Sonntag, 20. Mai 2007

Cannes-Splitter

Jedes Filmfestival hat für mich als Dolmetscherin seinen ganz eigenen Rhtythmus. Auf der Berlinale sitze ich in der Kabine des Wettbewerbs und dolmetsche Filme simultan, außerdem konsekutiv Filmgespräche, Gruppen- und Einzelinterviews. In Cannes beschäftigen mich neben Interviews diverse Koproduktions- oder Verkaufsgespräche, in beiden Städten kommen noch filmpolitische Termine hinzu für Verbände oder die Politik.

Da ich natürlich über die Inhalte der Gespräche nichts berichte, veröffentliche ich dieses Jahr über das südfranzösische Event meine subjektiven Cannes-Splitter.

Erster und zweiter Tag
S
tatt der Dolmetscherkabine das Kino: Sieben Filme, bevor die Meetings einsetzen, das bedeutet, dass wir vom blauen südfranzösischen Himmel, aus dem kommend wir uns Nizza Mittwochnachmittag im Sinkflug genähert hatten, an Land wenig sehen. Dar
an haben auch schwere graue Wolken Schuld - und Regen. Als der einsetzt, wird offensichtlich, wie merkwürdig manche Gepflogenheiten hier sind, denn in der Umgebung des Festivalpalais' liegt an vielen Stellen Teppichboden auf dem Asphalt. Der berühmte rote Teppich, der hier jedes Jahr im Mai für die Filmwelt ausgerollt wird, zickzackt sich am Ende die Treppe zum Festsaal hoch. Auf den Wegen zwischen den Zelten in Richtung Strand, in denen sich tagsüber die Fachleute treffen, liegt dunkelblauer Teppichboden unter freiem Himmel. Selbst, wenn es jetzt nur nieselt, ist der nach einem halben Tag vollgesogen. Nun schippen sich die Damen bei jedem Schritt Wasser in die zarten Schühchen, und dann wickeln sie sich ihre farbenfrohen Pashminas fester um die unbedeckten Schultern ...
Dritter Tag
Am späteren Abend fahre ich zu einem Empfang in einer Villa am Ortsrand. Es gibt keinen Shuttle-Bus, also nutze ich den öffentlichen Nahverkehr. Zunächst fährt aber gar nichts. Die Bahn streikt seit gestern Abend 17.00 Uhr. Am Busbahnhof wartet eine schwarze Menge. Weil ich lesen will, setze ich mich auf eine der Bänke, über der ein Kegel aus Licht steht. Neben mir blättert Helen in den Branchennews, eine in Kanada geborene Produzentin, die von aus Tschechen geflohenen Intellektuellen abstammt und in Paris lebt. Das erfahre ich aber erst viel später im Bus. Jetzt heißt es erstmal warten.

"La vielle dame de l'abribus" könnte diese Episode heißen, geht mir durch den Kopf und Patricia Kaas fällt mir ein und ein paar Takte Musik. Neben uns sitzt eine kleine, ältere Dame, die keinen Festival- oder Marktbadge um den Hals trägt. Und doch ist sie im Kontaktaufbau mit Fremden besser als Helen und ich, wir sprechen einander erst im Bus an. Nach wenigen Minuten sind wir beide trotz Lesestoffs im Bilde: Die alte Dame ist 73 Jahre alt, sie ist zwei Mal verwitwet, den ersten Mann verlor sie nach langem Leiden an Krebs (nach zehn Jahren Ehe), der zweite Mann, Vater ihrer Kinder, starb an Herzinfarkt (nach fast 20 gemeinsamen Jahren). Er hatte sie nach Cannes geholt und hier lebt sie nun ganz allein - die Kinder in den Norden verzogen.

Sie wirkt sehr zerbrechlich hier im kalten Licht der Straßenlaterne, die Augen unter der frischen weißblonden Dauerwelle sind müde. Sie trägt einen Rock im Schottenkaro mit Knebelknöpfen, schwarze Schuhe mit Ankern drauf und eine gelbe Windjacke, auf der ein Segelclub Werbung macht. Die alte Frau spricht mit leiser Stimme und in einfachen Worten: "Ich halte es nachts in meiner Wohnung nicht aus. Da ist es wie tot. Aber dort, wo Menschen sind, da ist das Leben. Ich komme regelmäßig her und ich liebe das Kino. Aber nicht das französische Kino, die können es irgendwie nicht, die Filme haben keine Spannung. Bei ausländischen Filmen stimmt jeder Moment, jede Zeile. Die überzeugen mich, die sind spannend. Ich gehe viel ins Kino, so etwa ein Mal im Monat. Naja, so oft ist das nicht, ich bin öfter hier am Busbahnhof. Vorhin war ich bei einer alten Schulfreundin, die hat ihren Mann noch, und jetzt verbringe ich noch einen kleinen "moment amical" mit Ihnen hier." (Oh là, là, denkt die Dolmetscherin in mir da, einmal wieder stellt sich das Problem der adäquaten Übertragung, der 'moment amical' ist ein 'netter Augenblick' - aber auch die 'kurze Pause mit Freunden').

Und die alte Dame resümiert in einem Stoßseufzer: "Allein zu Hause fühle ich mich wie tot." Helen, die heute Nacht mit dem Bus nach Nizza muss, weil in Cannes die Hotelpreise exorbitant sind, fragt: "Haben Sie schon mal daran gedacht, in der Zeit des Festivals zu vermieten, Zimmer werden in Cannes ja immer gesucht?" - "Nein, ich brauche das Geld nicht. Meine Männer haben mir eine gute Rente vermacht. Und würde ich vermieten, dann müsste ich ja zu Hause warten, und wie gesagt, zu Hause bin ich nicht gern. Aber jetzt muss ich wohl, ihr Bus kommt!", sagt sie und zeigt auf den Bus, der um die Ecke biegt, verabschiedet sich und geht fort, überraschend behende verglichen mit der Mattigkeit ihrer Stimme.

Und ich hab immer noch Patricia Kaas im Ohr: Il y a des Vénus sous les abribus | Qui pleurent des amours terminus ...
Vierter Tag
Die Weckmelodie des Mobiltelefons reißt mich aus dem Schlaf. Eben noch bin ich die roten Stufen zum Festivalpalast hochgestiegen. Ich bin gerade noch Teil einer miteinander scherzenden, einander herzenden Meute gewesen. Eingehängt in meinen Arm: eine französische Berühmtheit, Schriftsteller oder Philosoph, den ich vor langer Zeit mal dolmetschte und der mich freudig wieder erkannt hatte. Das ist eher ungewöhnlich, denn bei ein- oder zweimaliger intensiver Teamarbeit entsteht zwar die 'Freundschaft des Augenblicks', aber mehr nicht. (Wobei Könner wie Claude Chabrol durchaus den Eindruck erwecken können, das Gegenüber wirklich zu meinen, denn er spielt, wenn wir uns etwa im drei-Jahres-Rhythmus aus beruflichen Gründen sehen, immer elegant auf frühere Gespräche oder Mitbekommenes an.)

Jetzt gehe ich den roten Teppich entlang, "je monte les Marches rouges", wörtlich: "ich steige die rote Treppe hinauf", und zu meinem französischen 'Freund' sage ich: "Soundso ..." (im Traum weiß ich natürlich den Namen), also: "'Untel', wenn du das nächste Mal öffentlich deutsche Worte verwendest, ruf' mich bitte vorher an. Ich pauk' dich ein in Sachen Herkunft und Aussprache des Wortes, wir üben, du wirst es perfekt können. So, wie das Wort "Fuchsbau" neulich" (- das von Franzosen ohne Vorkenntnisse nicht für Deutsche verständlich ausgesprochen werden kann). "Denn dein Interesse für deutsche Kultur, dein Wissen und die Verwendung gefallen mir gut. Aber du stehst im Rampenlicht, und du bist Vorbild. Also solltest du der deutschen Kultur auch noch den Dienst erweisen, sie korrekt ausgesprochen für die Franzosen und vor allem für den Nachwuchs attraktiv zu machen. Wir brauchen dich, cher ami."

Was mein teurer Freund geantwortet hat beim Betreten des Festivalpalais' werde ich leider nie erfahren, ein Schubertmotiv (Geigenquartett!) reißt mich aus dem Schlaf.

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Was machen Franzosen aus "Fuchsbau"? Ich denke an "Fuchsia" und komme auf etwas wie [Füsch-s-bahü]. Andere Vorschläge?
Fünfter Tag
Hungervisionen, die Bilder fließen ineinander. Heute scheint wieder die Sonne über Cannes, gestern Nacht waren die Wolken gebrochen. Kurz drauf wurden wir im Grand Hotel mit unseren Badetüchern aus dem Saunabereich zu DEM Hingucker des deutschen Kurzfilmempfangs. Da musste ich an meine Erfahrung vor x Jahren denken. Es war 2001 oder 2005, als nach einer Woche Dauerregen alle fünf Schuhpaare durch und durch nass waren. Da ließ selbst das gestrenge Protokoll des 'Palais des Festivals' seine Regeln fahren und erlaubte mir den Zutritt ins Filmpalais ... mit Badelatschen! Trockne Füße, das war die Höhe! Kalte Füße der Begleiteffekt des Strumpfloszwangs (Zwischenzehschuhhalteknubbel!)

Hungervisionen, wir sitzen die ganze Zeit auf diversen Terrassen hinter den großen Ständen und Zelten des Filmmarktes, die in Sandstrand übergehen. Irgendwie hat sich heut die Mittagspause verspielt. Dazu habe ich Fachzeitschriftenartikellieferpflichten, lese und notiere in Pausen. Und mein Blick verliert sich im Horizont: Das, was ich rechts von mir sehe, ist eine riesige, mit Halogenlicht von hinten erleuchtete Fototapete, die an einigen Stellen animiert ist: Wellen, Boote, ein Zeppelin. Dazu wird ein Soundtrack eingespielt: Wellen, Stimmen, eine Schiffssirene.

Die Leitartiklerin von "Le film français" beschreibt heute Cannes als Edelgefängnis. Hier sitzen wir tags nicht bei Wasser und Brot, sondern bei Kaffee und Keksen. Per W-Lan halte ich immerhin Kontakt zur Außenwelt. Tina schreibt, sie hätte immer gedacht, dass einem in Cannes die Hühnerbrustsalätchen quasi in den Mund flögen. Nun, liebe Tina, immer noch keine fliegenden Hühnerbeinchen oder Sushi-Rollen gesichtet. Cannesmüdigkeitsluxusgefängnishungervisionen.

Und seit 1,5 Tagen keinen Film gesehen, wir zehren vom Auftakt (neun Filme seit Mittwochabend). Am Tisch neben uns sprechen die Leute gerade über die superlangen deutschen zusammengesetzten Substantive ... Alles fließt (ineinander).
Sechster Tag
An den Eingangstüren zu Cannoiser Palast und Markt wird kontrolliert, derlei folgt dem "plan vigipirate": Gesicht, Badge, Tasche. Auch eine Handsonde kommt zum Einsatz. Dieses Auf und Ab des Gerätes an und über dem Körper einer Person könnte auch ein Adelsschlag sein, nur knien die "Kunden" hier nicht vorm König. An der Taschenkontrolle zählt Norbert den Inhalt seiner Tasche auf: Computer, Zeitschriften, Handy, Kalender. Auf Französisch, mit süßem Akzent. Darauf die Königin der Kontrolle lächelnd: "Hier sind alle gleich - bis auf die Akzente!"
Siebenter Tag
Das Festival besteht aus Filmen, Begegnungen - und Wiederbegegnungen. Ich freu' mich, als ich Férid Boughedir wiedertreffe, wir rennen mittags beim Schichtwechsel im Kino ineinander, er war mein erster Dolmetschkunde auf der Berlinale mit seinem Film "Un été à la Goulette" (Ein Sommer in La Goulette), das war 1996. Er steht vor mir und strahlt, bedankt sich für meine Arbeit und sagt augenzwinkernd: "Au revoir au prochain festival !" (Auf ein Wiedersehen beim nächsten Festival!)

Dann stehe ich nachts in einem Festzelt, der obligatorische Regen klopft auf das Dach, um uns herum der weitläufige Garten einer luxuriösen Villa. Mir gegenüber steht ein namhafter deutscher Journalist - und entschuldigt sich, als er realisiert, wer ich bin: "Es tut mir Leid, dass ich Sie als Dolmetscherin vor X Jahren abgewürgt hab beim Interview mit Chabrol, aber ich wollte Zeit gewinnen, die Festivalinterviews sind ja immer so kurz. Meine Entscheidung war nicht gegen Sie gerichtet. Ich habe später gemerkt, dass ich meine Sprachkenntnisse überschätzt habe und musste alles einer Übersetzerin geben. Naja, und der Kommentar der Übersetzerin zu Ihrer Dolmetscharbeit war ein großes Kompliment. Das wollte ich Sie nach den Jahren noch wissen lassen."

Die Episode hatte ich schon fast vergessen, ich erinnere mich daran, dass ich damals vor allem froh über die kurze Pause war. Dennoch tut es gut, die oft raschen Arbeitstage "bei Films" ein wenig entschleunigt zu erleben. Denn bei allem, was mit Film zu tun hat, entscheidet nich selten ein ganzer Apparat, so dass der Eindruck der Fremdbestimmtheit überwiegt, wobei der Seele kaum Zeit zum Verarbeiten bleibt.

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Die Fortsetzung des Films "Un été à la Goulette" von Férid Boughedir ist am 29. Mai um 21.00 Uhr im Berliner Kino Arsenal im Rahmen des Jewish Filmfestival zu sehen, er heißt "Villa Jasmin" und dauert 90 Minuten. Dem Vernehmen nach wird Férid anwesend sein ...
Neunter Tag
Es hat aufgehört zu regnen, die Menschen gehen wieder langsamer, während sich das Tempo der vorbeifahrenden Autos erhöht hat. Menschliche Langsamkeit beobachte ich auch bei manchen Meetings, alle sind müde, entschuldigen sich dafür, ich sehe Augenringe, erste Rücksendepakete und mitunter sogar nur noch Restbestände von Marketingmaterial.

Am Mittag sitzen wir auf der Terrasse im fünften Stock eines Hauses fast neben dem Festivalpalais und warten auf einen Termin. Wir sitzen in der prallen Sonne. Der Termin geht sehr schnell (obwohl inzwischen ein Sonnenschirm aufgespannt wurde). Jetzt heißt es lesen, Angebote schreiben, und in den nächsten Wochen die Screener sichten, die wir im Gepäck haben.

Die Koffer werden schwer sein. Doch vor dem Rückflug rushen wir in die letzten Vorführungen, kaufen Mitbringsel und lassen uns im Lieblingsrestaurant verwöhnen.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Eine Wonne zu lesen! Danke für all Deine Eindrücke.

caro_berlin hat gesagt…

Oh, späte Leserin/später Leser!

Das freut mich sehr als Kommentar.
Danke zurück
und Grüße,
Caroline