Donnerstag, 20. September 2007

Mensch versus Maschine

Hallo! Hier bloggt ei­ne Dol­met­scher­in und Über­set­ze­rin für die fran­­sische Spra­che. Außerdem arbeite ich ausgehend von englischen Texten oder Wort­bei­trä­gen.

In Lochkarten steckt die DNA heutiger Rechner
"Können Computer nicht viel bes­ser über­setzen? Dazu habe ich doch ein Programm!" Solche Sätze hören wir immer wie­der. Oder aber es rufen be­sorgte Eltern an, deren Kind sich entschieden hat, Spra­chen zu studieren, um Dol­met­scher zu werden.

Sie befürchten, dass Sprachmittler bald durch den Technikfortschritt arbeitslos wer­den könnten. Allerdings werden auf absehbare Zeit Menschen den Ma­schi­nen haus­hoch überlegen sein. Wenn sie heute ein Gerät mit zu Übersetzendem füttern und das Ergebnis dann (mit einem anderen Fenster/Browser aufgerufen) zu­rück­über­setzen lassen, werden sie merken, wie schwer verständlich die Ergebnisse sind und dass sich im Wiederholungsfall die Ergebnisse verändern.

Auf Französisch heißen wir Dolmetscherinnen und Dolmetscher un/une interprète. Sie dürfen darin gerne das Wort "interpretieren" erkennen.

Die Sache mit den automatischen "Übersetzungen" von Computern ist so, als wür­den Sie alle Zutaten für ein Gericht gleichzeitig in einen Topf oder eine Ku­chen­form kippen und das Gefäß dann auf den Herd oder in den Ofen stellen. Die hin­zu­ge­füg­te Wärme würde daraus noch lange kein Gericht machen. Menschen mit Wis­sen, Erfahrung (und Kochbüchern) sorgen dafür, dass die richtigen Zutaten zum jeweils optimalen Zeitpunkt mit der abgestimmten Temperatur und den jeweils anderen Zutaten angebraten, geschmort, gegart oder gebacken werden. Und dass zuvor etliche Zutaten auf die Weise gereinigt, geputzt und im Bedarfsfall klein­ge­schnit­ten worden sind.

Rechner hingegen kennen nur Einsen und Nullen, ein Ja oder ein Nein, kein Da­zwi­schen, kein Vielleicht. Menschen sind in ihren Ausdrücken individuell, vielfältig und selten perfekt. Beim Übertragen müssen wir also immer erst den Sinn dahinter verstehen, die Nuancen begreifen, bei manchen Texten die Leerstellen spüren (und belassen), kleine Fehler notfalls korrigieren (in der Regel nach Rücksprache). Unsere Intelligenz entspricht im Optimalfall jener unserer Autoren.

Die Intelligenz von technischen Geräten allerdings kennt keine Zwischenräume, sie ordnet ein Wort einem zweiten eindeutig zu und ist nicht einmal dazu fähig, sich darüber zu wundern, dass ein Mensch je nach Kontext etwas anderes verwenden würde. Männer sprechen anders als Frauen, Jüngere anders als Ältere, Menschen, die aus der DDR stammen, können ihre sprachliche Eigenheit besitzen, wie dies auch bei Dialektsprechern der Fall ist.

Der Rechner mit seiner künstlichen Intelligenz wurde vorab von Menschen an­ge­füt­tert. Aber bislang beherrschen Maschinen noch nicht einmal die Auswahl aus ver­schie­den­en Synonymen perfekt, ganz zu schweigen von Redewendungen, Wort­spie­len oder nicht zuende geführten Gedanken (beim Versuch, Gesprochenes zu er­fas­sen und automatisch zu übertragen). Was ist mit Grammatik, Satzbau und si­tu­a­ti­ven Ei­gen­tümlichkeiten mancher geschriebener oder gesprochener Wörter? Höflichkeitsebenen, Takt und auch Ironie kennen diese Kisten nicht. Hinzu kommen gruppenspezifische Aus­drücke oder Anspielungen auf Moden, Slogans oder aktuelle Ereignisse.

Das alles müsste ständig, für alle Sprachen, Gruppen und Grüppchen erfasst, ana­ly­siert und aufbereitet werden. Dies aber können nur menschliche Gehirne leisten. Um zu vernetzen und zu interpretieren, eine typisch menschliche Tätigkeit, ist hu­ma­ne Intelligenz nötig, die permanent einschätzt, abgleicht und das aus zwi­schen­men­schli­chen Begegnungen gewonnene Wissen hinzufügt.  

Kurz: Richtig gut übersetzen und dolmetschen werden auch in der nächsten Ge­ne­ra­tion nur Menschen — gerade weil sie über eine menschliche Intelligenz verfügen.

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Illustration: Lochkarte aus der Früh-
zeit der Informatik (Archiv)

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