Dienstag, 8. September 2026

Internationale Presseschau (1)

Will­kom­men et bien­venue auf mei­nem Blog. Als Fran­zösisch­dol­met­scher­in arbei­te ich auch aus dem Eng­li­schen zu The­men Po­li­tik, Wirt­schaft, Ge­sell­schaft, Kunst und Kul­tur. Ich bin froh, die inter­nationale Pres­se auch über deut­sche Vor­komm­nisse lesen zu kön­nen. Dan­ke, Eltern und Hoch­schu­len und Dan­ke, Rei­se­frei­heit (einer im Wes­ten Deutsch­lands Auf­ge­wach­senen)!

His­to­ri­sche Ver­glei­che hin­ken meis­tens. Die neu­en deut­schen „Her­ren“ aus ei­nem klei­nen, öst­li­chen Bun­des­land mit 1,7 Mil­lio­nen Ein­woh­nern, die sich ge­ra­de auf­schwin­gen, dort die Macht zu er­grei­fen, ver­bin­det ei­nes mit dem Auf­stieg der Na­zis vor bald 100 Jah­ren: Es wa­ren und sind über­pro­por­ti­o­nal vie­le Vor­be­straf­te da­bei, Be­trü­ger und an­de­re frag­wür­di­ge Ge­stal­ten.

Ich fas­se hier kurz zu­sam­men, was in Sum­me ge­gen die neu­en Ab­ge­ord­ne­ten vor­liegt: Dieb­stahl, Ur­kun­den­be­trug, Dro­gen­miss­brauch, Rot­licht­mi­lieu (Por­no­pro­duk­tion), Sub­ven­ti­ons­be­trug (Co­ro­na-Hil­fen, mehr­fach), Ver­wen­dung ver­bo­te­ner Na­zi-Pa­ro­len, Bei­hil­fe zu schwe­rer Kör­per­ver­let­zung, ge­fähr­li­che Kör­per­ver­let­zung (mehr­fach), Volks­ver­het­zung, Geld­wä­sche, Nö­ti­gung, Ge­walt­de­lik­te mit Waf­fen­ge­brauch, Spio­na­ge im ei­ge­nen Bü­ro­um­feld, Volks­ver­het­zung (mehr­fach), vor­ge­täusch­te Über­fäl­le, häus­li­che Ge­walt, ge­fähr­li­cher Ein­griff in den Stra­ßen­ver­kehr (mehr­fach), Ver­let­zung des Dienst­ge­heim­nisses, Ver­wen­dung von Sym­bo­len ver­fas­sungs­wid­ri­ger Or­ga­ni­sa­ti­o­nen, En­ga­ge­ment in neo­na­zis­ti­schen Struk­tu­ren, mut­maß­li­che fi­nan­zi­el­le Ein­fluss­nah­me.

Und dann ist da noch die Mit­wir­kung, z.T. in lei­ten­der Funk­tion, in der DDR-Staats­si­cher­heit. „Wir ho­len uns un­ser Land zu­rück“, be­kommt da ei­nen ganz scha­len Bei­ge­schmack.

Et­li­che der Herr­schaf­ten wur­den wie­der­holt we­gen Be­lei­di­gung so­wie ei­ner gut er­kenn­ba­ren Nä­he zu rus­si­schen In­for­ma­ti­ons­netz­wer­ken ak­ten­kun­dig, we­gen Be­su­chen in Bot­schaf­ten oder di­rekt vor Ort und Auf­trit­ten in rus­si­schen Staats­me­dien.

Und was wä­re, wenn der ver­ei­tel­te Droh­nen­an­griff auf den Leip­zi­ger Flug­ha­fen ein­fach nur Wahl­kampf­hil­fe für die Ex­tre­mis­ten ge­we­sen wä­re? Wie­der­holt wird von der in­ter­na­ti­o­na­len Pres­se kom­men­tiert, dass mit dem Sieg der Deutsch­tüm­ler nun Plä­ne aus Russ­land auf­ge­hen wür­den, die in letz­ter Kon­se­quenz die Zer­stö­rung der EU an­vi­sie­re.

This is Germany’s Brexit moment – only far more dangerous Having been on the ground and watched this extraordinary story unfold, I can attest to both its potency and its vitriol.
„Deutsch­lands Bre­xit-Mo­ment“

In ei­nem Kom­men­tar der Zei­tung „In­de­pen­dent“ schreibt die Jour­na­lis­tin Anne McEl­voy, die so­gar schon im Herbst 1989 vor Ort ge­we­sen war, den Erd­rutsch­sieg so: „Das ist Deutsch­lands Brex­it-Mo­ment — nur weit­aus ge­fähr­li­cher“. Und wei­ter: „Ich war vor Ort und ha­be mit­er­lebt, wie sich die­se au­ßer­ge­wöhn­li­che Ge­schich­te zu­ge­tra­gen hat, und kann so­wohl ih­re Wucht als auch ih­re Zer­stö­rungs­kraft be­zeu­gen.“

In ih­rem Kom­men­tar wirft sie der eta­blier­ten Po­li­tik in Ber­lin ei­nen lang­jäh­ri­gen Ent­frem­dungs­pro­zess zu den Wäh­lern in den öst­li­chen Bun­des­län­dern vor. Sie spricht über Po­li­ti­ker aus Lon­don und Ber­lin glei­cher­ma­ßen von einem „ver­schla­fe­nen und oft selbst­ge­fäl­li­gen po­li­ti­schen Es­ta­blish­ment“.

Und je­ne, vor Ort, die es „den Mäch­ti­gen“ in Ber­lin mal so rich­tig zei­gen woll­ten, be­kom­men nun prompt Lob, Gra­tu­la­ti­on und viel­leicht so­gar Blu­men­sträu­ße von ge­wis­sen Men­schen aus Nord­ame­ri­ka, die vor al­lem prä­sent sind im An­stre­ben der Welt­herr­schaft durch ei­ne tech­ni­sche Re­vo­lu­ti­on. 

Der reichs­te Mann der Welt for­der­te zu­dem, Deutsch­land müs­se sei­nen „Schuld­kult“ (past guilt) ab­schaf­fen. Im Pro­gramm der Rechts­ex­tre­men ste­hen ähn­li­che Zei­len. McEl­voy sieht bei der Be­we­gung über­wie­gend jun­ge Leu­te am Werk, die „Ost­deutsch­land“ skan­dier­ten, ob­wohl sie die DDR gar nicht ge­kannt hat­ten. Das geht über Ge­schichts­ver­ges­sen­heit hin­aus. Da­hin­ter liegt der Wunsch, die Ge­schich­te um­zu­schrei­ben. Die Kul­tur­ho­heit, da­mit auch die Lehr­plä­ne, liegt auf der Ebe­ne der Bun­des­län­der.

Ich ver­ste­he bis heu­te nicht, dass ei­ne Par­tei, die er­wie­sen rechts­ex­tre­mis­tisch ist und ge­gen Staat und Grund­ge­setz hetzt, sich über­haupt zur Wahl stel­len durf­te.

Als Toch­ter ei­nes His­to­ri­kers, der im letz­ten Jahr der Wei­ma­rer Re­pu­blik auf die Welt gekom­men ist, muss ich jetzt lei­der sa­gen, dass ich froh bin, dass er das nicht mehr mit­er­le­ben muss.


Zur Per­son: Anne McEl­voy ist Chef­re­dak­teu­rin bei POLITICO (Lon­don) und Au­to­rin von The Sadd­led Cow: East Ger­ma­ny's Life And Le­ga­cy, 1992, über die DDR und die Wen­de, und sie ist Ko-Au­to­rin der für den eng­lisch­spra­chi­gen Markt um­ge­schrie­be­nen Au­to­bi­o­gra­fie von Markus Wolf. Er war der Chef des Aus­lands­ge­heim­diensts der DDR -> Wi­ki­pe­dia. Anne McEl­voy hat in der spä­ten DDR an der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät stu­diert.

______________________________
Gra­fik: In­de­pen­dent

Keine Kommentare: