Samstag, 28. Juli 2007

Multitasking

Gestern stand ich vor einem logistischen Problem. Neben dem Dolmetschen unterrichte ich einen Tag in der Woche in der Hochschule und gebe einen doppelstündigen Kurs im Fach Medienwissenschaft (siehe Link "Festivalblog Französische Filmwoche").
Normalerweise überschneiden sich die Bereiche nicht, jetzt plötzlich schon: Alexandra, eine unserer Studentinnen, wollte die Arbeit in der Kabine drehen, denn sie macht für eine Kunstausstellung einen Beitrag über Multitasking. Die Idee gefiel mir, dennoch war mir mulmig: Die Kabinen, in denen wir Dolmetscher sitzen, sind drei bis vier Quadratmeter groß und darin halten sich dann zwei Kollegen auf. Ergebnis: Die Luft ist stickig, und viel Raum, um sich zu bewegen, gibt es auch nicht.

Also schlug ich vor, dass ich uns selbst filmen würde. Dolmetschen und gleichzeitig filmen? Das geht allenfalls bei Tischgesprächen, wenn es sowohl auf die Übersetzung als auch auf das Bild nicht sooo sehr ankommt. Das habe ich schon mal gemacht, als ich vor Jahren Nicolas Philibert über die Herausbringungsstrategie seines Dokumentarfilms "Haben und sein" befragt habe. Die Aufzeichnungen wurden dann "nur" von den Studenten ausgewertet, gedolmetscht hab ich für die anwesenden Journalisten, damit diese auch wissen, worüber wir sprechen.

Jetzt war leider das institutseigene Tischstativ für die Kamera ausgeliehen und meins passte nicht (genauer: die Schnellspannplatte - la semelle). So dass die Idee, selbst zu filmen (die vorbereitete Kamera nur ein- und auszuschalten), ausfiel.

Wir waren auf einem großen, von einer Gewerkschaft organisierten Kongress. Leider hatte die Gewerkschaft eine der Großfirmen mit der Beschickung der Kabinen mit Dolmetschern beauftragt, eine Firma von der Art, die 40 % des Honorars als Vermittlungsgebühr abzieht. Ergebnis der Geringschätzung, die in Nachlässigkeit mündete: Für Spanisch erschien der zweite Kollege nicht. Derlei kommt sonst nicht vor, Dolmetscher sind die personifizierte Dienstleistung ...

Aus den anderen Arbeitsgruppen sprangen in deren Arbeitspausen ab und zu Kollegen für Spanisch ein, einmal wechselte meine Französisch-Kollegin Kerstin die Kabine. Sie dolmetschte dann aus dem (lateinamerikanischen) Spanisch ins Deutsche, die Nachbarkabine und ich vom Deutschen jeweils ins Englische bzw. Französische.

Und Alexandra hatte ihre große (halbe) Stunde. Ich bot ihr gestisch den zweiten Dolmetscherstuhl an, sie legte los und filmte alles, was ihr vor die Linse geriet. Mich inklusive. Blöderweise sprach die Gewerkschaftlerin aus Uruguay ziemlich assoziativ und nicht so auf den Punkt, so dass das Dolmetschen gar nicht so einfach war. Ich saß in mich gekehrt da und redete vor mich hin. Komische Bilder sind das sicher. Am Ende wird alles montiert und vermengt mit Berichten von Fluglotsen, Chefköchen und Musikern. Ich bin gespannt.

Ort und Zeit der Aufführung hier: klick!

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Foto: Ana Lisa Calais e Val

Mittwoch, 25. Juli 2007

Kunstsalat zur Happy Hauer

Eine Kritik aus der Süddeutschen Zeitung von heute:

"Ein Blick auf die Speisekarte im Urlaub. Sie ist tou­risten­freund­lich auf Deutsch formuliert: "Kunstierwürgt Salat", aus den Zutaten "Hieb-Salat", "Rakete" und "Rü­be". Schmeckt bestimmt lecker, aber was zum Teufel ist das? Es handelt sich um eine wunderschöne Fehl­über­setz­ung vom Türkischen über das Englische ins Deut­sche: Ursprünglich war das Gericht ein "Artichokes Sa­lad": art = Kunst, chokes = erwürgt, macht zusammen "Kunsttierwürgtsalat". Ähnlich mysteriös wirken die Gerichte "Rasierapparat-Rohbauten", "Bringen Sie Schädel unter" oder "Abb mit gepeitschter Sahne und Wahnsinnigen".

Wenn man wörtlich übersetzt, ohne die Sprache zu kennen, sind Wortunfälle un­ver­meid­lich. Das Büchlein "Übelsetzungen" versammelt über 100 besonders krasse Fehlübersetzungen auf Speisekarten, Hinweisschildern, Ge­brauchs­an­wei­sun­gen und Rezepten. Vom Happy-Hauer-Cocktail bis zu Kartoffelnknochen ist alles dabei, die Beispiele stammen aus der ganzen Welt. Kommentiert werden die Sprachpannen mit Texten von Titus Arnu, SZ-Redakteur im Ressort Panorama."

Titus Arnu: Übelsetzungen. Sprachpannen aus aller Welt. Langenscheidt Verlag, München/Berlin 2007. 128 Seiten, 9,95 Euro.

Dienstag, 24. Juli 2007

Tempo

Mit Tempo kommt Jean-Pierre zu uns in den Gang am Saalende, um sich vorzustellen: Hallo, ich bin Ihr Moderator der nächsten Session. Der Mittfünfziger hat ein freundliches Wesen, schüttelt die Hände und scheint überhaupt sehr konferenzerfahren zu sein. Dass sich jemand vorstellen kommt, ohne uns im letzten Moment sein mit Mäuschenschriftrandnotizen 'leicht überarbeitetes' Redemanuskript zu bringen (wo wir uns dann später wie die Pfadfinder auf Fußnoten-, Pfeil- und Kreuzchenspuren durchs Buchstabendickicht kämpfen), dass jemand einfach so mal 'Hallo!' sagen kommt, ist selten.

Dann beginnt die Sitzung und Jean-Pierre legt los, stellt die fünf Redner des Pannels auf der internationalen Konferenz vor, die jetzt sprechen sollen. Und tut dies mit einer Geschwindigkeit, in der kein normaler Mensch denken würde. Kein Wunder, er muss auch nicht viel denken, er liest einfach ab: hoch komplexe Karrierewege und Aufgaben mit der Nennung von Institutionen und Jahren. Hoppla! Noch dazu spricht Jean-Pierre ziemlich leise.

Wie viel beim Publikum ankommt? So viel, wie wir Dolmetscher da an Sinnvollem erkennen können. Etwa die Hälfte, schätze ich. Als die Vorstellungsrunde zuende ist, mutiert Jean-Pierre wieder in den netten und freundlichen Gesprächsleiter der weiß, dass es am Saalende Dolmetscherinnen gibt. (Heute sind wir alle Frauen.)

Nach der Veranstaltung kommt der Moderator noch einmal zu uns, verabschiedet sich äußerst liebenswürdig und wirkt sehr entspannt. Ich nutze die Gelegenheit und weise ihn vorsichtig auf sein Lesetempo hin und dass ... Jean-Pierre schaut verlegen drein. "Ja, das hat man mir schon so oft gesagt!", gesteht er. "Und warum haben Sie daran nichts geändert?" frage ich ebenso offen. "Ja, wissen Sie, der Stress. Ich moderiere jetzt seit 30 Jahren mindestens fünf, sechs Konferenzen jährlich und immer gehen die Pferde mit mir durch. Am Anfang bin ich noch langsam, dann überkommt mich die Angst. Es ist einfach eine komische Situation, da so öffentlich zu sprechen, finden sie nicht auch?"

Dienstag, 17. Juli 2007

Reinfunken auf Zeit

Dolmetschblog, erstes Jahr: Hier schreibt und denkt eine Überset­zerin und Dol­met­sche­rin, derzeit in Berlin. Ich arbeite aber auch in Paris, Brüssel, Erfurt, Cannes und dort, wo Sie mich brauchen. Manch­mal ergeben sich un­er­war­te­te Stö­run­gen.

Neulich in der Botschaft. Wir alle sind mitten in einem hochkonzentrierten Gespräch, die Ökonomen, die Medienpolitiker, die Beobachter und wir Dol­met­scher. Bei kleinen Gruppen, hier sind wir elf, lässt sich in ein- und demselben Raum auch ohne Simultananlage gut arbeiten, die Grenze liegt bei zwei bis drei Leuten je Sprache, die eine Verdolmetschung brauchen, dann kann gut auch fast simultan geflüstert werden.

Manchmal irritiert es Sprechende, dass, während sie vortragen, jemand reinfunkt oder dagegen "anspricht". So fühlt es sich jedenfalls an. Ich weiß es genau, mir ist das selbst auch passiert, in China, wo ich bei dem Dolmetschergebnis nicht mit­hören konnte, weil ich kein Chinesisch verstehe, und daher selbst erlebt habe, wie sehr das "Verstehen" (im Sinne von "Erfassen") der Si­tua­ion eine geistige Heraus­forderung ist. Ansonsten stellt sich das Gefühl ein, jemand unterbreche einen stän­dig. In solchen Mo­men­ten warten wir Dol­met­scher immer, bis der- oder die­je­ni­ge fast fer­tig ist, um anschließend mit leiser und sanfter Stimme zu übertragen.

Unsere Handys sind aus, und das ist richtig gut so. Nur ein Gast hatte dies un­ter­las­sen und offenbar auch keinen Filter vorgeschaltet, der nur wichtige Anrufer klin­geln lässt. So dürfen wir alle mit anhören, wie der Gast einen Kurzreisebericht aus Berlin gibt.

Wenig später werden wir zehn Minuten Pause angekündigt. Kerstin geht raus, die Kinderabholung für den späten Nachmittag zu organisieren, der Termin war sehr kurzfristig anberaumt worden. Die Diskutanten aber bleiben sitzen — und dis­ku­tie­ren weiter, ich übersetze. Ohne offizielles Pausenende — diese hatte ja nicht einmal begonnen. Als Kerstin nach fünf Minuten wieder reinkommmt und uns kommunizieren sieht, hält sie es für Pausengespräch und gibt noch rasch eine Telefonnummer durch. Dann erst merkt sie, dass wir "in der Sitzung" sind — sie "wieder", wir anderen "noch".

Eine Stunde später, die Handys sind jetzt alle aus oder stumm geschaltet, frage ich mich, während ich dolmetsche, wie spät es sein mag. Mein Handy hat längst die Arm­banduhr ersetzt, das ist ein Phänomen der Zeit. Aber hier in der Runde sind nur zwei Menschen ohne Armband­uhr. Merke: derlei ist ein neues Dis­tink­tions­merk­mal. Und jetzt funkt kein Handy mehr rein und auch die ungeübten Sprecher ge­wöh­nen sich an unseren simultanen Output, in low tech geliefert.

Wobei mir zum Thema "simultan" in Verbindung mit "Funken" noch eine andere Episode einfällt. Wo wir zwar auch "direkt" gedolvmetscht haben, aber übertragen über eine Infrarot- Dolmetschanlage aus der Kabine heraus. Aber plötzlich konnten wir gar nicht mehr "die Stimme im Ohr" unserer Gäste sein, weil in unsere Kopf­hö­rer massiv rein­gefunkt wurde — von Privatfunkern. Manchmal ist auch high tech nicht vor Störungen gefeit.

"Omega, bitte kommen."
"Hier Omega, wo bist du?"
"Ja, also ich bin jetzt noch eine halbe Stunde hier an der Kongresshalle, wo steht ihr?"

Samstag, 14. Juli 2007

Trockener Kommentar

Diesen Text verstecke ich jetzt mal unter einem anderen Datum als dem heutigen, dann steht er im Weblog nicht ganz oben. Er ist mir nämlich peinlich. Auf der anderen Seite sagt mir eine Kollegin: "Nichts da, sei stolz auf Deine Arbeit, freu Dich!"

Es geht nämlich um Lob. Lob ist etwas anderes als ein Kompliment, das habe ich zwei Mal erfahren, als ich auf Lob, das meinen Französischkenntnissen galt, mit den Worten geantwortet habe: "Merci pour le compliment!" und von berühmten Menschen jedes Mal ebenso freundlich wie bestimmt 'abgewatscht' wurde.

Aber nacheinander.

1988, ich war noch Studentin, habe ich eine Hospitation im ARD-Fernsehstudio in Paris gemacht und die Berichterstattung zur Zweihundertjahrfeier der Französischen Revolution mit geplant. Eines Tages kam Gérard Gabert und mit ihm eine Studentengruppe des deutsch-französischen Jugendwerks (dfjw) dorthin. Sie waren eine gute Woche in Paris, um den Präsidialwahlkampf zu beobachten. Ich durfte sie als "Hospi" durch das Studio führen, und im Anschluss danach luden sie mich ein, mit zu François Mitterrand ins Elysée zu kommen.

Dort diskutierten wir mit dem ersten Mann im Staate, immer wunderbar gedolmetscht von Gérard, einem Projektleiter des Jugendwerks, der mich auch schon kannte, da ich im Herbst zuvor beim dfjw eine kurze Ausbildung zur Dolmetscherin bei Gruppenbegegnungen absolviert hatte. Es war die Ära vor dem Mobiltelefon, und irgendwann musste Gérard raus um zu telefonieren. Schüchtern nahm ich (auf Gérards Betreiben) seinen Platz als Dolmetscherin ein. Der Puls schlug mir bis zum Hals, ich war in meinen allerersten Anfängen und dann solch einen "Kunden"! Aber es ging, mit dem Sprechen verlor sich die Aufregung, es war wie am Live-Mikrophon des Radios.

Als wir gingen, kam oben erwähntes Lob. Darauf ich: "Merci pour le compliment." Darauf er, sehr ernst, fast strafend: "Ce n'est pas un compliment, c'est un constat!" (Das ist kein Kompliment, sondern eine Feststellung!")

Etwa sieben Jahre später wiederholte sich die Szene. Ich saß mit Nathalie Sarraute und einem Radiomann im Garten des Literarischen Colloquiums am Berliner Wannsee. Am Ende das Lob und meine Antwort gefolgt vom ebenso strengen wie trockenen Kommentar der fast Hundertjährigen: "... kein Kompliment, sondern ...!"

Seither sage ich schlicht: "Merci beaucoup !"

So, jetzt noch ein Datum suchen. Von der französischen Revolution sprach ich grad eben erst. Also nehme ich den 14. Juli ... Kleine Revolution, ich steh zum erhaltenen Lob.

Freitag, 6. Juli 2007

Ça tourne !

Bei "Films" zu dolmetschen ist die hohe Schule. Dreharbeiten sind hochsensible Vorgänge: Die Schauspieler, die ihre Haut zu Markte tragen, kehren nicht selten ihr Innerstes nach Außen, der Regisseur/die Regisseurin gibt den Rahmen, lenkt, leitet, provoziert. Manchmal fließen sogar Tränen.

Jeder oder jede Externe stört dabei. Indes, bei manchen Koproduktionen geht es auch hier oft nicht ohne Dolmetscher. Und wie immer bei Drehs wird auch gelacht. Newcomer werden der Feuerprobe unterzogen, ob sie, wenn die Kamera läuft, Späßen widerstehen können und professionell reagieren - das erzählt mir in einer Pause der Tonmann. Aber der Reihe nach.

So ein Drehtag ist ganz einfach: Als Sprachmittlerin laufe ich mit meinem "Star" mit. Seine "Dispo", in der alle Termine und Aufgaben stehen, ist auch meine. Bereitet er Bild 21 vor, lernen wir beide die Einsätze, denn ich frage ab, und das kann überall sein: Auf der Fahrt im Produktionsauto morgens um sechs, um sieben in der Maske, um acht am Cateringwagen. Dann geht das Warten los. Stundenlang. "We're paid for waiting, performance is for free", sagt der französische Schauspieler in perfektem Englisch, von dem seine Agentin nicht zu wissen schien. Gut für mich - aber auch sonst sprechen im Team nicht alle Englisch. Ganz beiläufig im Aufenthaltsraum lernen sich der Gaststar aus Frankreich und die deutsche Schauspielerin kennen, deren Englischkenntnisse auch nicht weit fortgeschritten sind. 'Parlando' ist angesagt, also harte Arbeit für mich, simultan plus Leichtigkeit, es soll nicht nach Arbeit aussehen, die beiden müssen sich kennenlernen, denn drei Stunden später liegen sie als Film-Liebespaar zusammen auf dem Sofa und knutschen. Wem das einfiel? Der Aufnahmeleitung. Das Motiv einiger Einstellungen, die Wannseevilla, ist nur drei Tage gebucht, die anderen Darsteller kommen später. Also fangen wir mit dieser Szene, die in der Handlung relativ weit hinten kommt, an.

Warten, nichts als Warten. Handy sei Dank dürfen wir ein wenig spazieren gehen, entspannen uns weiter. Es ist wie Urlaub. Bis es von jetzt auf gleich ernst wird: Ein Gewitter zieht auf, der Drehplan wird umgeworfen, statt Sofa nun Badetuch und Segelbootszene am Steg bei 14 Grad plus im Sommer. Damit keine Gänsehaut aufkommt, wird die Darstellerin mit einer Creme eingerieben und den glänzenden Teint kaschiert viel Puder. Vier Aufnahmen, in der Filmsprache "takes", haben wir zwischen zwei Gewitterwolken, blaue Lippen werden überschminkt. Der Stresspegel steigt, keiner will jetzt einen Fehler machen, keiner dran Schuld sein, wenn was misslingt.

"Wie heißt 'Kamera läuft!' nochmal auf Französisch?", fragt mich Kameramann Hans. "Ça tourne !" lautet die Antwort. "Das kann ich mir einfach merken, wie Saturn, da war ich erst gestern für kleine Batterien!", antwortet der Kameramann, und ich entgegne: "Ja, nur mit scharfem "S", also wie die Schlange, nicht wie die Hummel, und auch das Ende wird anders betont."

Wir tun alles dafür, dass die Stimmung gut ist und dass sich unser Gast wohl fühlt.

Stunden später. Eine Szene im Badezimmer. Während der Wind an den Fensterläden rüttelt, stehen wir im Badezimmer im gleißenden Licht: Ein Scheinwerfer vor dem Fenster, vor den ein Quadratmeter Butterbrotpapier gespannt wurde, wirft sein Licht in den Raum und lässt es sonnig aussehen. Unser Gaststar fotografiert im Bad heimlich Dokumente, während Madame, die Hausherrin, im Schlafzimmer singt. Das Bad ist extrem klein und fast durchgehend verspiegelt. Der Wind stört nicht; die Szene wird ohne Ton gedreht und nachher vertont, weil der Zeitplan so eng ist und ohnehin kein Platz für Tonmann mit -angel wäre. Die Miete der Villa kostet Tausende.

Der Raum ist eng und es gibt wegen der Spiegel nur wenig tote Winkel. Hans steht mit Kamera auf dem Klobecken, die Regisseurin kauert sich im halb geöffneten Schrank der Therme zusammen, vor den ein Stummer Diener gestellt wurde. Dann ist nur noch für einen dritten vom Team Platz: Auf der gemauerten Trennwand zwischen Dusche und Toilette. Hier sitze ich nun und versuche, die in Windeseile von der Regieassistentin erklärten Regeln zu befolgen, nach denen Details der einzelnen Aufnahmen notiert werden. "Ton ab?" fragt die Regisseurin - und wenig später: "Kamera ab?"

Und statt "Ça tourne !" sagt unser Kameramann jetzt nur trocken: "Media Markt!"
Es hat viel Selbstbeherrschung gekostet, hier nicht loszuprusten.

Donnerstag, 5. Juli 2007

Kürzel

Nicht dass Sie denken, ich dolmetschte nur "bei Films". Weit gefehlt, hier habe ich zwar gelernt, aber auch Botschaften und Forschungseinrichtungen, Politiker und Stiftungen zählen zu unseren Kunden.

Neulich in irgendeinem Ministerium, der Termin war extrem kurzfristig anberaumt worden, und trotz wiederholter Nachfrage hatte ich keine Unterlagen zur Vorbereitung erhalten. Der Termin geht mir Verspätung los, die französische Delegation lässt auf sich warten - und erleichtert gehe ich mit der Moderatorin die Powerpointpräsentation durch und pauke Kürzel und Namen: jenes Ministerium, diese Abteilung, jene Kommission, diese Arbeitsgruppe.

Später, als sich alle vorstellen, weiß ich genau, bis zu welchem Punkt auf der Liste ich von der Moderatorin gebrieft'worden bin. Danach hab ich drei oder vier Hänger: Sekunden, in denen das Hirn rattert und wild nach Lösungen sucht, werden vermeintlich zu Minuten, alle scheinen mich anzustarren, es unmöglich zu finden, dass ich hier bin, sich zu überlegen, wer wohl auf die Idee gekommen sein mag, mich anzustellen, jetzt scheinen alle sich meinen Namen merken zu wollen mit dem Hintergedanken: "Die nicht mehr!" und ich suche noch immer nach Sinn, finde Worte, presse sie heraus, finde meine Stimme wieder, der Satz gerät langsam wieder in Gang, Wort folgt auf Wort, es spricht mich, ich bin erleichtert. Obgleich ein kühler Sommertag, war ich ganz schön ins Schwitzen gekommen.

Der Rest ist Diplomatie und besteht aus Sätzen, die ich kenne. Am Ende kommt der Vizedirektor auf mich zu, dessen Frau, wie er sagt, Französin sei, und bedankt sich außerordentlich herzlich von mir für die 'schöne Übersetzung'. Und sagt: "Wissen Sie, ich hab' Jahre gebraucht, um hinter die Bedeutungen dieser ganzen Abkürzungen zu kommen!"

Ab, nach Hause, duschen. Und beim nächsten Mal die Auftraggeber NOCH verbindlicher um die Liste der Teilnehmer und die Themen bitten!

Dienstag, 3. Juli 2007

Anamorphotische Vorsatzlinse

Wir Dolmetscher übersetzen alles. Wirklich alles. Aber nicht alle von uns übertragen auch wirklich alle Bereiche, weshalb wir im Netzwerk arbeiten.

Aber nicht auf die Kollegenstruktur will ich hinaus, sondern auf die Bandbreite. Die Welt ist derart komplex, dass sich die Einzelnen wie jeder andere Fachmann oder jede andere Fachfrau auch, in manchen Bereichen besonders gut auskennen. Und in anderen dafür fast gar nicht.

Daher bitten wir unsere Auftraggeber auch immer um Vorlauf und um Dokumente, aus denen hervorgeht, was bei Tagungen, Arbeitsgesprächen und Vorträgen Thema sein wird. Denn natürlich können wir uns, wenn jemand "digitales Kino" sagt, nicht sofort ausdenken, worum es gehen wird. Aber das WWW hilft so wunderbar weiter, dass ich mir gar nicht vorstellen kann, wie es möglich gewesen sein kann, diesen Beruf in Zeiten vor der Verbreitung des Netzes ausgeübt zu haben.

Gründliche Vorbereitung schadet nicht. Letztens ging es also um digitale Vorführgeräte. Und als jemand, der den Dingen gern auf den Grund geht, nahm ich ein Grundlagenbuch mal wieder zur Hand (von James Monaco, auch für Laien interessant), studierte die gelieferten Dokumente und ging sogar in meinem Stammkino den Vorführer besuchen. Dort hab ich mir alles erklären lassen und für die Dauer eines abendfüllenden Spielfilms, so der Terminus Technicus auf Deutsch für long métrage, brav mitgeschwitzt. Hab das Blenden des Films von einem Projektor zum anderen beobachtet oder, als andere Möglichkeit, die großen Teller gesehen, von denen vor allem bei Festivals gespielt wird, erfuhr konkret, was Koppeln bedeutet und welche Putzarbeiten in der Vorführkabine so anfallen. Und bestaunte dann auch das digitale Gerät nebenan mit der Festplatte, den entsprechenden Verschlüsselungen und der Auflösung.

Und dann saß ich in der Kabine auf der Tagung und dolmetschte, es ging um Investitionen, Wartungskosten, Lichtstärke der Birnen und dergleichen — bis einer aus Frankreich das Wort "optique anamorphique" aussprach. Da wandte einer meiner Zuhörer — es war Gerhard von den Kinos am Hackeschen Markt — in einer ostentativen 90-Grad-Bewegung uns in der Kabine den Kopf zu und schaute mir direkt in die Augen, wobei er sich gefragt haben mag, ob wir mit dem Wort zurecht kommen. Seinem Blick folgte die Hälfte der Versammlung, so sehr brach diese Bewegung in die ansonsten eher statische Beratung hinein. Gelassen sagte ich den Satz mit der "anamorphotischen Vorsatzlinse" und grinste Gerhard sicher nicht ohne Stolz an. Der lächelte zurück und hob den Daumen. Womit er die andere Hälfte der Zuschauer dazu veranlasste, nun ihrerseits zur Dolmetscherkabine zu schauen :-)

An Tagen wie diesen weiß ich, warum ich seit Jahren auch an Tagen ohne meine Jobs mindestens fünf bis zehn Vokabeln lerne — Deutsch, Französisch, Englisch und meinen Hobbysprachen. Und warum ich immer so hartnäckig nach Vorbereitungsmaterial frage.

Was die anamorphotische Wie-war-das-gleich-nochmal Linse macht? Gestauchte, auf normalem Filmmaterial aufgenommene Bilder entstaucht sie wieder, so dass wir im Zuschauerraum den Film in Breitwandformat sehen. Die Anamorphotische macht im Grunde das Gleiche wie wir: übersetzen.

Samstag, 30. Juni 2007

Zeit!

Neulich bei einer Konferenz: Der Redner wird vom Moderator vorgestellt. Der Repräsentant des Veranstalters schließt mit den Worten: "Freuen Sie sich auf eine Viertelstunde voller spannender Einblicke in den Alltag des Soundso-Institutes."

Der Redner geht ans Pult. Sagt mit bitterer Miene, man habe ihm 20 Minuten zugesagt und er hätte ja mindestens 25 Minuten gebraucht. Darauf der Moderator freundlich und bestimmt, er habe jetzt 15 Minuten gesagt, weil ohnehin ja alle länger sprächen, am Ende würden es ja ohnehin meist 20 Minuten.

Der Redner kräuselt die Stirn. Legt sein Manuskript aus der Hand, sagt, selbst das reiche nicht aus, um die Grundlagen der Grundlagen zu klären. Und fängt an zu sprechen: Hastig und ungehalten, wobei er immer wieder Silben verschluckt.

Hätte ich den Rednertext, den ich zum Glück eine Woche im Voraus bekommen habe, nicht vorher gründlich bearbeitet, ich wäre als Dolmetscherin untergegangen. Der Redner vergaß die Struktur seines Vortrags, er vergaß wichtige Definitionen und Erläuterungen, unterbrach immer wieder die eigenen Gedankengänge und gab dann mehr Einzelbeispiele als nötig, zwischendurch verlor er sogar den Faden.

So konnte ich, weil ich Struktur und Problematik des Vortrags gut im Kopf hatte, an zwei Stellen vorsichtig einen Viertelsatz einfügen oder mal ein erklärendes Wort nachschieben und, das ist das Wichtigste: ich konnte Ruhe bewahren.

Das mit den minimalen Ergänzungen ist heikel, widerspricht unserer Aufgabe und sollte nur in extremen Ausnahmefällen wie diesen geschehen. Ich kenne das Thema ganz gut, es ging um Filmwirtschaft; bei anderen Inhalten hätte mich mir das auch nicht zugetraut.

Eben gerade habe ich die Anschläge des Redemanuskripts von Word zählen lassen, und da 1800 Anschläge etwa zwei Sprechminuten entsprechen, konnte ich leicht ausrechnen, dass der Vortrag, wäre er so gehalten worden wie er geschrieben wurde, 46 Minuten lang gedauert hätte.
Und die Moral von der Geschicht: Übt reden! Geht in Toastmasters-Clubs und schaut dabei immer auf die Uhr. Achtet auf die Zeit!

Montag, 18. Juni 2007

Faxenmacher

Christophe nimmt so manches nicht ernst, sich selbst offenbar auch nicht. Vor dem Film hatte er zum Kinopublikum gesagt: "Denken Sie sich schon mal ein paar gute Fragen aus für nachher, ich überlege so lange, mit welchen Dummheiten ich darauf antworten kann."

Jetzt ist der Film zu Ende, wir stehen vor der Leinwand, er erzählt, findet keinen Punkt und eine Pause für die Dolmetscherin erst recht nicht, schlägt Wort- und Satzkapriolen, verbindet augenzwinkernd die Bereiche Kunst, Politik, selbstbestimmtes Leben, kommt von der Anekdote zum Allgemeinen und plötzlich sagt er: "Und da wir hier ja nicht weit entfernt von der Kantstraße sind ..." - und zitiert den Philosophen. Am Ende haut er noch ein, zwei Verse von Brecht raus. Und als ich endlich mit Dolmetschen dran bin, macht er große Augen, dass ich da doch hinterherkomme, bietet sich als Junge an, der die Seiten umblättert, fotografiert mich bei meinem Mikro-Stift-Stenoblock-Jonglieren (mitunter darf das Knie als Tischersatz herhalten, das ich übergeschlagen ein klein wenig in der Luft halte).

Selbst meine Notizen mit den Kürzeln haben's ihm angetan. Er denkt laut darüber nach, wie er es anstellen wird, mir eine Seite davon abzuluchsen, die er dann teuer an die Filmzeitschrift Cahiers du Cinéma verkaufen will. Kurz: Er tut alles, um mich zum Lachen zu bringen oder aus dem Konzept. Was aufs Gleiche hinausläuft. Einmal kann ich prompt die letzten Kürzel auf der Seite nicht lesen, ein anderes Mal hat er zu weit zurückgeblättert und ich erkenne die zu dolmetschende Passage nicht.

Christophe ist Regisseur, sein Film lief im zweiten Teil des Abendprogramms der französischen Filmwoche von Berlin, er darf das. Trotz seiner nicht mehr ganz so jugendlichen Jahre hat der Mittvierziger sich etwas Schelmenhaftes bewahrt, das dem Publikum hilft, sich auf die nicht immer leichten Worte einzulassen, die seinen durchaus pessimistischen Film begleiten.

Das Publikum freut sich über den Schabernack, ich freu' mich über die Abwechslung von der Routine, ja, Sie haben richtig gelesen, für mich sind Konsekutiveinsätze auf Festivals inzwischen Routine, lampenfieberfrei. Und die Fotos werde ich hier posten, sobald er sie mir geschickt hat. Das ist versprochene Sache.

Nur mein Heft blieb zum Glück unversehrt. Eine Schriftprobe bekam er dennoch. Mit Autogramm.

Freitag, 15. Juni 2007

Wandermikros

Wohin nur mit dem Mikro, wenn ich schreibe? Beim Filmfestival wird nach dem Film oft über das Gesehene diskutiert. Wir stehen zu viert an die Bühne des Cinéma Paris gelehnt, von links nach rechts: Schauspielerin Isild, Anne von der Französischen Botschaft, Regisseur Benoît und ich.

Wohin mit dem Mikro? Die eine Hand hält den Stenoblock, die andre den Stift, oft umfasse ich unter dem Block den Griff des Mikrofons. Das Teil ist also genau unter dem Block, auf den ich Notizen kritzle - und was ist, wenn man das Kratzen des Füllers hört?
Niemand ist am Mischpult und schaltet das jeweils "untätige" Gerät auf stumm, deshalb müssen wir die beiden Mikrofone stets von den Lautsprechern weghalten, weil die sonst brummen würden. Ich könnte mein Mikro auch auf die Bühne legen, doch da ploppt es beim Ablegen trotz Windschutz am Mikrophon und Teppichboden auf dem Bühnenrand, wenn es nicht ganz wegrollt, der Boden hier ist leicht abschüssig.

Nächste Fragerunde. Ich dolmetsche, dann wandert das Mikrofon weiter, ein Gast ist jetzt dran. Und ich schreibe endlich, ohne mir Gedanken über das Mikro machen zu müssen. Ich erhalte es zurück, als ich mit Dolmetschen dran bin. Dann wieder eine Frage aus dem Publikum, sofort die Antwort auf Französisch. Ich will mein Mikro loswerden - da hat der Regisseur längst das zweite Mikrofon in der Hand. Und wieder jongliere ich meine drei "Bälle" Mikro, Füller und Stenoblock.

Wie viel Energie das kostet? Ich weiß es nicht. Ich beobachte nur zerstreut, dass ich am Anfang das eine Teil in der Hand hatte, zwischendurch das zweite, es sieht anders aus - und den Abend beschließe ich wieder mit dem einen. Mit Tisch, Stuhl und Mikroständern wäre alles einfacher.

P.S. (17.6.): Seit ich diesen kurzen Text schrieb, habe ich beim Dolmetschen den Platz in der Mitte eingenommen, so dass immer links oder rechts ein Händepaar war, das noch kein Mikrophon in den Händen hielt ... Ergo: Manche kleine Probleme lösen sich durch leichtes Nachdenken und awareness in Wohlgefallen auf.

Dienstag, 12. Juni 2007

Visualisierungen

Derzeit nehme ich an einer Rhetorikfortbildung teil. Heute bekamen wir eine Geschichte erzählt und sollten diese visualisieren, uns also beim Hören Bilder dazu vorstellen.

Die Geschichte geht so: "Es ist Wetter. Ich gehe in den Wald. Ich gehe auf einem Waldweg. Auf dem Weg steht eine Tasse. Ich gehe weiter. Ich sehe einen Wasserlauf. Dann gehe ich den Weg zurück und komme zu einem Haus. Ich gehe um das Haus herum und sehe einen Bär. Ich gehe den Weg weiter. Ich komme zu einer Mauer. Die Mauer hat ein Loch. Ich sehe hindurch."

Danach erzählten die Teilnehmer, was sie vor dem inneren Auge sahen. Der Theaterpädagoge: "Es ist Herbst, ich gehe in den Wald, die Tasse und das Wasser sagen mir aber, dass es doch Sommer ist. Ich trinke aus dem Bach. Dann sehe ich mich um und entdecke ein Haus. Wer da wohl drin wohnt?"

Die Juristin: "Ich gehe in den Wald, er ist in Thüringen, meiner Heimat. Ich weiß nicht, wie ich dann doch wieder in den Berliner Wald komme. Ich gehe über den Weg, am Haus vorbei und komme zur Mauer. Es ist die Berliner Mauer, mit Loch in der Mitte. Ich sehe hindurch und blicke direkt auf die Spree."

Ich als Dolmetscherin: "Es ist Wetter. Ich gehe in den Wald. Ich gehe auf einem Waldweg. Auf dem Weg steht eine Tasse. Ich gehe weiter. Ich sehe einen Wasserlauf ..."

Ehrlich gesagt, komme ich mir ein wenig phantasielos vor, wie ich alles so wörtlich nachspreche. Auf der anderen Seite habe ich genau das gemacht, was für die Dolmetschkunden wichtig ist.
Visualisierungen dienen mir als Etappen einer Strecke. Ich habe die Etappen nicht ausgeschmückt, das hätte zu viel Energie gekostet, mir stattdessen die Worte und die Kargheit des Stils eingeprägt wie Schritte auf einem Waldweg, wie Kadenzen, die nach Geäst klingen, das unter dem Schuhwerk zerbricht.

Erst jetzt erlaube ich mir diese kleinen Freiheiten der Ausschmückung. Und ich weiß: Für die Zeit des Dolmetschens ist es gut, dass ich meine Phantasie gut der Sprache unterwerfen kann.


Foto: Fridolin Lützelschwab

Montag, 11. Juni 2007

Sprachmittlers Not und Glück

Übersetzen und Dolmetschen ist oft mit Traurigkeit verbunden! Warum? Weil man den Sprachen nie 100 % gerecht werden kann. Viele Lösungen sind nur Näherungswerte.

Jede Sprache besitzt ihre eigenen Konzepte, und die wiederum übersetzen einen besonderen Blick auf den Alltag. Nehme ich den nun weg und übertrage einfach den Inhalt, fehlt das Lokalkolorit. Versuche ich, etwas daran in die andre Sprache hinüberzuretten, klingt es möglicherweise wie schlecht übersetzt.

Außerdem gibt es noch die stehenden Redewendungen oder Worte, die sich partout nicht übersetzen lassen wollen. Und manchmal wird ein Lehnwort in der neuen Sprache anders verwendet, als in der Ausgangssprache, auch das ist charmant, geht aber beim Übertragen verloren. Ich hatte gerade eins, "partout", überall auf Französisch. Und im Deutschen dann: permanent, beim besten Willen nicht.

Und dann wieder die Höhenflüge. Wenn der Kopf durch Vergleiche merkt, dass das Wort "anschnauzen" in der gleichen Weise den Gedanken vom Tiermaul verwendet wie "engueuler" (la gueule - die Schnauze).

Oder aber es gelingt eine Übertragung, die am Anfang vielleicht noch einer Erklärung bedarf, die aber dem Ausgangsgedanken voll entspricht. Auf Deutsch sprechen wir ja auch oft von der déformation professionnelle - und wie wär's mit der Berufs(ver)bildung? Spricht sich nicht so einfach mit der Binnen-Klammer, hat aber das Zeug, sich eines Tages durchzusetzen.

Samstag, 9. Juni 2007

Humor in der Kabine

Hallo! Hier bloggt eine Kon­fe­renz­dolmet­sche­rin aus der Fran­zö­sisch­ka­bine, neben Kon­fe­renzen arbeite ich auch bei De­le­ga­tions­rei­sen, auf dem Berliner po­li­ti­schen Par­kett und für Pri­vat­kund­schaft. Viel Spaß beim Lesen!

Es muss schnell gehen. Immer. Weil zur Hektik noch der Stress hinzukommt, können sich auch mal Fehler in das einschleichen, was wir so absondern.

Viel Platz mit Blick auf einen Saal
Dol­metsch­'suite' in Straß­burg
Aus dem Stu­di­um ist mir ein net­tes Bei­spiel aus dem Straß­bur­ger Par­la­ment in Er­in­ner­ung, das unter Stu­den­ten kolportiert wird. Es ging um Sicherheit auf Au­to­bahn­en. Je­mand sprach von den LKWs, die mit ihrer Pla­ket­te T.I.R. eine Ab­kür­zung spa­zie­ren­fah­ren, die nicht ohne wei­te­res ver­ständ­lich ist. Sie bedeutet transports in­ter­na­tio­naux routiers, also in­ter­na­tio­na­le Stra­ßen­trans­por­te.

Da aber auch Fachleute dazu neigen, sich Begriffe aus der Sprache des Ge­gen­übers an­zu­eig­nen und zu ver­wenden, ver­stand die Dol­met­scherin Tier-Transporte und machte ent­spre­chend trans­ports ani­ma­liers daraus.

Aber auch Tier ist nicht gleich Tier. Ein lieber Kollege beich­tete mir einmal zu später Stunde, er habe die Trau­er­rede von Kardinal Lus­tiger auf Fran­çois Mit­ter­rand ein wenig verhunzt. Zumindest in der Live-Ver­dol­met­schung für das deut­sche Fern­sehen. Und so wurde aus dem Lamm Gottes ... das Schaf Gottes.

Foto: privat

Freitag, 8. Juni 2007

Dolmetscherarbeitsplätze

Donnerstag: Sieben Kabinen für sieben Sprachen, insgesamt vierzehn Dolmetscher, ein Techniker, der mit zwei Tonnen Material aus Belgien kam (jede Kabine wiegt einzeln 250 Kilogramm) und rund 65 Teilnehmer.

"Relaissprachen" sind Englisch oder Deutsch, das heißt, nicht alle müssen Polnisch oder Ungarisch können, aber eine der beiden Hauptsprachen, über die dann in die anderen Sprachen gearbeitet wird.
Wir arbeiten hochkonzentriert, und da die Dolmetscher auch selbst ihre Pulte schalten müssen, ist die Anstrengung anfangs doppelt. Dazu kommen viele technische Begriffe und Abkürzungen, Namen und Ortschaften, über die gesprochen wird ...

Pausenmusik: Ambient music vom Kongresszentrum in den Pausen, Getränk: Filterkaffee und am liebsten Sprudel ohne Kohlensäure, Duft: neutral
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Mittwoch weiter mit der Vorbereitung: Dolmetschereinsatz in der Wirtschaft sowie Vorüberlegungen zu einem Seminarangebot zu Literaturverfilmungen.

Pausenmusik: Claudin de Sermisy (Renaissance), Getränk: Infusion "Sérénité" von Nature & Progrès (französische Bio-Kräuterteemischung mit dem Namen "Ausgeglichenheit"), Duft: Pfingsrosen vom türkischen Wochenmarkt am Maybachufer

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Dienstag stand Weiterlernen auf dem Programm (für einen Termin in der Wirtschaft gegen Ende der Woche). Vokabelkarten, Kontext nachlesen in diversen Büchern, querlesen, überprüfen (und damit verfestigen).

Dazu denke ich über die Hausarbeit nach, die ich gestern las. Die Studentin kommt nachher in die Sprechstunde. Ich erlebe die zentralen Unterschiede zwischen einem wissenschaftlichen grundständigen Studium und Bachelor-Facharbeiten: Die Arbeit ist zu wenig auf den Punkt geschrieben. Die Methodik des Analysierens, Durch- und Querdenkens, also das Beschreiten von Nebenwegen, um den Blick auf das eigentliche Untersuchungsgebiet zu schärfen, scheint heute nicht mehr zum Grundkanon zu gehören. Auch nicht das vorherige Beschäftigen mit mehreren theoretischen Ansätzen, um den jeweils bestmöglichen zu finden - das alles gehörte einst bei unserer Ausbildung zum ABC. Außerdem der Umgang mit verschiedenen Quellen, ihre Hinterfragung, Spiegelung, das Suchen nach Leerstellen und neuen Fragen.

Ohne diese methodische Grundausbildung könnte ich meinem Beruf als Dolmetscherin und Autorin gar nicht nachgehen. Ich bin in Sorge um unsere Leistungsträger von morgen. Die Studentin kriegt das noch hin, aber wenn es stimmt, dass sich 50 % der unter 25-jährigen in nichtqualifizierten Beschäftigungsverhältnissen befinden und ich ein paar Studis hinterm Kneipentresen rausrechne, wird mir angst und bang.

In den Pausen: Musik von Nouvelle Vague (der gleichnamigen Band von Marc Collin & Olivier Libaux). Duft: Lavendel (vom Balkon der Nachbarin) Getränk: Schwarztee mit Orangensaft und Eis.
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Montag: Verwaltung, Akquise, Steuern, Mahnungen.

Lernen für den Rest der Woche. Bald fahren wir zu einem Kongress, also: Fünf Power-Point-Präsentationen, Vokabellisten, Fachartikel Wirtschaft.

Eine Hausarbeit Korrektur lesen (Dokumentarfilmtheorie).

Schreiben (Artikel).

In den Pausen: Georges Brassens. Duft: Lindenblüten. Getränk: Grüner Tee mit Jasmin.

Licht genießen. Doch es ist wieder "nur" Sonne, statt des großen Geistesblitzes, die hier alles erhellt.

Mittwoch, 6. Juni 2007

Keine Politik ohne Dolmetscher

Wenn die Großen der Politik zusammensitzen, sind Dolmetscher meist nicht weit. Dennoch kennt fast niemand ihre Namen - von Mitterrands langjähriger Dolmetscherin Brigitte Sauzay einmal abgesehen. So ist vom langjährigen Russischdolmetscher der US-Regierung Bill Hopkins denn auch das Wort überliefert: "Ich bin eine Leitung, sonst nichts."
Dolmetscher werden im politischen Alltagsgeschäft auch von anderen meist nicht als Individuen wahrgenommen, sondern als ein Medium der Verständigung. Und die Medien tun ebenfalls so, als sprächen ihre Vertreter, aber auch die Regierenden der Welt, alle Sprachen: Die übersetzten Fragen werden herausgeschnitten.

Die Dolmetscher, die dieser Tage in Heiligendamm tätig sind, arbeiten alle nach dem "Muttersprachenprinzip", sie übertragen aus bis zu fünf Fremdsprachen in ihre Muttersprache. Dabei kommen alle Dolmetscharten zum Einsatz: Vom Flüsterdolmetschen im kleinsten Kreis über konsekutive Einsätze im kleinen Kreis bis hin zu simultanem Dolmetschen in der Kabine.

Auch beim Essen tragen die Politiker Kopfhörer, auf die von den insgesamt 18 Simultandolmetschern die Worte kommen. Für jede Muttersprache arbeiten jeweils drei, die sich alle halbe Stunde abwechseln. Ein Großteil der Information liegt dabei im Gesichtsausdruck, auch das "Mundbild" hilft weiter beim Verstehen und gleichzeitigen Sprechen. Da die 18 nicht mit am Tisch sitzen, filmt ein Kamerasystem die Köpfe und überträgt das jeweilige Bild in die Kabinen.

Auch Japanisch ist als außereuropäische Fremdsprache dabei. Weil es nicht so viele japanische Kollegen und Kolleginnen gibt, die aus den anderen vier Sprachen dolmetschen, ist Deutsch die zentrale Sprache. Aus der Elektrotechnik stammt der Begriff "Relais" für diese Hauptsprache, über die alles läuft. Die Gäste aus Japan hören dann also die Verdolmetschung der Verdolmetschung, weshalb alle sehr genau arbeiten müssen.

Kein Wunder, dass laut einer Studie der WHO Dolmetscher der drittanstrengendste Beruf nach Astronaut und Pilot ist.

Einige Informationen dieses Beitrags nach "Babel 2007", Andreas Bernard, Süddeutsche Zeitung Magazin Nr. 22 vom 31.05.2007

Dienstag, 5. Juni 2007

Sex sells

Irgendwie hatte ich neulich Lust auf diese verwegene Kategorie. Ich kann mir vorstellen, dass derlei einen beim Google-Ranking ein wenig nach oben pusht.

Auf der anderen Seite nervt mich die Übersexualisierung unserer Gesellschaft, nota bene der Werbung. Letztens sah ich weibliche Formen als Werbebegleitbild für Knäckebrot. Ausgerechnet Knäckebrot! Es ist trocken, eckig und es krümelt. Nee, wirklich.

Die Überpräsenz weiblicher Rundungen in der Werbung diskriminiert nicht nur die weiblichen Mauerblümchen, sondern (uns) alle Frauen. Wir möchten doch auch mal was Schönes sehen, so richtig nette männliche Muskeln, keine Protze, keine Teenager, schöne halt.

Wie kriege ich jetzt noch die Kurve zu den Dolmetschern? Ganz einfach: Haben Sie keine Angst, wenn eine Dolmetscherin Ausstrahlung und sex appeal hat. Der Definition nach müssten wir Dolmetscher eine Tarnkappe aufhaben, wir verschwinden auch gern hinter der Sprache, ich schrieb bereits davon. Aber einer Kollegin ist es doch tatsächlich passiert, dass sie einen Auftrag nicht bekommen hat, weil sie zu präsent ist. Als Frau. Mit Ausstrahlung und Charme.

Zu dolmetschen war on stage eine weitere Frau, eine Berühmtheit aus dem Kunst- und Kulturleben, die ihren Zenith in Sachen Jugendlichkeit schon überschritten hat. Ergebnis, ich hab's mir angesehen: Eine gleichaltrige Dolmetscherkollegin wurde angefordert, die inzwischen von zu Hause aus als Übersetzerin arbeitet und nur noch selten dolmetscht. Sie scheut das Rampenlicht - und da stand sie nun, todunglücklich. Auch der Star neben ihr sah plötzlich ganz blass aus.

Lassen Sie uns unsere Aura - denn Sie hilft uns ja auch, den gestandenen Film- und Theaterleuten, Künstlern, Dichtern und was derlei kreative Prominenz mehr ist, Stand zu halten. Was gar nicht immer so einfach ist.

Politisch unkorrekt, der Eintrag? Aber ich hoffe doch! Wie war das gleich noch: siehe Überschrift.

Montag, 4. Juni 2007

Gedächtniskunst

Ein kleiner flash worward: Die letzten Schriftzeilen des Abspanns verschwinden oben im Cache der Leinwand, das Saallicht geht langsam wieder an. Die Augen des Publikums sind noch nicht wieder an die Helligkeit gewöhnt, da kommt der Regisseur oder die Regisseurin des Films nach vorne und stellt sich dem Filmgespräch. An seiner Seite die Dolmetschern.

In gut zwei Wochen stehe ich wieder mit da vorn im Berliner Cinéma Paris. Und merke mir, was der/die Filmemacher/in aus Frankreich zu erzählen weiß, um es dann anschließend auf Deutsch wiederzugeben. Konsekutives Dolmetschen, so heißt diese Dolmetschart, setzt ein gutes Gedächtnis voraus.

Das sich schulen lässt. Mnemotechnik werden die Methoden genannt, mit denen auch wir Dolmetscher arbeiten. Das Wort kommt aus dem Griechischen, von mnémē und téchnē („Erinnerung“ und „Kunst“).

Den Strom der Worte verwende ich unterschiedlich. Ich schreibe mit: Stichworte, Eigennamen, Kürzel, Verben, ziehe Linien, wenn ein neuer Abschnitt beginnt, streiche durch, was schon gedolmetscht ist. Manche Kolleginnen und Kollegen haben aufgrund bestehender Systeme ihre eigene Symbolschrift entwickelt, das sieht zum Beispiel so aus:

Beispiel Notiztechnik

Quelle und Auflösung hier: http://www.language-professionals.de/notizentechnik.htm

Dabei gibt es etliche Zeichen, die viele alle 'draufhaben: ' stellt gegensätzliche Meinungen oder Kontrahenten dar, eindeutige (zumeist sächliche) Gegensätze aber das: <->, (before) bedeutet 'zuvor', symbolisiert als rauchender Schlot ist die Industrie,, klar, bedeutet Zustimmung, ist das Land hier, beides zusammen,, ist schon wieder viel zu kompliziert, um als Kürzel für das Wort Dokumentarfilm zu taugen ...

Auf meinen Zetteln steht immer mehr Text als bei dem Beispiel oben. Vor allem aber visualisiere ich das Gehörte. Vor meinem inneren Auge sehe ich dann, was ich gleich nacherzählen werde. Ich sehe Gegenstände, die an einem Weg liegen. Ich setze Schlaglichter drauf, sie geraten in Bewegung. Meist handelt es sich ohnehin um Menschen, sie werden aktiv, ich verknüpfe ihr Aussehen optisch (wie, als handele es sich um zwei Fotografien) mit dem Bildeindruck des dazugehörigen Nomens. Manche Aufzählungen in ihrer Abfolge sortiere ich (für das Publikum kaum zu bemerken) ein klein wenig neu; hier kommen die Gesetze der Logik zum Tragen. Denn Inhalte in klarer, eindeutiger Abfolge präsentiert, bleiben einfach besser im Gedächtnis haften. Und ich liebe es, ja, Wissen zu streuen. Mit der Bildung ist es wie mit der Liebe, sie vermehrt sich, wenn wir sie teilen.

Wird der Gast emotional, verknüpfe ich ganz unbewusst das Gesagte mit diesen Emotionen. Mache später, wenn ich ihm oder ihr auf der Sprachspur folge, an genau denselben Stellen eine Pause, werde ebenso leiser oder eine Spur lauter. Oder ich wiederhole - oft sogar, ohne es selbst zu merken - dieselbe Geste.

Kurz: Mein Gedächtnis arbeitet akustisch (die Grundlage alles Weiteren), motorisch (der Gedankenweg), visuell (die Bilder, "Fotos" auch von Worten), emotional (Festmachen des Gesagten an Gefühlen) und logisch (Straffung und Ordnung mancher Aufzählung).

Freitag, 1. Juni 2007

Film über Dolmetscher im TV (heute und morgen)

Der Kopfhörer ist unser Markenzeichen. Wir stehen im Schatten der Weltereignisse und der Großen, und dennoch könnte vieles nicht ohne uns Dolmetscher geschehen. Vor Jahrhunderten noch waren wir schlicht Sklaven in einer Welt, in der internationaler Austausch nur einigen wenigen vorbehalten war. Heute steht unser Beruf fast symbolisch für die internationalisierten Gesellschaften - und dennoch wissen die meisten Menschen erstaunlich wenig über uns. Den Schleier über den Beruf der Konferenzdolmetscher lüftet zumindest ein klein wenig ein Dokumententarfilm, der heute Abend auf Phönix ausgestrahlt wird (Wiederholung morgen).

Dass wenig über uns bekannt ist, hat mir unserer Diskretion zu tun. Es ist Teil des Berufes, immer mehr zu wissen, als öffentlich sichtbar wird. Wir sind Sprachliebhaber und nicht selten Sprachfanatiker. Unsere Anwesenheit fällt erst dann auf, wenn wir fehlen. Oder wenn etwas daneben geht.

Der Film folgt Dolmetschern unterschiedlicher Generationen durch die Konferenzwelt Europas, vom Berliner Kanzleramt über Straßburg, Genf und Brüssel zum afrikanischen Djibouti und zurück. Die Filmemacher David Bernet und Christian Beetz trafen bei Recherche- und Dreharbeiten mit vielen Kolleginnen und Kollegen zusammen. Ich habe sie zwischendruch auch beraten, wurde im Vorfeld gefilmt, bin am Ende aber ganz froh, nicht im Film 'mit von der Partie zu sein'.

Der Film "Die Flüsterer" ist eine Hommage an die Sprache im vielsprachigen Europa.

Sehenswert.

Sendetermine auf Phoenix
Fr, 01.06.07, 21.45 Uhr
Sa, 02.06.07, 18.45 Uhr 5

Dienstag, 29. Mai 2007

Mediendolmetschen (1)

Hello, guten Tag, bonjour ... beim Dolmetscherblog aus Berlin, dem ersten virtuellen Arbeitstagebuch Deutschlands über Dolmetschen und Übersetzen aus dem Inneren der Kabine bzw. vom Übersetzerschreibtisch. Hier denke ich über unseren Arbeitsalltag nach.

Fürs Fernsehen zu dolmetschen ist oft heikel. Die Zuhörer oder Zuschauer haben gerade eben noch die lange im Voraus getexteten Moderationen der Journalisten gehört, und diese sind in ihrer Prägnanz und Knappheit ein Maßstab. Zumindest für den Hörer, der den Vergleich unwillentlich anstellen wird. Im Funk gilt jedes "äh", und "ähm" als (fast) unverzeihlich, und die Sprechstimme sollte auch so präsent sein wie die der anderen Profisprecher "im On".

Normalerweise hören wir Dolmetscher eine Weile zu, bevor wir einsetzen, um genau zu wissen, worum es geht. Aber bei Simultanaufträgen für die Medien dürfen wir das Verb nicht abwarten, weil sonst der fremdsprachige Ton zu lange "allein steht". Das ist riskant: Ich muss also rätseln, wie der Satz wohl weitergehen wird bzw. mit Hilfsverben arbeiten oder ein Verb einbauen, das an dieser Stelle, wäre der Satz kürzer gewesen, hätte kommen müssen.

Und das Ganze nicht selten unter erschwerten Arbeitsbedingungen, denn Fernsehleute haben meist keine Ahnung von unserer Arbeit. Entsprechend wenig wird darauf geachtet, uns gute Arbeitsbedingungen zu verschaffen. Wir Dolmetscher sitzen in der Lichtregie, beim Ton oder woanders, wo wir nicht stören. Freier Blick auf den Redner über einen großen Bildschirm? Denkste. Gerne wird an dieser Stelle der kleine Monitor mit Griff oben präsentiert, der im Durchmesser kaum mehr Zentimeter aufweist als ein großes Schullineal. Unsere eigenen Tontechniker sollen wir dann gerne auch noch sein, sowohl für uns als auch für den Ohrstecker des Studiogastes.

Besagter Mini-Monitor steht zur Not auch im engen Ü-Wagen oder auf dem Lenkrad des Führerhäuschens, auch wenn kaum Platz für ein Blatt Papier mit Notizen ist, als Licht darf das Standlicht herhalten. Der Ort ist ja im Grunde, so finden die anderen, super prima, weil die Glasscheibe ist ja schon eingebaut. Wenn es in Livesendungen Schaltprobleme gibt, kommen Handzeichen von außen. Wenn nur die Standheizung nicht brummen würde. Also kann es in garstigen Jahreszeiten minütlich kälter werden.

Aufzeichnungen sind oft auch nicht besser. Einmal sollte ich für das Dolmetschen eines Interviews im Nebenzimmer einer extra angemieteten Hotelsuite sitzen. Das Design-Hotel am Gendarmenmarkt hat indes nur Schiebetüren, meine Stimme wäre auf der Tonspur des Interviewten zu hören gewesen, by the way, es war Uli Wickert, der Schnurren aus seiner Pariser Zeit erzählt hat. Nächster Test: Das Badezimmer, da gibt's wenigstens eine Tür. Das Bad aber ist klitzeklein und seine Wände sind von oben mit unten mit Marmor ausgekleidet, kurz: Hall war wie im Lehrbuch.

So finde ich mich dann auf dem Hotelflur wieder, umgeben von um mich herumsaugenden Putzfrauen, Paaren und Passanten auf dem Weg zum Speiseraum. Einmal kommt ein Herr, der offenbar gesehen hatte, wie ich "gesehen" hatte, dass er nebst Gattin zum Frühstücken ging, spricht mich an, als kennten wir uns: "Ist meine Frau hier vorbeigekommen?" Wohlgemerkt: Ich sitze an einem Servierwagen längsgestellt (alle anderen Möbel sind zu breit für den Gang) und spreche in ein Mikrophon. Und habe vom Interview nur den Ton auf den Kopfhörern. Den Monitor, der extra für mich eingepackt worden war, beanspruchte nämlich plötzlich der Regisseur.

Bis heute frage ich mich, was der Herr sich vorgestellt haben mag, was ich da wohl mache. Gebe ich den Federbettschütteltakt für die Zimmermädchen an? Spreche ich Aktienkurse auf für das hoteleigene Radio? Oder aber bin ich gar vom Geheimdienst und höre Hotelgäste ab?

Seine Gedanken werde ich leider nie erfahren.

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Foto: Mediendolmetschen fürs Radio