Mittwoch, 13. März 2024

Flaschenhals

Bon­jour, gu­ten Tag & hel­lo! Der Ar­beits­all­tag von Sprach­ar­bei­te­r:in­nen ist Ge­gen­stand des Web­logs. Mei­ne Spra­chen sind Deutsch, Fran­zö­sisch und Eng­lisch. Wie Dol­met­sche­rin­nen und Dol­met­scher ar­bei­ten, be­schrei­be ich hier seit 2007. Heu­te den­ke ich wei­ter über un­se­ren Markt nach. (Vor­gän­ger­text hier: klick!)

Der Fla­schen­hals ist ein kla­res Bild, das lei­der ei­nen sehr gro­ßen Teil des Agen­tur­markts in der Sprach­bran­che ab­bil­det. Die we­ni­gen gu­ten Agen­tu­ren sind meist ex­trem spe­zia­li­siert, auf tech­nische, ju­ris­ti­sche oder medi­zi­ni­sche Über­set­zun­gen und da­bei auf we­ni­ge Spra­chen zum Bei­spiel. Die an­de­ren, die mit viel Geld mit Slo­gans wie "alle The­men, al­le Welt­spra­chen, sie­ben Ta­ge die Wo­che, rund um die Uhr er­reich­bar" wer­ben, stel­len für uns Voll­pro­fis nicht sel­ten ein Pro­blem dar.

Bank­no­ten auf dem Tisch, Mün­zen in der Fla­sche
Ei­ne bei ei­nem Kol­leg:in­nen­stamm­tisch ken­nen­ge­lern­te jun­ge Hoch­schul­ab­sol­ven­tin ist auf­grund der Mul­ti­kri­sen bei ei­ner Agen­tur ge­landet, wo sie als Ver­mitt­lerin fun­giert. Sie ist al­so stän­dig auf der Su­che nach Über­set­ze­r:in­nen und Dol­met­sche­r:in­nen.

Doch sie lei­det un­ter ei­nem nicht zu ver­ach­ten­den "De­tail": Die Ver­gü­tung, die sie im Na­men der Fir­ma den Sub­un­ter­neh­mer:in­nen für hoch­qua­li­fi­zier­te Ar­beit an­bie­ten darf, liegt im Be­reich der sprich­wört­lichen "Pea­nuts".

Problem Billig-Agenturen

Die jun­ge Frau ist im­me­rhin vom Fach. Oft sind die Ver­mitt­ler:in­nen fach­fremd, nicht selten so­gar ohne pro­funde Be­rufs­aus­bil­dung, was ger­ne im Bü­ro­ma­nage­ment an­fängt. (Zu oft lan­den An­fra­gen per Rund­um­aus­sen­dung in mei­ner Mail­box; dabei sind alle Emp­fänger:in­nen na­ment­lich auf­ge­führt, Dutzende Sprach­arbei­ter:innen, mit all­ge­mein ge­hal­te­ner An­rede; ei­ne Mail, die zu ver­sen­den nicht viel Zeit in An­spruch ge­nom­men ha­ben kann.)

Der Zu­fall wollte, dass ich die jun­ge Frau, die mir beim Stamm­tisch ge­gen­ü­ber­saß, be­reits durch An­fra­gen in mei­ner Mail­box kannte: "Dol­metscher:in ge­sucht ..." und dann so ein Winz­ho­no­rar. Ihre Nach­fra­ge­mails hat­ten einen im­mer ver­zweifel­teren Grund­ton. Auch auf ver­schie­denen Platt­for­men war sie mir auf­ge­fal­len.

Keine Nachwuchspflege

Ein­mal hat sie mich so­gar an­geru­fen. Ich frag­te nach, was denn aus dem klei­nen Stamm von Mit­ar­bei­ten­den der Fir­ma ge­wor­den sei. An­t­wort: "Das Team ist im Um­bruch, etliche Kol­leg­in­nen sind um­ge­stiegen in an­de­re Be­rufe oder in die Fa­mi­lien­zeit, das mit den Neu­zu­gän­ge hat nicht so ge­klappt wie er­hofft."

Ich er­laubte mir einen Ver­weis auf den Preis. Da­rauf die jun­ge Frau: "Die Bud­gets sind fest, das Mut­terhaus hat sie aus­ge­han­delt. Mit Sprach­dienst­lei­stung ist nicht viel Geld zu ver­die­nen."

Da­mit meinte sie die Per­spek­tive der Über­set­zer:in­nen und Dol­met­scher:in­nen. All­zu gerne hätte ich wi­der­sprochen. Die junge Frau hätte nicht ant­wor­ten kön­nen, sie sitzt im Groß­raum­bü­ro die­ser "Agen­tur­ket­te", die ähn­lich wie man­cher Sand­wich­la­den als Kette im Fr­an­chi­sing funk­tio­niert. (An­de­re Agent­uren ha­ben echte Fi­lial­unter­ne­hmen.)
Große Margen

Meis­tens liegt das Pro­blem bei der Akqui­se, wo Kun­den ge­le­gent­lich auch Fan­ta­sie­prei­se an­ge­bo­ten wer­den, um den Wett­be­werb mit uns Frei­be­ruf­le:r­in­nen zu ge­win­nen, so­wie am Flaschen­hals mit seinen Ex­tra­kos­ten: Werbe­maß­nahmen, Re­nom­mier­adres­se, teu­re Mes­se­stän­de, me­di­al sicht­bare "Cha­ri­ty-Ein­sät­ze" und der­glei­chen mehr.

Wel­che Sum­men da zu­gleich im Um­lauf sein kön­nen, wurde Mit­te der Zeh­ner Jah­re of­fen­sicht­lich, als sich in den USA das Grün­der­ehe­paar ei­ner Rie­sen­agentur in einem dor­ni­gen, von Jour­na­lis­ten be­glei­te­ten Rosen­krieg schei­den ließ: Es ging um Lu­xus­woh­nun­gen in New York mit Park­ blick und be­st­do­tierte Ak­tien­pa­kete, al­les durch die Age­ntur und ih­re um die hun­dert Bü­ros welt­weit fi­nan­ziert.
 
Wett­be­werbs­ver­zer­rung durch Co­ro­na­hil­fen

Aus ei­ner an­de­ren Qu­el­le habe ich spä­ter das er­fah­ren: Die deut­schen Sprach­dienst­leis­tungs­fir­men ha­ben als GmbHs in der Co­ro­na­zeit oft sehr ho­he Staats­hil­fen be­kom­men (an­ders als wir Frei­be­ruf­ler:in­nen). Vie­le com­pu­te­raf­fi­ne jun­ge Men­schen im Stu­di­um such­ten da­mals plötz­lich ei­nen Job im Ho­me­of­fice, so wur­den gan­ze Bran­chen­ver­zeich­nis­se ab­te­le­fo­niert und Kun­den mit Erst­kun­den­ra­bat­ten ge­lockt, die un­an­stän­dig hoch wa­ren.

Ähn­li­che Ra­bat­te gab es dann für den Zweit- oder Drit­tauf­trag, wenn ein Rah­men­ver­trag für ein Dut­zend Ter­mi­ne un­ter­zeich­net wur­de. Le­dig­lich für die Erst­ein­sätze wur­den hoch­qua­li­fi­zier­te Frei­be­ruf­ler:in­nen ver­pflich­tet, mit Preis­ab­schlä­gen, zu de­nen sie nur des­halb be­reit wa­ren, weil ih­nen pan­demie­be­dingt die Ar­beit weg­gebro­chen war und ... sie­he oben.

Preiswert

Da­bei ist wich­tig zu wis­sen, dass hoch­qua­li­fi­zier­te Dienst­leis­ter:in­nen au­ßer­halb exis­ten­ziel­ler Kri­sen nicht zu lä­cher­lich nie­dri­gen Hono­raren ar­bei­ten. Eine an­ge­mes­se­ne Ver­gü­tung un­serer Ar­beit ist nicht nur ge­recht­fer­tigt, son­dern ein­fach not­wen­dig für manch­mal ta­ge­lan­ge Vor­be­rei­tung.

Qua­li­tät braucht Zeit, auch in der be­ruf­li­chen, oft ent­beh­rungs­rei­chen Ent­wick­lung von uns Sprach­pro­fis mit lan­gen Stu­dien- und Aus­lands­jah­ren. Das Er­geb­nis ist nicht bil­lig oder "preis­wert", son­dern schlicht sei­nen Preis wert.

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Illustration:
Dall:e (bringt wieder Pseudo-
Matisse hervor)

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