Samstag, 17. November 2007

Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat ...

... und einen Beruf ausübt, den man nicht gelernt hat.

Heute wollte ich hier mal nichts schreiben. Ich schleife am ersten Kapitel meiner Übersetzung. Aber mit vielen Pausen, in denen ich Gutes lese oder auch höre, richtiges, schönes, geschliffenes Deutsch. So stieß ich auf "Das blaue Sofa", Gespräche, die dieses Jahr auf der Buchmesse in Frankfurt stattgefunden haben und die über die ZDF-Sendung 'aspekte' online abrufbar sind.

Die meisten Beiträge sind auf Deutsch. Nach etlichen Pausen mit deutschen 'hommes et femmes de lettres' bin ich gespannt, wie ausländische Gäste hier betreut werden. Ich klicke Pierre Bayard an und lehne mich zurück. Zu meiner Überraschung outet sich der Moderator, der neben dem französischen Prof sitzt, in der ersten Sendungsminute als des Englischen unkundig, aber Frau von Bülow, die das mitbekommen habe, werde jetzt aushelfen, und er bittet zu bedenken, dass sie von Berufswegen nicht "Übersetzerin" sei. (Wieder einer, der nicht weiß, dass hier das Wort 'Dolmetscherin' fallen müsste.)

Es geht los, die Ankündigung hat gewirkt wie ein doppelter Espresso, ich bin hellwach. Und ich staune und freue mich: die dunkelhaarige Dame im Hahnentrittjäckchen macht ihre Sache sehr gut. Ihr Deutsch ist exzellent (dafür bin ich ja hier), sie kennt das Buch, um das es geht, offenbar gut, sie hat Ausstrahlung.

Und sie arbeitet wie alle Dolmetscher, sie übersetzt "ich", wenn der Gast "je" gesagt hat, und zum Satzende geht ihre Stimme nach unten. Das, was sie wiedergibt, ist immer, vom Sprachniveau her betrachtet, eine kleine Ebene höher angesiedelt als das, was der Gast auf dem blauen Sofa gesagt hat. Dann, nach den ersten Worten, in denen sie dennoch sehr 'nah' an Pierre Bayard geblieben ist, entfernt sie sich von seinen Worten, wird komplexer, verschiebt ein wenig den Focus, ergänzt einen Nebensatz um Nichtgesagtes, das aber in seine Worte hineingelegt werden kann. Wie gesagt, Dolmetscher heißt auf Französisch "interprète", es geht also um eine Form der Auslegung. Nur manchmal fügt sie einen Nebensatz hinzu und sagt dann: "wenn ich das hinzufügen darf" ... Den Satz hören Sie von Dolmetschern nicht.

Und das Trio auf dem Sofa macht alles richtig, besonders die Dame. Das darf ich keinesfalls in meinem Weblog schreiben, denke ich mir, und: Diese Frau hat den Beruf verfehlt, ein Naturtalent. Wie für Medien ideal, sind die Antworten immer sehr kurz, fünf bis acht Sekunden lang spricht Pierre Bayard jeweils, das geht auch ohne Notizen. Auch bei den kurzen übersetzten Antworten beobachte ich einen typischen Anfänger- und Unsicherheitsfehler: Die Übertragungen werden länger als das Gesagte ...über das langsame Verfertigen der Gedanken beim Sprechen. Aber die Stimmung stimmt, sie trifft immer den Kern, ist nah am Autor dran, einem Uniprofessor, der über die Kunst schrieb, über ungelesene Bücher kenntnisreich zu sprechen, siehe unten.

Nun, zur Rehabilitation der Branche sei gesagt: lange Aussagen und sehr lange Veranstaltungen, die sich über Tage hinziehen können, fühlen sich immer an wie der Marathon, für den wir ausgebildet worden sind, und das geht dann nicht ohne Notizen, Methode und Erfahrung. Und auch nicht ohne umfassende Allgemeinbildung, Fachkenntnis und geschultes Werkzeug. Die Muttersprache der improvisierten Dolmetscherin sitzt fest. Das unterscheidet die Dame auf dem blauen Sofa von der typischen Studentin aus deutsch-französischem Elternhaus, die in den letzten Jahren sogar von großen Kultureinrichtungen der Hauptstadt (aufgrund von "Sparzwängen") zum Dolmetschen auf die Bühne geholt wird und dort rasch an ihre Grenzen stößt.

Wer ist also Frau von Bülow? Zwei Klick später weiß ich es: Bettina von Bülow hat Germanistik und Romanistik studiert, dann nach vielen Jahren als Lektorin und Programmleiterin großer Verlage ihr eigenes Unternehmen 'spirograf' gegründet, mit dem sie über das Netz Leser, aber vor allem Verlage über fremdsprachige Neuerscheinungen und den Buchmarkt informiert – als Literatur-Scout.

Als Lektorin hatte sie also jahrelang mit Übersetzungen zu tun, und überträgt bis heute Kultur von einem Medium ins andere.

Hier macht sie jedenfalls eine souveräne Figur, erlaubt sich sogar, mit viel Charme ein anderes Gesetz der Branche zu durchbrechen: Sie macht einen Witz. Als es um die Frage geht, was "richtiges Lesen sei", spricht Pierre Bayard über Ablenkungen: "Il nous arrive de lire un livre dans une librairie et d'arrêter parce qu'il y a une belle passante dans la rue ..." und verkneift sich ein Grinsen. Darauf Frau von Bülow: "Es passiert, dass man in der Buchhandlung ist, ein Buch im Stehen liest, und plötzlich geht ein gutaussehender Mann auf der Straße vorbei." Jetzt lächelt sie Bayard an, erwartet stummes Einverständnis, aber er hat sie nicht verstanden. Er ist ja Franzose.

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Pierre Bayard: "Wie man über Bücher spricht, die man nicht 
gelesen hat", aus dem Französischen von Lis Künzli, Verlag 
Kunstmann, € 16,90

Bayard saß am Mittwoch, dem 10. Oktober 2007, auf dem 
"blauen Sofa" – und hat natürlich von der "schönen Passantin"
gesprochen, die den Blick abschweifen lässt ...

Weitere internationale Gäste: Umberto Eco, er muss aber
Englisch sprechen, und Georges-Arthur Goldschmidt (Donners-
tag). Da er aus Deutschland stammt, gibt es keine Sprachprobleme.

Freitag, 16. November 2007

Nach dem Dolmetscheinsatz

Dolmetschen ist ein Traumberuf, doch danach bin ich immer wieder geschafft. Darüber schreib ich hier exklusiv. Texte, die wenig mit Sex, viel mit Hingabe zu tun haben. Hingabe an Sprache. Nach dem Dolmetschen ist im Kopf Kraut und Rüben. Und darüber schreib ich jetzt!
... der Eintrag geht erstmal mit Leere los. Denn so fühlt sich der Kopf an, wenn wir Dolmetscher den jeweiligen Ort des Geschehens verlassen. Oder auch mit Überfülle an Worten, Klangfetzen, Energien, Kadenzen, aus der heraus dann nichts Einzelnes mehr wahrnehmbar ist. Was auch wieder auf Leere hinausläuft.

Ein Knochenjob sind Berlinale-Einsätze: Erst den Film simultan dolmetschen, vom Blatt, alle Rollen: der Finger auf der Dialogliste, die Ohren in den Kopfhörern, die Augen auf der Leinwand. Dann ins Pressezentrum hetzen. Die Konferenzen zu den Filmen dauern zwischen 30 und 50 Minuten.

Und den Film am Abend dann gleich nochmal "machen". Zwischendrin nehme ich die Umgebung nicht mehr so klar wahr, wie sonst, weiß, dass ich nicht alle sechs Sinne beisammen hab' und höllisch aufpassen muss, zum Beispiel beim Überqueren der Straße. Und alles wirkt auf mich wie Film, die Leute, die Gesprächsfetzen, selbst die Lichtspiele im Gang.

Dann ist alles okay. Schöne Leere. Leichtigkeit. Frei von Verpflichtungen, frei von Kommunizieren- und Planenmüssen. Zu den Gedanken sag ich: "Jetzt nicht!" Und genieße ein einfaches Mahl.

In weniger drei Monaten ist die nächste Berlinale.

Donnerstag, 15. November 2007

Übersetzen mit Subtext

Dieser Tage sitze ich an einer langen Übersetzung. Tage - was sag' ich, es wird etliche Wochen dauern, inklusive Lektorat bis in den Januar. Es geht um das Image des deutschen Kinofilms in Frankreich. Der Text entstand als Projektarbeit an der französischen Grande Ecole Institut d'Etudes de Sciences Politiques in Paris. Er ist eine Mischung aus wissenschaftlicher Studie, Hintergrundanalyse und Erfahrungsbericht.

Die Autoren, Studenten im vorletzten Studienjahr, sind unvoreingenommen an die Sache herangegangen. Und sie stecken schon seit vier Jahren im französischen akademischen Betrieb, in dem Wissen angehäuft, Methode gelehrt und Stil geprägt wird, um das Ganze für den Leser entsprechend zu verpacken.

Und hier genau ist der Haken des Projekts. Die Studenten schreiben im Grundlagenteil stellenweise redundant, nehmen den unwissenden französischen Leser an die Hand, schreiben wie für einen Senatsabgeordneten, der ja auch Figuren für späteres verbales Kapriolenschlagen braucht. Dann sind Partien wieder sehr dicht und faktenreich - auch das hat seinen Grund. Es geht um das Neue, um praktische Ansätze und Erkenntnisse, die neue Weichenstellungen bereits mit sich brachten.

Mein Übersetzen ist also vielmehr ein Übertragen. Ich habe das Vorgehen mit den Studenten abgesprochen, sie vertrauen mir, da sie im Jahr, in dem sie forschten, von mir auch viele Kontakte, Namen und Mailadressen erhielten.

Dennoch: Die Arbeit fällt mir schwerer als gedacht. Ich muss zwischendurch immer wieder den Kopf frei kriegen, klebe zu sehr an der Ausgangssprache. Und ich muss den richtigen Tonfall finden für die deutsche Branche, Wiederholungen raus- und Fußnoten reinnehmen. Und ich werde ergänzende "Servicekästchen" texten, sie mit meinen Initialen versehen und ein Vorwort schreiben.

Warum so viel Arbeit? Weil auch der Subtext übersetzt werden muss. Wenn ein Journalist eines staatlichen Rundfunksenders sagt: « L’entente cordiale avec l’Allemagne est dans l’esprit des Français une nécessité plus qu’une empathie réelle »wird daraus "In den Köpfen der Franzosen entspricht die 'entente cordiale' mit Deutschland mehr einer Notwendigkeit als echter gefühlter Nähe" samt einer Fußnote zu "entente cordiale", wörtlich: "herzliches Einverständnis". So lautet der Name eines Abkommens über die Aufteilung der Einflusszonen im kolonialen Afrika, das Frankreich und England 1904 geschlossen haben. Und da von allen Beteiligten Deutschland und Frankreich in ihrer Rolle für die europäische Einigung reflektiert werden, muss ich die Anspielung erläutern.

Dienstag, 13. November 2007

Reportage über den Dolmetscherberuf

In letzter Zeit erhalte ich viele Mails von Schülern und Studenten, die sich für das Dolmetschen interessieren. Dieser Blog entstand im Grunde auch so: Über den girls day hinaus, bei dem Mädchen und junge Frauen direkt am Arbeitsplatz von Müttern, Tanten und Freundinnen über Berufe informiert werden sollen, wollte ich über das informieren, was unsere Arbeit ausmacht.

Dazu passt eine ARD-Reportage, auf die mich ein Kollege hinwies. Merci beaucoup, Marc !

Viel Spaß dabei, einer Berlinale-Kollegin über die Schulter zu schauen.
Anmoderation: Auf der Berlinale arbeiten Dutzende Dolmetscher, für die Fortsetzung hier klicken.

Nur in einem Bereich irrt der Journalist: Wir erhalten nicht bis zu 700 Euro "pro Einsatz", das wären dann bei nämlicher Kollegin — drei Pressekonferenzen plus ein Koproduktionsgespräch — zusammen 2800 Euro, sondern 650-900 Euro ist ein Dolmetschertag in Berlin wert. Es kann durchaus sein, dass zu einem kürzer geratenen Berlinale-Tag noch ein zweiter Auftraggeber hinzukommt und ebenfalls für ein paar Stunden einen hohen Betrag zahlt, aber gerade auf Festivals haben viele von uns mit einem Auftraggeber einen Vertrag für mehrere Einsätze, von denen beide Seiten etwas haben: Der Kunde zahlt in der Summe weniger und ich verliere keine weitere Zeit bei Acquise, Buchhaltung und Kundenpflege. Denn am liebsten arbeite ich oder bereite Einsätze vor oder nach. Voilà !

Und da ich gerade schon mal bei Preisen bin: Es gibt auch Agenturen, besonders einige große, die für ihre Vermittlungsdienste an Dolmetscher 30-50 % der Gage einbehalten. Das ist bei großen Konferenzen eine Stange Geld und sollte von den Auftraggebern reiflich überlegt sein.

Denn dass die Preise hoch sind, hat seinen Grund: Wir müssen uns auf die Termine vor- und auch nachbereiten. Fachvokabular steht nur selten in Wörterbüchern. So sind wir auch Autoren unserer eigenen Wörterbücher, pflegen Datenbanken, lesen Fachtexte — das nimmt je nach Thema mehrere Tage in Anspruch. Und dann ist die Arbeit sehr anstrengend, laut WHO kommt der Stressfaktor beim Dolmetschen gleich nach dem von Piloten und Fluglotsen.
Wir brauchen also Ruhezeiten, um immer auf hohem Niveau arbeiten zu können.

Sonntag, 11. November 2007

Dolmetscher im Film (II) - heute Abend

In der Regie von Sydney Pollack entstand 2005 der Film "The Interpreter" (Die Dolmetscherin) mit Nicole Kidman. Drehorte sind die Dolmetscherkabinen der UNO, die Gänge davor, in denen die "Sprachmittler" kurz vor Einsatz Vokabeln austauschen, ein fremdes afrikanisches Land und einige Ecken von New York.

Ich hab den Thriller gemocht, auch wenn die Rahmenhandlung ein wenig konstruiert wirkt, aber Leute meines Berufs sind wohl befangen. Eine Dolmetscherin, dargestellt von Kidman, verfolgt eine Spur, auf die sie zufällig in ihrem Beruf gelangt ist, es geht um ein ausgedachtes afrikanisches Land, einen geplanten Putsch und einen Militärstaat, wie er in vielen afrikanischen Ländern Alltag ist. Der erfundene Fall klingt dennoch plausibel. Mich beeindruckte, dass UNO-Sicherheitsrat und -Generalversammlung in ihrer Machtlosigkeit dargestellt werden. Bemerkenswert auch, dass der damalige UN-Generalsekretär Kofi Annan dem Filmteam erlaubte, am Originalschauplatz zu drehen, denn derlei widerspricht im Grunde den Statuten der Vereinten Nationen, das war einstmals nicht einmal Alfred Hitchcook vergönnt.

Lustig sind die Begleitumstände des Filmstarts vor zwei Jahren. Der deutsche Verleih hatte Mühen, einen Titel zu finden, da die Verleihmitarbeiter offenbar den Unterschied zwischen dolmetschen und übersetzen nicht kannten. So war der Film lange als "Die Übersetzerin" angekündigt.

Der Branchendienst dvd-inside.de schrieb
damals unter anderem: "Kidman war fasziniert vom Leben der UN-Dolmetscher. Dabei gilt ihr Beruf als einer der stressigsten überhaupt. UN-Dolmetscher müssen rasend schnell mentale Sprünge machen, die höchsten Ebenen kulturellen Wissens und Verstandes erlangen und täglich absolut konzentriert und auf den Punkt arbeiten. Die Arbeit in schalldichten Kabinen ist notorisch einsam und verlangt nach einer starken Persönlichkeit."

Für Kidman seien diese Eigenschaften
– Konzentrationsfähigkeit, willensstarker Individualismus, Idealismus und das Streben nach Kommunikation – der Schlüssel zum Verständnis der von ihr verkörperten Figur gewesen.

(Zitiert nach Übersetzerportal)
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11.11.2007, 20.15-22.45 Uhr, RTL


Dienstag, 6. November 2007

Was'ne Wirtschaft!

Sprache verändert sich, wir Dolmetscher spüren das oft als Erste. Eben hab ich eine Mail im Kasten, in der ein Student anfragt, ob er seine Hausarbeit zum Sommersemester noch nachreichen könne, er würde den Schein gerne bei mir machen, vor allem aber wird folgender Grund genannt: "Die Geschäftsführung macht tierisch Druck, man möge sein Grundstudium möglichst in diesem Semester abschließen."

Da kann ich die Unternehmensführung beruhigen, der Mitarbeiter Sohn darf den Schein bei der freien Lehrkraft gerne noch vollenden, denn diese weiß selbst nur zu genau wie das ist mit einem vollen "Schedule" (Zeitplan), denn sie ist im Haupt"job" Dolmetscherin.

Als solche reiste ich letzten Sommer mit deutschen Journalisten nach Paris. Die angehenden Pressevertreter sollten dort die wichtigsten 'Akteure' des politischen Lebens kennen lernen. Einmal waren wir bei einer Partei, in der uns die Geschäftsführung zur Kommunikationsabteilung schickte.
Die Journalisten stellten sich beim Weggehen die Frage, ob denn die Wähler jetzt Kunden seien und welche Ware hier verkauft werde.

Aber das dürften sie bei ihren Arbeitgebern auch fragen. Seit geraumer Zeit heißt hierzulande der Fachmann für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des zweiten öffentlich-rechtlichen Programms "Unternehmenssprecher". Von welchem Unternehmen ist die Rede? Mit welchen Hauptinvestoren, Kleinanlegern und Produktrisiken eigentlich?

Neben der Anglifizierung ist die Ökonomisierung der Sprache derzeit offenbar voll im Gange, deshalb grüßt:
Ihre
Sprach"coach"-Dienstleisterin
Caroline

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Foto: Rollt das Rad, rollt der Rubel auch.

Donnerstag, 1. November 2007

Stille Post auf dem Festival

Gerade bin ich beim DOK-Festival in Leipzig. Letztens kam da mal ein Dolmetscher nicht rechtzeitig zum Einsatz. Das erinnerte mich an eine vor einiger Zeit aus der Zuschauerperspektive erlebte Episode.
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Sich mitzuteilen will gelernt sein. Leider geht selbst bei Kommunikationsprofis immer wieder mal was schief - weil sie nicht können oder einfach nicht wollen. Dann kommt zu unschönen Verschiebungen, zu denen mir ein Kinderspiel einfällt, "Stille Post", was übrigens "le téléphone arabe" auf Französisch heißt.

Beispiel gefällig? Wir sind irgendwo in Deutschland, hier feiert ein Filmfestival ein kleines Jubiläum, und mit den Jahren ist es vor allem der Größe nach eines der wichtigeren geworden.

Man leistetet sich nun erstmals Dolmetscher, wo früher Studenten aushelfen durften, ruft bei einer örtlichen Agentur an, vergibt den Auftrag. Das Problem: die Firma hat noch nie mit Kinomachern zusammengearbeitet, und auch beim Festival sind viele neue Mitarbeiter da, weil Festivals meist unterfinanziert sind. Und niemand denkt daran, Erfahrungen anderer Festivals mit Sprachmittlern auszuwerten, denn das Dolmetschen unterschätzen leider fast alle.

Dann steht eines Nachmittags ein arabischsprachiger Film auf dem Festivalprogramm. Die Korrespondenz mit der Regisseurin hatte bislang auf Englisch stattgefunden, es ging um Themen wie An- und Abreise und Kopientransport.

Jetzt soll im Anschluss an die Aufführung über den Streifen diskutiert werden. Die Moderatorin reckt den Hals und hält nach dem Dolmetscher Ausschau. Aber niemand kommt. Nachdem Regisseurin und Moderatorin eine Weile lang stumm ins Publikum geschaut haben, erklärt die Vertreterin des Festivals nicht ohne die entsprechende Zerknirschung spontan ihr Problem. Eine Studentin aus dem Publikum erbarmt sich und bietet sich als Englisch-Dolmetscherin an. Dabei stellt sich heraus, dass die Regisseurin über basic travel english hinaus dieser Weltsprache gar nicht mächtig ist. Niemand hatte im Vorfeld die Regisseurin gefragt, in welcher Sprache sie das Publikumsgespräch führen wolle und niemandem war aufgefallen, dass sie in Paris studiert hatte ... Worauf eine zweite Studentin einspringt, eine junge Französin, mit besser entwickelten Englischkenntnissen. Jetzt wird nach dem Kettenprinzip Französisch->Englisch->Deutsch gedolmetscht. Leider bleiben Stille-Post-Effekte nicht aus, was beim Publikum auf Unmut stößt. Da steht eine weitere Zuschauerin auf, man versucht es also zu dritt ...

Und der Dolmetscher währenddessen? Ich hatte ja eingangs von einer Firma gesprochen, die mit der Kommunikation beauftragt worden war. Der Dolmetscher sitzt indes seelenruhig in der Dolmetscherkabine neben dem Projektionsraum. Ihm wurde erzählt, dass die Vorführung mit Verspätung gestartet war, ergo geht auch das Gespräch später los. Die Dolmetschanlage fürs Simultane hat er bereits hochgefahren, jedoch ist noch alles stumm und auch der Monitor neben der Anlage ist noch schwarz, über den sonst Bilder aus den anderen Kinosälen übertragen werden, denn nicht jeder Kinosaal verfügt über eine Kabine. Und durch die Glasscheibe hindurch sieht er im Zuschauerraum auf eine Podiumsdiskussion mit mehreren Teilnehmern, bei der das Mikrophon überraschend oft hin- und herwandert ...

In die Dolmetscherkabine hatte ihn die Abendspielleitung des Kinosaals gesetzt. Letztendlich war die Sache kein großer Verlust, der Kollege war Dolmetscher für - Englisch.

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P.S.: Natürlich hatte das Festival meine Marketing-Mail erhalten, in der ich auch Fortbildung anbiete, und ich kannte die Festivaldirektorin sogar persönlich ...

Dienstag, 30. Oktober 2007

Rauchfrei in Berlin

Deutschland steht eine große Veränderung bevor, die auch für Berufssprecher, wie wir Dolmetscher es sind, große Auswirkungen haben wird: viele öffentliche Orte sollen (endlich!) rauchfrei werden.

Das ist eine wunderbare Nachricht. Meine Stimme leidet nämlich, wenn ich mich, was gelegentlich geschieht, aus beruflichen Gründen in einem verrauchten Raum aufhalte - am nächsten Tag klinge ich wie 30 Jahre "french breakfast" (le journal, un exprès et une clope - Zeitung-Espresso-Fluppe) oder wie Zarah Leander d'outre-tombe (aus einem literarischen Jenseits). Und ich habe sowas wie einen Kater.

Mich hat die Qualmerei an öffentlichen Orten jahrelang in meinem Sozialverhalten geprägt. Ich bin kein Fan von Kneipen im Winter, liebe private Räume.
Rauchfreie Cafés waren lang in Berlin selten. Dieser Tage sucht ein Kolleginnenkreis einen solchen.

Die Favoriten hier:
Teehaus Aurum in der Schönberger Akazienstraße, macht allerdings schon um 22 Uhr zu. Der Link hierzu, über den man zu weiteren Lokalitäten gelangt.

Einer meiner (rauchfreien) Lieblingsorte liegt in der historischen Mitte Berlins, es ist die tadschikische Teestube, die ich nicht nur wegen des selbst erfundenen Sprichworts mag: "Mit französischen Filmfreunden in der tadshikischen Teestube über die anamorphotische Vorsatzlinse sprechen!"

Mittwoch, 24. Oktober 2007

Symbolisch

In Australien gibt es ein offizielles Signet für Dolmetscher, das im öffentlichen Raum Verwendung findet. Hier sind die Bürger Kunden, die Verwaltung wird Dienstleistung genannt, und wer sprachlich Probleme hat, kann nach einer Dolmetscherin oder einem mehrsprachigen Mitarbeiter fragen. Echte Multikulturalität.


Mir gefällt's.

Dienstag, 23. Oktober 2007

Übersetzen ist Handwerk ...

... dennoch meinen immer mehr Firmen, dass ihnen dieses Maschinen abnehmen können.

Ein nettes Beispiel für "machine translation" fand eine Kollegin. Danke, Ina!
Shanghai ist einer der populärsten touristischen Punkte in der Welt. Jedes Jahr kommen Touristen zu dieser wundervollen Hauptstadt und haben einen Knall während ihrer Ferien. Die durchschnittliche Temperatur von Shanghai schwebt um ungefähr 15.7 Grad Celsius. Sommer erfahren reißenden Regen ziemlich häufig. Aber die Jahreszeit empfängt häufiges buchstabiert vom Regen, und die Temperatur verändert auch sich. Fall- oder Herbstanfänge im September. Duschen sind weniger wahrscheinlich und die Temperatur ist auch während dieser Jahreszeit ziemlich mild.
Das war ein Ausschnitt. Der Text in seiner ganzen Pracht hier.

Freitag, 19. Oktober 2007

Dabei und danach

Strasbourg, die Zweite. Und zu müde für einen Kommentar. Wie sind Dolmetscherinnen privat? Nicht immer gesprächig (click to enlarge).

Aufräumen, abheften, noch ein paar Vokabelerkentnisse in die Tabelle eintragen und aus die Maus. Morgen weiter, Nachbereitung ist sehr wichtig.

Portrait: Jean-Louis Besombes

Donnerstag, 18. Oktober 2007

Vor der Arbeit

Wir sind in Strasbourg. Hier sind an die zweihundert Lehrer, Kinobetreiber, Dozenten und Fortbilder zusammengekommen, um drei Tage gemeinsam zu arbeiten. Titel der Tagung, der zugleich der Name des veranstaltenden Vereins ist, lautet "les enfants du cinéma" - die Kinder des Kinos.

Als Dolmetscher tragen wir mit unseren Fähigkeiten zu den Arbeiten bei - ein halber Tag ist der Entwicklung von Filmpädagogik an deutschen Schulen gewidmet. Darauf bereiten wir uns gründlich vor. Da ich von Haus aus Filmwissenschaftlerin bin, nehme ich sogar an der ganzen Konferenz teil. Standesgemäß tagen wir in einem Kino: Filme, Vorträge, Diskussionen, Arbeitsgruppen - das Programm lässt uns kaum Pausen zum Durchatmen. Nur morgen geht es an einen anderen Ort. Wir tagen in einem Sitzungssaal des Europäischen Parlaments, vermittelt durch die Schirmherrin der Tagung, die Abgeordnete Catherine Trautmann, einige Jahre Bürgermeisterin der Stadt und französische Kulturministerin. Es ist das erste Mal, dass ich das Parlament betrete, und hier arbeiten zu dürfen freut mich schon jetzt.

Trotz der vielen Programmpunkte schaffen wir es kurz, uns dort am Vorabend die technischen Einrichtungen anzusehen. José, ein spanischsprachiger Techniker, weist mich ein. Die Dolmetscherkabine, eine von vielen, ist groß wie ein Zimmer, hat vier Plätze und ist mit der neuesten Technik ausgestattet. "Ein Rolls unter den Kabinen" wird Olivier von "enfants du cinéma" später kommentieren. José, der Haustechniker, sieht das lakonischer: "Die Parlamentsdolmetscher haben viel Macht. Hier ist alles immer auf dem neusten Stand."

Zurück ins Hotel, Vokabeln pauken, auch nach Jahren im Filmbereich gibt's immer noch welche, die nicht im Schlaf gleichermaßen in beide Richtungen sitzen: Einsaal-Kino - salle à mono-écran, Legetrickanimation - silhouettes animées usw.

Montag, 15. Oktober 2007

Manuskripte

Nächsten Freitag dolmetschen wir in Strasbourg. Der Veranstalter bat alle Teilnehmer, uns ihre Manuskripte zu schicken. Das hatten wir uns gewünscht, es birgt aber eine Gefahr. Daher meine Mail:
Liebe Rednerinnen und Redner,
in Ergänzung der Mail von E.A., hier die Information, dass es uns bei unserem Manuskriptwunsch nicht um einen bis ins letzte ausformulierten Vortrag geht, sondern dass Notizen, ein Konzept oder ein früher veröffentlichter Text die ideale Vorbereitung darstellen, von der aus wir Dolmetscher uns dann selbständig einarbeiten. Denn bei fertig Ausformuliertem besteht ja auch immer die Gefahr, dass der Text dann wörtlich und schneller als Sprechgeschwindigkeit abgelesen wird - auch das gilt es zu vermeiden.

Am liebsten sind uns Redner, die ihre Gedanken nach (vorab gelieferten) Stichpunkten nachvollziehbar entwickeln, so dass wir uns ausreichend lang und in der Tiefe mit dem jeweiligen Gebiet vertraut machen können.

Danke für Ihre Aufmerksamkeit und ebenso Dank für die ersten Notizen, die bereits eingegangen sind!

Viele Grüsse aus Paris,
C.E.

Dienstag, 9. Oktober 2007

Fliegender Wechsel

... und weiter geht's mit den jungen Berlingästen unseres Auftraggebers. Heute sind wir in Potsdam im Restaurant an der Mühle, gleich geht's auf Schlössertour.

Beim politischen Hintergrundgespräch im Séparé lassen wir es uns schmecken, die Gäste, die Programmbetreuung, der Redner und wir Dolmetscherinnen. Heute keine Technikprobleme, wir haben eine andere Anlage besorgt.

Der Redner entschuldigt sich - auch bei uns. Es sei ja eigentlich eine Unsitte, dass selbst die Essenszeit mit Vorträgen und Gesprächen zugepackt seien, und er hätte ja leider selbst dazu beigetragen und die mobilen Dolmetschanlagen immer befürwortet. Und so müssten nun wir, die Dolmetscherinnen, umschichtig essen. Da im Anschluss kein Dolmetschtermin mehr folgt, verlegen wir unsere Pause eben in die Nachmittagsstunden. Und jede darf einmal bei einem Gang mit den anderen essen, und beim Dessert sind wir eh bei kleinen Gesprächsgruppen angelangt.

Was es gab? Ich erinnere mich noch an Fisch, Sauerkraut und Senfsauce - ob die rustikalen letztgenannten Ingredienzien meines Mahls zum sehr feinen Fisch passten, konnte ich dann nicht mehr mit mir selbst klären.. Dafür weiß ich, wann Kerstin aufgegessen hatte und neben mir steht und das Mikrophon ergreift. Ich hatte gerade gedolmetscht: "Seit 1990", da übernimmt sie Anlage und angefangenen Satz, "also etwa seit dem Mauerfall, haben sich die Zahlen ..."

Mir gegenüber sitzt Stéphane, beobachtet uns mit einem Augenzwinkern, wünscht mir guten Appetit und fragt uns nachher, ob wir uns schon seit dem Studium kennen würden. Nein, eigentlich erst seit drei Jahren. Aber wir sind uns ähnlich im Anspruch, im Arbeitsstil und der guten Laune.

Montag, 8. Oktober 2007

Power!

Wir arbeiten für Filmproduktionen und Festivals, Unis, Verbände und Stiftungen im In- und Ausland. Heute ist es mal wieder so weit: eine Delegation steht ins Haus. Einer unserer Kunden bekommt Besuch aus dem frankophonen Ausland. Acht politische Nachwuchskräfte dürfen wir jetzt drei Tage lang begleiten - durch Vorträge, Gespräche, Analysen ... und das eine oder andere Rendez-vous mit der deutschen Geschichte.

Um neun geht's im kleinen Konferenzsaal los, alle haben ihre Kopfhörer auf - und Kerstin und ich sitzen einmal nicht in der Kabine. Bei einer so kleinen Gruppe arbeiten wir mit einer "Personenführungsanlage", das heißt, die Gäste sitzen um einen Konferenztisch und wir mit dabei. Manchmal gehen wir zum Dolmetschen in eine Ecke, vertreten uns ein wenig die Beine oder stellen uns direkt hinter Redner, um ihnen die Übersetzung von Fragen aus dem Publikum zuzuflüstern.

Aber eins nach dem anderen: Erst Grußworte und Danksagungen, dann wird das Wochenprogramm besprochen. Nach einer Stunde das erste Rauschen in de Kopfhörern. Wir tauschen ihn aus, die Batterie ist wohl alle. Fünf Minuten später ist der nächste fällig. Wir ahnen: die hauseigene Anlage, nunmehr seit fünf Jahren in Betrieb, beginnt zu schwächeln. Leider geht das mit dem Austauschen munter so weiter, so dass immer eine von uns dolmetscht, die andere Kopfhörer wechseln geht.

Nach einer Stunde sind wir mit den Geräten durch, der zweite Koffer wird geholt, alles andere wandert an den Akku. Sie ahnen es vielleicht: nach wieder einer Stunde war der dritte Koffer fällig.

Des Rätsels Lösung: Die Koffer mit Steckplätzen für die Kopfhörer hatte niemand in der Nacht zuvor an die Steckdosen angeschlossen. Es war schlicht vergessen worden. Außerdem ist das Material wirklich zur Hälfte nicht mehr funktionsfähig gewesen, aber niemand hatte sich Zeit genommen und die defekten Geräte aussortiert.

Wir haben dann alle fast Dolmetschformen aufs Mal präsentiert, Fragen aus dem Publikum per Flüsterdolmetschen, mal semi-konsekutiv für eine kleine Gruppe (die übergangshalber hörerlos war), mal richtig konsekutiv für alle - und irgendwann war ein Teil der Geräte auch wieder nachgeladen.

Und die Moral von der Geschicht': Wer solche Dolmetscherkoffer besitzt als Einrichtung, sollte jemanden fest mit Wartung und Vorbereitung beauftragen. Alles andere macht unnötigen Stress.

Wie die frankophonen Gäste reagierten? Schmunzelnd. "Tse-tse", neckten sie uns, "von wegen deutsche Technik unkaputtbar und Pflichterfüllung, ach so! Aber das macht Euch nur noch sympathischer."
Wir haben dazu fein gelächelt.

Freitag, 5. Oktober 2007

Wer nicht hören will, darf ... hören lernen!

Eben lese ich ein Berliner Stadtmagazin, das über die vielen Promis aus Hollywood berichtet, die zu Filmarbeiten herkommen, da erhalte ich eine Anfrage aus Paris: Ein französischer Schauspieler soll kommendes Frühjahr in Berlin drehen, er spielt einen Franzosen, der mit den Alliierten herkam und der aus Liebe zu seiner deutschen Frau hierblieb. Das Problem: Der Schauspieler aus Paris hatte Deutsch in der Schule, und das war's dann auch schon fast. Die Castingfrau aus Paris sagt, er hätte eine sehr harte französische Aussprache (un accent à couper au couteau, mit dem Messer zu schneiden so dick) und sei vor allem durch einen weiteren Deutschlernversuch demotiviert.

Der eine Teil des Problems lässt sich phonologisch erklären: Der Mensch kann nur das aussprechen, was er/sie wahrnimmt. Das kommt daher, dass sich das Gehör im Moment des Erlernens der Muttersprache auf die Frequenzen, Laute und Sprachmelodie der betreffenden Sprache “einschießt”. Und da gibt es zwischen Französisch und Deutsch nun mal klare Unterschiede. Der zweite Punkt ist auch verständlich; es geht also für den Schauspieler auch darum, Spaß beim Lernen (wieder)zugewinnen.

Es gibt Hoffnung. Für Opernsängerinnen entwickelte der Pariser HNO-Arzt Alfred Tomatis schon in den späten 50er Jahren das “elektronische Ohr”, mit dem der Hörende über das sogenannte “Knochenhören” bzw. Lauschen verfremdeter Akustiken (Musik, z.B. Mozart, Gregorianik oder die Stimme der eignen Mutter) wieder in eine Hörtrainingsphase kommt, die der frühkindlichen, sogar embryonalen, nicht unähnlich ist. Der Gehörsinn wird angeregt, die entsprechende Hirnaktivität gefördert, was zu differenzierten Hörleistungen führt, und die wiederum haben als Ergebnis, dass der Betreffende besser moduliert (denn das, was akustisch ‘produziert’ wird, kontrolliert immer das Ohr, s.o.) So kommt es zu Erfolgserlebnissen und die bringen Spaß!

Diese Methode, sie wird “Audio-Psycho-Phonologie” genannt, ist im Filmsektor in Frankreich durch das Beispiel Gérard Depardieu bekannt. Frankreichs berühmtester lebender Schauspieler stotterte als junger Mann, hatte sonst auch noch Artikulationsprobleme und wurde erfolgreich von Tomatis behandelt. Eine andere berühmte Patientin ist Maria Callas.

Heute werden auch Kinder mit Lernstörungen damit therapiert, denn auch da ist die Verbindung zum Gehör augenfällig. Dennoch ist die Methode vor allem aus Kostengründen umstritten, in Deutschland und Frankreich zahlt die Kasse in der Regel nicht, auch nicht die Therapie von Kindern und Jugendlichen. Ganz anders verhält es sich in der Schweiz, wo die Hörschulung inzwischen zum Grundkanon zählt.

Für den Schauspieler heißt es: Grundlagen legen in Paris (Hören und Deutsch-Grundkurs, allein oder in der Mini-Gruppe), dann ab nach Berlin. Die Stadt und ihr Fluidum werden das ihrige beitragen.

P.S.: Nein, ich habe keine solche Schulung absolviert, aber mein Gehör durch frühkindlichen Fremdsprachenkontakt trainiert. Den Rest machte die Musik. Viele "Sprachmenschen" haben eine hohe Affinität zur Musik. Aber das ist ein anderes Thema.

Donnerstag, 4. Oktober 2007

Timing and Trimming

Nein, jetzt geht's nicht auf Englisch weiter. Es geht mir heute nur um Zeit und Form beim Dreh. Ich schrieb schon über Interviews, zu denen ich Notizen mache und dann immer in die Gesprächspausen hinein übersetze. Dazu ist gutes Timing nötig, also eine gute zeitliche Koordinierung, damit sich nachher die Aufnahmen auch gut montieren lassen. Meine Stimme, die eine Arbeitsgrundlage ist, wird nämlich herausgeschnitten, daher darf sich nichts überlappen, was sonst im Alltag ja ständig stattfindet: Da ergänzt der eine noch was, während der andere schon an seiner Frage bastelt - im Ton ließe sich später nicht "entflechten", was unsere Ohren automatisch machen. Daher muss ich immer sehr aufs Timing achten.

Dazu kommt Trimming, das "Beschneiden", "Begrenzen", "in Form bringen". Logisch, dass, wenn meine Frage weggeschnitten wird, ein Interviewter nicht antworten kann: "Ja, das ist genauso, wie Sie sagen!" Oder natürlich kann sie oder er das, aber es nützt nichts für den Film. Also muss ich immer wieder darauf hinweisen, dass bitte in ganzen Sätzen gesprochen werden möge und die Elemente der Frage bitte aufzugreifen seien.
Als Dolmetscherin muss ich hier, über die Inhalte hinaus, die ich gleich übersetze, auf die Schneidebarkeit der Aussagen achten. Timing und Trimming eben.

Andere Drehberichte hier und hier. Achtung! Länger!
Zum Mediendolmetschen mehr hier.

Foto: Friederike Elias

Mittwoch, 3. Oktober 2007

Flüsterdolmetschen

Dann dolmetschen wir simultan.
Noch eine Dolmetschart: Das Flüsterdolmetschen. Manche nennen uns ja spöttisch "die Flüsterer". Das kommt daher, dass wir zum Beispiel bei politischen Vier-Augen-Gesprächen  (an denen immer mehr Augen teilnehmen, die der Berater und unsere) für unsere Gäste flüstern. Wir sitzen schräg hinter der betreffenden Person oder wenden uns ganz ab, wenn es keine Sicht auf die Redner gibt, um uns besser konzentrieren zu können.

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Foto: C.E. (Nachtrag vom
Bundeswahlkampf 2009)

Dienstag, 2. Oktober 2007

konsekutiv

Konsekutiv bedeutet zeitversetzt. Erst spricht der Redner (aus Gründen der Einfachheit hier nur die männliche Form), dann der Dolmetscher. Der Vorteil: Wenn Leute unter den Zuhörern sind, die beide Sprachen können, hören sie auch beide. Ich habe meine Sprachkenntnisse auf jeden Fall durch viel Zuhören verbessert und das geschieht auch heute noch so.

Der Nachteil: Es dauert alles doppelt so lange. Oder nicht ganz doppelt so viel, weil wir immer ein wenig kürzen, aber die Wechselei kostet ja auch Zeit.

Und noch ein Vorteil fällt mir ein: Konsekutives Dolmetschen ist nicht ganz so anstrengend. Bin ich beim Simultandolmetschen nach einer halben Stunde spätestens müde, hab ich hier noch Energie.

Emmanuel Mouret, Olivier Pierre, C.E.
auf den Französischen Filmtagen Tübingen
Bei Themen, in denen ich zu Hause bin, und bei bekanntem Publikum, dolmetsche ich auch länger. Aber das sind die Extremausnahmen. Zum Beispiel letzten Sommer, beim Besuch von Benoît Jacquot in der deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb), da wollten Moderator Gerhard Midding und der Gast irgendwie gar keine Pausen machen aus Angst, die Studenten würden sich im Filmhaus am Potsdamer Platz verlaufen. So saßen wir da und ich dolmetschte immer schön konsekutiv, unterbrochen lediglich von drei etwa zehnminütigen Filmbeispielen. Im Publikum saßen auch meine Studenten, die Fragen waren erstklassig, die Themen spannend. Nach gefühlten anderthalb Stunden war Schluss — und ich erschrak, als ich auf die Uhr sah: Die Masterclass hatte drei Stunden fünfzehn Minuten gedauert. Aber das ist so eine extreme Ausnahme, dass ich sie lieber keinem weitererzähle. Psst!

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Foto: FFT

Montag, 1. Oktober 2007

simultan

Simultan steht für Gleichzeitigkeit — ich spreche also, während auch derjenige, den ich dolmetsche, spricht. Da ich erstmal verstehen muss, was er oder sie sagt, lasse ich ihm oder ihr ein wenig "Vorsprung", setze also später ein. Deshalb brauche ich am Ende auch ein wenig länger, als der andere. Meistens. Manchmal ist der Gedankengang so logisch und die Wortfolge so zwingend, dass wir zeitgleich aufhören. Es ist mir auch schon mal passiert, dass ich einen Halbsatz früher fertig war, weil alles so logisch war und/oder weil ich den Redner oder den Text kannte. Das irritiert manche Sprecher und oft lachen dann alle.

Simultan zu dolmetschen ist sehr anstrengend, weshalb wir uns in der Kabine meistens alle 20 bis 30 Minuten abwechseln. Allein halten wir Dolmetscher bis zu einer Dreiviertelstunde durch. Dann ist aber meistens das Ende erreicht und die Erschöpfung ist groß.

Mehr hier: Artikel aus Wikipedia

Symposium zum Thema Multitasking am 5. und 6.10.2007

Über die Multikasking-Ausstellung "Synchronität als kulturelle Praxis" schrieb ich hier bereits. Jetzt findet ein interdisziplinäres Symposium anlässlich der gleichnamigen Ausstellung in der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst statt, und zwar am Freitag, 5. Oktober 2007, 19 -21 Uhr: NGBK, Oranienstr. 25, 10999 Berlin Samstag, 6. Oktober 2007, 10-19 Uhr: RADIALSYSTEM V, Holzmarktstr. 33, 10243 Berlin Die Themen der Ausstellung sollen erweitert werden. ReferentInnen verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen aus Geistes- und Naturwissenschaften werden das Phänomen Multitasking fächerübergreifend diskutieren. Mögliche Erscheinungsweisen und Verflechtungen von Multitasking in Ökonomie, Medien und Gesellschaft werden präsentiert und zur Diskussion gestellt. Im Zentrum steht die Frage nach den technischen, sozialen und psychischen Auswirkungen der zunehmenden Beschleunigung und Verdichtung von Informations-, Entscheidungs- und Handlungsprozessen. //////// PROGRAMM als PDF-Datei zum Download unter www.emw.eu und www.ngbk.deFoto: Ana Lisa Calais e Val

Sonntag, 30. September 2007

Doppelbelastung, doppelte Freude

Bonjour und guten Tag! Interessieren Sie sich für Dolmetschen und Übersetzen? Dann sind Sie hier auf meinen digitalen Tagebuchseiten goldrichtig.

Wer zwei Sprachen hat, der hat zwei Leben" lautet ein Sprichwort. Das wissen alle Menschen, die tiefer in eine Sprache eingestiegen sind, als es mit dem meist ober­fläch­li­chen Schulunterricht möglich ist. Auch große Städte wie Paris und Berlin er­lau­ben es, sehr unterschiedliche Leben zu führen. Ein neues Viertel und ein an­de­rer Job, das macht oft mehr aus, als ein an­de­rer Lebensgefährte.

Für mich steigert sich das mit den Mehrfachleben, wenn ich Anfragen aus meiner alten Branche bekomme. Ausgebildet wurde ich parallel zum Studium als Jour­na­lis­tin, habe auch lange in dem Beruf gearbeitet. Gestern ging mal wieder ein vier­zehn­tägiger Job als Rechercheurin zu Ende — wenn dann noch das mit den Spra­chen hinzukommt, wie viel Leben ergibt das rechnerisch?

Am Anfang des Auftrags suchte ich im Netz Informationen und Ansprechpartner für einen Fernsehfilm über die Renaissance des jüdischen Lebens in Berlin, te­le­fon­ierte, schrieb alles zusammen. Am Ende, gestern, saßen wir mit kanadischen Re­por­tern und einem Mann von der Wachmannschaft der Synagoge im öster­rei­chi­schen Restaurant und feierten. Dazwischen lagen etliche Tage am Telefon, wobei ich auch viele Multiplikatoren finden und motivieren musste, bei Höf­lich­keits­be­su­chen und am Set.

 In Bewegung
Das Thema scheint nur auf den ersten Blick einfach. Die alteingesessene Berliner jüdische Gemeinde in Charlottenburg war wohlhabend und einflussreich, dann kamen mit der Öff­nung der Mauer die "armen Schwestern und  Brü­der" aus dem Osten hinzu, hier meine ich jetzt durchaus sehr weit östlich, "Kon­tin­gent­flücht­lin­ge", also Menschen mit jüdischen Vor­fah­ren und ausländischem Pass und oft kaum vor­han­de­nen Deutsch­kennt­nis­sen.

Und hier passierte, was überall passiert, wo es um Geld und Einfluss geht: es knirschte. Den Kanadiern geht es bei dem Bericht weniger um das Knirschen denn darum, die Buntheit abzubilden, in der jüdisches Leben in Berlin heute wieder Alltag ist. Und so betraten wir einen fast weltliche wirkenden Gemeindesal, in dem ein russischer Chor probte, waren in zwei Synagogen beim Laubhüttenfest mit dabei, trafen Schüler bei einem Quiz der Religionen, erkundeten die Klez­mer­schu­le, besuchten junge und ältere Menschen zu Hause, gingen zu einer Aus­stel­lungs­er&öff­nung von Fotos über den israelisch-palästinensischen Konflikt (*), zu einem Vortrag, tranken Kaffee im Beth Café im Osten, aßen koscher in einem kleinen Restaurant im Westen.

So viele Orte, so viele Ansprechpartner und Tage — damit alles bis zum letzten Tag klappt, arbeiten wir hier zu zweit. Denn für eine wäre der Job mehr als eine Dop­pel­belastung: für Recherche ebenso wie für die Kontakte, das Vertrauen der Zeit­zeugen zuständig zu sein, für den Ablauf ebenso wie für die inhaltliche und sprach­li­che Richtigkeit, das bedeutet sonst: Keep running, keine Pausen, immer ist noch ein Anruf anhängig.

Fürs Filmteam übersetzen wir immer si­mul­tan, was nicht gefilmt wird, und kon­se­ku­tiv, was später als O-Ton (Originalton) in den Film hineingeschnitten wird. Dazu machen wir uns natürlich auch Notizen, meine Kollegin Béatrice und ich. Am al­ler­letzten Abend sitzen wir also alle im österreichischen Restaurant und feiern, ein Kontaktmann der Gemeinde ist dabei.

Wir haben alle Motive gedreht, alle Wunschinterviewpartner "gekriegt", dazu noch viele Bilder, von denen wir nicht zu träumen gewagt hatten. Auf der Suche nach Taxiquittungen fange ich an, meine Tasche zu erleichtern und zerknülle No­tizen­pa­pie­re, unter anderem die Stichworte fürs Dolmetschen der Interviews.

Papierknüll mit seltsamen Zeichen
Papierkugel
Wie sie so als Bällchen auf dem Tisch liegen, sehen sie ganz unscheinbar aus. Da erwische ich den Blick von meiner Schwester Frie­de­ri­ke, die zu Besuch in Berlin ist und uns heute begleitet hat. Sie fixiert mit starrem Blick den Papierknüll.
Ich folge ihrem Blick und sehe am Ende der Sichtachse diesen Mann, der uns die letzten Türen geöffnet hat.

Es ist der Mann, der bei der Gemeinde für die Sicherheit zuständig ist. Und sehr langsam, wie beiläufig, nehme ich meine Papierkugeln vom Tisch. Denn so, wie die Notizen hier zusammengeknüllt sind — die Schrift sieht Steno ähnlich, ist aber stärker von horizontalen Linien geprägt, wobei ich die Buchstaben "i" und "è/é/ê" in Zusammenhang mit "m", "n" oder "u" nur noch durch i-Punkte oder Akzente an­täu­sche, die über den zur Linie verflachten Wortteilen stehen — so, wie die ge­scrib­bel­ten Buchstaben da im Zufall des Papierknülls zusammenkommen, sieht das Ganze für den flüchtigen Blick verdammt nach arabischen Schriftzeichen aus.
Dass mir hier keiner auf falsche Gedanken kommt, von wegen Doppelleben und so...


(*) Die Ausstelllung More than 1000 words — no win situation in the israeli pa­lestin­ian conflict, Fotografien von Ziv Koren ist noch bis zum 10.11. zu besichtigen, Ort: CiceroGalerie für politische Fotografie, Rosenthalerstraße 38, HH, 1. Stock
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Fotos: Friederike Elias

Donnerstag, 27. September 2007

Im Hafen

Herzlich will­kom­men! Sie le­sen im Ar­beits­ta­ge­buch ei­ner Dol­met­scher­in. Mei­ne Ar­beits­spra­chen sind Fran­zö­sisch und Eng­lisch (pas­siv).

Morgens gehe ich aus dem Haus, eine halbe Stunde später erfahre ich, dass ich nach Hamburg flitzen darf, eine Kol­legin vertreten. Ein europäisches Unternehmen hat eine Gesamtbetriebsratssitzung an der Waterkant, und es geht mit Sektempfang, Hafenrundfahrt und get together los.

So bleibt keine Zeit zur Vorbereitung; das Netz im ultra­modernen Sprinterzug hab ich jedenfalls noch nicht. Lediglich das ökonomische Wörterbuch in 100 Fachartikeln und 1200 Definitionen schnappe ich mir noch unterwegs, einsprachig natürlich.

Und dann sitz ich schon auf dem Kutter, die Wolkendecke reißt auf, der Frühherbst 2007 gibt noch einmal das selten gespielte Intermezzo namens "Sommer". Ich lausche: Der Motor des kleinen für den Zweck gecharterten Bootes tuckert be­ru­hi­gend und ich bete, dass die Lautsprecher es hergeben mögen. Jemand sagt mal laut "Test-Test" - sie sind nicht sooo schlecht, aber auch nicht wirklich gut. Vor allem höre ich fast nur Bässe. "Bom-bom-brrrom-brr ..." der Motor wird gleich mit übertragen.

Es schunkelt zum Teil heftig, als wir an den echten Ausflugsdampfern vor­bei­kom­men. Und als ich mir noch überlege, ob mir schlecht wird oder nicht, spricht der Mann, der sich "ich bin heute Ihr Käpt'n" vorstellt, schon sein Vorname ist ver­rauscht. Ich kann fast alles von dem verstehen, was er in hoher Geschwindigkeit formuliert, versuche es mir flugs in Bilder zu übertragen, und während ich dafür wieder Worte suche und selbst spreche, höre ich nur mich, ihn nicht mehr. Es ist dramatisch: Meine Stimme oder seine.

Okay, das wird also was werden mit langen Wortanteilen und dem Versuch, in die Pausen reinzusprechen. Dann kommen Worte wie "Wasserversuchsanstalt" und "Trockendock" - zum Glück erklärt er jetzt, was das ist, ein Dock, so lasse auch ich die großen Schiffe in eine Röhre hineinfahren, dann wird das Wasser he­raus­ge­pumpt, so dass die Arbeiten im Trocknen erfolgen können. Dann kommen die Su­per­la­tive: Dock elf ist das drittgrößte im Vergleich zu. Dock dreizehn das zweit­größ­te verglichen mit. Und Dock siebzehn erst ist das allergrößte — in Europa — aber in welcher Unterkategorie, bitte?

Statt das zu erklären, kommen jetzt in Windeseile (wie viel Knoten?) Höhe-Breite-Tiefe-Fahrrinne. Die Tiefe der Fahrrinne und wie der Sand abgesaugt wird ist für einen Käpt'n offenbar das Wichtigste, so klein der Kutter auch sein mag.

Und während mir selbst solche Ausdrücke wie bâtiment für ein großes Schiff wie­der einfallen und "Ballast" und "Reederei" und "Boje", fahren wir an was anderem vorbei, an einer großen, farbig gestrichenen Metallwand, riesig, die da vorne so einen riesigen Knubbel hat. Ja, noch ein Schiff, und das Dings da vorn teilt die Weltmeere nach links und rechts und macht in der Mitten den Weg frei für Kakao, Schokolade und eben auch Düngemittel, das Produkt unseres Auftraggebers. Aber wie heißt das nur?

Der Käpt'n spricht weiter, hat offenbar das Fach gewechselt oder warum spricht er jetzt von Buck. Detlev, wie, der auch hier? Und nochmal — Buck, meine Dol­met­scher­kol­le­gin schreibt das Wort und notiert zwei Fragezeichen daneben. Meine Gü­te, das ist jetzt wirklich der Bug, um den's da geht. Kein französisches Wort stellt sich ein.

Dafür ein anderes, eins, das gern im Übertragenen verwendet wird, sonst wüsste ich's nicht, weil das mit den Schiffen ist halt nicht so mein Fach ... also: die "Ga­li­ons­fi­gur" heißt figure de proue auf Französisch, aber ich muss jetzt den Rand hal­ten und ja nichts von Strömungstests und Galionsfiguren erzählen, denn hier, ich sehe mich nochmal um, gibt es nicht eine einzige, die ich mir vorstelle wie die Karyatide eines Pariser Hausmann-Gebäudes, nur eben aus Holz und nicht aus Stein, eine Art Schutzfigur mit tragender Rolle (in Abwesenheit eines Balkons könnte sie vielleicht die Verantwortung tragen?)

Das kommt davon, wenn Geisteswissenschaftler mit Leuten aus der Industrie eine Hafenrundfahrt machen. Da kommt einer der Gewerkschafter an unser Tischchen unterm Lautsprecher, lacht, gestikuliert wild gegen den Wind und die Bässe des Kapitäns an und schreibt auf: une étrave.

Merci, Monsieur !

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Illustation: Archiv. Die zweite Pointe kommt im Nachgang. Erst, als ich das Wort­feld nachbereite, fällt mir auf, dass ja der Name "Buck" schon vorbereitet war durch die "Boje". Dazu muss man wissen, dass ein Mann namens Klaus Boje eben Regisseur Buck pro­du­ziert und dass die gemeinsame Firma Boje Buck Produktion heißt. Die Laut­ähn­lich­keit war mir nicht bewusst, weil ich meist sauber nach Kontexten trenne. Aber das Unterbewusstsein wird schon mitgewirkt haben ...

Donnerstag, 20. September 2007

Mensch vs. Maschine (2)

Hallo! Hier bloggt ei­ne Dol­met­scher­in und Über­set­ze­rin für die fran­zö­si­sche Spra­che. Au­ßer­dem ar­bei­te ich aus­ge­hend von eng­li­schen Tex­ten oder Wort­bei­trä­gen.

In Lochkarten steckt die DNA heutiger Rechner
"Können Computer nicht viel bes­ser über­setzen? Dazu habe ich doch ein Programm!" Solche Sätze hören wir immer wie­der. Oder aber es rufen be­sorgte Eltern an, deren Kind sich entschieden hat, Spra­chen zu studieren, um Dol­met­scher zu werden.

Sie befürchten, dass Sprachmittler bald durch den Technikfortschritt arbeitslos wer­den könnten. Allerdings werden auf absehbare Zeit Menschen den Ma­schi­nen haus­hoch überlegen sein. Wenn sie heute ein Gerät mit zu Übersetzendem füttern und das Ergebnis dann (mit einem anderen Fenster/Browser aufgerufen) zu­rück­über­setzen lassen, werden sie merken, wie schwer verständlich die Ergebnisse sind und dass sich im Wiederholungsfall die Ergebnisse verändern.

Auf Französisch heißen wir Dolmetscherinnen und Dolmetscher un/une interprète. Sie dürfen darin gerne das Wort "interpretieren" erkennen.

Die Sache mit den automatischen "Übersetzungen" von Computern ist so, als wür­den Sie alle Zutaten für ein Gericht gleichzeitig in einen Topf oder eine Ku­chen­form kippen und das Gefäß dann auf den Herd oder in den Ofen stellen. Die hin­zu­ge­füg­te Wärme würde daraus noch lange kein Gericht machen. Menschen mit Wis­sen, Erfahrung (und Kochbüchern) sorgen dafür, dass die richtigen Zutaten zum jeweils optimalen Zeitpunkt mit der abgestimmten Temperatur und den jeweils anderen Zutaten angebraten, geschmort, gegart oder gebacken werden. Und dass zuvor etliche Zutaten auf die Weise gereinigt, geputzt und im Bedarfsfall klein­ge­schnit­ten worden sind.

Rechner hingegen kennen nur Einsen und Nullen, ein Ja oder ein Nein, kein Da­zwi­schen, kein Vielleicht. Menschen sind in ihren Ausdrücken individuell, vielfältig und selten perfekt. Beim Übertragen müssen wir also immer erst den Sinn dahinter verstehen, die Nuancen begreifen, bei manchen Texten die Leerstellen spüren (und belassen), kleine Fehler notfalls korrigieren (in der Regel nach Rücksprache). Unsere Intelligenz entspricht im Optimalfall jener unserer Autoren.

Die Intelligenz von technischen Geräten allerdings kennt keine Zwischenräume, sie ordnet ein Wort einem zweiten eindeutig zu und ist nicht einmal dazu fähig, sich darüber zu wundern, dass ein Mensch je nach Kontext etwas anderes verwenden würde. Männer sprechen anders als Frauen, Jüngere anders als Ältere, Menschen, die aus der DDR stammen, können ihre sprachliche Eigenheit besitzen, wie dies auch bei Dialektsprechern der Fall ist.

Der Rechner mit seiner künstlichen Intelligenz wurde vorab von Menschen an­ge­füt­tert. Aber bislang beherrschen Maschinen noch nicht einmal die Auswahl aus ver­schie­den­en Synonymen perfekt, ganz zu schweigen von Redewendungen, Wort­spie­len oder nicht zuende geführten Gedanken (beim Versuch, Gesprochenes zu er­fas­sen und automatisch zu übertragen). Was ist mit Grammatik, Satzbau und si­tu­a­ti­ven Ei­gen­tümlichkeiten mancher geschriebener oder gesprochener Wörter? Höflichkeitsebenen, Takt und auch Ironie kennen diese Kisten nicht. Hinzu kommen gruppenspezifische Aus­drücke oder Anspielungen auf Moden, Slogans oder aktuelle Ereignisse.

Das alles müsste ständig, für alle Sprachen, Gruppen und Grüppchen erfasst, ana­ly­siert und aufbereitet werden. Dies aber können nur menschliche Gehirne leisten. Um zu vernetzen und zu interpretieren, eine typisch menschliche Tätigkeit, ist hu­ma­ne Intelligenz nötig, die permanent einschätzt, abgleicht und das aus zwi­schen­men­schli­chen Begegnungen gewonnene Wissen hinzufügt.  

Kurz: Richtig gut übersetzen und dolmetschen werden auch in der nächsten Ge­ne­ra­tion nur Menschen — gerade weil sie über eine menschliche Intelligenz verfügen.

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Illustration: Lochkarte aus der Früh-
zeit der Informatik (Archiv)

Donnerstag, 13. September 2007

Mehr Luft, die Erste!

Will­­kom­men auf den Sei­­ten ei­nes vir­­­tu­­el­­­len Ar­beits­­­ta­­­ge­­buchs aus der Welt der Sprachen. Ich bin Dolmetscherin und Übersetzerin für die französische Sprache und aus dem Englischen.

Mehr Luft! Nein, nicht eine Variation des Spruchs des alten Geheimrats ist das jetzt, sondern das Japsen von uns Dolmetschern. Irgendwie klappt es in den Boxen oft nicht so mit der Belüftung.

Überhaupt, was sind das für Boxen? "Mama, warum geht Caro da in den Klei­der­schrank?" fragte mal der Sohn einer Freundin, als ich mich anschickte, meinen Arbeitsplatz zu betreten. Mein Arbeitsplätzchen. Klingt wie Mandelplätzchen.

So sicher wie Kekse zum Kaffee (im Gang hinter den Kabinen) finden wir beim Betreten des Kabuffs alte, veratmete Luft vor. Beides geschieht regelmäßig, und es gibt auch mal Überraschungen. Manche Kollegen mutmaßen, dass einige Neu­bau­ten ihre "Frischluft" für die Klimaanlage aus dem jeweiligen Tiefkeller bezögen. Ökologisch macht das Sinn: Die Luft ist nicht so kalt wie draußen, ein wenig angewärmt von den abschwitzenden Pferdestärken der Benzinkarossen. Ich halte das für einen modernen Mythos und den Beweis, dass es Verschwörungs­theorien selbst in den aufgeklärtesten Gesellschaften gibt. Aber da — mieft es heute nicht wirklich wieder sehr technisch — sollte die Umwälzpumpe der Luft frisch geölt worden sein? Oder nicht doch Motoröl eines Autos?

Mehr Luft, bitte!
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Dienstag, 4. September 2007

Stress kostet Kraft, bringt aber auch Neues

Bonjour, bienvenue, welcome! Aus dem Berufsalltag einer Dolmetscherin und Übersetzerin können Sie hier kurze Episoden lesen. Dabei wahre ich natürlich alle Geheimnisse, die mir im Berufsalltag anvertraut werden.

Stress kostet Vitalität. Graue Haare sind die Währung, in der gezahlt wird, ebenso Erschöpfung und Abende, die ich im Kreise der Lieben verbringe, und an denen sich alle wundern, dass ich plötzlich so still bin. Denn das viele Berufssprechen unter Anspannung hat mich gelehrt, auszuspannen und Stille zu genießen.

Kein Wunder, Erholung tut Not. Laut einer Studie der Weltgesundheitsorganisation ist nur der Alltag von Jetpiloten und Fluglotsen noch stressiger — ihr Adrenalinspiegel bei Start und Landung ist oft mit unserem deckungsgleich.

In Deutschland gibt es über 6000 Dolmetscher. Da die Hektik nur mit Unterbrechungen ausgehalten werden kann und die Arbeit selbst viel Vorbereitung erfordert, sind unsere Tagessätze recht hoch. Konferenzdolmetscher rechnen am Tag mit bis zu 750-1.000 Euro, wenn sie für staatliche Institutionen arbeiten, mit weniger, wenn diese klein oder die Auftraggeber Privatleute sind. Grundsätzlich gilt: Stammkunden zahlen weniger, und auch für die Kultur oder Minifirmen gibt's besondere Konditionen. Etablierte Dolmetscher sind zwischen 80 und 120 Tage pro Jahr im Einsatz.

Der Stress bringt aber Neues — das ist das Schöne am Beruf! Jeden Tag gibt es etwas zu entdecken. Das "lebenslange Lernen" ist ein Wort, das Dolmetschern noch nie fremd war. Neue Menschen, neue Themen, neue Orte ... selbst, wenn es manchmal nur geistige Reisen sind, auf die uns unsere Vortragenden mitnehmen.

Samstag, 1. September 2007

Knopf im Ohr

Willkommen auf den Seiten meines virtuellen Arbeitstagebuchs. Hier schreibe ich über den Berufsalltag von Sprachmittlern, über Sprache, kulturelle Unterschiede und Bildungstehmen.

Nicht die Steiftierchen meine ich mit Knopf im Ohr, sondern unsere Dol­metsch­kun­den. Sie sitzen vorn am Podium, stehen im Rampenlicht, während die anderen — wir — in kleinsten schalldichten Kabinen hinter dicken Glasscheiben sitzen. 80 cm Fensterbreite pro Dolmetscher/in steht uns zur Verfügung, der Tisch ist nicht sehr tief, er reicht immerhin für Laptop, einige Dokumente, Mikrophonpult und Wasserglas.

Auch wenn wir von Technik umzingelt sind, so ist unsere Arbeit doch eindeutig "low tech". Wir haben wenig in der Hand, wenn's gut läuft ein Redemanuskript und unsere eigene Vokabelliste, wenig in der Tasche und am besten alles im Kopf.

Wörter puzzlen
Die meisten von uns sind Frauen. Nicht, weil wir so wenig mit Technik am Hut oder so kleine Täschchen hätten, wir Frauen scheinen einfach erfolgreicher zu sein im Multitasking. Denn hier geht es darum, mehrerlei unter Kontrolle zu haben, die Ausgangssprache (Zuhören), die Zielsprache (Sprechen) und das Mischpult (Schalten). Dazu die eigene Fitness (Ablösung nötig?) und natürlich den Inhalt (das Wichtigste!) ...

Warum vermögen es Frauen meist so viel besser als Männer, mehrerlei Menschen und Aufgaben gleichzeitig Aufmerksamkeit zu schenken? Einst, am Lagerfeuer, galt es das Feuer zu bewachen, das Essen, das auf ihm garte, die Brut, auf dass sie nicht ins Feuer falle — und dann war noch die Umgebung im Auge zu behalten, um eventuell heranschleichende Raubtiere rechtzeitig zu bemerken.

Dafür brauchten sie Augen, Ohren und das auf Multitasking ausgerichtete weibliche Gehirn. Dass die meisten Dolmetscher Frauen sind, ist erst seit 1967 so.

Heute sitzen weltweit wesentlich mehr Frauen als Männer in den Kabinen. Nur der Knopf im Ohr ist ohne jeden Zweifel unisex.

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Foto: Archiv

Freitag, 31. August 2007

Undiplomatisch

Die Sprache der Diplomatie ist anders. Man drücke sich nie direkt aus, bleibe im­mer distanziert und höflich — und die eigene Meinung sei offiziell tabu, denn im Grunde spreche man ja für andere; so oder so ähnlich fasste es mal ein deutscher Diplomat in Paris zusammen, als ich mich einst kurz mal für den diplomatischen Dienst interessierte.

Höflichkeit und Sprechen "im Auftrag" bestimmt auch heute meinen Alltag als Dolmetscherin. Und dazu gehört auch Diskretion über Pannen.
Einer, der sich am Ende eines langen Berufslebens nicht ganz so an sein Verschwiegenheitsgebot hielt, hat ein Kompendium der schönsten Fehlleistungen von Dol­met­schern veröffentlicht. Der ehemalige Diplomat Richard Woolcott, einst in Diensten Australiens, hat in seinem Buch "Undiplomatic Activities" (Undiplomatische Aktionen) viel Amüsantes zusammengetragen. Wie die Süddeutsche Zeitung heute berichtet, erscheint das Buch in Kürze.

Die SZ druckt schon heute einige Beispiele ab. So erwähnt Woolcott den Fauxpas eines japanischen Dolmetschers, der mit der hemdsärmeligen Art des früheren australischen Premiers Bob Hawke nicht klarkommt. Dieser habe auf eine weniger angenehme Frage salopp geantwortet: "Ich bin doch nicht hier, um den Hanswurst zu spielen", woraus der Dolmetscher, rückübersetzt, etwas wie "Ich bin nicht hier, um für euch den lachenden Schwulen zu spielen" gemacht haben soll.

Richard Woolcott kolportiert auch den modernen Mythos des durch den Dol­met­scher bestellten Lachens — ein langatmiger Minister findet keinen Punkt, steuert einen Witz an, versiebt die Pointe, das Publikum (auf einem andren Kontinent, als durchaus mit anderem Humor als der Redner ausgestattet) lacht dennoch.

Auf das ministerielle Lob für die Leistung hätte der Dolmetscher entwaffnend ent­geg­net: "Um ehrlich zu sein, Herr Minister, ich habe Ihren Witz nicht einmal ver­stan­den. Alles, was ich dem Publikum auf Koreanisch gesagt habe war, dass der Minister jetzt seinen üblichen Witz erzählt — und dass alle bitte lachen und klat­schen sollen."

Montag, 27. August 2007

Scheibenwischer

Liebe Veranstalter von Konferenzen, die gedolmetscht werden,

Denken Sie bitte daran, uns stilles Wasser hinzustellen, sonst können Sie das Spru­deln über Mikrophon hören - und möglicherweise unsere verzerrten Stimmen, weil wir mit der Kohlensäure im Hals kämpfen.

Und fragen Sie bitte auch beim Veranstaltungsort oder dem Kabinenverleih nach, ob diese eine Lüftung haben. Sonst kann es schon mal sein, dass die Fenster derart beschlagen, dass wir Scheibenwischer brauchen, aber von innen.

Merci beaucoup !

Foto: Privat

Sonntag, 26. August 2007

Leidenschaft auch in der Sprache ...

Denn nichts ist für den Menschen als Menschen etwas wert, was er nicht mit Leidenschaft tun kann.


Max Weber

Freitag, 24. August 2007

Multitasking - Synchronität als kulturelle Praxis

Vor einigen Wochen wurde ich in der Dolmetscherkabine gefilmt und interviewt (hier mehr darüber). Ich bin jetzt eine von sechs "Multitaskern", die in einer Videoinstallation "vorkommen". Und zwar hier:
Ausstellung "Multitasking" in der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst e.V., Oranienstraße 25, 10999 Berlin, www.ngbk.de

1. September - 7. Oktober 2007

Eröffnung: Freitag, den 31. August 2007, 19 Uhr
Öffnungszeiten: täglich 12 - 18 Uhr 30, Führungen: jeden Sonntag um 16 Uhr
Symposium: 5.10. in der NGBK sowie 6. 10.2007 im Berliner Radialsystem

Aus dem Ankündigungstext: "Die Ausstellung Multitasking präsentiert internationale zeitgenössische künstlerische Positionen, die die zentrale kulturelle Praxis unserer Zeit - das synchrone Rezipieren und Handeln - thematisieren.
Die Bedeutung des Begriffs "Multitasking" ist kulturell nur vage definiert und dennoch zeigt sich, dass Multitasking als unausweichliche Folge der informatisierten und globalisierten Kommunikations- und Arbeitswelt allgegenwärtig ist. Die Synchronität des zeitgenössischen mediengestützten Alltags führt dazu, dass Multitasking nahezu alle Lebensbereiche durchdringt und insbesondere Wahrnehmung, Kommunikation und Interaktion beeinflusst.
In Ausstellung, Symposium und Publikation werden mögliche Erscheinungsweisen und Verflechtungen von Multitasking in Ökonomie, Medien und Gesellschaft präsentiert und zur Diskussion gestellt. Im Zentrum steht die Frage nach den technischen, sozialen und psychischen Auswirkungen der zunehmenden Beschleunigung und Verdichtung von Informations-, Entscheidungs- und Handlungsprozessen."

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Foto: Ana Lisa Calais e Val

Dienstag, 21. August 2007

Zweisprachige im Vorteil

Eine mehrsprachige Kindheit fördert nicht nur Sprachkenntnisse, sondern auch Entscheidungsfähigkeit und Gefühlsentwicklung, so Prof. Dr. Ria De Bleser, Linguistin an der Universität Potsdam. Mit bildgebende Verfahren konnte sie darstellen, wie das Gehirn zwischen Sprachen unterscheidet. Eine Stelle im Gehirn überwacht dabei das Hin- und Herschalten. Das klingt anstrengend, trainiert aber das Gehirn, wenn ein Kind mit dieser Erfahrung aufwächst.

Die Psychologin Ellen Bialystok (York University, Toronto) ergänzte diese physiologische Beobachtung mit dem Forschungsergebnis, dass zweisprachige Kinder oft leistungsfähiger seien. Dazu nochmal die Potsdamer Wissenschaftlerin Ria De Bleser: Mehrsprachige „können leichter Aufgaben bewältigen, bei denen sie sich auf mehrere Dinge konzentrieren müssen.“ Ihnen fällt auch das Ausblenden unwichtiger Störreize wie Lärm leichter. Diese "Wahrnehmungsunterdrückung" funktioniere vergleichbar mit dem zweisprachigen Gehirn, das beim aktiven Nutzen der einen Sprache auch die andere im Kopf "unterdrücken" müsse. Auch das schnelle Umschalten zwischen unterschiedlichen Aufgaben werde durch die Sprachen trainiert.

Last but noch least: Auch sozial seien zweisprachige Kinder im Vorteil, die Kenntnis um verschiedene Kulturen und Hintergründe wirke sich positiv auf ihre Empathiefähigkeit aus.

Montag, 13. August 2007

Mail von einer wissenschaftlichen Tagung

Lieber T.,

wir haben W-Lan im Raum - prima, um kurz was nachzuschlagen. Grad ist einer auf Englisch dran, Job für Kollegin.

Der Vormittag war von den Deutschen gestaltet, alles war lang, komplex, abstrakt. Jetzt: die Franzosen tragen vor und sind ist so viel konkreter, kürzer, strukturierter! Die Deutschen lasen vom Blatt ab, oft zu schnell, die Franzosen hier reden frei. Sprechkultur, Glück gehabt.

Das Verständnis für uns Dolmis am Anfang immer gleich Null, wir haben versucht, die Redner in der Pause aufs Tempo hinzuweisen. Die müssen jetzt alle ihre Beiträge kürzen, die sie ohnehin fast alle (anders als angekündigt) auf 30 statt auf 20 Min ausgelegt hatten. Recht geschieht’s.

Bin völlig durchgeschwitzt. An Tagen wie diesen zweifle ich am Beruf, vor allem, wenn Veranstalter vergessen, uns Futter für die Pause hinzustellen. Was wir für Energie durchsetzen!

Noch bis 1/2 sieben ...

Gruß,
C

Samstag, 4. August 2007

Seltene Bitte

Neulich im Kongresshotel. Die Technikleiterin kommt in die Kabine und tauscht kurz vor knapp noch einen Kopfhörer aus. Drei Minuten später soll die Konferenz anfangen.

Sie bemüht sich um Gelassenheit und gute Laune, um uns nicht zu stressen. Fragt sehr freundlich: "Habt ihr sonst noch einen Wunsch?"

"Na klar!", fällt mir spontan ein, "wenn Du bitte noch die Stirnseite des Raums zehn Meter näher an uns ranrücken könntest oder mindestens den breiten Gang vorne und den vielen Platz hinter dem Podium rausnehmen könntest, das wär prima. Wir haben Mühen, die Leinwand da vorne zu sehen!"

"Aber klar doch!", grinst die Technikleiterin als Antwort und sagt plötzlich sehr ernst: "Vielen Dank für den Hinweis, beim nächsten Mal gern." Denn die Kabinen sind für den Tag extra herbeigeschafft worden und könnten durchaus an einer anderen Stelle stehen.

So aber befindet sich die Leinwand in gefühlten zwei Kilometern Entfernung, und gleich geht die Veranstaltung los. Die Laptops vor unseren Tischen sind leider nicht mit dem Podium verbunden, dafür haben wir Vokabellisten auf den Monitoren, manchmal sogar Internetzugang.

Und jetzt: "Sehr verehrter Herr Bürgermeister, sehr geerehrte Abgeordnete, meine Damen und Herren, es ist mir eine Freude ..."

Freitag, 3. August 2007

Buchstabieren

Die neue Kollegin eines befreundeten Dolmetschernetzwerks ruft an und vermittelt uns einen Sommerloch-Job für Englisch.

Die Frau am Telefon spricht akzentfrei Deutsch, ihr Name ist Julia, sie spricht ihn amerikanisch aus. Im ersten Moment halte ich das für affektiert. Aber Moment mal, ich hadere ja auch immer, wie ich meinen Namen aussprechen soll. Denn ich passe mich dem Gegenüber an, bei Franzosen spreche ich ihn französisch, vor Deutschen deutsch aus — aber da ich alles andre als amerikanisch wirke ...

Es mäandert sich — mit Ä wie Ärger
Spä­ter im Ge­spräch fol­gen Te­le­fon­­num­mern. Zah­len sind immer der untrügliche Test für die Herkunft eines Men­schen, oder in welcher Spra­che wie sie oder er rech­net. Das sagte sie alles astrein auf Deutsch.

Am Ende buchstabiere ich et­was. Sie versteht akustisch nicht gleich und fragt: "L wie lovely?"

Jeder Deutsche hätte jetzt "Ludwig" gesagt.
How lovely!

Gar nicht lovely ist indes, dass Teile unseres deutschen Buch­sta­bier­al­pha­bets noch immer aus der Nazizeit stammen. Dessen Ent­na­zi­fizierung war halb­her­zig. "N wie Na­than" hieß es bis in die frühen 1930-er Jahre (seitdem "Nordpol"), au­ßerdem war vor der Nazi­zeit zu hören: "D wie David" ("Dora"), "J wie Jacob" ("Julius") und "S wie Sa­muel" ("Siegfried"). Samuel ist of­fi­ziell schon seit Jahrzehnten wie­der gültig, nur ver­wen­den ihn viele leider nicht. Auch "Zacharias" ist so ein Fall. Vielen kommt spontan der "Zeppelin" aus der Nazizeit über die Lippen.

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Foto: Archiv

Donnerstag, 2. August 2007

Machine Translation in der ZEIT

In der Zeit dieser Woche hat sich Harald Martenstein einem meiner Lieblingsthemen gewidmet, den Übersetzungsprogrammen der Computer, auch "Machine Translation" (MT) genannt.

Harald, ich nennen den Kollegen hier der Einfachheit halber beim Vornamen, bekommt eindeutige Briefe aus Russland. In denen Sätze stehen wie "Du der schone und sexuelle Mann." In denen sich eine gewisse Maria vorstellt: "Ich das einfache Russische die Frau. Mir 30 Jahre." Und die doch recht einfach ihre Motivation preisgibt: "Leider bei mir das kleine Gehalt."

Harald findet die Sprache, die durch Computerübersetzung entsteht, "sehr schön".
„Viele Manner suchen das Gluck" - dazu Harald: "ohne Umlaute bekommt das Deutsche so etwas Samtiges".

Und Harald samtet zurück. Er nimmt ein Übersetzungsprogramm und lässt ein englisches Antwortschreiben ins Russische übersetzen. Leider macht er dann die Probe nicht, was daraus geworden ist, er kann wohl kein Russisch. Dafür antwortet er endlich mit dem Programm den afrikanischen Putschisten, die auch mich regelmäßig in schwächelndem Deutsch anschreiben und wünschen, dass ich Ihnen beim Aus-der-Welt-Schaffen von dem Volk abgepressten Millionen behilflich sein möge.

Das Geld brauchen die Afrikaner selbst, aber hätten wir es - einmal kurz sei Träumen erlaubt - dann würde es Sprachunterricht setzen für Maria, Harald und mich.

Es gibt keine besseren Investitionen als in die eigenen Sprachkenntnisse.

http://www.zeit.de/2007/32/Martenstein