Dienstag, 3. Juli 2007

Anamorphotische Vorsatzlinse

Wir Dolmetscher übersetzen alles. Wirklich alles. Aber nicht alle von uns übertragen auch wirklich alle Bereiche, weshalb wir im Netzwerk arbeiten.

Aber nicht auf die Kollegenstruktur will ich hinaus, sondern auf die Bandbreite. Die Welt ist derart komplex, dass sich die Einzelnen wie jeder andere Fachmann oder jede andere Fachfrau auch, in manchen Bereichen besonders gut auskennen. Und in anderen dafür fast gar nicht.

Daher bitten wir unsere Auftraggeber auch immer um Vorlauf und um Dokumente, aus denen hervorgeht, was bei Tagungen, Arbeitsgesprächen und Vorträgen Thema sein wird. Denn natürlich können wir uns, wenn jemand "digitales Kino" sagt, nicht sofort ausdenken, worum es gehen wird. Aber das WWW hilft so wunderbar weiter, dass ich mir gar nicht vorstellen kann, wie es möglich gewesen sein kann, diesen Beruf in Zeiten vor der Verbreitung des Netzes ausgeübt zu haben.

Gründliche Vorbereitung schadet nicht. Letztens ging es also um digitale Vorführgeräte. Und als jemand, der den Dingen gern auf den Grund geht, nahm ich ein Grundlagenbuch mal wieder zur Hand (von James Monaco, auch für Laien interessant), studierte die gelieferten Dokumente und ging sogar in meinem Stammkino den Vorführer besuchen. Dort hab ich mir alles erklären lassen und für die Dauer eines abendfüllenden Spielfilms, so der Terminus Technicus auf Deutsch für long métrage, brav mitgeschwitzt. Hab das Blenden des Films von einem Projektor zum anderen beobachtet oder, als andere Möglichkeit, die großen Teller gesehen, von denen vor allem bei Festivals gespielt wird, erfuhr konkret, was Koppeln bedeutet und welche Putzarbeiten in der Vorführkabine so anfallen. Und bestaunte dann auch das digitale Gerät nebenan mit der Festplatte, den entsprechenden Verschlüsselungen und der Auflösung.

Und dann saß ich in der Kabine auf der Tagung und dolmetschte, es ging um Investitionen, Wartungskosten, Lichtstärke der Birnen und dergleichen — bis einer aus Frankreich das Wort "optique anamorphique" aussprach. Da wandte einer meiner Zuhörer — es war Gerhard von den Kinos am Hackeschen Markt — in einer ostentativen 90-Grad-Bewegung uns in der Kabine den Kopf zu und schaute mir direkt in die Augen, wobei er sich gefragt haben mag, ob wir mit dem Wort zurecht kommen. Seinem Blick folgte die Hälfte der Versammlung, so sehr brach diese Bewegung in die ansonsten eher statische Beratung hinein. Gelassen sagte ich den Satz mit der "anamorphotischen Vorsatzlinse" und grinste Gerhard sicher nicht ohne Stolz an. Der lächelte zurück und hob den Daumen. Womit er die andere Hälfte der Zuschauer dazu veranlasste, nun ihrerseits zur Dolmetscherkabine zu schauen :-)

An Tagen wie diesen weiß ich, warum ich seit Jahren auch an Tagen ohne meine Jobs mindestens fünf bis zehn Vokabeln lerne — Deutsch, Französisch, Englisch und meinen Hobbysprachen. Und warum ich immer so hartnäckig nach Vorbereitungsmaterial frage.

Was die anamorphotische Wie-war-das-gleich-nochmal Linse macht? Gestauchte, auf normalem Filmmaterial aufgenommene Bilder entstaucht sie wieder, so dass wir im Zuschauerraum den Film in Breitwandformat sehen. Die Anamorophotische macht im Grunde das Gleiche wie wir: übersetzen.

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