Samstag, 24. November 2007

Fehlerkultur

Ja klar, auch mir unterlaufen Fehler, gesprochene wie geschriebene. Schlimm sind sie, wenn sie in Dokumenten vorkommen (ich bekam mal ein Zeugnis für eine berufliche Fortbildung, das war geradezu "gespickt" mit Fehlern.) Da heißt es höllisch aufpassen und immer wieder aufs Neue Korrektur lesen. Andre Dokumente mit Fehlern sind charmant und birgen Überraschungen. (Wer hätte nicht gern eine blaue Mauritius?)

Sehr ärgerlich sind Fehler dann, wenn sie sich in der gesprochenen Übertragung nicht richtigstellen lassen, weil es in der Situation an Quellen oder hilfswilligen Fachleuten fehlt - oder die Dolmetscherin vielleicht sogar unvorbereitet einspringen musste (oder wissen Sie ad hoc, wie ... sagen wir mal ... subpatellare Bogenvenen auf Englisch heißen?)

Fehler in Zeitungen und auf Webseiten sind ärgerlich. Leider hat häufig meine Korrektorin Ausgang, wenn ich auf dieser halbprivaten Seite hier etwas veröffentliche (so, wie meine Oma oft im Scherze sagte, wenn sie viele Gäste hatte: '... zu dumm, dass ausgerechnet immer dann das Mädchen Ausgang hat!') Zeitungen sollten da anders verfahren (... leider hat auch da oft der Korrektor Ausgang.)

Das Buchstabenunterkringel der neuen Technik ist jedenfalls oft gar keine Hilfe, hier wird nur Schlichtdeutsch berücksichtigt. Weiteres Erschwernis über die Irritationen hinaus, die die "Rechtschreibhilfe" auslöst:
Das Löwchen auf der französischen Tastatur, in die ich gerade was Deutsches kloppe - der dicke faule Kater heißt in der Tat "Leo", wie das Wörterbuch. Noch ein Erschwernis: die eigenen hohen Ansprüche. Wie bitte? Richtig gelesen, zu hohe Ansprüche wirken bremsend, das kenne ich sehr gut als Problem: Also übe ich mich in Gelassenheit, denn nicht einmal derjenige, der nichts macht, macht keine Fehler.

Indes ist die Auswahl an potentiellen Fehlern so groß, dass ich jetzt wenigstens versuche, keine zu wiederholen. Denn so darf ich mit Thomas Alva Edison schließen: "Das ist das Schöne an einem Fehler - man muss ihn nicht zweimal machen."

Donnerstag, 22. November 2007

Filme dolmetschen

Internationale Filmfestivals präsentieren Filme aus aller Herren Länder. Damit das geneigte Publikum sie auch versteht, gibt es uns: Dolmetscher.

Wir sprechen die Filme simultan ein, das ist "vorbereitetes Dolmetschen". Über eine Dolmetschanlage, Infrarotsender und -empfänger gelangt der Ton dann in Ihren Kopf.

Auch ich bin eine der Stimmen in Ihrem Knopf im Ohr. Einen oder zwei Tage vorher erhalte ich eine Dialogliste oder den Ausdruck der Untertitel. Die Dialogliste gibt Zeile für Zeile alle Dialoge des Films wieder, und Untertitel sind die Reduktion dieser Worte auf lesbare Zweizeiler. Leider kann ich bei keiner der beiden Textformen erkennen, wer jeweils spricht, bin also auf Hintergrundinformation über den Film angewiesen. Meine Erfahrung hilft mir auch hier weiter.

Wenn alles prima läuft, bekomme ich im Vorfeld auch den Film in Kopie oder werde zur Pressevorführung eingeladen. Doch in Zeiten der Filmpiraterie wird das immer schwieriger, und selbst uns erfahrenen Filmdolmetschern mit Kontakten zur Filmwirtschaft gelingt es aufgrund von Knebelverträgen nicht immer, den Film im Vorfeld zu sehen. (Wir erleben heute leider eine Stimmung allgemeinen Misstrauens, wo Teilnehmern von Pressevorführungen die Taschen durchwühlt und die Mobiltelefone konfisziert werden, man könnte ja sonst vielleicht unerlaubterweise einen Ausschnitt mitfilmen ...)

So dass ich oft schon glücklich bin, wenn ich beide Textlisten, die mit den Gesamtdialogen und die mit den Untertiteln, in Händen halten darf. Das Gute an der Dialogliste ist: sie ist meistens in der Originalsprache, denn jede Übersetzung ist Interpretation. Das Gute an der Untertitelliste: Hier hat schon mal jemand den Film gesehen, das für ihn oder für sie Wichtigste destilliert. Und es stehen die Längen der jeweiligen Passagen dabei, die sogenannten 'Zählerstände", an denen ich ablese, welche Szenen sehr schnell gespielt sind und wann ich mir Zeit lassen kann.

Dann bereite ich alles vor, schlage Vokabeln nach, markiere, wo es mit der Luft eng werden wird (ich also mehr kürzen muss), kritzle Fragezeichen an den Rand, wo ich nicht verstehe, was gemeint ist, das erhöht später in der schallisolierten Dolmetscherkabine die Aufmerksamkeit.

Dort angekommen, schicke ich eine kurze Bitte an Hermes oder Hermine, die Götterboten und Schutzheiligen der fliegenden Händler, Diebe und Grenzgänger. Deren Hilfe brauche ich, weil es zum Beispiel auf der Berlinale für mich meist dreisprachig zugeht: Wenn der Film auf Deutsch ist, dolmetsche ich die englischen Untertitel möglichst schnell ins Französische, damit die Zuschauer nicht irritiert sind wegen zu großer Verschiebung von Bild und Ton.

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Fotos: C.E., die Bilder sind von 2007, stammen
aus dem Berlinale-Festivalpalast. Ausschnitt der
UT-Liste zu "Ballast" von Lance Hammer, 2008.
Wie es mir danach geht, steht hier.

Dolmetscher vs. Schauspieler

Die vielen Rollen, die ich bei einem Film spreche, wenn ich ihn simultan übertrage, strengen die Stimme an. Aber nicht nur die, ich muss ja auch die Worte glaubhaft "rüberbringen" - die Dolmetscherin wird zur Interpretin.
So fragt mich denn auch eine Leserin: "Haben Sie Schauspielunterricht genommen?" Ja, das habe ich, aber beim Sprechen halte ich mich dennoch sehr zurück. Ich weiß immer, welche Figur ich jeweils spreche und was diese gerade durchlebt. Meine Stimme geht mit, aber nicht zu sehr, ich würde sonst den Schauspielern Konkurrenz machen.

Wenn mich eine Filmproduktion mit dem Dolmetschen beauftragt oder ich für kleine Festivals oder Kinematheken arbeite, habe ich den Film lange Zeit im Voraus zur Ansicht und kann mich professionell vorbereiten. Dann mache ich genau das, was offenbar auch Fatih Akin anwendet, der mit seinem neuen Film "Auf der anderen Seite" in Frankreich gerade hymnisch gefeiert wird. In der Libération las ich vor einigen Tagen: « J’écris la biographie de chaque personnage, en marge du scénario, sa trajectoire, ses goûts, la musique qu’il écoute. Il y a même une liste comprenant les derniers disques achetés, les derniers livres lus. » (Auf den Rand des Drehbuchs schreibe ich die Biografien der einzelnen Filmfiguren, den jeweiligen persönlichen Weg, den Geschmack, die Lieblingsmusik. Da gibt es sogar Listen der zuletzt gekauften Bücher und Tonträger.)

So ausführlich arbeite ich nicht, aber ich stelle mir zu jeder Figur etwas Individuelles vor, das kann ein Aspekt der Teilnahme am kulturellen Leben sein oder die Wohnsituation. Ich male mir Hobbies, Wege und Bewegungen aus, frage mich, wie er oder sie morgens zur Arbeit kommt, im Auto, per pedes, mit Rad, U-Bahn oder Bus? Bei schwierigen Figuren suche ich mir ein Bild aus der Kindheit. Die meisten Regisseurinnen und Regisseure haben Hinweise dafür in ihren Filmen versteckt.

Denn nichts ist schlimmer, als ein Dolmetscher, der neutral die Zeilen runterliest als handele es sich ums Telefonbuch oder um Frachtbriefe. Oder einer, der anfängt zu schauspielern. Das ist und bleibt die Arbeit der Schauspieler vorne auf Leinwand - oder auf der Bühne, denn auch das Theater braucht uns manchmal bei Gastspielen. Davon berichte ich hier im Dezember.

Und wie es sich möglicherweise anfühlt, wenn der eigene Film eingesprochen wird, steht an dieser Stelle.

Dienstag, 20. November 2007

Computer in der Dolmetscherkabine

"Warum haben Dolmetscher eigentlich immer einen Computer in der Kabine?", fragt mich der Veranstalter in der Pause, "das, was Sie machen, kommt doch aus dem Kopf!"

Das stimmt, aber wir können nicht alle Fachtermini kennen. Und mancher Begriff taucht plötzlich auf, obwohl er in keinem der vom Kunden gelieferten Dokumente und auch nicht in den aus dem Netz gefischten Hintergrundartikeln vorkam. So dass wir immer nebenbei im elektronischen Wörterbuch Worte suchen, sie dann auf ein zwischen uns liegendes Papier schreiben und am Ende in unsere Vokabelliste aufnehmen - für den nächsten Einsatz.

Manche Veranstaltungsorte haben sogar W-Lan. Wenn wir Glück haben, bekommen wir vor dem Einsatz den Zugangscode, das vergrößert das "digitale Lexikon".

Viele Dolmetscher kommen mit ihrem Reiserechner zur Arbeit, auf dem auch andre Daten sind. Aber immer häufiger sehe ich Sub-Notebooks, die leichter zu tragen sind. Manche Hersteller denken über Geräte ohne Lüfter nach, das wäre natürlich für den Einsatz in der Kabine wunderbar, denn etliche Kollegen, ich nicht selten auch, tragen den Kopfhörer nur auf einem Ohr, hören sich selbst beim Sprechen zu. Lüfterrauschen, egal, ob es von der Kabine oder dem Notebook kommt, stört da nur.

Was man nicht im Kopf hat, kann man in der Datenbank haben.

Montag, 19. November 2007

Synchronschwimmer

Synchronschwimmer becircen durch die Anmut kunstvoll koordinierter Bewegungen. Sie sind eine Freude fürs Auge. Es ist, als gäbe es in den Schwimmbecken keine Schwerkraft, wenn sie zu mehreren im gleichen Rhythmus durchs Wasser gleiten, mit den Armen Bogen beschreiben, dann untertauchen und die Beine allein oberhalb der Wasseroberfläche Pirouetten drehen lassen.

Synchronübersetzer kann ich mir da schon weniger leicht vorstellen.

Einmal, auf der Heimfahrt von einem Einsatz, in der Straßenbahn: Sebastian und ich halten abwechselnd small talk und schweigen. Im Anschluss ans Berufssprechen ist das private Gespräch ein Bedürfnis, aber dennoch anstrengend. Kopf und Stimmbänder müssen sich regenerieren.

Wir tauschen komische Erlebnisse im Beruf aus. " 'Sind Sie Synchronübersetzer?' - diese Frage kommt regelmäßig von potentiellen Kunden ...", sagt Sebastian, "... 'Kann ich Sie buchen?' "

Und fährt fort: "Darauf müsste man eigentlich sagen: 'Sind Sie sicher?' Und zu bedenken geben, wie das wohl aussieht, wenn lauter Übersetzer in einer Reihe sitzen und klapp-klapp-klapp synchron die Buchstaben der Übersetzung in akkurat parallel ausgeführten Bewegungen in die Tastaturen ihrer in Reihe aufgestellten Maschinen kloppen!"

Nach einer Pause fügt er augenzwinkernd hinzu: "Das müsste dann so enden: 'Ich kenne da eine zeitgemäße Form der Vervielfältigung. Nehmen Sie einen Übersetzer und schreiten Sie dann zum Fotokopiergerät!' "

Das sagt Sebastian natürlich nicht. Das denkt er nur. Aber es ist so schön, ich wollte es Ihnen nicht vorenthalten.

Sonntag, 18. November 2007

Tipps zum Buchstaben "M": Mikros, Moderationswände

Gestern war ich als "beratende Dolmetscherin" auf einer Veranstaltung, in Vertretung von Kerstin, der Inhaberin der Dolmetscheragentur. Hintergrund: Eine größere Veranstaltung hat sechs Kolleginnen und Kollegen über einen Zeitraum von drei Tagen gebucht. Nicht immer sind alle Dolmetscher gleichzeitig anwesend, das hat was von Stafettenlauf.

Der beratende Dolmetscher stellt im Vorfeld das Team zusammen und ist auch vor Ort Ansprechpartner. Bei kleineren Events wie dem vom Wochenende, es waren zwei halbe und ein ganzer Tag, ist er oder sie nicht die ganze Zeit vor Ort, vor allem dann nicht, wenn erfahrene Kolleginnen und Kollegen im Einsatz sind. Und da Kerstin parallel dazu in München gearbeitet hat ...

So blieb ich zwei Stunden im Studienzentrum unseres Kunden, in dem es um ein spannendes soziales Thema der Erweiterung Europas ging. Und bringe gleich zwei Tipps mit, beratende Dolmetscherin halt ...

Ein Tipp für Redner: Abstand halten zum Mikro. Eine der Seminarteilnehmerinnen war bei der Abschlusspräsentation kurz davor, das Mikrophon aufzuessen, so nah war sie dran. Dadurch werden Explosiv- und Zischlaute zu laut und verzerrt wiedergegeben, es tut in den Ohren weh. Die Lautsprecher standen aufs Publikum gerichtet, so dass sie es leider nicht selbst merken konnte. Also daher bitte 10 - 15 cm Abstand zum Mikrophon einhalten, das scheint ideal zu sein für die gängigen Anlagen.

Ein Tipp für Dolmetscher: Einige Zeit vor dem Einsatz kommen wir meistens schon an den Arbeitsort, das hat auch unsere Ablösung getan, und sich die Ergebnisse der Gruppenarbeit angesehen, weil Workshops auf dem Programm standen. Allein: Es hat ihnen niemand gesagt, dass "Moderationswände" auch eine Rückseite haben, und waren dann bass erstaunt, als plötzlich völlig neue Themen aufs Tapet kamen.

Für alle, die nicht wissen, was Moderationswände sind, hier ein Foto, zum Vergrößern anklicken. Nur Füße hat das Ganze natürlich noch ...

Samstag, 17. November 2007

Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat ...

... und einen Beruf ausübt, den man nicht gelernt hat.

Heute wollte ich hier mal nichts schreiben. Ich schleife am ersten Kapitel meiner Übersetzung. Aber mit vielen Pausen, in denen ich Gutes lese oder auch höre, richtiges, schönes, geschliffenes Deutsch. So stieß ich auf "Das blaue Sofa", Gespräche, die dieses Jahr auf der Buchmesse in Frankfurt stattgefunden haben und die über die ZDF-Sendung 'aspekte' online abrufbar sind.

Die meisten Beiträge sind auf Deutsch. Nach etlichen Pausen mit deutschen 'hommes et femmes de lettres' bin ich gespannt, wie ausländische Gäste hier betreut werden. Ich klicke Pierre Bayard an und lehne mich zurück. Zu meiner Überraschung outet sich der Moderator, der neben dem französischen Prof sitzt, in der ersten Sendungsminute als des Englischen unkundig, aber Frau von Bülow, die das mitbekommen habe, werde jetzt aushelfen, und er bittet zu bedenken, dass sie von Berufswegen nicht "Übersetzerin" sei. (Wieder einer, der nicht weiß, dass hier das Wort 'Dolmetscherin' fallen müsste.)

Es geht los, die Ankündigung hat gewirkt wie ein doppelter Espresso, ich bin hellwach. Und ich staune und freue mich: die dunkelhaarige Dame im Hahnentrittjäckchen macht ihre Sache sehr gut. Ihr Deutsch ist exzellent (dafür bin ich ja hier), sie kennt das Buch, um das es geht, offenbar gut, sie hat Ausstrahlung.

Und sie arbeitet wie alle Dolmetscher, sie übersetzt "ich", wenn der Gast "je" gesagt hat, und zum Satzende geht ihre Stimme nach unten. Das, was sie wiedergibt, ist immer, vom Sprachniveau her betrachtet, eine kleine Ebene höher angesiedelt als das, was der Gast auf dem blauen Sofa gesagt hat. Dann, nach den ersten Worten, in denen sie dennoch sehr 'nah' an Pierre Bayard geblieben ist, entfernt sie sich von seinen Worten, wird komplexer, verschiebt ein wenig den Focus, ergänzt einen Nebensatz um Nichtgesagtes, das aber in seine Worte hineingelegt werden kann. Wie gesagt, Dolmetscher heißt auf Französisch "interprète", es geht also um eine Form der Auslegung. Nur manchmal fügt sie einen Nebensatz hinzu und sagt dann: "wenn ich das hinzufügen darf" ... Den Satz hören Sie von Dolmetschern nicht.

Und das Trio auf dem Sofa macht alles richtig, besonders die Dame. Das darf ich keinesfalls in meinem Weblog schreiben, denke ich mir, und: Diese Frau hat den Beruf verfehlt, ein Naturtalent. Wie für Medien ideal, sind die Antworten immer sehr kurz, fünf bis acht Sekunden lang spricht Pierre Bayard jeweils, das geht auch ohne Notizen. Auch bei den kurzen übersetzten Antworten beobachte ich einen typischen Anfänger- und Unsicherheitsfehler: Die Übertragungen werden länger als das Gesagte ...über das langsame Verfertigen der Gedanken beim Sprechen. Aber die Stimmung stimmt, sie trifft immer den Kern, ist nah am Autor dran, einem Uniprofessor, der über die Kunst schrieb, über ungelesene Bücher kenntnisreich zu sprechen, siehe unten.

Nun, zur Rehabilitation der Branche sei gesagt: lange Aussagen und sehr lange Veranstaltungen, die sich über Tage hinziehen können, fühlen sich immer an wie der Marathon, für den wir ausgebildet worden sind, und das geht dann nicht ohne Notizen, Methode und Erfahrung. Und auch nicht ohne umfassende Allgemeinbildung, Fachkenntnis und geschultes Werkzeug. Die Muttersprache der improvisierten Dolmetscherin sitzt fest. Das unterscheidet die Dame auf dem blauen Sofa von der typischen Studentin aus deutsch-französischem Elternhaus, die in den letzten Jahren sogar von großen Kultureinrichtungen der Hauptstadt (aufgrund von "Sparzwängen") zum Dolmetschen auf die Bühne geholt wird und dort rasch an ihre Grenzen stößt.

Wer ist also Frau von Bülow? Zwei Klick später weiß ich es: Bettina von Bülow hat Germanistik und Romanistik studiert, dann nach vielen Jahren als Lektorin und Programmleiterin großer Verlage ihr eigenes Unternehmen 'spirograf' gegründet, mit dem sie über das Netz Leser, aber vor allem Verlage über fremdsprachige Neuerscheinungen und den Buchmarkt informiert – als Literatur-Scout.

Als Lektorin hatte sie also jahrelang mit Übersetzungen zu tun, und überträgt bis heute Kultur von einem Medium ins andere.

Hier macht sie jedenfalls eine souveräne Figur, erlaubt sich sogar, mit viel Charme ein anderes Gesetz der Branche zu durchbrechen: Sie macht einen Witz. Als es um die Frage geht, was "richtiges Lesen sei", spricht Pierre Bayard über Ablenkungen: "Il nous arrive de lire un livre dans une librairie et d'arrêter parce qu'il y a une belle passante dans la rue ..." und verkneift sich ein Grinsen. Darauf Frau von Bülow: "Es passiert, dass man in der Buchhandlung ist, ein Buch im Stehen liest, und plötzlich geht ein gutaussehender Mann auf der Straße vorbei." Jetzt lächelt sie Bayard an, erwartet stummes Einverständnis, aber er hat sie nicht verstanden. Er ist ja Franzose.

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Pierre Bayard: "Wie man über Bücher spricht, die man nicht 
gelesen hat", aus dem Französischen von Lis Künzli, Verlag 
Kunstmann, € 16,90

Bayard saß am Mittwoch, dem 10. Oktober 2007, auf dem 
"blauen Sofa" – und hat natürlich von der "schönen Passantin"
gesprochen, die den Blick abschweifen lässt ...

Weitere internationale Gäste: Umberto Eco, er muss aber
Englisch sprechen, und Georges-Arthur Goldschmidt (Donners-
tag). Da er aus Deutschland stammt, gibt es keine Sprachprobleme.

Freitag, 16. November 2007

Nach dem Dolmetscheinsatz

Dolmetschen ist ein Traumberuf, doch danach bin ich immer wieder geschafft. Darüber schreib ich hier exklusiv. Texte, die wenig mit Sex, viel mit Hingabe zu tun haben. Hingabe an Sprache. Nach dem Dolmetschen ist im Kopf Kraut und Rüben. Und darüber schreib ich jetzt!
... der Eintrag geht erstmal mit Leere los. Denn so fühlt sich der Kopf an, wenn wir Dolmetscher den jeweiligen Ort des Geschehens verlassen. Oder auch mit Überfülle an Worten, Klangfetzen, Energien, Kadenzen, aus der heraus dann nichts Einzelnes mehr wahrnehmbar ist. Was auch wieder auf Leere hinausläuft.

Ein Knochenjob sind Berlinale-Einsätze: Erst den Film simultan dolmetschen, vom Blatt, alle Rollen: der Finger auf der Dialogliste, die Ohren in den Kopfhörern, die Augen auf der Leinwand. Dann ins Pressezentrum hetzen. Die Konferenzen zu den Filmen dauern zwischen 30 und 50 Minuten.

Und den Film am Abend dann gleich nochmal "machen". Zwischendrin nehme ich die Umgebung nicht mehr so klar wahr, wie sonst, weiß, dass ich nicht alle sechs Sinne beisammen hab' und höllisch aufpassen muss, zum Beispiel beim Überqueren der Straße. Und alles wirkt auf mich wie Film, die Leute, die Gesprächsfetzen, selbst die Lichtspiele im Gang.

Dann ist alles okay. Schöne Leere. Leichtigkeit. Frei von Verpflichtungen, frei von Kommunizieren- und Planenmüssen. Zu den Gedanken sag ich: "Jetzt nicht!" Und genieße ein einfaches Mahl.

In weniger drei Monaten ist die nächste Berlinale.

Donnerstag, 15. November 2007

Übersetzen mit Subtext

Dieser Tage sitze ich an einer langen Übersetzung. Tage - was sag' ich, es wird etliche Wochen dauern, inklusive Lektorat bis in den Januar. Es geht um das Image des deutschen Kinofilms in Frankreich. Der Text entstand als Projektarbeit an der französischen Grande Ecole Institut d'Etudes de Sciences Politiques in Paris. Er ist eine Mischung aus wissenschaftlicher Studie, Hintergrundanalyse und Erfahrungsbericht.

Die Autoren, Studenten im vorletzten Studienjahr, sind unvoreingenommen an die Sache herangegangen. Und sie stecken schon seit vier Jahren im französischen akademischen Betrieb, in dem Wissen angehäuft, Methode gelehrt und Stil geprägt wird, um das Ganze für den Leser entsprechend zu verpacken.

Und hier genau ist der Haken des Projekts. Die Studenten schreiben im Grundlagenteil stellenweise redundant, nehmen den unwissenden französischen Leser an die Hand, schreiben wie für einen Senatsabgeordneten, der ja auch Figuren für späteres verbales Kapriolenschlagen braucht. Dann sind Partien wieder sehr dicht und faktenreich - auch das hat seinen Grund. Es geht um das Neue, um praktische Ansätze und Erkenntnisse, die neue Weichenstellungen bereits mit sich brachten.

Mein Übersetzen ist also vielmehr ein Übertragen. Ich habe das Vorgehen mit den Studenten abgesprochen, sie vertrauen mir, da sie im Jahr, in dem sie forschten, von mir auch viele Kontakte, Namen und Mailadressen erhielten.

Dennoch: Die Arbeit fällt mir schwerer als gedacht. Ich muss zwischendurch immer wieder den Kopf frei kriegen, klebe zu sehr an der Ausgangssprache. Und ich muss den richtigen Tonfall finden für die deutsche Branche, Wiederholungen raus- und Fußnoten reinnehmen. Und ich werde ergänzende "Servicekästchen" texten, sie mit meinen Initialen versehen und ein Vorwort schreiben.

Warum so viel Arbeit? Weil auch der Subtext übersetzt werden muss. Wenn ein Journalist eines staatlichen Rundfunksenders sagt: « L’entente cordiale avec l’Allemagne est dans l’esprit des Français une nécessité plus qu’une empathie réelle »wird daraus "In den Köpfen der Franzosen entspricht die 'entente cordiale' mit Deutschland mehr einer Notwendigkeit als echter gefühlter Nähe" samt einer Fußnote zu "entente cordiale", wörtlich: "herzliches Einverständnis". So lautet der Name eines Abkommens über die Aufteilung der Einflusszonen im kolonialen Afrika, das Frankreich und England 1904 geschlossen haben. Und da von allen Beteiligten Deutschland und Frankreich in ihrer Rolle für die europäische Einigung reflektiert werden, muss ich die Anspielung erläutern.

Dienstag, 13. November 2007

Reportage über den Dolmetscherberuf

In letzter Zeit erhalte ich viele Mails von Schülern und Studenten, die sich für das Dolmetschen interessieren. Dieser Blog entstand im Grunde auch so: Über den girls day hinaus, bei dem Mädchen und junge Frauen direkt am Arbeitsplatz von Müttern, Tanten und Freundinnen über Berufe informiert werden sollen, wollte ich über das informieren, was unsere Arbeit ausmacht.

Dazu passt eine ARD-Reportage, auf die mich ein Kollege hinwies. Merci beaucoup, Marc !

Viel Spaß dabei, einer Berlinale-Kollegin über die Schulter zu schauen.
Anmoderation: Auf der Berlinale arbeiten Dutzende Dolmetscher, für die Fortsetzung hier klicken.

Nur in einem Bereich irrt der Journalist: Wir erhalten nicht bis zu 700 Euro "pro Einsatz", das wären dann bei nämlicher Kollegin — drei Pressekonferenzen plus ein Koproduktionsgespräch — zusammen 2800 Euro, sondern 650-900 Euro ist ein Dolmetschertag in Berlin wert. Es kann durchaus sein, dass zu einem kürzer geratenen Berlinale-Tag noch ein zweiter Auftraggeber hinzukommt und ebenfalls für ein paar Stunden einen hohen Betrag zahlt, aber gerade auf Festivals haben viele von uns mit einem Auftraggeber einen Vertrag für mehrere Einsätze, von denen beide Seiten etwas haben: Der Kunde zahlt in der Summe weniger und ich verliere keine weitere Zeit bei Acquise, Buchhaltung und Kundenpflege. Denn am liebsten arbeite ich oder bereite Einsätze vor oder nach. Voilà !

Und da ich gerade schon mal bei Preisen bin: Es gibt auch Agenturen, besonders einige große, die für ihre Vermittlungsdienste an Dolmetscher 30-50 % der Gage einbehalten. Das ist bei großen Konferenzen eine Stange Geld und sollte von den Auftraggebern reiflich überlegt sein.

Denn dass die Preise hoch sind, hat seinen Grund: Wir müssen uns auf die Termine vor- und auch nachbereiten. Fachvokabular steht nur selten in Wörterbüchern. So sind wir auch Autoren unserer eigenen Wörterbücher, pflegen Datenbanken, lesen Fachtexte — das nimmt je nach Thema mehrere Tage in Anspruch. Und dann ist die Arbeit sehr anstrengend, laut WHO kommt der Stressfaktor beim Dolmetschen gleich nach dem von Piloten und Fluglotsen.
Wir brauchen also Ruhezeiten, um immer auf hohem Niveau arbeiten zu können.

Sonntag, 11. November 2007

Dolmetscher im Film (II) - heute Abend

In der Regie von Sydney Pollack entstand 2005 der Film "The Interpreter" (Die Dolmetscherin) mit Nicole Kidman. Drehorte sind die Dolmetscherkabinen der UNO, die Gänge davor, in denen die "Sprachmittler" kurz vor Einsatz Vokabeln austauschen, ein fremdes afrikanisches Land und einige Ecken von New York.

Ich hab den Thriller gemocht, auch wenn die Rahmenhandlung ein wenig konstruiert wirkt, aber Leute meines Berufs sind wohl befangen. Eine Dolmetscherin, dargestellt von Kidman, verfolgt eine Spur, auf die sie zufällig in ihrem Beruf gelangt ist, es geht um ein ausgedachtes afrikanisches Land, einen geplanten Putsch und einen Militärstaat, wie er in vielen afrikanischen Ländern Alltag ist. Der erfundene Fall klingt dennoch plausibel. Mich beeindruckte, dass UNO-Sicherheitsrat und -Generalversammlung in ihrer Machtlosigkeit dargestellt werden. Bemerkenswert auch, dass der damalige UN-Generalsekretär Kofi Annan dem Filmteam erlaubte, am Originalschauplatz zu drehen, denn derlei widerspricht im Grunde den Statuten der Vereinten Nationen, das war einstmals nicht einmal Alfred Hitchcook vergönnt.

Lustig sind die Begleitumstände des Filmstarts vor zwei Jahren. Der deutsche Verleih hatte Mühen, einen Titel zu finden, da die Verleihmitarbeiter offenbar den Unterschied zwischen dolmetschen und übersetzen nicht kannten. So war der Film lange als "Die Übersetzerin" angekündigt.

Der Branchendienst dvd-inside.de schrieb
damals unter anderem: "Kidman war fasziniert vom Leben der UN-Dolmetscher. Dabei gilt ihr Beruf als einer der stressigsten überhaupt. UN-Dolmetscher müssen rasend schnell mentale Sprünge machen, die höchsten Ebenen kulturellen Wissens und Verstandes erlangen und täglich absolut konzentriert und auf den Punkt arbeiten. Die Arbeit in schalldichten Kabinen ist notorisch einsam und verlangt nach einer starken Persönlichkeit."

Für Kidman seien diese Eigenschaften
– Konzentrationsfähigkeit, willensstarker Individualismus, Idealismus und das Streben nach Kommunikation – der Schlüssel zum Verständnis der von ihr verkörperten Figur gewesen.

(Zitiert nach Übersetzerportal)
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11.11.2007, 20.15-22.45 Uhr, RTL


Dienstag, 6. November 2007

Was'ne Wirtschaft!

Sprache verändert sich, wir Dolmetscher spüren das oft als Erste. Eben hab ich eine Mail im Kasten, in der ein Student anfragt, ob er seine Hausarbeit zum Sommersemester noch nachreichen könne, er würde den Schein gerne bei mir machen, vor allem aber wird folgender Grund genannt: "Die Geschäftsführung macht tierisch Druck, man möge sein Grundstudium möglichst in diesem Semester abschließen."

Da kann ich die Unternehmensführung beruhigen, der Mitarbeiter Sohn darf den Schein bei der freien Lehrkraft gerne noch vollenden, denn diese weiß selbst nur zu genau wie das ist mit einem vollen "Schedule" (Zeitplan), denn sie ist im Haupt"job" Dolmetscherin.

Als solche reiste ich letzten Sommer mit deutschen Journalisten nach Paris. Die angehenden Pressevertreter sollten dort die wichtigsten 'Akteure' des politischen Lebens kennen lernen. Einmal waren wir bei einer Partei, in der uns die Geschäftsführung zur Kommunikationsabteilung schickte.
Die Journalisten stellten sich beim Weggehen die Frage, ob denn die Wähler jetzt Kunden seien und welche Ware hier verkauft werde.

Aber das dürften sie bei ihren Arbeitgebern auch fragen. Seit geraumer Zeit heißt hierzulande der Fachmann für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des zweiten öffentlich-rechtlichen Programms "Unternehmenssprecher". Von welchem Unternehmen ist die Rede? Mit welchen Hauptinvestoren, Kleinanlegern und Produktrisiken eigentlich?

Neben der Anglifizierung ist die Ökonomisierung der Sprache derzeit offenbar voll im Gange, deshalb grüßt:
Ihre
Sprach"coach"-Dienstleisterin
Caroline

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Foto: Rollt das Rad, rollt der Rubel auch.

Donnerstag, 1. November 2007

Stille Post auf dem Festival

Gerade bin ich beim DOK-Festival in Leipzig. Letztens kam da mal ein Dolmetscher nicht rechtzeitig zum Einsatz. Das erinnerte mich an eine vor einiger Zeit aus der Zuschauerperspektive erlebte Episode.
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Sich mitzuteilen will gelernt sein. Leider geht selbst bei Kommunikationsprofis immer wieder mal was schief - weil sie nicht können oder einfach nicht wollen. Dann kommt zu unschönen Verschiebungen, zu denen mir ein Kinderspiel einfällt, "Stille Post", was übrigens "le téléphone arabe" auf Französisch heißt.

Beispiel gefällig? Wir sind irgendwo in Deutschland, hier feiert ein Filmfestival ein kleines Jubiläum, und mit den Jahren ist es vor allem der Größe nach eines der wichtigeren geworden.

Man leistetet sich nun erstmals Dolmetscher, wo früher Studenten aushelfen durften, ruft bei einer örtlichen Agentur an, vergibt den Auftrag. Das Problem: die Firma hat noch nie mit Kinomachern zusammengearbeitet, und auch beim Festival sind viele neue Mitarbeiter da, weil Festivals meist unterfinanziert sind. Und niemand denkt daran, Erfahrungen anderer Festivals mit Sprachmittlern auszuwerten, denn das Dolmetschen unterschätzen leider fast alle.

Dann steht eines Nachmittags ein arabischsprachiger Film auf dem Festivalprogramm. Die Korrespondenz mit der Regisseurin hatte bislang auf Englisch stattgefunden, es ging um Themen wie An- und Abreise und Kopientransport.

Jetzt soll im Anschluss an die Aufführung über den Streifen diskutiert werden. Die Moderatorin reckt den Hals und hält nach dem Dolmetscher Ausschau. Aber niemand kommt. Nachdem Regisseurin und Moderatorin eine Weile lang stumm ins Publikum geschaut haben, erklärt die Vertreterin des Festivals nicht ohne die entsprechende Zerknirschung spontan ihr Problem. Eine Studentin aus dem Publikum erbarmt sich und bietet sich als Englisch-Dolmetscherin an. Dabei stellt sich heraus, dass die Regisseurin über basic travel english hinaus dieser Weltsprache gar nicht mächtig ist. Niemand hatte im Vorfeld die Regisseurin gefragt, in welcher Sprache sie das Publikumsgespräch führen wolle und niemandem war aufgefallen, dass sie in Paris studiert hatte ... Worauf eine zweite Studentin einspringt, eine junge Französin, mit besser entwickelten Englischkenntnissen. Jetzt wird nach dem Kettenprinzip Französisch->Englisch->Deutsch gedolmetscht. Leider bleiben Stille-Post-Effekte nicht aus, was beim Publikum auf Unmut stößt. Da steht eine weitere Zuschauerin auf, man versucht es also zu dritt ...

Und der Dolmetscher währenddessen? Ich hatte ja eingangs von einer Firma gesprochen, die mit der Kommunikation beauftragt worden war. Der Dolmetscher sitzt indes seelenruhig in der Dolmetscherkabine neben dem Projektionsraum. Ihm wurde erzählt, dass die Vorführung mit Verspätung gestartet war, ergo geht auch das Gespräch später los. Die Dolmetschanlage fürs Simultane hat er bereits hochgefahren, jedoch ist noch alles stumm und auch der Monitor neben der Anlage ist noch schwarz, über den sonst Bilder aus den anderen Kinosälen übertragen werden, denn nicht jeder Kinosaal verfügt über eine Kabine. Und durch die Glasscheibe hindurch sieht er im Zuschauerraum auf eine Podiumsdiskussion mit mehreren Teilnehmern, bei der das Mikrophon überraschend oft hin- und herwandert ...

In die Dolmetscherkabine hatte ihn die Abendspielleitung des Kinosaals gesetzt. Letztendlich war die Sache kein großer Verlust, der Kollege war Dolmetscher für - Englisch.

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P.S.: Natürlich hatte das Festival meine Marketing-Mail erhalten, in der ich auch Fortbildung anbiete, und ich kannte die Festivaldirektorin sogar persönlich ...

Dienstag, 30. Oktober 2007

Rauchfrei in Berlin

Deutschland steht eine große Veränderung bevor, die auch für Berufssprecher, wie wir Dolmetscher es sind, große Auswirkungen haben wird: viele öffentliche Orte sollen (endlich!) rauchfrei werden.

Das ist eine wunderbare Nachricht. Meine Stimme leidet nämlich, wenn ich mich, was gelegentlich geschieht, aus beruflichen Gründen in einem verrauchten Raum aufhalte - am nächsten Tag klinge ich wie 30 Jahre "french breakfast" (le journal, un exprès et une clope - Zeitung-Espresso-Fluppe) oder wie Zarah Leander d'outre-tombe (aus einem literarischen Jenseits). Und ich habe sowas wie einen Kater.

Mich hat die Qualmerei an öffentlichen Orten jahrelang in meinem Sozialverhalten geprägt. Ich bin kein Fan von Kneipen im Winter, liebe private Räume.
Rauchfreie Cafés waren lang in Berlin selten. Dieser Tage sucht ein Kolleginnenkreis einen solchen.

Die Favoriten hier:
Teehaus Aurum in der Schönberger Akazienstraße, macht allerdings schon um 22 Uhr zu. Der Link hierzu, über den man zu weiteren Lokalitäten gelangt.

Einer meiner (rauchfreien) Lieblingsorte liegt in der historischen Mitte Berlins, es ist die tadschikische Teestube, die ich nicht nur wegen des selbst erfundenen Sprichworts mag: "Mit französischen Filmfreunden in der tadshikischen Teestube über die anamorphotische Vorsatzlinse sprechen!"

Mittwoch, 24. Oktober 2007

Symbolisch

In Australien gibt es ein offizielles Signet für Dolmetscher, das im öffentlichen Raum Verwendung findet. Hier sind die Bürger Kunden, die Verwaltung wird Dienstleistung genannt, und wer sprachlich Probleme hat, kann nach einer Dolmetscherin oder einem mehrsprachigen Mitarbeiter fragen. Echte Multikulturalität.


Mir gefällt's.

Dienstag, 23. Oktober 2007

Übersetzen ist Handwerk ...

... dennoch meinen immer mehr Firmen, dass ihnen dieses Maschinen abnehmen können.

Ein nettes Beispiel für "machine translation" fand eine Kollegin. Danke, Ina!
Shanghai ist einer der populärsten touristischen Punkte in der Welt. Jedes Jahr kommen Touristen zu dieser wundervollen Hauptstadt und haben einen Knall während ihrer Ferien. Die durchschnittliche Temperatur von Shanghai schwebt um ungefähr 15.7 Grad Celsius. Sommer erfahren reißenden Regen ziemlich häufig. Aber die Jahreszeit empfängt häufiges buchstabiert vom Regen, und die Temperatur verändert auch sich. Fall- oder Herbstanfänge im September. Duschen sind weniger wahrscheinlich und die Temperatur ist auch während dieser Jahreszeit ziemlich mild.
Das war ein Ausschnitt. Der Text in seiner ganzen Pracht hier.

Freitag, 19. Oktober 2007

Dabei und danach

Strasbourg, die Zweite. Und zu müde für einen Kommentar. Wie sind Dolmetscherinnen privat? Nicht immer gesprächig (click to enlarge).

Aufräumen, abheften, noch ein paar Vokabelerkentnisse in die Tabelle eintragen und aus die Maus. Morgen weiter, Nachbereitung ist sehr wichtig.

Portrait: Jean-Louis Besombes

Donnerstag, 18. Oktober 2007

Vor der Arbeit

Wir sind in Strasbourg. Hier sind an die zweihundert Lehrer, Kinobetreiber, Dozenten und Fortbilder zusammengekommen, um drei Tage gemeinsam zu arbeiten. Titel der Tagung, der zugleich der Name des veranstaltenden Vereins ist, lautet "les enfants du cinéma" - die Kinder des Kinos.

Als Dolmetscher tragen wir mit unseren Fähigkeiten zu den Arbeiten bei - ein halber Tag ist der Entwicklung von Filmpädagogik an deutschen Schulen gewidmet. Darauf bereiten wir uns gründlich vor. Da ich von Haus aus Filmwissenschaftlerin bin, nehme ich sogar an der ganzen Konferenz teil. Standesgemäß tagen wir in einem Kino: Filme, Vorträge, Diskussionen, Arbeitsgruppen - das Programm lässt uns kaum Pausen zum Durchatmen. Nur morgen geht es an einen anderen Ort. Wir tagen in einem Sitzungssaal des Europäischen Parlaments, vermittelt durch die Schirmherrin der Tagung, die Abgeordnete Catherine Trautmann, einige Jahre Bürgermeisterin der Stadt und französische Kulturministerin. Es ist das erste Mal, dass ich das Parlament betrete, und hier arbeiten zu dürfen freut mich schon jetzt.

Trotz der vielen Programmpunkte schaffen wir es kurz, uns dort am Vorabend die technischen Einrichtungen anzusehen. José, ein spanischsprachiger Techniker, weist mich ein. Die Dolmetscherkabine, eine von vielen, ist groß wie ein Zimmer, hat vier Plätze und ist mit der neuesten Technik ausgestattet. "Ein Rolls unter den Kabinen" wird Olivier von "enfants du cinéma" später kommentieren. José, der Haustechniker, sieht das lakonischer: "Die Parlamentsdolmetscher haben viel Macht. Hier ist alles immer auf dem neusten Stand."

Zurück ins Hotel, Vokabeln pauken, auch nach Jahren im Filmbereich gibt's immer noch welche, die nicht im Schlaf gleichermaßen in beide Richtungen sitzen: Einsaal-Kino - salle à mono-écran, Legetrickanimation - silhouettes animées usw.

Montag, 15. Oktober 2007

Manuskripte

Nächsten Freitag dolmetschen wir in Strasbourg. Der Veranstalter bat alle Teilnehmer, uns ihre Manuskripte zu schicken. Das hatten wir uns gewünscht, es birgt aber eine Gefahr. Daher meine Mail:
Liebe Rednerinnen und Redner,
in Ergänzung der Mail von E.A., hier die Information, dass es uns bei unserem Manuskriptwunsch nicht um einen bis ins letzte ausformulierten Vortrag geht, sondern dass Notizen, ein Konzept oder ein früher veröffentlichter Text die ideale Vorbereitung darstellen, von der aus wir Dolmetscher uns dann selbständig einarbeiten. Denn bei fertig Ausformuliertem besteht ja auch immer die Gefahr, dass der Text dann wörtlich und schneller als Sprechgeschwindigkeit abgelesen wird - auch das gilt es zu vermeiden.

Am liebsten sind uns Redner, die ihre Gedanken nach (vorab gelieferten) Stichpunkten nachvollziehbar entwickeln, so dass wir uns ausreichend lang und in der Tiefe mit dem jeweiligen Gebiet vertraut machen können.

Danke für Ihre Aufmerksamkeit und ebenso Dank für die ersten Notizen, die bereits eingegangen sind!

Viele Grüsse aus Paris,
C.E.

Dienstag, 9. Oktober 2007

Fliegender Wechsel

... und weiter geht's mit den jungen Berlingästen unseres Auftraggebers. Heute sind wir in Potsdam im Restaurant an der Mühle, gleich geht's auf Schlössertour.

Beim politischen Hintergrundgespräch im Séparé lassen wir es uns schmecken, die Gäste, die Programmbetreuung, der Redner und wir Dolmetscherinnen. Heute keine Technikprobleme, wir haben eine andere Anlage besorgt.

Der Redner entschuldigt sich - auch bei uns. Es sei ja eigentlich eine Unsitte, dass selbst die Essenszeit mit Vorträgen und Gesprächen zugepackt seien, und er hätte ja leider selbst dazu beigetragen und die mobilen Dolmetschanlagen immer befürwortet. Und so müssten nun wir, die Dolmetscherinnen, umschichtig essen. Da im Anschluss kein Dolmetschtermin mehr folgt, verlegen wir unsere Pause eben in die Nachmittagsstunden. Und jede darf einmal bei einem Gang mit den anderen essen, und beim Dessert sind wir eh bei kleinen Gesprächsgruppen angelangt.

Was es gab? Ich erinnere mich noch an Fisch, Sauerkraut und Senfsauce - ob die rustikalen letztgenannten Ingredienzien meines Mahls zum sehr feinen Fisch passten, konnte ich dann nicht mehr mit mir selbst klären.. Dafür weiß ich, wann Kerstin aufgegessen hatte und neben mir steht und das Mikrophon ergreift. Ich hatte gerade gedolmetscht: "Seit 1990", da übernimmt sie Anlage und angefangenen Satz, "also etwa seit dem Mauerfall, haben sich die Zahlen ..."

Mir gegenüber sitzt Stéphane, beobachtet uns mit einem Augenzwinkern, wünscht mir guten Appetit und fragt uns nachher, ob wir uns schon seit dem Studium kennen würden. Nein, eigentlich erst seit drei Jahren. Aber wir sind uns ähnlich im Anspruch, im Arbeitsstil und der guten Laune.

Montag, 8. Oktober 2007

Power!

Wir arbeiten für Filmproduktionen und Festivals, Unis, Verbände und Stiftungen im In- und Ausland. Heute ist es mal wieder so weit: eine Delegation steht ins Haus. Einer unserer Kunden bekommt Besuch aus dem frankophonen Ausland. Acht politische Nachwuchskräfte dürfen wir jetzt drei Tage lang begleiten - durch Vorträge, Gespräche, Analysen ... und das eine oder andere Rendez-vous mit der deutschen Geschichte.

Um neun geht's im kleinen Konferenzsaal los, alle haben ihre Kopfhörer auf - und Kerstin und ich sitzen einmal nicht in der Kabine. Bei einer so kleinen Gruppe arbeiten wir mit einer "Personenführungsanlage", das heißt, die Gäste sitzen um einen Konferenztisch und wir mit dabei. Manchmal gehen wir zum Dolmetschen in eine Ecke, vertreten uns ein wenig die Beine oder stellen uns direkt hinter Redner, um ihnen die Übersetzung von Fragen aus dem Publikum zuzuflüstern.

Aber eins nach dem anderen: Erst Grußworte und Danksagungen, dann wird das Wochenprogramm besprochen. Nach einer Stunde das erste Rauschen in de Kopfhörern. Wir tauschen ihn aus, die Batterie ist wohl alle. Fünf Minuten später ist der nächste fällig. Wir ahnen: die hauseigene Anlage, nunmehr seit fünf Jahren in Betrieb, beginnt zu schwächeln. Leider geht das mit dem Austauschen munter so weiter, so dass immer eine von uns dolmetscht, die andere Kopfhörer wechseln geht.

Nach einer Stunde sind wir mit den Geräten durch, der zweite Koffer wird geholt, alles andere wandert an den Akku. Sie ahnen es vielleicht: nach wieder einer Stunde war der dritte Koffer fällig.

Des Rätsels Lösung: Die Koffer mit Steckplätzen für die Kopfhörer hatte niemand in der Nacht zuvor an die Steckdosen angeschlossen. Es war schlicht vergessen worden. Außerdem ist das Material wirklich zur Hälfte nicht mehr funktionsfähig gewesen, aber niemand hatte sich Zeit genommen und die defekten Geräte aussortiert.

Wir haben dann alle fast Dolmetschformen aufs Mal präsentiert, Fragen aus dem Publikum per Flüsterdolmetschen, mal semi-konsekutiv für eine kleine Gruppe (die übergangshalber hörerlos war), mal richtig konsekutiv für alle - und irgendwann war ein Teil der Geräte auch wieder nachgeladen.

Und die Moral von der Geschicht': Wer solche Dolmetscherkoffer besitzt als Einrichtung, sollte jemanden fest mit Wartung und Vorbereitung beauftragen. Alles andere macht unnötigen Stress.

Wie die frankophonen Gäste reagierten? Schmunzelnd. "Tse-tse", neckten sie uns, "von wegen deutsche Technik unkaputtbar und Pflichterfüllung, ach so! Aber das macht Euch nur noch sympathischer."
Wir haben dazu fein gelächelt.

Freitag, 5. Oktober 2007

Wer nicht hören will, darf ... hören lernen!

Eben lese ich ein Berliner Stadtmagazin, das über die vielen Promis aus Hollywood berichtet, die zu Filmarbeiten herkommen, da erhalte ich eine Anfrage aus Paris: Ein französischer Schauspieler soll kommendes Frühjahr in Berlin drehen, er spielt einen Franzosen, der mit den Alliierten herkam und der aus Liebe zu seiner deutschen Frau hierblieb. Das Problem: Der Schauspieler aus Paris hatte Deutsch in der Schule, und das war's dann auch schon fast. Die Castingfrau aus Paris sagt, er hätte eine sehr harte französische Aussprache (un accent à couper au couteau, mit dem Messer zu schneiden so dick) und sei vor allem durch einen weiteren Deutschlernversuch demotiviert.

Der eine Teil des Problems lässt sich phonologisch erklären: Der Mensch kann nur das aussprechen, was er/sie wahrnimmt. Das kommt daher, dass sich das Gehör im Moment des Erlernens der Muttersprache auf die Frequenzen, Laute und Sprachmelodie der betreffenden Sprache “einschießt”. Und da gibt es zwischen Französisch und Deutsch nun mal klare Unterschiede. Der zweite Punkt ist auch verständlich; es geht also für den Schauspieler auch darum, Spaß beim Lernen (wieder)zugewinnen.

Es gibt Hoffnung. Für Opernsängerinnen entwickelte der Pariser HNO-Arzt Alfred Tomatis schon in den späten 50er Jahren das “elektronische Ohr”, mit dem der Hörende über das sogenannte “Knochenhören” bzw. Lauschen verfremdeter Akustiken (Musik, z.B. Mozart, Gregorianik oder die Stimme der eignen Mutter) wieder in eine Hörtrainingsphase kommt, die der frühkindlichen, sogar embryonalen, nicht unähnlich ist. Der Gehörsinn wird angeregt, die entsprechende Hirnaktivität gefördert, was zu differenzierten Hörleistungen führt, und die wiederum haben als Ergebnis, dass der Betreffende besser moduliert (denn das, was akustisch ‘produziert’ wird, kontrolliert immer das Ohr, s.o.) So kommt es zu Erfolgserlebnissen und die bringen Spaß!

Diese Methode, sie wird “Audio-Psycho-Phonologie” genannt, ist im Filmsektor in Frankreich durch das Beispiel Gérard Depardieu bekannt. Frankreichs berühmtester lebender Schauspieler stotterte als junger Mann, hatte sonst auch noch Artikulationsprobleme und wurde erfolgreich von Tomatis behandelt. Eine andere berühmte Patientin ist Maria Callas.

Heute werden auch Kinder mit Lernstörungen damit therapiert, denn auch da ist die Verbindung zum Gehör augenfällig. Dennoch ist die Methode vor allem aus Kostengründen umstritten, in Deutschland und Frankreich zahlt die Kasse in der Regel nicht, auch nicht die Therapie von Kindern und Jugendlichen. Ganz anders verhält es sich in der Schweiz, wo die Hörschulung inzwischen zum Grundkanon zählt.

Für den Schauspieler heißt es: Grundlagen legen in Paris (Hören und Deutsch-Grundkurs, allein oder in der Mini-Gruppe), dann ab nach Berlin. Die Stadt und ihr Fluidum werden das ihrige beitragen.

P.S.: Nein, ich habe keine solche Schulung absolviert, aber mein Gehör durch frühkindlichen Fremdsprachenkontakt trainiert. Den Rest machte die Musik. Viele "Sprachmenschen" haben eine hohe Affinität zur Musik. Aber das ist ein anderes Thema.

Donnerstag, 4. Oktober 2007

Timing and Trimming

Nein, jetzt geht's nicht auf Englisch weiter. Es geht mir heute nur um Zeit und Form beim Dreh. Ich schrieb schon über Interviews, zu denen ich Notizen mache und dann immer in die Gesprächspausen hinein übersetze. Dazu ist gutes Timing nötig, also eine gute zeitliche Koordinierung, damit sich nachher die Aufnahmen auch gut montieren lassen. Meine Stimme, die eine Arbeitsgrundlage ist, wird nämlich herausgeschnitten, daher darf sich nichts überlappen, was sonst im Alltag ja ständig stattfindet: Da ergänzt der eine noch was, während der andere schon an seiner Frage bastelt - im Ton ließe sich später nicht "entflechten", was unsere Ohren automatisch machen. Daher muss ich immer sehr aufs Timing achten.

Dazu kommt Trimming, das "Beschneiden", "Begrenzen", "in Form bringen". Logisch, dass, wenn meine Frage weggeschnitten wird, ein Interviewter nicht antworten kann: "Ja, das ist genauso, wie Sie sagen!" Oder natürlich kann sie oder er das, aber es nützt nichts für den Film. Also muss ich immer wieder darauf hinweisen, dass bitte in ganzen Sätzen gesprochen werden möge und die Elemente der Frage bitte aufzugreifen seien.
Als Dolmetscherin muss ich hier, über die Inhalte hinaus, die ich gleich übersetze, auf die Schneidebarkeit der Aussagen achten. Timing und Trimming eben.

Andere Drehberichte hier und hier. Achtung! Länger!
Zum Mediendolmetschen mehr hier.

Foto: Friederike Elias

Mittwoch, 3. Oktober 2007

Flüsterdolmetschen

Dann dolmetschen wir simultan.
Noch eine Dolmetschart: Das Flüsterdolmetschen. Manche nennen uns ja spöttisch "die Flüsterer". Das kommt daher, dass wir zum Beispiel bei politischen Vier-Augen-Gesprächen  (an denen immer mehr Augen teilnehmen, die der Berater und unsere) für unsere Gäste flüstern. Wir sitzen schräg hinter der betreffenden Person oder wenden uns ganz ab, wenn es keine Sicht auf die Redner gibt, um uns besser konzentrieren zu können.

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Foto: C.E. (Nachtrag vom
Bundeswahlkampf 2009)

Dienstag, 2. Oktober 2007

konsekutiv

Konsekutiv bedeutet zeitversetzt. Erst spricht der Redner (aus Gründen der Einfachheit hier nur die männliche Form), dann der Dolmetscher. Der Vorteil: Wenn Leute unter den Zuhörern sind, die beide Sprachen können, hören sie auch beide. Ich habe meine Sprachkenntnisse auf jeden Fall durch viel Zuhören verbessert und das geschieht auch heute noch so.

Der Nachteil: Es dauert alles doppelt so lange. Oder nicht ganz doppelt so viel, weil wir immer ein wenig kürzen, aber die Wechselei kostet ja auch Zeit.

Und noch ein Vorteil fällt mir ein: Konsekutives Dolmetschen ist nicht ganz so anstrengend. Bin ich beim Simultandolmetschen nach einer halben Stunde spätestens müde, hab ich hier noch Energie.

Emmanuel Mouret, Olivier Pierre, C.E.
auf den Französischen Filmtagen Tübingen
Bei Themen, in denen ich zu Hause bin, und bei bekanntem Publikum, dolmetsche ich auch länger. Aber das sind die Extremausnahmen. Zum Beispiel letzten Sommer, beim Besuch von Benoît Jacquot in der deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb), da wollten Moderator Gerhard Midding und der Gast irgendwie gar keine Pausen machen aus Angst, die Studenten würden sich im Filmhaus am Potsdamer Platz verlaufen. So saßen wir da und ich dolmetschte immer schön konsekutiv, unterbrochen lediglich von drei etwa zehnminütigen Filmbeispielen. Im Publikum saßen auch meine Studenten, die Fragen waren erstklassig, die Themen spannend. Nach gefühlten anderthalb Stunden war Schluss — und ich erschrak, als ich auf die Uhr sah: Die Masterclass hatte drei Stunden fünfzehn Minuten gedauert. Aber das ist so eine extreme Ausnahme, dass ich sie lieber keinem weitererzähle. Psst!

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Foto: FFT

Montag, 1. Oktober 2007

simultan

Simultan steht für Gleichzeitigkeit — ich spreche also, während auch derjenige, den ich dolmetsche, spricht. Da ich erstmal verstehen muss, was er oder sie sagt, lasse ich ihm oder ihr ein wenig "Vorsprung", setze also später ein. Deshalb brauche ich am Ende auch ein wenig länger, als der andere. Meistens. Manchmal ist der Gedankengang so logisch und die Wortfolge so zwingend, dass wir zeitgleich aufhören. Es ist mir auch schon mal passiert, dass ich einen Halbsatz früher fertig war, weil alles so logisch war und/oder weil ich den Redner oder den Text kannte. Das irritiert manche Sprecher und oft lachen dann alle.

Simultan zu dolmetschen ist sehr anstrengend, weshalb wir uns in der Kabine meistens alle 20 bis 30 Minuten abwechseln. Allein halten wir Dolmetscher bis zu einer Dreiviertelstunde durch. Dann ist aber meistens das Ende erreicht und die Erschöpfung ist groß.

Mehr hier: Artikel aus Wikipedia

Symposium zum Thema Multitasking am 5. und 6.10.2007

Über die Multikasking-Ausstellung "Synchronität als kulturelle Praxis" schrieb ich hier bereits. Jetzt findet ein interdisziplinäres Symposium anlässlich der gleichnamigen Ausstellung in der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst statt, und zwar am Freitag, 5. Oktober 2007, 19 -21 Uhr: NGBK, Oranienstr. 25, 10999 Berlin Samstag, 6. Oktober 2007, 10-19 Uhr: RADIALSYSTEM V, Holzmarktstr. 33, 10243 Berlin Die Themen der Ausstellung sollen erweitert werden. ReferentInnen verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen aus Geistes- und Naturwissenschaften werden das Phänomen Multitasking fächerübergreifend diskutieren. Mögliche Erscheinungsweisen und Verflechtungen von Multitasking in Ökonomie, Medien und Gesellschaft werden präsentiert und zur Diskussion gestellt. Im Zentrum steht die Frage nach den technischen, sozialen und psychischen Auswirkungen der zunehmenden Beschleunigung und Verdichtung von Informations-, Entscheidungs- und Handlungsprozessen. //////// PROGRAMM als PDF-Datei zum Download unter www.emw.eu und www.ngbk.deFoto: Ana Lisa Calais e Val

Sonntag, 30. September 2007

Doppelbelastung, doppelte Freude

Bonjour und guten Tag! Interessieren Sie sich für Dolmetschen und Übersetzen? Dann sind Sie hier auf meinen digitalen Tagebuchseiten goldrichtig.

Wer zwei Sprachen hat, der hat zwei Leben" lautet ein Sprichwort. Das wissen alle Menschen, die tiefer in eine Sprache eingestiegen sind, als es mit dem meist ober­fläch­li­chen Schulunterricht möglich ist. Auch große Städte wie Paris und Berlin er­lau­ben es, sehr unterschiedliche Leben zu führen. Ein neues Viertel und ein an­de­rer Job, das macht oft mehr aus, als ein an­de­rer Lebensgefährte.

Für mich steigert sich das mit den Mehrfachleben, wenn ich Anfragen aus meiner alten Branche bekomme. Ausgebildet wurde ich parallel zum Studium als Jour­na­lis­tin, habe auch lange in dem Beruf gearbeitet. Gestern ging mal wieder ein vier­zehn­tägiger Job als Rechercheurin zu Ende — wenn dann noch das mit den Spra­chen hinzukommt, wie viel Leben ergibt das rechnerisch?

Am Anfang des Auftrags suchte ich im Netz Informationen und Ansprechpartner für einen Fernsehfilm über die Renaissance des jüdischen Lebens in Berlin, te­le­fon­ierte, schrieb alles zusammen. Am Ende, gestern, saßen wir mit kanadischen Re­por­tern und einem Mann von der Wachmannschaft der Synagoge im öster­rei­chi­schen Restaurant und feierten. Dazwischen lagen etliche Tage am Telefon, wobei ich auch viele Multiplikatoren finden und motivieren musste, bei Höf­lich­keits­be­su­chen und am Set.

 In Bewegung
Das Thema scheint nur auf den ersten Blick einfach. Die alteingesessene Berliner jüdische Gemeinde in Charlottenburg war wohlhabend und einflussreich, dann kamen mit der Öff­nung der Mauer die "armen Schwestern und  Brü­der" aus dem Osten hinzu, hier meine ich jetzt durchaus sehr weit östlich, "Kon­tin­gent­flücht­lin­ge", also Menschen mit jüdischen Vor­fah­ren und ausländischem Pass und oft kaum vor­han­de­nen Deutsch­kennt­nis­sen.

Und hier passierte, was überall passiert, wo es um Geld und Einfluss geht: es knirschte. Den Kanadiern geht es bei dem Bericht weniger um das Knirschen denn darum, die Buntheit abzubilden, in der jüdisches Leben in Berlin heute wieder Alltag ist. Und so betraten wir einen fast weltliche wirkenden Gemeindesal, in dem ein russischer Chor probte, waren in zwei Synagogen beim Laubhüttenfest mit dabei, trafen Schüler bei einem Quiz der Religionen, erkundeten die Klez­mer­schu­le, besuchten junge und ältere Menschen zu Hause, gingen zu einer Aus­stel­lungs­er&öff­nung von Fotos über den israelisch-palästinensischen Konflikt (*), zu einem Vortrag, tranken Kaffee im Beth Café im Osten, aßen koscher in einem kleinen Restaurant im Westen.

So viele Orte, so viele Ansprechpartner und Tage — damit alles bis zum letzten Tag klappt, arbeiten wir hier zu zweit. Denn für eine wäre der Job mehr als eine Dop­pel­belastung: für Recherche ebenso wie für die Kontakte, das Vertrauen der Zeit­zeugen zuständig zu sein, für den Ablauf ebenso wie für die inhaltliche und sprach­li­che Richtigkeit, das bedeutet sonst: Keep running, keine Pausen, immer ist noch ein Anruf anhängig.

Fürs Filmteam übersetzen wir immer si­mul­tan, was nicht gefilmt wird, und kon­se­ku­tiv, was später als O-Ton (Originalton) in den Film hineingeschnitten wird. Dazu machen wir uns natürlich auch Notizen, meine Kollegin Béatrice und ich. Am al­ler­letzten Abend sitzen wir also alle im österreichischen Restaurant und feiern, ein Kontaktmann der Gemeinde ist dabei.

Wir haben alle Motive gedreht, alle Wunschinterviewpartner "gekriegt", dazu noch viele Bilder, von denen wir nicht zu träumen gewagt hatten. Auf der Suche nach Taxiquittungen fange ich an, meine Tasche zu erleichtern und zerknülle No­tizen­pa­pie­re, unter anderem die Stichworte fürs Dolmetschen der Interviews.

Papierknüll mit seltsamen Zeichen
Papierkugel
Wie sie so als Bällchen auf dem Tisch liegen, sehen sie ganz unscheinbar aus. Da erwische ich den Blick von meiner Schwester Frie­de­ri­ke, die zu Besuch in Berlin ist und uns heute begleitet hat. Sie fixiert mit starrem Blick den Papierknüll.
Ich folge ihrem Blick und sehe am Ende der Sichtachse diesen Mann, der uns die letzten Türen geöffnet hat.

Es ist der Mann, der bei der Gemeinde für die Sicherheit zuständig ist. Und sehr langsam, wie beiläufig, nehme ich meine Papierkugeln vom Tisch. Denn so, wie die Notizen hier zusammengeknüllt sind — die Schrift sieht Steno ähnlich, ist aber stärker von horizontalen Linien geprägt, wobei ich die Buchstaben "i" und "è/é/ê" in Zusammenhang mit "m", "n" oder "u" nur noch durch i-Punkte oder Akzente an­täu­sche, die über den zur Linie verflachten Wortteilen stehen — so, wie die ge­scrib­bel­ten Buchstaben da im Zufall des Papierknülls zusammenkommen, sieht das Ganze für den flüchtigen Blick verdammt nach arabischen Schriftzeichen aus.
Dass mir hier keiner auf falsche Gedanken kommt, von wegen Doppelleben und so...


(*) Die Ausstelllung More than 1000 words — no win situation in the israeli pa­lestin­ian conflict, Fotografien von Ziv Koren ist noch bis zum 10.11. zu besichtigen, Ort: CiceroGalerie für politische Fotografie, Rosenthalerstraße 38, HH, 1. Stock
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Fotos: Friederike Elias

Donnerstag, 27. September 2007

Im Hafen

Herzlich will­kom­men! Sie le­sen im Ar­beits­ta­ge­buch ei­ner Dol­met­scher­in. Mei­ne Ar­beits­spra­chen sind Fran­zö­sisch und Eng­lisch (pas­siv).

Morgens gehe ich aus dem Haus, eine halbe Stunde später erfahre ich, dass ich nach Hamburg flitzen darf, eine Kol­legin vertreten. Ein europäisches Unternehmen hat eine Gesamtbetriebsratssitzung an der Waterkant, und es geht mit Sektempfang, Hafenrundfahrt und get together los.

So bleibt keine Zeit zur Vorbereitung; das Netz im ultra­modernen Sprinterzug hab ich jedenfalls noch nicht. Lediglich das ökonomische Wörterbuch in 100 Fachartikeln und 1200 Definitionen schnappe ich mir noch unterwegs, einsprachig natürlich.

Und dann sitz ich schon auf dem Kutter, die Wolkendecke reißt auf, der Frühherbst 2007 gibt noch einmal das selten gespielte Intermezzo namens "Sommer". Ich lausche: Der Motor des kleinen für den Zweck gecharterten Bootes tuckert be­ru­hi­gend und ich bete, dass die Lautsprecher es hergeben mögen. Jemand sagt mal laut "Test-Test" - sie sind nicht sooo schlecht, aber auch nicht wirklich gut. Vor allem höre ich fast nur Bässe. "Bom-bom-brrrom-brr ..." der Motor wird gleich mit übertragen.

Es schunkelt zum Teil heftig, als wir an den echten Ausflugsdampfern vor­bei­kom­men. Und als ich mir noch überlege, ob mir schlecht wird oder nicht, spricht der Mann, der sich "ich bin heute Ihr Käpt'n" vorstellt, schon sein Vorname ist ver­rauscht. Ich kann fast alles von dem verstehen, was er in hoher Geschwindigkeit formuliert, versuche es mir flugs in Bilder zu übertragen, und während ich dafür wieder Worte suche und selbst spreche, höre ich nur mich, ihn nicht mehr. Es ist dramatisch: Meine Stimme oder seine.

Okay, das wird also was werden mit langen Wortanteilen und dem Versuch, in die Pausen reinzusprechen. Dann kommen Worte wie "Wasserversuchsanstalt" und "Trockendock" - zum Glück erklärt er jetzt, was das ist, ein Dock, so lasse auch ich die großen Schiffe in eine Röhre hineinfahren, dann wird das Wasser he­raus­ge­pumpt, so dass die Arbeiten im Trocknen erfolgen können. Dann kommen die Su­per­la­tive: Dock elf ist das drittgrößte im Vergleich zu. Dock dreizehn das zweit­größ­te verglichen mit. Und Dock siebzehn erst ist das allergrößte — in Europa — aber in welcher Unterkategorie, bitte?

Statt das zu erklären, kommen jetzt in Windeseile (wie viel Knoten?) Höhe-Breite-Tiefe-Fahrrinne. Die Tiefe der Fahrrinne und wie der Sand abgesaugt wird ist für einen Käpt'n offenbar das Wichtigste, so klein der Kutter auch sein mag.

Und während mir selbst solche Ausdrücke wie bâtiment für ein großes Schiff wie­der einfallen und "Ballast" und "Reederei" und "Boje", fahren wir an was anderem vorbei, an einer großen, farbig gestrichenen Metallwand, riesig, die da vorne so einen riesigen Knubbel hat. Ja, noch ein Schiff, und das Dings da vorn teilt die Weltmeere nach links und rechts und macht in der Mitten den Weg frei für Kakao, Schokolade und eben auch Düngemittel, das Produkt unseres Auftraggebers. Aber wie heißt das nur?

Der Käpt'n spricht weiter, hat offenbar das Fach gewechselt oder warum spricht er jetzt von Buck. Detlev, wie, der auch hier? Und nochmal — Buck, meine Dol­met­scher­kol­le­gin schreibt das Wort und notiert zwei Fragezeichen daneben. Meine Gü­te, das ist jetzt wirklich der Bug, um den's da geht. Kein französisches Wort stellt sich ein.

Dafür ein anderes, eins, das gern im Übertragenen verwendet wird, sonst wüsste ich's nicht, weil das mit den Schiffen ist halt nicht so mein Fach ... also: die "Ga­li­ons­fi­gur" heißt figure de proue auf Französisch, aber ich muss jetzt den Rand hal­ten und ja nichts von Strömungstests und Galionsfiguren erzählen, denn hier, ich sehe mich nochmal um, gibt es nicht eine einzige, die ich mir vorstelle wie die Karyatide eines Pariser Hausmann-Gebäudes, nur eben aus Holz und nicht aus Stein, eine Art Schutzfigur mit tragender Rolle (in Abwesenheit eines Balkons könnte sie vielleicht die Verantwortung tragen?)

Das kommt davon, wenn Geisteswissenschaftler mit Leuten aus der Industrie eine Hafenrundfahrt machen. Da kommt einer der Gewerkschafter an unser Tischchen unterm Lautsprecher, lacht, gestikuliert wild gegen den Wind und die Bässe des Kapitäns an und schreibt auf: une étrave.

Merci, Monsieur !

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Illustation: Archiv. Die zweite Pointe kommt im Nachgang. Erst, als ich das Wort­feld nachbereite, fällt mir auf, dass ja der Name "Buck" schon vorbereitet war durch die "Boje". Dazu muss man wissen, dass ein Mann namens Klaus Boje eben Regisseur Buck pro­du­ziert und dass die gemeinsame Firma Boje Buck Produktion heißt. Die Laut­ähn­lich­keit war mir nicht bewusst, weil ich meist sauber nach Kontexten trenne. Aber das Unterbewusstsein wird schon mitgewirkt haben ...

Donnerstag, 20. September 2007

Mensch vs. Maschine (2)

Hallo! Hier bloggt ei­ne Dol­met­scher­in und Über­set­ze­rin für die fran­zö­si­sche Spra­che. Au­ßer­dem ar­bei­te ich aus­ge­hend von eng­li­schen Tex­ten oder Wort­bei­trä­gen.

In Lochkarten steckt die DNA heutiger Rechner
"Können Computer nicht viel bes­ser über­setzen? Dazu habe ich doch ein Programm!" Solche Sätze hören wir immer wie­der. Oder aber es rufen be­sorgte Eltern an, deren Kind sich entschieden hat, Spra­chen zu studieren, um Dol­met­scher zu werden.

Sie befürchten, dass Sprachmittler bald durch den Technikfortschritt arbeitslos wer­den könnten. Allerdings werden auf absehbare Zeit Menschen den Ma­schi­nen haus­hoch überlegen sein. Wenn sie heute ein Gerät mit zu Übersetzendem füttern und das Ergebnis dann (mit einem anderen Fenster/Browser aufgerufen) zu­rück­über­setzen lassen, werden sie merken, wie schwer verständlich die Ergebnisse sind und dass sich im Wiederholungsfall die Ergebnisse verändern.

Auf Französisch heißen wir Dolmetscherinnen und Dolmetscher un/une interprète. Sie dürfen darin gerne das Wort "interpretieren" erkennen.

Die Sache mit den automatischen "Übersetzungen" von Computern ist so, als wür­den Sie alle Zutaten für ein Gericht gleichzeitig in einen Topf oder eine Ku­chen­form kippen und das Gefäß dann auf den Herd oder in den Ofen stellen. Die hin­zu­ge­füg­te Wärme würde daraus noch lange kein Gericht machen. Menschen mit Wis­sen, Erfahrung (und Kochbüchern) sorgen dafür, dass die richtigen Zutaten zum jeweils optimalen Zeitpunkt mit der abgestimmten Temperatur und den jeweils anderen Zutaten angebraten, geschmort, gegart oder gebacken werden. Und dass zuvor etliche Zutaten auf die Weise gereinigt, geputzt und im Bedarfsfall klein­ge­schnit­ten worden sind.

Rechner hingegen kennen nur Einsen und Nullen, ein Ja oder ein Nein, kein Da­zwi­schen, kein Vielleicht. Menschen sind in ihren Ausdrücken individuell, vielfältig und selten perfekt. Beim Übertragen müssen wir also immer erst den Sinn dahinter verstehen, die Nuancen begreifen, bei manchen Texten die Leerstellen spüren (und belassen), kleine Fehler notfalls korrigieren (in der Regel nach Rücksprache). Unsere Intelligenz entspricht im Optimalfall jener unserer Autoren.

Die Intelligenz von technischen Geräten allerdings kennt keine Zwischenräume, sie ordnet ein Wort einem zweiten eindeutig zu und ist nicht einmal dazu fähig, sich darüber zu wundern, dass ein Mensch je nach Kontext etwas anderes verwenden würde. Männer sprechen anders als Frauen, Jüngere anders als Ältere, Menschen, die aus der DDR stammen, können ihre sprachliche Eigenheit besitzen, wie dies auch bei Dialektsprechern der Fall ist.

Der Rechner mit seiner künstlichen Intelligenz wurde vorab von Menschen an­ge­füt­tert. Aber bislang beherrschen Maschinen noch nicht einmal die Auswahl aus ver­schie­den­en Synonymen perfekt, ganz zu schweigen von Redewendungen, Wort­spie­len oder nicht zuende geführten Gedanken (beim Versuch, Gesprochenes zu er­fas­sen und automatisch zu übertragen). Was ist mit Grammatik, Satzbau und si­tu­a­ti­ven Ei­gen­tümlichkeiten mancher geschriebener oder gesprochener Wörter? Höflichkeitsebenen, Takt und auch Ironie kennen diese Kisten nicht. Hinzu kommen gruppenspezifische Aus­drücke oder Anspielungen auf Moden, Slogans oder aktuelle Ereignisse.

Das alles müsste ständig, für alle Sprachen, Gruppen und Grüppchen erfasst, ana­ly­siert und aufbereitet werden. Dies aber können nur menschliche Gehirne leisten. Um zu vernetzen und zu interpretieren, eine typisch menschliche Tätigkeit, ist hu­ma­ne Intelligenz nötig, die permanent einschätzt, abgleicht und das aus zwi­schen­men­schli­chen Begegnungen gewonnene Wissen hinzufügt.  

Kurz: Richtig gut übersetzen und dolmetschen werden auch in der nächsten Ge­ne­ra­tion nur Menschen — gerade weil sie über eine menschliche Intelligenz verfügen.

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Illustration: Lochkarte aus der Früh-
zeit der Informatik (Archiv)

Donnerstag, 13. September 2007

Mehr Luft, die Erste!

Will­­kom­men auf den Sei­­ten ei­nes vir­­­tu­­el­­­len Ar­beits­­­ta­­­ge­­buchs aus der Welt der Sprachen. Ich bin Dolmetscherin und Übersetzerin für die französische Sprache und aus dem Englischen.

Mehr Luft! Nein, nicht eine Variation des Spruchs des alten Geheimrats ist das jetzt, sondern das Japsen von uns Dolmetschern. Irgendwie klappt es in den Boxen oft nicht so mit der Belüftung.

Überhaupt, was sind das für Boxen? "Mama, warum geht Caro da in den Klei­der­schrank?" fragte mal der Sohn einer Freundin, als ich mich anschickte, meinen Arbeitsplatz zu betreten. Mein Arbeitsplätzchen. Klingt wie Mandelplätzchen.

So sicher wie Kekse zum Kaffee (im Gang hinter den Kabinen) finden wir beim Betreten des Kabuffs alte, veratmete Luft vor. Beides geschieht regelmäßig, und es gibt auch mal Überraschungen. Manche Kollegen mutmaßen, dass einige Neu­bau­ten ihre "Frischluft" für die Klimaanlage aus dem jeweiligen Tiefkeller bezögen. Ökologisch macht das Sinn: Die Luft ist nicht so kalt wie draußen, ein wenig angewärmt von den abschwitzenden Pferdestärken der Benzinkarossen. Ich halte das für einen modernen Mythos und den Beweis, dass es Verschwörungs­theorien selbst in den aufgeklärtesten Gesellschaften gibt. Aber da — mieft es heute nicht wirklich wieder sehr technisch — sollte die Umwälzpumpe der Luft frisch geölt worden sein? Oder nicht doch Motoröl eines Autos?

Mehr Luft, bitte!
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Dienstag, 4. September 2007

Stress kostet Kraft, bringt aber auch Neues

Bonjour, bienvenue, welcome! Aus dem Berufsalltag einer Dolmetscherin und Übersetzerin können Sie hier kurze Episoden lesen. Dabei wahre ich natürlich alle Geheimnisse, die mir im Berufsalltag anvertraut werden.

Stress kostet Vitalität. Graue Haare sind die Währung, in der gezahlt wird, ebenso Erschöpfung und Abende, die ich im Kreise der Lieben verbringe, und an denen sich alle wundern, dass ich plötzlich so still bin. Denn das viele Berufssprechen unter Anspannung hat mich gelehrt, auszuspannen und Stille zu genießen.

Kein Wunder, Erholung tut Not. Laut einer Studie der Weltgesundheitsorganisation ist nur der Alltag von Jetpiloten und Fluglotsen noch stressiger — ihr Adrenalinspiegel bei Start und Landung ist oft mit unserem deckungsgleich.

In Deutschland gibt es über 6000 Dolmetscher. Da die Hektik nur mit Unterbrechungen ausgehalten werden kann und die Arbeit selbst viel Vorbereitung erfordert, sind unsere Tagessätze recht hoch. Konferenzdolmetscher rechnen am Tag mit bis zu 750-1.000 Euro, wenn sie für staatliche Institutionen arbeiten, mit weniger, wenn diese klein oder die Auftraggeber Privatleute sind. Grundsätzlich gilt: Stammkunden zahlen weniger, und auch für die Kultur oder Minifirmen gibt's besondere Konditionen. Etablierte Dolmetscher sind zwischen 80 und 120 Tage pro Jahr im Einsatz.

Der Stress bringt aber Neues — das ist das Schöne am Beruf! Jeden Tag gibt es etwas zu entdecken. Das "lebenslange Lernen" ist ein Wort, das Dolmetschern noch nie fremd war. Neue Menschen, neue Themen, neue Orte ... selbst, wenn es manchmal nur geistige Reisen sind, auf die uns unsere Vortragenden mitnehmen.

Samstag, 1. September 2007

Knopf im Ohr

Willkommen auf den Seiten meines virtuellen Arbeitstagebuchs. Hier schreibe ich über den Berufsalltag von Sprachmittlern, über Sprache, kulturelle Unterschiede und Bildungstehmen.

Nicht die Steiftierchen meine ich mit Knopf im Ohr, sondern unsere Dol­metsch­kun­den. Sie sitzen vorn am Podium, stehen im Rampenlicht, während die anderen — wir — in kleinsten schalldichten Kabinen hinter dicken Glasscheiben sitzen. 80 cm Fensterbreite pro Dolmetscher/in steht uns zur Verfügung, der Tisch ist nicht sehr tief, er reicht immerhin für Laptop, einige Dokumente, Mikrophonpult und Wasserglas.

Auch wenn wir von Technik umzingelt sind, so ist unsere Arbeit doch eindeutig "low tech". Wir haben wenig in der Hand, wenn's gut läuft ein Redemanuskript und unsere eigene Vokabelliste, wenig in der Tasche und am besten alles im Kopf.

Wörter puzzlen
Die meisten von uns sind Frauen. Nicht, weil wir so wenig mit Technik am Hut oder so kleine Täschchen hätten, wir Frauen scheinen einfach erfolgreicher zu sein im Multitasking. Denn hier geht es darum, mehrerlei unter Kontrolle zu haben, die Ausgangssprache (Zuhören), die Zielsprache (Sprechen) und das Mischpult (Schalten). Dazu die eigene Fitness (Ablösung nötig?) und natürlich den Inhalt (das Wichtigste!) ...

Warum vermögen es Frauen meist so viel besser als Männer, mehrerlei Menschen und Aufgaben gleichzeitig Aufmerksamkeit zu schenken? Einst, am Lagerfeuer, galt es das Feuer zu bewachen, das Essen, das auf ihm garte, die Brut, auf dass sie nicht ins Feuer falle — und dann war noch die Umgebung im Auge zu behalten, um eventuell heranschleichende Raubtiere rechtzeitig zu bemerken.

Dafür brauchten sie Augen, Ohren und das auf Multitasking ausgerichtete weibliche Gehirn. Dass die meisten Dolmetscher Frauen sind, ist erst seit 1967 so.

Heute sitzen weltweit wesentlich mehr Frauen als Männer in den Kabinen. Nur der Knopf im Ohr ist ohne jeden Zweifel unisex.

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Foto: Archiv