Mittwoch, 2. September 2026

Diese KI ... kann's so nie!

Kon­fe­renz­dol­met­schen ist hier im 20. Jahr Ge­gen­stand. Als Deutsch-Mut­ter­spra­chlerin ar­bei­te ich als Si­mul­tan­dol­met­sche­rin über­wie­gend ins Fran­zö­sische und aus dem Eng­lischen. Mei­ne Büro­kol­le­gin schenkt Ges­chrie­be­nem ihr wun­der­vol­les Eng­lisch. Heu­te aus ak­tu­el­lem An­lass: KI-War­nung.

AI im Muster
The ar­ti­fi­ci­alin­tel­li­gence...
... oder KI auf Deutsch ist in al­ler Mun­de. Eine Kun­din er­wägt, die Künst­li­che In­tel­li­genz (KI) auf ei­ner Kon­fe­renz in ver­schie­de­ne Spra­chen ar­bei­ten zu las­sen. Ach ja! Die KI kann man­ches: Da­ten wie­der­fin­den, Fo­tos vor­sor­tie­ren, Vo­ka­beln raus­su­chen, für die Ter­mi­no­lo­gie­ar­beit frü­he und be­son­de­re Nut­zun­gen von Be­grif­fen nach­wei­sen.
Die KI hilft in der wis­sen­schaft­li­chen For­schung und in der me­di­zi­ni­schen Diag­nos­tik.
Aber sie HILFT nur. Sie lie­fert In­fos, bei der viel falsch ist. Pro­fis ent­schei­den dann.

War­nung vor ei­nem schlech­ten Ka­lau­er: Die Künst­li­che In­tel­li­genz ist kei­ne Si­mul­tan­dol­met­sche­rin, son­dern ma­xi­mal ei­ne Si­mu­lant­dol­met­sche­rin. Da­bei klingt die Vi­si­on der Tech-Kon­zer­ne doch so ver­lo­ckend: ein Klick, ein Al­go­rith­mus im Ohr, und schon ver­stän­di­gen sich Men­schen über Sprach­gren­zen hin­weg flie­ßend, feh­ler­frei und ver­meint­lich kos­ten­güns­tig.

Denn die Tech-Nerds ver­lan­gen ca. 50 Pro­zent des­sen, was wir so ver­an­schla­gen. Da­für schnei­det die KI laut ei­ner WHO-Stu­die er­nüch­ternd ab: Je nach Spra­che er­reich­ten die ma­schi­nel­len Ver­dol­met­schun­gen Qua­li­täts­wer­te zwi­schen nur 5 und 83 Pro­zent. Die hö­he­re Zahl klingt nicht schlecht, aber oft stim­mte die Rei­hen­fol­ge der Be­grif­fe, die Zu­ord­nung der In­hal­te nicht. 

Der Ge­samt­durch­schnitt der „Dol­met­sch­leis­tun­gen“ der KI lag bei 46 Prozent; von 90 ge­tes­te­ten KI-„Ver­dol­met­schun­gen“ be­stand ge­ra­de mal ei­ne ein­zi­ge den Test. Kei­ne war frei von Be­grif­fen und Aus­sa­gen mit Re­pu­ta­ti­ons­ri­si­ko. Hier der Link zur Stu­die (über die AIIC: klick).

Wer die Rea­li­tät auf Mes­sen und Märk­ten, in­ter­na­tio­na­len Kon­fe­ren­zen, po­li­ti­schen Gip­feln oder bei hoch­ran­gi­gen Ver­hand­lun­gen kennt, durch­schaut die Il­lu­si­on schnell. Die Aus­wür­fe der KI fol­gen der Wahr­schein­lich­keits­rech­nung. Sie re­pro­du­ziert aus dem Be­stand, was ein­fach ist. Das Sen­si­ble, das Be­son­de­re und Neue, die Aus­nah­men, um die es beim Dol­met­schen meis­tens geht, fal­len da hin­ten rü­ber.

An­de­re, die sich we­ni­ger gut aus­ken­nen, schauen ver­wun­dert auf eine Ma­schi­ne, die mit atem­be­rau­ben­der Ge­schwin­dig­keit gram­ma­ti­ka­lisch glatt wir­ken­de Sät­ze aus­spuckt.

Aber da die Te­chnik selbst we­der in­tel­li­genz- noch ver­nunft­be­gabt ist, ihr Na­me lei­tet be­wusst in die Ir­re, hat sie da­bei kein ein­zi­ges Wort in­halt­lich ver­stan­den und wirk­lich ver­ar­bei­tet. Und rich­tig kri­tisch wird es im­mer dann, wenn Auf­trag­ge­ber nicht über aus­rei­chen­de Sprach­kennt­nisse ver­fü­gen, um die Qua­li­tät des KI-Aus­wurfs selbst ein­schät­zen zu kön­nen.

Die KI ar­bei­tet an der Ober­flä­che. Sie ist ein gi­gan­ti­sches Auto­com­plete-Pro­gramm. Der Un­ter­schied zwi­schen mensch­li­cher Ex­zel­lenz und ma­schi­nel­ler Wahr­schein­lich­keits­rech­nung lässt sich an et­li­chen Punk­ten fest­ma­chen.

1. Sta­tis­tik statt Ver­ste­hen

Gro­ße Sprach­mo­del­le (LLMs) be­sit­zen kein Be­wusst­sein, kein Welt­wis­sen und kei­ne kog­ni­ti­ve Em­pa­thie. Sie ana­ly­sie­ren rie­si­ge Da­ten­men­gen und be­rech­nen ma­the­ma­tisch, wel­ches Wort mit der höchs­ten Wahr­schein­lich­keit auf das vor­he­ri­ge folgt.

Mensch­li­ches Dol­met­schen ist da­ge­gen ein hoch­kom­ple­xer neu­ro­kog­ni­ti­ver Pro­zess: Wir er­fas­sen In­ten­tio­nen und Nu­an­cen, Iro­nie und Brüche, kul­tu­rel­le Sub­tex­te und an­ge­deu­te­te Zwi­schen­tö­ne in kür­zes­ter Zeit. Wir über­tra­gen Be­deu­tungen, nicht Wort­hül­len. Da­rin sind wir un­schlag­bar. Die KI merkt nicht, wenn sie lo­gi­schen Un­fug pro­du­ziert, so­lan­ge die Syn­tax stimmt.

2. Starr und oh­ne Kon­tex­t

Ein Red­ner auf ei­ner Fach­kon­fe­renz weicht vom Skript ab, nutzt ei­ne lo­ka­le Re­de­wen­dung oder macht ei­nen sub­ti­len Witz, um die Stim­mung auf­zu­lo­ckern. Ei­ne pro­fes­sio­nel­le Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin adap­tiert die­se Bot­schaft blitz­schnell für das Ziel­pub­li­kum.

Die KI schei­tert an sol­chen kul­tu­rel­len Trans­fer­leis­tun­gen. Oh­ne Kon­text­wis­sen über­trägt sie Me­ta­phern flach oder ver­liert bei schnel­len Spre­cher­wech­seln und Dia­lek­ten völ­lig den Fa­den. Was als prä­zi­ser Dis­kurs ge­dacht war, ver­kommt im di­gi­ta­len Äther zu ei­ner le­bens­lo­sen, me­cha­ni­schen Wort­wüs­te.

3. Hal­lu­zi­na­ti­onen

Wenn ei­ne KI im Un­kla­ren über den ex­ak­ten Kon­text ist, rät sie ein­fach. Wir Men­schen wür­den nach­fra­gen, und zwar vor der Ver­anst­al­tung, näm­lich dann, wenn das Vor­be­rei­tungs­ma­te­rial un­klar ist. Wir ha­ben schon man­che(n) Red­ner:in da­vor be­wahrt, bei Vor­trä­gen über ei­ge­ne Tipp­feh­ler zu stol­pern.

KI-Kri­ti­ker nen­nen die Fan­ta­sie­pro­duk­te der Ma­schi­nen be­schö­ni­gend „Hal­lu­zi­na­ti­onen“. Auf Kon­fe­renzen, in Be­hör­den oder bei Ge­richt ist der­lei schlicht ein Feh­ler mit mög­li­cher­wei­se fa­ta­len Fol­gen.

4. Haf­tung

Ge­nau die­ses blin­de Ver­trau­en in die schein­bar un­fehl­ba­re KI-Ge­ne­rie­rung hat im Früh­som­mer ein weg­wei­sen­des ju­ris­ti­sches Nach­spiel ge­habt. Mit dem Ur­teil vom 28. Mai 2026 (Az. 26 O 869/26) hat das Land­ge­richt Mün­chen I ent­schie­den, dass Google un­mit­tel­bar als Stö­rer für un­wah­re Be­haup­tun­gen haf­tet, die durch des­sen KI-Funk­ti­on („AI Over­views“) ge­ne­riert wur­den.

Das Ge­richt stell­te un­miss­ver­ständ­lich klar: Wer ei­gen­stän­dig for­mu­lier­te KI-In­hal­te als fer­ti­ge, ab­ge­schlos­se­ne Aus­sa­gen prä­sen­tiert, kann sich nicht auf das Pri­vi­leg rei­ner, haf­tungs­be­frei­ter Such­ver­mitt­lung be­ru­fen.

Kern­aus­sa­ge: Die KI er­zeugt ei­ne ei­ge­ne Ant­wort, die dem An­bie­ter recht­lich voll zu­ge­rech­net wird.

Das Ur­teil lässt sich aufs Dol­metschen über­tra­gen: Wer Ver­ant­wor­tung für hoch­ka­rä­ti­ge Kom­mu­ni­ka­ti­on trägt, kann die Haf­tung für Fehl­er nicht an ei­ne Soft­ware de­le­gie­ren, die in ih­ren Nut­zungs­be­din­gun­gen jeg­li­che Haf­tung aus­schließt.

5. Fa­zit

Die KI mag für ein­fa­che Stan­dard-Tex­te à la Web­shop mit ähn­li­cher Wa­re und für den ra­schen Über­blick prak­tisch sein. Mit ech­tem Si­mul­tan­dol­met­schen oder kul­tur­sen­si­blem Über­set­zen hat das aber herz­lich we­nig zu tun.

Bei In­hal­ten, auf die es an­kommt, ge­schrie­be­nen oder ge­spro­che­nen, bei de­nen es um Re­pu­ta­ti­on, Mil­lio­nen­ver­trä­ge, di­plo­ma­ti­sche Nu­an­cen und recht­li­che Si­cher­heit geht, blei­ben wir Men­schen un­er­setz­lich. Ver­trau­en Sie lie­ber ei­ner ech­ten Dol­met­sche­rin als ei­ner pro­gram­mier­ten Si­mu­lan­tin.

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Gra­fik: pixlr.com (Zu­falls­fund)

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