Dienstag, 29. Mai 2007

Mediendolmetschen (1)

Hello, guten Tag, bonjour ... beim Dolmetscherblog aus Berlin, dem ersten virtuellen Arbeitstagebuch Deutschlands über Dolmetschen und Übersetzen aus dem Inneren der Kabine bzw. vom Übersetzerschreibtisch. Hier denke ich über unseren Arbeitsalltag nach.

Fürs Fernsehen zu dolmetschen ist oft heikel. Die Zuhörer oder Zuschauer haben gerade eben noch die lange im Voraus getexteten Moderationen der Journalisten gehört, und diese sind in ihrer Prägnanz und Knappheit ein Maßstab. Zumindest für den Hörer, der den Vergleich unwillentlich anstellen wird. Im Funk gilt jedes "äh", und "ähm" als (fast) unverzeihlich, und die Sprechstimme sollte auch so präsent sein wie die der anderen Profisprecher "im On".

Normalerweise hören wir Dolmetscher eine Weile zu, bevor wir einsetzen, um genau zu wissen, worum es geht. Aber bei Simultanaufträgen für die Medien dürfen wir das Verb nicht abwarten, weil sonst der fremdsprachige Ton zu lange "allein steht". Das ist riskant: Ich muss also rätseln, wie der Satz wohl weitergehen wird bzw. mit Hilfsverben arbeiten oder ein Verb einbauen, das an dieser Stelle, wäre der Satz kürzer gewesen, hätte kommen müssen.

Und das Ganze nicht selten unter erschwerten Arbeitsbedingungen, denn Fernsehleute haben meist keine Ahnung von unserer Arbeit. Entsprechend wenig wird darauf geachtet, uns gute Arbeitsbedingungen zu verschaffen. Wir Dolmetscher sitzen in der Lichtregie, beim Ton oder woanders, wo wir nicht stören. Freier Blick auf den Redner über einen großen Bildschirm? Denkste. Gerne wird an dieser Stelle der kleine Monitor mit Griff oben präsentiert, der im Durchmesser kaum mehr Zentimeter aufweist als ein großes Schullineal. Unsere eigenen Tontechniker sollen wir dann gerne auch noch sein, sowohl für uns als auch für den Ohrstecker des Studiogastes.

Besagter Mini-Monitor steht zur Not auch im engen Ü-Wagen oder auf dem Lenkrad des Führerhäuschens, auch wenn kaum Platz für ein Blatt Papier mit Notizen ist, als Licht darf das Standlicht herhalten. Der Ort ist ja im Grunde, so finden die anderen, super prima, weil die Glasscheibe ist ja schon eingebaut. Wenn es in Livesendungen Schaltprobleme gibt, kommen Handzeichen von außen. Wenn nur die Standheizung nicht brummen würde. Also kann es in garstigen Jahreszeiten minütlich kälter werden.

Aufzeichnungen sind oft auch nicht besser. Einmal sollte ich für das Dolmetschen eines Interviews im Nebenzimmer einer extra angemieteten Hotelsuite sitzen. Das Design-Hotel am Gendarmenmarkt hat indes nur Schiebetüren, meine Stimme wäre auf der Tonspur des Interviewten zu hören gewesen, by the way, es war Uli Wickert, der Schnurren aus seiner Pariser Zeit erzählt hat. Nächster Test: Das Badezimmer, da gibt's wenigstens eine Tür. Das Bad aber ist klitzeklein und seine Wände sind von oben mit unten mit Marmor ausgekleidet, kurz: Hall war wie im Lehrbuch.

So finde ich mich dann auf dem Hotelflur wieder, umgeben von um mich herumsaugenden Putzfrauen, Paaren und Passanten auf dem Weg zum Speiseraum. Einmal kommt ein Herr, der offenbar gesehen hatte, wie ich "gesehen" hatte, dass er nebst Gattin zum Frühstücken ging, spricht mich an, als kennten wir uns: "Ist meine Frau hier vorbeigekommen?" Wohlgemerkt: Ich sitze an einem Servierwagen längsgestellt (alle anderen Möbel sind zu breit für den Gang) und spreche in ein Mikrophon. Und habe vom Interview nur den Ton auf den Kopfhörern. Den Monitor, der extra für mich eingepackt worden war, beanspruchte nämlich plötzlich der Regisseur.

Bis heute frage ich mich, was der Herr sich vorgestellt haben mag, was ich da wohl mache. Gebe ich den Federbettschütteltakt für die Zimmermädchen an? Spreche ich Aktienkurse auf für das hoteleigene Radio? Oder aber bin ich gar vom Geheimdienst und höre Hotelgäste ab?

Seine Gedanken werde ich leider nie erfahren.

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Foto: Mediendolmetschen fürs Radio

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