Montag, 6. Juni 2016

FrAnglais (auf Deutsch wäre das DEnglish)

Bonjour, hello, guten Tag! Hier bloggt eine Übersetzerin und Dolmetscherin, stets unter Wahrung dienstlicher Geheimnisse, über unsere Arbeitswelt.

Konferenzdolmetscher und unser Alltag: Englisch, Französisch, Deutsch ... eine der Kabinen
drei Arbeitssprachen
Mittagessen im Kongresshotel. Die Re­fe­ren­ten nehmen an mit Namens­schild­chen ver­se­hen­en Ti­schen im Séparé Platz, ein Seated /din­ner/ lunch für die Dame und die Herren; das Boden- und Ka­bi­nen­per­so­nal darf sich im Erdgeschoss am Buffet laben. Beim Es­sen der Referenten sind also keine Dolmetscher zugegen, es hät­ten sonst weitere gebucht werden müs­sen (weil wir Kon­fe­renz­dol­met­scher ja auch essen und pau­sie­ren müssen).

Einschub: Oft sitzen wir Stammpersonal doch mit dabei und lenken kurz Ge­sprä­che in Bahnen, wenn es etwas zu lenken gibt, dol­met­schen und es­sen im Wechsel. Einschubende.

Und natürlich können heute alle Englisch, perfekt und problemlos. Eigentlich sind wir Dol­met­scher inzwischen überflüssig. Immer mehr Veranstalter verzichten auch darauf.

Und dann das: Offenbar kommt es bei dieser Tischrunde zu herrlichen Miss­ver­ständ­nis­sen, unter anderem mit assumer (FR für etwas einstehen) — to assume (EN, vermuten) und eventuellement (FR, möglicherweise) — eventually (EN, letztendlich).

Beim wieder gemeinsam eingenommenen Stehkaffee herrscht jedenfalls dicke Luft. Wir Spachleute spüren das gleich, kennen die Gründe natürlich nicht und mi­schen uns auch nicht ein. Mission invisible, lautet wie immer die Parole. Und keiner der Be­tref­fen­den kommt auf die Idee, uns einzuschalten. Dann geht es erst­mal in die Arbeitsgruppen, von denen nur ein Teil verdolmetscht wird.

Der Kongress dauert insgesamt zwei Tage. Der Nachmittag des ersten Tages ist perdü. Der Zoff kostet die Teilnehmenden einen halben Tag, da ist kein pro­duk­ti­ves Arbeiten mehr drin, da geht es nur noch um Fronten- und Lagerklärung.

Bis zum Five o'clock tea dauert das Zinnobergerede. Wir Sprachleute dürfen dann am Abend aufräumen helfen, damit der zweite Kongresstag nicht auch noch von schlechter Stimmung dominiert wird.

Manchmal lohnt es sich, doch lieber ein bisschen Geld für Dolmetscher aus­zu­ge­ben, zum Beispiel für eine weitere Cabin crew für eine Arbeitsgruppe, die sich auf Englisch verständigt hat und in der der Streit dann eskaliert ist. Die hätten dann auch das Mittagessen für die Redner dolmetschen können.

Praktischer Vorschlag: Wir waren nur zu zweit je Sprache in der Kabine und haben dabei die tariflichen sechs Stunden plus eine Überstunde gearbeitet. Einen dritten Dolmetscher zu buchen, wäre hier eine elegante Lösung gewesen. Wegen der Aus­ein­an­der­set­zung waren wir neun Stunden am ersten Tag aktiv (und haben die Über­stun­den auch berechnet).

Kopflose Schaufensterpuppe mit Sixpacks
Bitte nicht nur die Bauchmuskeln trainieren
Immer diese Fehleinschätzungen, was die allgemein verbreiteten En­glisch­kennt­nis­se angeht!

Ein P.S. zur Erklärung unserer Ar­beits­zeit: Dolmetschen ist eine enorm an­stren­gen­de Tätigkeit, weshalb wir uns immer alle 15 bis 30 Minuten ab­wech­seln. Unsere Netto-Arbeitszeit liegt bei sechs Stunden (normaler Kon­gress­tag) plus Pausenpalaver (*).

Sollen dann noch abendliche Sitzungen stattfinden und anschließend der Kongress z.B. in einem eleganten Restaurant dinieren, sind hierfür entweder zwei anderere Kollegen zu buchen, oder aber das Hotelschiff kommt ohne Verdolmetschung von Tisch­ge­sprä­chen aus und nach den Grußworten haben wir "frei", dann wären drei Kol­le­gin­nen oder Kol­le­gen für eine Nettodolmetschzeit von acht Stunden an­zu­ra­ten.

Vokabelnotiz
the lunch — Mittagessen 
the dinner — das Abendessen, aber auch: das Mittagessen
the supper — Abendessen
le souper
(CA) — Abendessen
le dîner (F) — Abendessen
le souper (F) — der Mitternachtshappen
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Foto: C.E.
(*) Das  Palaver ist nicht abschätzig gemeint.
Die Pausengespräche sind oft die wichtigsten.

Sonntag, 5. Juni 2016

Härzliche Grüße

Bien­ve­nue, will­kom­men auf den Sei­ten mei­nes di­gi­ta­len Ar­beits­ta­ge­buchs. Der Sonn­tag gehört heute der Arbeit, umso wertvoller scheinen mir Fundsachen vom Wegesrand: Mein heutiges Sonntagsbild!

In Frankreich ist der Sonntag oft ein Markttag, in Deutschland schlagen sonntags nur die Flohmarktbetreiber ihre Stände auf. Trotzdem wollte ich Ihnen, liebe Le­se­rin, lie­ber Leser, heute diesen härzligen Anblick zukommen lassen.

(Und ja, die französische Variante birgt auch einen Fehler! Halt, nein, ebenfalls zwei.)

Tomate aus Winterhude
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Foto: C.E.

Freitag, 3. Juni 2016

Deutschnack (II)

Hallo, bonjour, hello auf meinen Blog­seiten aus dem Le­ben einer Pro­fi­dol­met­scher­in. Hier schreibe ich im neunten Jahr über die Arbeitswelt der Sprachen. Ich arbeite in Berlin, Leipzig, Hamburg, Lyon, Pa­ris und dort, wo Sie mich brauchen.
 
Heute: blaumachen.

Bundestag im Reichstagsgebäude
Vorhin wurde im Parlament die Novelle des Film­för­der­ge­set­zes diskutiert. Dabei ließ sich be­wun­dern, mit welch gro­ßem Ge­schmack der Stoff der ge­pol­ster­ten Ses­sel aus­ge­sucht worden ist. Das Bild, das da entsteht, lässt sich auch als "blaumachen" be­zeich­nen. Eine moderne Etymologie ...
 
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Foto: Bundestag

Donnerstag, 2. Juni 2016

Auf dem Schreibtisch XXXII

Hier bloggt eine Spracharbeiterin. Was Dolmetscher für Französisch (und Über­­set­zer) möglicherweise so umtreibt, können Sie hier mitlesen. Ich arbeite in Paris, Berlin, Schwerin und dort, wo Sie mich brauchen!

Bewegte Wochen sind das mit vielen Themen. Dabei haben wir noch Kapazitäten frei. Die Sommerpause findet erst später im Jahr statt.

Regen über Europa
⊗ Aktuelle Politik
⊗ Arbeitsrecht und -kon­flik­te
⊗ Filmfördergesetze
⊗ Afrikapolitik Europas
⊗ Asylrecht
⊗ Bildungsmöglichkeiten für Geflüchtete
⊗ Mietpreisbremse und Mo­der­ni­sie­rungs­um­la­ge
⊗ Platzsparende Ba­de­zim­mer­ins­tal­la­tio­nen (Wanne, Spülkasten, Heizung)

⊗ Kostenvoranschläge für eine Drehbuchübersetzung und zwei Herbsttermine
⊗ Schalliso­lie­rung von Räu­men, un­ter an­de­rem durch Thermohanf

Dabei werde ich für private Kunden ebenso tätig wie für staatliche und nicht­staat­li­che Organisationen. Achtung: ich übersetze keine Urkunden und Ver­wal­tungs­do­ku­men­te!

Im Grunde müsste ich hier ja auch anführen, welche Themen uns infolge Ho­no­rar­dum­pings entgangen sind. Die Liste wäre genauso lang. Ja, es ist (und war immer) schwierig für Absolventen, den Einstieg in den Beruf zu finden. Aber warum kur­siert heute beim Nachwuchs nicht mehr die Information darüber, dass es wichtig ist, die ersten Jahre nach Beendigung des Studiums das Gelernte erst einmal ein wenig „sacken“ zu lassen und sich parallel zu den (wenigen) ersten normal be­zahl­ten Einsätzen z.B. halbtags in einem mehrsprachigen Unternehmen zu ver­pflich­ten oder auf Messen zu arbeiten?

An solchen Orten haben wir uns einst die nötige Routine erarbeitet, die uns ei­gent­lich erst zur Berufsausübung befähigt hat. Jetzt erleben wir es, dass immer wieder unterirdische Preise aufgerufen werden, was bei den Kunden völ­lig fal­sche Er­war­tun­gen auslöst. Waren sie dann mit der Dienstleistung unzufrieden, ru­fen sie bei uns „Oldies“ wie­der an und nennen uns ihre neuen Wunschpreise. Die zweite Grup­pe der Preisdumper sind Ruheständler (z.T. mit geringen Renten), die dritte selbst­be­ru­fe­ne „Übersetzer“, gerne auch im Bunde mit Pseudo-Agenturen, die gestern Zi­gar­ren und heute Mehrsprachler verticken.

Hier die Variation eines Spruchs, den der Übersetzer- und Dolmetscherverband BDÜ neu­lich in Umlauf gebracht hat: Nicht jeder, der zehn Finger hat und "Alle meine Entchen" spielen kann, eignet sich als Konzertpianist. Nicht jeder, der mehr als zwei Sprachen sprechen kann, eignet sich als Übersetzer und Dolmetscher.

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Foto: C.E.

Dienstag, 24. Mai 2016

Wegweisend

Hello, bonjour, guten Tag! Hier hinterlässt eine Dolmetscherin ihre Rand­be­mer­kun­gen aus einem sprachbetonten Arbeitsalltag.
Wegweisende Gesten mit Fahnen
Hier entlang!
Ein Bus des Nahverkehrs. Er verweilt länger an der Hal­te­stel­le, als er müsste.

Ansage des Buslenkers: "Der Verkehr ist infolge eines Un­falls bis auf weiteres un­ter­bro­chen. Auf Anweisung der Fahr­dienst­lei­tung ... warten wir jetzt ... auf wei­te­re An­wei­sun­gen der Fahr­dienst­lei­tung."

Ja, es gibt Menschen, die sich nicht ständig selbst zuhören. Muss ich mir ab und zu in Erinnerung rufen.

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Illustration: Fundsache

Montag, 23. Mai 2016

Storytelling

Bon­jour, gu­ten Tag! Was uns Sprach­ar­bei­ter so um­treibt, ist seit mehr als neun Jah­ren Ge­gen­stand die­ses Blogs. Ich bin Dolmetscherin und Übersetzerin, al­ler­dings nicht für amtliche Dokumente!, und ar­bei­te mit den Sprachen Französisch und Englisch. Dabei be­rich­te ich nur über wah­re Mo­men­te. Eh­ren­wort!

Gesehen in Neukölln
It's all about Storytelling! Texter von Web­sei­ten für Brötchen- oder Hemd­chen­ver­käu­fer greifen heutzutage auf das Er­zäh­len von Ge­schich­ten zurück. Und es kann passieren, dass sogar ein­fa­che Hin­weis­schilder im Stra­ßen­raum diesem Trend heim­lich ver­pflich­tet sind. Was uns das ne­ben­ste­hen­de Schild ge­nau erzählen möchte, weiß ich nicht, aber es scheint immerhin mehrere Zeitebenen an­zu­deu­ten bzw. eine Kausalität. Wer sein Rad hier anlehnt, löst ein Fiasco aus. Nun ja. Geheimnisvoll ist auch das Komma.

Derzeit über­le­ge ich, wel­che Ge­schich­ten ich auf meiner zu bauenden of­fi­ziel­len Be­rufs­web­sei­te er­zäh­len möchte.

Die Auswahl ist groß. Und gut in Übung bin ich auch. Was Sie hier lesen, ist alles in der Realität verankert, aber trotzdem spricht hier die gleiche Persona, die auch ohne Lampenfieber auf diversen Festivalbühnen auftritt und dortselbst moderiert und dolmetscht. Privat habe ich Lampenfieber, und wie! Als Dolmetscherfigur habe ich das überwunden. In den Texten hier spricht die selbe Stimme; die Texte sind Autobiofiktionen, aber sie sind immer wahrhaftig.

Denn ich muss nicht nur meine Nerven, ich muss auch meine Kunden schützen. Ich bin durch das Schweigegebot gebunden, keine Berufsgeheimnisse preiszugeben, das ist selbstverständlich. Manches Madley zweier Ereignisse mit einem an­ge­deu­te­ten dritten Spielort spiegelt am Ende umso besser die Verrücktheiten unseres Be­rufs­le­bens, als es der Eins-zu-eins-Bericht vermocht hätte.

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Foto: C.E.

Sonntag, 22. Mai 2016

Hamburger Wochenende

Was Dol­met­scher und Über­setzer be­schäf­tigt und wie wir ar­bei­ten, da­rü­ber be­rich­te ich hier im zehn­ten Jahr, außerdem schreibe ich über die französische und deutsche Sprache, Englisch kommt am Rand auch vor, über Kom­mu­ni­ka­tions­si­tua­tio­nen und Landeskundliches.

Mal eben nach Hamburg fahren, um eine Kultur- und Politikwoche eröffnen zu hel­fen: Die Africa Unity Week wurde Samstagabend mit einer Diskussion zum The­ma "Beyond Welcome" über die Frage nach politischem Engagement und Partizipation der pan-afrikanischen Bewegung auf der Ebene der Migrations- und Europapolitik eröffnet.

Ich habe aus dem Englischen ins Französische gedolmetscht. Es ist schön, mit ei­nem großen Zeitpuffer vorher anzukommen und sich den Ort fotografisch etwas vertrauter zu machen. Währenddessen habe ich dann leider nicht mehr fo­to­gra­fiert. Ich war zu stark beschäftigt.

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Fotos: C.E.

Donnerstag, 19. Mai 2016

Auf dem Schreibtisch XXXI

Hier bloggt eine Spracharbeiterin. Was Dolmetscher für Französisch (und Über­­set­zer) möglicherweise so umtreibt, können Sie hier mitlesen. Ich arbeite in Paris, Berlin, Schwerin und dort, wo Sie mich brauchen!

Während in Cannes das Filmfestival ohne mich zuende geht, plane ich die nächsten Einsätze. Was steht auf dem Herd?

Gesehen in Kreuzberg
⊗ Filmfördergesetze
⊗ Zeitschriftenmarkt in Deutsch­land
⊗ Wellnesstrends
⊗ Strafrecht: weiterhin kein schönes Thema
⊗ Raumsparendes Wohnen
⊗ Finanzkrise in Europa

Ich dolmetsche und übersetze für staatliche und private Kun­den, allerdings keine Ur­kunden/Ver­wal­tungs­do­ku­men­te.

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Foto: C.E.

Dienstag, 17. Mai 2016

Regio-Deutsch

Was Übersetzer und Dolmetscher so umtreibt, können Sie hier nachlesen. Meine Identitäten dritteln sich aus biografischen Gründen in ost- und westdeutsch und französisch. ("Drei Hälften wohnen, ach, in meiner Brust!") Daran werde ich beim Zeitungenblättern erinnert.

Ost- und Westdeutsch waren einige Jahrzehnte lang nicht gleich. Die Unterschiede waren klein, aber bedeutend. Geübte Ohren hören das noch immer raus. In­zwi­schen sind die Unterschiede nur noch Regionalismen, aber spürbar bis hin zu Rhe­to­rik und Verhandlungsstrategie: Ostdeutsche trumpfen in der Regel weniger auf, sie kokettieren eher mit Fehlern (oder stellen diese vorab ganz sachlich dar), sind in der Regel kooperativer und emotionaler.

"Fetzt urst", DDR-Deutsch
"Krasse Mucke" (Berlinisch der 'Thirtysomethings', 2016)
Ich kann beides und fühle mich in beidem zuhause.

Bei der morgendlichen Pres­se­schau im Café fällt mir im "Neu­en Deutsch­land" eine Schlag­zei­le auf, die nur von Men­schen mit ech­ter oder ge­lern­ter Ost­er­fah­rung ver­stan­den wird.
Der Mann aus dem Hamburger Hotel Atlantic wird 70, Glück­wunsch!
 
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Foto: C.E.

Montag, 16. Mai 2016

Bilder in Worten (I)

Hallo, bonjour, hello auf meinen Blog­seiten aus dem Le­ben einer Pro­fi­dol­met­scher­in. Hier schreibe ich im neunten Jahr über die Arbeitswelt der Sprachen und über das, was mir sonst noch so auffällt. Die Gesellschaft erodiert. Sie zeichnet sich durch zunehmende Verrohung aus, an allen Stellen. Mein Sonntagsbild (am Feiertagsmontag) heute in Worten.

Kinderbuchklassiker von 1931
Ein Kind von ungefähr zehn, elf Jahren Jahren, das abends um halb zehn Uhr, als ich meine Abendrunde am Land­wehr­ka­nal dre­he, Flaschen sammelt: Ich ge­be ihm die im Rucksack vergessene kleine Wasserflasche und frage, ob ich ihn ein wenig begleiten darf. Etliche Par­ty­gän­ger hän­di­gen ihm seine Flaschen aus, beeilen sich mit dem Austrinken, schau­en mich dabei böse an ... (hal­ten sie mich für die Mut­ter?)
Der Kleine wühlt auch in unter den Müll­kör­ben abgestellte Pappkartons, in de­nen sich Müll sammelt. In der Woche vor Pfingsten scheint die Stadtreinigung bei dem guten Wetter und mit Tou­ris­ten und Par­ty­volk und nicht nachzukommen.

Das Kind zieht einen "Hackenporsche" hinter sich her, der bald voll ist. Ich biete mich an, ihn zu ziehen. Ich darf. Er nennt sich Manu (oder so ähnlich), wir ver­las­sen das stark besuchte Ufer des Landwehrkanals und schlagen uns in das Stra­ßen­wirr­war Nord-Neuköllns.

Der Junge wohnt zwanzig Minuten von mir entfernt. Das ach so angesagte, an­geb­lich hippe Neuköln ist und bleibt ein Armutsviertel, auch wenn am Ufer seit Jahren pinselsanierte, aus der Förderung herausgefallene Sozialbauten für knapp 4000 Eu­ro den Quadratmeter angeboten werden (die bislang überproportional oft als Ur­laubs­do­mi­zi­le zweckentfremdet wurden).

Ich darf die Flaschensammlung sogar ins Obergeschoss eines abgewohnten Wie­der­auf­bau­hau­ses tragen. Er bittet mich dann, unten auf ihn zu warten.

Später sitzen wir schweigend auf einer bankartigen Einfriedung einer Baumscheibe und stoßen mit Brause an, die ich zwischendurch schnell im Spätkauf um die Ecke gekauft habe. Langsam lässt er einige Brocken Informationen raus. Er gehe oft an­stel­le seiner Mutter Flaschen sammeln, und zwar immer dann wenn diese Besuch habe. Das sei derzeit fast jeden Abend der Fall. Sie würden "harzen", der Vater kä­me selten vorbei. Die Mutter hätte einen Job als Kellnerin ... manchmal, fügt er zögernd hinzu. In der Schule sei er nicht gut, aber gerade seien Ferien, das wäre "geil", denn er könne lange schlafen. Er sei Torwart, würde gerne Profifußballer und schwärme für Hertha BSC.

Wie lässt sich einem solchen Kind, von denen es immer mehr gibt, helfen? Die Be­hör­den, die bei Kindeswohlgefährdung einschreiten müssten, sind immer mehr über­for­dert, das weiß ich von einer Bekannten, die beim Jugendamt arbeitet und ihre Arbeit als "reine Schadensbegrenzung" bezeichnet.

Erich Kästners Anton würde heute keine Streichhölzer verkaufen. Er ist ein Flücht­lings­jun­ge oder aber er heißt Manu, kommt aus Neukölln und sammelt Pfand­fla­schen.

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Illustration: Buchcover

Sonntag, 15. Mai 2016

Frühlingsszauber

Bon­jour, hel­lo, gu­ten Tag! Hier bloggt ei­ne Sprach­ar­bei­te­rin. Pa­ris, Cannes, Ham­burg, Köln, Hamburg und Berlin sind meine Einsatzorte, Französisch (aktiv) neben Deutsch sowie Eng­lisch (als Ausgangssprache) die Arbeitssprachen. Übersetzer und Dolmetscher haben auch ein Privatleben. Sonntagsbild!

Jedes Jahr stehe ich mindestens einmal staunend vor solchen Kunstwerken der Na­tur. Und nutze dieses Farben- und Formenspiel zu einem herzlichen Ge­burts­tags­gruß!

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Foto: C.E.

Samstag, 14. Mai 2016

Zilpzalp

Samstag ist der Tag der "Lieblinks". Heute zum Thema Interpunktion und ge­fie­der­te Zeitgenossen.

Neben den Mauerseglern, die am 7. Mai in Berlin angekommen sind, zählt der Zilpzalp zu meinen Lieblingsvögeln, des über­aus wohl­klin­gen­den Namens wegen.

Dabei ist dieser Name un­be­dingt durch einen männlichen Schweizer mit tiefer Stimme zu |spre­chen| sin­gen, der es schafft, sogar in dieser Zisch- und Plosivlautfolge min­des­tens ein gut­tu­ra­les RCH un­ter­zu­brin­gen, wie auf der heiß­ge­lieb­ten Vo­gel­stim­men­be­stimm­platte meiner Kindheit, die mir einst liebe Schwei­zer Freun­de ge­schenkt hatten.

(Kein Wunder, dass ich schon immer eine Schwäche für Bernerdeutsch, Sankt-Gal­ler­deutsch usw. hatte ...)

Heute ist Zähltag. Der Naturschutzbund Deutschland (NABU) bittet alle Menschen mit Grün hinter dem Haus, eine Stunde lang die dort vorhandenen Piepmätze zu zählen, die sichtbaren sowie die hörbaren, Überflieger eingeschlossen.

"Vögel im Garten" lautet das Motto der jährlichen Zählaktion, die bereits zutage gefördert hat, dass die heimischen Singvögel von heute nur noch die Hälfte der Population von vor drei Jahrzehnten darstellen.

Und die Linguistin freut sich darüber, dass ein Spaßvogel keck ein imperativisches Ausrufezeichen hinter den Slogan des offensichtlich handgearbeiteten Plakats ge­zeich­net hat, das in einer Berliner Behörde hängt. (Leider lag der Fo­to­ap­pa­rat zuhause.)

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Foto: NABU. Hier geht's zu den Gesängen.

Freitag, 13. Mai 2016

Arbeitsrunde

Bonjour, hallo! Hier bloggt im zehnten Jahr eine Übersetzerin und Dolmetscherin. Meine Arbeitssprachen sind Französisch (Ausgangs- und Zielsprache) und Englisch (nur Ausgangssprache). Wochenlang werde ich nicht fotografiert, und dann in­ner­halb von einer Woche gleich ein halbes Dutzend Mal ... aus Gründen.

Zweite von links: Dr. Bärbel Kofler, MdB
Wir sitzen in einem Büro im Berliner Regierungsviertel. Die Entscheidung des Par­la­ments, einige nord­af­ri­ka­ni­sche Länder als sichere Her­kunfts­staa­ten zu erklären, steht an. Men­schen­rechts­akti­vis­ten sind zu Besuch. Sie bringen nichts Erfreuliches.

Grundlegende Menschenrechte, Versammlungs- und Vereinigungsrecht, freie Ge­werk­schaf­ten und gleiche Bildungs- und Berufschancen für Frauen, Männer und junge Menschen sind nicht gegeben, von der Gewaltenteilung ganz zu schweigen. Die Beauftragte der Bundesregierung für Menschenrechtspolitik und Humanitäre Hilfe hört zu, hakt nach, und die SPD-Abgeordnete kommentiert auch das Gesagte.

Konzentrierte Gesprächsrunde
Ich dolmetsche konsekutiv. Für unsere Gäste ist Fran­zö­sisch nicht die Haupt­spra­che, son­dern Arabisch. Das Fran­zö­sisch, das ich höre, ist ge­le­gent­lich fehlerhaft oder un­klar artikuliert. Ich habe mich vor­ab län­ger ein­ge­hört, fra­ge öf­ter nach.

Diese Art der Verdolmetschung strengt mehrfach an: Das Tref­fen fand diese Woche kurz vor der heutigen Abstimmung des Parlaments statt, das sich mehrheitlich da­für ausgesprochen hat, auch das Land un­se­rer Gäste als sicheren Herkunftsstaat zu be­trach­ten. Den Namen des Landes nenne ich bewusst nicht, denn ich möchte dort noch einreisen können. Der Beruf ist nicht immer leicht, wenn wir so nah am Puls der Zeit sind.

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Foto: Danke, Holger Tillmann!

Donnerstag, 12. Mai 2016

Frühlingsregen

Hier bloggt eine Dolmetscherin und Übersetzerin. Was Spracharbeiter für die fran­zö­si­sche und englische Sprache möglicherweise so umtreibt, können Sie hier verfolgen.

Kaum noch lesbare Notizen
Gone with the rain
Donnerstagabend: Kurzfristig einen Einsatz im Kino annehmen, Ehrenamt. Noch ist das Wetter gut und sommerlich warm; nach zu vielen Tagen in der Kabine und an Sitzungstischen zieht es mich aufs Rad, 50 Minuten je Wegstrecke, super! Draußen ist es warm und leicht windig.

Auf der Hälfte der Strecke ereilt mich ein Ge­wit­ter. Ich stelle mich unter, radle weiter, als es nur noch leicht regnet. Trotzdem bin ich am Ende durchnässt. Ich sehe die letzten vier Fünftel des Films im Stehen, weil die nasse Hose unangenehm klebt.


Drei Leute vor der Leinwand
Cheick F. Camara (li) und Mareike Heller (re), mit Stift: C.E.
Dann folgt das Film­ge­spräch. Der trockene Humor des Re­gis­seurs, der dezent un­ter der Oberfläche schlummert, ent­schä­digt mich für das Er­lit­te­ne.
Und zum Glück hab ich mei­ne No­ti­zen zu Filmtitel und Re­gis­seur sowie der Weg­strecke nicht mehr ge­braucht, die Fragen hat eine Moderatorin gestellt. Ich liebe das Früh­jahr trotz seiner Wet­ter­ka­pri­olen!

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Fotos: Thea Kulla, C.E.

Dienstag, 10. Mai 2016

POV IX: Knitterfrei

Bonjour und gu­ten Tag! Hier bloggt eine Dol­met­scher­in und Über­setzerin. Heute folgt wieder meine Reihe POV, Point of view. Das ist der nur knapp kom­men­tierte sub­jek­ti­ve Blick auf die Spracharbeit — und was damit zu­sam­men­hängt.

Blusen im Schrank
Alles fertig für die Konferenz
Oft leben wir Dolmetscher aus dem Koffer. An den ver­schie­de­nen Orten, an denen ich mei­nen Kopf regelmäßig bette, kümmern sich die lie­ben Mit­men­schen um Post, Pflan­zen und Wasch­ma­schi­nen. Es gibt Wochen, da lebe ich aus zwei Koffern, dem einen, den ich gerade dabei habe, und dem anderen, den ich zur Wei­ter­fahrt unterwegs gegen den ersten tausche.

Wer so lebt, mag irgendwann keine Reinigungen mit ihren beschränkten Öff­nungs­zei­ten mehr. Auch Bügeleisen haben es mir nicht angetan. Schicke Blusen kaufe ich oft im Doppelpack. Im Beruf müssen wir hochwertige Kostümchen und Anzüge tra­gen. Ich lasse sie mir (nach dem Modell eines Lieblingsexemplars) von der Än­de­rungs­schnei­de­rin nachnähen, die das Schneiderhandwerk gelernt hat. Dann kommt auch keine papierartige Gaze zwischen Obermaterial und Futterstoff, die beim Kon­takt mit Wasser im Zweifelsfall sogar den teuersten Anzug schrumpfen lässt. Keine Markennamen!

Die drei weißen Blusen für die drei hochoffiziellen Tage landen im Koffer und im Ho­tel dann gleich im Badezimmer. Ausreichend heißes Wasser in die Wanne ein­las­sen, al­les auf Bügel in den Dampf hängen, Duschvorhang vorziehen, Ba­de­zim­mer­tür zu. Ich habe sogar eine kurze Wäscheleine im Reisegepäck, die sich einhaken und dann mit Saugnapf an der Fliesenwand festmachen lässt. (Und nein, der Saug­napf hat noch nie nach­ge­ge­ben. Für den Fall der Fälle habe ich noch ein elegantes weißes T-Shirt im Gepäck.)

Danach ist alles wie frisch gebügelt und kann dann bei offener Schranktür wieder trocknen. Wichtig: Hinterher Badezimmertür (und, falls vorhanden, -fenster) offen stehen lassen und lüften. Leinen, eine leicht strukturierte Seide und ein Baum­woll­misch­ge­we­be (3 % "was anderes"), siehe Foto, spielen da hervorragend mit. (Bitte keine "Traveloutfits" aus Mikrofaser für hunderte von Euros kaufen, denn Mi­kro­fa­sern sind das Asbest des beginnenden 21. Jahrhunderts.)

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Foto: C.E.

Sonntag, 8. Mai 2016

Grußpostkarte aus Schwerin

Ob geplant oder zufällig, Sie lesen hier in meinem digitalen Tagebuch aus der Ar­beits­welt. Ich bin Dolmetscherin für die französische Sprache (und aus dem Eng­li­schen). Heute folgt das Sonntagsfoto gleich doppelt. Denn während die Mit­be­woh­ne­rin in Berlin die Setz­linge für den Balkon wässert ...

Guillaume et Stéphane Malandrin, Caroline Elias, Je suis mort, mais j'ai des amis
Deutsche Festivalpremiere von "Ich bin tot, macht was draus!"
Auf Filmfestivals zu mo­de­rie­ren ist ei­ne mei­­ner Ne­ben­be­schäf­ti­gun­gen, die ich im­mer dann be­son­ders liebe, wenn aus­län­di­sche Gäs­te da sind, die zu­gleich ge­dol­metscht wer­den müs­sen. In ei­nem ers­ten Be­rufs­le­ben ha­be ich als Jour­na­lis­tin ge­ar­bei­tet. Da­von zeh­re ich noch heu­te.

So wende ich im Kino die ganze Bandbreite meiner Fähigkeiten an und erweitere sie, denn manches Interview vor Publikum führe ich inzwischen auch auf Englisch.

Sehr spannend war dieses Mal die Selbstbeobachtung, dass meine Vorbereitung hier eine andere sein muss als im Dolmetschen. Der deutschen Grammatik wegen sind wir Dolmetscher ja immer extrem vorbereitet, wir lesen viel, hören, sofern es Audiodateien gibt, üben, erstellen Glossare, schreiben Exzerpte. Das deutsche Verb steht am Ende, im Französischen kommt es früher. Oft nutzen wir beim Si­mul­tan­dol­met­schen die Sa­la­mi­tak­tik, sagen schon mal das, was feststeht, und rennen dann sprachlich hinterher. Dabei hilft, dass wir in der Regel aufgrund der Vor­be­rei­tung wissen, wie der Satz zu Ende geht. Würde der Redner nicht kommen, könnten wir die Sache im Grunde auch alleine bestreiten.

Mann mit Stelzen unter dem Anzug schreitet durch Schwerin
Auf dem Weg ins Kino
In der Livemoderation soll­te ich mich mit der Vor­be­rei­tung ein wenig zurückhalten. Ich le­se Texte zur Per­­son, zu den Schauspielern, den Drehorten oder der Story, da­mit ich ein Gerüst habe. Zusätzlich hat jeder von uns hüb­­sche Jo­ker­fra­gen im Ärmel. Und in der Re­gel ken­ne ich na­tür­lich den Film, um den es geht (*). Vor al­lem aber muss ich Raum für Im­pro­vi­sa­tion lassen.

Ich muss auf das Gegenüber eingehen, auf Saalereignisse, Kommentare von Sitz­nach­barn oder Gelächter an bestimmten Stellen einbeziehen. Dolmetschen ist Stu­dio­fo­to­gra­fie, bei der allerdings viel improvisiert werden muss; journalistische Ge­sprächs­füh­rung hat im Idealfall auch etwas mit Schnappschüssen zu tun.

Neulich bin ich fast über das Mikrofonkabel gestolpert und habe das in die Mo­de­ra­tion eingebaut. Vor allem aber muss ich mir die journalistische Neugier auf die Gäs­te erhalten. Mir wurde dieser Tage beim Filmkunstfest Mecklenburg-Vor­pom­mern in Schwerin klar, wie sehr mir Live-Situationen liegen.

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Fotos: C.E. und Stefan Koeck (Guillaume
und Stéphane Malandrin, die Autorin)
(*) ... oft auch viele frühere Werke ...

Samstag, 7. Mai 2016

Übergangsphasen

Bon­jour, gu­ten Tag! Was uns Sprach­ar­bei­ter so um­treibt, ist seit mehr als neun Jah­ren Ge­gen­stand die­ses Blogs. Ich ar­bei­te mit den Sprachen Französisch und Englisch.
Mein Link der Woche ist heute die ge­ball­te Ladung Politik und Zeitgeschehen. Ich lese ja sehr gerne ausländische Zei­tun­gen, der Sprachen wegen, aber auch die Schweizer Presse gehört dazu. Heute der Historiker Philipp Blom im Gespräch mit David Hesse und Bernhard Ott: "Wir werden ärmer werden". Der Ge­schichts­wis­sen­schaft­ler interessiert sich sich für die Schar­nier­punk­te in der Geschichte. In einer solchen Epoche leben wir.

Vokabelnotiz
époque charnière — Übergangsphase

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Logo: Tagesanzeiger

Freitag, 6. Mai 2016

Über Titel

Was Dolmetscher und Übersetzer so umtreibt, das können Sie hier im zehnten Jahr mitlesen. Meine Arbeitsschwerpunkte sind Politik, Wirtschaft und Handel, Soziales und Kultur —  besonders Film und Medien. Während die Mitbewohnerin in Berlin die Setzlinge gießt, bin ich mal kurz in Schwerin.

Ganz früher, noch zu Stummfilmzeiten, hießen sie "Tafeln". Heute stehen Titel meistens unten, also in Mitteleuropa, ist der Platz zu knapp, kann aus dem Unter- schon mal ein Übertitel werden. Schriften, die sich von unten nach oben lesen, finden am Bildrand ihren Platz.

In Japan stehen die Titel an der Seite
Hier fehlt beim wunderbaren Film "Tokyo Fiancée" von Ste­fan Liberski nach dem gleich­na­mi­gen Roman von Amélie Nothomb ganz eindeutig weiterer Platz unten im Bild, denn die Ausgangstitelsetzer und -größeneinsteller hatten keine Ahnung davon, dass eine weitere Sprache hin­zu­kom­men sollte.
Der Film ist von 2014 und gilt damit als alt.

Der Sales Agent hat sich leider nicht die Mühe gemacht, eine Version ohne Un­ter­ti­tel zur weiteren Bearbeitung zu senden. Für weiteres Insistieren bei Regisseur und Produktion fehlt im Festivalvorbereitungsalltag dann das Personal. Internationale Weltvertriebe (Sales Agents) sehen Filme als schnell verderbliche Ware. Das gefällt mir gar nicht, denn es stimmt nicht. Filme sind immer auch Kultur.

Ach, es lässt sich über alles promovieren, sogar über Übertitel; und manche Un­ter­ti­tel, die unsereiner so auf Festivals oder im TV sehen muss, sind deshalb un­ter­ir­disch, weil die Honorare der Untertitler so stark gefallen sind. Halt, nein, nicht "gefallen", sie sind gedrückt worden, es handelt sich hier nicht um ein Na­tur­phä­no­men (wie ein fallender Hochwasserstand z.B.) ... Was einst ein echter Beruf für erfahrene, ausgewachsene Menschen war, ist zum Gelegenheitsjob für Schüler und Studenten im Grundstudium verkommen (worden). Die Schuld dafür tragen einige Firmen, Agenturen und Sprachmakler, aber auch manches Festival stellt sich nicht die Frage nach der Bezahlung jener, die die Arbeit am Ende wirklich machen. Das sollte sich ändern. Festivals, wir müssen reden.

Gleich noch eins. Liebe deutsche Verleihfirmen: Ich weiß nicht, ob Ihr den Film von Liberski wahrgenommen habt, nicht nur ich fand ihn ganz ausgezeichnet, ein Berliner Kino hätten wir bereits, das ihn gerne spielen würde, vielleicht gibt's in Belgien ja auch eine Förderung zur Herausbringung.

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Foto: C.E.

Donnerstag, 5. Mai 2016

Randnotiz

Hello, bonjour, guten Tag! Hier schreibt eine Dolmetscherin über Randbemerkungen aus ihrem Arbeitsalltag.

Das Thema ist "randig", sagte ein Redakteur einst­mals zu mir bei ei­nem schwie­ri­gen The­ma, und es hat wie "ranzig" ge­klun­gen. So oder so ähnlich werden manche Themen von deutschen Medien behandelt: Im Grunde gar nicht. (Daher wundert es uns nicht, dass die Damen und Herren bis heute in der Regel die Be­rufs­be­zeich­nun­gen Übersetzer und Dolmetscher fälschlicherweise wie Synonyme verwenden.)

Die Arbeits- und Lebenswelten ganzer Berufsgruppen finden so in der deutschen Öffentlichkeit nicht statt. Das Feld Dolmetschen und Übersetzen gehört dazu. Mit dieser Arbeit geht es uns so wie Putzfrauen, Aufnahmeleitern und 99 % der Köche: Sie fällt nur auf, wenn sie nicht gut gemacht ist.

Do not jump from the margin / Nicht vom Rand springen
Nasser Seitenrand
Die Nichtwahrnehmung hat in den letzten Jahren zu einer totalen Unterschätzung ge­führt. Mit gravierenden Fol­gen, denn wer Un­ter­schät­zung sagt, muss auch Über­schätz­ung sagen: Die Kollegin der Freun­din wird über­schätzt, der be­rufs­frem­de, smarte und durch­aus sprachkundige Mensch, die Software.
In New Delhi durfte der­mal­einst ein junger Stu­dent die Ge­schäfts­an­bah­nung zweier Handelspartnern aus zwei Ländern dolmetschen.

Auf eine Frage hin antwortete der Deutsche: "Das ist mir Wurst!" Der "Übersetzer" darauf: "Sir, he is offering you sausages ..." Diese Würstchen sind hier als "Bröck­chen" zu lesen ... aus dem Geschäft wurde nichts ... so berichtet von einem Kol­le­gen.

Die Berliner Bäderbetriebe haben neulich in Spandau auch Dr. Gargoyle oder einer anderen selbstberufenen Kapazität mehr vertraut als den zweisprachigen Mittlern. Das Ergebnis hier: randig, total randig!

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Foto: Angelika Abel

Brandwand

Hier bloggt eine Spracharbeiterin. Was Dolmetscher für Französisch (und Über­­set­zer) möglicherweise so umtreibt, können Sie hier verfolgen. Ich werde in Chem­nitz und Calais tätig, Paris und Pirmasens, Schwerin und Schiltigheim und überall dort, wo ich gebraucht werde.

Ein Bild, das in Berlin immer seltener wird: Die Brandmauer, an der sich die Stockwerke des verschwundenen Nachbarhauses abzeichnen.

Brandmauer und altes Haus
Gesehen in Berlin-Schöneberg
Oft waren die Eckhäuser von Straßenkreuzungen und Plät­zen besonders betroffen, denn bei der Befreiung von Berlin wurde Straße für Stra­ße gekämpft und das Eckhaus stand dann immer besonders unter Beschuss.
Besonders eindrucksvoll wa­ren Orte, bei denen das Eck­­haus komplett gefehlt hat und Brand­­mau­­er auf Brand­­mau­er ge­sto­ßen ist.

Das hat auf mich dann immer so gewirkt, als stünde ich im Hochgebirge, ir­gend­ei­nem Naturschauspiel gegenüber. Um das einzufangen, hätte ich hier näher ran­ge­hen müssen. Das hat ein hoher Zaun mit oller Werbung drauf leider verhindert.

Vokabelnotiz
le mur coupe-feu — Brandmauer/-wand
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Foto: C.E.

Mittwoch, 4. Mai 2016

Warum Profis?

Hallo, bonjour, hello auf meinen Blog­seiten aus dem Le­ben einer Pro­fi­dol­met­scher­in. Hier schreibe ich im neunten Jahr über die Arbeitswelt der Sprachen. Ich arbeite in Ulm, Schwerin, Lyon, Pa­ris, Cannes und Berlin, kurz: dort, wo die Kunden mich brauchen.

Schreitender dunkelhäutiger Knabe mit Handy vor zünftigem Wandersmann als gezeichnete Abbildung
Wanderer unter sich
Leider habe ich schon wieder ein Ar­gu­ment für den Einsatz von Pro­fi­dol­met­schern im Bereich Flucht und Migration.

Mindestens ein Laiensprachmittler über­trägt willentlich falsch Interviews und macht falsche Angaben über seine "Kun­den", die beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in Berlin vor­stel­lig wer­den. Darüber bringt das Dradio Wissen einen aktuellen Beitrag. Abraham Z., so heißt es, übertrage als Mitarbeiter des BAMF in Spandau absichtlich im Sinne des Regimes in Eritrea. Er gebe wiederholt falsche Daten und Geburtsorte an, die zu Widersprüchen und Abschiebungen führ­ten.

Er gilt als regimetreuer Eritreer, der den Geflüchteten bewusst schaden wolle. DRadio-Wissen-Reporter Timo Nicolas berichtet über diesen Fall, für den es zahl­rei­che Zeugen gebe. Leider thematisiert der Beitrag nicht den Unterschied zwi­schen professionellen Dolmetschern und Laiensprachmittlern.

In Fachkreisen, in denen ich mich umhöre, wird von mehreren "Dolmetschern" gemunkelt. Ich nehme an, dass sie nicht beeidigt sind. Die Tageszeitung taz hat schon letztes Jahr darüber einen Artikel veröffentlicht.

Irgendwie fällt mir dazu langsam nichts mehr ein.


EDIT: Report München hat gestern über weitere Fälle aus Köln und anderen Orten berichtet. Das Problem hängt nicht nur damit zusammen, dass es zu wenig professionelle Dolmetscher gibt, sondern auch damit, dass die Behörden immer seltener 75 Euro die Stunde (auch für Fahrtzeiten) zahlen möchten und daher oft auf Lai­en­sprach­hel­fer zurückgreifen.

Profis haben die nötige Distanz, und in schwierigen Momenten kennen sie auch Mittel und Wege, um die eigene seelische Gesundheit zu schützen.

Weiteres Problem, und das hat nicht nur die ARD: Die Vermischung der Begriffe Dolmetscher und Übersetzer. Es handelt sich hier um zwei unterschiedliche Berufe in ein- und demselben Arbeitsfeld. Außerdem müssen die Berufsbezeichnungen von uns Profis endlich geschützt werden, daher der Begriff des Lai­en­sprach­hel­fers bzw. Sprach­hel­fers.
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Foto: C.E. (Gesicht per Photoshop verändert)

Dienstag, 3. Mai 2016

Kopf kühlen

Bienvenue, willkommen! Hier bloggt eine Übersetzerin und Dolmetscherin. Meine Arbeit bringt mich regelmäßig nach Lyon, Lübeck, Paris, Potsdam, Berlin und Bordeaux ... und an den heimischen Küchentisch.

30 Gläschen mit verschiedenfarbenen Perlen in Schubladeneinsätzen
Vorrat, schnell verstaut
Am ersten Maiwochenende durfte ich mir den Kopf kühlen. Nach anstrengenden Dol­metsch­ein­sät­zen folgen regelmäßig Pau­sen, in denen unsereiner nicht so wort­ge­wal­tig ist wie normalerweise. Das Gehirn ist in Ruheposition. Es gleicht aus, was es an übergroßen Anstrengungen zu­vor ge­leis­tet hat.
In solchen Momenten geht's ab ins Grüne, gerne mit Freunden, die mich auch mit kleinen Wortfindungsstörungen tolerieren.

Ansonsten greife ich (zu allen Jah­res­zei­ten) gerne zu Pinsel und Perlen. Im Fa­mi­lien- und Freundeskreis bin ich inzwischen für meinen Output als Ge­schen­ke be­kannt.

Ich mag es, manchmal nur in Farben und Formen zu denken.

Perlenketten mit Verschenkbeutel
Ketten mit Stoffbeutel (auch für Bulkware nutzbar)
Wenn sich das Gehirn halb­wegs erholt hat, schalte ich schon wieder Podcasts ein zu Themen, die mich in­te­res­sie­ren.

Oder ich folge einfach nur fremdsprachigen Hör­bü­chern und erhole mich gleichzeitig von der nicht sehr er­bau­li­chen Weltpolitik.

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Fotos: C.E.

Montag, 2. Mai 2016

Miaou

Hal­lo, bon­jour, hel­lo! Hier bloggt ei­ne Dol­met­sche­rin und Über­set­ze­rin. Mein Kopf ist auf Französisch gepolt, außerdem dolmetsche ich immer wieder aus dem Eng­li­schen. Die Unterschiede zwischen den Sprachen sind immer wieder faszinierend.

Eine deutsche Kollegin von mir spricht mit allen Katzen Französisch. Wie das kommt? Ganz einfach. Sie hatte als Kind mal schlechte Erfahrungen mit einem Stubentiger gemacht und diese erst in ihren Jahren in Frankreich überwunden.

Fortan sprach sie alle Katzen, die ihre Wege kreuzten, mit einem französischen "Miaou" an und behauptete felsenfest: "Alle Katzen sprechen Französisch!"

Mich hat sie überzeugt. Wie Tiere in anderen Sprachen klingen, ist hier zu hören.


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Film: Arika Okrent / YouTube

Sonntag, 1. Mai 2016

Hört auf diese Stadt

Beim Lesen eines Textes kam Ihnen heute etwas spanisch vor? Mit dieser Sprache können Ihnen Kolleginnen und Kollegen weiterhelfen, mein Fach sind da eher Französisch und Englisch. Bei Fragen zu unserer Arbeit leihe ich Ihnen gerne mein Ohr. Hier bloggt eine Dolmetscherin und Übersetzerin über den Arbeitsalltag. Heute: Sonntagsfoto!

Riesenohr, Zementwerk im Hintergrund
Am Puls der Zeit
Kundenanruf, ein Angebot von uns kam der Empfängerin komisch vor, nur leider war es deshalb komisch, weil sie ihre Erwartungen nicht vorab mit der Realität abgeglichen hatte. Unsereiner muss dann "Samtohren" haben, den Subtext mit­hö­ren, Fragen stel­len, die Ge­sprächs­part­ne­rin erstmal vor­sich­tig einen Schritt zu­rück­tre­ten lassen.

Jahrelanges Training hat uns geschult, und die Dolmetscharbeit sowieso. Subtexte bekommt unsereiner immer schneller mit als andere. Das kommt sicher vom Beruf.

Wir müssen uns ja immer stark in andere hineinversetzen.

Mittagspause am Rande Kreuzbergs am ersten wirklich sonnigen Tag des Monats April. Das große Pappmaché(?)ohr sticht mir ins Auge. Es scheint meine Ar­beits­wo­che zu symbolisieren: Verhandlungen, die mit Samtohren (und Samthandschuhen) zu führen waren, unterschiedliche O-Töne sowie direkte Berichte aus der Arbeit mit Geflüchteten — von den Betroffenen selbst. Außerdem: Förderung eines Pro­jek­tes von Migranten und Geflüchteten für die eigene Zielgruppe.

Hört auf diese Stadt! Was Berlin dem Rest der Republik voraus hat, ist die Er­fah­rung mit Zu­ge­wan­der­ten in großer Zahl. Es gibt gute und schlechte Beispiele; aus allen ist zu lernen.


Vokabelnotiz  
prête-moi ton oreille (wörtlich: leih' mir dein Ohr) — hör' mal (ge­nau) zu
ins Auge stechen  — (visuell) auffallen —sauter aux yeux (in die Augen springen)
jemanden mit Samthandschuhen anfassen — mettre des gants avec qn. [fam] (bei jemandem die Handschuhe anziehen)
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Foto: C.E.

Freitag, 29. April 2016

Auf dem Schreibtisch XXX

Hier bloggt eine Spracharbeiterin. Was Dolmetscher für Französisch (und Über­­set­zer) möglicherweise so umtreibt, können Sie hier mitlesen. Ich arbeite in Paris, Berlin, Schwerin und dort, wo Sie mich brauchen!

Langsam wird es wärmer, wobei der Kopf das mit der Kühle nicht so gemerkt hat. Die grauen Zellen haben schon jetzt zum Warmlaufen gebracht:

Frühling in Berlin
⊗ Migration, Integration, Gewerkschaften (jetzt steht die Nachbereitung an)
⊗ Geplante Obsoleszenz
⊗ Finanzkrise in Europa / Griechenland
⊗ Men­­schen­rech­te in Al­ge­ri­en
⊗ Arbeitsmarkt Frankreich
⊗ Strafrecht: kein schönes Thema
⊗ Französische Startups in Berlin
⊗ Hanf als Baumaterial
⊗ Kinoland Belgien
⊗ Paul Klee

Manche Themen sind (leider) Dauerbrenner, andere nur für den Mai relevant. Ich werde in Botschaften und Kulturhäusern, im Kino, beim Anwalt und in Wirt­schafts­un­ter­neh­men dolmetschen.

Foto rechts in der Mitte: Das neue Berlinsprech, hier wird (falsch ge­schrie­be­nes) Französisch, Deutsch, Italienisch und Englisch wild durcheinandergemischt.

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Foto: C.E.

Donnerstag, 28. April 2016

Nebenkosten

Bon­jour und guten Tag! Hier bloggt ei­ne Dol­met­sche­rin und Über­set­ze­rin. Mein Kopf ist auf Französisch gepolt, außerdem dolmetsche ich immer wieder aus dem Eng­li­schen. Hier berichte ich über meinen Berufsalltag.

Zimtschnecke
Quelle: The Bread Station
Gestern wurde ich auf einen Job auf­merk­sam ge­macht, bei dem sich mir sämt­li­che Haa­re ge­sträubt ha­ben: Zwei Auf­ga­ben in einer, kei­ne an­satz­wei­se nor­mal ver­gü­tet.

Ge­­bo­­ten wurde ein Sie­ben­tel mei­nes nor­ma­len Stun­den­sat­zes für rei­ne Schreib­­tisch­­ar­­beit. Sowas geht gar nicht. Stun­den­sät­ze sind im­mer Ver­­hand­lungs­sa­che.

Aber ein sol­cher Preis für ei­nen Film­­auf­trag, dessen Ergebnis dann vermutlich kom­plett normal bei Öffent­lich-Recht­li­chens zu sehen sein wird, erfüllt leider den Tat­be­stand der Sittenwidrigkeit (in die hinein die Sender nicht selten den Be­rufs­nach­wuchs nötigen).

Auf Dumpinganfragen antworte ich normalerweise nicht. Das hier war echt zu hef­tig. Meine normale Antwort auf die Ausschreibung gestern wäre gewesen:
Sehr geehrte Damen und Herren, 
der von Ihnen angebotene Stundensatz entspricht meinen Nebenkosten an Ausgaben für schwarze Schokolade, dänische Zimtschnecken, Heizung und gute Musik, für die ich selbstverständlich bezahle. Für Profis mit einschlägiger Vorerfahrung rechnen Sie bitte ab 70 Euro die Stunde vor Steuern. 
Mit vorzüglicher Hochachtung usw.
Die Produktionsfirma ist noch jung, genießt Welpenschutz. Aber Unwissenheit schützt vor Strafe nicht. Natürlich berate ich auch zu den Kosten, z.B. in Sachen Übersetzung von Filmskripten und -projekten, fremdsprachiger Recherche, Dol­met­schen am Set und im Schnitt, Trans-Ü (statt Transkription gleich die Über­set­zung niederschreiben, siehe Ausschreibung von gestern) sowie Untertitel. Gerade die Übersetzung großer Mengen gedrehten Materials können Übersetzer und Dol­met­scher mit Diktiersoftware beschleunigen.

Am liebsten berate ich im Vorfeld, wenn die Kalkulation entsteht. Ich erledige sol­che Aufträge seit 15 Jahren, Beratung inklusive. Und wir alle haben mal an­ge­fan­gen.

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Foto: C.E.

Mittwoch, 27. April 2016

Mittelschicht

Willkommen auf den Logbuchseiten einer Französischübersetzerin und -dol­met­scher­in. Hier berichte ich aus Berlin, Paris, Cannes, Marseille, München, Hamburg oder Leipzig unter Wahrung dienstlicher Geheimnisse. Meine gewählte Pers­pek­ti­ve: entweder aus dem In­ne­ren der Dolmetschkabine oder direkt vom Schreibtisch.

Heute komme ich aus dem entsetzten Hechelschnaufen kaum heraus. Ich fühle mich angefasst und künftig in meiner Selbstbestimmung bedroht. Ich erkläre mich.

Kulturhaus A. in der Stadt B., bundesfinanziert, französische Kuratorin, ihr Englisch ist nicht so gut wie ihre Französischkenntnisse, sie lernt fleißig Deutsch. Eine Pres­se­kon­fe­renz steht an. Madame möchte sich in ihrer Muttersprache äußern. Es geht um einen einstündigen Einsatz. Ich biete eine kleine Variation von Honoraren an, wobei ich immer davon ausgehe, dass die Anzahl der Stunden zur Vorbereitung gleichbleibend ist. Ich rechne das transparent auf den Stundensatz runter, der im Durchschnitt bei 80 Euro liegt. Da ich etliche ehrenamtliche Ein­sät­ze im Bereich der Flüchtlingsarbeit habe und ungern ausufernd lange debattiere, bitte ich die potentiellen Kunden immer um die Ansage dessen, was bei ihnen die Schmerz­gren­ze nach oben ist.

Meistens klappt das ganz gut. Mit der Absage, die dann kam, hätte ich allerdings nicht gerechnet. Die Direktion ziehe es vor, dass Madame Englisch spricht. Die in Kulturkreisen lange gültige Regel "jede(r) in seiner/ihrer Sprache" wird langsam aber sicher abgeschafft. Gefällt mir gar nicht.

Dann noch eine "Trans-Ü"-Anfrage. Trans-Ü nenne ich Transkription mit gleich­zei­ti­ger Übersetzung, was ich mit einem Diktierprogramm erledige. So konnte ich in den letzten Jahren die fallenden Honorarsätze ausgleichen und meinen Stun­den­satz (nach Amortisierung der Software) beibehalten.

Zu dem, was ich jetzt lesen muss, fällt mir nichts mehr ein. Gar nichts mehr.

Ungelernte Menschen bekommen in Deutschland den Mindestlohn von 8,50 Euro die Stunde, dann kommen für den Arbeitgeber noch Sozialausgaben und Kosten für den Arbeitsplatz hinzu. Studierte Menschen sind für weniger zu haben. Wenn wir so rech­nen, wie es einem bei der Existenzgründung beigebracht wird, 50 % der Um­sät­ze entsprechen diesen eben erwähnten Nebenkosten, dann haben in Deutsch­land jetzt studierte Menschen bei 5,00 Euro die Stunde keine Problem damit, Ar­beit zu finden.

25.04.2016 Für unsere Doku DIE REISE (AT) suchen wir eine/n zuverlässige/n Übersetzer Französisch-Deutsch. Wir haben ca. 4h Material (Interview, Französisch) das gleich ins Deutsche transkribiert werden soll (tabellarisch, Timecodes IN, Text je ca. 10 Sekunden). Du bekommst 10,- Euro pro Arbeitsstunde und stellst uns eine Rechnung aus. [Name der Firma/Mail]
Crew United hat die Anzeige inzwischen deaktiviert
Im Mediensektor handelt es sich um ein systemisches Problem. Die Sender zweigen immer mehr Geld für Aufgaben ab, die nicht mit dem Programm zu tun haben, die "unabhängigen" Produktionsfirmen kämpfen großenteils ums Überleben. (Außer die Sendertöchter, was ein Teil des Problems ist.) Und wir haben in Deutschland glaube ich inzwischen 1000 Menschen, die vom Vergeben von Filmfördergeldern leben.

Auch in anderen Bereichen beobachte ich im Übersetzungs- und Dolmetschmarkt ähnliche Entwicklungen wie grundsätzlich in der Gesellschaft: Der mittlere Bereich bricht weg. Noch habe ich für die Berühmtheiten und Politiker gut zu tun, hier ver­die­ne ich mein Geld, und den Kontakt zur Wirklichkeit halte ich durch meine eh­ren­amt­li­chen Einsätze. Aber ich spüre, dass ich mich langsam fragen muss, was ich in den kommenden zwanzig Berufsjahren machen möchte.

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Illustration: Netzfund

Montag, 25. April 2016

Stellungnahme zum Masterplan

Hier be­grüßt Sie ei­ne Sprach­ar­bei­te­rin, auf de­ren Sei­te Sie ge­­plant oder zu­­fäl­­lig ge­lan­det sind. Ob in Berlin, Paris, Schwerin oder Lille, ich mache überall das Glei­che: Ich dolmetsche und übersetze. Dabei sind Französisch oder Englisch die Aus­gangs­spra­chen, Deutsch oder Französisch die Zielsprachen.

Dem Vernehmen nach soll McKinsey für die Endfassung des Masterplans zur In­te­gra­tion von Flüchtlingen in Berlin roundabout 240 Tausend Euro bekommen haben. Also etwas weniger, so dass die Summe gerade nicht europaweit ausgeschrieben werden musste.

Statistics: A survey of available Wohnraum in Berlin and where, in which hands is it
Arbeitsphase: Anmerkungen
Ich gehe die Sache mal kurz als Übersetzerin an: Der Text um­fasst auf 76 Seiten ins­ge­samt 246.343 Zeichen in­klu­si­ve Leer­zeichen, geteilt durch 55 Anschläge er­gibt das 4479 Über­set­zer­norm­zei­len, beim Ge­samt­preis lie­gen die Kosten bei 53,17 Euro pro Über­set­zer­norm­zei­le oder 3131,58 Euro pro Seite. (Dabei hatte die Firma ehrenamtlich an­ge­fan­gen.)

Und im Grunde liegen die Zeilenpreise noch jenseits der 53,17 Euro, denn das Programm hat alle Zeilen- und Sei­ten­zah­len mit­ge­zählt. Zum Vergleich: Pro­fes­sio­nel­le Übersetzungen kosten um die 1,70 Euro bei mit­tle­rem Rechercheaufwand.

Dann schaue ich genauer hin. Als Steuerzahlerin, die lesen kann und sich mit der Materie auf der Basis von einem halben Tag die Woche beschäftigt, muss ich sagen, dass die zusammengestöppelten Ist-Berichte der einzelnen Verwaltungen plus et­li­cher Absichtserklärungen sowie die Zusammenfassung bestehender Programme und das Anreißen eventuell an­vi­sier­ba­rer Möglichkeiten diese Summe nicht im Ansatz rechtfertigen.

Hier die Anmerkungen und Kritikpunkte von Aktiven aus über 60 Initiativen, Ver­ei­nen und sonstigen Trägern, die in Berlin zumeist täglich mit dem Thema zu tun haben: Downloadlink.

Die Stellungnahme zum "Masterplan Integration und Sicherheit" der Stadt Berlin entstand in zweieinhalb Tagen, und es sind einige wichtige Punkte nicht auf­ge­nom­men worden, weil Kürze ein erklärtes Ziel war. Insgesamt kamen über 130 Men­schen zu Wort.

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Foto:

Sonntag, 24. April 2016

Das Atelier

Hallo, hello & bonjour. Was mich als Spracharbeiterin so umtreibt (und auch an­de­re Dol­met­scher und Über­set­zer für Französisch und andere Sprachen kennen), da­rü­ber schreibe ich hier regelmäßig. Auch zeige ich gerne meine Arbeitsplätze vor, dieses Mal liegen sie in Charlottenburg und Schöneberg, Sonntagsbilder!

Tag eins im Rathaus dol­met­schen, es geht um den "Mas­ter­plan Integration und Si­cher­heit" des Senats bzw. der Fir­ma McKinsey, Tag zwei am Protokoll mitschreiben, auch so geht Arbeit. Am zweiten Tag ge­ra­te ich mit Betreten eines "Ateliers" mitten in eine Dis­kus­sion. Wir werden auf den Raum verteilt und fangen an. Irgendwann fallen mir die Lampen auf.
Ich forsche nach einem hö­hen­ver­stell­ba­ren Stuhl. Später werden die ersten Bö­gen der "Mo­de­ra­tions­wän­de" ab­ge­hängt, jemand schiebt einen Besen durch den Raum, das restliche Papier wird ein­ge­rollt, wei­te­re Lam­pen rein­ge­tra­gen. Am En­de sind al­le zu­frie­­den. Plötz­lich ste­he ich in ei­nem Fo­to­stu­dio. Hat­te ich nicht ge­merkt. Sehr lus­tig.

Was drumherum noch geschah, traue ich mich kaum zu schreiben, denn es klingt zu erfunden. Hinter dem grauen Vorhang liegt nämlich ein kunstvoll dekorierter Therapieraum. Am Abend fand hier eine deutsch-arabisch verdolmetschte Ge­sprächs­run­de statt, an der ein Dutzend Menschen aus mindestens sechs Ländern teilgenommen haben, wir Protokollanten zwischendurch auch. Nach dem Ende al­ler Veranstaltungen wurden hinter einem anderen Vorhang Matratzen und Bettzeug hervorgeholt. Hier im Atelier schläft eine Flüchtlingsfamilie, so ähnlich wie in man­chem Theater ... weiterlesen: "Deutsches Theater nimmt Flüchtlinge auf".

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Fotos: C.E.

Mittwoch, 20. April 2016

Aufgelesen

Hier bloggt eine Spracharbeiterin. Was Dolmetscher für Französisch (und Über­­set­zer) möglicherweise so umtreibt, können Sie hier mitlesen. Ich arbeite in Paris, Berlin, Frankfurt, Lyon und dort, wo ich gebraucht werde.

Mein Zitat zum Text von gestern stammt von Camus: "Wer die Dinge beim falschen Namen nennt, trägt zum Unglück der Welt bei."

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Foto: entfällt

Dienstag, 19. April 2016

Sprache und Macht

Hallo, salut, hello! Hier bloggt eine Spracharbeiterin. Was mir aus meinem Leben in der Welt der Übersetzer und Dolmetscher für Französisch (und aus dem Eng­li­schen) auffällt, notiere ich hier.

Worte im Bild
Schreibfehler in der grafischen Umsetzung
Im hessischen Schulbuch eines bekannten Verlages für den Deutschunterricht der 5. Klas­se stand einst eine Ge­schich­te (und steht sie hoffentlich noch heute) von Peter Bich­sel: “Ein Tisch ist ein Tisch“. Auf einer meiner Kin­der­hör­spiel­cas­set­ten, die ich bei zahlreichen bronchialen Er­kran­kungen so oft gehört ha­be, dass ich alles mit­spre­chen konnte, hat dieser Peter Bich­sel seine Geschichte mit seinem gemütlichen Schwei­zer Akzent selbst vor­ge­tra­gen.

(Leider habe ich diese Tonaufnahme im Netz (noch) nicht wiedergefunden.)

Es geht um einen Mann, dem eines Tages einfällt, die Dinge mit anderen Begriffen zu belegen als jene, auf die sich die Allgemeinheit verständigt hat. Das geht eine Zeit lang so, es beschäftigt den Mann, bis er am Ende völlig vereinsamt ist, denn mit niemandem kann er sich mehr austauschen. Er hat sich in seinen verschobenen Begrifflichkeiten eingemauert.

Mich hat das Kind diese Geschichte fasziniert, denn sie geht von anderen Sprachen aus, die für die Bezeichnung ein- und denselben Gegenstands völlig andere Klänge nutzen.  Sie macht in wundervoller Weise die Willkürlichkeit der Laute und Regeln klar, auf die sich die verschiedenen Kulturen verständigt haben.

Jetzt gerade muss sich wieder an diese Geschichte denken, denn sie funktioniert auch in einem größeren Rahmen. Unser Vizekanzler reist nach Ägypten und nennt nach Gesprächen mit dem Präsidenten diesen einen „beeindruckenden“ Mann. Das ist ganz so, als wäre Al-Sisi nicht für Folter, Zensur und Polizeiwillkür bekannt. Denn eigentlich geht es diesem Vizekanzler nur darum, den Ägyptern Geld zu ge­ben, damit diese ihre Grenzen besser überwachen.

Die europäischen Länder haben ihre Grenzen an der Ostseite geschlossen, den Syrien nächstgelegenen Ländern, und es geschieht, womit alle gerechnet haben: Kriegs-, Klima- und Wirtschaftskriegsflüchtlinge brechen in Nussschalen auf die große Mittelmeerüberquerung auf, es kommt erneut zu mindestens 300 Toten, und Europa überlegt sich, wie da­rauf mit einer „Rettungsmission“ zu antworten sei. Reminder: In diesem Bereich des Mittelmeeres starben vor ziemlich genau einem Jahr 700 Flüchtlinge. Als Dol­met­sche­rin erinnere ich mich leider zu gut an Ge­sag­tes. Damals hieß es: So etwas darf nie wieder geschehen.

Echte Rettungsmissionen sehen anders aus. Die Berliner Luftbrücke war mal eine solche. Und wann werden die Regierenden die De-facto-Abschaffung des Asyl­rechts, eine der Lektionen aus dem 2. Weltkrieg, auch de jure abschaffen? Welchen Namen werden sie der Sache geben? Rettung des Hausfriedens?

Ein Fernsehmensch demonstriert etwas mit der Ansage à la Das, was jetzt folgt, darf nicht sein, es ist verboten, denn es ist keine Satire, die anderen Beiträge der Kollegen waren satirisch und sind von der Kunstfreiheit gedeckt. Und die ganze Welt re­agiert so, als hätte es diese Anmoderation nicht gegeben, die Medien über­schla­gen sich, das Thema wird tagelang auf höchster Regierungsebene verhandelt, die wirk­lich wesentlichen Punkte geraten aus dem Blickfeld.

Zum Beispiel scheint in Vergessenheit geraten zu sein, dass die Türkei in Syrien Kriegsteilnehmer ist, indirekt, sie hat strategische Interessen daran, dass Syrien keine Gaspipeline durch sein Land baut, denn damit würde Türkei etwas von sei­nem Alleinstellungsmerkmal verlieren, dass ihm regelmäßig Wegezoll einbringt; außerdem bekämpft die Türkei mit kriegerischen Mitteln ihre kurdische Minderheit im eigenen Land, während die Kurden auf der anderen Seite der Grenze  an der Niederschlagung Daeshs beteiligt sind.

Genau diese Türken werden nun zu unseren „Freunden“ und Geschäftspartnern, wenn sie Lager für syrische Geflüchtete bauen. Währenddessen sollen sie an der ebenfalls scharf überwachten türkischen Grenze auf syrische Flüchtlinge ge­schos­sen haben.

Dem Tisch sagte er Teppich. / Dem Stuhl sagte er Wecker. (Bichsel)

Die Begriffe „Europäische Werte“ und Menschenrechte hatten auf unserem Kon­ti­nent, von dem Menschen wie Stückgut außerhalb der Grenzen verschoben werden, mal einen guten Klang. Wenn das so weitergeht, muss die europäische Union ihren voreilig erhaltenen Friedensnobelpreis zurückgeben.

Weiter geht es auf Französisch mit George Orwell und Victor Klemperer, für mich beides alte Bekannte; ich freue mich, dass Klemperer jetzt auch in Frankreich be­kann­ter wird: www.cincivox.wordpress.com!



Vokabelnotiz
mettre les points sur les i (wörtlich: Die Is mit Punkten versehen)  – die Dinge beim Namen nennen
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Illustration: yowillnevergetme

Montag, 18. April 2016

Themen 2015

Geplant oder ungeplant sind Sie hergekommen und lesen jetzt Seiten meines di­gi­ta­len Ar­beits­ta­ge­buchs aus dem Inneren der Dolmetscherkabine! Bonjour! Hier schreibe ich über kleine Beobachtungen des Alltags, über kulturelle Hin­ter­grün­de und war in folgenden Bereichen im letzten Jahr aktiv.

Hier eine Übersicht über die Themen, die ich im letzten Jahr in Bearbeitung hatte:
— Allgemeine Politik, Wirt­schafts- und Finanzkrise, Steuergerechtigkeit
— Asylpolitik, Migration und Integration
— Französisches Kino und Film­wirt­schaft: Filmfinanzierung und Aus­bil­dungs­pro­gram­me
— Filmstarts, Castings und Pres­se­hef­te
— EU-Strukturen und -Krisen
— Urheberrecht
— Architektur/Urbanismus: Genossenschaften, Nachverdichtung der Städte
— Architektur: Altbausanierung, Gestaltung von Innenräumen
— Blue Card (Green Card der EU)
— Startups in Berlin
— Baumärkte für Privat-und Industriekunden
— Afrika, besonders Burkina Faso
— Bodengesundheit, Urban Gardening and Farming
— Psychologische Krisenintervention
— Krimis mit historischem Hintergrund
— 20-er bis 40-er Jahre des 20. Jahrhunderts
—  Büromöblierung und alte Lampen


Mit diesen Themen habe ich mich im Rahmen von Konferenzen, Delegationsreisen, Arbeit im kleinen Team, Recherche, Dreharbeiten und Beratung beschäftigt. Ich werde tätig für Unternehmen aus der Wirtschaft, politische Stiftungen, NGOs, öf­fent­lich-rechtliche Sender, Filmfestivals und -verleiher, Botschaften, Ministerien und auch für private Kunden.

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Fotos: privat/C.E., mit Sprachen quer durch Europa