Dienstag, 8. Juni 2010

Lichtdouble

Wenn mir ein Einsatz unheimlich wird, rette ich mich in den Gedanken: "Ich bin hier nur das Lichtdouble!"

So auch gestern Mittag, als wir ein Interview einrichten. Ich sitze auf dem Platz des Arztes und halte meine Haut hin, während der Kameramann das Licht setzt. Ich versuche, an gar nichts zu denken. Weil das nicht klappt, konzentriere ich mich auf die Fragen der Regisseurin und die Fachbegriffe.

An diesem Montag haben wir dem Tod in die Augen geschaut. Für Arte drehen wir über das Botulinum-Toxin, ein Bakteriengift, das Muskeln entkrampft und zur Behandlung von Schielfehlern, Muskelspastiken oder in der Schönheitsmedizin verwendet wird. Ärzte, die sich auf derlei Anwendungen spezialisieren möchten, können in Paris eine besondere Ausbildung absolvieren, die zum Teil in der Anatomie stattfindet. Damit die Mediziner nicht an lebenden Patienten ihre ersten Erfahrungen sammeln müssen, wird hier geübt, mit farbigen Lösungen gespritzt und anschließend seziert. Die Subjekte, an denen gearbeitet wird — so jedenfalls die Sprache der französischen Fachleute — sind allesamt Menschen, die zu Lebzeiten ihre sterblichen Überreste der Wissenschaft übereignet haben.

Die Subjekte also — bis auf einen waren sie allesamt sehr, sehr alt beim Eintritt des Todes — sehen anfangs aus wie Wachsköpfe oder wie Marat in seiner Badewanne, die Münder sind indes allesamt wie bei Edvard Munchs "Schrei" geöffnet. Das Ergebnis der Präparation, die oft zart verästelten Nerven- und Muskelstränge, sehen so aus wie im Anatomielehrbuch meines Großvaters.

Es ist die Etappe dazwischen, die mir Schwierigkeiten macht, wenn ich nicht hochkonzentriert dolmetsche und Zeit für eigene Gedanken habe. Denn wir dokumentieren diesen Tag, debattieren daneben immer wieder die Grenzen dessen, was in Bildform wiedergegeben werden kann und staunen über diese Welt, mit keiner vom Filmteam bislang in Berührung gekommen ist. Zugleich begleitet wohl alle von uns ein flaues Gefühl im Magen.

Am Mittag und am Abend drehen wir Interviews in der klassischen "sitzenden" Weise. Sie sind hochgradig informativ, das Filmteam ist super, auch die Ärzte um uns herum sprechen mich immer wieder an, wollen wissen, wie es uns geht, fragen nach Details zur Filmarbeit, wundern sich, dass es so lange braucht, bis alles "im Kasten" ist.

Ja, zum komischen Gesichtsausdruck steh' ich
Im Vorfeld hatten mich Freunde vor derbem Humor gewarnt, mit denen etliche Weißkittel in dieser Situation kontern. Aber alles ist ruhig, sanft, konzentriert — und sehr respektvoll. Auch unser Humor fiel sanft aus. Mit den Ärzten hier verbindet uns, dass es um eins geht, um "sujets" (siehe oben, aber auch le sujet: "das Thema"), die Hauptarbeit findet am "Schneidetisch" statt.

Lichtdouble, bitte Platz nehmen!

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P.S.: Nächste Woche besorge ich mir einen Organspenderausweis.
Für die Entscheidung, ob ich einen Schritt weitergehen möchte, die
Freigabe für "Wissenschaft", brauche ich noch Zeit |zum Nachdenken|
fürs Vergessen. Aber hochgradig wichtig ist das auf jeden Fall!

Sonntag, 6. Juni 2010

Film(dolmetschen) als Broterwerb ... oder so

Dieser Tage drehe ich in Paris als Dolmetscherin. Wir sind für Arte unterwegs und ich bin froh, dieses Mal nicht mit der Produktionsleitung betraut gewesen zu sein. Viele Jahre habe ich zwei- bis dreierlei parallel gemacht, Inhalt (als Journalistin) und Form (als Dolmetscherin) verantwortet und dafür gesorgt, dass die Sache überhaupt stattfand (als Produktionsassistentin oder Aufnahmeleiterin).

Von diesen Zeiten profitiere ich noch heute. Und von meinem Sammelfleiß, denn bei jedem Drehtag habe ich nebenbei ganz entspannt nach Fachtermini gefragt und gelernt, zum Beispiel la mandarine für ein kleines Kameralicht. Dieser Begriff kommt daher, dass in Frankreich ein Unternehmen Marktführer mit kleinen, runden, orangenfarbenen Kameralämpchen war (ist?). Die Dinger sahen ebenso typisch nach Seventies aus wie die ebenfalls runden, orangefarbenen Lautsprecher in den Studios von Radio France, die indes viel größer waren. (Ich muss mal Catherine fragen, ob die Teile auch einen Spitznamen haben, vielleicht potiron? ... Kürbis ...)

Noch etwas |Essbares| aus dem Bereich des eigentlich Essbaren: la gélatine. Die bezeichnet kurioserweise auf Französisch jene Farbfilter, die bei Dreharbeiten vor Lampen geklemmt werden, da die Kamera das Tageslicht anders "sieht" als das natürliche Licht draußen.
Dieses Wort habe ich eher im Stress gelernt. Am Vorabend eines Berliner Drehtags mit französischsprachigem Team ging ich raus, meinen Feierabend zu genießen. Als ich wieder zu Hause eintraf, blinkte der Anrufbeantworter gar sehr nervös, denn das Team hatte les gélatines im Kofferraum des Taxis vergessen. So bat man mich, derlei doch mal eben zu organisieren — und morgens um 8.00 Uhr am Drehort zu sein. Es war die Zeit, als das Internet noch nicht alltägliches Arbeitsmittel war.

Wie ich das geschafft habe? Aus der Erfahrung, wer Technik verleiht, Schneideplätze anbietet und gelegentlich Kunden aus dem Ausland hat. Dort erwischte ich einen Kameramann, wir rätselten kurz (Kofferraum, leicht vergessbar, Drehbedarf) — und schlussfolgerten offenbar richtig. Eine nächtliche Spritztour mit dem Taxi ans Lützowufer später, und war ich für den drauffolgenden Drehtag vorbereitet.

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Foto: C.E.

Sonntag am Meer

Am Sonntag pausiert die Dolmetscherin - wenn nicht gerade eine dead line ansteht, eine Livesendung oder derlei. Und wenn montags Einsatz ist, steht sonntags auch noch Pauken auf dem Programm.
Und Erholung. Heute ging ich aufs Fest des Meeres, versuchte, die Wolken zu überlisten und ein paar Sonnenstrahlen aufs Bild zu bekommen - und unterhielt mich lange mit einer Mitarbeiterin von Ifremer, einem Forschungsinstitut, das ich durch einen früheren Dreh bereits kennenlernen durfte. Und so wurde auch der Nachmittag zum Wiederholen von Vokabeln und Inhalten genutzt ... ganz nebenbei.

Freitag, 4. Juni 2010

In Paris vom 5.-9.6.2010

A Paris entre le 5 et le 9 juin 2010. Déjà sous contrat les 7 et 8 (matinée), on tourne pour Arte - am 7. und den Vormittag des 8. bereits unter Vertrag, ein Arte-Dreh.

Donnerstag, 3. Juni 2010

Sprachschatz

Ein, nein, zwei Worte noch für den deutsch-französischen Kulturaustausch: Feierabend und Biergarten.

Biergärten gibt's nicht nur in München, sondern auch in der deutschen Hauptstadt, und hier lässt sich wunderbar der Abend feiern.


Als ich als Studentin in den 1990-er Jahren mit einem französischen Wissenschaftler in (ehedem) ost- und westdeutschen Filmarchiven saß, am Schneidetisch dolmetschte und Filme einlegen übte, war das Wort "Feierabend" eines der ersten, das der Prof aus Paris gelernt hat: Lafayèreabènde, c'est sacré !, wusste dieser, denn der Feierabend war so heilig, dass wir nur die Nähe desselben kommen mussten und uns keiner der Archivmitarbeiter mehr Nachschub fürs Sichten holte ... Indes, in den letzten Jahren ist mit den verlängerten Ladenöffnungszeiten diese Hochheiligkeit ein wenig geschwunden.

Den Gedanken, dass jeder Abend nach einem langen Arbeitstag ein kleines Fest (wert) ist, kenne ich nur aus der deutschen Sprache - und Idyllen wie die abgebildete gibt's im Herzen von Berlin am Neuen See.

Den ersten Sommerabend des Jahres feierten wir angemessen. Umständehalber endet der Blogeintrag hier auch gleich.

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© Caroline Elias

Mahlzeit, Kulturbeutel!

Neulich wurde wie alle Jahre wieder das schönste deutsche Wort gesucht. Zarte Schöpfungen wie Augenblick, etwas für Freunde des rollenden Rs wie Rhabarbermarmelade oder der Bilderreisenauslöser Lichtspielhaus wurden in den letzten Jahren vom Deutschen Sprachrat erwähnt oder gar gekürt.

Ich genieße auch gerne schöne Worte und kann sie zelebrieren wie erlesenen Wein. Selbst Handfestes wie Mahlzeit!, den Schlachtruf der deutschen Arbeiter, Angestellten und Beamten in der Kernarbeitszeit zwischen 10 Uhr morgens und zwei Uhr mittags. Vielleicht muss man länger im Ausland gelebt haben, um die Besonderheit dieser deutschen Sprachkostbarkeit angemessen würdigen zu können. Stellen wir uns doch mal vor, die Franzosen begrüßten sich fast morgens schon mit einem « repas! » oder die Briten mit "meal!"


Ja, ich weiß, das "... ich wünsche Dir eine gute Mahlzeit" muss ich jedesmal mitdenken, der Begriff entspricht also dem "Guten Appetit!" Aber ein Begrüßungsruf, der « appétit » lautet, ist aus französischer Perspektive ebenso kaum vorstellbar. Womöglich könnte das als Anzüglichkeit missverstanden werden - Appetit worauf? Oder sind wir jetzt unter die Kannibalen gegangen?

Eine weitere deutsche Sprachbesonderheit ist der Kulturbeutel. Der Beutel für die Körperkultur, das Nécessaire fürs Bad oder auch "Mäppchen für die Morgen-/Abendtoilette", wie trousse de toilette etwas freier übersetzt lautet. Ist es im Französischen die Toilette, die da sprachdominiert, ist es im Deutschen die Kultur! Wie schön! Das wollten wir doch schon lange wieder sein, eine Kulturnation!

Manchmal tut es mir dann doch leid, dermaleinst von meinem erfolgversprechenden Karrierweg als Fernsehredakteurin abgezweigt zu sein, dann wäre ich bald Fernsehdirektorin und würde die Kultursendung "meines" Senders schlicht und ergreifend "Kulturbeutel" nennen.

Und jetzt steigern wir die Chose noch: "Mahlzeit, Kulturbeutel!"

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Foto: Traubensaft statt Wein, lautet die Devise in intensiven Arbeitswochen.

Mittwoch, 2. Juni 2010

Untragbar!

Gestern hatte ich es schon von Tragbarem und nicht Tragbarem. Am Nachmittag dann Terminplanung für die nächsten Einsätze, und neben dem gemeinsamen Analysieren der Bedürfnisse eines Kunden parlierten Rebecca, die Chefin einer befreundete Agentur aus Frankreich, und ich ein wenig miteinander. Wir planten einen "ambulanten Einsatz". Nein, wir operieren nicht, selbst wenn genau das der geheime Schlachtruf der Sorbonne-Profs war, wenn diese in die Hörsäle eilten: bon, allons opérer (so jedenfalls mein Lieblingslinguistikprof damals). Wir versuchen doch nur, operativ zu sein ... Ein Hilfsmittel unserer Berufsausübung ist das Mikrofon, ein anderes der Kopfhörer. Die gibt's fest installiert, ersteres mit Kabine drumherum, zum Beispiel in Kongresszentren. Wenn der Kongress tanzt, pardon!, auf Delegationsreise oder Betriebsbesichtigung geht, muss eine mobile Anlage mit. PFA oder "Personenführunganlage" heißt die (und bin ich die einzige, die hier immer an den GröFaZ denken muss?), wiegt im Normalfall so um die zehn Kilo (oder mehr? ... reichen zwei Säcke Katzenstreu? ... kurz: noch schleppbar!) und ist ein größerer Koffer.

Leider fiel es dem Marktführer von derlei in den letzten Jahren ein, die Empfänger und Kopfhörer kompakter und damit mobiler zu machen — und im Gegenzug die Dolmetscherkoffer zu vergrößern. Gegen kleinere Endgeräte habe ich nichts, aber die Kiste, was heißt vergrößern, das ist schon fast gigantomanisch, was uns da beim Fachlieferanten an die Ausgabe geschleppt wird, wenn wir mal wieder selbst für Technik sorgen. Das machen wir gelegentlich bei knapp Budgetiertem, aber immer seltener. Denn da, wo einst ein Kofferraum reichte, wird jetzt ein Kombi fällig - und wenn das Wachstum so weitergeht, ist es in wenigen Jahren ein Leichenwagen. Nee, nee, nee.

Früher gingen die Probleme erst dann los, wenn man mehrere Dolmetscherkoffer brauchte, mit Grausen erinnere ich mich an eine Frankreichreise mit berufsbedingtem Übergepäck. Heute, und jetzt komme ich wieder auf mein Gespräch mit der Kollegin gestern zurück, sind vier Hände für den Transport zu empfehlen. Rebecca lobte die Qualität dieser Kisten, die übrigens ein deutscher Hersteller zu verantworten hat, und meinte dann verschmitzt: "OK, wenn mir der Hersteller je Kiste noch einen deutschen Träger mitliefert, dann will ich die gern ordern." Aber gutaussehend, bitte.

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Foto: Das wäre auch eine Möglichkeit, liebe Hersteller von mobiler Dolmetschtechnik. Unserem Dienstleister ging mal einer der Koffer alter Prägung kaputt, da hat er die Schaumstoffeinsätze kleinergschnippelt und mit einem neuen, noch tragbareren Koffer, wiederverwendet. Das ist ein Köfferchen! :-)
Einer meiner Reisebegleiter letztes Jahr nach Marseille ...

Dienstag, 1. Juni 2010

Profis halt

Unverhofft musste ich im Büro an meine Oma denken. Als sie einst mit mir Kinderkleidung einkaufen ging, sagte sie zu manch schlecht verarbeitetem Stück: "Wir haben zu wenig Geld, um uns so billige Sachen leisten zu können." Das mit dem wenigen Geld war relativ, aber Krieg und Nachkrieg saßen dieser Generation noch in den Knochen. Ansonsten verstand ich einen Wortsinn: Das sieht billig aus, so arm wollen wir nicht aussehen. Heute verstehe ich noch einen zweiten, der sogar naheliegender ist: Das Billige ist oft von schlechter Qualität und damit im doppelten Wortsinn nicht tragbar. Neulich klingelt das Telefon. Ein potentieller Kunde fragt mich an für eine Verhandlung, ein französischer Miteigentümer käme aus Paris nach Berlin, beim Termin gehe es um Investitionsförderung, staatliche Gelder, eine Art Banktermin. Kreditanstalt für Wiederaufbau, schießt es mir durch den Kopf, Marshall-Plan? Ob's das war, weiß ich nicht, deshalb darf ich hier mutmaßen. Der Termin dauere eine Dreiviertelstunde. Was denn wohl eine Stunde Dolmetschen koste? Ich frage nach dem Thema, erfahre es; ja, das liegt im Bereich des Machbaren. Ich schlage einen halben Tag zu 500 Euro vor. Am anderen Ende der Leitung höre ich betretenes Schweigen. Nein, nicht einen halben Tag wolle man mich buchen, eine Stunde reiche. Ich erkläre mich, sage wahrheitsgemäß, dass mir das Thema nicht ganz fremd ist, ich daher nur einen halben Tag veranschlage statt eines ganzen, mich aber auf jeden Fall gründlich vorbereiten müsse.

Das Schweigen des Gesprächsteilnehmers wird nervöser. Er hüstelt. Also ob ich denn Profi sei, will er wissen, und er hätte so mit 60 Euro gerechnet, um mal eine Vorstellung zu vermitteln. Ohne auf die Ehranfechtung einzugehen - das ist seine Baustelle, nicht meine - , frage ich, um welche Investitionssumme es denn gehe. Nach der Antwort bin ich es, die schweigt ...

Ich steig hier mal aus dem unerfreulichen Szenarium aus, das leider von der Wirklichkeit abgekupfert ist. Ich erfuhr später, weil wir die Verträge übersetzen (lassen) dürfen und zwar zu vollen Tarifen, dass es wohl nicht ganz so optimal gelaufen sein muss mit einer Studentin der Anglistik, Stichwort: Englisch kann doch jeder.

Da fällt mir böserweise eine renommierte, große Filmproduktionsfirma ein, die einen Lizenzvertrag von mir ins Deutsche rübergewuppt haben wollte. Das ist eine kleine Ewigkeit her, und die Ewigkeit und drei Tage früher hatte ich für einen anderen Kunden einen Autorenvertrag aus dem Französischen übersetzt, beides stammte aus der gleichen französischen Quelle, einer Verwertungsgesellschaft. Das war ich so ehrlich, zu erwähnen, um mich qualifiziert zu zeigen. Die Produktionsfirma meinte daraufhin, ich könne doch jeweils nur per copy & paste die Worte "Autor" und "Lizenzinhaber" austauschen und dann sei ich mit 500 Mark (waren das damals noch) mehr als fürstlich entlohnt. Ich machte sie auf die vier Seiten aufmerksam, die in den "drei Tagen" Altersunterschied zwischen Version A und Version B entstanden seien. Na gut, 200 Mark mehr, das könne ich doch jetzt nicht mehr ausschlagen. Dazu muss man wissen, dass ich den Autorenvertrag auch schon unzumutbar billig übersetzt hatte, es war mein allererster Vertrag, ich hatte mir Zeit genommen und diesen Umstand mit wenig Honorar bezahlt. Langer Rede kurzer Sinn: Irgendwann fiel die Forderung, dass ich, wenn ich 1200 DM verlange, die Übersetzung aber auch juristisch gewährleisten müsse. Über die Steilvorlage bin ich noch heute dankbar: Anwältin sei ich nicht, leitete ich ein, um dann auszuführen: "Leider haben Anwälte im Gegensatz zu Sprachmittlern feste Sätze, und hier wäre mindestens das Vierfache von dem zu zahlen, worüber wir jetzt sprechen! Wenn das mal reicht!"

Nachdem mich besagte Firma einige Tage telefonisch nahezu belagert hatte, machte mich die daraufhin einsetzende Funkstille misstrauisch. Meine Nachfrage ergab, dass die Praktikantin den Vertrag hatte übersetzen dürfen - juristisch gewährleistet, oder? Alles Profis in dieser Firma, selbst die Praktis schon!

Und ich konnte nur schadenfreudig grinsen, als mir später zugetragen wurde, dass bei der gleichen Produktionsfirma eine Kameraassistentin, die, damit die Firma Lohn "sparen" konnte, diesen Job bei einem aufwändigen und teuren Dreh als Praktikantin machte, nach einem besonders technik- und personalintensiven Drehtag aus Versehen beim Filmnachlegen die falsche Filmbüchse erwischt und damit belichtetes Material vernichtet hatte!

Zur Ehre nämlicher Firma sei das Ende der Kolportage indes nicht verschwiegen: Die Praktikantin hätte an anderer Stelle im Team weiterarbeiten dürfen. Diese Entscheidung ist wenigstens professionell. Schade, dass ich das meiner Oma nicht mehr erzählen kann.
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Foto: Filmlicht von einem Interviewdreh

Sonntag, 30. Mai 2010

Preisbeispiel(e)

Sagen Sie doch mal eine Zahl, Frau Elias!"
Okay, dann sag' ich jetzt mal "eine Zahl". Bei einer wird es nicht bleiben, unsere Preisgestaltung ist komplex. Also bitte weiterlesen.

Je nach Art und Umfang des Projekts kostet ein Dol­met­scher­arbeitstag zwischen 750 und 1200 Euro vor Steuern. Die Höhe des Preises hängt davon ab, ob es im Netzwerk einen auf das jeweilige Fachgebiet spezialisierten Dolmetscher gibt oder nicht, außerdem von der Dauer der Arbeit und ob Urheberrechte übertragen werden oder nicht (Mediendolmetschen). Außerdem be­rück­sichtige ich, wie gut das gesamte Projekt, in dessen Rahmen ich tätig werde, finanziert ist. Kurz: Das Hochglanzillustrierten-Interview mit Catherine Deneuve "finanziert" den Einsatz für einen Nachwuchs­filme­macher "quer". Diese Tagessätze überraschen wirklich nur jene, die nicht bedenken, dass Dolmetschen eine äußerst anstrengende Tätigkeit ist, die nicht nur gut vorbereitet sein will, sondern auch Ruhetage nötig macht. Im Ergebnis bezahlen Sie uns nur für die Tage, die wir tatsächlich auch "hörbar" sind. Bitte bedenken Sie, dass unser Beruf so fordernd ist, dass wir beim Konferenzdol­metschen oder in anderen Situationen, wo schnell viel gesagt wird, zu zweit arbeiten und uns alle 20-30 Minuten abwechseln.

Halbe Tage bieten sehr viele Kollegen gar nicht erst an, denn fast jeder Einsatz hängt mit intensiver Vorbereitung zusammen. Ich sehen das anders — solange Ihr Thema unseren Arbeitsschwerpunkten entspricht. Als Fachdolmetscherin für Me­dien mit weiteren Schwerpunkten in den Bereichen Politik und Wirtschaft, Ge­schich­te und Kultur (Architektur, Kunst, Literatur, Mode) sowie Gesellschaft, So­ziales und Bildung habe ich möglicherweise exakt Ihr Thema bereits bearbeitet ... dann gebe ich diesen "Einarbeitungsvorteil" gerne an Sie weiter, das heißt, Sie bezahlen nur den tatsächlichen Vorbereitungsaufwand, was sich in geringeren Tagessätzen niederschlägt.

Rechne ich die Zeiten hinzu, die für die Erfüllung meiner Aufträge notwendig sind, denn ich muss ja auch die Verwaltungsarbeit als Selbständige selbst leisten, kom­me ich wie für (geisteswissenschaftliche) Akademiker üblich auf einen durch­schnitt­lichen Stundenumsatz von 85 Euro.

Für manche Privatleute, kleine NGOs, Filmhochschulfestivals und sonstige an­spruchs­vol­le, aber mittellose Projekte arbeite ich regelmäßig auch ehrenamtlich.

Bitte erzählen Sie uns mehr von Ihrem Projekt, damit wir einen Kostenvoranschlag "auf Maß schneidern" können. Das geschieht selbstverständlich kostenlos.

Donnerstag, 27. Mai 2010

Mediendolmetscher und Filmübersetzer

Nach dem Festival ist vor dem Festival! In unserer Übersetzerwerkstatt sind Kapazitäten frei für Ihr Drehbuch oder Dokumentarfilmprojekt! Wir übersetzen mit Liebe und Hingabe, denn wir sind ein Team erfahrener Übersetzer/innen und Autoren/innen, die Kino lieben. Viele von uns arbeiten regelmäßig auch an anderer Stelle im Filmbereich.

Erstkunden gewähren wir gerne einen Rabatt von 5 %.

Auch für Dolmetscheinsätze am Set, im Produktionsbüro oder auf Festivals können Sie uns ab sofort wieder buchen.

Außerdem bieten wir journalistische Recherchen in Fremdsprachen an. Gerade arbeiten wir zum Beispiel für den Kulturkanal Arte. In einem anderen Fall schreiben wir ein Filmprojekt für einen deutschen öffentlich-rechtlichen Hauptsender um. Der Vollständigkeit halber sei hinzugefügt, dass bei allen Einsätzen unsere Diskretion und Loyalität stets den Kreativen gilt. Ähnlich wie Ärzte und Anwälte sind auch wir zum Schweigen verpflichtet - eine Art "Äskulapeid" der Sprachdienstleister verpflichtet uns dazu.

Und hier gleich noch ein essential unserer Arbeit: Das Vier-Augen-Prinzip. Schreiben ist ein einsamer Akt, Übersetzen auch. Um bestmögliche Qualität liefern zu können, arbeiten immer zwei Kollegen/Kolleginnen an einem Projekt: ein(e) federführende(r) Übersetzer(in) sowie ein zweiter Mensch fürs Korrektorat.

Auch, wenn das oft aufwendig ist, mich persönlich erfüllt diese Arbeit mit großer Zufriedenheit. Mein know how wächst täglich durch die Arbeit als im medienbezogenen Sprachberuf. So kam es, dass ich auch als Autorin von Lektoraten angefragt wurde, Zusammenfassungen und Einschätzungen für Filmfördereinrichtungen und Produktionsfirmen. Last but not least entwickeln wir eigene Stoffe. In einem Fall bin ich selbst die federführende Autorin und darf daher andeuten, worum es hier geht: um ein altes Gemälde, wiedergefundene Spuren im geteilten Berlin und Lausbubenstreiche.


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© Caroline Elias

Sonntag, 23. Mai 2010

Globalisierung

Einblick in den Büroalltag. Immer wieder mal erreichen uns Anfragen von Menschen, die offenbar davon ausgehen, dass wir in Indien beheimatet sind - Stichwort: niedrige Lebenshaltungskosten - ... dafür aber deutsche Wertarbeit anbieten.

Hier ein Beispiel.
Hello,

We have small 3000 words French to German translation.I saw in your profile that you do that kind of translation.I need the file to be ready for tommorow morning 0900 Pacific time.If you are available plase contact me asap.Our rate is setteled with this client and it is 0.04 EUR per word.

Best,

Ken
Meine Antwort, die von Kollegen inspiriert ist, normalerweise klicke ich das gleich weg:
Hello,

I refer to your request (3000 words, 0,04 €, 20 hours deadline).

• In our business, it is NOT up to CLIENT to propose the fee. This belongs to the translator.
• This fee is just ridiculous …

So, Do NOT CONTACT ME ANY MORE. Your „offer“ is just a scandal.
Manchmal tut es doch gut, die Klappe aufzureißen, auch, wenn's "nur" schriftlich ist.

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Foto: Dass von solchen Hungerlöhnen niemand
leben kann, vermag sogar ein Kind auszurechnen.

Samstag, 22. Mai 2010

Besenkammern und andere zweifelhafte Orte

Einmal besucht mich ein Freund bei der Arbeit. Wir haben gerade Mittagspause und essen zusammen eine Kleinigkeit im Hotel, in dem die Konferenz stattfindet. Wie schön, in der Pause ganz gründlich an etwas anderes zu denken als an das Thema, um das es geht, und da dieser Freund seinen kleinen Sohn im Kindergar­tenalter mitgebracht hat und der kleine Gangster bestgelaunt ist, wird es ein lustiges, erholsames Mittagessen.

Nach dem Essen krabbeln uns drei die Beine, wir flanieren durch die Lobby, in der dicke Teppiche die Schritte dämpfen, laufen im Slalom an wie zufällig in den Weg gestellten Bodenvasen vorbei, bewundern die ausgestellten Malereien und An­ti­qui­täten. Der kleine Mensch, der uns begleitet, benimmt sich prima, wobei an der Reaktion der Anwesenden eindeutig abgelesen werden kann, dass hier nur selten Kinder zu Gast sind.

Dann geht's zurück in den "Ballroom", in dem die Veranstaltung stattfindet. Die Konferenz hat noch nicht wieder angefangen, hier und da sitzen schon einige Teilnehmer in den Stuhlreihen und blättern ihre Unterlagen durch, andere stehen in kleinen Grüppchen beisammen. Ein Kind in dieser Umgebung erregt Aufmerk­samkeit. Gespräche werden leiser, Dutzende Augenpaare folgen uns. Wer weiß, vielleicht denkt der eine oder die andere ans eigene Mini, das gerade in Kin­der­garten oder Schule weilt.

Und um mich langsam wieder aufs Dolmetschen einzustellen und um meinen Freund wenigstens ein bisschen an meinem Arbeitsalltag teilhaben zu lassen, zeige ich jetzt den beiden die Kabine, zumindest von außen. Der Große schaut sich durchs Fenster alles an und befragt mich dazu, der Kleine findet den ge­mus­terten Teppichboden offenbar spannender, weil dessen Muster als Pfad fürs Hüpf­käst­chenspiel taugt. Die Gespräche der Konferenzteilnehmer haben ihre normale Lautstärke wieder erreicht, als ich meine Gäste verabschiede. Dann gehe ich in Richtung der Dolmetscherkabine, öffne die Tür und will sie gerade betreten, als das Kind so lautstark fragt, so, dass alle aufhorchen: "Duhu, Papa, was macht die da? ... Warum geht Caroline in den Kleiderschrank?"

Bei der Tonprobe
Tja, und in dieses Mini von Möbel setzen wir uns auch noch freiwillig hinein, das laut ISO-Norm in seiner transportablen Variante (außen!) 1,68 m x 1,68 m messen und 2,15 m hoch sein soll. Auf so wenig Fläche arbeiten wir zu zweit — oft fühlt es sich eng an, meistens merken wir davon nicht viel, denn die Arbeit bindet die Aufmerksamkeit. Als anstrengend empfinde ich bei meiner Reise durch die Kabinen Deutschlands und Frankreichs vor allem schlechte Lüftungen und mangelnde Beinfreiheit.
Denn die Schwester des Kleider­schranks ist die Besenkammer: Die fest in­stal­lierten Kabinen sind manchmal auch nicht besser.

Im Berliner Kongresszentrum und noch an einer anderen Stelle in Berlin (mir will jetzt partout nicht einfallen, wo!), sitzen wir eingeklemmt zwischen Trägern, auf denen die Tischplatte mit den Dolmetschpulten aufliegen —  und mancherorts ist der Raum unter dem Tisch schon an einer Stelle zuende, wo noch viel Bein übrig ist. Das erinnert mich immer an meine Studentenzeiten, wo Langbeine wie ich schräg sitzen mussten! In der alten Uni hat mich das nicht überrascht, die engen Sitzreihen in Ampithéâtre Richelieu der Sorbonne stammen aus dem 19. Jahr­hun­dert. Aber bei fest eingebauten Ka­bi­nen in Neubauten? Solang's wen­igs­tens uneingeschränkte Sicht auf die Ver­an­staltung gibt — denn auch das ist nicht selbstverständlich.

Schlimmer als mangelnder Platz ist knappe Luft. Eigentlich sollte in jeder Dolmet­scherkabine still und leise die liebe Technik für Frischluft sorgen, aber manchmal gibt's statt einer kleinen Belüftung sowas wie 'nen alten Fön, der in leisester Dröhnung schon so laut ist, dass es einfach nervt. Und wenn ich beim Film­dol­met­schen allein im "Kleiderschrank" sitze und der Schalter innen angebracht ist —das ist bei einigen Modellen der Fall, für die nur selten ein Techniker (durch­gehend) vorhanden ist — liegt die Versuchung zum Selbsttest nahe: Was ist wichtiger, Ruhe oder Sauerstoff?

Kleiderschrank und Besenkammer halt.


P.S.: Wenn ich wieder im Büro bin, werde ich mal suchen und noch Infos nach­liefern. Einer der Berufsverbände (BDÜ? aiic?) hat nämlich Regeln und Empfeh­lungen für Dolmetschkabinen erarbeitet, da stehen die Mindestgrößen drin, die für unsere mobilen Arbeitsplätze gelten. Ich hoffe, mein Artikel hat Sie nicht enttäuscht, denn das Wort "Besenkammer" löst in Deutschland ja oft andere Assoziationen aus.
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Foto: Die Autorin dieser Zeilen beim Techniktest
(mit offener Kabinentür). Mehr Innensicht hier.
Merci à Jean-Luc Clairambault pour la photo de cabine !

C'est alimentaire, mon cher Watson!

An der Côte d'Azur ist alles teuer und edel - das Gläschen frischgepressten Orangensafts gibt's für 18 Euro und drei Vorspeisemöhren, zu Knabberstänglein geschnitzt, mit fünf Oliven, sieben halben Cherrytomaten und etwas fines herbes garniert, schlagen mit 32 Euro zu Buche. Das ist keine haute cuisine, das ist faute cuisine (la faute - der Fehler, und übrigens ein grammatisch schön falscher Kalauer)!

Nun also wieder deftige deutsche Kost beim Pfingsturlaub. Und was entdeckt meine Begleitung da? Ich hätte es glatt übersehen: Fehler auch hier. Meine ferienbedingte Blindheit ist übrigens rasch erklärt, wie soll sich ein Sprachenmensch, der auf die Übertragung von Idiome und das Jagen von Fehlern geprägt ist, denn sonst erholen?

Schöne Pfingsstage wünsch' ich!

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Foto: C.E.
"Herr Ober, einmal das Kassler bitte, aber mit braver Creme!"

Typisch Berlin?

Vor zwei Wochen kam ich mit Journalistikstudenten aus Bordeaux zusammen, die in Berlin für Kulturreportagen recherchierten. Ihre sehr sehenswerten Ergebnisse stehen in Bild, Ton und Wort auf dieser französischen Webseite zum Abruf bereit (leider nur in französischer Sprache): BerlinKulturLab.

Natürlich gebe ich in solchen Momenten nicht nur Wissen weiter, sondern frage auch gegen. Am meisten überrascht habe sie, so erklärten etliche, dass in Berlin so viele Leute mit einer Bierflasche in der Hand auf der Straße rumliefen. Die vielen verschleierten Frauen, meinten drei andere. Nein, dass es hier noch echte Punks gebe, war für eine weitere Untergruppe wichtig.

Dass es gelingen würde, all' das auf nur ein Foto zu bannen, war nicht vorstellbar. Also hier ein typisches Berlin-Foto - zumindest aus studentischer französischer Sicht. Im Hintergrund die Moschee an der Wiener Straße, heute, am Tag ihrer Eröffnung. Danke, J., fürs Foto!

Donnerstag, 20. Mai 2010

Täglich neue Worte, Witz, Weltliteratur und Wetter (oder so)

Nulla dies sine linea - kein Tag, ohne eine Zeile geschrieben zu haben. Dazu die tägliche Ration Lyrik und Vokabeln - an Schreibtischtagen halte ich es so, "meine" englischen und französischen Dienste sind übrigens kostenlos. Heute kam über Lyrikmail ein köstlicher Morgenstern auf den Rechner geflattert, der mir fast ein wenig französisch vorkommt in seiner Logik. Es geht um den Zwölf-Elf. Dazu ist es gut zu wissen, dass Christian Morgenstern den Zwölf-Elf, über den er wiederholt schrieb, so erklärt: er ist "ein sogenannter Schwarzelf oder -elb" - ein Fall fürs Märchenbuch. Heute wird das Fabelwesen mathematisch.
Das Problem

Der Zwölf-Elf kam auf sein Problem
und sprach: "Ich heiße unbequem.
Als hieß ich etwa Drei-Vier
statt Sieben - Gott verzeih mir!"

Und siehe da, der Zwölf-Elf nannt sich
von jenem Tag an Dreiundzwanzig.
Hiermit lässt sich prima jenen erklären, die Sinn für Humor haben, wie in Frankreich Zahlen wie 92 gesagt werden: quatre-vingt-douze, vier-zwanzig-zwölf.

Und weil es in Frankreich keinen Morgenstern gibt, fehlt für den linksrheinischen Mathezahlenwurm leider die Übersetzung, also müssen Franzosen und Französischlernende tagtäglich weiterrechnen.

Noch'n Tipp für den Alltag, wo ich hier schon mal beim Besserwissern bin: Jeden Tag mindestens eine Stunde lesen! Der stammt nicht von mir, sondern von Sir Simon Rattle, dermaleinst nach der ultimativen Lebensweisheit befragt. Ich kann das nur unterstreichen. Was lesen? Gutes, das Spaß macht, nur für sich, ohne zwingenden Zusammenhang mit Arbeit oder Schule oder Studium, einfach so, der Freude wegen. - Und eine Stunde an der frischen Luft aufhalten, erklingt da ein anderer wie ein spätes Echo in mir. - Würd' ich gerne, schaff's nicht immer, wie ich zugeben muss, was auch an Wetter und Stress liegt, vor allem aber an der eigenen Bequemlichkeit.

Cannes ganz schön kitschig sein

Au revoir!

Donnerstag, 13. Mai 2010

Cannes 2010: Glamour in ausgewaschenen Farben

13.-21.05. in/à Cannes || Berliner Büro besetzt / Présence berlinoise assurée

Alle Jahre wieder trifft sich die Meute in Südfrankreich, nur dieses Jahr - wie der frühere Cahiers du Cinéma-Redakteur Emmanuel Burdeau treffend formuliert - ist Cannes à la fois glamour et délavée, frei übersetzt: Glamour in ausgewaschenen Farben. Die Krise zeitigt auch hier ihre Spuren.

Daher berechne ich bei ad hoc-Dolmetscheinsätzen auf dem Festival je nach Projektumfang und -status 60-120 Euro die Stunde, wobei die Zeit für An- und Abfahrt (vor Ort) zur Hälfte hinzugerechnet wird. Im Fall einer Koproduzentensuche kann ich als Teil eines größeren Auftragsvolumens (Übersetzungen) auch günstige Tagespauschalen anbieten.

Beim Dolmetschen von Interviews für die Medien gelten die üblichen Sätze.

Bitte per SMS kontaktieren (Kino!)

D'avance merci !
Caro

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Frühere Berichte über meine Cannes-Einsätze hier.

Mittwoch, 12. Mai 2010

Filmemacherinnen fehlen

You Cannes Not Be Serious - Online-Petition gegen ein Festival ohne Regisseurinnen

Das Projekt 'kinovi[sie]on des Innsbrucker Otto Preminger-Instituts weist darauf hin, dass im Wettbewerb des Internationalen Filmfestivals von Cannes keine einzige Regisseurin vertreten ist.

Auch im restlichen Programm des weltberühmten Filmfestivals sieht es nur auf den ersten Blick besser aus:

→ Unter den Sondervorführungen ("Special Screenings") sind vier von zehn Filmen in der Regie von Frauen enstanden.
→ In der Sektion "Un certain regard": 19 Filme im Programm, einer davon von einer Frau.
→ In der Sektion "Semaine de la critique" (Spielfilm): Ein Film von einer Regisseurin, ebenfalls von einem 19 Filme umfassenden Programm.
→ "Out of Competition" laufen neun Filme, einer stammt von einer Regisseurin ...

Seit Jahren beobachten die Fachleute in den Film- und Medienhochschulen, dass die Zahl des weiblichen Nachwuchses kontinuierlich zunimmt, in manchen Filmklassen überwiegt die Anzahl der Teilnehmerinnen die der männlichen Teilnehmer.

Statistisch ist es undenkbar, dass die vielen von Frauen eingereichten Filmen schlecht sein sollen.

Gegen die Unterrepräsentanz kann protestiert werden unter "You Cannes Not Be Serious".
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Das Cannes ich manchmal nicht glauben - Frauen vor der Kamera: gern, dahinter: offenbar nicht so erwünscht.

Dienstag, 11. Mai 2010

Sitzen oder stehen, das ist die Frage

Als Dolmetscherin fallen mir Unterschiede zwischen beiden Ländern natürlich als allererste auf. Dieser Tage arbeite ich mit Journalistikstudenten aus Bordeaux. Journalisten wissen auch mehr als Normalmenschen. Ein schöner Anlass also, gemeinsam hinter verschlossene Türen zu blicken und wichtige Geheimnisse zu lüften.

Das Ausland grinst über deutsche Schilder und Zettel, die wahre Kerle auf dem Pott zum Sitzenmachen nötigen - und ich mit. Warum solche Zettel, ist doch selbstverständlich, dass 'mann' sich setzt, der Frauen wegen?!

Neulich haben wir mal wieder männlichen Arbeitsbesuch. De Paris. Das Filmprojekt, an dem wir gemeinsam arbeiten, hat wenig Geld, also bringen wir ihn bei uns unter. Am Morgen gehe ich sehr früh ins Bad mit integriertem Klo - hier stinkt's. Feinstofflich in der Luft verwirbelte Tröpfchen, beim Auftreffen des Strahls auf den Beckenrand augenblicklich atomisiert, bilden ein Aroma wie das, was sonst in Pariser Bistrots aus dem Herrenklo rüberweht! Puh! Gleich neben dem Klo steht die Badewanne. Ich protestiere innerlich, greife nach Putzhandschuhen und Eimer und verrichte mein Werk. Später spreche ich diskret unseren Gast an - und ernte einen Blick, als wollte ich ihn kastrieren. Bon, wenn ich darauf bestünde, er könne es ja mal versuchen ... Ich bestehe darauf.

Am nächsten Morgen. Ein Sonnenstrahl bricht sich im Badezimmer seine Bahn und strahlt den leichten Morgennebel an, der über Wanne und Klo liegt. Morgennebel? Ich schnuppere vorsichtig, greife rasch zum Desinfektionsspray und neble dagegen an, hänge noch während der Flucht die Plastikhandschuhe über den Wischeimer und deponiere meine Installation vor der Tür zum Gästezimmer. Dann verkneife ich mir einen natürlichen Drang und lege mich nochmal hin. Als ich den Frühstückstisch abräume und die Küchenarbeitsfläche abwische, sagt mir unser Gast für den Fall, dass ich ihn suchen würde, dass er wisse, wo sich mein Putzeimer aufhalte, er hätte sich nämlich heute früh sein Schienbein daran gestoßen. Wie? Glaubt er, dass unser Eimer Beine hat? Ich versuche vorsichtig, das Thema zu vertiefen. Darauf fragt unser Gast, wieso wir denn unser Bad täglich putzten, ich hätte das doch erst gestern gemacht.

Dann nimmt der Tag seinen Lauf, und alle haben Außentermine. Fast alle. Ich protestiere innerlich und greife nach den Putzhandschuhen ...

Einen Tag später wache ich sehr früh auf. Es ist noch dunkel. Ich schreibe einen Zettel für die Wand hinter dem Klo, und zur Verstärkung meiner Zeichnung stelle ich das Reinigungsmittel auf den Klodeckel. Die Putzmittelflasche, ein Materie gewordenes Ausrufungszeichen. Stunden später treffen wir uns alle in der Küche. Zwischendurch wurde das Bad benutzt. Ich fand es makellos vor. Am Frühstückstisch strahlt unser Gast. Ja, er hätte es jetzt kapiert. Er wisse jetzt, warum in Deutschland die meisten Kerle solche Softies seien, Frauenversteher vor dem Herrn, freundlich, aber irgendwie ... unmännlich. Hygiene hin oder her, ich sei mir hoffentlich bewusst, welches Opfer ich ihm da abverlangte! Und mit dem größten Bedauern fügte er hinzu, dass er, wenn ich mal nach Paris käme, leider keine Rücksicht würde nehmen können.

Das Klo von Monsieur beschreib ich jetzt nicht, non, non, non !

Caroline Elias

Ein Kerl. Sitzend pinkeln. Was denn sonst noch? Keine Zeit. Unpraktisch. Ich setze mich gar nicht gern auf fremde Toiletten, das ist nicht hygienisch. Und ich bin kein Mädchen. Und überhaupt, verdammt nochmal: das habe ich zum letzten Mal als ganz kleiner Junge gemacht ... Was macht das schon, ich kann zielen, oder etwa nicht?

Eines Tages passiert es dann. Das Handy klingelt. Ein Kerl macht die Tür auf, die du vergessen hast abzuschließen. Du hattest es zu eilig oder warst zu betrunken, um das auch noch zu bewerkstelligen. Vor deinen Augen die Sintflut: Klobrille, Boden, Mauer, Hose, alles wird nass. Beim Aufwischen mit Klopapier sagst du dir still und leise, dass du total bekloppt bist. Und am Ende denkst du, dass es vielleicht doch nicht so doof ist, sich hinzusetzen. Und du schwörst, es beim nächsten Mal in Erwägung zu ziehen. Ganz sicher. Vielleicht. Eines Tages. Wer weiß das schon. Naja, ist doch irgendwie eine komische Idee. Keine Zeit. Unpraktisch.

Olivier Laffargue
(lien pour la version française)
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Photo: Anaïs Crouzet

Mittwoch, 28. April 2010

Drehbuchübersetzung

Ein Schwerpunkt meiner Arbeit ist die Übersetzung von Drehbüchern und diverser Texte für Filmförderungen aus dem Französischen. Dabei unterscheide ich mich von vielen anderen Drehbuchübersetzern, denn ich komme aus der Praxis, habe selbst dokumentarisch gearbeitet, bei Fiktionalem assistiert und an verschiedenen Stellen im Team bei der Produktion mitgewirkt.

Mit ambitionierten Filmproduktionsunternehmen arbeite ich sehr gerne zusammen. Denn ich bin anspruchsvoll, frage nach, wenn etwas unklar ist, wünsche mir Zusatz- und Hintergrundinformation. Ich arbeite langsam, denn nur die wertvollsten, wachsten Stunden des Tages gehören der Übersetzung und dem Schreiben. Ich habe meinen Preis, denn wer billig zu haben ist, hat oft keine Vorstellung davon, wie viel Zeit solides Handwerk kostet.

Das Ziel meiner Arbeit sind Bücher, die auf Deutsch nicht nach Übersetzung klingen, im Zweifelsfall entscheide ich mich deshalb immer für die deutsche Grammatik, die idiomatische Redewendung, den deutschen Bezug. Dabei verschafft in solchen Fällen mitunter Fußnoten Klarheit über den kulturellen Hintergrund - Fußnoten, mit denen ich hier einen Ausdruck, dort eine Referenz in der Originalfassung erkläre.

Ist die erste Arbeit getan, liest eine Kollegin oder ein Kollege gegen - das Vier-Augen-Prinzip ist mir sehr wichtig in der Arbeit -, dann kommt noch ein Arbeitsschritt: Das Feilen. Und auch das braucht je nach Länge des Textes nicht Stunden, sondern Tage.

So viele Schritte, so viel Mühe hat ihren Preis. Oft liege ich im höheren Preissegment dessen, was als "Hausnummer" in der Szene kursiert. Dafür bekommen Sie keine Arbeit einer Agentur, die Ihre Übersetzung (für einen Bruchteil dessen, was Sie zahlen) möglicherweise an einen Berufsanfänger weitergereicht und dann im Schnellverfahren geglättet hat. Dafür bekommen Sie keinen Text eines/einer Deutschen, der/die seit 30 Jahren in Frankreich lebt und fast schon DAF-Probleme hat (DAF: Deutsch als Fremdsprache). Aber dafür bekommen Sie den Text einer Autorin, die weiß, wie viele Drehbücher auf dem Markt kursieren und die sich mit Herzblut für Ihr Projekt einsetzt.

Gut für Sie, denn an der anderssprachigen Fassung der Drehbücher oder Finanzierungspläne sind keine langwierigen Reparaturarbeiten nötig. Im Übersetzer- und Dolmetscherberuf ist auch Demut ein wichtiges Element. Schmerzhaft habe ich meine eigenen Grenzen kennengelernt, daher arbeite ich für juristische Übersetzungen ich mit Profis zusammen, die Juristen und Übersetzer sind; bei anderen Sprachen kann ich dank meines Netzwerks ebenfalls weiterhelfen.

Ich bin versiert in Word und besitze Final Draft. Lektorate berechne ich pro Stunde, schwere Fälle verunglückter Übersetzungen nehme ich nicht mehr an.

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Übersetzung ist Handwerk - zum Glück müssen wir nicht mehr die "Wagen" alter Schreibmaschinen stemmen. Aber das Klingeln, wenn das Zeilenende nähert, hatte schon etwas Heimeliges, oder? (Es war das Hintergrundgeräusch meiner frühen Kindheit, irgendwer im Haus schrieb immer gerade an einer Doktor- oder Diplomarbeit.)

Montag, 26. April 2010

Wenn das Goethe gewusst hätte!

"DER SPIEGEL" lobt diese Woche die Internet-Übersetzungssoftware Google Translator. (Hier folgt kein Zitat, weil ich das Heft leider bei meinem Patensöhnchen vergessen habe).

Meine klassische Nagelprobe für Automatic Translation mache ich indes schon heute. Dabei spiele ich mit Übersetzungssoftware (Kette) und einem Satz (Schuss) das übersetzerische "Weberschiffchen": gebe das Ergebnis wieder in die Maske ein, übersetze es in die Ausgangssprache zurück, um dann wieder das Ergebnis übersetzen zu lassen, bis es keine (wesentlichen) Veränderung mehr gibt. In der einen Fassung komme ich bis zur achten, in der anderen nur bis zur siebenten Generation.
Im Vergleich zu früheren Spielchen klingen bei Google Translator die Sätze teilweise verständlich, sie sehen grammatisch eher wie normale Sätzen aus. Murks kommt dennoch immer dann bei der maschinellen Übersetzung heraus, wenn idiomatische Redewendungen, Schachtelsätze, mehrere Ebenen oder Poesie im Spiel sind. Aber sehen Sie selbst.

1° Tu tombes à pic, je dois construire une étagère.
2° Sie fallen direkt nach unten, ich bin Gebäudes ein Regal.
3° Ils tombent vers le bas, je construis une étagère.
4° Fallen sie nieder, baue ich ein Regal.
5° Si elles tombent, je construis une étagère.
6° Wenn sie fallen, baute ich ein Regal.
7° S'ils tombent, j'ai construit une étagère.
8° Wenn sie fallen, baute ich ein Regal.

Der Beispielsatz lautet, erst von einem Menschen übersetzt, dann wieder von der Maschine:

1° Du kommst wie gerufen, ich muss ein Regal aufbauen.
2° Vous obtenez comme je l'ai appelé pour construire une bibliothèque.
3° Sie bekommen wie ich in eine Bibliothek zu bauen aufgerufen.
4° Je vous appelle à construire une bibliothèque.
5° Ich fordere Sie auf, eine Bibliothek zu bauen.
6° Je vous invite à construire une bibliothèque.
7° Ich lade Sie ein, um eine Bibliothek zu bauen.

Und zum Abschluss noch Goethe - einmal ohne Verszeilenzeichen übertragen, einmal mit.

1° Über allen Gipfeln ist Ruh,| in allen Wipfeln spürest du | kaum einen Hauch;| die Vögelein schweigen im Walde, | warte nur, balde | ruhest du auch!
ergibt
9° Auf allen Knoten in den Bäumen zur Ruhe, so sehen wir eine kleine Sache, die kleinen Vögel in den Bäumen und warten auf Sie!
und
7° Auf die Menge der Ecken ist Ruh, | fühle es in den Bäumen, | Sie ein Hauch, | die Vögel von Bäumen erwarten nun, dass | | auch!

Oh Wunder, in der siebenten Generation der Fassung mit Verszeilenzeichen bleibt der Reim bestehen! Hier der gleiche Text, durch Literaturübersetzer gefiltert.

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Diesen Schabernack widme ich einem, der heute Geburtstag hat.

Dienstag, 20. April 2010

Zwischen Birne und Käse

Das war wieder eine böse Zeitverschiebungsfalle, in die meine Kunden da reingeraten sind! Dabei hatte ich sie gewarnt! Nein, es war nicht die isländische Aschewolke, die sie in die Postkutschenzeit zurückkatapultierte, während wir doch in Berlin über modernste Medienthemen sprechen sollten. Die Wolke war durchaus hinderlich, schwerer wirkte sich indes die traditionell unterschiedliche Zeitwahrnehmung in Frankreich und Deutschland aus. Denn die stimmt in beiden Ländern ebenso wenig überein wie der Ablauf bei Geschäftsanbahnungsgesprächen.

Auf Einladung der französischen Gäste, die per Ausnahmegenehmigung im "kontrollierten Sichtflug" einschwebten, befinden wir uns in einem gehobenen Etablissement der gepflegten Nahrungs- und Getränkeaufnahme. Vor einigen Wochen bereits hatte das erste Treffen in Frankreich in einem Zusammenhang stattgefunden, der durch höchste bundesdeutsche Stellen ermöglicht und auch finanziert worden war. So fand das zweite Treffen auf Rechnung der französischen potentiellen Geschäftspartner statt, die dann auch den Ton vorgaben. Wer zahlt, bestimmt - das gilt auch hier. Dennoch geht die Chose am Ende auf Kosten der Deutschen aus.

Aber gemach. Die deutsche Seite hat mich als Dolmetscherin angeheuert. Zunächst finden wir uns zum Vorgespräch im Hotel Adlon ein, dann geht es weiter, Gäste "von gegenüber" abholen, der Pariser Platz hat heute wie einst seine berühmten Anrainer. Man hatte sich im Vorfeld des Termins etliche Mails hin- und hergeschickt, telefoniert, eine Videokonferenz auf Englisch abgehalten - letztere wohl mit mäßigem Erfolg, "das feeling für die anderen bekommt man doch nur im persönlichen Gegenüber!", resümierte denn auch einer der deutschen Geschäftsführer die Sache.

Termine wie diese heute sind immer knifflig, auch für uns Dolmetscher. Beim Vorgespräch mit zwei Herren, ein dritter kommt später nach, erfahre ich allenfalls ahnungshalber, worum es sich dreht; im Gegenzug wird für mich deutlich, dass die deutsche Seite bereits sehr genaue Vorstellungen der Rahmendaten des sich anbahnenden Vertrages hat. Ich versuche zu erfragen, wie konkret man schon miteinander ist, was das Pariser Gespräch bereits an Übereinstimmung erbracht hat. Von dort wird berichtet, dass man sich wohl grundsätzlich geeinigt habe und es jetzt nur noch um Details gehe. Trotz dieser eindeutigen Information warne ich vorsichtig, denn das erste Treffen hatte wohl bei Canapés und Toasts stattgefunden, Absichtserklärungen zählen auf französischer Seite weniger als auf deutscher, also frage ich noch, ob es nicht sein könne, dass man erst einmal die "gemeinsame Chemie" finden müsse - so jedenfalls ticken französischen Geschäftsleute und Politiker, die ich so kenne.

Und so kommt es dann auch. Man trifft sich zum Essen, die Apéritifs passen hervorragend zu spätem Frühling und isländischer Vulkanwolke, danach wird ein akrobatisch aufgetürmter Salat aus Blättern, Möhrenspirale, Tomatenschiffchen, Artischockenherzen und Flugfisch gereicht (mit welchen Flügeln kam der?), garniert mit Gesprächen über die Politik. Das amuse-gueule zwischendurch kommt in Begleitung touristischer Erwägungen in Sachen links- und rechtsrheinischer Hauptstädte, beim plat de résistance, dem Hauptgericht, geht's mit der deutschen Einheit richtig zur Sache.

Langsam werden meine deutschen Kunden unruhig. Immer, wenn ein Themenwechsel ansteht, also etwa ab dem Salat, fangen sie an sich zu sammeln, entspannt und konzentriert zugleich zu wirken - wie ein Maikäferchen vor dem Start. Das Problem: Das Maikäferchen ist im April zu früh dran, und die Franzosen geben immer den Takt und das Thema an, frei nach: Wer fragt, führt.

Nun wird ein zweiter Hauptgang gereicht, dazu die fortbestehende Zweiteilung der Welt debattiert. Wir befinden uns in einem Restaurant, in dem die Portionen ebenso klein sind wie die Gespräche gedämpft: sehr. Als Geschäftsessensgäste hatten wir das Séparée bekommen, auch, damit ich würde dolmetschen können, ohne das Ruhebedürfnis anderer zu stören. Aber aus Perspektive der Franzosen war ich nur für small talk einbestellt, so jedenfalls mutmaßt zwischendurch leise einer meiner Auftraggeber. Ich bitte um Geduld, sage, dass man in Frankreich immer erst in Ruhe esse, und dann ...

Und während der andere Auftraggeber unter dem Tisch das Dossier mit den Zahlenwerken auf den Knien jongliert, kommt langsam ein kleines Dessert, gefolgt von einer Obstschale und Kaffee, begleitet von Gesprächen über die verehrten Ehegesponse und die lieb' Kindelein. Und wieder pumpen die deutschen Teile dieser Essensdelegation wie die Käfer kurz vorm Start.

Jetzt ist ein kleiner Umzug fällig, wird ein neues Etablissement angesteuert. Und zwischen café et pousse-café, zwischen Kaffee und dem Schnäpsken hinterher, fangen die Franzosen an zu sprechen. Sie skizzieren eins, zwei, zack die Grundlinien ihrer Vorstellungen von dem Deal, stellen charmant lächelnd Forderungen, beschreiben Wege. Meine deutschen Auftraggeber wirken müde und erschöpft vom vielen Pumpen und den vielen Gängen. Sie nicken, haben keine Einwände und noch weniger Fragen.

Dieser späte Zur-Sache-Kommen ist sehr französisch, dafür gibt es sogar einen historischen Ausdruck: entre la poire et le fromage, den ich gerade mit "zwischen Kaffee und Schnaps" übertragen hatte. "Zwischen Birne und Käse" bezeichnet einen ruhigen Moment zwischen zwei Ereignissen oder gegen Ende einer Mahlzeit. Der Begriff stammt aus dem 17. Jahrhundert, in dem der Käse nach den Früchten gereicht wurde, die sehr häufig aus heimischen Regionen stammten, also Äpfel oder Birnen waren. Und ohne hier Äpfel gegen Birnen aufrechnen zu wollen: Eine Zeitverschiebungsfalle war das Ganze allemal, egal ob Birne, Käse, Kaffee oder Schnaps.

Dienstag, 6. April 2010

Vorbereitung ist die halbe Miete

Fachdolmetscher beherrschen ihr Fach, zum Beispiel habe ich, was Bildkulturen angeht, bereits im Nebenfachstudium Kunstgeschichte und Kulturwissenschaft viel aufgesogen und mich früh in Filmfragen spezialisiert. Zugleich müssen Dolmetscher auch in anderen Bereichen oft grob orientiert sein, denn ein einziges Fachgebiet reicht als Grundlage für eine freiberufliche Existenz selten aus. Während der Vorbereitung von Terminen lesen wir uns dann jeweils in die Themen ein, weshalb wir unsere Redner beizeiten um Hintergrundinformationen bitten. Denn es leuchtet sicher jedem ein, dass bekannte Begriffe und inhaltliche Anknüpfungspunkte uns Dolmetschern Sicherheit geben und sich der Stress, den neue Inhalte immer mit sich bringen, so leichter im Zaume halten lässt.

Wir Dolmetscher bemühen uns deshalb täglich darum, das, was uns mit Journalisten eint, zu erhalten und zu erweitern: eine "profunde Halbbildung". Wir wissen also von vielem ein wenig und nur wenig beherrschen wir ganz. Wir können über fast jedes beliebige Thema reden, nur nicht über zehn Minuten, und wir wissen vor allem eins sehr genau: dass wir sehr, sehr viel nicht wissen.

Also Wissensdurst plus Demut - das Weltwissen verdoppelt sich alle fünf bis fünfzehn Jahre (je nach Quelle), Universalgebildete sind ausgestorben. So gehört die morgendliche Zeitungslektüre ebenso zum Alltag wie die Beobachtung des Büchermarkts, der Besuch von Ausstellungen, Podiumsdiskussionen etc. Aber nicht die Anhäufung von Daten und Fakten zählt, sondern der große, ganze Gestus: Aus einer neugierigen, dem Leben gegenüber offenen Grundhaltung ein solides Interesse für vielerlei zu entwickeln, dabei Zusammenhänge erkennen zu können, Probleme und Entwicklungen beschreiben und Spreu vom Weizen trennen zu können, was die Quellen angeht, sind sicher die Grundtugenden, die wir in unserem Beruf haben müssen. Wer Lernen scheut, Angst vor fremden Sachgebieten hat und grundsätzlich nicht gern an den Debatten teilnimmt, die unsere Gesellschaft bestimmen (sollten), wird mit einem anderen Beruf sicher glücklicher.

Aber ich muss noch einmal auf unsere Bitten nach Hintergrundinfos vor einem Kongress oder einer Delegationsreise zurückkommen. Die Veranstalter haben für diese Fragen leider oft kein sehr großes Verständnis. Wir hören Sätze wie: "Es kommen nur ganz allgemeine Dinge zur Sprache!", "Der Besuch hat mehr protokollarischen Hintergrund, wir gehen gar nicht ins Detail!", "Der Botschafter spricht nur ein Grußwort!", "Es geht nicht in die Tiefe. Verschiedene Disziplinen treffen aufeinander, da ist es für jeden Einzelnen wichtig, den Jargon beiseite zu lassen und Allgemeinverständlich zu sprechen!", "Im Internet finden Sie auf unserer Webseite einen Aufsatz des Herrn zu diesem Thema, er wird in etwa das Gleiche sagen!"

... nur, und das blieb unerwähnt, dass der Aufsatz aus dem Oktober 2005 stammt und seine Vortragsankündigungen der letzten vier Kongresse, auf denen der Betreffende sprach, schon eine deutliche Erweiterung des Themas nachvollziehen ließen (was sich auf der Konferenz bestätigte). Werden hohe Politiker, die nicht mehr amtieren, oder sonstige ältere Berühmtheiten erwartet, hören wir sogar schonmal ein: "Herr/Frau XYZ schreibt die Rede selbst, und bei einer so hochkarätigen Persönlichkeit verbietet uns das Protokoll, vorher nach einem Redemanuskript zu fragen!"

Mitunter reichen uns Stichpunkte, Thesen, einige Fundstellen im Netz, ein älteres Manuskript (das zeitlich nicht so sehr weit zurückliegt). Und hierbei nähmen wir gerne die ganze Konzeption - wo kommt der Redner her, wo geht er hin? Mit Grausen erinnere ich mich an eine Landkarte, Teil einer PowerPointPräsentation (PPP), mit gar keiner Legende. Da zuvor etliche Fakten beschrieben worden waren, ging ich davon aus, die Karte helfe dem Redner abschließend dabei, alles noch einmal kurz zu illustrieren. Ja, Pustekuchen! Der Vortragende war nicht fertig geworden mit der Vorbereitung seiner PPP und hatte daher zum letzten Kapitel seiner Rede keinerlei Stichwort notiert. Oder die filmwirtschaftliche Debatte, die ihren Ausgang beim Börsenkrach nahm und bei der dann eine halbe Stunde lang von Versicherungen die Rede war, ohne, dass das Wort "Versicherung" auch nur einmal erwähnt worden wäre. Der Dolmetscher hat damals Großes geleistet - und lag leider doch daneben.

Ich finde sowas immer wieder mehr als schade. Wer etwas zu sagen hat, sollte auch dafür Sorge tragen, dass der- oder diejenige, der/die ihn übersetzt, am Ende die bestmögliche Leistung abliefern kann. Und gute Vorbereitung ist eben die halbe Miete ...

Donnerstag, 1. April 2010

Recherchehilfe Internet

Mancher Youngster verwechselt ja das Netz oder fremde Werke mit frei floatenden Wahrheiten, die allen gehören, siehe die Causa (Helene) Hegemann, die sich in nichts von im weltumspannenden Netzwerk abgekupferten und als Eigenkreation ausgegebenen Hochschulhausarbeiten unterscheidet.

Aber das Netz ist eine wunderbare Recherchehilfe. Wir entdecken Publikationen, Originaldokumente, die Protokolle politischer Debatten usw. Auch bei der Wortfeldarbeit kann das Netz oft helfen. Zum Beispiel bei der Lösung der Frage, welche Redewendung wie oft vorkommt - und wer sie in welchem Kontext verwendet? Doch aufgepasst, die Ergebnisse sind immer zu prüfen und zu bewerten. Hier setzt Lebenserfahrung an und Einschätzungsvermögen, was die Quellen angeht.

Bei manchen Begriffen hilft die Internetsuche nach Bildern weiter. Was ist zum Beispiel der Unterschied zwischen "Geländer" und "Brüstung", abgesehen davon, dass der zweite Begriff altertümlich anmutet? Er klingt wie eine Art "Rüstung", ein "Wehr", da sie den Meschen verwehrt, über die Kante zu gehen - und dabei bis zur Brusthöhe reicht (oder tiefer endet). Eine Bilderrecherche später weiß ich mehr. Ausgegangen war ich übrigens von den französischen Begriffen, la rambarde und le parapet.



Hier finde ich also Bestätigung für das, was ich schon gefühlt hatte - das Geländer, la rambarde, ist luftiger, oft aus Metallstäben oder einem anderen Material als das, worauf es als Bauteil aufgesetzt wurde. Die Brüstung, le parapet, häufiger mit historischen Gebäuden in Verbindung gebracht, ist Bestandteil des Bauwerks bzw. aus dem gleichen Material, also ein gemauerter Umlauf oder ein metallener bei der historischen Brücke aus Metall. Sie sind viel stärker Bestandteil des Bauwerks als ein später hinzugefügtes Geländer.

Letzte Gewissheit liefert hier noch das Etymologische Wörterbuch. Den Kluge/Götze und das entsprechende französische Werk gibt's bei uns in altbewährter Weise noch auf Papier.

éblabla

Frankreich mag keine Anglizismen. Das lässt sich schön bei Computerbegriffen beobachten. So heißt der "Computer" (den ich übrigens lieber Rechner nenne) auf Französisch un ordinateur, der dann statt mit "Software" (wohin ist das Wort 'Dienstprogramme' verschwunden?) mit logiciels oder progiciels arbeitet, je nach Charakter der Einsätze und Definition durch die Werbeindustrie.

Die "Mouse" (Maus) ist in Frankreich schlicht eine souris, hier wurde wörtlich übersetzt; das Keyboard (Tastatur) klingt indes musikalisch: le clavier; das Mail heißt jenseits des Rheins courriel, was auf courrier électrique zurückgeht, elektronische Post, sie hat sich gegenüber dem vor einigen Jahren auch vorgeschlagenen mél durchgesetzt, ich nehme an, es liegt (unbewusst) an der zu großen Ähnlichkeit dieses Wortes mit dem englischen Begriff.

In Frankreich wurde unlängst mit "francomot" ein Wettbewerb ausgeschrieben und beendet, das neue französische Begriffe für weitere Begriffe der Computerei suchte. Freizeit-Neologen und Entscheider erwiesen sich am Ende leider weder mutig noch übermaßig kreativ: Der "Chat" würde jetzt beinahe éblabla heißen, hätte man sich nicht für tchatche entschieden, was ohnehin schon so viel heißt wie Palaver oder Geplauder. Ein weiteres schon existierendes Wort ist le débat, das anstelle von “Talk” verwendet werden soll. Auch die Französisierung des Wortes "Buzz", damit wird ein Gerücht bezeichnet, das durch Werbung, neue Medien usw. entsteht, greift auf Bekanntes zurück: ramdam , das sich an das Fest 'Ramadan' anlehnen solle, eine Zeit, in der bei Tageslicht nicht gegessen werden darf, was dann nachts am besten in größerer Gesellschaft nachgeholt wird - und wobei es geräuschvoller zugeht.

Neu schien den Franzosen in Frankreich indes, womit die französischsprachige "Gazette de Berlin" schon seit lange ihren "Newsletter" bezeichnet: infolettre, eine Art Infobrief also. "Wir" Berliner Franzosen sind dem Heimatland mal wieder um Nasenlängen voraus ...

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Bild: Nur der Handapparat meiner Nachschlagewerke, denn es geht doch nichts über ein schönes Wörterbuch :-)

Mittwoch, 31. März 2010

Haben Sie frischen Dorsch?,

fragt eine nette weibliche Stimme am Telefon, "und Sprotten?"

"Nichts davon vorrätig!", kontere ich, noch ehe ich richtig begreife, was da vor sich geht. Ich kürze gerade die ellenlange Begründung eines Preises, in der ich den Aufwand für eine Übersetzerarbeit einschätze und die Gefahren verdeutliche, die mich ein Kunde eingehen lassen möchte, wenn er von mir eine Drehbuchübersetzung inklusive Änderungen im Umfang von 10 % des Ausgangstexts zum leider-leider-Festpreis wünscht und warum ich derlei seit Jahren nicht mehr mache. (Satz zu lang? Macht nichts, die Kundenanfrage war leider eher unsinnig.)

"Was haben Sie denn für Lachs - frischen oder gebeizten?", legt die Anruferin nach. "Hab keinen Fisch!", murmele ich in die Sprechmuschel (die keine mehr ist), stehe auf, verheddere mich in der algen-, äh, ellenlangen Telefonschnur (die längst abgeschafft wurde) und sage: "Verwählt!"

"Entschuldigung, das kann nicht sein", besteht die Anruferin auf der Investition ihrer zehn Telefoncents und liest laut die Koordinaten vom Messbesteck ab, pardon, die Telefonnummer vom Display, ja, zweifelsfrei, das ist meine Nummer, muss ich wohl zugeben, und antworte: "Messfehler, ähh, Schaltfehler, ist zwar meine Nummer, aber nicht der richtige Adressat!", bis ich merke, dass ich in die falsche Richtung gedacht habe, erst Nummer, dann Verbindung.

Eine kurze Navigation im Datenmeer später weiß ich mehr: da hat (außer mir) doch jemand meine Nummer veröffentlicht! Unter seinem Namen! Das hatten wir schon mal, damals hat Onkel Abou Dabou noch in Gemüse gemacht und für sein kleines Lieferfahrzeug wollte mir die Allianz-Versicherung unaufgefordert eine neue Police andrehen!

Ich schnappe nach Luft, ringe um Worte, produziere nur noch Luftblasen. Hilfe!, welch' Welle des Nichtverstehens schwappt mir aus dem Telefonhörer entgegen! Und wenn ich sie mir bildlich vorstelle, meine Anruferin, sie glotzt vermutlich gerade ebenso verständnislos und traurig drein wie der Dorsch, den sie eigentlich kaufen will! Lauch und Sellerie wären mir jetzt lieber! Oder werde ich hier in den April geschickt?

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Mehr zum Aprilfisch hier.

Montag, 29. März 2010

Drehbücher übersetzen

Hallo, bonjour, hello auf meinen Blog­seiten aus dem Le­ben einer Pro­fi­dol­met­scher­in und -übersetzerin. Ich arbeite in Berlin, Leipzig, Hamburg, Lyon, Pa­ris und dort, wo Sie mich brauchen. 

Als Film­dol­met­scherin sitze ich in der allerersten Reihe — ich lerne regelmäßig Filme schon kennen, bevor's überhaupt welche sind. Denn natürlich ist eine Film­dol­metscherin, die auf sich hält, auch Drehbuchübersetzerin!

Letztes Jahr habe ich zum Beispiel zehn Drehbücher übersetzt, insgesamt eine Mil­lion Anschläge, das war viel Arbeit. Ich hätte sogar mehr übersetzen können, wenn mich mancher Produzent mit meinen Fragen und Anmerkungen ernst ge­nom­men hätte. Denn als erste externe Leserin, über deren Schreibtisch viele Dreh­bü­cher wandern, sehe ich Baufehler in der Dramaturgie, höre ich Papier ra­scheln bei Dia­lo­gen, spüre Schwächen von Charakteren. Natürlich übersetze ich (und meine Kollegen) viele Arbeitsfassungen, ist jene, die gerade in Arbeit ist, selten bereits das shooting script oder die Fassung für die internationale Vermarktung, bei Do­ku­men­tar­fil­men der Spre­cher­ka­bi­nen­text.

Da Drehbuchübersetzung relativ teuer ist, weil es — mit viel Aufmerksamkeit und Liebe gemacht — einfach viel Zeit kostet, übersetze ich ungern Bücher in zu frühen Stadien. So kommt es, dass meine Fragen, mein Zögern, meine An­mer­kun­gen manchmal zu Lektoratsaufträgen werden.

Ausreichend Zeit zu haben ist das eine, die gute Terminplanung das andere. Wenn Sie erwägen, von mir oder uns ein Drehbuch übersetzen zu lassen — ich arbeite ge­le­gent­lich im Team und habe Kollegen, die in/aus andere/n Sprachen arbeiten, die wir natürlich ob ihrer Qualität aussuchen — ist es immer sinnvoll, beizeiten an­zu­fra­gen. Manche Monate (z.B. Dezember/Januar, vor der Ber­li­na­le, oder und ab April, vor Cannes) könnten wir meist dreifach ausbuchen. Machen wir aber nicht, weil wir sonst das Niveau unserer Arbeit in Gefahr sähen.

Dolmetschen und Übersetzen wird oft der zweitälteste Beruf der Welt genannt.

Schreibtisch mit Kalender
Terminplanung mit Drehbuchstapel
Er wird auch so schnell nicht aussterben, dafür sind die bi­nä­ren Codes zu schwach. Das Hin­über­tra­gen von In­hal­ten von einer in die andere Spra­che ist ein zu­tiefst mensch­li­cher Vorgang. Wir über­tragen dabei auch Ge­füh­le und An­spie­lun­gen aus einer Kultur in die andere. Dabei schwingen immer Wissen um Literatur, Soziales, Po­li­tik, Wirt­schaft und Geschichte mit.

Je mehr wir wissen, desto komplizierter kann es am Ende sein. Wir müssen ent­schei­den, möglichst ebenso pragmatisch in der Umsetzung wie elegant im Er­geb­nis. Übersetzung liegt im Schnittfeld zwischen Wissenschaft und Dichtkunst. Wir zerlegen alles in kleinste Einheiten und setzen es so neu zusammen, dass nie­man­dem der Vorgang später auffällt.


P.S.: Reparaturarbeiten an Drehbüchern, die von Nichtprofis oder Nach­wuchs­kräf­ten in­fol­ge klei­ner Un­ter­bie­tungs­schlach­ten über­tra­gen worden, machen wir nicht mehr, denn im schlimmsten Fall ist unser Korrektorat (in Stun­den ab­ge­rech­net) am Ende teurer als eine Neu­überset­zung. Auf jeden Fall macht es schlech­te Laune, und auch die kann das Er­geb­nis be­ein­träch­ti­gen.
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Foto: C.E.

Freitag, 26. März 2010

Mehr Luft, bitte!

Will­kom­men auf den Sei­ten ei­nes vir­­tu­­el­­len Ar­beits­­ta­­ge­buchs aus der Welt der Sprachen. Ich bin Dolmetscherin und Übersetzerin für die französische Sprache und aus dem Englischen. Hier berichte ich über einen abwechslungsreichen Alltag.
 
In den Dolmetschkabinen ist es ja oft stickig, weil eng, aber was ich dieser Tage in Paris erlebe, spottet jeder Beschreibung. Eine riesige Halle mit Dutzenden von Ständen, hunderten von Ausstellern und tausenden von Fachbesuchern, parallel dazu eine Konferenz - und die Luft ist verbraucht und warm wie in einem Gewächshaus. Das ist noch der freundliche Begriff, schlimmeres kommt später noch.

Auf jeden Fall ist es eine Zumutung, in einem Raum zu arbeiten, in dem man ständig das Gefühl hat, der Erstickungstod stünde kurz bevor. Kundengespräche zu dolmetschen, logistische Lösungen in die andere Sprache rüberzuwuppen, dafür zu sorgen, dass ein deutsches Hafenterminal im besten Licht dasteht, ist sprachlich schon Herausforderung genug. Aber wenn einem stets auf gut Berlinisch die Ömme kurz vorm Wegdämmern ist vor lauter Sauerstoffknappheit, dann ist die Chose eine echte Herausforderung.

Die großen Firmen sitzen gleich vorn, die Häfen und Küstenregionen an den Seiten und hinten. Schön, wie in "Nord-Pas-de-Calais" eine leichte Brise weht oder das, was man gern dafür halten möchte, weil da irgendwo eine Außentür offensteht.

Aber das Aufatmen ist nur von kurzer Dauer. Kaputt wie selten nach Messetagen schleppen wir uns am letzten Tag zum Ausgang. Warum in Paris-Villepinte die offenbar unter dem Dach montierte Klimaanlage nicht benutzt wird, kann uns auch die freundliche Dame nicht erklären, die uns kurz vor der Garderobe anspricht. Sie erfragt die Zufriedenheit der Messebesucher - auf unsere Kritik hin meint sie nur trocken: "Das kritisieren hier alle als erstes. Ich kenne den Grund auch nicht, habe aber von Energieeinsparungen gehört."

Diese Energieeinsparungen sind sicher auch Kostenersparnisse. Schön für den "Parc des Expositions" und seine Halle 6, die vor nicht allzu langer Zeit extra zu dem Behufe erbaut wurde, Messen und Märkten Obdach zu bieten - indes offenbar mit einem Energiekonzept aus dem 18. Jahrhundert. Oder ist der technische Direktor der Messe aus Nord-Pas-de-Calais" und will seiner Region einen Vorteil verschaffen?

So, jetzt kommt noch die böse Bezeichnung für das Gesehene (oder auch Verspürte). In Cannes auf der MIP, die ich acht Jahre in Folge für den mitgliederstärksten deutschen Filmverband, die AG DOK, besuchte, sorgt stets die Klimaanlage für ein kühlschrankähnliches Ambiente. Wer schlecht saß, fühlte sich wie ein Erlkönig im Windkanal. Das Gefühl, ein solcher Auto-Prototyp beim Windschnittigkeitstest zu sein, schwindet aber plötzlich in der Stunde, in der die Messe ihre Türen schließt und wir Aussteller vielleicht noch die letzten Kisten packen: Der Veranstalter stellt die Klimaanlage ab. Nach einer Stunde fühlt es sich an wie bei den exotischen Pflanzen eines Botanischen Gartens, nach zwei Stunden, die Demontage der Stände ist in vollem Gange, wie im Primatenhaus eines Zoos, wenn Sie verstehen, was ich meine ...


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Donnerstag, 25. März 2010

Le Jardin du Luxembourg

Konferenzen, Messen und Märkte sind für unsereinen Stress pur. Also geht das nur mit größtmöglicher Entspannung bei der Vorbereitung und in den Pausen. Der Frühling lockt die Menschen nach draußen - und mich mit. Zwischen den Lernen beobachte ich im Jardin du Luxembourg Spaziergänger, tobende Kinder, jungen Demoisellen, hier eine Gruppe Männer, die von weither nach Paris kamen, lernende Studenten, Verliebte, dort zwei alte Paare im Gespräch.
Im Wechsel mit Lerneinheiten: Kultur (Violinkonzert von Bach in der Sainte Chapelle, Kino), bestes Essen (le petit Vatel am Marché Saint-Germain, leider letzte Woche vor Schließung), Spaziergänge.

Und während in Berlin mein Untermieter die Blumen gießt, lasse ich es mir gut gehen ...

Natürlich muss ich, à propos Jardin du Luxembourg, dann gleich auch an Erich Kästner denken (und an mich, als ich als junges Fräulein durch den Park ging auf der Suche nach einem ruhigen Platz zum Lernen und mich irgendwie fürchtete).

Jardin du Luxembourg

Dieser Park liegt dicht beim Paradies.
Und die Blumen blühn, als wüßten sie's.
Kleine Knaben treiben große Reifen.
Kleine Mädchen tragen große Schleifen.
Was sie rufen, läßt sich schwer begreifen.
Denn die Stadt ist fremd. Und heißt Paris.

Alle Leute, auch die ernsten Herrn,
spüren hier: Die Erde ist ein Stern.
Und die Kinder haben hübsche Namen
und sind fast so schön wie auf Reklamen.
Selbst die Steinfiguren, meistens Damen,
lächelten (wenn sie nur dürften) gern.

Lärm und Jubel weht an uns vorbei.
Wie Musik. Und ist doch nur Geschrei.
Bälle hüpfen fort, weil sie erschrecken.
Ein fideles Hündchen läßt sich necken.
Kleine Neger müssen sich verstecken,
und die andern sind die Polizei.

Mütter lesen. Oder träumen sie?
Und sie fahren hoch, wenn jemand schrie.
Schlanke Fräuleins kommen auf den Wegen
und sind jung und blicken sehr verlegen
und benommen auf den Kindersegen.
Und dann fürchten sie sich irgendwie.

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Quelle: Doktor Erich Kästners lyrische Hausapotheke.
Gedichte für den Hausbedarf der Leser.

Freitag, 5. März 2010

Fundsache

Das Schicksal der Welt hängt heute in erster Linie von Staatsmännern ab, in zweiter Linie von Dolmetschern."

Trygve Lie
1946-1952 Generalsekretär der Vereinten Nationen