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| Ein Klassiker nicht nur für Kinder |
Würden Menschen ein Flugzeug besteigen, das mit zehnprozentiger Wahrscheinlichkeit nicht ankommen würde? Garantiert nicht.
Und jetzt sitzen wir alle ungefragt in diesem Flieger.
Ladies and gentlemen, fasten seatbelt, und die zehn Prozent werden überall diskutiert. Schon sind wir bei der Frage, ob die Tekkies eigentlich noch wissen, was sie da gerade bauen.
Der Grund dafür ist wieder einmal die Suche nach Wachstum und ökonomischer Dominanz, der weltweite Wettlauf um die leistungsfähigste KI.
Im Sommer gab es einen Fall, in dem ein hochentwickeltes KI-Modell bei Sicherheitstests Grenzen der vorgesehenen Testumgebung überschritten haben. Als „Ausbruch aus dem Sandkasten“ beschreiben es Fachleute. Das klingt fast niedlich. Gemeint ist aber etwas ziemlich Ungemütliches: KI-Systeme sollten in einer begrenzten Umgebung bestimmte Aufgaben erledigen und haben Wege gefunden, diese Begrenzungen zu umgehen.
Mit der Zeit kam heraus, dass es mehrere Vorfälle verschiedener Entwicklerfirmen gab. Und es gibt auch nicht nur „eine“ KI je Firma. Die Software vervielfältigt sich ständig automatisch, variiert Lösungen, findet neue Funktionsweisen. Sie wurde so programmiert.
Das bedeutet nicht, dass eine KI plötzlich einen eigenen Willen entwickelt. Vielmehr zeigen sich die Begleiterscheinungen ihrer Programmierung: Systeme, die auf ein Ziel hin optimiert wurden und immer mehr eigenständig handeln dürfen, finden Mittel und Wege, an die die Entwicklungsteams nicht gedacht haben.
Je mehr aus dem Chatbot ein Agent wird, desto größer wird die Reichweite. Ein Agent kann nicht nur Text ausspucken. Er kann recherchieren, Programme ausführen, Dateien verändern, Code schreiben, andere Systeme ansteuern und, sofern er die entsprechenden Rechte hat, in der Außenwelt handeln.
Da bekommt der Satz „Dann ziehen wir eben den Stecker“ eine andere Qualität. EIN Stecker reicht dann nicht mehr. Wir alle hängen am Stromnetz, von der Energieproduktion über die Wasseraufbereitung bis hin zu den Brutkästen, in denen Frühgeborene nachreifen.
Und während die Sicherheitsfrage immer dringlicher wird, wächst auch der Ressourcenhunger. Rechenzentren brauchen gewaltige Mengen an Strom, Wasser zur Kühlung, Fläche für Gebäude, Infrastruktur und noch mehr Energie für Netze, Bau und Betrieb. Die KI verschärft die Umweltkrisen. Sie ist keineswegs nur etwas, das irgendwo in einer immateriellen Cloud stattfindet. Die Cloud steht auf sehr viel Beton.
Deshalb müssten Politik und Zivilgesellschaft meiner Meinung nach bei jedem großen KI-Rechenzentrum dieselben Fragen stellen wie bei jeder anderen Großinfrastruktur: Wie viel Strom wird gebraucht, wie viel Wasser und Fläche? Wer bezahlt die zusätzliche Infrastruktur? Was geschieht mit der Abwärme? Was bekommt die Region dafür?
An manchen Orten läuft es schon jetzt auf eine Wettbewerbsfrage zwischen Rechenzentrum und natürlichen Anrainern hinaus, deren Teil wir Menschen sind.
Auch bei der KI selbst brauchen wir Grenzen. Nicht jede neue Modellgeneration darf nach dem Motto „Der andere macht es sonst zuerst“ auf die Welt losgelassen werden. Gerade bei Systemen, die selbstständig handeln können, muss gelten: Erst nachweisen, dass die Risiken beherrschbar sind, dann skalieren.
Das ist keine Forderung gegen KI. Ich finde KI als Werkzeug manchmal nützlich. Sie kann Daten durchsuchen, Muster bei Hautveränderungen erkennen, Begriffe finden, bei Recherchen helfen. Aber ein Werkzeug, das immer selbstständiger wird, immer mehr Zugriff bekommt und zugleich immer mehr Energie, Wasser und Infrastruktur benötigt, darf nicht in die Mühle der Wettbewerbslogik fallen.
Es ist höchste Eisenbahn für Transparenz, unabhängige Sicherheitsprüfungen, Umweltauflagen und eine politische Debatte darüber, welche Risiken wir überhaupt eingehen wollen — und zwar international. Wir stecken schon jetzt in der Logik des Wettrüstens, bei der keine Seite diejenige sein will, die abbremst, weil die andere dann schneller sein könnte.
Vielleicht ist das die eigentliche politische Frage der KI-Zeit: nicht, ob wir KI entwickeln, sondern wer entscheidet, wie schnell, wie groß und mit welchem Risiko.
Auf dem Nachttisch liegt die „Konferenz der Tiere“, ein Kinderbuch von Erich Kästner. Ich weiß, dass Klassiker gut altern. Ich konnte nicht viel davon lesen. Es hat mir den Hals zugeschnürt.______________________________
Cover: Alte Ausgabe; das Werk ist in
jedem guten Buchhandel zu finden.

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