Donnerstag, 18. Juli 2019

Autoscham

Im 13. Jahr beschreibe ich hier meinen sprachbetonten Alltag. Ich bin Kon­fe­renz­dol­metscherin und Übersetzerin, arbeite mit der fran­zö­sischen Sprache (und aus dem Englischen). Diesen Sommer denke ich über meine Kunden nach.

Bullauge und Flugzeug im Schatten über Landschaft
Irgendwo im Baltikum
Und dann war da noch der Re­lo­cation-Kun­de, den ich zu diversen Amtsgängen be­glei­tet habe, An­mel­dung, Auf­ent­halts­pa­piere, er bekam die Bluecard, das Pendant zur bekannten US-amerikani­schen Green­card, Wohnungs­suche, Ein­schu­lung des ältesten Kindes.

Den einen oder anderen Kunden dieser Art ha­ben wir manch­mal nebenbei, gerne in den kongressarmen Wochen, oder es sind Freunde von Freun­den, denen wir einen Gefal­len tun, einfach so oder weil sogar um die Ecke ein Job winkt, oder aber es sind alte Freun­de aus früheren Jahren.
Wie dieser groß­ge­wachsener Mitt­vier­ziger, Architekt und Familienvater.

Nennen wir ihn Maruan. Das Büro, für das er inter­national tätig ist, sitzt in Berlin. Bei der Arbeit spricht er meis­tens Englisch. Seine Wiege stand irgendwo im Ma­ghreb, studiert hat er in Italien, England und Frankreich.

Eines Tages erzählte Maruan mir stolz, er würde gerade einen Jeep kaufen. Das ist et­was mehr als drei Jahre her. Sein Deutsch hat sich seither nur wenig verbessert, was ich immer wieder fest­stelle, wenn wir alle sechs, acht Wochen zusam­men mit­tag­essen (und er mir einige Papie­re zur schnellen Durch­sicht mitbringt.)

Ich muss damals ziemlich heftig die Stirn gerunzelt haben. Sein Sohn hätte sich den gewünscht, hat er damals entschuldigend gesagt. Ich weiß noch wie heute, wie ich ihm daraufhin vom Diesel­skandal berichtet habe, von Umweltschäden, von zu erwartenden Fahrverboten. Er hat zugehört, aber ich konnte ihm ansehen, dass der kleine Junge in ihm sich das Auto zusammen mit dem Sohn gewünscht hatte.

Drei Jahre später, es ist mal wieder was kaputt an der Karre, dieses Mal ist es die Klimaanlage: Ich sitze im Zug und manage den Auto­trans­fer von Werkstatt Eins zu Werkstatt Zwei, von Schrauber zu Fach­werkstatt, weil die Re­­pa­­ra­­tur komplexer ist als er­wartet, lasse mir das Bulletin der Arbeiten und die Vermu­tungen durch­geben, woran es wohl lie­gen mag. Voilà!, die Ultra­kurz­fassung: Zwei Strom­kreis­läufe, ei­ner fürs Ein­schalten, ei­ner für den Kühl­­kom­­pressor, der in ein separates Käst­chen ver­baut ist. Irgendwo hakt es mit der Strom­weiter­leitung. Und die Anlage kühlt an­fangs, dann setzt sie immer aus. Dieses "Anfangs" kann zehn Minuten oder aber zwei Stunden dauern.

Ich selbst habe gar kein Auto. Maximal lasse ich ab und zu fahren, wenn es sich nicht ver­meiden lässt. Mit großer Herkunfts­familie und Wahl­­ver­­wandt­schaft und jungen und alten Menschen im Umfeld gibt es immer wieder mal Strecken, die nur mit dem Auto zurück­gelegt werden können. Aber es gibt Miet­wagen und Car­sha­ring.

Den ersten Auto­­monteur quetsche ich am Telefon so lange aus, bis ich eine un­ge­fäh­re Idee von der Proble­ma­tik habe. Dabei stehe ich auf dem Gang des Zuges. Beim zweiten größeren Tele­fonat, Werk­statt Nummer Zwo ruft zurück, beschreibe ich das Problem, als stünde ich selbst bald vor der Me­cha­tro­ni­ker­prüfung. Das Problem wird innerhalb kürzester Zeit gefunden und be­hoben werden. Maruan braucht die Karre dem­nächst nur noch ab­zu­holen.

Beim zweiten langen Telefonat sitze ich eingeklemmt in ein Mehrpersonenabteil, am Gang schläft einer, gegenüber stillt eine Mutter ihr Kind. Es ist Freitag. Auf vielen deut­schen Straßen demonstrieren die Fridays for future-Jugendlichen. Bahnfahrer sind oft umweltbewusst Reisende, wenn sie sich den Luxus einer teuren Bahn­fahrt leisten und die oft spott­bil­li­gen An­ge­bots­flüge sau­sen lassen.

Seit einiger Zeit kennen wir das Wort "Flugscham" (vom Schwedischen Flugskam). Ich em­pfinde hier "Autoscham". Denn natürlich muss ich beim Tele­fonat den Wa­gen­typ ansagen, Jeep, das Baujahr, mittelprächtig neu, und die Art des Antriebs, Diesel­motor. Die Blicke der Mitrei­senden sprechen Bände. Ja, Autoscham. "Ein Kunde", sage ich entschuldigend und drücke noch mein Bedauern über eventuelle Be­ein­träch­ti­gungen nämlicher Mitrei­senden durch mein Telefonat aus. Das macht aber die Sache aber auch nicht besser.

Maruan heute beim Mittag­essen: "Im August sollten wir das Auto ver­kaufen! Ich will es so schnell wie möglich los­werden!" Jetzt hätte ich gerne mein über­raschtes Ge­sicht gesehen. Der hat sich aber schnell ak­kli­mati­siert! Berlin halt.


Vokabelnotizen
écoresponsable — umweltbewusst
interrupteur — Schalter
faux-contact — Wackelkontakt
boîtier — Kästchen, Gehäuse
compresseur frigorifique — Kühlkompressor

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Foto: C.E. (Archiv!!)

Mittwoch, 17. Juli 2019

Dolmetschen bei der Polizei

Seit mehr als zwölf Jahren beschreibe ich hier meinen sprachbetonten Alltag. Ich bin Kon­fe­renz­dol­metscherin und Übersetzerin, arbeite mit der fran­zö­sischen Spra­che ... und mit Eng­li­sch als Ausgangssprache. Manchmal arbeiten wir für die Be­hör­den, für Polizei und Justiz.

Die Berliner Morgenpost hat gestern einen Beitrag über die Berliner Polizei und andere Behörden gebracht, die Dolmetscherinnen und Dolmetscher ein­set­zen.
Journalist Alexander Dinger nennt die Ausgaben dafür an erster Stelle — 36 Mio. Euro für Sprachdienstleistungen seit 2014 allein bei der Polizei. Die­ser Eingangs­focus ist nicht un­kri­tisch, Leser könnten argwöhnen, dass dies zu viel sei. Aber Aus­ga­ben der Behörden sind zugleich Ein­nah­men von Berlinern, die in Konsum und Dienst­leis­tungen, aber auch in Steu­ern flie­ßen.

Au­ßer­dem liegt die Summe des Gezahl­ten unter dem Wert des Erhaltenen. Be­rich­tet wird näm­lich über die hohen Schwan­kun­gen bei den Dolmet­scherhonoraren in den Be­rei­chen Justiz und Polizei und darüber, dass diese Preise un­ter­halb dessen liegen, was am freien Markt üblich ist.

Justiz, Polizei und Wirtschaft werden erwähnt, eng damit verzahnt ist die Verwal­tung. Hier ist die Lage oft noch viel dramatischer. Ich erinnere mich daran, bei einem deutsch-fran­zö­si­schen Paar im Jugend­amt nach Justiz­vergütungs- und Ent­schä­di­gungs­ge­setz (JVEG) ab­rech­nen gedurft zu haben, also 75 Euro pro Stun­de, und weniger als 15 Euro Stunden­satz für die Ver­dol­met­schung einer un­be­glei­teten Ju­gend­li­chen, die geflüchtet war.

Außerdem berichtet der Beitrag über Eng­pässe in seltenen Sprachen.

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Illustration: Berliner Morgenpost

Dienstag, 16. Juli 2019

Notarzt ...

Bonjour und hel­lo und gu­ten Tag! Was Dol­­met­­scher und Über­setzer so alles er­le­ben, können Sie hier mitlesen. Wir ar­bei­ten als Team über­wie­gend in Ber­lin, aber auch in Pa­ris, Mün­chen, Cannes und dort, wo man uns braucht. Dabei reise ich meis­tens mit dem Zug. Sogar lan­ge Stre­cken.

"Wir unterbrechen die Fahrt. Grund: Notarzt im Gleis!" ist keine schöne Zugansage. Vielfahrer wissen, was das bedeutet, haben es wiederholt erlebt.

Viel Rot bei den Fahrzeugen vor dem Zugfenster
Polizei, Feuerwehr, Notarzt, Busunternehmen ...
Für alle Beteiligten folgt eine mehrstündige Unterbrechung. Alle sind bestürzt.

Die Passagiere sprechen mit leisen Stimmen, passen auf­ein­an­der auf, fragen, bieten Hil­fe an, einige besorgen Trink­was­ser, ver­sor­gen alle, die es brauchen. So schreck­lich der Anlass ist, so be­ru­hi­gend ist dieser zwi­schen­mensch­liche Umgang.

Für mich als Dolmetscherin führen solche Anlässe dazu, dass mein Fahrverhalten sich immer mehr ändert. Denn uns Dolmetschern geht es wie Dozenten, Profs oder Referenten: Es fällt auf, wenn wir fehlen.

Als Vielfah­rerin kann ich sagen: Jede dritte von mir gebuchte Fahrt verläuft nicht problem­los, wobei ein nicht aufgefüllter Wasser­tank im Speisewagen noch das kleinste Übel ist. (Dann gibt es eben keine Heiß­getränke und keine Speisen.)

Bin ich vor fünf Jahren immer einen, zwei Züge früher gefahren, wenn ich zu ei­nem berufs­bedingten Ein­satz gereist bin, nehme ich jetzt vier bis fünf Züge früher, denn in der Regel gehen die Verspätungen zum Glück nur auf technische Störungen zurück. Mit dem Ergebnis, dass ich manch­mal schon am Vorabend un­ter­wegs bin, selbst wenn eine Tagung erst um 11.00 Uhr beginnt. Liebe Kunden, bitte eine Hotelnacht ein­pla­nen. Danke.

In der Schweiz kommt es nur in den al­ler­sel­tens­ten Fällen zu Verspätungen. Die Schweiz ist ei­sen­bahn­technisch ohnehin ein Vorbild. Deren Bahn­card, "das Halb­tax", kostet nur 185 Franken, das entspricht 169,90 Euro, und 165 Franken (151,53 Euro) ab dem zwei­­ten Jahr. Aufgrund des höheren Einkom­mens­niveaus der Schwei­zer müssen wir das noch herunter­rechnen, wenn wir es mit deut­schen Preisen ver­gleichen möch­ten. Die deutsche Bahncard 50 liegt derzeit bei 255 Euro. Ein Drama, wie unat­traktiv der Staatsbetrieb sich macht.


Wenn Sie oder eine Ihnen nahestehende Person Selbstmordgedanken hegen, wenden Sie sich bitte an die Telefonseelsorge: 0800 111 0 111.
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Foto: C.E.

Montag, 15. Juli 2019

Gegenwind

Gu­ten Tag! Sie sind mit­­ten in ein Ar­­beits­­ta­­ge­­buch rein­­ge­­ra­­ten, in dem sich al­les um Spra­­chen, Dol­­met­­scher, Über­­setzer und Kult­­uren dreht. Als frei­be­ruf­li­che Dol­met­scherin und Über­set­zerin ar­bei­te ich in Cannes, Schwe­rin, Pa­ris, Berlin, Brüs­sel und gerne dort, wo Sie mich brau­chen! 

Dachwurz, Mini-Gewächshaus mit Thymiansaat, Pflücksalat
... und auf unserem Balkon eine Miniaturausgabe
In der Wüste Arizona steht ein riesen­gro­ßes Gewächs­haus. In diesem haben Forscher vor Jahr­zehn­ten ver­sucht, die Bio­sphäre der Welt zu re­kons­tru­ie­ren, mit Was­ser­kreis­lauf, ei­ge­ner Lebensmittel­pro­duk­tion, mensch­li­chen Be­woh­nern, den Wis­sen­schaft­lern, und Energie­pro­duk­tion. Ziel war die Au­tar­kie von "Bio­sphe­re 2". Das Pro­jekt wur­de nach kur­zer Zeit ab­ge­bro­chen.

Der Wasser­kreislauf hatte nicht funktio­niert und viele Pflanzen wuchsen nicht rich­tig. Bäume schossen eine Weile in die Höhe, dann bogen sie sich nach unten. Erst später haben die Beteilig­ten begriffen: Ihnen hatte der Wind gefehlt.

Heute werden Basilikum­blätter im Gewächs­haus hundertfach von Maschinen ge­strei­chelt, um Wind zu simulieren. Nur dann wachsen sie buschig und bilden große Blätter.

Wir Men­schen brauchen zur Ent­wick­lung auch Ge­gen­wind und Druck. Dabei kommt es auf das richtige Maß an. Wenn es zu viel wird, hilft der Gedanke, dass Dia­man­ten nicht ent­ste­hen kön­nen ohne die­sen Druck. Und ein schwe­disches Sprichwort weiß: "Es ist der Ge­gen­wind, der die Dra­chen steigen lässt!"

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Foto: C.E.

Sonntag, 14. Juli 2019

Blitze

Mein 13. Jahr in die­sem Blog ist das ver­flix­te drei­zehn­te Jahr. Ich schreibe hier über Sprachen, Dolmetschen, Übersetzen, Kulturen, immer aus meinem Alltag, dem einer Übersetzerin und Dolmetscherin. Kunden und Freunden helfe ich mit Französisch weiter, immmer öfter arbeite ich aus dem Englischen. Ar­beits­schwer­punk­te sind ak­tu­elle Po­li­tik, Wirt­schaft, Kul­tur und Kul­tur­wirtschaft, Wis­sen­schaft, Landbau und Öko­land­bau, Archi­tektur, Innen­architektur und Urbanismus, Ge­schichte und Stadt­geschichte und etliche Bereiche mehr. Sonntagsbild!

Vier Aufnahmen ein- und desselben Hauses in einer Gewitternacht
Blitze
Und manch­mal kommt eben mehr Privat­le­ben als üblich dazwischen. Wie der­zeit. Das Le­ben sei, was da­zwi­schen komme, wäh­rend wir Plä­ne ma­chen, hat mal je­mand gesagt.

Dieses Mal mit voller Breitseite: Neue Lie­ben, neues Leben und Krank­heit in der Fa­mi­lie.

Ich schreibe weiter, oft sogar mehr als eine kurze Notiz. Schreiben selbst geht schnell. Ich denke mit den Fingern.

Meistens fehlt mir aber die Zeit für das Edi­ting, das Gegen­lesen, Ver­bes­sern oder Ver­werfen, die abschlie­ßende Feh­ler­kor­rek­tur sowie das Trennzeichensetzen. Mal sehen, wie sich das auf den Blog auswirken wird.

Ich hoffe auf Geistesblitze. Über genügend Erdung verfüge ich. Und ich weiß, dass Blitze sich immer von unten nach oben entladen. Vielleicht entwickele ich sogar noch einen Stenogrammstil mit weiterführenden Links.

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Fotos: C.E.

Donnerstag, 20. Juni 2019

Berliner Toponomien (1)

Hier bloggt ei­ne Über­set­ze­rin und Dol­met­sche­rin — mal mehr, ar­beits-­ und fa­mi­lien­be­dingt mal weniger. Was ich im Beruf er­le­be, können Sie hier in Ausschnitten verfolgen. Wir ar­bei­ten als Team über­wie­gend in Ber­lin, aber auch in Pa­ris, Mün­chen, Cannes und dort, wo man uns braucht. Sogar ge­le­gent­lich in Brüs­sel ...

Gestern in einer Sitzung mit Dolmetscherin: Demnächst werde sich ja auch in Bran­den­burg etwas tun. Zum Beispiel in Hoppegarten.

Die Autorin mit sieben auf Revel.
(Füße zu tief in den Steigbügeln!)
Der Ortsname war nicht relevant für den Gast aus Frank­reich, ich habe à la lisière est de Berlin ge­dol­metscht, am östlichen Stadt­rand.

In der Pause dann die Er­in­ne­rung und mein Grinsen. Die Berliner be­nen­nen ja komische Dinge gerne mit noch ko­mi­scheren Namen wie Bierpinsel (für ein Be­ton­baum­haus­res­tau­rant an der Autobahn), Tele­spargel (Fernseh­turm) oder Gold­else (naja, für die Goldelse halt).

Als ich nach Berlin gekommen bin, habe ich gewusst, dass es in der Stadt eine Rennbahn gibt, im Osten. Dann hörte ich zum ers­ten Mal "Hop­pe­garten". Abgeleitet von "Hop­pe, hop­pe Reiter, wenn er fällt, dann schreit er" habe ich das für eine weitere berlin­ty­pi­sche Verball­hornung gehalten.

Dabei handelt es sich hier um eine echte Gemeinde, und das "Hoppe..." leitet sich von "Hopfen" ab.

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Foto: Otto-Heinrich Elias

Sonntag, 16. Juni 2019

Vertikalgarten

Was Über­setzer und Dol­met­scher beschäf­tigt, können Sie hier mitlesen. Seit vie­len Jahren be­rich­te ich über diese Berufe und meinen sprach­be­ton­ten Alltag. Sonntags werde ich privat: Sonn­tags­fotos!

Wer beruflich und familien­bedingt oft un­ter­wegs ist, zum Glück über­neh­men hier das Gie­ßen auch an­dere, freut sich über beschauliche Mo­mente zuhause. Es ist Mitte Juni. In Berlin duften dem Ver­neh­men nach seit 14 Tagen die Lin­­den­­blü­ten.

Pflanzen, die unter Wasser stehen; die Brüstung ebenso
Balkonregen
Mein Urlaub auf Bal­ko­nien steht bevor. Die Kongress­sai­son neigt sich schon wie­der dem Ende zu, nach­dem sie gerade erst ein wenig Fahrt aufge­nommen hatte. Bis April waren die Augen aller nach England ge­rich­tet, diese Dis­kus­sionen wurden nicht auf Fran­zö­sisch geführt. Im Mai brach der Europa­wahl­kampf aus. Im Juni haben wir mehr oder we­ni­ger nor­mal gearbeitet.

Für die Sommerpause lasse ich mir den Balkon "aufmotzen". Auf den Mil­li­meter genau passt der Vertikal­garten in eine Nische, an Bücher­regal­stan­gen ein­ge­hängt, damit keine Boh­rung an/an der Fassade erfolgen muss. Derlei ist nämlich gesetz­lich ver­bo­ten.

François Rossier, mein handy man, einer, der schon seit vielen Jahren Up­cyc­ling betreibt, hatte diese und weitere Stangen acht Jahre lang in der Nähe von Vevey (Schweiz) in seinem Kinderzimmer. Einge­hängt waren Bücher­re­gal­ele­men­te, die gleich­zeitig ein Raum­teiler waren.

Vertikalgarten aus verzinktem Blech
Mit den ersten Pflanzen und Pikiertem
Das hier verwendete Vertikalgartensystem wurde zum Teil beim Transport leicht be­schä­digt, das tut seiner Nutzung (bis auf einen Kasten, dessen Träger fast aus­ge­ris­sen sind) aber keinen Ab­bruch. Die Krat­zer wer­den wohl schon bald Pflan­zen bedecken.

Noch schaut's nackt aus. Pflück­salat hatte ich vorher nie, das ist ein No­vum. Sonst ha­be ich vor allem Kü­chen­­kräu­ter und in­­sek­­ten­­­freund­liche Blüh­­pflan­zen. Ganz links: Ei­ne von zwei Yuccas meines Va­ters, die letztes Jahr hin­über schie­nen, haben sich nach län­ge­rer Beden­k­zeit be­rap­­pelt! Die Mut­ter­pflan­ze dazu stammt aus der Vil­la der säch­si­schen Urahnen.

Hummelweide
Nur schief wird der Ver­ti­kal­gar­ten wei­ter­hin ein bizzeli aussehen, denn das Haus ist krumm und schief (Altbau von 1905). Aber das macht nüüt. (Kleine Schweizerismen melden sich im Kopf.)

Ich bin sehr glücklich über diese Lösung. Bald ist der nächste Ein­bau in der Woh­nung dran, Schuh­regal­bretter in einem ver­schlos­se­nen Durch­gang zur Nachbar­wohnung. Wenn man erst­mal einige Jahre an einem Ort lebt, kennt man seine Stär­ken und Schwä­chen und kann An­pas­sun­gen vor­neh­men (lassen). Zitat François: Les so­lu­tions se suc­cè­dent et ne se res­sem­blent pas. "Die Lö­sun­gen fol­gen ein­ander und sind nicht gleich."

Das Foto ganz oben zeigt den Blick das Maybach­ufer runter. Auf der Straße scheint die Sonne, das Pflaster ist trocken, die Sonn­tags­aus­flügler konnen sor­gen­frei ra­deln. Auf dem Balkon regnet es. Das ist immer der (zusätz­li­che und unbeab­sich­tig­te) Gieß­ser­vice mei­ner Nach­ba­rin­nen. Einige Zeit war er aus­ge­blieben, ich hatte mir schon Sorgen gemacht. Jetzt ist er wieder da! Ein Glück!

Vokabelnotiz
bizzeli — ein bisschen, ein wenig
nüüt — nichts

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Fotos: C.E. / Dieser Post wurde durch
www.upcycling.mobi ermöglicht, merci
beaucoup
, und ist kein bezahlter Inhalt.

Mittwoch, 5. Juni 2019

Im Flow

Guten Tag, bonjour & hello! Was Dol­met­scher und Über­setzer so alles er­le­ben, können Sie hier mitlesen. Wir ar­bei­ten als Team über­wie­gend in Ber­lin, aber auch in Pa­ris, Köln, Reims und dort, wo man uns braucht. Wo immer wir tätig sind, das Arbeitszimmer steht immer im Mittelpunkt. Dort sind wir nicht immer allein.

Als ich heute Mittag vom Außen­termin nach Hause komme, sitzt ein Kind bei uns auf der Treppe. Das Mäd­chen hatte hitzefrei und seine Mutter war kurzfristig beim Arzt. Sonst sei es ja ein Schlüsselkind, sagt es, nur heute hätte es den Schlüssel ver­ges­sen. Ich biete ihm den Bespre­chungs­tisch in meinem Arbeits­zimmer an und etwas zu trinken. (Hunger hat es nicht, die Hitze!) Es macht Haus­auf­gaben. Parallel dazu habe ich per Skype ein Vorstel­lungs­gespräch mit ei­nem Kunden, für den ich vielleicht im Herbst als Me­dien­­dol­­met­scherin arbeiten werde.

Castingähnliche Verhältnisse beim Dolmetschen sind neu. Hier geht es vor allem um Stimme und Prosodie. Ich darf probedolmetschen. Die Grundschü­le­rin in mei­nem Rücken schaut auf, beobachtet mich dabei aufmerksam (so sagt es später mein Gegenüber in Frankreich).

Vierjährige mit Teddy sitzt auf dem Esstisch
Zu klein für Schlüsselkind (1929)
Auf dem Monitor vor mir läuft die Auf­nahme einer Red­nerin ab. Da­ne­ben ist eine Vokabel­liste geöffnet. Ich setze mir nur einen Kopf­hörer auf, die Mu­schel des anderen Ohrs er­gänze ich, in dem ich mit der Hand ei­ne Art zweiter Mu­schel bilde, um meine ei­ge­ne Stim­me bes­ser zu hören. Ich ha­be die Red­nerin fest im Blick. Kurz schaue ich eine Vo­ka­bel nach.

Nach eini­gen Minu­ten bin ich "drin", sitze ruhig da, schließe die Augen und tauche tief ein in die Rede. Der Flow stellt sich ein, diese Versunkenheit, in der Spre­che­rin, die Dame vom Monitor, und Nach­spre­che­rin, also ich, wie mit einer Stim­me sprechen.

Dann ist der Test auch schon vorbei. Das Kind macht mit den Haus­auf­gaben weiter, dieses Mal fällt mir die Dy­na­mik­än­derung neben bzw. schräg hinter mir auf. Am Ende fragt mich der Inter­viewer in Frank­reich, ein Kollege, ob ich noch eine Frage hätte. Erstmal nicht.

Wir kom­men auf das Kind zu spre­chen (das uns nicht ver­steht). Der Interviewer, ein Kollege, lobt es für seine Kon­zen­triert­heit. Er hält es für meine Tochter. Ich kläre das Miss­verständ­nis auf und wir suchen ge­mein­sam noch das französische Wort für "Schlüssel­kind". Das gibt es nicht, sowas ist wie die Ganz­tags­schule jen­seits des Rheins nicht der Rede wert.

Als Entspre­chung für den Drei­silber "Schlüsselkind" kommen wir auf die Um­schrei­bung enfant qui a la clef pour rentrer chez lui en l’absence de ses parents. Das sind 18 Silben. In der Dol­met­scherkabine, wo Zeit rar ist, ein Ding der Un­mög­lichkeit.

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Foto: eigenes Archiv

Montag, 3. Juni 2019

Auf dem Schreibtisch (LI)

Über den Arbeitsalltag einer Dolmetscherin können Sie hier einiges lesen. Wenn ich nicht Konferenzen vertone, sitze ich am Über­set­zer­schreib­tisch. Blick auf den Schreibtisch!

Ein Tag mit Hob­by­haar­spal­ter­klein­knü­sel­kram: Ich darf ein Gutachten über ein missglücktes Aufsatz­­über­set­zungs­lek­­torat schreiben. Ich ver­wen­de hier bewusst das Wort "dür­fen" und nicht müs­sen. Das ist kei­ne schö­ne Auf­gabe.

Ein Arbeitszimmer vom Ende des 19. Jahrhunders
Ein Gericht hat mich be­auf­tragt. Hin­ter­grund: Der "Pro­jekt­ma­na­ger" einer "Agen­tur" hat sich wieder mal wie ein kulturloser Im­mo­bi­lien­makler ver­hal­ten. Die Übersetzung war von einer Nach­wuchs­­kraft er­stellt wor­den, das "Lek­to­rat" stammt von einem Haus­mann und früheren Lehr­amts­stu­den­ten. Es ist un­brauch­bar, voller Wi­der­sprü­che und Un­ge­reimt­hei­ten.

Nichts gegen Lehrer. Ich verdanke meinen Leh­rer­in­nen und Lehrern sehr viel und war ja selbst jahrelang Hoch­schul­lehrerin, aber das hier haut hinten und vorne nicht hin.

Außerdem steht ein größerer Kosten­­vor­anschlag an: Drei Stunden Präsenz, davon zwei Stunden Dol­­metschen zum Zeitpunkt, zu dem die Saison ausklingt ... nicht einfach, da den an­ge­mes­senen Preis zu finden.

Was hier sonst noch über den Tisch geht: Texte zum Thema kulturelles Miteinander und Res­pekt in unseren sich verän­dernden Gesell­schaften, SPD-Krise ... und die Themen der letzten Woche be­schäf­ti­gen mich weiter.

Endlich konnte ich das Wort Hob­­by­­haar­­spal­­ter­­klein­­knü­­sel­­kram einmal in ei­nem Blogpost un­ter­bringen. Nein, dieses Mal habe ich keine Wette verloren!

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Foto: eigenes Archiv

Sonntag, 2. Juni 2019

Ein Tag am Wasser

Bonjour, hello, guten Tag. Seit zwölf Jahren bloggt hier eine Dol­met­sche­rin, übli­­cher­­wei­se mehr­mals die Woche. Die Frühjahrssaison, kaum angefangen, neigt sich schon wieder ihrem Ende engegen. Zeit für die Rückkehr zu eigenen Schreib­ar­bei­ten und fürs Aus­span­nen.
  
Kinder am Wasser, Ball, Bäume, Segelboot
Am Wannsee
Ein Tag am Wasser kann sehr erfri­schend sein. Berlin ist eine der wasser­reichsten Großstädte Europas. Und in der Natur wird auch deut­lich, dass diese Stadt in­zwi­schen eine Weltstadt ist, so viele Sprachen wer­den hier gesprochen.

Was ich sehe wirkt zeitlos: der Ball des Kindes, das Segel­schiff, die Bäume. Allein die Bade­mode könnte könnte einen Hin­weis darstel­len. Nun leben wir zum Glück wieder in Zeiten, in denen Mode nicht so wichtig ist, zumindest in Berlin.

Liegeplatz mit Grenzlinie
Das gilt für die Post­ma­teriellen jeden Alters, be­son­ders aber für junge Leute in Stu­dium oder Aus­bil­dung sowie für Jugendliche, die die Ernsthaf­tigkeit der Klimakrise verstanden haben. Also sind unter­schiedlich geschnittene Badehosen, -anzüge und Bikinis gleichzeitig zu sehen.

Wer weiter rausfährt, braucht sogar an vielen Stellen gar keine Bade­textilien mehr. Hier sind sich die Deut­schen aus Ost und West sehr eing.

Es wird gesegelt, mit Booten gefahren, es werden Sand­burgen und -frauen in den mär­ki­schen Sand gegraben, die einstige "Streu­sand­büchse Preußens".

Abends wird es kühl, die Schatten werden länger. Men­schen nehmen das Aus­flugs­schiff, um den Son­nen­tag zu verlängern.
Umkleidehäuschen
Am Morgen noch geschlossen
Menschen auf dem Ausflugsdampfer, Bild aus den 1920-er Jahren
Herrschaften, alle mal hersehen!

Sie haben es gemerkt, ich habe hier Bilder ver­schie­de­ner Epochen durch­ein­an­dergeworfen. Manch­mal ist es schö­ner, ohne Ka­mera los­zu­ziehen und die Ein­drücke nur auf die Bildplatte der Erinnerungen zu brennen.

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Fotos: C.E. (Bild 2. und 3) und eigenes Archiv

Freitag, 31. Mai 2019

Auf dem Schreibtisch (L)

Guten Tag oder gu­ten Abend! Hier bloggt im zwölften Jahr eine Dol­met­sche­rin und Über­set­ze­rin. Dabei arbeite ich (aktiv und passiv) mit Deutsch und Fran­­zö­­sisch sowie (nur passiv, also als Ausgangs­spra­che) mit Englisch. Dort, wo mich meine Kunden brauchen, bin ich dann meis­tens auch tätig: Köln, Berlin, München, Lyon, Straß­burg, Pa­ris ... um nur einige Beispiele zu nennen.

Heute zum 50. Mal der Blick auf den Schreib­­tisch, der manchmal auch ein Steh­pult­auf­satz ist. Diese Woche dreht sich alles um:
Stehpultaufsatz

⊗ Preiskalkulation Drehbuch­übersetzung
⊗ Afrika (Land­wirtschaft)
⊗ Neubau einer Be­triebs­küche (nach­haltig und um­welt­neutral)
⊗ All­ge­meine Politik (mise à jour)
⊗ Fanpost an einen Theater­schauspieler
⊗ Klimafol­gen­abschätzung
⊗ EU-Wahlen (Nachlese)
⊗ Buchhaltung und Mahnwesen

... und um die
⊗ biologische San­ie­rung einer Berliner Alt­bau­wohnung (für eine französische Familie mit Allergikerkind)

Das sind lauter spannende Aufgaben. Ich bin gespannt auf die neuen Themen, die die Zeit bringen wird. Und habe in den kommenden Wochen noch Kapazitäten frei.

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Foto: C.E. (Kunst von Detlef Baltrock)

Sonntag, 26. Mai 2019

Postpferd

Bonjour und hello und guten Tag! Was Dol­met­scher und Über­setzer so alles er­le­ben, können Sie hier mitlesen. Wir ar­bei­ten als Team über­wie­gend in Ber­lin, aber auch in Pa­ris, Mün­chen, Cannes und dort, wo man uns braucht. Die Arbeit ist meistens hart.

Gemalt von Orest Kiprenski
Heute dürfen wir an den rus­si­schen Natio­nal­dich­ter und Begründer der mo­dernen russischen Li­te­ra­tur den­ken. Von ihm stammt das fol­gende Zitat:

"Über­setzer sind die Post­pferde der Auf­klärung."

(Alexander Ser­ge­je­witsch Pusch­kin, geboren am 26. Mai 1799 in Mos­kau, also vor 220 Jahren.) So füh­len wir uns manch­mal, mit dem Kum­met oder dem Ge­schirr auf den Schul­tern und zu großen Kraft­an­streng­un­gen ver­pflich­tet.


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Illustration: Portrait von 1827 (gemeinfrei)

Dienstag, 21. Mai 2019

Ausschreibungsgymnastik (1)

Seit mehr als zwölf Jahren beschreibe ich hier meinen sprachbetonten Alltag. Ich bin Kon­fe­renz­dol­metscherin und Übersetzerin, arbeite mit der fran­zö­sischen Spra­che ... und mit Eng­li­sch als Ausgangssprache. Manchmal wird unsereiner allerdings vom Arbeiten abgehalten. 

Bürodetail
Kostenvoranschlag erbeten! Die Sache ist al­ler­dings so ge­heim, dass ich leider kei­nen Pro­be­­text erhalte. Dafür 28 (in Wor­ten: acht­und­zwan­zig) Seiten Ver­trags­text in Neun-Punkt-Schrift, also kurz vor Au­gen­pul­ver. Ich lese Sätze, die Worte wie "Vertragsstrafe" enthalten. Ich möch­te nicht, dass man mir droht, noch bevor ich überhaupt weiß, worum es geht.

Ich antworte, dass ich an­­ge­­sichts der vie­len Un­wäg­­bar­kei­ten keinen Kosten­vor­an­­schlag abgeben möchte, da der Auf­wand unklar und damit nicht kal­ku­lierbar ist. Die Sache wäre eine Art negativer Wun­­dertüte. Die Stelle, es ist eine Unter­­ab­tei­lung einer Bun­des­behörde, hakt nach.

Sie möchte dringend eine Zahl von mir haben, da ich sonst von der "potentiellen An­bie­ter­liste" gestrichen werden würde. Das klingt bedrohlich. Wer erstellte wo und wann eine solche Liste? Wo zirkuliert sie? Ich höre zum ersten Mal davon.

Allerdings kenne ich solche Spielchen. Ich kalkuliere flott die Anzahl der Zeichen, kon­ver­tie­re in Zeilen, schreibe 4,40 Euro je Zeile auf (statt 1,60 oder 1,80 oder 2,50 oder ...) und schicke mein "Angebot" ab. Ich erhalte sogar eine per­sön­li­che Dan­kes­mail für diesen Auf­wand. Zurecht, denn ich habe un­be­zahlte Arbeits­zeit eingesetzt.

Was war das jetzt? Möglicherweise war hier im Rahmen der Kos­ten­däm­pfung oder der Ver­meidung von Günstlings­wirtschaft eine erweiterte Ausschreibung fäl­lig. Al­ler­dings sind nicht alle teil­neh­men­den Über­setzer persönlich bekannt, dürfen also keinen Ein­blick in die Unter­lagen nehmen. Am Ende brauchen sie eine Zahl, wie viele Dienst­leister teilgenommen haben. Ich hoffe sehr, sie ver­öf­fent­li­chen haus­­intern auch  einen Durchs­chnitt der ab­ge­ge­be­nen "Gebote".

Nach dieser un­er­freu­lichen Erfahrung wende ich mich den wirklich wichtigen Din­gen zu. Ich würde mir wünschen, wenn es ein Nach­denken geben würde, wie sol­che Ver­fah­ren und Auftrags­verfahren besser geregelt werden, damit sie nicht in komische Aus­schrei­bungs­gym­nas­tik münden. So bleibt ein schaler Nachgeschmack. Be­rück­sich­ti­gen sol­che Bie­ter­wett­kämpfe auch Qua­li­tät? Oder war das nur Kosten­däm­pfung? Ver­mei­dung von Ne­po­tis­mus? Für den Pa­pier­korb!

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Foto: C.E.

Montag, 20. Mai 2019

Kulturelle Konnotationen (1)

Über den Arbeitsalltag einer Dolmetscherin können Sie hier einiges lesen. Wenn ich nicht Konferenzen vertone, sitze ich am Über­set­zer­schreib­tisch. Und ge­le­gent­lich blödel' ich mit frü­he­ren Kun­den rum, so­gar aus der Ferne ...

Ein von mir sehr gerne ver­dol­metschter His­to­ri­ker, den ich vor Jah­ren noch zu­fäl­lig in Berlin beim Spa­zier­gang tref­fen konnte, hat ein span­nen­des Buch ver­öf­fent­licht. Es han­delt sich um Nicolas Offen­stadts "Le pays disparu", "Das ver­schwun­dene Land", hier ein Ra­dio­bei­trag vom DLF über das Buch. Bei Lesungen in Frank­reich werden ihm, so berichtet er, von Zu­schau­ern immer wieder Er­in­ne­run­gen von frü­he­ren DDR-Rei­sen­den erzählt. Neulich brachte jemand sogar "Alu-Chips" mit, DDR-Kleingeld. Das war der schöne Anlass, sich eines Witzes zu er­innern.

Und fürs Protokoll: Ich würde sehr gerne dieses Buch übersetzen. Hat hier je­mand ei­nen guten Ver­lagskontakt? Ich wür­de zu­dem als "Wos­si" ger­ne dazu ein Vor­wort schrei­ben und (noch ein­mal) Re­gis­seur Peter Ka­ha­ne inter­vie­wen, den ich für mich schon 1990 im Rah­men mei­ner (nicht be­en­de­ten) Dok­tor­ar­beit ent­deckt habe.


Ein Witz der da­ma­li­gen Zeit: Was seh­en wir auf dieser Bank­no­te? Eine Ka­me­ra­din, die gerade ihren Kauf­vertrag für einen Wart­burg un­ter­schrie­ben hat. Das ist die Rück­seite des Zehn-Mark-Scheins.


Und was ist auf der Vor­derseite ab­ge­bil­det? Es ist die gleiche Frau, al­ler­dings an dem Tag, an dem sie das Auto erhält. (Oder, in den Wor­ten ei­nes mei­ner Brü­der: "Der Wart­burg heißt Wart­burg, weil darauf lange ge­war­tet werden muss.")

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Geldscheine: Wikicommons

Sonntag, 19. Mai 2019

Glamour!

Gu­ten Tag! Sie sind mit­­ten in ein Ar­­beits­­ta­­ge­­buch rein­­ge­­ra­­ten, in dem sich al­les um Spra­­che, Dol­­met­­schen, Über­­setzen und Kult­­uren dreht. Als frei­be­ruf­li­che Dol­met­scherin und Über­set­zerin ar­bei­te ich in Cannes, Schwe­rin, Pa­ris, Berlin, Brüs­sel und gerne dort, wo Sie mich brau­chen! Heute ein anderer Blick auf den glanz­vollen Fes­ti­val­betrieb.

Cannes: Pailletten, Strass, Glamour, Stöckelschuhe, Manner aller Altersgruppen in Smokings, überwiegend junge Ladies in hautengen Roben, kaum ein Film aus weib­li­cher Hand, so schaut's dieser Tage an der Côte d'azur aus.

"In Cannes zeigen Frauen ihre bobines, Männer ihre Filme" lau­tete schon vor vielen Jahren die Über­schrift eines Gast­beitrags der Abend­zeitung Le Monde. Das Wort bobines ist natürlich schillernd doppeldeutig gemeint, so heißen Film­büchsen, im vor­lie­genden Kontext sind aber eher Brüste gemeint. Die Lage än­dert sich nicht, solange Frauen viel seltener Geld für Film­pro­duktion (und Stoff­ent­wick­lung) be­kom­­men und ihnen noch viel weniger große Budgets anvertraut werden.

In der Unter­zeile des Artikels weist Fes­ti­val­di­rek­tor Frémaux 'positive Dis­kri­mi­nie­rung' zurück







"Frau­en und an­dere Min­der­hei­ten" ha­ben in Cannes heute ebensowenig ihren selbst­ver­ständ­lichen Platz wie manche Film­kul­turen und Spra­chen. Immer­hin werden die Film­dis­kus­sio­nen noch auf Fran­zö­sisch geführt (und ins Eng­lische ver­dol­metscht). Ver­glichen mit Ber­lin ist das ...

Naja, ich erspa­re mir die Po­le­mik. Und weil wir Frauen ja Fach­leute in Sa­chen Putzen und derlei sind, hier noch ein rascher Blick in die Fes­ti­valkulissen, mein Foto des Mo­nats. Für etwas Gla­mour lass' ich eine Hand­voll Gold­staub springen. Voilà !

(1) winziges Plastikstück (2) viel Papier (3) Biomüll in der Papiertüte (4) Geschirr
Meine Mülltrennung im Hotel

Warum bekommen Hotels eigentlich keine Mülltrennung hin? Hier meine Ausbeute gegen Ende von sechs Festivaltagen: (1) Plastik, (2) Papier (3) Biomüll in der Pa­pier­tü­te (4) Geschirr (mit dem kompletten Plastikmüll).

Für den Papiermüll gibt es im Hotel keine Abwurfstelle, ich habe ihn im Fes­ti­val­bü­ro entsorgt. Biomüll hat auch dort niemand auf dem Schirm. Ich bin alle zwei Tage einen kleinen Umweg gegangen und habe den Busch einer Grünanlage ge­düngt. Guerilla composting!

Cannes sollten ALLE Frauen boykottieren, bis die ver­ant­wort­li­chen Film­bran­chen­män­ner ihr Um­welt- und Gen­der­prob­lem gelöst haben. Ich stelle mir das grad ganz praktisch vor. Die Film­för­der­ver­ant­wort­li­chen, in der gro­ßen Mehrzahl inzwischen Frauen, könnten auch am Rad dre­hen. Ich stelle mir vor: Ein Jahr Film­pro­duk­tions­pau­se für alle, das Geld wird in Stoffentwicklung investiert und in Fortbildungen, damit niemand hungern muss, wobei die Gelder zu 2/3 an Frauen gehen sollten (als aus­glei­chen­de Ge­rech­tig­keit, und an jun­ge El­tern). Parallel dazu sollte in der Bran­che ein bedingungsloses Grundeinkommen gezahlt werden. Das würde einige Jahre später die Festivals komplett durchpusten!

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Illustration: Le Monde / C.E.

Samstag, 18. Mai 2019

Lieblinks (1)

Hier bloggt ei­ne Über­set­ze­rin und Dol­met­sche­rin — mal mehr, ar­beits-­ und fa­mi­lien­be­dingt mal weniger. Meine Links-der-Woche-Reihe will ich wieder aufgreifen. Ganz ehrlich: Ich war ein wenig (sehr) in Schockstarre ob der Welt­nach­rich­ten ver­fal­len. Ich halte unsere Ära für eine der ge­fähr­lichsten der mir be­kann­ten Zeiten. (Aber das mei­nen Zeit­ge­nos­sen von Kri­sen sicher immer.) Und da ich einst bei der gro­ßen Ver­teilung der Charakter­ei­gen­schaften beim Thema Sprach­ta­lent und Em­pa­thie mehrfach "hier!" ge­schrie­en habe, hatte ich viel zu ver­ar­beiten. Samstags von jetzt an wieder: Die Links der Woche, die mir aufgefallen sind. Also Lieb­links.

Langer Vorspann für zwei Themen: Die Zeitschrift "Die Fackel" von Karl Kraus ist online. Komplett. Aber nur dann, wenn das Archiv erreichbar ist (jetzt gerade nicht). Erschienen 1899 bis 1936, insgesamt 22.500 Seiten (er war der Sohn eines Papierfabrikanten), als Faksimilie und Digitaltext so­wie mit Volltextsuche.

Wäre Kraus heute Blogger? Vielleicht ja, aus Umweltgründen. Das war die zu­ge­ge­ben aben­teuer­liche Über­leitung hin zum Thema Ökolandbau: Berliner Zeitung: Öko­an­bau schlägt kon­ven­tio­nel­le Landwirtschaft von Ralf Stork (14.05.19).

Darum geht's: Unter der Feder­führung des Thünen-Instituts in Braun­schweig und der Universität Kassel wurde ein Bericht mit dem Titel "Leistung des ökologischen Landbaus für Umwelt und Ge­sell­schaft" erarbeitet. Das Ergebnis vor­weg: Bei knapp 60 Pro­zent der verglichenen Höfe sind signifikante Vorteile der ökologischen Be­wirt­schaf­tung zu beobachten. Reinlesen in die vertiefte Argumentation lohnt sich sehr!

Leistung des ökologischen Landbaus für Umwelt und Gesellschaft: Ökolandbau überwiegend positif
Aus der Begleit-PPT der Studie
Dass ich diese Studie demnächst an einem Arbeits­tag studieren werde, firmiert un­ter nicht bezahlte Arbeits­zeit. (Sollte ich ausgebucht sein, was zur Stunde nicht ab­seh­bar ist, werde ich mich vorerst mit der Kurzfassung begnügen.) Öko- und Land­bau­themen gehören bei mir schon allein aus privaten Gründen zum Re­per­toire. Als Al­ler­gi­kerin ernähre ich mich seit Jahr­zehn­ten überwiegend vege­tarisch, oft vegan, kaufe "bio­logisch" produzierte Lebens­mittel.

Den Begriff habe ich schon mit 15 Jahren, als meine 'kleine Oma' zum ersten Mal davon sprach, als irreführenden Aus­druck wahr­ge­nommen. "Alles, was wächst, ist doch biologisch, auch das Industriezeug", ging mir durch den Kopf. Heute wissen schon Kin­der, wie das Wort zu verstehen ist. In wenigen Jahren wird "Bio" wieder die (kon­ven­tio­nel­le) Normalproduktion sein, wie es Jahrhundertelang der Fall war.

Wir brauchen dringend einen Umbau der EU-Agrarsubventionen, weg von der Gieß­kanne, in der das Geld nach Grund­stücks­größen fließt, hin zu Nach­haltigkeit für Flora und Fauna, Wasser, ge­sund­heit­licher Arbeits­schutz und Lebensmittelqualität. Ökolandbau ist klima- und um­welt­schonender.

Feldblumenstrauß
Dazu noch dieser Sich­tungs­link: "Hektarweise Geld", Agrarsubventionen in der EU, ZDF 'planet  e'. Der Film er­klärt die Agrar­sub­ven­tio­nen, die Zusammenhänge mit dem Raubbau an der Umwelt, und er for­dert eine Agrar­wen­de.
In acht Tagen sind Wah­len. Es geht um nichts ge­rin­geres als um die Grund­la­gen des Wun­ders Erde.

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Illustrationen: Thünen-Institut und C.E.

Freitag, 17. Mai 2019

Notre-Dame de Paris (2)

Wie und was wir ar­bei­ten, be­schrei­be ich hier. "Wir", das sind et­li­che Kon­fe­renz­dol­met­scher und Über­setzer im Netzwerk selb­stän­diger Profis. (Kein Makler oder Agentur.) Vor dem Event liegen oft lange Ta­ge der Vor­be­rei­tung. Umso schö­ner, wenn die Reak­tionen unserer Hörer gut aus­fallen.

Diaprojektor, Dia, Notre-Dame de Paris
Historische Bildungsmedien
Ach, und da war noch der Unidekan einer be­kann­ten Kunsthochschule. Er hat mich auf einer zwei­tägigen Kon­ferenz gehört, ich habe ei­nen Vor­trag ins Deutsche über­tra­gen und live "ein­ge­spro­chen", dann noch zwei Diskussionen ver­dol­metscht. Das Event war klein, offen und spann­end. Ich bin nach meinen "Beiträgen" ge­blie­ben und habe auch Red­nern die eine oder an­dere Frage gestellt.

Dann fragt beim Ab­schluss­um­trunk nämlicher Dekan mit Blick auf mein (hand­ge­schriebenes) Schild, auf dem nur der Na­me stand: "Frau Elias, bitte sehen Sie es mir nach, dass ich Sie all die Jahre übersehen habe! An welcher Uni­ver­sität sitzen Sie?"

Ich durfte grin­sen. Das ist jetzt Uni-Jar­gon: "Je­mand sitzt an ei­ner Hoch­schule" ist gleich­be­deu­tend mit dem Ausdruck "je­mand be­klei­det einen Lehr­stuhl". Der Herr Dekan hat mich für eine Pro­fes­sorin der Kunst­ge­schichte gehalten.

Ja, ich habe länger in Paris gelebt und hatte im Ne­ben­fach Kunst­ge­schich­te belegt. Nicht nur Notre-Dame de Paris habe ich vor Ort stu­diert. Ein grö­ßeres Lob gibt es wohl nicht, oder?

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Fotos: C.E.

Mittwoch, 15. Mai 2019

Sprachenvielfalt der EU

Bonjour und hello und guten Tag! Was Dol­met­scher und Über­setzer so alles er­le­ben, können Sie hier mitlesen. Wir ar­bei­ten als Team über­wie­gend in Ber­lin, aber auch in Pa­ris, Mün­chen, Cannes und dort, wo man uns braucht. Sogar ge­le­gent­lich in Brüs­sel ...

Marmorbüste (Kopf) einer Schönheit
Auch Europa ist eine schöne Frau
Die Vielfalt der Sprachen Europas wird im Par­la­ment widergespiegelt. Die EU hat 24 Amtssprachen, somit müssen die Dol­met­scher und Über­setzer in Brüs­sel und Stras­bourg mit 506 Sprach­kom­bi­na­tio­nen ar­bei­ten. Das kostet die eu­ro­päische Kasse insgesamt ca. eine Mil­lia­rde Euro. Auf den ersten Blick sieht das nach viel aus.

Im Vorfeld der EU-Wahlen ist oft zu hören, man solle doch künftig alles auf Englisch machen und die Spra­chen­viel­falt ab­schaf­fen. Dabei sprechen so viele Menschen in Europa über­haupt nicht gut Englisch ... also ein klas­sische Idee bestimmter Krei­se, die nicht über ihren Tel­ler­rand hin­aus­schau­en können oder wol­len.

Diverse EU-Institutionen beschäftigen an die 4300 Übersetzerinnen und Über­set­zer, außerdem 800 Dolmetscherinnen und Dolmetscher. Die Spracharbeiten beider Berufe zusammen kosten sämtliche Ins­ti­tu­tio­nen der EU weniger als ein Prozent des jähr­lichen Gesamt­haushalts der EU aus.

Auf die Gesamtbevölkerung der Europäische Union umgelegt sind das etwa zwei Euro pro Jahr und Nase. Es ist also doch nicht wirk­lich viel Geld.

Der Vorschlag "Englisch für alle" erin­nert mich ein wenig an frühere Zeiten, in de­nen in der Kirche auf Latein gepredigt wurde, obwohl nicht alle dieses Idiom ver­stan­den haben. Vor solchen Ent­schei­dungen müssen erstmal die Bildungsaus­ga­ben vieler Länder um 50 bis 100 Prozent erhöht werden und dauerhaft hoch bleiben.

Deutsch­land steht im internationalen Vergleich schlecht da, was die Bil­dungs­bud­gets angeht, und im Bereich der Klein­kind­pä­da­gogik soll sich das dem­nächst sogar noch weiter ver­schlech­tern. Wäre ich Poli­tikerin, ich würde in der Bildungs­re­pu­blik Deutsch­land sofort alle Bil­dungs­etats ver­dop­peln und nicht nur in digitale Schul­ta­feln oder die Re­no­vie­rung von Schü­ler­toi­let­ten in­vestie­ren.

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Foto: C.E. [Geburtstagsgruß an eine,
der Bildung auch sehr wichtig ist!]

Dienstag, 14. Mai 2019

Stille Post (1)

Jede Berufsgruppe hat das Gefühl, dass sich die ganze Welt nur um sie dreht. Das weiß ich spätestens seit einer Recherche über die Pariser Métro. Das war in einem früheren Berufsleben. Jetzt be­rich­te ich über Dol­met­scher und Über­set­zer. Auch hier mä­an­dert eine Pa­ral­lel­welt vor sich hin. Mehr Wissen über unseren Alltag möchte dieser Blog in die Welt bringen.

Ein Kunde sen­det einen Text auf Französisch mit der Bitte um Über­setzung. Aller­dings mer­ke ich gleich in den ersten Zeilen, dass ich mit der Ar­beit nicht nur nicht glück­­lich werde, sondern dass sie un­mög­lich ist. Es geht um die Zu­kunft der Film­­fi­­nan­­­zie­­­rung.

Hier treffen kul­turelle Unter­schiede auf juristische und fi­nan­ziel­le. In meinem Rechner finden sich dazu etliche Re­fe­renz­texte, zum Teil von uns im Team über­setzt. Der neue Text wurde in Brüssel geschrieben und wird dieser Tage in Cannes gebraucht. Es geht um Film­­fi­n­an­zie­rung in Europa. Ganz of­fen­sichtlich wurde er von je­man­dem verfasst, der/die nicht in einem fran­­zö­­sisch­­spra­­chi­gen Land auf­ge­wach­sen ist.

Das Ganze sieht nicht nur aus wie schon mal |gegessen| über­setzt, der Text liest sich auch so, als wären ein Praktikant und/oder Doc Gar­goyle, der (ver­meint­lich) kos­ten­lose digitale Daten(wasser)speier, an seiner Entstehung beteiligt gewesen.

Kurz: Ich verstehe maximal die Hälfte, und auch da bin ich mit mir selbst und mei­nen In­terpre­ta­tionen nicht im­mer einer Meinung. Das geht zu weit! 45 Zeilen, die ganz alleine mit sich "Stille Post" spielen ...

Text zurück zum Kunden ... mit einem freundlichen Er­klä­rungs­schrei­ben. Wir über­­set­zen und dol­met­schen doch nur! Kaffeesatzleserei gehört nicht zum An­ge­bots­spek­trum.  Kristallkugeln kommen woanders vor. Der Knauf meiner Kuchenglocke hilft auch nicht weiter.

Schokoladenkuchen unter einer Glocke, deren Griff wie eine Kristallkugel anmutet
Sonntagskuchen
Einen Tag später kommt die englischsprachige Vorlage. Sie ist verständlich und wird jetzt sowohl ins Französische als auch ins Deutsche übertragen. Geht doch!

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Fotos: C.E.

Montag, 13. Mai 2019

Großküche

Bonjour, hello, guten Tag. Hier bloggt im 13. Jahr eine Dol­met­sche­rin, übli­­cher­­wei­se mehr­mals die Woche. Der Weg von der ei­­ge­­nen Kü­che in die Groß­­küche ist manch­mal sehr kurz.

Was mich an meinem Beruf begeistert, ist das Kennen­lernen neuer Lebens- und Ar­beits­wel­ten. Wir Dol­met­scherinnen und Übersetzer (oder Übersetzerinnen und Dol­metscher) müssen ­neugierig sein und schnell lernen, sonst ist der Beruf eine Qual.

Durch eine nasse Scheibe hindurch aufgenommen: Putzdienst und Spüle
Nach dem Kochen
Und so darf ich viel über den Bau und Be­trieb von Groß­küchen lernen. Ein Team von Bauherren, da­run­ter auch Kö­che, sieht sich eine fran­zö­si­sche Groß­küche an.

Prak­tisch: Die Deutschland-Be­reichs­lei­te­rin souffliert mir den ein­en oder an­deren Fach­begriff, der sich in keinem Wör­ter­buch finden ließ. Am Ende schreibe ich meine ei­ge­ne Vo­kabel­liste.

Hat mich etwas ir­ri­tiert oder überrascht? Sehr hohe Wisch­leisten, les plinthes, auch "Schmutz­leisten" genannt, wurden zu "Schutz­leisten" im Be­reich der Waren­an­lie­ferung. Das Wort­spiel habe ich nicht aus­ge­las­sen. Ich hätte dahinter zu­dem ei­nen Schacht zur Instal­la­tion diverser Technik (Strom, Heizung, ...) ver­mutet. Dieser "Schacht" wur­de als eine Art Kriech­bo­den (Höhe 1,50 m) oberhalb der Räu­me in­stal­liert, eine Halb­etage für Ver­sor­gung, sehr flexibel, und le plénum ge­nannt.

Auch wur­den beim Neu­bau be­reits die Außen­wän­de berück­sich­tigt, an die ein Er­weiterungs­bau gesetzt werden kann. Wand­module, die entfernt werden können, bieten die Mög­lichkeit, künf­tig auch sehr große Küchen­geräte, die nicht durch die Tür passen, aus­zu­tauschen.

Industriebau: Innenraum
Schleuse von schmutzig zu sauber 
Am besten fand ich von diesen Geräten die Gemüsewasch- und -schälmaschinen mit anschließendem Stär­ke­ab­schei­der (sé­pa­ra­teur à fécules). Mit Stärke an­ge­rei­cher­tes Grauwasser (z.B. vom Kar­tof­fel­wa­schen und -schälen) wird hier einer "De­kan­tie­rung" unterzogen, bis sich diese Be­stand­tei­le ab­ge­setzt haben, denn stär­ke­hal­ti­ges Wasser schäumt stark und es ist zu vermeiden, dass der Schaum aus der Ka­na­li­sation aufsteigt. Der Bodensatz wird dann anderweitig entsorgt.

Au­ßerdem kommen beim Groß­kü­chen­ne­ubau vor: Fett­ab­scheider (sé­pa­ra­teur de graisses) und Schwer­kraft­ab­schei­der/Öl­ab­schei­der (sé­pa­ra­teur d'hydrocarbure) im Bereich Be- und Entladung.

Vokabelnotiz
mur non porteur en placoplâtre — nichttragende Gipskartonwand
gorge concave, creuse, arrondie — Hohlkehle
joint butyl — Butyl-Fugenmasse (zähplastische Dichtung)
zone souillée — Schwarzbereich (Lieferbereich, Büros etc.)
zone propre — Weißbereich (= 'Sauberbereich', Küche u.a.)
eau potable — Trinkwasser
eaux usées peu utilisées — Grauwasser
eaux-vannes — Schwarzwasser

Das Schwarz-Weiß-Prinzip ist eine interessante Sache, hier der Link zu Wikipedia.

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Fotos: C.E.