Themen in die Tas­ta­tur kloppen kann: Un­ter­ti­tel, Technikhassle, Veran­stal­tungs­planung, ein run­ter­ge­fallener Laptop, Daten­schutz­be­stim­mungen, Nachzügler­rechnung und die tech­nische Mach­barkeit von zweis­prachigen Hybrid­ver­an­stal­tun­gen mit Dolmetsch­bedarf auch vor Ort.

TARASQUE, Zeichnung von Conrad Mouren
Tarasque, das Ungeheuer, das der Stadt Tarascon seinen Namen gab

COVIDiary: Die Infektionszahlen gehen in Deutschland weiter hoch, ebenso in Frankreich. Konferenz­dol­metscher:innen zäh­len mit anderen Menschen aus der Veran­stal­tungsbranche mit zu jenen Berufs­tätigen, die nach dem medi­zi­ni­schen Personal am stärks­ten an der Pande­mie zu leiden haben, allerdings auf ganz an­de­re Art und Weise. Nor­ma­ler­weise wür­den wir zu dieser Jahres­zeit viele Kos­ten­vor­an­schläge für Konferenzen schreiben. Statt­des­sen wurde mir ein Termin von Ende März soeben abge­sagt. Dazu die all­ge­mei­ne Welt­lage: Es stellt sich ein bit­teres Gefühl ein.

Um im selben Moment auch schon wieder um­zu­schlagen: Die Börsen sind vor­sich­tig opti­mis­tisch, und sie wissen oft mehr. Ist das ein Licht­streif (zu­mindest für den Krieg in der Ukraine)? Oder schlägt mein bio­lo­gi­sches Pro­gramm hier zu, dass mich die Welt immer besser sehen lässt? (... die Stimme meines Bruders im Ohr: "Op­ti­mis­ten sind schlecht in­for­­mier­te Realis­ten.")

Und hin und her. Wie gestern den News­tickern zu ent­neh­men war, hat die Bun­des­re­gie­rung mit diversen Impf­stoff­her­stel­lern vereinbart, dass diese gegen eine Mil­liar­den­summe von Euros ihre Pro­duktions­kapazitäten bereithalten — natürlich bei fort­laufenden For­schungen — und diese bei Bedarf auch kurz­fristig auswei­ten können. Der Vertrags­zeitraum geht bis 2029. 

Ich hoffe sehr, dass die Fach­leute nicht davon aus­gehen, dass wir so lange unter stark verän­derten Bedingungen leben müssen. Als Konferenz­dol­met­scherin fühle ich mich oft wie ein Fisch ohne Wasser. Das, was virussicher online veranstaltet wird, entspricht derzeit vielleicht zehn Prozent des vorpan­de­mi­schen Auf­kom­mens ... opti­mis­tisch geschätzt.

Ach, die Optimisten (siehe oben). Ich rechne halt immer mit po­sitiv einge­stellten Zeit­ge­nossen, die sich rational verhalten — und zwar auf allen Ebe­nen. Dass die Men­schen diesem Virus weiter­hin ständig Beine machen, konnte doch im Vorfeld nie­mand ahnen!

Daher müssen wir uns erstmal anpassen. Konferenzen finden üblicherweise im Früh­jahr oder im Herbst statt. Es wäre einfach, vieles vor Ort in der wärmeren Jahres­zeit statt­fin­den zu lassen. Hier fehlt es an Flexi­bi­li­tät, die sich letzten Endes auf die mangeln­de Be­reit­schaft zu­rück­füh­ren lässt, überall die Sommer­pausen zu ver­kürzen. Anders gesagt: In der Zeit, in der die Ver­an­stal­tungs­bran­che sicher ihr Ein­kom­men generieren könnte, müs­sen andere in den Urlaub fahren.

Als ich diese Zeilen schreibe, flattert mir eine An­fra­ge für drei Tage im Juli in den Mail­brie­fkasten. Gewerk­schafts­ar­beit. Na, geht in man­chen Krei­sen eben doch!

Am Sonn­tag gibt die Bundes­re­gierung das Management der pandemischen Lage in die Hände der Länder, wodurch sich für Deutsch­land­rei­sende (manchmal muss es sein, für Arbeits- oder Familientermine) eine Viel­zahl regionaler Un­ter­schiede er­gibt, die idealer­weise alle zu befolgen sind. Das ist sicher etwas gewöhnungs­be­dürf­tig und nicht immer opti­mal. Aber warum soll eine nahezu un­be­trof­fene Re­gion künf­tig im Bei­nahe-Lock­down sitzen, wäh­rend Durch­schnitts­maß­nahmen für schwer betroffene Gegenden zu leicht sein können? Jetzt gehen die Zahlen erstmal wieder hoch. Ein Prosit auf die Gemüt­lich­keit, ein deut­sches Wort, das die Pan­de­mie viel­leicht nicht über­le­ben wird.

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Illustration: Wikimedia

Mittwoch, 16. März 2022

Du oder Sie?

Hal­lo! Sie sind auf den Sei­ten eines di­gi­talen Ar­beits­ta­ge­buchs gelan­det. Hier kön­nen Sie Mo­mente aus dem All­tag einer Dol­metscherin mit­er­le­ben. Meine Spra­chen sind Fran­zö­sisch, Eng­lisch und natür­lich auch Deutsch, meine Mut­ter­spra­che.
Sprechblasen mit vous!, TU, Du, Dusiedusiedoooo und Fragezeichen
Mit Englisch wär's einfacher

Manch­mal komme ich durch­ein­ander mit die­sem "Du­Sie". Beispiel Baus­telle: Mit dem Pro­jekt­le­iter aus Frank­reich duze ich mich, mit der Betriebs­chefin in Deutsch­land, die gerade mit franzö­sischer Beteiligung und meiner sprach­lichen Hilfe einen neuen Pro­duk­tions­stand­ort baut, duze ich mich auch. Die bei­den aller­dings siezen ein­an­der. Er ver­fällt gerne mal in eine Art kol­lek­ti­ves Duzen, ich glaub, die Baus­telle färbt ab. Ich folge immer dem, was der/die Spre­chen­den sagen, sieze im Dol­metsch­ton Men­schen, die ich sonst du­ze und an­ders­herum.

In Frankreich siezen einander die Men­schen schneller, sogar junge Leute. Es war für mich als Erstsemester fast ein Schock, wie sich im Se­minar alle siezen. 

Genauso beim Gast­se­mester in Deutsch­land ... dieses "Du" überall. Ebenso ge­wöh­nungs­be­dürf­tig wie als ich in Deutsch­land Schlag zwei Uhr im Se­mi­nar saß und die Erste war. Und so lange allein, dass ich schon Angst hatte, im fal­schen Raum zu sein. Die an­de­ren kamen zehn Mi­nu­ten zu spät, der Prof sogar fünf­zehn! Ich fand das fast schon frech. Bis mir je­mand etwas von c.t. und s.t. er­zählt hat, cum tem­po­re und sine tem­po­re, mit oder ohne Vier­tel­stün­dchen Puf­fer. (Sowas pas­siert auch nur Leu­ten, die aus dem Aus­land zum Stu­dium her­kom­men. Für mich putzig: Als Deut­sche diese typische Aus­län­der­er­fah­rung zu machen.)

Mit Du und Sie bin ich, was Gleich­alt­rige angeht, noch immer wackelig. In Pa­ris sitzt das "Sie" in allen Altersgruppen lockerer. Die ersten Jahre meines Er­wach­se­nen­lebens habe ich in Frank­reich verbracht, das spüre ich noch immer. Zum Glück fällt das Problemchen mit wachsendem Alter nicht mehr auf: Dass ein­an­der Gleich­al­tri­ge, die nicht mehr 35 sind, spontan duzen, ist auch hierzulande seltener. Nur für Berlin gilt das wie­der nicht.

Auf der Baustelle, nach dem Dol­metsch­ein­satz, sieze ich plötz­lich alle um mich herum, aus­nahms­los. Fehlt nur noch, dass ich mich selbst sieze!

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Grafik: C.E.

Dienstag, 15. März 2022

Traumwohnung

Bien­ve­nue auf den Sei­ten einer Sprachar­bei­te­rin. Wir Über­setzerin­nen, Über­set­zer, Dol­metscherinnen und Dolmetscher ar­beiten seit Beginn der Pan­demie we­ni­ger als zu­vor, dafür mehr für Privat­kunden. Das ist nicht immer schön. Manchmal sind wir Überbrin­ge­rinnen schlech­ter Botschaften.

Es klingelt an der Tür, als ich am Tele­fon bin um noch die letzten Details einer an­ste­hen­den Veran­stal­tung zu klären. Ich über­höre das groß­zügig, denn je­der Werbe­pros­pekt­ein­werfer tastet sich bei uns ein­mal durch das hal­be Klingel­schild hin­durch. Nach zwei Mi­nu­ten klin­gelt es wieder, erst kurz, dann länger, dann immer drän­gen­der. Ich eile zur Ge­gen­sprech­an­lange. 

Wenig später sitze ich mit einer Stu­dentin und einem Tablett mit Kaffee­sachen im Hof. (Der Kaffee war vorher schon auf­ge­setzt gewesen.) Ob ich ihr als Dol­met­sche­rin helfen könne, hatte diese durch das Haus­te­lefon gefragt. Sie sei eigent­lich eine Nach­barin, hätte eine Woh­nung in meinem Kiez gemietet, stehe nun mit viel Ge­päck im Auto vor dem Haus — und der Schlüs­sel passe nicht.

Grundriss einer Miniwohnung
Traumwohnung für Studentin

Vielleicht habe es ein Miss­ver­ständ­nis gegeben, die Abspra­chen seien auf Eng­lisch erfolgt, beide Sei­ten, Vermie­ter und Mie­terin, hätten mit dem Idiom ihre Schwierigkeiten.
Ich höre mir alles an, sor­tiere, ve­rsuche kurz erfolg­los den Ver­mieter zu errei­chen, re­cher­chie­re. Mei­ne Be­fürch­tung er­weist sich als richtig, weil ich von der Betrugs­masche schon gehört hat­te: Gewisse beson­ders üble Subjekte kochen auf der Woh­nungs­krise ihr übles Süpp­chen mit der Hof­fnung der Neu­an­kömm­linge.

Da hatte also jemand via Netz kom­mu­ni­ziert, er wolle seine frisch ge­kauf­te Ei­gen­tums­woh­nung ver­mieten, da er für zwei Jahre zu einem For­schungs­ei­nsatz ins Ausland gehen würde. Die Woh­nung sei gut gelegen, sogar ein klei­nes, son­nen­ver­wöhn­tes Hof­gärt­chen mit Mini-Ter­ras­se pries die An­zeige an. Da­für sei die Woh­nung klein und vor allem über­ra­schend günstig: 250 Euro Netto­miete, 145 Euro Ne­ben­kosten, 395 Euro tutti quanti für gut 30 Qua­drat­meter. 

Die franzö­sische Aus­tausch­stu­dentin in spe hatte gleich zuge­schla­gen, Papiere für eine el­ter­liche Bürg­schaft über­setzen und be­glau­bigen lassen (ohne zu ahnen, dass dies in Deutsch­land nicht in ähn­li­cher Weise gefordert wird wie in Frank­reich), den Miet­vertrag aus­ge­druckt, un­ter­schrie­ben und zurück­ge­sandt, ebenso die be­glau­big­ten Aus­weis- und Bank­do­ku­mente, einen Last­schrif­teinzug auto­ri­siert und Geld für die Kaution überwiesen. Im Gegen­zug fand sie die Schlüs­sel in ihrem Pariser Brief­kasten, denn der Ver­mieter war schon im Be­griff, selbst seine gro­ße Reise an­zu­treten. Angeb­lich.

Es passiert leider immer wie­der, dass ein Paar Schlüs­sel aus ba­na­lem rost­freiem Sonst­was zum Preis gol­dener Schlüs­sel ver­hökert wird. Über­all im Netz sind War­nungen zu finden. Aber das Gefühl, dass hier un­er­war­tetes Glück winkt und man schnell sein muss, damit einem das Schnäpp­chen nicht durch die Lappen geht, macht all­zu­oft die Men­schen blind.

Im Netz finde ich nach etwas Re­cher­che, dass der Grund­riss mit Photo­shop ge­än­dert wurde und eigent­lich zu einer anderen Wohnung aus der Nach­bar­schaft zu ge­hö­ren scheint: Ein­zim­mer­woh­nung, 40 Qua­drat­meter, 755 Euro. 19 Euro den Qua­drat­meter, Alt­bau, eng und un­möb­liert, die ha­ben doch nicht mehr alle Tas­sen im Schrank!

Ein Blick in Google Maps hätte übrigens aus­ge­reicht um festzustellen, dass nicht nur die Sache mit den vie­len Son­nen­stun­den im Hof­gar­ten ein Mär­chen sein musste: Der Hof der an­ge­ge­benen Adresse umsteht von allen vier Seiten eng ge­bau­tes Mauerwerk. Das Wort "Traum­woh­nung" erhält einen an­de­ren Bei­ge­schmack.

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Grafik:
Wohnungsbetrüger

Montag, 14. März 2022

Akustik (2)

Was Dol­met­scher und Über­setzer umtreibt (hier: eine Dol­met­sche­rin­ und Über­set­ze­rin­), be­schrei­be ich seit 2007 an die­ser Stel­le. Wir Sprach­ar­bei­te­rin­nen sind, was die Akustik angeht, be­son­ders em­pfind­lich. Hier ein ers­ter Text über Akustik: klick!

Viele Über­setzer:in­nen ar­bei­ten schon immer im "Home­of­fice", jetzt auch et­li­che von uns Dol­met­scher:innen. Mein Ar­beits­zim­mer wird im­mer mehr zum Dol­metsch­stu­dio, denn kon­se­kutiv arbeite ich schon fast stan­dard­mä­ßig von hier aus. Seit ei­ni­ger Zeit auch si­mul­tan, wo­bei ich es vor­ziehe, wenn bei der Ar­beit die Kol­legin phy­sisch an meiner Sei­te ist.

Hier auf dem Schreib­tisch liegt derzeit dies:
⊗ Unter­titel eines von mir geführten Interviews für Film­pres­searbeit (die Fra­gen waren zum Teil von der Kun­din vorgegeben)
⊗ Kos­ten­vor­an­schlag für einen zwei­tägigen Euro-Betriebsrat
⊗ Lexik der letzten Woche nach­be­arbeiten

Ein Bekannter von mir, er lebt in Nord­afrika, plant seine dienst­lichen Rei­sen des Jah­res. Er ist ein Buch­mensch. Er schreibt: "Die Buch­messe Leip­zig wur­de ja leider am 9. Februar zum drit­ten Mal in Fol­ge abge­sagt. Aber warst du vorhin dabei?"

Ich antworte ihm kurz vor der Mit­tagspause so: "Es ist Mittag. Ich sitze im Büro. Vorhin hat die Post drei Mal geklingelt, um Pakete für die Nach­barn abzugeben. Es waren drei verschie­dene Ku­rier- und Paket­dienste. Und nein, ich war in den ver­gan­ge­nen Jah­ren nicht regel­mä­ßig in Leipzig, aber auch nicht regel­mäßig in Frank­furt. Ich fahre nur zur Buch­messe, wenn ich dort Dol­metsch­ein­sätze habe."

Kundschaft! Oder etwa nicht?


Das war schon spek­ta­ku­lär: In den Wo­chen­an­fang sind gefühlt 90 Pro­zent der Be­völ­ke­rung mit einer vollen To-Do-Liste gestartet, da­run­ter einige Men­schen, die in Neu­kölln aus al­len mög­li­chen Spra­chen Ge­burts- oder sons­tige Ur­kun­den über­setzt haben möchten, was nicht ich mache, wohl aber Kol­leg:in­nen, an die ich das dann weiterleite. Also saß ich selbst am Rech­ner, habe gedolmetscht und hätte ei­gent­lich wie eine Hydra zehn Arme und fünf Köpfe ha­ben müssen, wenn denn Hy­dren (Hy­dras? Hy­dran­ten? Hy­tan­ten? Hy­da­men? Hy­dra­men?) auf Händen gehen, sonst noch­mal zehn Beine hinzu. Schwer zu vermitteln, dass es eben nichts nützt, 20 Mal am Stück an­zu­ru­fen, fest­netz­lich oder mo­bil, dass ich mich schon zu­rück­mel­de, wenn ich wie­der frei spre­chen kann.

Ich lobe die­se Nach­bar:innen für ihren Biss, die ei­gene To­Do-Liste rasch kürzer zu bekom­men, und wenn es zu dem Preis ist, nach den er­folg­lo­sen Te­le­fo­na­ten bei mir an der Tür zu klingeln … mitunter Sturm.

Im Ne­ben­raum saß eine Kol­le­gin und über­setzte, weil ihr Büro re­no­viert wird, und sie durf­te stän­dig sprin­gen. Am Ende bin ich selbst dran­ge­gan­gen, als das Fest­netz­te­le­fon ge­läutet hat. Diese Num­mer ist kaum be­kannt, es war wie­der Spam, ein blö­des Ge­winn­spiel mit Schrei­stim­me aus dem Com­pu­ter, da­bei steh­en wir seit Jah­ren auf der Robin­son­liste.

Wir sind am bes­ten per Mobil­te­le­fon und per Mail er­reich­bar. Das hand­liche Te­le­fon ist bei der Ar­beit leise­ge­stellt; im An­schluss ru­fe ich zu­rück.

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Illustration: Netzfund

Mittwoch, 2. März 2022

Am Ball bleiben ...

Hel­lo, bon­jour, gu­ten Tag! Derzeit bin ich bedrückt. Im Krieg ver­lie­ren immer alle, die kleinen Leute zuerst und jene, die da­ran ver­dienen, Würde, Ehre und An­stand. Ein Teil der Dolmetsch­arbeit liegt in der Beob­achtung der Sprachen.

"Der Ball liegt bei Putin", heißt es jetzt in den Me­dien. Meine "Om­ma aus Un­na" hät­te bei dieser Schlag­zeile ge­stutzt.

Der Ball liegt bei Putin - Tagesspiegel
Artikelüberschrift aus der aktuellen Presse
Den Be­griff ken­ne ich gut aus Frank­reich: la balle est dans le camp de l'ad­ver­saire, der Ball liegt im Spiel­feld des Geg­ners. It's up to you, "Du bist dran!/Sie sind dran!" wäre der eng­li­sche Aus­druck ... oder eben auch the ball is in (one's) court.
In Frankreich wurde im 17. Jahr­hun­dert gerne à vous la balle gesagt, etwa: "Das ist ihr Ball", wenn der/die andere mit dem Spre­chen dran war.

Die Re­de­wen­dung wurde nicht nur auf münd­liche Stel­lung­nah­men, son­dern auch auf ak­ti­ves Han­deln be­zo­gen.

"Putin muss jetzt den Ball zu­rück­spielen", wür­de die Schlag­zei­le lauten, hätte die Re­dak­tion auf altbekannte Re­de­wen­dungen der deut­schen Spra­che zu­rück­ge­grif­fen.

Bei "Reverso", ei­ner fran­zö­si­schen Ety­mo­lo­gie­web­sei­te, steht eine deut­sche Re­de­wen­dung, die mir komplett un­be­kannt, ja sogar falsch vor­kommt. Bin ich damit al­lein?

Reverso: Der Ball ist in deinem Gericht [???]

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Illustrationen:
Tagesspiegel / Reverso

Dienstag, 1. März 2022

Kü­chen­es­ka­pis­mus

Herzlich will­kom­men! Hier bloggt ei­ne Dol­met­sche­rin. Was wir Sprach­ar­bei­te­r:in­nen ma­chen, wie wir ar­bei­ten und leben, ist hier seit 2007 re­gel­mä­ßig Thema. Der Co­ro­na­vi­rus hatte aus mei­nem Ar­beits­ta­ge­buch ein COVIDiary ge­macht. Das Vi­rus ist noch nicht ende­misch, da hat schon ei­ne neue Ära be­gon­nen.

Stehpult für Rückengesundheit
Neue Wörter: Kü­chen­es­ka­pis­mus und Nicht­ar­bei­ten­kön­nen­ar­beits­tage. Als eins­ti­ges Ost-West-Kind, mit den El­tern wa­ren wir im Westen, eine Oma, Groß­tante und zwei er­wach­sene Cou­sins ebenso, die Groß­fa­mi­lie indes im We­sent­lichen in der ehe­ma­li­gen DDR, und als je­mand, die in ei­nem frü­he­ren Be­rufs­le­ben Jour­na­listin war, bin ich bis heute fast schon ein News­jun­kie.

Ukraine­krieg: Nach 1989 und dem 11. Sep­tem­ber 2001 könnte das der drit­te his­to­risch blei­bende Moment sein, den ich in mei­nem Leben wach mit­be­kom­me, den ara­bi­schen Früh­ling, die Pan­de­mie und die Fi­nanz­kri­sen mal kurz außen vor­ge­las­sen. (*) Also flie­he ich aus dem Ar­beits­zim­mer in die Kü­che und ver­bes­sere ei­ge­ne Stan­dard­re­zepte, schrei­be Men­gen­an­ga­ben auf, opti­mie­re. Heu­te: Ama­ranth-Ge­mü­se­brat­lin­ge, auch Löffel­brat­lin­ge oder Gold­taler ge­nannt. (Mal schauen, wel­cher Be­griff sich durch­setzen wird.)

Unten im Hof ist das Frühjahr mit Ka­ra­cho aus­ge­brochen. Fried­lich spie­len Kinder dort, malen auf die son­nen­er­wärmten Pflastersteine, flitzen quer durch das Gar­ten­teil, was hier nie­man­den auf­regt: In erster Linie wach­sen hier Kin­der auf, an zwei­ter Stelle folgt der Hofgarten, das Hobby von zwei bis drei Mit­strei­te­rin­nen und mir.

Was ich jetzt zwischendurch mache:
⊗ Arbeits­mails von der Groß­baustel­le des der­zei­ti­gen Haupt­kun­den ge­gen­lesen, die grup­pen­in­tern automatisch übersetzt werden
⊗ Technik­pla­nung für die Ver­dol­met­schung einer Autoren­lesung im Berliner En­sem­ble im Früh­jahr
⊗ Einen Kosten­vor­an­schlag für Ende April erstellen, 30 Minu­ten Online­dol­met­schen zu einem The­ma, das ich letzten Herbst einen Tag lang vor Ort ge­macht habe, das ich also gut kenne

Dann dürfen Stoff­tiere aufs Wäschereck, die Nachbarkinder gesammelt haben. Die Kuscheltiere werden Bei­ladung. Der Hei­mat­ver­band, ein Film­ver­band schließt sich einem Kon­voi an, der Fest­plat­ten, Com­puter, Rou­ter, Kame­ras etc. in die Ukraine bringt. Andere suc­hen Schutz­wes­ten auch für den ei­ge­nen Be­darf über die News­group. Mir schnürt es den Hals zu.

Ich bin übri­gens für eine Ber­liner Luft­brücke mit Lebens­mit­teln, me­di­zi­ni­schem Ma­terial etc. in die Ukraine.

Gemüsebratlinge
Was im Post­fach fehlt, und das passt (noch) zu mei­ner re­du­zier­ten Kon­zen­tra­tions­fä­hig­keit: Kon­fe­renz­an­fragen in er­heb­li­chem Umfang. Nor­maler­wei­se wür­den die Bu­chun­gen für die Früh­jahrs­sai­son längst lau­fen. Noch ist es er­schreckend still.

Die Men­schen sind weiter un­si­cher wegen der Pan­demie, und jetzt schauen sie auch noch wie ich be­sorgt in Rich­tung Ukra­ine ... oder aber sie schrei­ben ihre Pro­gramme um und ver­tagen er­neut? Wer weiß das schon. Oooooommmmm sagen.


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Fotos: C.E.
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und eigentlich hoffe ich noch immer da-
rauf, dass jemand Putin rasch entmachtet

Mittwoch, 16. Februar 2022

COVIDiary (482)

Hal­lo! Sie sind auf den Sei­ten ei­nes di­gi­ta­len Ar­beits­ta­ge­buchs ge­lan­det. Hier kön­nen Sie Mo­men­te aus dem Be­rufs­all­tag mei­ner Bran­che le­sen und mit­er­le­ben, wie Dol­met­scher tic­ken (und Dol­met­sche­rin­nen). Mei­ne Spra­chen sind Fran­zö­sisch, Eng­lisch und na­tür­lich auch Deutsch, mei­ne Mut­ter­spra­che.

Im Fe­bru­ar steppt in Ber­lin der Ber­li­na­le­bär, und das macht er so­gar jetzt, im zwei­ten Co­ro­na­win­ter. Et­li­che nö­tigt in­des der Vi­rus zum Zu­hau­se­blei­ben. Und dann ge­schieht als Er­geb­nis ei­ner Ver­ket­tung, was nicht hät­te ge­sche­hen dürf­en: Die au­to­ma­ti­sche Un­ter­ti­te­lung der Dank­re­de ei­ner Preis­trä­ge­rin wird hoch­of­fi­zell ver­hunzt.

Die nicht exis­ten­te Rei­he "Sa­chen zum La­chen" setze ich hier­mit fort, denn Hu­mor ist die ein­zig mög­li­che Art der Not­wehr. Stich­wort: Pein­lich­kei­ten bei der "Ent­men­schli­chung" der Kul­tur. Fach­leu­te wie wir wur­den im Vor­feld nicht ge­fragt.

1. Akt: Die Ber­li­na­le schafft die meis­ten Dol­met­scher:innen ab.
2. Akt: Alle müs­sen Eng­lisch spre­chen (ich schrei­be hier seit Jah­ren dar­über).
3. Akt: Die For­de­rung, die Teil­nah­me bar­rie­re­frei zu ma­chen, wird dem gro­ßen, über­mäch­ti­gen und in je­der Si­tua­ti­on sieg­mäch­ti­gen Kol­le­gen KI über­ge­ben.

"festival brings soap this year more than ever"
Saubere Leistung, KI!

Le­sen, wun­dern, noch­mal le­sen. Für die nicht so Ci­ne­phi­len: Je­ne, die da spricht, ist Isa­bel­le Hup­pert, be­kam ges­tern den Gol­de­nen Bä­ren für ihr Le­bens­werk über­reicht, on­line, we­gen Co­ro­na.

Kurz sei da­ran er­in­nert, dass Fran­zo­sen es nicht so mit dem Buch­sta­ben "H" ha­ben und dass sie die Ver­ben stär­ker ver­än­dern als es Eng­lisch­spra­chi­ge ma­chen. Dann bit­te noch­mal le­sen, bei Be­darf laut.

Mein Kom­men­tar ist kein Kom­men­tar oder ma­xi­mal mein Ge­sicht:
😳 😮 🤐 😷 😶 🤭 🙄 😬 🤕 🤧 😒 😢 😐 😁 😆 😅 😂 🤣

Und ja, wir dür­fen froh sein, dass wir di­gi­ta­le Über­tra­gung nut­zen kön­nen und nicht ganz ver­ein­sa­men in die­sen Ta­gen. Die Lau­da­tio von Lars Eidin­ger auf Isa­bel­le Hup­pert fand ich sehr be­ein­dru­ckend und die Ab­schluss­wor­te der zu­recht Ge­fei­er­ten ka­men gut rü­ber:

Cinema makes us feel better makes us happy by Isabelle HUPPERT
Schlussstatement

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Illustrationen:
Berlinale, Emojis

Sonntag, 13. Februar 2022

COVIDiary (481)

Was und wie Kon­fe­renz­dol­metscher und Übersetzer (und Dolmetsche­rin­nen und Über­set­ze­rin­nen) arbeiten, darüber berichte ich auf diesen Blogseiten. 2007 wur­de auf der Berlinale dieser Weblog geboren.

Fünf vor Film
"Im Kino gewesen. Geweint." Was Franz Kaf­ka im letzten Jahr­hundert in sein Tage­buch schrieb, kam mir heute in den Sinn. Ich war in zwei Festival­kinos, darunter auch in der zweiten Ta­ges­hälf­te am Potsdamer Platz.

"Im Ber­li­na­le­kino gewesen. Geweint." Kurz vor Vor­füh­rungs­beginn bin ich im Festival­palast in die 5. Etage gegan­gen, um run­ter­zu­schauen: er­schreckend lee­re Ränge. Es wurde zum Glück noch ein wenig voller. Aber es bleiben viel zu vie­le freie Plätze, und das am ersten Fes­tival­sonn­tag.
Auch sonst waren et­li­che Orte ge­ra­de­zu ge­spens­tisch leer, leerer als üb­licher­weise am letzten Festivaltag für Profi­be­sucher. Es seien nur 1.600 statt 3.600 Jour­nalist:innen akkre­ditiert, war zu hö­ren. 

Gut, mor­gens, bei den Pres­se­vor­füh­rungen, ist da viel­leicht trotz­dem mehr los. Und ja, der Film­ver­leiher meines Vertrau­ens nimmt das Fes­tival von sei­nem Ar­beits­zim­mer aus wahr, denn der Markt fin­det aus­schließ­lich virtuell statt. An­dere sind wegen der Omikron-Va­rian­te zuhause ge­blie­ben.

Hinweisschild für Ticketkauf
Vor dem Palast
@Berlinale, #Finanzen: Vor der Pan­de­mie kos­tete ein Last-Minute-Ticket fürs Fes­ti­val­kino fünf Euro, wenn ich mich rich­tig er­in­nere. In den Zei­ten des kon­takt­losen Ver­kaufs müs­sen die Men­schen ein Smart­phone ha­ben, um online ein Ticket zu er­wer­ben, für das dann auch kurz vor Veran­stal­tungs­be­ginn noch 16 Euro auf­ge­ru­fen wer­den, ob­wohl hier kei­ner­lei zusätz­liche Per­so­nal­kosten anfal­len. Was ich da im Vor­bei­ren­nen ge­merkt ha­be (und was die meisten Profi­besu­cher nicht wahr­neh­men), ist in mehr­facher Hin­sicht aso­zial und ziemt sich ein­fach nicht für ein Fes­tival, das über­wiegend von öffentlichen Geldern fi­nan­ziert wird. Und hey, Ihr hat­tet jetzt zwei Jah­re Zeit, um so­zial­ver­träg­liche und bar­rie­re­freie Lö­sun­gen zu |su­chen| finden.

Ich habe zwei Filme ge­se­hen, die mich beide sehr berührt ha­ben und ich bin dem Festival­team dank­bar für die Zu­ord­nungen zu den je­wei­li­gen Sektionen. Dazu später in der Woche mehr.

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Fotos: C.E.

Montag, 7. Februar 2022

COVIDiary (477)

Herz­lich will­kom­men! Hier bloggt ei­ne Dol­met­sche­rin. Was Kon­fe­renz­dol­met­scher und Über­setzer machen, und na­tür­lich auch wir Frau­en im Be­ruf, wie sie bzw. wir ar­beiten, ist hier seit 2007 re­gel­mä­ßig Thema. Der Covonavirus hat uns in die pro­fes­sio­nel­len Hubs ge­schickt, oder aber wir ar­bei­ten aus den ei­ge­nen Arbeits­zim­mern heraus. Was nicht im­mer ein­fach ist, denn es gibt ja Nachbarn.

Denoise-Kopfhörer, Kerzenständer, großer Buchstabe "E" auf einem Sekretär
Alte und neue Hilfsmittel

Ein Denoise-Kopf­hö­rer wäre nicht ge­nug, denn mein Output ist ja ent­schei­dend. Es ist laut in unserem Alt­bau. Ich wan­de­re von Raum zu Raum, un­frei­wil­li­ge Mi­gra­tio­nen. Die Nach­barjungs stür­men gerne durch das Trep­pen­haus. Es sind zwei ent­zücken­de Kerl­chen im Grund­schul­al­ter, und sie klin­gen wie ein halbes Dutzend wohlgenährte Teen­ager. Ich grin­se jedes Mal, wenn ich in der Küche bin: Wir wa­ren exakt ge­nau­so. Ich ziehe die Au­gen­brau­en zu­sam­men, wenn ich im Raum bin, das heute als Büro dient: Hier war früher mal das Wohn­zimmer, da hät­ten dann die Gläser in der Vi­tri­ne ge­wackelt. Ich höre sie wieder. Mir fällt das Ad­jek­tiv ele­fan­tös an. Nach­wuchs­ele­fan­tös. Im­mer wie­der kön­nen Nach­bars­kin­der aus Pan­de­mie­grün­den nicht in die Schu­le ge­hen.

Die Sprecherbox, die einfache Lösung vom An­fang der Pande­mie, hat nicht genü­gend Lärm ge­dämpft. Des­halb wa­ren und sind weitere Vor­keh­rungen nötig. Die mit einer besser isolierten Dol­metschbox gewähl­ten Lösungen stoßen lei­der auch hier an ihre Grenzen — so, wie es eine pro­fes­sio­nel­le Dol­met­scher­ka­bine auch würde.

Denn die Renovierungsarbeiten der Nachbarn sind mal mehr, mal weniger laut. Vor Bo­den­ab­schliff und Regal­montage war ich im Janu­ar in ein Hotel geflüch­tet.

In der Pande­mie wurden die Ab­stände zwi­schen den Markt­stän­den vergrößert, der Wo­chen­markt, diens­tags und frei­tags, en­det jetzt knapp vor unserer Haustür. Ein stun­den­langes Flöten­kon­zert vor dem Fens­ter an Markt­tagen ist zwar schön, die Kul­tur ver­la­gert sich in Er­man­ge­lung vieler Kon­zer­te in den öf­fent­li­chen Raum, aber auch nicht unbedingt die pas­sende Be­gleit­musik für meine On­line-Ar­beit. Kurz: So­lo-Selb­stän­di­ge, die ihre pan­de­mie­kon­formen Arbeits­plätze suchen, im Wett­be­werb mit anderen Solo-Selb­stän­di­gen um die akus­ti­sche Luft­hoheit.

De­mons­tra­tio­nen auf der Haupt­ver­kehrs­straße, die zu Stau in unserer Ne­ben­stra­ße füh­ren, brin­gen au­ßer­halb der Markt­zeit Hup­kon­zerte direkt vor der Haus­tür mit sich. Dann sitzt die Dol­met­scherin im On­line-Home-Of­fice im Klei­der­schrank, weil hier die akus­ti­sche La­ge am bes­ten ist. In der Hoffnung, dass die Ele­fan­ten­ba­bies nicht im Hof an­fan­gen zu toben. Denn das Schlaf­zimmer­fens­ter hat (noch) keine Vor­hänge aus ge­räusch­min­dern­dem Stoff, wie sie in Ton­stu­dios ge­nutzt werden.

Ich kann ja mal schau­en, wo die zu wel­chem Preis zu bekom­men sind. Wenn die Pan­de­mie noch lan­ge dauert, ist meine ganze Woh­nung sound­proof, schall­dicht. Und in die Dol­metsch­box muss ich auch weiter in­ves­tie­ren.

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Foto:
C.E.

Mittwoch, 2. Februar 2022

COVIDiary (474)

Bonjour und guten Tag! Hier bloggt ei­ne Dol­met­sche­rin. Was Kon­fe­renz­dol­met­scher und Über­setzer machen, na­tür­lich auch die ":innen" im Be­ruf, also wie wir ar­beiten, ist hier seit 2007 Gegen­stand in Form kur­zer Epi­soden. Der Winter 19/20 hat unser Le­ben ver­ändert; das wirkt sich auch auf die Wahr­neh­mung aus.

Wie uns die Zeiten prägen: Aus den Au­gen­winkeln sehe ich Vor­bei­ei­len ein Wer­be­pla­kat mit Mann drauf, fourty some­thing, irgend­was in den Vier­zigern, in der un­te­ren Ge­sichts­hälf­te dunkel. Ich erkenne eindeu­tig eine schwar­ze Mas­ke, auch FFP2 oder Mund­na­sen­schutz genannt. Auf den zwei­ten Blick ist es allerdings ein groß­zü­gig be­mes­sener Hips­ter­bart. (Vor Aus­bruch der Pan­de­mie wäre ver­mut­lich der erste kur­ze Schreckens­ein­druck ein mus­li­mi­scher Fun­da­men­ta­list gewesen.)

Als Zeugin bin ich übrigens nur be­dingt taug­lich, hier­mit ins Pro­to­koll.

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Foto:
wird ggf. nachgereicht, ich muss
da ernst nochmal vorbei.

Dienstag, 1. Februar 2022

COVIDiary (473)

Herzlich will­kom­men! Hier bloggt ei­ne Dol­met­sche­rin. Was wir Sprach­ar­bei­te­r:in­nen ma­chen, wie wir ar­bei­ten und leben, ist hier seit 2007 re­gel­mä­ßig Thema. Der Co­ro­na­vi­rus hat aus dem Ar­beits­ta­ge­buch mein COVIDiary ge­macht. Ne­ben den Spra­chen liebe ich Kino und Fo­to­gra­fie.

Es nervt und nervt weiter. Ich meine die Pan­demie und nichts als die Pan­demie. Ich bin trotz­dem froh und dank­bar und be­scheiden. Ich meine meine Kun­den aus der In­dus­trie.

Alter Seifen­spender (aufs Parkett gelegt)
Lerne neue Vo­ka­beln, die sich al­le­samt ge­waschen haben, die ich einer Überset­zung ent­neh­me für einen be­vor­ste­hen­den kurzen Dol­metsch­ei­nsatz, und ich wie­der­hole alte: Film­vo­kabu­lar arbeite ich für ei­ni­ge lie­be Kol­leg:innen auf, denn die Inter­views am Rande der Berlinale fin­den, Stand heute, nur noch auf Eng­lisch statt, und in­s Eng­li­sche dolmet­sche ich bei dieser hoch tech­ni­schen-hoch künstleri­schen Thema­tik (noch) nicht.

Dann hoff­e ich mal, dass die deutschen Pres­se­ver­tre­ter:in­nen damit am Ende zu­frie­den sind. Die Berlinale als in­ter­na­tio­na­les Event wendet sich an die inter­na­tio­na­le Presse, na­tür­lich, auch wenn nicht al­le der welt­bes­ten Film­kri­ti­ker mit der Spra­che Shakes­peares per Du sind.

Neu­lich hab ich das so zu­sam­men­gefasst: In der Zeit, in der alles auf Eng­lisch statt­fin­det sowie in der Pan­de­mie habe ich von der ana­mor­pho­ti­schen Vor­satz­linse zum groß­kü­chen­taug­li­chen Kipp­koch­­kes­sel ge­wech­selt, was die Be­griffs­welt an­geht.

Vokabelnotiz
Rei­ni­gungs­mittel — produit, produit de nettoyage, détergent
Gebin­de [WS] — emballage, récipient, colis
Ar­matur — robinetterie
Do­sier­spender — distributeur-doseur
Seifen­spender —distributeur de savon

Es geht um Des­infektions- und Sei­fen­spen­der in der Schule. Ich darf an die alten Flüssigseifengläser denken, aus trans­pa­rentem oder weißem Glas, und an die Seifenstücke an der Stange, die bis vor nicht all­zu­lan­ger Zeit in jedem Schul- und Hoch­schul­klo anzutreffen waren. (Es gibt diese Dinge üb­rigens jetzt wieder, al­ler­dings mit dem Label "Vintage".)

Als je­mand, die be­müht ist, den eigenen Müll zu re­du­zieren, wi­der­strebt mir hier die ganze Plastik-Ma­terial­schlacht. Dass die Flüs­sig­seife im Schlauch kommt und dann auf die Plastik-Sei­fen­spen­der verteilt wird, wäh­rend das Schlauchplastik am Ende zum Ein­schmel­zen zu­rück­ge­ge­ben wird, tröstet ein we­nig. (Wenn's denn stimmt. Müll­ver­bren­nung wird oft genug als "ther­mi­sches Recycling" klas­si­fi­ziert.)

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Foto: Archiv