Mittwoch, 19. November 2008

In der Rütli-Schule

Ich wohne in Neukölln, und das auch noch gerne. Und gestern habe ich die Rütli-Schule besucht. Richtig, das ist jene Schule, die nach einem Brandbrief der Lehrer ab März 2006 als "unregierbar" in den Gazetten zitiert wurde.

Das ist lang her. Derzeit steigt der Bildungsstand Neuköllns dramatisch: Es ziehen immer mehr Studenten, Künstler und Besserverdienende her. Die Frühphase dessen, was Gentrifizierung sein kann, führt dazu, dass der Berliner Stadtteil keinen so ganz schlechten Klang mehr hat wie noch vor wenigen Jahren. Als vor kleinen Ewigkeiten meine Dolmetscherkollegin Kerstin und ich völlig unabhängig voneinander nach Neukölln zogen, war unser jeweiliges Umfeld entsetzt. Aber der Bezirk ist groß, wir wohnen in der "schicken" Ecke, da haben sich alle rasch wieder abgeregt. Aus der Presse und über Nachbarn sind wir so einigermaßen auf dem Laufenden, wie das Leben im Viertel aussieht. Dachten wir. Bis wir dieser Tage einen spannenden Dolmetschauftrag bekamen - wir dolmetschten bei der mehrtägigen Begegnung von Sozialarbeitern, Polizisten, Lehrern und Sozialarbeitern aus Clichy-sous-Bois und Neukölln. Das französische Clichy ist 15 Kilometer von Paris entfernt und zählt zu den Problemvororten - und aus Pariser Perspektive ist Neukölln Vorort.

Die Schwierigkeiten, auf die man in beiden Ortschaften trifft, ähneln sich, aber die Strukturen beider Länder, der Verwaltungen und Schuleinrichtungen nicht. Dennoch suchen nun alle gemeinsam nach den besten bereits umgesetzten Modellen, um auch jenseits des Rheins den Bildungsstand anzuheben, entwickeln in Kooperation miteinander neue Projekte.

Solange alles auf der Arbeitsebene stattfindet und keine offiziellen Statements gegenüber der Presse gegeben werden, muss hier die Dolmetscherin schweigen. Aber die Gespräche und Begegnungen in der Europäischen Akademie, in der Rütli-Schule und anderenorts waren spannend - und außergewöhnlich. Selten hatte ich als Dolmetscherin so stark das Gefühl, vom Thema betroffen zu sein, und sei es auch nur als Nachbarin, wie dieser Tage. Und selten habe ich mit Kerstin so viel mitgelitten wie am 18., als Aleksander Dzembritzki, Leiter der Rütli-Schule, voller Elan und Mitteilungsdrang sämtliche Schnellsprechrekorde brach, so dass Kerstin immer lauter wurde, worauf er sich sicherlich wie ein Getriebener vorgekommen sein muss, was ihn noch schneller werden ließ ...

Das ist die Besonderheit der mobilen Dolmetschanlage: Wir Dolmetscherinnen stecken nicht im Kabuff, sondern sind mittendrin.

Auch die anderen Tage waren Viel- und Schnellsprechtage. Am Ende war ich heiser, was ich gerne für 24 Stunden als kleinen Schaden mitnehme, sollte es mir gelungen sein, meinen kleinen Beitrag dafür zu leisten, dass Neukölln nicht mehr auf noch mehr Zuzug gebildeter Kreise warten muss, sondern möglichst rasch aus eigenen Kräften die Bildungsquote im Kiez deutlich verbessert. Ja, ich weiß, Bildung braucht Zeit, man wird ja noch träumen dürfen. Aber kein Traum ist, dass hier offenbar ein neuer Ansatz verfolgt wird, der sich schon mittelfristig auswirken könnte. Wir hoffen, alle Beteiligten nächstes Jahr in Clichy-sous-Bois wiederzusehen.

Montag, 17. November 2008

Weghören verboten

Oft werden wir gefragt, warum wir meist zu zweit in der Dolmetscherkabine sind. Von Sebastian Weitemeier, einem Berliner Kollegen, der heute (wieder) in Nizza lebt, stammt die Antwort: "Der eine dolmetscht, der andere hört zu!" Das mag verunsichern, klingt es doch so, als hörte der dolmetschende Kollege nicht mit. Wir arbeiten im Wechsel, die Übergänge müssen passen, "auf Anschluss sein" (raccord) - und der/die Zweite schreibt für den-/diejenige(n), der/die "dran ist", oft Zahlen, Akronyme oder Fachtermini auf.

Es gibt Tage, an denen ist einem aber zum Weghören und es geht nicht. Ich denke an einen grausamen französischen Film, den ich nie und nimmer zuende gesehen hätte, wäre da nicht das Publikumsgespräch zu dolmetschen gewesen. Das war im Berliner Kino Arsenal vor neun Jahren.

Oder heute, als Kirsten Heisig, eine Berliner Jugendrichterin, aus ihrer Arbeit berichtet hat. Die Grausamkeit der Straftaten, die in der Statistik weiterhin lediglich unter "schwerer Raub" geführt wurden, habe signifikant andere Ausmaße angenommen, erzählt die Richterin, und führt aus. So detailliert wollten wir das gar nicht wissen, aber uns Dolmetscherinnen ist Weghören verboten. Der Arbeit und dem passenden Übergang wegen. Und meistens vergessen wir auch rasch, was wir am Tag so alles erzählt haben. Hier wird es schwer fallen. Zum Glück sind wir zu zweit und können das Gehörte auch gemeinsam verarbeiten.

Kuchen spüren

Nach manchen Dolmetscheinsätzen entwickle ich das Talent zum Synästhetiker - so werden Menschen genannt, die Farben schmecken, Gemälde hören, Klänge bunt sehen.

Früher Nachmittag: Ich komme vom dreistündigen Simultaneinsatz zurück (zu zweit natürlich) plus Mittagessen, Tischgesprächen und zweisprachiger Busfahrt durch Berlin. Gehe zu den Kuchenbäckerinnen, will mich mit Kuchen eindecken. Weiß, gleich kommt Besuch. Dann fällt mir ein, dass ich ja selbst zum Wochenende buk. Also nur wenig kaufen, um das Angebot bunter werden zu lassen. Aber was hab ich nochmal gebacken? Es will mir nur "hell" einfallen. Heller Kuchen? Weißgelb. Ich fühle "Käsekuchen", seine Konsistenz, seinen Geschmack, Zitrone. Aber so viel Zitrone, wie ich verbacken habe, da wäre die Milch gestockt. Also kein Käse- sondern Zitronenkuchen. Erst dann kann ich kaufen.

Auf dem Weg nach Hause sehe ich die Bilder der Kuchengedanken vor meinem geistigen Auge nochmal durch und weiß, dass alles nonverbal war. Ich habe Kuchen gesehen und die Bewegung der Gabel durch weißgelbe Kuchen gefühlt. Durch die verschiedensten hellen Kuchen. Wo ich schon mal auf der Metaebene bin, fällt mir auf, dass ich mich als Teil der Warteschlange wunderte, dass ein Kurierdienstmitarbeiter beim Abgeben eines Päckchens die Bäckerin geduzt hatte. Auch hier: meine Gedanken waren wortlos. Das Duzen ist leicht erklärt, beide sind um die 20. Im diplomatischen Kontext meines Vormittags schien es mir außergewöhnlich bemerkenswert, dass sich wildfremde Leute duzen. Das Gefühlsmuster, das hier in mir angesprochen wurde, war die größtmögliche emotionale Distanz mit dem Geschehenen, wie, als zöge ich mich in mich selbst zurück, als wolle ich mit alldem Ungehörigen hier nichts zu tun haben. Ich war plötzlich nicht mehr Teil der Schlange.
Zu Hause koche ich Tee. Das Radio läuft, RFI, französisches Programm, ein Bericht über etwas Industrielles, eine Autowerkstatt, ich hör nicht hin. Ich blicke ins Licht, freu mich des Nachmittags. Dann mache ich Gas unter dem Kessel an - und rieche plötzlich Motorenöl, schmecke Eisen, habe den Aroma von Gummi in der Nase. Eindeutig!

Meine unwissenschaftliche Interpretation: Der Körper riecht einen kurzen Augenblick das mit Zwiebelgeruch versetzte geruchlose Gas, ist nicht völlig aufmerksam, assoziiert daher über das akustisch Vernommene.

Dolmetschen ist geistige Hochleistungsarbeit und wenn Sie Dolmetscher fragen, wie wir das machen, sagen viele vielleicht sogar, was ich Ihnen jetzt sage: Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass sich Wahrnehmungsmuster verschieben, und zwar deutlich. Nach einem Mittagsschläfchen ist alles wieder OK.

Samstag, 15. November 2008

Freischreiber

Die Trennung von Journalismus und PR — siehe Eintrag von gestern — fordern auch die freien Journalisten von Freischreiber — Berufsverband freier Jour­na­listin­nen und Journalisten, der an diesem Wochenende in Berlin gegründet wird.

Da ich neben dem Übersetzen und Dolmetschen eine wissenschaftliche Arbeit über die Arbeits- und Lebensbedingungen deutscher Kinodokumentaristen schreibe, von denen viele aus dem Journalismus kommen, habe ich die Diskussionen vor Ort verfolgt. Und fand mich als Ko-Moderatorin auf dem Podium wieder, als es um die Statuten des Verbandes ging. Für die Forschungsarbeit geht das klar, "teil­neh­men­de Beobachtung" lautet hier die Perspektive. Für das Panel ging's auch klar. Mir hat großen Spaß gemacht, wieder zu moderieren.


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Ganz links: Kai Schächtele, freier Journalist und 1. Vorsitzender von Freischreiber, und rechts auf dem Bild ist Wolfgang Kiesel, freier
Journalist und Trainer im Rahmen von Existenzgründerseminaren
Foto: Gabriele Bärtels

Noch einmal: Press Junkets. Über Dolmetscher als Journalisten

Neulich fragte mich eine frühere Kollegin, die heute als Redakteurin arbeitet, ob ich nicht meine Arbeit als Dolmetscherin gleich als Recherche verwenden wolle, um nebenbei journalistische Beiträge herzustellen. Wir diskutierten eine Weile und spontan habe ich ihr zugestimmt: Ich begegne allen möglichen Filmstars anlässlich von Filmstarts, es wäre ungemein praktisch, beides zu verbinden. Recycling gewissermaßen, und Ressourcen zu schonen ist doch immer gut! Beim zweiten Hinsehen geht das indes nicht. Es gibt viele Gründe, die sich aus den verschiedensten Perspektiven heraus erklären.

Da ist die Perspektive der Dolmetscherin. Ich sage immer "ich", wenn der Filmschaffende "ich" sagt. Ich (Dolmetscherin) übertrage seine Gedanken 1:1. Ich bin ihm und seinen Ideen treu, streiche nicht, füge nichts hinzu, bemühe mich um das gleiche Sprachniveau. Sein Sprachrohr zu sein fordert alle meine Energie. Würde ich mir "nebenbei" Zitierfähiges merken wollen, wäre meine Aufmerksamkeit für die sprachlichen Belange gemindert. Ich bin hier, weil ich für den Filmkünstler da bin, ich vertrete seine Interessen.

Dann ist da die Journalistin. Als Pressevertreterin betrachte ich alles von außen. Ich bin kritisch, neugierig, offen, hinterfrage, beobachte, hake nach. Dazu brauche ich 100 % meiner Energie: um zu merken, wo Widersprüche sind, um in charmanten und doch bestimmten Worten nachzuhaken und mehr zu erfahren. Kurz: Ich bin hier, weil ich als Stellvertreterin des Publikums da bin, ich vertrete ihre Interessen.

Auch die Position der anderen schreibenden Kollegen will bedacht sein. Journalisten, die auf die Übersetzung angewiesen sind, möchten sie möglichst vollständig hören und sprachlich richtig wiedergegeben. Das kann, wer Übersetzung benötigt, oftmals nicht einschätzen. Wäre ich einer dieser Kollegen, ich stünde einer dolmetschen Journalistin (oder einem als Journalist tätigem Dolmetscher) auch aus noch einem Grund kritisch gegenüber: Ich hätte das Gefühl, meine Exklusivität zu verlieren. Sicher, oft finden Interviews in Kleingruppen statt, dennoch wird ein Journalist/eine Journalistin in Doppelfunktion, wenn er oder sie vor ihrem oder seinem eigenen Interview über Stunden dolmetscht, letztlich von den Gedanken aller profitieren. Und es gibt durchaus so etwas wie ein Urheberrecht auf Fragen. Für wen ist die dolmetschende Journalistin dann vor allem da?

Als Leser/Leserin erwarte ich, dass Berichterstatter unabhängig sind. Dass sie in der Zeit, die sie haben, für mich die spannendsten Informationen herausfinden und möglichst objektiv berichten. Ein Pressevertreter, der auch dolmetscht, kann sich nicht entscheiden zwischen "Sprachrohr des Filmschaffenden" und "Diener des Publikums". Gleichzeitig kann er nicht beides sein, also macht er beides halb - und das ist den Arbeitsergebnissen jener, die beides verbinden, leider anzumerken.

Noch einen Aspekt der Berichterstattung muss ich erwähnen, und angesichts von einem Dutzend Filmstarts in der Woche sicher kein geringer. Wie kommen welche Filme ins Programm? Die Journalisten sichten das Angebot und wählen aus, schlagen vor, die Sender beauftragen. Es ist sicher vorteilhaft, wenn sich Journalisten und Filmkritiker spezialisieren, sie werden dann mit dem jeweiligen Filmland rasch in Verbindung gebracht und platzieren ihre Beiträge mit größerer Leichtigkeit als die Konkurrenz. Wenn aber ein Journalist für Pressevertreter dolmetscht, ist er versucht, aus Gründen der Zeitökonomie auch einen Beitrag zu genau diesem Film anzubieten. Wie neutral und unabhängig ist er dann noch? Und müsste nicht der Sender vor seinem Beitrag einen Werbejingle senden, "der nachfolgende Beitrag entstand mit freundlicher Unterstützung von Filmverleih XYZ", weil ja der Verleih die Recherche bezahlt hat?

Das Publikum fragt sich leider nicht, wie der Film ins Programm kam - ob es daran liegt, weil er hervorragend ist oder weil Journalist und Verleih besonders gute Kontakte zum Sender haben? Mancher sprachbegabte Pressevertreter ist auf der ganzen "Produktstrecke" tätig, er oder sie schreibt das Presseheft, dolmetscht ausländische Gäste und bringt am Ende den eigenen "unabhängigen" Beitrag. Das Thema lässt sich übrigens erweitern: Journalisten sitzen in Filmfördergremien und in Juries zur Programmauswahl von Festivals.

Wir müssten uns fragen, wie wir miteinander umgehen und wie fair wir sind - das schrieb mir letztens eine Journalistin zu dem Thema, und sie schloss: "Eigentlich sollte es normal sein, keine eigenen Beiträge anzubieten, wenn man für den Verleih oder ein Festival arbeitet. In welcher Funktion auch immer."

Mittwoch, 12. November 2008

Seminare für Redner

Zu meinem letzten Blogeintrag - es ging über Schwierigkeiten des Vortrags - bekam ich viele Zuschriften. Zum Teil von Menschen, die sich selbst wiedererkannt haben, vor allem aber von jenen, denen spontan der Klos im Hals steckenbleibt, wenn Sie an die beschriebene Situation denken, und die mich nach Abhilfe fragten. Denn das rasche Ablesen eines Papiers, das Verschachteln der Sätze, eine gewisse Nicht-Erreichbarkeit vor und in der Situation sei eine typische Angststratgie des Überlebens von Momenten öffentlichen Sprechens.

Daher bin ich jetzt im Gespräch mit zwei Fachleuten aus angrenzenden Gebieten, mit denen ich für nächsten Frühsommer ein Seminar zu dolmetscheraffinem Sprechen vorbereite. Sicher, Lampenfieber können wir in drei Tagen Training nicht nehmen, aber doch etwas von der Angst vor der öffentlichen Rede und sehr viel von der Unsicherheit Dolmetschern gegenüber. Leider wird das Seminar nicht billig werden, weil wir zum derzeitigen Zeitpunkt davon ausgehen, professionelle Dolmetschtechnik anzumieten sowie einen kleinen Konferenzraum in einem Hotel, um die Sache so realistisch wie möglich zu gestalten. Außerdem sieht das Konzept eine hohe Aktivität der maximal sechs Seminaristen vor. Dazu kommt an zwei halben Tagen ein wenig Publikum mit universitärem Hintergrund. Es ist also zunächst etwas für Vortragende mit institutionellem Hintergrund, wobei wir einen stark rabattierten Platz für eine/n Delegierte/n aus einer NGO reservieren werden.

Wenn Sie Interesse an diesem Seminar haben, senden Sie mir bitte einfach eine Mail.
Mit freundlichen Grüßen,
Caroline Elias (caroline-kringel-adazylla.de)

Freitag, 7. November 2008

Schwierige Redner

Manche Redner sind echt der Horror. Ich sage das hier so ungeschützt, weil sich mein Beitrag nicht auf ein besonderes Ereignis oder einen bestimmten Sprecher zurückverfolgen lässt. Hier also, was ich unlängst erlitt.

Es gibt Vortragende, die sprechen so, als seien sie noch nie in ihrem Leben verdolmetscht worden: Satzbau wie von Thomas Mann inspiriert (den ich aus anderen Gründen als der Satzlängen liebe), dazu Fachtermini und Anspielungen auf den bisherigen Stand der Debatte unter Verwendung von Orten (Konferenzen), Eigennamen (Autoren, Gutachten), Zahlen (absolut, Prozent, Jahr) sowie Abkürzungen. Also Satzanfang bis hin zum ersten Unterpunkt, Komma, Einschub eins bei Gültigkeit von A, Einschub zwei unter besonderer Berücksichtigung von B - worauf ein davon abgehobener Gedanke folgt - der aber abgegrenzt werden muss von Einschub drei, zumindest zu soundsoviel Prozent, worauf wir Einschub zwei beenden, nicht, um sofort die erste Fußnote auszusprechen, die aber nicht verwechselt werden darf mit C (also nur in diesem Unterfalle und bis zum Jahre soundso), was dann aber zur Folge hat, dass bei den zu erwarteten und in Realiter auch beobachteten Kausalitäten im Fall B sich die Grundvoraussetzung zugunsten von D (oder zu Ungunsten, das ist eine Frage von Standpunkt und/oder Interpretation) verschiebt - indes, Einschub zwei beenden wir jetzt wirklich vorerst, wenn hierzu noch Fragen bestehen, komme ich später gern noch einmal darauf zurück, denn im Grunde zählt hier ja nur Fall A und am Ende ... - ja, worauf lief die Konstruktion noch einmal hinaus? Gab es da ein Verb? Gab es ein abschließendes Verb mit Punkt?

Die Behaltensspanne ist bei uns Dolmetscherin sicher individuell länger oder kürzer. Sie ist trainierbar, mit den Jahren werden wir besser, routinierter. Wenn einem aber die Ereignisse, Orte, Akronyme, Jahreszahlen nicht einmal im Ansatz etwas sagen, weil der Redner es nicht für nötig befunden hat, uns sein Manuskript, aus dem er jetzt stellenweise in schnellem Tempo abliest, zur Vorbereitung zu schicken, und wenn diese ganzen Einzelpunkte höchst kompliziert miteinander ins Verhältnis gesetzt, von einander abgegrenzt und zugleich unterschieden werden, ist es bei einem gewissen "Thomas Mann-Faktor" der Satzlänge und -konstruktion schlicht menschenunmöglich zu folgen. Und wenn die Hauptaussage nicht klar ist, kann ich auch nicht intelligent kürzen bzw. besser strukturiert dolmetschen.

Beim letzten Mal kam nach der Veranstaltung die Moderatorin auf mich zu. Sie war die einzige, die immer wieder in Richtung Dolmetscherkabinen geblickt und vermutlich mein entsetztes Gesicht gesehen hatte. Darauf mahnte sie bei ihren Gästen wiederholt ein moderates Sprechtempo im Hinblick auf uns Dolmetscher an (ohne nachhaltige Wirkung).

Die Moderatorin ist langjährig erfahren, und zwar als Rednerin, im Fachgebiet und eben auch als Moderatorin. Sie stöhte: "Der Kollege Soundso hat sich wieder mal so verschachtelt, dass man nach dem gefühlten Schlusspunkt nicht weiß, ob er den Satz zu einem guten oder einem schlechten Ende geführt hatte, oder ob es überhaupt ein Ende gegeben hatte - und falls ja, welchen Satzes."

Das war ein kleiner Trost. Aber nach solchen Einsätzen bin ich völlig fertig. Ich leide dann unter der Verhinderung guter Arbeit, an den eigenen Grenzen, an der Respektlosigkeit uns gegenüber, die bestenfalls nur Gedankenlosigkeit ist. Was nützt es, bis zur letzten Sekunde vor dem Vortrag bis zum letzten Komma am Manuskript rumzufeilen, wenn dadurch allein schon die Vermittlung des Grundgedankens und der Hauptverästelungen der Argumentation gefährdet sind?

Anfangs dachte ich immer, dass mein "Output" zu 100 % auf mich zurückfallen würde. Inzwischen weiß ich, dass diese Art autistischer Rednerpersönlichkeit zum Inventar aller Kongresse und Podien zählt. Und dass die Kollegen genau wissen, mit wem sie länger ins Gespräch kommen wollen, bei wem sie nachfragen.

Im Falle der Verschiebung der Grundvoraussetzungen im Fall B, Sie erinnern sich, der zweite Haupteinschub unseres Redners, schien die Thematik dann auch erschöpfend (oder eher: alle erschöpfend) geklärt gewesen zu sein; es gab keine Fragen an den Redner mit hohem "TM-Faktor", er musste nicht mehr darauf zurückkommen, wie überhaupt und grundsätzlich keine weiteren Fragen mehr an ihn ergingen.

Dolmetscher im Raum

Dolmetschkoffer oder Personenführungsanlage oder PFA oder "bidule" oder ... Foto: Dolmetscher Berlin, Caroline EliasEinmal ist bei einem Veranstalter die Dolmetschtechnik des Hauses nicht ganz in Ordnung. Wir kommen mit einer mobilen Anlage zur Veranstaltung, die für mobile Einsätze gedacht ist. Für die Zuhörer gibt es wie sonst auch Kopfhörer, deren Empfangsteil nur weniger groß ist als jenen, die für mehrere Sprachen ausgelegt sind.

Noch etwas ändert sich für das Publikum: Wir sind plötzlich sichtbar, denn wir sitzen nicht in der Kabine, da sich die mitgebrachte Technik mit dem, was von der Technik der fest installierten noch brauchbar ist, als nicht kompatibel erwies. Also stehen wir im Raum. Nicht ganz hinten, wo man nichts sieht, sondern auf halber Strecke, direkt unter einem Lautsprecher, und sprechen mit leiser Stimme in ein Mikrophon mit integriertem Sender.

Großer Saal, die Dolmetscherin steht mit freiem Blick am Rand Für uns ist es schön, mal mit im Raum zu sein, einfach "dabei". Anders als in der Dolmetscherkabine gibt es hier viel frische Luft. Dafür können wir die Lautstärke der Lautsprecher nicht individuell regeln, haben auch keine eigenen Kopfhörer. Wir hören beim Dolmetschen also zu allererst uns selbst, und aus dem Lautsprecher kommt der Ton des Podiums.

Zuhörer mit KinnbügelempfangsgerätenManchmal bleibt der Ton aber ganz weg, und zwar immer dann, wenn der Rednerin oder Redner sich ein kleines wenig vom Mikrophon abwendet, was doch recht oft geschieht, wenn sie oder er zum Beispiel einen der anderen Mitdiskutanten oder einen Fragenden aus dem Publikum direkt anspricht. Dann gibt es für uns immer ein akustisches Loch.

Dann schweigen wir, hören zu und versuchen, wieder Anschluss zu finden. Das ist angesichts des komplexen Wirtschaftsthemas nicht immer einfach.
Noch etwas kostet Energie: Der gelegentlich aufkommende Gedanke, wir könnten mit unserer Verdolmetschung Anwesende, die am Rand des Raumes sitzen, stören. Außerdem strengt leises Sprechen mehr an, als mit normaler Stimme zu reden.

Mittwoch, 5. November 2008

Au revoir, Pierre !

Hier bloggt eine Sprach­ar­bei­ter­in. Ob in der Ka­bi­ne oder am Schreib­tisch, ich ler­ne, über­setze und spre­che re­gel­mä­ßig di­ver­se Idio­me. Die un­ter­schied­lichs­ten Be­geg­nun­gen machen un­se­ren Be­ruf so besonders.

Pietro Cardini ist in der Stadt? Wer? Na, der da:
Am Pariser Platz
Die Auftragsvergabe zu die­sem Einsatz war skurril.

"Wir brauchen einen Drachen, wir haben einen sehr schwie­ri­gen Kunden! Das sagt er von sich selbst!"
Ob ich diese Be­rufs­be­zeich­nung aus­fül­len kann, ist mir zwar im Vorfeld nicht klar, aber dass es nicht leicht ist, gedolmetscht zu werden, dafür habe ich Ver­ständ­nis.

Pierre Cardin erweist sich als ein herzlicher, älterer Herr. Er ist ein Vul­kan, spru­delt, kommt von Stöckchen auf Hölzchen (übergangslos von einem zum nächsten Thema), hat auch stilistische Brüche (da merkt man, was die PR-Agenten ihm in den Mund gelegt haben). In den Press Junkets arbeite ich daher fast simultan, er­kämp­fe mir kleinste Pausen fürs Dolmetschen, auf meiner Tischseite liegen die Auf­nah­me­ge­rä­te. Später, beim TV-Interview für die rbb-Abendschau, merke ich, dass dieser sprudelnde Stil sehr schwer zu übertragen ist. Offenbar merken wir Dol­met­scher uns nicht nur Fachbegriffe, Stichworte und Beziehungen, sondern bil­den in den Notizen auf dem Stenoblock auch die Struktur des Gesagten ab. Wenn da aber kaum Struktur war, stehen am Ende Begriffe auf dem Zettel, deren Zusammenhänge sich nicht auf den ersten Blick erschließen.

Noch etwas war schwierig für einen Dolmetscher, der nicht zu 100 % seiner sicher ist: Im Raum waren immer noch mindestens fünf seiner acht mitreisenden Mit­ar­bei­ter und deutschen Geschäftspartner zugegen. Men and woman in black saßen im Hintergrund oder (anfangs) mir im Rücken, stets bereit, einzugreifen.

Ohne meine jahrelange Filmarbeit hätte ich das Ganze nicht so gelassen gewuppt. Vielleicht hat auch geholfen, dass Götz, den ich vor 10 Jahren noch als Re­gie­as­sis­tent kennengelernt hatte, inzwischen für die Bekleidungsindustrie arbeitet und als Geschäftsmann verkleidet stets um die Wege war. Vermutlich war der Einsatz für mich unbewusst eine Art Spielfilmdreh (ich musste ja schließlich den Drachen ge­ben), so habe ich die ganze Inszenierung nicht ernst genommen, weil und damit die ganze Energie in eins fließen konnte: In gutes Dolmetschen.

Am Ende hörte ich sehr schöne Worte von Pierre Cardin, der mit mir kurz auf dem roten Teppich verweilte, den Pulk warten ließ, um ein paar persönliche Worte zu sagen, gefolgt von: "Au revoir, Caroline!"

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Foto: C.E. | click to enlarge

Montag, 3. November 2008

Bilanz

Dieser 4. November ist ein Tag für Bilanzen. Also hier meine eigene, bescheidene, zu diesem Weblog: 22 Monate veröffentliche ich hier, bei 185 Einträgen komme ich auf 8,4 Texte im Monat. Der durchschnittliche Beitrag beansprucht mich nicht länger als 25 Minuten, so dass ich insgesamt 77,08 Stunden oder knapp zehn Arbeitstage zu acht Stunden geschrieben habe, also zwei Wochen. Ich bin leicht schockiert über die Zahl. Hätte man mir das vorher gesagt, ich hätte mir überlegt, ob ich mit dem Weblog anfange!

So aber habe ich großen Spaß daran, Episoden einzufangen, aufzuschreiben, zu lektorieren (was in Stresszeiten manchmal etwas flüchtig ausfällt, Sorry for that! tut mir Leid) und seit einiger Zeit auch wieder mehr zu fotografieren. Ich überlege hier öffentlich, was ich mache und warum, wie es überhaupt geht (oder gehen könnte) mit dem Dolmetschen. Meine Demut vor der Arbeit ist ebenso gewachsen wie jene vor dem Schreiben. Zugleich fühle ich mich in beidem sicherer als zuvor.

Die Leser sind, ich habe einen Service gebucht, der mir in kleinstem Umfang Informationen liefert, mindestens zu einem Fünftel Uniangehörige, das sehe ich an den Servern. Die Verweildauer jener, die nicht aus Versehen hier gelandet sind, ist gut. Am meisten aufgerufen wird Dolmetschen in Verbindung mit Berlinale, gefolgt von Sucheinträgen zu Untertitel und Drehbuch, dann kommt schon die Frage nach den Preisen. Häufig wird mit der Recherchefunktion, die der Blog bietet, nach Fachtermini gesucht, zum Beispiel das Wort "Notizentechnik". Derzeit überrascht die Nachfrage nach Infos zum Film "Willkommen bei den Schtis" - den Kassenerfolg der ersten Spieltage konnte ich schon erahnen, denn seit Wochen gehen dem Film solide Gerüchte voraus, die in Google-Suchen münden.

Über Ihre Zuschriften freue ich mich immer, ganz gleich ob Meinungsäußerung oder Frage. Sollte ich eine Antwort wissen und diese zum Thema des Weblogs sein, würde ich auch wieder vermehrt Einträge nach Ihren Wünschen schreiben.

So, das war's für heute. Bilanztag ...

Freie Sicht (2)

Der "Philosophenweg"
Guten Tag oder gu­ten Abend! Sie le­sen in ei­nem Ar­beits­ta­ge­buch, das den The­men Spra­che, Dol­met­schen, Über­set­zen und Kul­tu­ren ge­wid­met ist. Als frei­be­ruf­li­che Sprach­mitt­le­rin ar­bei­te ich dort, wo ich ge­braucht wer­de, oft am Film­set, bei Kun­den oder in der Dol­met­sch­ka­bi­ne. Bei den Ka­bi­nen gibt es gro­ße Un­ter­schie­de.

Es war ein­mal ein eu­ro­pä­i­scher Staat, der be­auf­trag­te ei­nen sei­ner be­rühm­tes­ten Söh­ne, im Nach­bar­staat ei­ne Bot­schaft zu bau­en. Die­ser bau­te, und es ka­men sehr schö­ne Vo­lu­mi­na her­aus - au­ßen wie in­nen. Zum Bei­spiel der so­ge­nann­te "Phi­lo­so­phen­weg" als Dach­be­grü­nung ei­nes Sei­ten­flü­gels. Hier möch­te ich mich gern ein­mal er­ge­hen, der Blick reicht si­cher weit.
Der Blick aus dem Sitzen

Ein an­de­res Vo­lu­men du maî­tre ist der gro­ße Ver­an­stal­tungs­saal: Lei­der ist es hier im Ne­ben­ge­lass, der ein­ge­bau­ten Dol­met­scher­ka­bi­ne, mit dem frei­en Blick alles an­dere als gut be­stellt. 

Wir ha­ben hier ei­nen wirk­lich ein­wand­frei­en Blick auf die Zu­schau­er­reak­ti­onen! 


Der Blick, nach vor­ne ge­beugt, ge­dreht


Das Set­ting er­in­nert ein we­nig an das Ins­ti­tut Fran­çais am Kur­für­sten­damm. Zu un­se­rer Arbeit ist al­ler­dings wich­tig zu wis­sen, dass wir im Zwei­fels­fall von den Lip­pen ab­le­sen.

Nor­ma­ler­wei­se jedenfalls. Hier ist al­ler­dings nicht viel zu se­hen, nicht ein­mal die PPTs. Nicht im­mer er­rei­chen uns al­le Prä­sen­ta­tio­nen im Vor­feld.

Mit der Na­se fast an der Glas­schei­be
Was tun? Wir ste­hen auf, beu­gen uns nach vorn, ver­dre­hen den Ober­kör­per, ver­suchen, in der aus or­tho­pä­di­scher Sicht frag­wür­di­gen Hal­tung ge­nug Luft zu be­kom­men und spre­chen weiter. Lange geht diese Haltung natürlich nicht gut, wenn die Na­se fast die ers­te Glas­schei­be der Dop­pel­ver­gla­sung be­rührt, man prak­tisch auf dem Tisch sitzt (sie­he zum Ver­gleich den Rah­men des Com­pu­ters). 

Im Ste­hen keine volle Sicht!

Mir fällt ei­ne Lö­sung ein. Lei­der gibt es in mei­ner Bran­che sowas wie die Ver­pflich­tung, nicht zu kla­gen. Daher ist das gan­ze Pos­ting hier ei­gent­lich ein Un­ding. Zum Glück ha­be ich so gut wie kei­ne Leser:in­nen, nur Euch Stu­die­ren­de.

Sollte mich mal je­mand direkt darauf an­spre­chen, würde ich ant­wor­ten, dass eine Ka­me­ra und Mo­ni­to­re für Ab­hil­fe sor­gen könnten, einen Mo­ni­tor fürs Büh­nen­ge­sche­hen, einen für die Prä­sen­ta­tio­nen. Mit dem Lip­pen­ab­le­sen dürfte es wei­ter­hin schwie­rig wer­den, aber die­se Ver­bes­se­rung wäre schon ein­mal phä­no­me­nal.




Dolmetscherin mit Laptop in der Kabine
Ei­ne strah­len­de Kol­le­gin!
Merci beau­coup, chère Mi­chèle, dass Du für mich kurz die Hal­tung für die "hal­be Sicht" ein­ge­nom­men hast. (2. Bild aus der Ka­bi­ne).







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Fo­tos: C.E.

Samstag, 1. November 2008

"Die Dolmetscherin" im TV

Heute Abend auf der "kleinen Leinwand", wie die Franzosen ihre Fernsehgeräte nennen: "Die Dolmetscherin" von Sydney Pollack.

Der Thiller von 2005 ist sehr dicht und atmosphärisch stimmig. Nicole Kidman spielt eine Kollegin, und schön unspektakulär wird die Stimme aus dem Off in Szene gesetzt. UN-Dolmetscher standen dem Regisseur angeblich für alles Dolmetschrelevante beratend zur Seite.

20.15 Uhr, RTL

Freitag, 31. Oktober 2008

Schmierzettel

In der Kabine liegt er zwischen meiner Ko-Dolmetscherin (oder Dolmetscher) und mir: Der Schmierzettel.

Wenn zwei in der Kabine sitzen und nur einer spricht, kann der/die jeweils andere neue Eigennamen, Akronyme, Zahlen, Pargrafen usw. mitschreiben. Dazu ist es gut, wenn man sich kennt. Ich zum Beispiel bin keine Freundin der Zahlen.

Mich irritiert seit der 1. Klasse, dass deutsche Zahlen teils lateinisch (von links nach rechts), teils arabisch (von rechts nach links) gelesen und geschrieben werden. Manche überrascht diese analytische Beschreibung, aber schauen sie mal genauer hin: 129 - (ein)hundertneunundwanzig. Auf Französisch ist es cent vingt-neuf: hundert zwanzig neun. Nur im Deutschen springen wir beim Lesen von Zahlen hin und her.

Unterschiedliche Systeme machen mir keine Probleme. Denn auch meine beiden Sprachen haben unterschiedliche "Richtungen": tasse de café - Kaffeetasse. Im Französischen kommt erst der Obergegriff, dann die Spezifizierung. Daran bin ich gewöhnt. Es ist die Vermischung der Prinzipien bei den Zahlen, die mir Probleme bereitet.

Schrecksekunde in der Dolmetscherkabine

Schrecksekunde: Ich schalte gerade von der einen auf die andere Sprache um, da hüpft mir der benachbarte Knopf entgegen. Genau betrachtet ist es "nur" der obere Teil des Druckknopfes, der beim nächsten Hin- und Hersschalten dann schon in hohem Bogen hochspringt und vom Tisch zu rollen droht. Da ich bislang keine Konferenzpause dazu genutzt habe, ein Dolmetschpult auseinanderzunehmen, weiß ich nicht, ob ich die Knopfbasis auch ohne Aufsatz verwenden kann. Und während ich mir diese Gedanken mache und den Schreck verarbeite, dolmetsche ich weiter und merke: Das muss ich alles so nicht haben!

Liebe Kollegen vom Ton, bitte checken Sie regelmäßig auch die einfachen mechanischen Teile der Konferenztechnik durch. Ihre Dolmetscher danken es Ihnen.

Montag, 27. Oktober 2008

Ein Pingel sein

Der heutige Eintrag klingt so, als hätte ich vor, ein Dialekt-Wörterbuch zu schreiben. Ein Pingel ist ein Mensch, der alles übergenau nimmt, der eben pingelig ist. Ich kenne das Wort nur aus dem Westfälischen und dem südlichen Rheinland.

Wir Sprachfritzen müssen Pingel sein. Der Pingelkram strengt an, wenn es um die Übersetzung von zu beurkundenden Dokumenten geht. Da ist jede Zahl, jeder Buchstabe wichtig. (Mein Fehlersuchtipp: von hinten nach vorne durchsehen.)

Auch bei Filmen ist ein hohes Maß an Genauigkeit wichtig. Daher steht zu Beginn aller Arbeit die Sichtung. Manchmal gibt es Skript (parallel entstanden) oder Trankskript (im Nachhinein entstanden), das ergänzen wir, wo immer wir Auslassungen finden. Wir notieren auch, wenn Schrift im Film vorkommt, Tafeln, Plakate, Briefe, die für die Dramaturgie wichtig sein können, wir notieren Hintergrundgespräche und besondere Akustiken.

Übersetzt wird dann bei Dokumentar- und Spielfilm nach Zeit: Der Film selbst gibt das Tempo vor. Immer wieder zurückzuspulen ist Teil des Jobs (hiermit entschuldige ich mich mal wieder in aller Form bei meinen Nachbarn!) Und die vermeintliche Lösung wird gekürzt, wenn es der Film nötig macht - das bedeutet mitunter die doppelte oder dreifache Arbeit. Daher ist das Ergebnis halt auch relativ teuer, wenn Sie nur das Ergebnis betrachten, und sich nicht vergegenwärtigen, dass es Zwischenschnitte gibt.

Bei der Übersetzung ist viel zu berücksichtigen: Wird der Film adaptiert und neu vertont? Oder wird die Reportage mit "voice over" in die andere Sprache übertragen? Oder aber ich sitze an Untertiteln ... Da stelle ich mir immer die Frage, wie weit ich das Werk in den anderen Kulturkreis hineinschiebe - zum Beispiel früher bei der Übertragung von Franc in D-Mark. Bei der Übersetzung als Vorbereitung eines Dialogbuches sind aber auch soziokulturelle Unterschiede zu berücksichtigen. Ein Pariser Clochard hat einfach eine andere Ausdrucksweise als der Modezar aus der gleichen Stadt.

Und dann sind da noch die Intentionen der Filmemacher. Am liebsten sehen und lesen wir so viel wie möglich, was aus dem Umfeld des Films zu erhalten ist: frühere Filme, Letters of intent, Drehtagebücher, wie sie immer öfter auch online veröffentlicht werden.

Und was machen wir jetzt mit dem "Pingel" auf Französisch? Wie wuppen wir die regionale Konnotation in den anderen Kulturkreis rüber?

Sonntag, 26. Oktober 2008

Büroalltag und zum x-ten: Preise

Willkommen beim ersten deut­schen Web­log aus dem In­neren der Dol­met­scher­ka­bine. Wie Dol­met­scher ar­bei­ten, können Sie hier lesen.

Ein langjähriger Kunde ruft an und erbittet einen Kostenvoranschlag für ein öf­fent­lich geführtes Interview an einem Sonntagnachmittag. Das Ganze soll maximal zwei Stunden dauern und ist zu einem Thema, in dem ich mich einigermaßen zu Hause fühle. Für kurze Einsätze zu Veranstaltungen aus meinen Fachgebieten be­rech­ne ich ei­nen sogenannten "halben Tag", der Preis liegt bei um die 550 Euro (abhängig von der Vorbereitung sowie vom Gesamtbudget des Ganzen).

Der Kunde meldet sich zurück, wegen der im Jahresdurchschnitt gestiegenen Ener­gie­kosten könne er mir nur weniger anbieten. Wieviel?, frage ich. Darauf der Kun­de: "Der Podiumsgast weiß zur Stunde noch nicht, von welcher Stadt aus er anreist, die Flugkosten verdreifachen sich außerdem noch ...!" Erst danach kommt ein sehr klein­lautes "250 Euro — inklusive Mehrwertsteuer". Ich schrieb daraufhin folgenden Brief, mehr für die Chefetage als für den Mitarbeiter des langjährigen Kunden, den ich voll und ganz auf meiner Seite weiß.
Sehr geehrte Damen und Herren,

anbei erhalten Sie meinen Kostenvoranschlag — meine Dienstleistung erhalten Sie als Stammkunde wieder zum reduzierten Preis. Indes, ich kann auf Ihr Honorarangebot nicht eingehen, weder in der Höhe noch in der Frage der Mehrwertsteuer.

Soweit ich informiert bin, sind Sie wie andere Institute dieser Art zum Verrechnen der Mehrwertsteuer nach deutschem Gesetz berechtigt. Da das Netto-Honorar im Falle einer “Inklusiv-Regelung” erneut um knapp 20 % sinken würde, kann ich meine Dienstleistung zu meinem Bedauern nicht zu ihrem Wunschtarif anbieten.

Zum Vergleich: Der Einsatz von zwei Stunden in ihrem Haus bedeutet für eine professionelle Dolmetscherin einen Zeitaufwand von

2 Stunden vor Ort

1 Stunde An-/Abreise
8 Stunden verteilt auf zwei Tage für die Vorbereitung (bei einem be­kann­ten Thema)
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11 Stunden insgesamt ohne Nachbereitung (Einpflegen von Fachtermini in die eigene Fachwortdatenbank)
Bei einem Nettohonorar von 218,48 Euro komme ich bei elf Stunden Arbeitsaufwand auf einen Stundensatz von 19,86 Euro.
Das ist in Berlin das Honorar für Nachhilfe durch einen Studierenden. Als doppelt qualifizierte Akademikerin mit mehrjähriger Be­rufs­er­fah­rung habe ich einen Netto-Stundenpreis von 50,00 bis 75,00 Euro.

Das Argument anderer sich verteuernder Po­si­tio­nen kann ich sehr gut nachvollziehen, erlaube mir aber zu bedenken zu geben, dass sich auch meine Gestehungskosten in der Krise ebenfalls ständig verteuern (Büromiete, Kommunikation, Ne­ben­kosten).

Ich hoffe, mit dieser genauen Aufstellungen in Ihrem Haus die Diskussion mit Sachargumenten befördert zu haben —
und verbleibe mit den allerbesten Grüßen,
Ihre

Caroline Elias

Donnerstag, 23. Oktober 2008

'Machine Translation' zum x-ten

"Erschaffen Sie sich Ihren perfekten Flug" - das ist ein Easyjet-Slogan.

Klingt verdammt nach automatisch übersetzt.

Wie schön, dass im Cockpit noch echte Menschen sitzen ...

Dienstag, 21. Oktober 2008

Mehr Sicht!

Hallo und bienvenue auf den Seiten des ersten deutschen Weblogs aus dem Inneren einer Dolmetscherkabine. Hier können Sie Episoden aus unserem Alltag kennenlernen.

Gelegentlich haben wir Mühe, manchen Rednerbeiträgen zu folgen, nicht nur, wenn in hohem Tempo vorgetragen wird. Die Entfernung der Kabine zum Podium lässt sich indes mit Hilfsmitteln über­win­den. Dann darf nur nicht der Bildschirm des Laptops die Sicht behindern ...

Hier meine kleine Fotostory aus dem Inneren der Dolmetscherkabine. Sie ist ziemlich selbsterklärend. 

Blogspot.com erlaubt leider derzeit irgendwie nicht, Fotos zu verkleinern; bis zur Behebung des technischen Problems gibt es hier also großformatige Bilder.

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Fotos: C.E.

Montag, 20. Oktober 2008

Trance

Nach dem Dolmetscheinsatz: Le verre de l'amitié - wir trinken auf die Freundschaft. Alle sind müde vom langen Tag. Es gibt Häppchen. Häppchenweise kommen auch Gespräche in Gang.

Ich bin wortkarg. Einer fragt uns Dolmetscher, wie viel wir nach dem Einsatz noch vom Gesagten wissen. Sehr wenig, sagt der Kabinenkollege. In wieweit denn der Intellekt beteiligt sei, hakt der Publikumsgast nach. Oder ob nicht vielmehr sowas wie das Unterbewusstsein arbeiten würde, ob die Verdolmetschung nicht quasi aus dem Rückenmark kommen würde (sort pour l'ainsi dire de la moelle osseuse). Ich suche keine Antwort, sondern nach der Übersetzung. Ja, das könne man so sagen, befindet der Kollege aus der Dolmetscherkabine weiter, wir dürften ja auch nicht darüber nachdenken, was wir da machen. Alle Konzentration gelte dem Übertragen der Inhalte vom einen ins andere Sprach-/Kultur-/Referenzsystem (die Komplexität dieser Antwort war ein Echo auf das Veranstaltungsthema), da bleibe keine Energie, um Informationen zu verankern oder zu hinterfragen.

Ich hole mir noch einen O-Saft. Die Freiheit der Dolmetscher nach dem Einsatz besteht im Weggehen und Weghören. Alle Glieder sind schwer. Ich brauch' nicht einmal den schönen Sancerre dazu, der gereicht wird. Ich muss eh' schauen, wie ich heil zu meinem Kopfkissen komme. Nach sechs Stunden Einsatz fürchte ich um mein Reaktionsvermögen im Straßenverkehr. Noch ein Häppchen bevor ich gehe, aber nur Feststoffliches, keinen small talk , bitte. So sehr mir das Thema sonst am Herzen liegt ...

Sonntag, 19. Oktober 2008

Merci beaucoup II

Neue Kategorie: Unter "Merci beaucoup" erklingen die Stimmen von Menschen, die mich als Dolmetscherin erlebt haben.
"Als Regieassistentin weiß ich, wie verloren man sich im Ausland am Set fühlen kann. Schauspieler zeigen Ihre Seele, wenn Sie den Zuschauer erreichen wollen, daher sind sie grundsätzlich empfindsam und angreifbar. Wenn dann keine sichere sprachliche Begleitung angeboten wird, bezieht der Schauspieler (oder die Schauspielerin) schlimmstenfalls jedes Tuscheln oder Grinsen auf sich.

Caroline verbindet großes Einfühlungsvermögen mit Schnelligkeit - manches antizipiert sie sogar, weil sie die Abläufe kennt. Ihre Erfahrung macht sie souverän. Ihre Stärke und Entspanntheit überträgen sich auf die Situation, was am Set, bei Filmpremieren oder in anderen Stressmomenten von unschätzbarem Wert ist."

Madgar Hische, Regieassistentin

Dienstag, 14. Oktober 2008

Vor dem Dolmetscheinsatz

Ob ich denn Lampenfieber vor dem Dolmetschen hätte, wollte eine ehemalige Schulfreundin neulich von mir wissen. Hm, ja und nein. Doch, und zwar immer rund ein Dutzend Mal, wenn etwas neu ist. Mit der Zeit gewöhne ich mich ein, die Routine schlägt zu, ich schalte auf Autopilot und starte durch.

Aber sonst ... die Fälle eins bis elf? Ja, Blubber im Magen, sonst auch flaue Gefühle, unruhigen Schlaf, Probleme in der Kabine, mit dem Relais, der Lexik, den Rednern, aber nur im Traum, das kenne ich alles sehr gut. Ich werde dünnhäutig vor den Einsätzen, bin leichter verletzbar, beziehe Kommentare auf mich, als wären sie Kritik. Gehe mit mir selbst um wie mit einer Kranken.

Und ich frage mich, wie ich bloß zu diesem komischen Beruf gekommen bin. Im Grunde bin ich schüchtern, und als Kind hab ich gestotttert.

Sicher, das sind Formen von Lampenfieber. Ich spüre verspannte Nackenmuskulatur, schmiere mit Zeug dagegen an, das wie einst der Dachboden der Löwenapotheke zu Glauchau an der Mulde ... duftet. Ich schalte auf Energiesparmodus und lebe in einer großen Luftblase, une bulle, das ist keine zerplatzende Börsenblase, sondern ein von mir selbst geschaffener Schutzraum. In ihm geht der Kopf Fachtermini und Abläufe durch. Mein individueller Distanzraum ist dann vorübergehend größer, und wer den nicht respektiert, hat schlechte Karten. Einmal habe ich mich sogar von einem Mann getrennt, weil er mir kurz vor Dolmetschereinsätzen zwei Mal eine Szene machte. Das war nicht der Hauptgrund, aber ein wesentlicher. Ich kann meinen Beruf nicht gefährden (lassen).

Wenn ich an die Vokabelarbeit gehe, Dokumente lese, mich dann als Geschäftsfrau verkleide, schminke, manchmal das Taxi rufe, streife ich schon das Kostüm der Rolle über. Die zur Routine gewordenen Gesten helfen mir, in sie hinein zu finden.

Dann geht's ins Cockpit, Kopfhörer auf, Mikro an. Dolmetscher haben angeblich beim simultanen Arbeiten so viel Adrenalin im Blut wie Piloten bei Start und Landung. Ist der Flieger erstmal in der Luft, geht es, solange keine Turbulenzen auftauchen.

Fachfrage zum Export aus Drehbuchsoftware

Viele Drehbuchautoren arbeiten mit Final Draft - und senden ein PDF als Vorlage für die Übersetzung. Ärgerlich, denn die Formatierung einer Drehbuchseite nachzugestalten ist sehr zeitaufwändig. Daher exportieren manche den Text als RTF-Datei. RTF steht für rich text format, die Formatierung ist beibehalten, nur leider steht die Word-Funktion der Markierung von Änderungen nicht zur Verfügung, das ist wichtig, weil Profis immer nochmal gegenlesen lassen. Kein Problem, mag sich da mancher denken, und speichert die exportierte RTF-Datei unter Word ab. Das führt indes dazu, dass der rechte Rand ins elektronische Nirwana 'abhaut', so dass es anschließend sehr mühsam ist, Absatz für Absatz wieder 'einzufangen'.

"Just add words", wie die Werbung von Final Draft verspricht, gilt demnach für Übersetzer jedenfalls nicht. Wenigstens der andere Teil der Formatierung ist erhalten, aber die Sache mit dem rechten Rand frisst Energie, die besser der Übersetzung zugute kommt. Außerdem sind alle Szenennummern weg und Szenenüberschriften sowie Rollennamen werden nicht mehr automatisch in Majuskeln wiedergegeben.

Letztens bekam ich eine "saubere" Word-Datei, also ohne das Problem mit dem rechten Rand. Ich fragte nach. Die Antwort von Amelie: "Die Datei hatte ich einfach geöffnet und direkt als Word-Dokument neu abgespeichert. Ich habe einen PC, ob das mit Mac auch klappt, kann ich Dir leider nicht sagen."

Wer damit Erfahrungen hat, bitte her damit. Hier konnten wir also die Formatierung großenteils erhalten. Szenenüberschriften und Rollennamen sind weiterhin nicht automatisch in Großbuchstaben wiedergegeben, sondern sind immer dann klein, wenn einer in Eile die Hochstelltaste nicht gedrückt hat. Amelie weiter: "... es gingen die Szenen-Nummerierungen verloren, die ich dann per Hand nachgetragen habe."
Also nicht perfekt, aber immerhin besser als tagelanges Fummeln mit der Absatzbreite. Sorry, N., für Ostern, und sorry ich selbst für ein Wochenende im September.
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Man könnte die Software auch kaufen, meinen Sie? Ja, schon, aber sie lässt sich irgendwie nicht nur vorübergehend installieren und anschließend deinstallieren. Für eine Drehbuchübersetzung inklusive Lektorate arbeiten wir maximal zu dritt, und die Teams wechseln. Da wäre jedes Mal ein Neukauf unwirtschaftlich. Hallo, Final Draft Inc., lesen Sie mit?

Montag, 13. Oktober 2008

Dolmetscherhilfe

Cannes, Palais des festivals. Ich bin auf der MIP, der weltgrößten Messe für audiovisuelle Programme, und folge einer Konferenz über "converging media". Ein Japaner hält einen Vortrag, er hat seinen Text auf das Rednerpult gelegt und liest ab; es ist schwer verständlich. Zur inhaltlichen Weiterbildung gesellt sich hier das Einhören in verschiedene Aussprachemöglichkeiten des Englischen. Dazu gibt es Filmbeispiele.

Aber der Techniker im hinteren Raumteil kommt nicht mit den DVDs zurecht, auf die die Beispielfilme aufgezeichnet sind. Aus unbekannten Gründen kann er die Nummerierung der Scheiben nicht lesen (Sind sie mit japanischen Buchstaben statt mit Ziffern markiert? Ist es im Technikbereich zu dunkel?)

Der erste Film hat einen Fehlstart, dann kommt auch noch der Ton später, hat er auch noch den falschen Regler erwischt? Noch mutmaßt im Saal niemand. Beim zweiten Film braucht der Techniker zwei Anläufe, dann erst hat er den richtigen Film eingelegt. Beim dritten ist es wieder die falsche DVD. Der Japaner am Rednerpult bleibt gelassen. "Please be so kind and take the other one!", sagt er in verschiedenen Variationen mit sanfter Stimme ins Mikro, denn jetzt kommt nochmal der allererste Film. Abbruch. Dann tut sich erstmal nichts. Dann geht das Saallicht aus, Bilder erscheinen, das Pulblikum kennt sie schon (Film zwo), auf den Techniker wirken sie vor lauter Schreck offenbar wie neue Sequenzen, "no, this is not the good film, could you please take the other one!" sagt der Japaner fast flüsternd ins Dunkel.

Da wird es einem Amerikaner zu bunt. "The other one!" ruft er kurzangebunden und mit sehr lautem Organ aus der Saalmitte. Plötzlich klappt's.

Sonntag, 12. Oktober 2008

Übersetzer sind nicht gleich Dolmetscher ...

Viele Deutsche wissen nicht, was einen Übersetzer von einem Dolmetscher unterscheidet. Sollten Sie dazu gehören, grämen Sie sich jetzt bitte nicht, Sie sind in bester Gesellschaft - selbst das noch recht neue Wissenschaftsmagazin der ARD mit dem Titel "Brain - Wussten Sie schon...?" weiß das nicht. In der Sonntagabend ausgestrahlten Sendung wurde über Vorurteile berichtet. Eines lautet: "Die Brüsseler Bürokratie ist riesig und teuer". Dann wurde nachgefragt - und so berichtete "Brain", dass dreißig Tausend Beamte in Brüssel arbeiten, weniger als in mancher deutschen Großstadt. Davon seien viele, so die Sendung, "mit dem Übersetzen beschäftigt: 23 Amtssprachen erfordern viele Dolmetscher."

Ja was denn nun - Übersetzer oder Dolmetscher? Wohl beides, aber was hier wie Synonyme verwendet wird, ist nicht ein- und dasselbe. Sicher, die Berufe gleichen sich, denn in beiden haben wir mit der Übertragung von Sprache zu tun. Übersetzer widmen sich aber der geschriebenen Sprache, arbeiten am Schreibtisch, mit Wörterbuch, Glossaren, Originaldokumenten und dem Internet - und Dolmetscher übertragen die gesprochene Sprache, und zwar auf Kongressen, bei der Begegnung von Politikern, Wirtschaftskapitänen, Künstlern und anderen Reisenden. Wobei auch hier meist Wörtberbücher, Glossare etc. von der Partie sind ...

Als Merksatz gilt das Motto dieses Weblogs: siehe oben.

Freitag, 10. Oktober 2008

Alpha-Zustand

Freitagnacht, kurz vor Mitternacht. Ich sehe aus dem Fenster des Taxis, draußen Warteschlangen, Lachen, Partystimmung, Baustellen, Straßenlaternen. Ich kommme aus der Berliner Filmpremiere von "Willkommen bei den Schtis". Zuvor, den ganzen Nachmittag lang, fanden bis in den früheren Abend Interviews statt. Ich als Dolmetscherin immer aktiv. Zwischendurch französischsprachige Journalisten (überraschend viele, wo kommen die plötzlich alle her?), da hab ich Pause, sitze oft stand by und souffliere fehlendes Vokabular. Jetzt schaue ich aus dem Fenster, nehme die Menschenmassen als Bewegung, Klänge und Erinnerung an etwas wahr, das ich auch kenne. Ich fixiere nichts und alles. Es ist wie der lange entspannte Blick in den Kamin: Der Kopf schaltet auf flow, die Hirnwellen legen ein anderes Muster vor als eben gerade. Erinnerung und Gegenwart schieben sich ineinander. Habe ich heute auf einem Balkon gestanden und über den Film "Waltz with Bashir" gesprochen oder war das neulich mal? War der rote Teppich nicht total ausgeblichen oder lag es am Licht. Und wie lautet Moritz' Sonnenfrage? Das war das Arte-Quiz: "Nennen Sie uns ihren letzten Erfolg!" Dany Boon: "Nicht 20,5 Millionen Kinozuschauer, sondern trotz dieses Wunders auf dem Teppich geblieben zu sein." Dann fällt mir ein Wort ein, scheinbar aus dem Kontext gerissen, es ist das Wort "Minensucher" - war das vorhin oder ist das ein Traumrest aus der vergangenen Nacht? Es war von Minensuchern die Rede, das Wort Teil irgendeiner längeren, in sich abgeschlossenen Episode, es kann auch ein Witz gewesen sein, von Logos auf Patronenhülsen, von Rache ... Und erst nach einigem Nachdenken weiß ich, dass es kein Restbild meiner Traumwelt war, sondern Teile des Plots des neuen Films von Jean-Pierre Jeunet, in dem Dany mitspielt und von dem er erzählt hatte.

Auch das andere war alles heute - bzw. inzwischen gestern. Und gleich geht es weiter, Samstag, nach 11.00 Uhr. Oder morgen. Morgen ist, wenn ich geschlafen hab.

Dany Boon

... pendant que le prochain interview est préparé ... während das nächste Interview vorbereitet wird ....

Où sont les meubles ... ? ... les chiens ....? (This is a 'private joke' referring to the french version of the film. Click to enlarge the picture.)

And some feed back ... please click here.

Merci beaucoup I




"Tausend Dank, Caroline, für diese schöne Zusammenarbeit. Wenn der durchschnittliche Witz eines französischen Schauspielers den deutschen Journalisten zum Lachen bringt, ist die Übersetzung besser als perfekt."

Dany Boon, Schauspieler und Regisseur

Mittwoch, 8. Oktober 2008

Fremddeutsch II

Hier die Fortsetzung des Texts über französisch geprägtes Deutsch bei Kollegen des Auslandshörfunksenders Radio France Internationale (RFI).

- "Meine Herren, der Ball ist in ihrem Feld!" (Messieurs, la balle est dans votre camp!) – das ist eine Übersetzung, die langsam auch auf Deutsch verstanden wird (vielleicht gibt’s auf Englisch einen ähnlichen Ausdruck, meine Hamburger Freunde erkannten ihn wieder, die Süddeutschen verstanden Bahnhof.)
Meine Herren, Sie sind dran! ist sofort verständlich.

- "Der Politiker hat inzwischen ein Versagen der öffentlichen Autoritäten eingestanden."
Das ist nicht nur übersetzt, das klingt auf Deutsch auch so. “Er hatte Angst vor Autoritäten, aber am meisten vor seinem Lehrer.” “Die Sparpläne der Hansestadt treffen besonders die öffentlichen Bücherhallen.” “Die Gehälter im öffentlichen Dienst stagnieren.”
Ein Versagen von Regierung und Verwaltung würde es vielleicht treffen.

- “Arbeitgeber können junge Angestellte ohne Nennung von Motiven entlassen.”
Hm, haben sie etwa die Absicht, einen Mord zu begehen ...?
- KOMMISSAR: Wo waren Sie vergangenen Freitag um halb sieben?
- ASSISTENT: Aber er hat doch gar kein Motiv!?
- KOMMISSAR: Ich red hier! Hol schon mal den Wagen, Harry...
...gemeint sind natürlich “Gründe”.

- "Der Wissenschaftler schafft es, aus "Star Wars" einen Vorschlag zu machen, der sich ans Publikum wendet."

Say it deutscher ;-)

Der Wissenschaftler nimmt "Star wars" zum Anlass für einen Blick hinter die Kulissen...

Der Wissenschaftler greift "Star wars" auf und erlaubt es dem Publikum, hinter die Kulissen zu schauen...

- "Die Engländer haben den Euro nicht adoptiert." Das aaarme kleine Euro, ganz elternlos, und noch nicht mal Adoptiveltern! Ooooch! Natürlich hat England den Euro nicht eingeführt. Wieso jetzt 'natürlich'?

- Agnès Jaoui sagt: "Ja, ich habe lange zwischen den beiden Karrieren gezögert!"
Nein, sie hat nicht gezögert, sie war lange unentschlossen, welche der beiden Karrieren sie ergreifen sollte.

- "Er hat eine bislang wenig politisierte Jugend ermutigt, die Linke zu wählen."
Au weia! Muss man sich jetzt in Frankreich mit starkem körperlichen Einsatz den Weg zu den Wahlkabinen erkämpfen? Werden die Urnen von Schlägertrupps geschützt, auf dass auch ja keiner wählen gehe?
Nein. Hier ist "encourager" im Sinne von “ermuntern”, “einen Anreiz bieten” gemeint.

Montag, 6. Oktober 2008

Kriterien: Dolmetscher in der Film-PR

Stellen wir uns vor, Sie hätten für viel Geld Filmrechte erworben, die Sie nun aus­wer­ten möchten, oder aber Sie wären an der Herstellung eines Films beteiligt gewesen und wünschen sich, dass der Filmstart optimal verläuft. Leider gibt es in unserem Beispiel eine Hürde: Fremdsprachen.

Um diese zu überwinden, suchen Sie Hilfe. Hier eine Checkliste, damit Sie wissen, was Filmdolmetscher für die PR leisten.

Im Vorfeld: Der/die Dolmetscher/in
— hat eine professionelle Ausbildung oder Zusatzausbildung als Dolmetscher ab­sol­viert
— hat einen Arbeitsschwerpunkt im Bereich Film
— fragt nach Material zur Vorbereitung, ggf. auch nach in Deutschland schwer be­schaff­ba­ren früheren Filmen des Filmemacher
— stellt Rückfragen zu Einsatzdauer, Pausen, Anzahl der Einzel- bzw. Fern­seh­in­ter­views
— hat Erfahrung im Dolmetschen von Presseinterviews

Woran können Sie das in der Dolmetschsituation erkennen?
— Der/die Dolmetscher/in verfügt über eine adäquate Notizentechnik, Vor­aus­setz­ung für detailreiche Verdolmetschung
— die Dauer der übersetzten Antworten entspricht grosso modo der Dauer der von den Filmschaffenden gegebenen Antworten
—mdie Übersetzung erfolgt nach einer kurzen Sprechpause, womit saubere O-Töne in der Originalsprache garantiert sind (es sei denn, die Journalisten bäten aus­drück­lich um simultane Übertragung)
— der/die Dolmetscher/in hat eine gute, geschulte Sprechstimme, deren Ver­dol­met­schung ggf. als "Overlay"-Stimme für Hörfunkbeiträge übernommen werden kann (dazu sollte die Stimme nicht so bekannt sein, dass sie einem bestimmten Sender zugeschrieben werden kann)
— die Filmschaffenden klingen in der Übersetzung unterschiedlich — denn eine 19-jährige Berufsanfängerin in der Ausbildung klingt auch im Original anders als ein erfahrener Schauspieler, der z.B. 1944 geboren wurde
— die Damen und Herren von der Presse bedanken sich bei der Dolmetscherin/dem Dolmetscher, bitten möglicherweise um Visitenkarten

Zögern Sie nicht, die Pressevertreter auch später noch nach ihren Erfahrungen zu fragen, z.B. zum Filmstart, ob sich die Übersetzung beim Schreiben der Beiträge als nützlich erwiesen hat. Die Fremdsprache ist der "Flaschenhals", durch den die Information hindurch muss. Nach den vielen Investitionen für Stoff­ent­wick­lung, Dreh, Post, Lizenzankauf, Sprachenfassung und PR sollten Sie nicht an pro­fes­sion­el­len Dolmetschern 'sparen'.

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Hier das feed back eines Journalisten auf
hohe Genauigkeit: Klick!

Sonntag, 5. Oktober 2008

Verloren am Set

Im Ausland zu drehen oder Presseinterviews zu geben, stellt Schauspieler und Regisseure vor besondere Herausforderungen. Besonders dann, wenn er oder sie merkt, dass etwas fehlt bei der Kommunikation mit den Kollegen, wenn der Dolmetscher an seiner Seite überfordert ist oder wegen Zeitknappheit, Bequemlichkeit oder Ignoranz kürzt.

Diese Situation hat Sofia Coppola in "Lost in Translation" (USA 2003) überspitzt dargestellt. Im Alltag ist es selten so extrem, aber wenn Ihr Dolmetscher halb so lange braucht für die gleiche Antwort eines ausländischen Muttersprachlers oder wenn eine Jugendliche in der Übertragung ähnlich klingt wie die übersetzten Worte eines alten Mannes, sollten Sie sich fragen, ob Sie es mit einem Dolmetschprofi zu tun haben.

Sie erinnern sich an die berühmte Suntory Time-Werbeszene, bei der Schauspieler Bob aus den USA am Set in Tokyo sprachlich abgehängt ist?
Hier ist der Dialog (Übersetzung aus dem Englischen, Quelle: NY Times).

- REGISSEUR (auf Japanisch zur Dolmetscherin): Die Übersetzung ist sehr wichtig, O.K.? Die Übersetzung!
- DOLMETSCHERIN: Ja, natürlich, ich verstehe.
- REGISSEUR: Mr. Bob-san. Sie sitzen ruhig in Ihrem Arbeitszimmer. Und dann steht da die Flasche Suntory Whisky auf dem Tisch. Verstehen Sie, ja? Sehr emotional blicken Sie langsam zur Kamera, zärtlich, und sagen ihre Worte, als würden Sie alte Freunde treffen. Als wären Sie Bogie in "Casablanca" sagen Sie: "Prost, ich trink' auf Euch, Kumpels" - Suntory time!
- DOLMETSCHERIN: Er möchte, dass Sie sich der Kamera zuwenden und hineinsehen. O.K.?
- BOB: War das alles?
- DOLMETSCHERIN: Ja, drehen Sie sich zur Kamera.
- BOB: Soll ich mich von rechts oder von links zur Kamera drehen?
- DOLMETSCHERIN (in sehr formellem Japanisch zum Regisseur): Er ist vorbereitet und drehfertig. Und er wüsste gerne, ob Sie, wenn der Film läuft, es lieber hätten, dass er sich nach links dreht, oder ziehen Sie es vor, dass er sich nach rechts dreht? Das ist, was er gerne beantwortet hätte, wenn Sie so freundlich wären.
- REGISSEUR (sehr schroff und in eher umgangssprachlichem Japanisch): Beides ist gleich gut. Dieses Detail ist nicht wichtig. Wir haben keine Zeit, Bob-san, O.K.? Sie müssen schnell machen. Zeigen Sie mehr Spannung. Schauen Sie in die Kamera. Langsam, mit Leidenschaft. Wir brauchen Leidenschaft. Verstehen Sie?
- DOLMETSCHERIN (auf Englisch zu Bob): Von rechts. Und, äh, mit Intensität.
- BOB: Ist das alles? Mir scheint, er hat ein wenig mehr gesagt als das.
- REGISSEUR: Wissen Sie - worüber Sie sprechen, das ist mehr als über Whisky. Verstehen Sie? Es ist, als ob Sie alte Freunde treffen würden. Zeigen Sie ihre wachsende Freude. Spannung ist wichtig! Denken Sie daran.
- DOLMETSCHERIN (auf Englisch zu Bob): Wie zu einem alten Freund - und in die Kamera.
- BOB: O.K.
- REGISSEUR: Verstehen Sie? Sie lieben Whisky. It's Suntory time! O.K.?
- BOB: O.K.
- REGISSEUR: O.K.? O.K., wir drehen! Los.
- BOB: For relaxing times, make it Suntory time.
- REGISSEUR: Cut, cut, cut, cut, cut! (Jetzt in einer sehr männlichen Variante japanischer Sprache, wie ein Vater, der sich an sein störrisches Kind wendet): Versuchen Sie nicht, mich zu verarschen. Tun Sie nicht so, als verstünden Sie mich nicht. Verstehen Sie denn, was wir hier machen wollen? Suntory ist sehr exklusiv. Der Klang dieser Worte ist sehr wichtig. Es ist ein teueres Getränk. Es ist die Nummer Eins. Nun machen Sie es noch einmal. Und Sie müssen fühlen, dass das hier exklusiv ist, O.K.? Das ist kein Alltags-Whisky, wissen Sie?
- DOLMETSCHERIN: Könnten Sie es langsamer machen und ... ?
- REGISSEUR: Mit mehr Gefühlen, mehr Hingabe.
- DOLMETSCHERIN: Intensiver.
- REGISSEUR (auf Englisch): Suntory time! Film ab.
- BOB: For relaxing times, make it Suntory time.
- REGISSEUR: Cut, cut, cut, cut, cut! Mein Gott, ich flehe dich an!
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Link zum Filmausschnitt
Foto: Screenshot - Bob (Bill Murray) und links die Dolmetscherin, rechts der Regisseur (die Kadrierung entspricht nicht der des Films)

Ch'ti là oder: Französisch aus der Picardie im Film

Will­kom­men et bien­ve­nue beim Ar­beits­ta­ge­buch einer Fran­zö­sisch­dol­metscherin und -übersetzerin. Meine Arbeitssprachen sind Deutsch, Französisch und Film, denn Film ist eine Sprache für sich. Hier denke ich öffentlich über unseren Alltag nach, stets unter Wahrung dienstlicher Geheimnisse.

Wunderkiste Internet: Letztens durfte ich einen Tschechen dolmetschen, der 1968 in Paris gelebt hatte. Die Dolmetscherkollegin riss die Augen auf, als sie sein Französisch hörte, und winkte ab. Ich übernahm den Kunden gern. Ich hatte in der Vorbereitung bemerkt, dass er kurz zuvor beim Sender France Culture zu Gast gewesen war und mich eine Programmstunde lang eingehört.

Ein anderes Beispiel: Ich wurde gebeten, einen Kostenvoranschlag für die Pres­se­ges­präche zum Film "Willkommen bei den Sch'tis" zu schreiben, dem er­folg­reichsten französischen Film aller Zeiten, der fast so oft gesehen wurde wie der in Frankreich erfolgreichste Film aller Herkunftsländer, "Titanic". Bienvenue ... /Willkommen... erzählt mit den Mitteln des Slapsticks einen in­ner­fran­zösischen clash of cultures, indem er Nordfrankreich mit den Augen eines vor­ur­teils­be­ladenen Südfranzosen zeigt. Dieser wird vor Ort eines besseren belehrt — die Leute sprechen zwar ein drolliges Kau­der­welsch, das "Chtimi", sie erweisen sich aber als offen, herzlich, treu — und feierfreudig.

So beschäftige ich mich im Rahmen dieses Kostenvoranschlags mit diesem Dialekt ... Nein, es wird von mir nicht gefordert, aus ihm ins Deutsche zu dolmetschen, und auch das Publikum bekommt einen synchronisierten Film angeboten, den ich mir in der Pressevorführung angesehen habe. Zunächst aber krame ich meine Erinnerungen an meine Sichtung des Films in der Originalfassung hoch. Dann finde ich im Netz Trailer und Ausschnitte auf YouTube, entdecke eine wundervolle Seite mit Audiosprachkurs zum Erlernen des Chtimi (weitere Links unten), die Über­setzungen aus dem Französischen in diese Variante des Picardischen samt 400 Hörbeispielen anbietet und höre mich ein ...

Wie viele Dialekte zeichnet auch Chtimi sich durch besondere Ausdrücke aus ('à toute berzingue' statt '... vitesse'), durch Auslassungen ('orelles' statt 'oreilles'), Eigentümlichkeiten in der Grammatik ('D'ù qu'ch'est t'as incore trainé ?' statt 'Qu'est-ce que tu as encore trainé ?') sowie Lautverschiebungen, die im Film selbst erklärt werden: "... Sie sagen ein [o] anstelle von [a], ein [k], wo wir [ch] sagen — und die [ch] sprechen sie, aber anstelle von [s]!"

Deutschen Ohren fällt auf, dass viele zum Teil deutsch klingende Zischlaute im Dialekt vorkommen, dafür andere ausgelassen werden, Beispiel: "Cha ch'est quéccose" für "ça, c'est quelque chose". Die Enden von Verben werden verschluckt — 'abatte' anstelle von 'abattre", stimmhafte Laute zu Zischlauten 'la(r)che' anstelle von 'large'.

Im Presseheft steht, der Dialekt sei für den Film ein wenig vereinfacht worden (und Dany Boon widerspricht dem in Interviews kurz vor dem Filmstart) — dennoch verstanden viele Franzosen im Kino immer wieder manches Wort nicht. Für die deutsche Synchronfassung wurde ein Kunstdialekt mit Lautverschiebungen aus den gleichen Konsonantenfeldern gewählt.

Und woran lag es, dass der Film in Frankreich diesen überragenden Erfolg hatte? Es gibt zwei Liebesgeschichten in dem Film, bei denen sich Paare aufgrund von echten Entscheidungen (wieder)finden. Der Film baut auf Vorurteilen auf, wobei das Spiel mit ihnen uns alle lachend klüger macht. Und er berichtet, dass es neben Paris noch ein anderes Frankreich gibt, das selbstbewusster Regionen nämlich: "Du wirst in den Norden versetzt", sagt der Personalchef unseres Helden an einer Stelle, und Letzterer fragt ängstlich: "Etwa Paris? Sag' mir, dass es nicht Paris ist!" — "Nein, nein, ich kann dich beruhigen!", antwortet da der Personaler, "es ist nicht Paris!" Last but not least ist Dany Boon, Autor, Regisseur und Darsteller einer der Hauptfiguren, seit Jahren in Frankreich als Stand-up-comedian durch Bühne, Funk und Fernsehen berühmt — auch das verschafft jedem Kinofilm einen Vor­sprung. Diese letzten beiden Faktoren fallen bei der Auswertung in Deutschland weg. Ich bin gespannt auf die Publikumsreaktionen, die Komödie startet am 30.Oktober.


Surftipps: Chtimi-Wörterbuch und "Sprachkurs" (bei Lexilogos), Satztraining mit Hörbeispielen, Alan Dawson über den Dialekt (im Nouvel Obs-Blog), die Gegend wird hier vorgestellt (in süß-falschem französischem Deutsch)
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Fotos: C.E.
Ch'ti là bedeutet celui-là — der da
(mit implizitem Fingerzeig)!