Donnerstag, 1. November 2007

Stille Post auf dem Festival

Gerade bin ich beim DOK-Festival in Leipzig. Letztens kam da mal ein Dolmetscher nicht rechtzeitig zum Einsatz. Das erinnerte mich an eine vor einiger Zeit aus der Zuschauerperspektive erlebte Episode.
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Sich mitzuteilen will gelernt sein. Leider geht selbst bei Kommunikationsprofis immer wieder mal was schief - weil sie nicht können oder einfach nicht wollen. Dann kommt zu unschönen Verschiebungen, zu denen mir ein Kinderspiel einfällt, "Stille Post", was übrigens "le téléphone arabe" auf Französisch heißt.

Beispiel gefällig? Wir sind irgendwo in Deutschland, hier feiert ein Filmfestival ein kleines Jubiläum, und mit den Jahren ist es vor allem der Größe nach eines der wichtigeren geworden.

Man leistetet sich nun erstmals Dolmetscher, wo früher Studenten aushelfen durften, ruft bei einer örtlichen Agentur an, vergibt den Auftrag. Das Problem: die Firma hat noch nie mit Kinomachern zusammengearbeitet, und auch beim Festival sind viele neue Mitarbeiter da, weil Festivals meist unterfinanziert sind. Und niemand denkt daran, Erfahrungen anderer Festivals mit Sprachmittlern auszuwerten, denn das Dolmetschen unterschätzen leider fast alle.

Dann steht eines Nachmittags ein arabischsprachiger Film auf dem Festivalprogramm. Die Korrespondenz mit der Regisseurin hatte bislang auf Englisch stattgefunden, es ging um Themen wie An- und Abreise und Kopientransport.

Jetzt soll im Anschluss an die Aufführung über den Streifen diskutiert werden. Die Moderatorin reckt den Hals und hält nach dem Dolmetscher Ausschau. Aber niemand kommt. Nachdem Regisseurin und Moderatorin eine Weile lang stumm ins Publikum geschaut haben, erklärt die Vertreterin des Festivals nicht ohne die entsprechende Zerknirschung spontan ihr Problem. Eine Studentin aus dem Publikum erbarmt sich und bietet sich als Englisch-Dolmetscherin an. Dabei stellt sich heraus, dass die Regisseurin über basic travel english hinaus dieser Weltsprache gar nicht mächtig ist. Niemand hatte im Vorfeld die Regisseurin gefragt, in welcher Sprache sie das Publikumsgespräch führen wolle und niemandem war aufgefallen, dass sie in Paris studiert hatte ... Worauf eine zweite Studentin einspringt, eine junge Französin, mit besser entwickelten Englischkenntnissen. Jetzt wird nach dem Kettenprinzip Französisch->Englisch->Deutsch gedolmetscht. Leider bleiben Stille-Post-Effekte nicht aus, was beim Publikum auf Unmut stößt. Da steht eine weitere Zuschauerin auf, man versucht es also zu dritt ...

Und der Dolmetscher währenddessen? Ich hatte ja eingangs von einer Firma gesprochen, die mit der Kommunikation beauftragt worden war. Der Dolmetscher sitzt indes seelenruhig in der Dolmetscherkabine neben dem Projektionsraum. Ihm wurde erzählt, dass die Vorführung mit Verspätung gestartet war, ergo geht auch das Gespräch später los. Die Dolmetschanlage fürs Simultane hat er bereits hochgefahren, jedoch ist noch alles stumm und auch der Monitor neben der Anlage ist noch schwarz, über den sonst Bilder aus den anderen Kinosälen übertragen werden, denn nicht jeder Kinosaal verfügt über eine Kabine. Und durch die Glasscheibe hindurch sieht er im Zuschauerraum auf eine Podiumsdiskussion mit mehreren Teilnehmern, bei der das Mikrophon überraschend oft hin- und herwandert ...

In die Dolmetscherkabine hatte ihn die Abendspielleitung des Kinosaals gesetzt. Letztendlich war die Sache kein großer Verlust, der Kollege war Dolmetscher für - Englisch.

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P.S.: Natürlich hatte das Festival meine Marketing-Mail erhalten, in der ich auch Fortbildung anbiete, und ich kannte die Festivaldirektorin sogar persönlich ...

Kommentare:

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