Sonntag, 20. März 2022

Zeitreise

Bonjour und guten Tag! Hier bloggt ei­ne Dol­met­sche­rin. Was Kon­fe­renz­dol­met­scher und Über­setzer machen, na­tür­lich auch die ":innen" im Be­ruf, also wie wir ar­beiten, ist hier, in mei­nem di­gi­ta­len Ar­beits­ta­ge­buch, seit 2007 Gegen­stand in Form kur­zer Epi­soden. Sonn­tags werde ich hier pri­vat mit mei­nem Foto der Wo­che.

Im Vorbei­rennen gesehen, dass der Wochen­markt vor der Haus­tür auch mal so aus­se­hen kann, wie er das vor Ewig­keiten ver­mut­lich getan hat, siehe unten an einem win­di­gen Tag. Die Wahl, das Bild schwarz-weiß wie­der­zu­ge­ben, ver­stärkt na­tür­lich den Ein­druck. Die­ses Bild wirkt zeit­los auf mich.

So sah es hier aus, als die Ge­binde noch von Hanfseilen zu­sam­men­ge­hal­ten wurden und nicht von Klar­sicht­folie von der Rolle, die Wa­ren kamen in Holz­kisten und Rupfen- oder Jute­säcken, die Waa­gen waren me­chanisch und hiel­ten länger als ein Krämerleben lang; die heutigen Teile sind, den Klagen der Marktleute zufolge, oft schon nach wenigen Jahren ir­re­pa­rab­ler Di­gi­tal­schrott. Und ja, das Leben war mühseliger, langsamer als heute. Aber mit dem Wirt­schaf­ten heute ra­sen wir auf den Öko­zid zu, mit Voll­kraft in den Abgrund, on ren­tre di­rec­te­ment dans le mur, auf Fran­zö­sisch fah­ren wir "direkte­mang" in die Wand hin­ein.

Vieles war schle­ch­ter, aber nicht alles; vor allem war vieles nach­haltig, bevor es den Be­griff über­haupt gab. Unser All­tag muss auf den Prüf­stand, ob die Sachen zu­kunfts­fest sind oder, aus der Pers­pek­ti­ve äl­terer In­ves­toren zu sprechen, die ich neu­lich dol­metschen durfte, en­kel­fähig.

Stände am Maybachufermarkt (dienstags und freitags)

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Foto:
C.E.

Freitag, 18. März 2022

Hybrid und zweisprachig

Bien­ve­nue auf den Sei­ten einer Sprach­ar­bei­te­rin. Seit 2007 berichte ich hier in loser Folge über das Ar­beits­le­ben von Über­setzerin­nen, Über­set­zern, Dol­met­scherinnen und Dol­met­schern. Heute: eine Tech­nik­frage!

Übersicht: Schule, Aula, Wohnhäuser. Der Dolmetschton wird in der Aula verteilt, geht aber auch nach draußen
Hybride Veranstaltung dolmetschen
Mitunter erreichen mich An­fra­gen, die auf meine tech­ni­schen Kennt­nisse abzielen und nicht auf die Sprach­dienst­leis­tung selbst. Derzeit in der Be­ra­tung: Ein zwei­spra­chi­ger und hybrid ange­botener In­for­ma­tions­abend an einer Schule.
Dabei wird ein Teil der Teil­neh­menden nicht vor Ort sein, in Qua­ran­täne oder krank, dieser Teil soll mittels einer einfa­chen Konfe­renz­software zuge­schaltet werden, die selbst keinen geson­derten Dolmetsch­kanal an­bietet. (Jene, die mit meh­reren Kanälen arbeiten, sind alle kosten­pflich­tig.) Eine Dolmet­scherin soll vor Ort alles dolmet­schen, was dann über eine zweite Ver­bin­­dung über­tragen werden wird. Dabei wird ein kleiner Teil der fremd­spra­chigen Ziel­gruppe mit in der Aula sitzen.

Gesucht wird nun eine Soft­ware für den Dolmeschton, der live nur in eine Rich­tung raus­gehen soll und bei der zudem Kameras und Sen­de­ton bei allen ander­en mit we­ni­gen Maus­klicks ab­stell­bar sind. Über diesen holen sich die fremd­spra­chigen Gäste au­ßer­halb der Aula ihre In­for­ma­tionen rein, aber wie ge­sagt auch jene vor Ort. Prob­lem: Wenn sich in ein- und derselben Aula lo­gi­scher­weise mehrere Mobil­te­le­fone gleich­zei­tig ein- und dieselbe Band­breite teilen sollen, könnte es zu technischen Prob­le­men kommen. 

Solche Hy­brid­ver­an­stal­tungen in zwei Spra­chen dürfte es künf­tig häu­fi­ger ge­ben, daher mache ich hier die Fragestellung öf­fent­lich in der Hoff­nung auf wei­ter­füh­ren­de Ant­wor­ten. Ich bin näm­lich über­fragt.

Welches Con­fe­ren­cing Sys­tem erlaubt es, den „Sende­ton“ einer simul­ta­nen Ver­dol­met­schung gleichermaßen nach draußen wie auch im Raum selbst zu über­tragen? In der Grafik ist das Setting übersichtlich dar­ge­stellt. Die Vor-Ort-Em­pfän­ger sind hier als Personen 1 bis 3 be­zeich­net, die Gesamt­zahl dieser Teil­neh­­men­­den (TN) dabei noch un­be­kannt.

Aus Datenschutzgründen fällt eine WhatsApp-Gruppe aus, Jitsi Meet hat im Test leider ver­sagt — und jetzt wird Live-Pod­cas­ting erwo­gen. Davon habe ich noch keine Ah­nung. 

Wenn bei der In­for­ma­tions­ver­an­stal­tung in der Schul­aula Fra­gen kom­men, wird dies konse­kutiv übertragen. Sämtliche TN stellen ihre Fra­gen als ein­­fache Text­nach­rich­ten, die vor Ort ge­sam­melt und mode­riert gestellt werden.

Wie ist das mit dem Da­ten­vo­lu­men, wenn sich vor Ort so viele Men­schen sich in ein- und dieselbe Fre­quenz zur Ver­fol­gung des Dolmetsch­tons einwählen? Außerdem sollte grund­sätzlich niemand aus einem „Warte­bereich" "rein­ge­lassen" wer­den müssen, gewünscht wird ei­gen­stän­di­ges Zu­schalten per Link/QR-Code.

Zusam­men­fassung der Frage: Welches Konferenzsystem bietet dies?
⊗ TN können sich ei­gen­ständig zu­wählen
⊗ Kame­ra und TN-Sendeton zentral aus­stell­bar
⊗ Soft­ware nutzt störungsfrei geringe Band­breite, auch wenn viele Leute in ein- und dem­sel­ben Raum sind

Die Frage wäre wohl bei der pro­fes­sio­nel­len Ver­an­stal­tungs­tech­nik besser aufge­ho­ben, für die sie Frage aber zu un­pro­fes­sio­nell ist. Diese Firmen haben großes Be­steck im Ange­bot, was eine Schule in ei­nem wenig begüterten Wohn­gebiet indes nicht leisten kann.

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Illustration:
C.E.

Donnerstag, 17. März 2022

Beine machen

Hel­lo, bon­jour, gu­ten Tag! Ein­blicke in das Le­ben einer Sprach­ar­bei­terin können Sie hier ­ erhalten. Ich bin Dol­met­scherin für die fran­zö­sische Sprache, und ich über­set­ze auch aus dem En­g­li­schen. Seit Beginn der Pandemie arbeite ich meistens von zuhause aus.

Tage wie heute, an denen ich nur Themen in die Tas­ta­tur kloppen kann: Un­ter­ti­tel, Technikhassle, Veran­stal­tungs­planung, ein run­ter­ge­fallener Laptop, Daten­schutz­be­stim­mungen, Nachzügler­rechnung und die tech­nische Mach­barkeit von zweis­prachigen Hybrid­ver­an­stal­tun­gen mit Dolmetsch­bedarf auch vor Ort.

TARASQUE, Zeichnung von Conrad Mouren
Tarasque, das Ungeheuer, das der Stadt Tarascon seinen Namen gab

COVIDiary: Die Infektionszahlen gehen in Deutschland weiter hoch, ebenso in Frankreich. Konferenz­dol­metscher:innen zäh­len mit anderen Menschen aus der Veran­stal­tungsbranche mit zu jenen Berufs­tätigen, die nach dem medi­zi­ni­schen Personal am stärks­ten an der Pande­mie zu leiden haben, allerdings auf ganz an­de­re Art und Weise. Nor­ma­ler­weise wür­den wir zu dieser Jahres­zeit viele Kos­ten­vor­an­schläge für Konferenzen schreiben. Statt­des­sen wurde mir ein Termin von Ende März soeben abge­sagt. Dazu die all­ge­mei­ne Welt­lage: Es stellt sich ein bit­teres Gefühl ein.

Um im selben Moment auch schon wieder um­zu­schlagen: Die Börsen sind vor­sich­tig opti­mis­tisch, und sie wissen oft mehr. Ist das ein Licht­streif (zu­mindest für den Krieg in der Ukraine)? Oder schlägt mein bio­lo­gi­sches Pro­gramm hier zu, dass mich die Welt immer besser sehen lässt? (... die Stimme meines Bruders im Ohr: "Op­ti­mis­ten sind schlecht in­for­­mier­te Realis­ten.")

Und hin und her. Wie gestern den News­tickern zu ent­neh­men war, hat die Bun­des­re­gie­rung mit diversen Impf­stoff­her­stel­lern vereinbart, dass diese gegen eine Mil­liar­den­summe von Euros ihre Pro­duktions­kapazitäten bereithalten — natürlich bei fort­laufenden For­schungen — und diese bei Bedarf auch kurz­fristig auswei­ten können. Der Vertrags­zeitraum geht bis 2029. 

Ich hoffe sehr, dass die Fach­leute nicht davon aus­gehen, dass wir so lange unter stark verän­derten Bedingungen leben müssen. Als Konferenz­dol­met­scherin fühle ich mich oft wie ein Fisch ohne Wasser. Das, was virussicher online veranstaltet wird, entspricht derzeit vielleicht zehn Prozent des vorpan­de­mi­schen Auf­kom­mens ... opti­mis­tisch geschätzt.

Ach, die Optimisten (siehe oben). Ich rechne halt immer mit po­sitiv einge­stellten Zeit­ge­nossen, die sich rational verhalten — und zwar auf allen Ebe­nen. Dass die Men­schen diesem Virus weiter­hin ständig Beine machen, konnte doch im Vorfeld nie­mand ahnen!

Daher müssen wir uns erstmal anpassen. Konferenzen finden üblicherweise im Früh­jahr oder im Herbst statt. Es wäre einfach, vieles vor Ort in der wärmeren Jahres­zeit statt­fin­den zu lassen. Hier fehlt es an Flexi­bi­li­tät, die sich letzten Endes auf die mangeln­de Be­reit­schaft zu­rück­füh­ren lässt, überall die Sommer­pausen zu ver­kürzen. Anders gesagt: In der Zeit, in der die Ver­an­stal­tungs­bran­che sicher ihr Ein­kom­men generieren könnte, müs­sen andere in den Urlaub fahren.

Als ich diese Zeilen schreibe, flattert mir eine An­fra­ge für drei Tage im Juli in den Mail­brie­fkasten. Gewerk­schafts­ar­beit. Na, geht in man­chen Krei­sen eben doch!

Am Sonn­tag gibt die Bundes­re­gierung das Management der pandemischen Lage in die Hände der Länder, wodurch sich für Deutsch­land­rei­sende (manchmal muss es sein, für Arbeits- oder Familientermine) eine Viel­zahl regionaler Un­ter­schiede er­gibt, die idealer­weise alle zu befolgen sind. Das ist sicher etwas gewöhnungs­be­dürf­tig und nicht immer opti­mal. Aber warum soll eine nahezu un­be­trof­fene Re­gion künf­tig im Bei­nahe-Lock­down sitzen, wäh­rend Durch­schnitts­maß­nahmen für schwer betroffene Gegenden zu leicht sein können? Jetzt gehen die Zahlen erstmal wieder hoch. Ein Prosit auf die Gemüt­lich­keit, ein deut­sches Wort, das die Pan­de­mie viel­leicht nicht über­le­ben wird.

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Illustration: Wikimedia

Mittwoch, 16. März 2022

Du oder Sie?

Hal­lo! Sie sind auf den Sei­ten eines di­gi­talen Ar­beits­ta­ge­buchs gelan­det. Hier kön­nen Sie Mo­mente aus dem All­tag einer Dol­metscherin mit­er­le­ben. Meine Spra­chen sind Fran­zö­sisch, Eng­lisch und natür­lich auch Deutsch, meine Mut­ter­spra­che.
Sprechblasen mit vous!, TU, Du, Dusiedusiedoooo und Fragezeichen
Mit Englisch wär's einfacher

Manch­mal komme ich durch­ein­ander mit die­sem "Du­Sie". Beispiel Baus­telle: Mit dem Pro­jekt­le­iter aus Frank­reich duze ich mich, mit der Betriebs­chefin in Deutsch­land, die gerade mit franzö­sischer Beteiligung und meiner sprach­lichen Hilfe einen neuen Pro­duk­tions­stand­ort baut, duze ich mich auch. Die bei­den aller­dings siezen ein­an­der. Er ver­fällt gerne mal in eine Art kol­lek­ti­ves Duzen, ich glaub, die Baus­telle färbt ab. Ich folge immer dem, was der/die Spre­chen­den sagen, sieze im Dol­metsch­ton Men­schen, die ich sonst du­ze und an­ders­herum.

In Frankreich siezen einander die Men­schen schneller, sogar junge Leute. Es war für mich als Erstsemester fast ein Schock, wie sich im Se­minar alle siezen. 

Genauso beim Gast­se­mester in Deutsch­land ... dieses "Du" überall. Ebenso ge­wöh­nungs­be­dürf­tig wie als ich in Deutsch­land Schlag zwei Uhr im Se­mi­nar saß und die Erste war. Und so lange allein, dass ich schon Angst hatte, im fal­schen Raum zu sein. Die an­de­ren kamen zehn Mi­nu­ten zu spät, der Prof sogar fünf­zehn! Ich fand das fast schon frech. Bis mir je­mand etwas von c.t. und s.t. er­zählt hat, cum tem­po­re und sine tem­po­re, mit oder ohne Vier­tel­stün­dchen Puf­fer. (Sowas pas­siert auch nur Leu­ten, die aus dem Aus­land zum Stu­dium her­kom­men. Für mich putzig: Als Deut­sche diese typische Aus­län­der­er­fah­rung zu machen.)

Mit Du und Sie bin ich, was Gleich­alt­rige angeht, noch immer wackelig. In Pa­ris sitzt das "Sie" in allen Altersgruppen lockerer. Die ersten Jahre meines Er­wach­se­nen­lebens habe ich in Frank­reich verbracht, das spüre ich noch immer. Zum Glück fällt das Problemchen mit wachsendem Alter nicht mehr auf: Dass ein­an­der Gleich­al­tri­ge, die nicht mehr 35 sind, spontan duzen, ist auch hierzulande seltener. Nur für Berlin gilt das wie­der nicht.

Auf der Baustelle, nach dem Dol­metsch­ein­satz, sieze ich plötz­lich alle um mich herum, aus­nahms­los. Fehlt nur noch, dass ich mich selbst sieze!

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Grafik: C.E.

Dienstag, 15. März 2022

Traumwohnung

Bien­ve­nue auf den Sei­ten einer Sprachar­bei­te­rin. Wir Über­setzerin­nen, Über­set­zer, Dol­metscherinnen und Dolmetscher ar­beiten seit Beginn der Pan­demie we­ni­ger als zu­vor, dafür mehr für Privat­kunden. Das ist nicht immer schön. Manchmal sind wir Überbrin­ge­rinnen schlech­ter Botschaften.

Es klingelt an der Tür, als ich am Tele­fon bin um noch die letzten Details einer an­ste­hen­den Veran­stal­tung zu klären. Ich über­höre das groß­zügig, denn je­der Werbe­pros­pekt­ein­werfer tastet sich bei uns ein­mal durch das hal­be Klingel­schild hin­durch. Nach zwei Mi­nu­ten klin­gelt es wieder, erst kurz, dann länger, dann immer drän­gen­der. Ich eile zur Ge­gen­sprech­an­lange. 

Wenig später sitze ich mit einer Stu­dentin und einem Tablett mit Kaffee­sachen im Hof. (Der Kaffee war vorher schon auf­ge­setzt gewesen.) Ob ich ihr als Dol­met­sche­rin helfen könne, hatte diese durch das Haus­te­lefon gefragt. Sie sei eigent­lich eine Nach­barin, hätte eine Woh­nung in meinem Kiez gemietet, stehe nun mit viel Ge­päck im Auto vor dem Haus — und der Schlüs­sel passe nicht.

Grundriss einer Miniwohnung
Traumwohnung für Studentin

Vielleicht habe es ein Miss­ver­ständ­nis gegeben, die Abspra­chen seien auf Eng­lisch erfolgt, beide Sei­ten, Vermie­ter und Mie­terin, hätten mit dem Idiom ihre Schwierigkeiten.
Ich höre mir alles an, sor­tiere, ve­rsuche kurz erfolg­los den Ver­mieter zu errei­chen, re­cher­chie­re. Mei­ne Be­fürch­tung er­weist sich als richtig, weil ich von der Betrugs­masche schon gehört hat­te: Gewisse beson­ders üble Subjekte kochen auf der Woh­nungs­krise ihr übles Süpp­chen mit der Hof­fnung der Neu­an­kömm­linge.

Da hatte also jemand via Netz kom­mu­ni­ziert, er wolle seine frisch ge­kauf­te Ei­gen­tums­woh­nung ver­mieten, da er für zwei Jahre zu einem For­schungs­ei­nsatz ins Ausland gehen würde. Die Woh­nung sei gut gelegen, sogar ein klei­nes, son­nen­ver­wöhn­tes Hof­gärt­chen mit Mini-Ter­ras­se pries die An­zeige an. Da­für sei die Woh­nung klein und vor allem über­ra­schend günstig: 250 Euro Netto­miete, 145 Euro Ne­ben­kosten, 395 Euro tutti quanti für gut 30 Qua­drat­meter. 

Die franzö­sische Aus­tausch­stu­dentin in spe hatte gleich zuge­schla­gen, Papiere für eine el­ter­liche Bürg­schaft über­setzen und be­glau­bigen lassen (ohne zu ahnen, dass dies in Deutsch­land nicht in ähn­li­cher Weise gefordert wird wie in Frank­reich), den Miet­vertrag aus­ge­druckt, un­ter­schrie­ben und zurück­ge­sandt, ebenso die be­glau­big­ten Aus­weis- und Bank­do­ku­mente, einen Last­schrif­teinzug auto­ri­siert und Geld für die Kaution überwiesen. Im Gegen­zug fand sie die Schlüs­sel in ihrem Pariser Brief­kasten, denn der Ver­mieter war schon im Be­griff, selbst seine gro­ße Reise an­zu­treten. Angeb­lich.

Es passiert leider immer wie­der, dass ein Paar Schlüs­sel aus ba­na­lem rost­freiem Sonst­was zum Preis gol­dener Schlüs­sel ver­hökert wird. Über­all im Netz sind War­nungen zu finden. Aber das Gefühl, dass hier un­er­war­tetes Glück winkt und man schnell sein muss, damit einem das Schnäpp­chen nicht durch die Lappen geht, macht all­zu­oft die Men­schen blind.

Im Netz finde ich nach etwas Re­cher­che, dass der Grund­riss mit Photo­shop ge­än­dert wurde und eigent­lich zu einer anderen Wohnung aus der Nach­bar­schaft zu ge­hö­ren scheint: Ein­zim­mer­woh­nung, 40 Qua­drat­meter, 755 Euro. 19 Euro den Qua­drat­meter, Alt­bau, eng und un­möb­liert, die ha­ben doch nicht mehr alle Tas­sen im Schrank!

Ein Blick in Google Maps hätte übrigens aus­ge­reicht um festzustellen, dass nicht nur die Sache mit den vie­len Son­nen­stun­den im Hof­gar­ten ein Mär­chen sein musste: Der Hof der an­ge­ge­benen Adresse umsteht von allen vier Seiten eng ge­bau­tes Mauerwerk. Das Wort "Traum­woh­nung" erhält einen an­de­ren Bei­ge­schmack.

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Grafik:
Wohnungsbetrüger

Montag, 14. März 2022

Akustik (2)

Was Dol­met­scher und Über­setzer umtreibt (hier: eine Dol­met­sche­rin­ und Über­set­ze­rin­), be­schrei­be ich seit 2007 an die­ser Stel­le. Wir Sprach­ar­bei­te­rin­nen sind, was die Akustik angeht, be­son­ders em­pfind­lich. Hier ein ers­ter Text über Akustik: klick!

Viele Über­setzer:in­nen ar­bei­ten schon immer im "Home­of­fice", jetzt auch et­li­che von uns Dol­met­scher:innen. Mein Ar­beits­zim­mer wird im­mer mehr zum Dol­metsch­stu­dio, denn kon­se­kutiv arbeite ich schon fast stan­dard­mä­ßig von hier aus. Seit ei­ni­ger Zeit auch si­mul­tan, wo­bei ich es vor­ziehe, wenn bei der Ar­beit die Kol­legin phy­sisch an meiner Sei­te ist.

Hier auf dem Schreib­tisch liegt derzeit dies:
⊗ Unter­titel eines von mir geführten Interviews für Film­pres­searbeit (die Fra­gen waren zum Teil von der Kun­din vorgegeben)
⊗ Kos­ten­vor­an­schlag für einen zwei­tägigen Euro-Betriebsrat
⊗ Lexik der letzten Woche nach­be­arbeiten

Ein Bekannter von mir, er lebt in Nord­afrika, plant seine dienst­lichen Rei­sen des Jah­res. Er ist ein Buch­mensch. Er schreibt: "Die Buch­messe Leip­zig wur­de ja leider am 9. Februar zum drit­ten Mal in Fol­ge abge­sagt. Aber warst du vorhin dabei?"

Ich antworte ihm kurz vor der Mit­tagspause so: "Es ist Mittag. Ich sitze im Büro. Vorhin hat die Post drei Mal geklingelt, um Pakete für die Nach­barn abzugeben. Es waren drei verschie­dene Ku­rier- und Paket­dienste. Und nein, ich war in den ver­gan­ge­nen Jah­ren nicht regel­mä­ßig in Leipzig, aber auch nicht regel­mäßig in Frank­furt. Ich fahre nur zur Buch­messe, wenn ich dort Dol­metsch­ein­sätze habe."

Kundschaft! Oder etwa nicht?


Das war schon spek­ta­ku­lär: In den Wo­chen­an­fang sind gefühlt 90 Pro­zent der Be­völ­ke­rung mit einer vollen To-Do-Liste gestartet, da­run­ter einige Men­schen, die in Neu­kölln aus al­len mög­li­chen Spra­chen Ge­burts- oder sons­tige Ur­kun­den über­setzt haben möchten, was nicht ich mache, wohl aber Kol­leg:in­nen, an die ich das dann weiterleite. Also saß ich selbst am Rech­ner, habe gedolmetscht und hätte ei­gent­lich wie eine Hydra zehn Arme und fünf Köpfe ha­ben müssen, wenn denn Hy­dren (Hy­dras? Hy­dran­ten? Hy­tan­ten? Hy­da­men? Hy­dra­men?) auf Händen gehen, sonst noch­mal zehn Beine hinzu. Schwer zu vermitteln, dass es eben nichts nützt, 20 Mal am Stück an­zu­ru­fen, fest­netz­lich oder mo­bil, dass ich mich schon zu­rück­mel­de, wenn ich wie­der frei spre­chen kann.

Ich lobe die­se Nach­bar:innen für ihren Biss, die ei­gene To­Do-Liste rasch kürzer zu bekom­men, und wenn es zu dem Preis ist, nach den er­folg­lo­sen Te­le­fo­na­ten bei mir an der Tür zu klingeln … mitunter Sturm.

Im Ne­ben­raum saß eine Kol­le­gin und über­setzte, weil ihr Büro re­no­viert wird, und sie durf­te stän­dig sprin­gen. Am Ende bin ich selbst dran­ge­gan­gen, als das Fest­netz­te­le­fon ge­läutet hat. Diese Num­mer ist kaum be­kannt, es war wie­der Spam, ein blö­des Ge­winn­spiel mit Schrei­stim­me aus dem Com­pu­ter, da­bei steh­en wir seit Jah­ren auf der Robin­son­liste.

Wir sind am bes­ten per Mobil­te­le­fon und per Mail er­reich­bar. Das hand­liche Te­le­fon ist bei der Ar­beit leise­ge­stellt; im An­schluss ru­fe ich zu­rück.

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Illustration: Netzfund

Mittwoch, 2. März 2022

Am Ball bleiben ...

Hel­lo, bon­jour, gu­ten Tag! Derzeit bin ich bedrückt. Im Krieg ver­lie­ren immer alle, die kleinen Leute zuerst und jene, die da­ran ver­dienen, Würde, Ehre und An­stand. Ein Teil der Dolmetsch­arbeit liegt in der Beob­achtung der Sprachen.

"Der Ball liegt bei Putin", heißt es jetzt in den Me­dien. Meine "Om­ma aus Un­na" hät­te bei dieser Schlag­zeile ge­stutzt.

Der Ball liegt bei Putin - Tagesspiegel
Artikelüberschrift aus der aktuellen Presse
Den Be­griff ken­ne ich gut aus Frank­reich: la balle est dans le camp de l'ad­ver­saire, der Ball liegt im Spiel­feld des Geg­ners. It's up to you, "Du bist dran!/Sie sind dran!" wäre der eng­li­sche Aus­druck ... oder eben auch the ball is in (one's) court.
In Frankreich wurde im 17. Jahr­hun­dert gerne à vous la balle gesagt, etwa: "Das ist ihr Ball", wenn der/die andere mit dem Spre­chen dran war.

Die Re­de­wen­dung wurde nicht nur auf münd­liche Stel­lung­nah­men, son­dern auch auf ak­ti­ves Han­deln be­zo­gen.

"Putin muss jetzt den Ball zu­rück­spielen", wür­de die Schlag­zei­le lauten, hätte die Re­dak­tion auf altbekannte Re­de­wen­dungen der deut­schen Spra­che zu­rück­ge­grif­fen.

Bei "Reverso", ei­ner fran­zö­si­schen Ety­mo­lo­gie­web­sei­te, steht eine deut­sche Re­de­wen­dung, die mir komplett un­be­kannt, ja sogar falsch vor­kommt. Bin ich damit al­lein?

Reverso: Der Ball ist in deinem Gericht [???]

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Illustrationen:
Tagesspiegel / Reverso

Dienstag, 1. März 2022

Kü­chen­es­ka­pis­mus

Herzlich will­kom­men! Hier bloggt ei­ne Dol­met­sche­rin. Was wir Sprach­ar­bei­te­r:in­nen ma­chen, wie wir ar­bei­ten und leben, ist hier seit 2007 re­gel­mä­ßig Thema. Der Co­ro­na­vi­rus hatte aus mei­nem Ar­beits­ta­ge­buch ein COVIDiary ge­macht. Das Vi­rus ist noch nicht ende­misch, da hat schon ei­ne neue Ära be­gon­nen.

Stehpult für Rückengesundheit
Neue Wörter: Kü­chen­es­ka­pis­mus und Nicht­ar­bei­ten­kön­nen­ar­beits­tage. Als eins­ti­ges Ost-West-Kind, mit den El­tern wa­ren wir im Westen, eine Oma, Groß­tante und zwei er­wach­sene Cou­sins ebenso, die Groß­fa­mi­lie indes im We­sent­lichen in der ehe­ma­li­gen DDR, und als je­mand, die in ei­nem frü­he­ren Be­rufs­le­ben Jour­na­listin war, bin ich bis heute fast schon ein News­jun­kie.

Ukraine­krieg: Nach 1989 und dem 11. Sep­tem­ber 2001 könnte das der drit­te his­to­risch blei­bende Moment sein, den ich in mei­nem Leben wach mit­be­kom­me, den ara­bi­schen Früh­ling, die Pan­de­mie und die Fi­nanz­kri­sen mal kurz außen vor­ge­las­sen. (*) Also flie­he ich aus dem Ar­beits­zim­mer in die Kü­che und ver­bes­sere ei­ge­ne Stan­dard­re­zepte, schrei­be Men­gen­an­ga­ben auf, opti­mie­re. Heu­te: Ama­ranth-Ge­mü­se­brat­lin­ge, auch Löffel­brat­lin­ge oder Gold­taler ge­nannt. (Mal schauen, wel­cher Be­griff sich durch­setzen wird.)

Unten im Hof ist das Frühjahr mit Ka­ra­cho aus­ge­brochen. Fried­lich spie­len Kinder dort, malen auf die son­nen­er­wärmten Pflastersteine, flitzen quer durch das Gar­ten­teil, was hier nie­man­den auf­regt: In erster Linie wach­sen hier Kin­der auf, an zwei­ter Stelle folgt der Hofgarten, das Hobby von zwei bis drei Mit­strei­te­rin­nen und mir.

Was ich jetzt zwischendurch mache:
⊗ Arbeits­mails von der Groß­baustel­le des der­zei­ti­gen Haupt­kun­den ge­gen­lesen, die grup­pen­in­tern automatisch übersetzt werden
⊗ Technik­pla­nung für die Ver­dol­met­schung einer Autoren­lesung im Berliner En­sem­ble im Früh­jahr
⊗ Einen Kosten­vor­an­schlag für Ende April erstellen, 30 Minu­ten Online­dol­met­schen zu einem The­ma, das ich letzten Herbst einen Tag lang vor Ort ge­macht habe, das ich also gut kenne

Dann dürfen Stoff­tiere aufs Wäschereck, die Nachbarkinder gesammelt haben. Die Kuscheltiere werden Bei­ladung. Der Hei­mat­ver­band, ein Film­ver­band schließt sich einem Kon­voi an, der Fest­plat­ten, Com­puter, Rou­ter, Kame­ras etc. in die Ukraine bringt. Andere suc­hen Schutz­wes­ten auch für den ei­ge­nen Be­darf über die News­group. Mir schnürt es den Hals zu.

Ich bin übri­gens für eine Ber­liner Luft­brücke mit Lebens­mit­teln, me­di­zi­ni­schem Ma­terial etc. in die Ukraine.

Gemüsebratlinge
Was im Post­fach fehlt, und das passt (noch) zu mei­ner re­du­zier­ten Kon­zen­tra­tions­fä­hig­keit: Kon­fe­renz­an­fragen in er­heb­li­chem Umfang. Nor­maler­wei­se wür­den die Bu­chun­gen für die Früh­jahrs­sai­son längst lau­fen. Noch ist es er­schreckend still.

Die Men­schen sind weiter un­si­cher wegen der Pan­demie, und jetzt schauen sie auch noch wie ich be­sorgt in Rich­tung Ukra­ine ... oder aber sie schrei­ben ihre Pro­gramme um und ver­tagen er­neut? Wer weiß das schon. Oooooommmmm sagen.


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Fotos: C.E.
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und eigentlich hoffe ich noch immer da-
rauf, dass jemand Putin rasch entmachtet

Mittwoch, 16. Februar 2022

COVIDiary (482)

Hal­lo! Sie sind auf den Sei­ten ei­nes di­gi­ta­len Ar­beits­ta­ge­buchs ge­lan­det. Hier kön­nen Sie Mo­men­te aus dem Be­rufs­all­tag mei­ner Bran­che le­sen und mit­er­le­ben, wie Dol­met­scher tic­ken (und Dol­met­sche­rin­nen). Mei­ne Spra­chen sind Fran­zö­sisch, Eng­lisch und na­tür­lich auch Deutsch, mei­ne Mut­ter­spra­che.

Im Fe­bru­ar steppt in Ber­lin der Ber­li­na­le­bär, und das macht er so­gar jetzt, im zwei­ten Co­ro­na­win­ter. Et­li­che nö­tigt in­des der Vi­rus zum Zu­hau­se­blei­ben. Und dann ge­schieht als Er­geb­nis ei­ner Ver­ket­tung, was nicht hät­te ge­sche­hen dürf­en: Die au­to­ma­ti­sche Un­ter­ti­te­lung der Dank­re­de ei­ner Preis­trä­ge­rin wird hoch­of­fi­zell ver­hunzt.

Die nicht exis­ten­te Rei­he "Sa­chen zum La­chen" setze ich hier­mit fort, denn Hu­mor ist die ein­zig mög­li­che Art der Not­wehr. Stich­wort: Pein­lich­kei­ten bei der "Ent­men­schli­chung" der Kul­tur. Fach­leu­te wie wir wur­den im Vor­feld nicht ge­fragt.

1. Akt: Die Ber­li­na­le schafft die meis­ten Dol­met­scher:innen ab.
2. Akt: Alle müs­sen Eng­lisch spre­chen (ich schrei­be hier seit Jah­ren dar­über).
3. Akt: Die For­de­rung, die Teil­nah­me bar­rie­re­frei zu ma­chen, wird dem gro­ßen, über­mäch­ti­gen und in je­der Si­tua­ti­on sieg­mäch­ti­gen Kol­le­gen KI über­ge­ben.

"festival brings soap this year more than ever"
Saubere Leistung, KI!

Le­sen, wun­dern, noch­mal le­sen. Für die nicht so Ci­ne­phi­len: Je­ne, die da spricht, ist Isa­bel­le Hup­pert, be­kam ges­tern den Gol­de­nen Bä­ren für ihr Le­bens­werk über­reicht, on­line, we­gen Co­ro­na.

Kurz sei da­ran er­in­nert, dass Fran­zo­sen es nicht so mit dem Buch­sta­ben "H" ha­ben und dass sie die Ver­ben stär­ker ver­än­dern als es Eng­lisch­spra­chi­ge ma­chen. Dann bit­te noch­mal le­sen, bei Be­darf laut.

Mein Kom­men­tar ist kein Kom­men­tar oder ma­xi­mal mein Ge­sicht:
😳 😮 🤐 😷 😶 🤭 🙄 😬 🤕 🤧 😒 😢 😐 😁 😆 😅 😂 🤣

Und ja, wir dür­fen froh sein, dass wir di­gi­ta­le Über­tra­gung nut­zen kön­nen und nicht ganz ver­ein­sa­men in die­sen Ta­gen. Die Lau­da­tio von Lars Eidin­ger auf Isa­bel­le Hup­pert fand ich sehr be­ein­dru­ckend und die Ab­schluss­wor­te der zu­recht Ge­fei­er­ten ka­men gut rü­ber:

Cinema makes us feel better makes us happy by Isabelle HUPPERT
Schlussstatement

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Illustrationen:
Berlinale, Emojis

Sonntag, 13. Februar 2022

COVIDiary (481)

Was und wie Kon­fe­renz­dol­metscher und Übersetzer (und Dolmetsche­rin­nen und Über­set­ze­rin­nen) arbeiten, darüber berichte ich auf diesen Blogseiten. 2007 wur­de auf der Berlinale dieser Weblog geboren.

Fünf vor Film
"Im Kino gewesen. Geweint." Was Franz Kaf­ka im letzten Jahr­hundert in sein Tage­buch schrieb, kam mir heute in den Sinn. Ich war in zwei Festival­kinos, darunter auch in der zweiten Ta­ges­hälf­te am Potsdamer Platz.

"Im Ber­li­na­le­kino gewesen. Geweint." Kurz vor Vor­füh­rungs­beginn bin ich im Festival­palast in die 5. Etage gegan­gen, um run­ter­zu­schauen: er­schreckend lee­re Ränge. Es wurde zum Glück noch ein wenig voller. Aber es bleiben viel zu vie­le freie Plätze, und das am ersten Fes­tival­sonn­tag.
Auch sonst waren et­li­che Orte ge­ra­de­zu ge­spens­tisch leer, leerer als üb­licher­weise am letzten Festivaltag für Profi­be­sucher. Es seien nur 1.600 statt 3.600 Jour­nalist:innen akkre­ditiert, war zu hö­ren. 

Gut, mor­gens, bei den Pres­se­vor­füh­rungen, ist da viel­leicht trotz­dem mehr los. Und ja, der Film­ver­leiher meines Vertrau­ens nimmt das Fes­tival von sei­nem Ar­beits­zim­mer aus wahr, denn der Markt fin­det aus­schließ­lich virtuell statt. An­dere sind wegen der Omikron-Va­rian­te zuhause ge­blie­ben.

Hinweisschild für Ticketkauf
Vor dem Palast
@Berlinale, #Finanzen: Vor der Pan­de­mie kos­tete ein Last-Minute-Ticket fürs Fes­ti­val­kino fünf Euro, wenn ich mich rich­tig er­in­nere. In den Zei­ten des kon­takt­losen Ver­kaufs müs­sen die Men­schen ein Smart­phone ha­ben, um online ein Ticket zu er­wer­ben, für das dann auch kurz vor Veran­stal­tungs­be­ginn noch 16 Euro auf­ge­ru­fen wer­den, ob­wohl hier kei­ner­lei zusätz­liche Per­so­nal­kosten anfal­len. Was ich da im Vor­bei­ren­nen ge­merkt ha­be (und was die meisten Profi­besu­cher nicht wahr­neh­men), ist in mehr­facher Hin­sicht aso­zial und ziemt sich ein­fach nicht für ein Fes­tival, das über­wiegend von öffentlichen Geldern fi­nan­ziert wird. Und hey, Ihr hat­tet jetzt zwei Jah­re Zeit, um so­zial­ver­träg­liche und bar­rie­re­freie Lö­sun­gen zu |su­chen| finden.

Ich habe zwei Filme ge­se­hen, die mich beide sehr berührt ha­ben und ich bin dem Festival­team dank­bar für die Zu­ord­nungen zu den je­wei­li­gen Sektionen. Dazu später in der Woche mehr.

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Fotos: C.E.

Montag, 7. Februar 2022

COVIDiary (477)

Herz­lich will­kom­men! Hier bloggt ei­ne Dol­met­sche­rin. Was Kon­fe­renz­dol­met­scher und Über­setzer machen, und na­tür­lich auch wir Frau­en im Be­ruf, wie sie bzw. wir ar­beiten, ist hier seit 2007 re­gel­mä­ßig Thema. Der Covonavirus hat uns in die pro­fes­sio­nel­len Hubs ge­schickt, oder aber wir ar­bei­ten aus den ei­ge­nen Arbeits­zim­mern heraus. Was nicht im­mer ein­fach ist, denn es gibt ja Nachbarn.

Denoise-Kopfhörer, Kerzenständer, großer Buchstabe "E" auf einem Sekretär
Alte und neue Hilfsmittel

Ein Denoise-Kopf­hö­rer wäre nicht ge­nug, denn mein Output ist ja ent­schei­dend. Es ist laut in unserem Alt­bau. Ich wan­de­re von Raum zu Raum, un­frei­wil­li­ge Mi­gra­tio­nen. Die Nach­barjungs stür­men gerne durch das Trep­pen­haus. Es sind zwei ent­zücken­de Kerl­chen im Grund­schul­al­ter, und sie klin­gen wie ein halbes Dutzend wohlgenährte Teen­ager. Ich grin­se jedes Mal, wenn ich in der Küche bin: Wir wa­ren exakt ge­nau­so. Ich ziehe die Au­gen­brau­en zu­sam­men, wenn ich im Raum bin, das heute als Büro dient: Hier war früher mal das Wohn­zimmer, da hät­ten dann die Gläser in der Vi­tri­ne ge­wackelt. Ich höre sie wieder. Mir fällt das Ad­jek­tiv ele­fan­tös an. Nach­wuchs­ele­fan­tös. Im­mer wie­der kön­nen Nach­bars­kin­der aus Pan­de­mie­grün­den nicht in die Schu­le ge­hen.

Die Sprecherbox, die einfache Lösung vom An­fang der Pande­mie, hat nicht genü­gend Lärm ge­dämpft. Des­halb wa­ren und sind weitere Vor­keh­rungen nötig. Die mit einer besser isolierten Dol­metschbox gewähl­ten Lösungen stoßen lei­der auch hier an ihre Grenzen — so, wie es eine pro­fes­sio­nel­le Dol­met­scher­ka­bine auch würde.

Denn die Renovierungsarbeiten der Nachbarn sind mal mehr, mal weniger laut. Vor Bo­den­ab­schliff und Regal­montage war ich im Janu­ar in ein Hotel geflüch­tet.

In der Pande­mie wurden die Ab­stände zwi­schen den Markt­stän­den vergrößert, der Wo­chen­markt, diens­tags und frei­tags, en­det jetzt knapp vor unserer Haustür. Ein stun­den­langes Flöten­kon­zert vor dem Fens­ter an Markt­tagen ist zwar schön, die Kul­tur ver­la­gert sich in Er­man­ge­lung vieler Kon­zer­te in den öf­fent­li­chen Raum, aber auch nicht unbedingt die pas­sende Be­gleit­musik für meine On­line-Ar­beit. Kurz: So­lo-Selb­stän­di­ge, die ihre pan­de­mie­kon­formen Arbeits­plätze suchen, im Wett­be­werb mit anderen Solo-Selb­stän­di­gen um die akus­ti­sche Luft­hoheit.

De­mons­tra­tio­nen auf der Haupt­ver­kehrs­straße, die zu Stau in unserer Ne­ben­stra­ße füh­ren, brin­gen au­ßer­halb der Markt­zeit Hup­kon­zerte direkt vor der Haus­tür mit sich. Dann sitzt die Dol­met­scherin im On­line-Home-Of­fice im Klei­der­schrank, weil hier die akus­ti­sche La­ge am bes­ten ist. In der Hoffnung, dass die Ele­fan­ten­ba­bies nicht im Hof an­fan­gen zu toben. Denn das Schlaf­zimmer­fens­ter hat (noch) keine Vor­hänge aus ge­räusch­min­dern­dem Stoff, wie sie in Ton­stu­dios ge­nutzt werden.

Ich kann ja mal schau­en, wo die zu wel­chem Preis zu bekom­men sind. Wenn die Pan­de­mie noch lan­ge dauert, ist meine ganze Woh­nung sound­proof, schall­dicht. Und in die Dol­metsch­box muss ich auch weiter in­ves­tie­ren.

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Foto:
C.E.

Mittwoch, 2. Februar 2022

COVIDiary (474)

Bonjour und guten Tag! Hier bloggt ei­ne Dol­met­sche­rin. Was Kon­fe­renz­dol­met­scher und Über­setzer machen, na­tür­lich auch die ":innen" im Be­ruf, also wie wir ar­beiten, ist hier seit 2007 Gegen­stand in Form kur­zer Epi­soden. Der Winter 19/20 hat unser Le­ben ver­ändert; das wirkt sich auch auf die Wahr­neh­mung aus.

Wie uns die Zeiten prägen: Aus den Au­gen­winkeln sehe ich Vor­bei­ei­len ein Wer­be­pla­kat mit Mann drauf, fourty some­thing, irgend­was in den Vier­zigern, in der un­te­ren Ge­sichts­hälf­te dunkel. Ich erkenne eindeu­tig eine schwar­ze Mas­ke, auch FFP2 oder Mund­na­sen­schutz genannt. Auf den zwei­ten Blick ist es allerdings ein groß­zü­gig be­mes­sener Hips­ter­bart. (Vor Aus­bruch der Pan­de­mie wäre ver­mut­lich der erste kur­ze Schreckens­ein­druck ein mus­li­mi­scher Fun­da­men­ta­list gewesen.)

Als Zeugin bin ich übrigens nur be­dingt taug­lich, hier­mit ins Pro­to­koll.

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Foto:
wird ggf. nachgereicht, ich muss
da ernst nochmal vorbei.

Dienstag, 1. Februar 2022

COVIDiary (473)

Herzlich will­kom­men! Hier bloggt ei­ne Dol­met­sche­rin. Was wir Sprach­ar­bei­te­r:in­nen ma­chen, wie wir ar­bei­ten und leben, ist hier seit 2007 re­gel­mä­ßig Thema. Der Co­ro­na­vi­rus hat aus dem Ar­beits­ta­ge­buch mein COVIDiary ge­macht. Ne­ben den Spra­chen liebe ich Kino und Fo­to­gra­fie.

Es nervt und nervt weiter. Ich meine die Pan­demie und nichts als die Pan­demie. Ich bin trotz­dem froh und dank­bar und be­scheiden. Ich meine meine Kun­den aus der In­dus­trie.

Alter Seifen­spender (aufs Parkett gelegt)
Lerne neue Vo­ka­beln, die sich al­le­samt ge­waschen haben, die ich einer Überset­zung ent­neh­me für einen be­vor­ste­hen­den kurzen Dol­metsch­ei­nsatz, und ich wie­der­hole alte: Film­vo­kabu­lar arbeite ich für ei­ni­ge lie­be Kol­leg:innen auf, denn die Inter­views am Rande der Berlinale fin­den, Stand heute, nur noch auf Eng­lisch statt, und in­s Eng­li­sche dolmet­sche ich bei dieser hoch tech­ni­schen-hoch künstleri­schen Thema­tik (noch) nicht.

Dann hoff­e ich mal, dass die deutschen Pres­se­ver­tre­ter:in­nen damit am Ende zu­frie­den sind. Die Berlinale als in­ter­na­tio­na­les Event wendet sich an die inter­na­tio­na­le Presse, na­tür­lich, auch wenn nicht al­le der welt­bes­ten Film­kri­ti­ker mit der Spra­che Shakes­peares per Du sind.

Neu­lich hab ich das so zu­sam­men­gefasst: In der Zeit, in der alles auf Eng­lisch statt­fin­det sowie in der Pan­de­mie habe ich von der ana­mor­pho­ti­schen Vor­satz­linse zum groß­kü­chen­taug­li­chen Kipp­koch­­kes­sel ge­wech­selt, was die Be­griffs­welt an­geht.

Vokabelnotiz
Rei­ni­gungs­mittel — produit, produit de nettoyage, détergent
Gebin­de [WS] — emballage, récipient, colis
Ar­matur — robinetterie
Do­sier­spender — distributeur-doseur
Seifen­spender —distributeur de savon

Es geht um Des­infektions- und Sei­fen­spen­der in der Schule. Ich darf an die alten Flüssigseifengläser denken, aus trans­pa­rentem oder weißem Glas, und an die Seifenstücke an der Stange, die bis vor nicht all­zu­lan­ger Zeit in jedem Schul- und Hoch­schul­klo anzutreffen waren. (Es gibt diese Dinge üb­rigens jetzt wieder, al­ler­dings mit dem Label "Vintage".)

Als je­mand, die be­müht ist, den eigenen Müll zu re­du­zieren, wi­der­strebt mir hier die ganze Plastik-Ma­terial­schlacht. Dass die Flüs­sig­seife im Schlauch kommt und dann auf die Plastik-Sei­fen­spen­der verteilt wird, wäh­rend das Schlauchplastik am Ende zum Ein­schmel­zen zu­rück­ge­ge­ben wird, tröstet ein we­nig. (Wenn's denn stimmt. Müll­ver­bren­nung wird oft genug als "ther­mi­sches Recycling" klas­si­fi­ziert.)

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Foto: Archiv

Donnerstag, 20. Januar 2022

COVIDiary (466)

Erst hat der Ber­liner Mor­gen­himmel zart vor sich hin­ge­rötet, dann schlug die graue Wol­ken­decke über Ber­lin zu, gegen Mit­tag tau­mel­ten 13 Flöck­chen vom Him­mel und konn­ten es selbst nicht glau­ben. Das Jahr ist noch so neu, trotz­dem hat es gerade kein Licht für uns üb­rig. Es ist kalt, feucht, win­dig, der Spa­zier­gang gerät zur Mut­probe. Im Bü­ro: Rou­ti­nen. Bon­jour, hier schreibt eine Dol­met­scherin und Über­setzerin über ihren All­tag.

Einer von drei Arbeitsplätzen
Auf dem Schreibtisch:

⊗ Behördentermin für ei­ne Kun­din ver­ein­baren
⊗ Ver­dol­met­schung einer Ehe­schlie­ßung an Kollegen wei­ter­ge­ben (Englisch)
⊗ Mar­ke­ting­kon­zept kor­ri­gie­ren und behut­sam ergänzen (ich kenne den Ver­leiher gut)
⊗ Über­setzung eines Woh­nungs­kauf­ver­trags erstellen und zur Be­glau­bi­gung durch die Kol­le­gin vor­be­rei­ten

⊗ Vokabel­liste des letzten Ein­sat­zes ak­tuali­sie­ren, da gab es min­des­tens zwan­zig Neu­zu­gänge
⊗ Kos­ten­vor­an­schläge
⊗ Einen Agentur­an­frage absagen, die Kon­di­tionen stimmen nicht
⊗ Schreib­tisch auf­räumen

Coronews: Gestern gab es zum ers­ten Mal seit Pan­de­mie­beginn in Deutsch­land 100.000 do­ku­men­tier­te neue Fäl­le an nur einem Tag. Den Fach­leu­ten zufolge, sind schon jetzt die La­bor­ka­pa­zi­tä­ten knapp. Die da­zu­ge­hö­rigen Sta­tis­ti­­ken sind nicht erst seit heu­te mit Vor­sicht zu genießen. Die Info mit den Fax­ge­rä­ten in den Ge­sund­­heits­­äm­tern war 2020 ein Schock fürs Pub­likum und ein Of­fen­ba­rungseid für die Ver­wal­tung. Nach­dem einige Zeit­lang unser Stadt­teil Neu­kölln mit über 1000 als der zweit­höchsten In­zi­denz Deutsch­lands Schlagzeilen ge­macht hat, steht jetzt das (fast) be­nach­barte Berlin-Mitte mit über 2000 im Fokus der Auf­merk­sam­keit und an der Spitze sämt­licher Bundes­länder.

Schreibtisch mit zwei Monitoren, auf denen ein Redner zu sehen ist
Ein anderer: Online-Dolmetschen
Wie glücklich bin ich, dass ich der­zeit über­wie­gend von Zu­hause aus arbeiten kann. Ich brauche auch keinen Win­ter­urlaub oder anderes, was mich in die Ge­fah­ren­zone brin­gen würde. In vielen Ski­ge­bieten ist derzeit so wenig los, dass ganze Branchen um ihre Exis­tenz fürch­ten, so eine Kol­legin, die in Öster­reich lebt und vom Ende des dor­ti­gen drei­wö­chigen Lock­downs be­richtet hat.

Und natür­lich fällt mir beim Wort "Ski­ge­biet" der gestern auf einer fran­zö­si­schen Ski­pis­te töd­lich ver­un­glückte fran­zö­sische Schau­spie­ler Gas­pard Ul­liel ein, den ich wie­der­holt do­lmet­schen durfte. Er­schüt­ternd, so jung aus dem Leben ge­ris­sen zu wer­den und ir­ri­tierend, dass es so etwas wie einen Ski­tou­ris­mus der­zeit offenbar doch gibt. Die fran­zö­sische Sta­tis­tik weiste an Ul­liels Todes­tag 436.167 do­ku­men­tierte Neu­in­fek­tionen und am 16.1. eine In­zi­denz von 3098,2 aus. Am späten Nach­­mit­­tag das Stut­zen beim Blick in den Ka­len­der: Heute ist der Jahres­tag der Wann­see­kon­ferenz. Puh! Das ZDF hat dazu einen Film in der Media­thek, spä­ter ansehen.

Erst­mal weiter mit All­tags­ar­beit, alten und neuen Rou­tinen sowie Hör­bü­chern beim abendlichen Kochen: Ich höre gera­de Emile Zola, da fin­det sich ei­ni­ges im Netz. Und freue mich am Fa­mi­lien­spra­chschatz. Vokabelnotiz vom gro­ßen kleinen Nicht­chen, das nicht mehr lange zwei Jahre "alt" ist: ihr fiel neulich das Wort für "Mund­schutz" nicht ein, sie hat fröhlich mit "Mund­klei­dung" variiert. Sie hat die Sprach­be­ga­bung der Familie ge­erbt. Wie schön!

Und in der Nacht schneit es dann wirklich.

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Foto: C.E. (Archiv)

Samstag, 15. Januar 2022

COVIDiary (463)

Bien­ve­nue auf den Sei­ten einer Sprachar­bei­te­rin. Wir Über­setzerin­nen, Über­set­zer, Dol­metscherinnen und Dolmetscher ar­beiten seit Beginn der Pan­demie we­ni­ger als zu­vor, al­ler­dings ist die Ar­beit for­dern­der als frü­her. Manche Einsätze sind mir trotzdem ein Fest. 

Diesen Ring gebe ich Dir!

Samstagsarbeit! Freun­din­nen ver­hei­raten gehen ... Fast auf den Tag genau vier Jahre nach der ersten gleich­ge­schlecht­li­chen Hoch­zeit, die ich begleiten durfte, bin ich wieder im Stan­des­amt aktiv. Ehe­schlie­ßun­gen sind immer schick: Per­sonal überschaubar, Text im Vor­hin­ein be­kannt, das ist Routine. 

Und ich habe neben dem Dol­met­schen die Chan­ce genutzt, Sym­bol­bilder zu schießen. 

Dabei spiele ich be­wusst mit den Gren­zen des Fo­to­gra­fier­baren und der Foto­gra­fie, nutze auch Pho­to­shop, bilde mich weiter. Voilà ! Außerdem bin ich die Mas­ken­ge­sichter satt, auch wenn ich weiß, wie wich­tig Masken sind.

Brautsträuße, bewusst unscharf

Früher hieß es (von Stan­des­be­am­ten an Bräu­tigam): "Jetzt dürfen Sie die Braut küssen!" 

Diese Pers­pek­ti­ve war hier mehrfach ver­än­dert, au­ßer­dem pan­de­mie­bedingt im sehr kleinen Kreise: Stan­des­be­amtin, Ehe­frauen, zwei Trau­zeug­in­nen plus die Dol­met­scherin. So wird es niemanden überraschen, dass das einzige männ­li­che Wesen im Raum der Hund einer der Trau­zeu­ginnen war.

Bei "Jetzt dürfen Sie ein­an­der küssen!" durf­ten die Bräu­te übrigens ihre Masken ab­neh­men.

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Fotos:
C.E.

Freitag, 14. Januar 2022

­COVIDiary (462)

Wie wir Sprach­ar­bei­ter:in­nen ar­beiten, genauer Konferenz­dol­met­scher und Über­set­zer, beschreibe ich hier. Wir in­ter­na­tio­nal tä­ti­gen Simultandol­met­sche­rin­nen rei­sen nor­ma­ler­wei­se viel. Durch Co­ro­na ar­beiten wir indes immer öf­ter online.

Zeichnen als Entspan­nungs­technik
 

 

er Früh­ling naht in Riesen­schritten! Es wird mor­gens jetzt deutlich früher grau als noch vor ei­nem Monat! Und die Abend­run­de müs­sen wir nicht mehr in der Mitte des Nach­mit­tags gehen, sie rutscht lang­sam in Rich­tung späterer Nach­mit­tag.

Arbeit die­se Woche: Elf Stun­den Dol­met­schen für ei­nen Stamm­kun­den und Über­set­zungs­ar­beit, Privat­kor­res­pon­denz und Film­ex­po­sé für eine Ber­li­na­le­teil­nah­me.

In Pandemie­zeiten dol­metsche ich über­wiegend kon­sekutiv. Den Kun­den, ein trina­tionales Kon­sor­tium, be­gleite ich jetzt im vier­ten Jahr, bin also über viele Ab­läufe auf dem Lau­fen­den. Daher be­rech­ne ich keine Er­schwer­nis­zu­lage wegen der stark er­mü­den­den On­line­ar­beit.

Mein POV: Hinter der Besprechungsraumsoftware ist die Tischvorlage

Positiv ist auch, dass das Team gut auf mich auf­passt. Ich arbeite hier al­lein (wie bei Kon­se­kutiv­dol­metschen üb­lich). Das Team gönnt mir Pau­sen, es wieder­holt ge­dul­dig, falls was nicht durch­kam oder klar war, und es gibt bei etlichen Sit­zungen auch einen bis zwei Mehr-oder-weniger-Zwei­spra­chi­ge im vir­tu­el­len Kon­­fe­­renz­saal, die mir in Zweifels­fäl­len weiterhelfen, Vo­ka­beln zuschieben (was sonst die Auf­ga­be ei­ner Kol­legin wäre), Dinge klar reformulieren. Denn einige dieser Sitzungen wa­ren Ak­tio­närs­ver­samm­lun­gen, da muss ich mich noch weiter ein­ler­nen.

Sonst habe ich ver­stärkt dem Sofa ge­frönt, mich aus­geruht, ge­le­sen oder Hör­bü­chern ge­lauscht, denn solche Hirn­höchst­leis­tun­gen sind nur mit aus­rei­chend Aus­gleich mög­lich.

Ach, wie schön es doch ist, ein gemütliches Zu­hau­se zu haben.

Noch eine Pixelskizze
Beim Gang zum Augenarzt sehe ich dann am Bahn­­steig den Augen­win­keln ein Foto, das ich rasch als Ge­dan­ken­stütze knipse: "Hei­mat neu ent­decken", die Auf­schrift der Plastik­tü­ten dieses Ob­dach­losen, war einmal der Slogan einer Su­per­markt­kette mit rotem K. Unsere Ge­gend wurde in den letzten 15 Jahren turbogen­tri­fi­ziert, in kras­sem Ge­gen­satz dazu steht der Abstieg der nächstgelegenen U-Bahn-Halte­stelle von "ein wenig ver­lot­tert" zu "furcht­bar ab­sto­ßend". (Seit Jahren gehe ich nor­ma­ler­wei­se zu Fuß zum Kottbusser Tor, aber heute fällt Regen.)
"Unser" "Haus­bahn­hof" Schön­lein­straße ist be­rühmt-be­rüch­tigt.

Das Wort "Geis­ter­bahn­hof" war mal an­ders be­legt


Nahezu die ganze Stadt kennt ihn als Auf­ent­halts­ort von Dro­gen­ab­hän­gi­gen und Ob­dach­lo­sen. Die Hilf­lo­sig­keit von Bezirk und BVG spricht Bän­de; ge­ra­de Letzte­re reißt lieber Wit­ze als sich selbst am Rie­men. Links das Bei­spiel der "Sym­pa­thie­kam­pag­ne" vom letzten Herbst.

Seit Jah­ren werden im­mer wie­der Anläufe unternommen, den Bahnhof zu re­no­vie­ren, aber nichts wird wirklich verbessert. Mit Jahresbeginn wurde er fast ein wenig illegal, denn ab 2022 sollte der öf­fent­li­che Personen­nah­ver­kehr (ÖPNV) in Deutsch­land eigentlich durch­ge­hend bar­rie­re­frei sein, so zu­min­dest eine UN-Kon­ven­tion zur Stärkung der Rechte Behin­der­ter, die auch von Deutsch­land ra­ti­fi­ziert wurde. Und ge­nau das ist er natür­lich nicht, son­dern auch für Fuß­gän­ger ei­ne Zu­mu­tung.

Schon vor Jahren verglich ein Tages­spie­gel­leser diesen Bahn­hof mit "Hie­ro­ny­mus Boschs Ge­mäl­de von der Hölle". Und ja, der Urheber dieses Zitats, Jef­fer­son Chase, übrigens ein Übersetzerkollege, hat recht. Einmal bin ich beim Rein­kom­men und et­was zu schar­fem Um-die-Ecke-Bie­gen auf hal­ber Höhe fast in ein Jun­kie­la­ger hin­ein­ge­stol­pert, das in einer Ecke auf­ge­schlagen wurde: Pappe und Ta­schen am Boden, einer bin­det sich den Arm ab, ein ande­rer er­hitzt etwas auf ei­nem Löf­fel, den er über das Feu­er eines Feuer­zeugs hält, zieht es auf ei­ne Sprit­ze. Seit­her gehe ich dort in gro­ßen Bögen.

Der Geruch in die­ser Unter­welt war schon im­mer infernal. Die FFP2-Mas­ken helfen ein we­nig. Ich kenne Fa­mi­lien, die des­halb den Kiez meiden.

Ich finde es un­ver­ant­wort­lich von der Politik, dass sie in Sachen Ob­dach­lose nicht schon seit Jahrzehnten aktiv wird. Es gibt ein Men­schen­recht auf Woh­nen, und die ak­tuel­le La­ge kostet unter dem Strich doppelt so viel Geld (durch Sozial­ar­bei­ter, Not­un­ter­künf­te, me­di­zi­ni­sche Kosten, Polizei, Knäste), als den Ob­dach­lo­sen Woh­nungen zu ge­ben. Ich verweise (erneut) auf das sehr er­folg­rei­che Pr­ogramm "Hou­sing first", wo, wie der Name be­sagt, mit dem Woh­nen an­ge­fan­gen wird. Und durch gute Be­glei­tung wer­den Ex­is­ten­zen sta­bi­li­siert, die Aus­fall­quote ist gering.

Bei einer der der Ak­tio­närs­ver­samm­lun­gen dieser Woche war auch die Rede von ihrer Betreuung. Einer der Deut­schen freute sich, mit Clo­chards ein fran­zö­sisches Wort zu kennen. Ich musste ihn ent­täu­schen. Der Be­griff gilt inzwischen als ro­man­ti­sie­rend, in Frankreich ist von SDF die Rede, sans do­mi­cile fixe, ohne fes­ten Wohn­sitz. (Und wir sind inzwischen alle so ver­traut mit­ein­an­der, dass ich als Dol­met­sche­rin sowas kurz bei­steu­ern darf.)

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Illustrationen:
BVG und C.E.
POV:
Point of view (Blickrichtung der Person)

Montag, 10. Januar 2022

COVIDiary (461)

Hel­lo, bon­jour, gu­ten Tag! Ein­blicke in das Le­ben einer Sprach­ar­bei­terin können Sie hier ­ erhalten. Ich bin Dol­met­scherin für die fran­zö­sische Sprache, und ich über­set­ze auch aus dem En­g­li­schen. Seit Beginn der Pandemie arbeite ich meistens von zuhause aus.

Zu Jahres­anfang scheint in der Nach­barschaft schöneres Wohnen an­gesagt zu sein.

Gemälde, das ein elegantes Wohnzimmer zeigt
Berliner Zimmer, Paul Graeb (1865)

Der Weg dahin be­ein­träch­tigt in­des meine eigene Wohn­qua­li­tät. Die eine Nachbarin schleift Böden ab. Die zur an­de­ren Seite dü­beln ein Regal an.

Es klingt nach sechs oder sie­ben Etagen Re­gal­bret­­ter, ich kenne das selbst so. Je­des ein­zel­ne da­­von macht auf jeder Seite zwei bis vier Dübel not­wen­dig. Al­­ler­­dings braucht es meh­re­re An­läu­fe, bis diese in die Wand char­miert werden kön­nen.

Nur Men­schen mit Stur­heit und Talent finden hier die rich­tigen Stellen, an denen sich wirk­lich Löcher in die Wand bohren lassen und nicht gleich wieder alles in hand­tel­ler­gro­ße Stücke zerbröselt. Manch­mal fal­len ei­nem auch ganze Stein­brocken ent­gegen.

Berlin ist bis heute vom zweiten Welt­krieg ge­zeich­net. Unser Haus hatte damals ei­nen grö­ße­ren Scha­den am Dach. In den Obergeschossen sind manche Wand­auf­bau­ten daher höchst aben­teu­erlich.

So dass ich über ein Aus­weich­quartier nachdenken muss, wenn ich ent­spannt ar­bei­­ten möchte. Als Dolmetscherin mit Heimarbeitsplatz ist eine ruhige Um­ge­bung eine Grundlage. Haben derzeit Cowor­king­spaces geöffnet? Sind sie ähnlich un­ter­besetzt wie die erste Klas­se im Zug? Oder wäre ein Ho­tel­zim­mer besser?

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Illustration:
Wikimedia Commons

Samstag, 8. Januar 2022

COVIDiary (459)

Was Dol­met­scher und Über­setzer umtreibt (hier: eine Dol­met­sche­rin­ und Über­set­ze­rin­), beschrei­be ich seit 2007 an die­ser Stel­le. Am Wo­chen­ende wer­de ich pri­vat: Mein Lieb­link zum Sams­tag.

Heute ist es ab Mit­tag fies­grau, nach­dem der Mor­gen noch hell ge­we­sen war. Im­mer­hin hat­ten wir diesen Mo­nat bereits zwei­ein­halb Tage mit Licht und blau­em Him­mel. Wir ha­ben in Berlin bereits Jah­res­an­fän­ge ohne eine Stun­de Son­nen­schein vor Mitte Februar erlebt.

Ein Markt­stand
Win­ter und Co­ro­na zusammen lie­fern mir ein Bild, wie ich es noch nie ge­se­hen habe: Der kleine Sams­tags­markt auf dem Zicken­platz ist so gut wie leer. Es sind we­ni­ge Kun­den, aber auch kaum Händl­er da. Nor­ma­ler­wei­se sind es fünf bis sie­ben Stän­de, da­run­ter bis vor Co­ro­na auch ein Käse­wa­gen.
Hier das sel­te­ne Bild: Markt ohne Markt­stän­de. Denn ein Plu­ral wäre hier wirk­lich ver­fehlt. 

Es gibt nur ei­nen ein­zi­gen Stand. Last wo­man standing: die Markt­frau. Bravo, Danke! Und einen herz­li­chen Dank er­geht auch noch an die Gärt­nerei, die ihre Stän­de wei­ter­be­treibt und mich seit Jah­ren zu zu­ver­läs­sig ver­sorgt: Das ist der Gärt­ne­rin­nen­be­trieb von Blum­berg bei Berlin.

Als Dolmet­scherin arbeite ich oft zu Themen wie Nach­hal­tig­keit, Bio­land­bau, Re­gio­na­li­tät, Frau­en­eman­zi­pa­tion. Mit mei­nen Lebens­mit­tel­punk­ten ver­suche ich, mich auch prak­tisch zu en­ga­gie­ren.

Für Nicht- oder Neu­ber­liner: Der Zicken­platz heißt of­fi­ziell Ho­hen­stau­fen­platz.

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Foto:
C.E.

Sonntag, 2. Januar 2022

COVIDiary (455)

Hal­lo! Sie sind auf den Sei­ten eines di­gi­talen Ar­beits­ta­ge­buchs gelan­det. Hier fin­den Sie Bilder und Mo­mente aus dem All­tag einer Dol­metscherin in Pan­de­mie­zei­ten. Meine Spra­chen sind Fran­zö­sisch, Eng­lisch und natür­lich auch Deutsch, meine Mut­ter­spra­che. Heute folgen die Sonntagsbilder!

Bleigießen wurde von der EU ver­boten, denn Schwerme­talle sind bekanntlich gif­tig. Umso mehr über­rascht, dass dieses Verbot erst 2018 in Kraft trat, zumal es über­zeu­gen­des Material gibt, das als Er­satz perfekt taugt.

Draufsicht: Bleigießen, Kerze, Löffel, Wasser, Hände
Rock und Tisch perfekt "gematcht"
Wieso dauern wichtige Dinge auf po­li­ti­scher Ebe­ne immer so lange?

Den Jah­res­an­fang haben wir im klei­nen, mehr­fach ge­tes­te­ten Kreise bei Cathe­rine in ihrem Künst­ler­ate­lier am Ufer des Land­wehr­­ka­nals gefeiert. Das Gros der Gäs­te war fran­ko­phon, von Geburt an, außerdem waren zwei Le­bens­ge­fährten von Fran­zö­sin­nen zu­ge­gen so­wie ich, die ich sprach­lich nicht verortet wurde.
Und jetzt kommt et­was, das mir seit Jahr­zehn­ten auf­fällt: Bei einer kleinen Ge­sell­schaft muss nur ein ein­zi­ger eng­lisch­spra­chi­ger Mensch dabei sein, damit alle ins Eng­lische wech­seln, und dass bei Fran­zö­sisch als Haupt­spra­che im Raum alle bei die­sem Idiom bleiben. 

Der eine deutsche Le­bens­­ge­­fähr­­te spricht hervorragend Fran­zö­sisch, der andere noch nicht, bekommt in der Regel eher gröblich mit, worum es geht (aufgrund Frank­reich­ur­lau­ben und Schullatein.) Bei den anderen im Raum ist die Kennt­nis der deutschen Spra­che sehr weit verbreitet, also alle sprechen Deutsch, nicht ohne Akzente und Feh­lern, aber was soll's, das macht doch nichts.

Drei Ladies an einem Kachelofen, einmal als Kinder, einmal als Frauen
Wiedersehen nach 40 Jahren

Diskret schubse ich immer mal wieder ei­nen Sprach­wechsel an. Fasse ge­le­gent­lich das Ge­spräch für den sprach­lich isolier­ten Gast zu­sam­men, was für Heiter­keit sorgt. (Und für Stirn­run­zeln: "Wie kannst du dir das alles mer­ken?") Beim ers­ten Mal wird kurz er­klärt, was und wie ich ar­bei­te, ich ver­dol­met­sche das Ge­sag­te zum Trotz und Be­weis si­mul­tan, noch mehr Ge­läc­hter. Ei­ni­ge Mi­nu­ten lang ver­su­chen sich alle auf Deutsch, dann macht es schwupps! — und es geht auf Französisch weiter.
Zum The­ma­ würden auf Nach­frage wohl al­le sa­gen, dass der gu­te Mann hier eine Chance be­kommt, die Spra­che seiner Liebs­ten zu ler­nen. Er wirk­te sehr ge­las­sen. Meine Em­pathie hat mich den ganzen Abend hin­durch ein wenig un­ru­hig sein lassen.

Nun, ich weiß auch keinen Rat, wo hier anzusetzen wäre. Oder doch, zu allererst bei mir selbst: Ich könnte ge­las­­se­ner sein: Das war Frei­zeit, kein Job. (Dé)formation pro­fes­sion­nel­le über­setze ich mit Be­rufs­(ver)­bil­dung.

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Fotos: C.E. und privat

Samstag, 1. Januar 2022

COVIDiary (454)

Was Dol­met­scher und Über­setzer um­treibt (hier: eine Dol­met­sche­rin­ und Über­set­ze­rin­), be­schrei­be ich seit 2007 an dieser Stelle. Meine Spra­chen sind Franzö­sisch, natürlich Deutsch, und oft auch Englisch als Ausgangs­sprache.

Ins Büro, in dem ich le­se, hat sich ein Ma­ri­en­kä­fer ver­flo­gen! Am letz­ten Tag des Jahres, also mit­ten im Win­ter ... wäh­rend wir vor ei­ni­gen Näch­ten nachts noch zwei­stel­li­ge Mi­nus­be­träge hatten. Der­zeit ist es jetzt tags 13 Grad Cel­sius warm. Ge­sich­tet: Jogger im T-Shirt.

Wahn­sinns­wet­ter­wan­del. Aber ein ein­zel­ner Kä­fer macht noch kein Früh­jahr. Ein gutes neues Jahr al­ler­seits!



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Foto: C.E.